Hier erscheint neben der persischen Sprache und Rasse nun auch

die Religion als Problem.[125] Die Forschung hat sie mit diesen

zusammengebracht, als ob das selbstverständlich wäre, und also

in beständiger Beziehung auf Indien behandelt. Aber die Religion

jener Landwikinger war mit der vedischen nicht verwandt, sondern

identisch, wie die Götterpaare Mitra-Varuna und Indra-Nasatya

der Boghazköitexte beweisen. Und innerhalb dieser mitten in der

babylonischen Welt aufrecht erhaltenen Religion erscheint nun

Zarathustra als Reformator aus dem unteren Volke. Daß er kein Perser

war, ist bekannt. Was er schuf -- ich hoffe das nachzuweisen -- war

die Überführung der +vedischen+ Religion in die Formen +des

aramäischen Weltdenkens+, in welchem sich ganz leise schon die

magische Religiosität vorbereitet. Die _daevas_, die Götter des

altindischen Glaubens, werden zu den Dämonen des semitischen, den

_dschins_ der Araber. Jahwe und Beelzebub stehen sich nicht

anders gegenüber als Ahura Mazda und Ahriman in dieser durch und

durch aramäischen, also aus einem sittlich-dualistischen Weltgefühl

entsprungenen Bauernreligion. Ed. Meyer hat[126] den Unterschied

zwischen indischer und „iranischer“ Weltanschauung durchaus

richtig gezeichnet, seinem Ursprung nach infolge der falschen

Voraussetzungen aber nicht erkannt. +Zarathustra ist ein Weggenosse

der israelitischen Propheten+, welche den mosaisch-kananäischen

Volksglauben ebenso und gleichzeitig umgewendet haben. Es ist

bezeichnend, daß die gesamte Eschatologie ein Gemeinbesitz der

persischen und jüdischen Religion ist und daß die Awestatexte zur

Partherzeit ursprünglich aramäisch geschrieben und dann erst in Pehlewi

übertragen worden sind.[127]

Aber schon in der Partherzeit hat sich bei Persern wie bei Juden jene

tief innerliche Wandlung vollendet, welche den Begriff der Nation

nicht mehr nach der Stammeszugehörigkeit, sondern der Rechtgläubigkeit

bestimmt.[128] Ein Jude, der zum Mazdaglauben übertrat, +ist damit

Perser geworden+; ein Perser, der Christ wurde, gehörte dem

nestorianischen „Volke“ an. Die sehr starke Bevölkerung des nördlichen

Mesopotamiens -- des Mutterlandes der arabischen Kultur -- ist teils

jüdischer, teils persischer Nation in diesem Sinne, der mit Rasse

nichts und mit Sprache wenig zu tun hat. „Der Ungläubige“ ist schon zur

Zeit von Christi Geburt die Bezeichnung für den Nichtperser wie für den

Nichtjuden.

Diese Nation ist das „persische Volk“ des Sassanidenreiches. Damit

hängt es zusammen, daß Pehlewi und Hebräisch gleichzeitig aussterben

und das Aramäische die Muttersprache beider Gemeinschaften wird.

Will man die Bezeichnung Arier und Semiten verwenden, so waren die

Perser zur Zeit der Amarnabriefe Arier, aber kein „Volk“, zur

Zeit des Darius ein Volk, aber ohne Rasse, zur Sassanidenzeit eine

Glaubensgemeinschaft, aber von semitischer Abstammung. Es gibt weder

ein persisches Urvolk, das sich von einem arischen abgezweigt hätte,

noch eine persische Gesamtgeschichte; und es läßt sich nicht einmal

für die drei Einzelgeschichten, welche lediglich durch gewisse

Sprachbeziehungen zusammenhängen, ein einheitlicher Schauplatz angeben.

