Kelten, Gallier oder Senonen? Waren die Römer ein Volk, was waren
dann die Latiner? Und was für eine Einheit ist mit dem Etruskernamen
innerhalb der Bevölkerung Italiens etwa um 400 gemeint? Hat man nicht
gar ihre „Nationalität“ vom Bau ihrer Sprache abhängig gemacht und
ebenso die der Basken und Thraker? Und was für Volksbegriffe liegen den
Worten Amerikaner, Schweizer, Juden, Buren zugrunde? Blut, Sprache,
Glaube, Staat, Landschaft -- was von alledem ist für die Völkerbildung
maßgebend? Im allgemeinen werden Sprach- und Blutsverwandtschaft nur
auf gelehrtem Wege festgestellt. Der Einzelne ist sich ihrer durchaus
nicht bewußt. Indogermane ist nichts weiter als ein wissenschaftlicher
und zwar philologischer Begriff. Der Versuch Alexanders des Großen,
Griechen und Perser zu verschmelzen, ist völlig gescheitert und die
Stärke des englisch-deutschen Gemeingefühls erleben wir gerade jetzt.
Volk ist aber ein Zusammenhang, dessen man sich +bewußt+ ist.
Man beachte doch den üblichen Sprachgebrauch. Jeder Mensch bezeichnet
die Gemeinschaft, die ihm innerlich am nächsten steht -- und er
gehört vielen an -- mit Pathos als sein „Volk“.[112] Er ist dann
geneigt, diesen ganz besonderen Begriff, der aus einem persönlichen
Erlebnis stammt, auf die verschiedenartigsten Verbände anzuwenden.
Für Cäsar waren die Arverner eine _civitas_, für uns sind die
Chinesen eine „Nation“. Deshalb waren nicht die Griechen, sondern
die Athener ein Volk, und nur einzelne von ihnen wie Isokrates haben
sich +vor allem+ als Hellenen gefühlt. Deshalb kann von zwei
Brüdern der eine sich einen Schweizer und der andere mit dem gleichen
Recht einen Deutschen nennen. Das sind nicht gelehrte Begriffe,
sondern geschichtliche Tatsachen. Volk ist ein Verband von Männern,
der sich als Ganzes fühlt. Erlischt das Gefühl, so kann der Name und
jede einzelne Familie fortbestehen -- das Volk aber hat zu bestehen
aufgehört. Die Spartiaten fühlten sich in +diesem+ Sinne als Volk,
die „Dorer“ vielleicht um 1100, um 400 sicherlich +nicht+. Die
Kreuzfahrer wurden durch den Schwur von Clermont zu einem echten Volke,
die Mormonen durch ihre Vertreibung aus Missouri (1839),[113] die
Mamertiner, entlassene Söldner des Agathokles, durch die Notwendigkeit,
sich einen Zufluchtsort zu erkämpfen. Ist das volksbildende Prinzip
bei den Jakobinern und den Hyksos sehr verschieden gewesen? Wie viele
Völker mögen aus einem Häuptlingsgefolge entstanden sein oder aus einer
Schar von Flüchtlingen? Ein solcher Verband kann die Rasse wechseln
wie die Osmanen, die als Mongolen in Kleinasien erschienen sind, die
Sprache wie die sizilischen Normannen, den Namen wie die Achäer oder
Danaer. Solange das Gemeingefühl dauert, ist das Volk als solches
vorhanden.
Von dem Schicksal der Völker haben wir das der Völker+namen+
zu unterscheiden. Sie sind oft das einzige, wovon eine Kunde übrig
bleibt; aber kann man von einem Namen irgendwie auf die Geschichte,
die Abstammung, die Sprache oder auch nur die Identität seiner
Träger schließen? Es ist wieder ein Fehler der Forscher, daß sie
das Verhältnis zwischen beiden nicht theoretisch, aber praktisch so
einfach aufgefaßt haben wie etwa bei heutigen Personennamen. Hat
man überhaupt eine Vorstellung von der Zahl der hier vorliegenden
Möglichkeiten? Unendlich wichtig ist schon der Akt der Namengebung
unter frühen Verbänden. Mit dem Namen hebt sich eine Menschengruppe
selbstbewußt mit einer Art sakraler Größe heraus. Aber hier können
Kult- und Kriegernamen nebeneinander stehen, andere können im Lande
vorgefunden oder ererbt sein, der Stammname kann gegen den eines
Helden ausgetauscht werden wie bei den Osmanen und endlich können in
unbegrenzter Zahl an allen Grenzen Fremdnamen entstehen, die vielleicht
nur einem Teil der Volksgenossen bekannt und geläufig sind. Sind
+nur+ solche Namen überliefert, so führt beinahe jeder Schluß auf
die Träger notwendig zu einem Irrtum. Die zweifellos sakralen Namen
der Franken, Alemannen und Sachsen haben die große Menge von Namen
aus der Zeit der Varusschlacht abgelöst. Wüßten wir das nicht, so
wären wir längst überzeugt, daß hier eine Verdrängung oder Vernichtung
älterer Stämme durch neu eindringende stattgefunden hätte. Die
Namen Römer und Quiriten, Spartaner und Lakedämonier, Karthager und
Punier bestehen nebeneinander -- da war die Möglichkeit vorhanden,
zwei Völker anzunehmen. In welcher Beziehung die Namen Pelasger,
Achäer, Danaer untereinander gestanden haben und welche Tatsachen
dem zugrunde liegen, werden wir nie erfahren. Hätten wir nur diese
Worte, so würde die Forschung längst einem jeden ein Volk -- nebst
Sprache und Rassezugehörigkeit -- unterlegt haben. Hat man nicht aus
der Landschaftsbezeichnung Doris auf den Gang der dorischen Wanderung
schließen wollen? Wie oft mag ein Volk einen Ländernamen eingetauscht
und mitgenommen haben? Der Fall liegt bei der heutigen Bezeichnung
Preußen vor, aber auch bei den modernen Parsen, Juden und Türken, der
umgekehrte in Burgund und der Normandie. Der Name Hellenen entstand
um 650; eine Bevölkerungsbewegung ist damit also nicht verknüpft.