17

Damit ist endlich der Grund zu einer +Morphologie der Völker+

gelegt. Sobald man ihr Wesen kennt, entdeckt man auch eine innere

Ordnung im Völkerstrom der Geschichte. Völker sind weder sprachliche

noch politische noch zoologische, sondern seelische Einheiten. Aber

gerade auf Grund dieses Gefühls unterscheide ich nun +Völker vor,

innerhalb und nach einer Kultur+. Es ist eine von jeher tief

empfundene Tatsache, daß Kulturvölker etwas Bestimmteres sind als

andere. Was vorauf geht, nenne ich +Urvölker+. Das sind jene

flüchtigen und verschiedenartigen Verbände, die sich ohne erkennbare

Regel im Wandel der Dinge bilden und lösen, die zuletzt im Vorgefühl

einer noch ungeborenen Kultur, etwa in vorhomerischer, vorchristlicher

und germanischer Zeit, in ganzen Schichten von immer deutlicherem Typus

die Bevölkerung in Gruppen zusammenfassen, während deren Menschenschlag

sich kaum verändert. Eine solche Schichtenfolge führt von den Kimbern

und Teutonen über die Markomannen und Goten zu den Franken, Langobarden

und Sachsen. Urvölker sind die Juden und Perser der Seleukidenzeit,

die „Seevölker“, die ägyptischen Gaue zur Zeit des Menes. Was einer

Kultur folgt, nenne ich +Fellachenvölker+ nach ihrem berühmtesten

Beispiel, den Ägyptern seit der Römerzeit.

Im 10. Jahrhundert erwacht plötzlich die faustische Seele und

offenbart sich in zahllosen Gestalten. Unter diesen, neben Ornament

und Architektur, erscheint eine deutlich ausgeprägte Völkerform.

Aus den Volksgebilden des Karolingerreiches, den Sachsen, Schwaben,

Franken, Westgoten, Langobarden sind plötzlich die Deutschen,

Franzosen, Spanier, Italiener entstanden. Die gesamte bisherige

Geschichtsforschung hat, ob sie es wußte und beabsichtigte oder nicht,

diese Kulturvölker als etwas an sich Vorhandenes und Primäres aufgefaßt

und die Kultur selbst als sekundär, als ihr Erzeugnis behandelt. Die

Inder, die Griechen, die Römer, die Germanen galten als die schlechthin

schöpferischen Einheiten der Geschichte. Die griechische Kultur war das

Werk der Hellenen und diese mußten demnach als solche schon viel früher

vorhanden gewesen, also eingewandert sein. Eine andere Vorstellung von

Schöpfer und Schöpfung erschien nicht denkbar.

Ich betrachte es als eine entscheidende Entdeckung, daß aus den hier

vorgelegten Tatsachen das Umgekehrte folgt. Mit aller Schärfe soll

festgestellt werden: die großen Kulturen sind etwas ganz Ursprüngliches

und aus den tiefsten Gründen des Seelentums Aufsteigendes. Völker

im Banne einer Kultur dagegen sind ihrer inneren Form, ihrer ganzen

Erscheinung nach nicht Urheber, sondern +Werke+ dieser Kultur.

Diese Gebilde, in welchen das Menschentum wie ein Stoff gefaßt

und gestaltet wird, haben Stil und eine Stilgeschichte ganz wie

Kunstgattungen und Denkweisen. Das Volk von Athen ist nicht weniger wie

der dorische Tempel, der Engländer nicht weniger wie die moderne Physik

ein Symbol. Es gibt Völker apollinischen, faustischen und magischen

Stils. „Die Araber“ haben die arabische Kultur +nicht+ geschaffen.

Die magische Kultur, zur Zeit Christi beginnend, hat vielmehr als ihre

letzte große Völkerschöpfung das arabische Volk hervorgebracht, das wie

das jüdische und persische eine Glaubensgemeinschaft, die des Islam,

darstellt. Weltgeschichte ist die Geschichte der großen Kulturen. Und

Völker sind nur die sinnbildlichen Formen, in welche zusammengefaßt der

Mensch dieser Kulturen sein Schicksal erfüllt.

In jeder dieser Kulturen, der mexikanischen wie der chinesischen, der

indischen wie der ägyptischen -- ob unser Wissen dahin reicht oder

nicht --, gibt es +eine Gruppe großer Völker von ein und demselben

Stil+, die am Eingang der Frühzeit entsteht und die, Staaten bildend

und Geschichte tragend, im ganzen Lauf der Entwicklung auch die ihr

zugrunde liegende Form einem Ziel entgegenführt. Sie sind untereinander

höchst verschieden. Es scheint kein stärkerer Gegensatz denkbar als der

zwischen Athenern und Spartanern, Deutschen und Franzosen, Tsin und

Tsu, und die gesamte Kriegsgeschichte kennt den nationalen Haß als das

vornehmste Mittel, historische Entscheidungen einzuleiten, aber sobald

ein kulturfremdes Volk in den Gesichtskreis tritt, erwacht allenthalben

ein übermächtiges Gefühl der seelischen Verwandtschaft, und der Begriff

des Barbaren als des Menschen, der einer Kultur innerlich +nicht+

angehört, ist unter den ägyptischen Gauvölkern und in der chinesischen

Staatenwelt ebenso scharf ausgeprägt wie in der Antike. Die Energie der

Form ist so stark, daß sie Nachbarvölker ergreift und umprägt -- so

stehen die Karthager als Volk halbantiken Stils in der römischen und

die Russen als Volk abendländischen Stils in unserer Geschichte von der

großen Katharina an bis zum Untergang des petrinischen Zarentums.

Völker im Stil einer Kultur nenne ich +Nationen+ und unterscheide

sie schon durch das Wort von den Gebilden vorher und nachher. Es ist

nicht nur ein starkes Gefühl des „Wir“, das diese bedeutsamsten aller

großen Verbände innerlich zusammenschließt. +Der Nation liegt eine

Idee zugrunde.+ Diese Ströme eines Gesamtdaseins besitzen ein sehr

tiefes Verhältnis zum Schicksal, zur Zeit und zur Geschichte, das in

jedem einzelnen Falle anders ist und auch die Beziehung des Volkstums

zu Rasse, Sprache, Land, Staat, Religion bestimmt. Wie die Seele

altchinesischer und antiker Völker, so unterscheidet sich auch der Stil

chinesischer und antiker Geschichte.

Was Urvölker und Fellachenvölker erleben, ist jenes oft genannte

zoologische Auf und Nieder, ein planloses Geschehen, bei dem ohne Ziel

und ohne bemessene Dauer sich sehr vieles und in einem bedeutenden

Sinne zuletzt doch nichts ereignet. Historische Völker, Völker,

deren Dasein +Weltgeschichte ist+, sind allein die Nationen.

Man verstehe wohl, was das bedeuten will. Die Ostgoten erlitten ein

großes Schicksal und hatten -- innerlich -- doch keine Geschichte.

Ihre Schlachten und Ansiedlungen waren ohne Notwendigkeit und deshalb

episodisch. Ihr Ende war bedeutungslos. Was um 1500 in Mykene und

Tiryns lebte, war +noch+ keine Nation, im minoischen Kreta war

man es +nicht mehr+. Tiberius war der letzte Herrscher, der

eine römische +Nation+ geschichtlich weiter zu führen, sie für

die Geschichte zu +retten+ suchte, Mark Aurel hat nur noch eine

romanische Bevölkerung verteidigt, für die es wohl Begebenheiten,

aber keine Geschichte mehr gab. Wieviele Generationen hindurch

ein medisches oder achäisches oder Hunnenvolk bestand, in was für

Volksverbänden die vorhergehenden und nachfolgenden Geschlechter

lebten, ist unbestimmbar und von keiner Regel abhängig. Die Lebensdauer

einer Nation aber ist bestimmt, und ebenso der Schritt und Takt, in

welchem ihre Geschichte sich erfüllt. Die Zahl der Generationen vom

Beginn der Dschoudynastie bis zur Regierung des Schi Hoang Ti, von

den Ereignissen, welche der trojanischen Sage zugrunde liegen, bis

auf Augustus, von der Thinitenzeit bis zur 18. Dynastie ist etwa

dieselbe. Die Spätzeit der Kulturen, von Solon bis Alexander, von

Luther bis Napoleon umfaßt etwa zehn Generationen, nicht mehr. In

solchen Abmessungen vollziehen sich die Schicksale echter Kulturvölker

und damit die der Weltgeschichte überhaupt. Die Römer, die Araber, die

Preußen sind spätgeborene Nationen. Wieviele Generationen der Fabier

und Junier hatten zur Zeit von Cannä schon +als Römer+ gelebt?

Nationen sind aber auch +die eigentlich städtebauenden Völker+.

In den Burgen sind sie entstanden, mit den Städten reifen sie zur

vollen Höhe ihres Weltbewußtseins und ihrer Bestimmung heran, in den

Weltstädten erlöschen sie. Jedes Stadtbild, das Charakter hat, hat

auch nationalen Charakter. Das ganz rassemäßige Dorf besitzt ihn noch

nicht, die Weltstadt nicht mehr. Man kann sich diesen Wesenszug, der

das gesamte öffentliche Dasein einer Nation in eine gewisse Farbe

taucht und noch die geringste Äußerung zum Kennzeichen erhebt, nicht

stark, nicht selbständig, nicht +einsam+ genug denken. Wenn

zwischen den Seelen zweier Kulturen eine undurchdringliche Scheidewand

liegt, so daß kein Mensch des Abendlandes hoffen darf, den Inder oder

Chinesen ganz zu verstehen, so gilt das auch und zwar im höchsten

Grade von ausgebildeten Nationen. Nationen verstehen sich so wenig

wie einzelne Menschen. Jede versteht nur ein selbstgeschaffenes Bild

der andern, und wenige ganz vereinzelte Kenner dringen tiefer. Den

Ägyptern gegenüber mußten alle antiken Völker sich verwandt und als

Ganzes fühlen, untereinander haben sie sich nie begriffen. Gibt es

einen schrofferen Gegensatz als den von athenischem und spartanischem

Geiste? Es gibt nicht erst seit Bacon, Descartes und Leibniz, sondern

schon in der Scholastik eine deutsche, französische und englische

Art, philosophisch zu denken, und noch in der modernen Physik und

Chemie sind die wissenschaftlichen Methoden, die Auswahl und Art der

Experimente und Hypothesen, ihr gegenseitiges Verhältnis und ihre

Bedeutung für Gang und Ziel der Forschung innerhalb jeder Nation

merklich verschieden. Deutsche und französische Frömmigkeit, englische

und spanische Sitte, deutsche und englische Lebensgewohnheiten

stehen sich so fern, daß das Innerste jeder fremden Nation für den

Durchschnittsmenschen und damit die öffentliche Meinung der eigenen ein

ständiges Geheimnis und die Quelle beständiger, folgenschwerer Irrtümer

bleibt. In der römischen Kaiserzeit beginnt man sich allenthalben

zu verstehen, aber eben deshalb gibt es nichts mehr, was in antiken

Städten zu verstehen sich noch lohnte. Mit dem Sichverstehen hatte

diese Menschheit aufgehört, in Nationen zu leben; +damit hat sie

aufgehört, historisch zu sein+.[129]

Gerade der Tiefe dieser Erlebnisse wegen ist es unmöglich, daß ein

ganzes Volk +gleichmäßig+ ein Kulturvolk, eine Nation ist. In

Urvölkern hat jeder einzelne Mann das gleiche Gefühl volksmäßiger

Verbundenheit. Das Erwachen einer Nation zum Bewußtsein ihrer selbst

erfolgt aber ohne Ausnahme in Stufungen und also vornehmlich in einem

einzelnen Stande, dessen Seele die stärkste ist und die der übrigen

durch die Macht ihres Erlebens im Banne hält. +Jede Nation wird vor

der Geschichte durch eine Minderheit repräsentiert.+ Zu Beginn der

Frühzeit ist es der erst hier und zwar als die Blüte des Volkstums

entstehende Adel,[130] in dessen Kreise der nicht bewußte, aber in

seinem kosmischen Takt um so mächtiger gefühlte Nationalcharakter

großen Stil erhält. Das „Wir“ ist die Ritterschaft, in der ägyptischen

Feudalzeit von 2700 so gut wie der indischen und chinesischen von

1200. Die homerischen Helden sind die Danaer. Die normannischen Barone

sind England. Noch der etwas altfränkische Herzog von Saint Simon

pflegte zu sagen „Ganz Frankreich war im Vorzimmer versammelt“, und

es gab eine Zeit, wo Rom und der Senat wirklich dasselbe waren. Mit

den Städten wird das Bürgertum Träger des Nationalen und zwar, der

wachsenden Geistigkeit entsprechend, eines National+bewußtseins+,

das es vom Adel empfängt und zur Vollendung führt. Es sind immer

und immer wieder einzelne Kreise in zahllosen Abstufungen, die +im

Namen+ des Volkes leben, fühlen, handeln und zu sterben wissen, aber

diese Kreise werden größer; im 18. Jahrhundert ist der abendländische

+Begriff+ der Nation entstanden, der den Anspruch erhob und unter

Umständen energisch verfolgte, von jedem ohne Ausnahme vertreten zu

werden. In Wirklichkeit waren, wie man weiß, die Emigranten so gut wie

die Jakobiner überzeugt, +das+ Volk, +die Repräsentanten+

der französischen Nation zu sein. Ein Kulturvolk, das mit „allen“

zusammenfällt, gibt es nicht. Nur unter Urvölkern und Fellachenvölkern,

nur in einem Völkerdasein ohne Tiefe und ohne historischen Rang ist

das möglich. Solange ein Volk Nation ist, das Schicksal einer Nation

erfüllt, gibt es in ihm eine Minderheit, die im Namen aller seine

Geschichte vertritt und vollzieht.

18

Die antiken Nationen sind, wie es der statisch-euklidischen Seele

ihrer Kultur entspricht, denkbar kleinste körperhafte Einheiten.

Nicht Hellenen oder Ionier sind Nationen, sondern der Demos jeder

einzelnen Stadt, ein Verband erwachsener Männer, der nach oben gegen

den Typus des Heros, nach unten gegen den Sklaven rechtlich +und

damit national+ abgegrenzt ist.[131] Der Synoikismos, jener

rätselhafte Vorgang der Frühzeit, bei welchem die Bewohner einer

Landschaft ihre Dörfer aufgeben und sich zu einer Stadt vereinigen,

ist der Augenblick, wo die zum Selbstbewußtsein gelangte antike Nation

sich als solche konstituiert. Es läßt sich noch verfolgen, wie von

homerischer Zeit[132] an bis zur Epoche der großen Kolonialgründungen

diese Form der Nation sich durchsetzt. Sie entspricht durchaus dem

antiken Ursymbol: jedes Volk war ein sichtbarer +und übersehbarer+

Körper, ein σῶμα, das den Begriff des geographischen Raumes entschieden

verneint.

Es ist für die antike Geschichte gleichgültig, ob die Etrusker in

Italien leiblich oder sprachlich mit den Trägern dieses Namens unter

den Seevölkern identisch sind, oder was für ein Verhältnis zwischen

den vorhomerischen Einheiten der Pelasger oder Danaer und den späteren

Trägern des dorischen oder hellenischen Namens bestand. Wenn es um

1100 vielleicht ein dorisches und etruskisches Urvolk gegeben hat,

+so gab es doch niemals eine dorische und etruskische Nation+.

In Toskana wie im Peloponnes bestanden nur Stadtstaaten, +nationale

Punkte+, die sich in der Kolonialzeit durch Siedlungen +vermehren,

aber nicht erweitern konnten+. Die Etruskerkriege der Römer sind

stets gegen eine oder mehrere Städte geführt worden und weder die

Perser noch die Karthager haben eine andere Art von „Nation“ vor sich

gehabt. Es ist völlig falsch, in der gewohnten Art, welche heute noch

die des 18. Jahrhunderts ist, von „Griechen und Römern“ zu reden.

Ein griechisches „Volk“ in unserem Sinne ist ein Mißverständnis; die

Griechen haben diesen Begriff überhaupt nie gekannt. Der Hellenenname,

der um 650 aufkam, bezeichnet kein Volk, sondern den Inbegriff antiker

Kulturmenschen, die +Summe+ der Nationen,[133] im Gegensatz zum

Barbarentum; und die Römer, ein echtes Stadtvolk, haben ihr Reich nicht

anders „denken“ können als in der Form zahlloser nationaler Punkte, der

_civitates_, in welche sie alle Urvölker ihres Imperiums denn auch

rechtlich aufgelöst haben. In dem Augenblick, wo das Nationalgefühl in

+dieser+ Gestalt erlosch, ist es auch mit der antiken Geschichte

zu Ende.

Es wird zu den schwierigsten Aufgaben künftiger Geschichtsforschung

gehören, in den Ostländern des Mittelmeeres von einer Generation zur

andern zu verfolgen, wie in antiker Spätzeit die antiken Nationen

unvermerkt verlöschen, während das magische Nationalgefühl sich immer

mächtiger durchsetzt.

Eine Nation magischen Stils ist die Gemeinschaft der Bekenner, der

Verband aller, welche den rechten Weg zum Heil kennen und durch

das _idjma_[134] dieses Glaubens innerlich verbunden sind.

Einer antiken Nation gehört man durch den Besitz des Bürgerrechts

an, einer magischen durch einen sakramentalen Akt, der jüdischen

durch die Beschneidung, der mandäischen oder christlichen durch

eine ganz bestimmte Art der Taufe. Was für ein antikes Volk der

Bürger einer fremden Stadt, ist für ein magisches der Ungläubige.

Mit ihm gibt es keinen Verkehr und keine Ehegemeinschaft, und diese

nationale Abgeschlossenheit geht so weit, daß sich in Palästina

ein jüdisch-aramäischer und ein christlich-aramäischer Dialekt

nebeneinander ausgebildet haben.[135] Wenn eine faustische Nation

wohl mit einer gewissen Art von Religiosität, aber nicht mit einem

Bekenntnis notwendig verbunden ist, wenn eine antike überhaupt keine

ausschließlichen Beziehungen zu einzelnen Kulten besitzt, +so

fällt die magische Nation mit dem Begriff der Kirche schlechthin

zusammen+. Die antike ist mit einer Stadt, die abendländische mit

einer Landschaft innerlich verbunden, die arabische kennt weder ein

Vaterland noch eine Muttersprache. Ein Ausdruck ihres Weltgefühls ist

lediglich die Schrift, deren jede „Nation“ gleich nach ihrer Entstehung

eine eigene entwickelt. Aber gerade deshalb ist das im vollsten

Sinne des Wortes +magische+ Nationalgefühl ein so innerliches

und festes, daß es auf uns faustische Menschen, welche den Begriff

der Heimat vermissen, völlig rätselhaft und unheimlich wirkt. Dieser

schweigende und selbstverständliche Zusammenhalt, z. B. noch der

heutigen Juden unter ihren abendländischen Wirtsvölkern, ist in das

+von Aramäern behandelte+ „klassische“ römische Recht als Begriff

der juristischen Person eingegangen,[136] die nichts anderes bedeuten

will als eine magische Gemeinschaft. Das nachexilische Judentum war

eine juristische Person, lange bevor ein Mensch den Begriff selbst

entdeckt hatte.

Die Urvölker, welche dieser Entwicklung voraufgehen, sind vorwiegend

Stammesgemeinschaften, darunter seit Beginn des 1. Jahrtausends v.

Chr. die südarabischen Minäer, deren Name um 100 v. Chr. verschwindet,

die ebenfalls um 1000 als Stammesgruppe auftauchenden, aramäisch

sprechenden Chaldäer, welche 625-539 die babylonische Welt regierten,

die Israeliten vor dem Exil[137] und die Perser des Cyrus,[138] und

diese Form ist so stark im Fühlen der Bevölkerung, daß die seit

Alexander sich überall entwickelnden Priesterschaften die Namen

verschollener oder fiktiver Stämme erhalten. Bei den Juden und den

südarabischen Sabäern heißen sie Leviten, bei Medern und Persern Magier

-- nach einem ausgestorbenen medischen Stamme --, bei den Anhängern der

neubabylonischen Religion nach der inzwischen ebenfalls zerfallenen

Stammesgruppe Chaldäer. Aber hier wie in allen anderen Kulturen hat

die Energie des nationalen Gemeingefühls die alte Gliederung dieser

Urvölker zuletzt völlig überwunden. Wie im _populus Romanus_ ganz

zweifellos Volksteile von sehr verschiedener Abstammung enthalten

sind und wie die Nation der Franzosen die salischen Franken ebenso

aufnahm wie die romanischen und altkeltischen Eingebornen, so kennt

die magische Nation die Abstammung nicht mehr als unterscheidendes

Merkmal. Das hat sich sehr langsam durchgesetzt, und unter den Juden

der Makkabäerzeit wie unter den ersten Nachfolgern Mohammeds spielt

der Stamm noch eine große Rolle, aber bei innerlich ausgereiften

Kulturvölkern dieser Welt wie den Juden der talmudischen Zeit bedeutet

er nichts mehr. Wer dem Glauben angehört, gehört zur Nation; es würde

frevelhaft sein, ein anderes Merkmal auch nur anzuerkennen. Der Fürst

von Adiabene[139] trat in urchristlicher Zeit mit seinem ganzen

Volk zum Judentum über. Damit waren sie der jüdischen +Nation+

einverleibt. Dasselbe gilt von dem Adel Armeniens und sogar der

kaukasischen Stämme, der damals in großer Zahl jüdisch geworden sein

muß, und andererseits von den Beduinen Arabiens bis zum äußersten Süden

und darüber hinaus sogar von afrikanischen Stämmen bis zum Tschadsee

hin. Ein Zeugnis dafür sind jetzt noch die Falascha, die schwarzen

Juden in Abessinien. Das Einheitsgefühl der Nation ist offenbar

selbst durch solche Rasseunterschiede nicht erschüttert worden. Es

wird versichert, daß Juden unter sich noch heute ganz verschiedene

Rassen auf den ersten Blick unterscheiden können und daß man in den

osteuropäischen Ghettos „die Stämme“ im alttestamentlichen Sinne

deutlich erkennt. Aber ein Unterschied der +Nation+ ist das nicht.

Unter den nichtjüdischen kaukasischen Völkern ist nach v. Erckert[140]

der westeuropäische jüdische Typus ganz allgemein verbreitet, nach

Weißenberg[141] unter den langköpfigen südarabischen Juden fast gar

nicht vorhanden. Die Sabäerköpfe der südarabischen Grabsteinplastik

zeigen einen Menschenschlag, den man fast als römisch oder germanisch

ansprechen möchte; ihm entstammen die durch Mission mindestens seit

Christi Geburt gewonnenen Juden.

Aber diese Auflösung der nach Stämmen gegliederten Urvölker in die

magischen Nationen der Perser, Juden, Mandäer, Christen und andere

muß ganz allgemein und in gewaltigem Maßstabe vor sich gegangen

sein. Ich hatte schon auf die entscheidende Tatsache verwiesen, daß

die Perser lange vor Beginn unserer Zeitrechnung lediglich eine

religiöse Gemeinschaft darstellen, und es ist gewiß, daß ihre Zahl

durch Übertritte zum mazdaischen Glauben sich unendlich vermehrt

hat. Die babylonische Religion ist damals verschwunden -- ihre

Anhänger sind also teils „Juden“ teils „Perser“ geworden --, aber

es gibt eine aus ihr hervorgegangene, ihrem inneren Wesen nach

+neue+ und der persischen wie jüdischen verwandte Astralreligion,

welche den Chaldäernamen trägt und deren Anhänger eine echte,

aramäisch redende Nation bilden. Aus dieser aramäischen Bevölkerung

chaldäisch-jüdisch-persischer Nation sind sowohl der babylonische

Talmud, die Gnosis und die Religion Manis wie in islamischer Zeit,

nachdem sie beinahe ganz zur arabischen Nation übergegangen war, der

Sufismus und die Schia hervorgegangen.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 19 / 62 段