Lothringen erhielt den Namen eines gänzlich bedeutungslosen Fürsten
und zwar infolge einer Erbteilung und nicht durch ein eingewandertes
Volk. Die Deutschen hießen in Paris 1814 Allemands, 1870 Prussiens,
1914 Boches; zu anderen Zeiten hätte man drei verschiedene Völker
dahinter entdeckt. Die Westeuropäer heißen im Orient Franken, die Juden
Spaniolen -- das geht auf historische Umstände zurück; aber was hätte
ein Philologe aus den Worten +allein+ geschlossen?
Es ist nicht abzusehen, zu was für Ergebnissen Gelehrte im Jahre
3000 kommen könnten, wenn sie dann noch nach heutigen Methoden mit
Namen, Sprachresten und den Begriffen von Urheimat und Wanderung
arbeiten. Die Deutschritter haben im 13. Jahrhundert die heidnischen
Preußen vertrieben. 1870 erscheint dies Volk auf seiner Wanderung
plötzlich vor Paris. Die Römer, von den Goten bedrängt, sind vom
Tiber an die untere Donau ausgewandert. Oder sollte gar ein Teil
nach Polen gelangt sein, wo man auf dem Reichstag lateinisch sprach?
Karl der Große schlug die Sachsen an der Weser, die daraufhin in
die Gegend von Dresden auswanderten, während die Hannoveraner --
dem Dynastienamen nach von ihren Ursitzen an der Themse kommend --
das Land einnahmen. Die Historiker haben statt der Geschichte von
Völkern die von Namen geschrieben, aber Namen haben ihre eigenen
Schicksale und ebensowenig wie diese beweisen die Sprachen, ihre
Wanderungen, Änderungen, Siege und Niederlagen etwas auch nur für das
Vorhandensein zugehöriger Völker. Dies ist ein Grundirrtum vor allem
der indogermanischen Forschung. Wenn in historischer Zeit die Namen
Pfalz und Kalabrien gewandert sind, das Hebräische von Palästina nach
Warschau, das Persische vom Tigris nach Indien verschlagen wurde, was
läßt sich dann aus der Geschichte des Etruskernamens und der angeblich
„tyrsenischen“ Inschrift von Lemnos schließen? Oder haben die Franzosen
mit den Haitinegern, wie die gemeinsame Sprache beweist, einst ein
Urvolk gebildet? In dem Gebiet zwischen Budapest und Konstantinopel
werden heute zwei mongolische, eine semitische, zwei antike und drei
slawische Sprachen geredet und diese Sprachgemeinschaften fühlen sich
sämtlich als Völker.[114] Wollte man daraus eine Wanderungsgeschichte
aufbauen, so würde ein seltsames Produkt verfehlter Methoden die Folge
sein. Das Dorische ist eine Dialektbezeichnung; weiteres wissen wir
nicht. Zweifellos haben sich einige Dialekte dieser Gruppe schnell
verbreitet, aber für die Verbreitung oder selbst das Vorhandensein
eines zugehörigen Menschenschlages ist das durchaus kein Beweis.[115]
16
Hier stehen wir vor dem Lieblingsbegriff des modernen
Geschichtsdenkens. Trifft ein Historiker heute auf ein Volk, das etwas
geleistet hat, so ist er ihm gewissermaßen die Frage schuldig: von
woher kam es? Es gehört zum Anstand eines Volkes, von irgendwoher
gekommen zu sein und eine Urheimat zu haben. Daß es auch dort zu Hause
sein könne, wo man es vorfindet, ist eine fast beleidigende Annahme.
Wandern ist ein beliebtes Sagenmotiv ursprünglicher Menschheit, aber
seine Anwendung in der ernsthaften Forschung ist nachgerade zu einer
Manie geworden. Ob überhaupt die Chinesen nach China, die Ägypter nach
Ägypten eingedrungen sind, danach wird nicht gefragt; nur das Wann und
Woher steht in Frage. Man würde lieber die Semiten aus Skandinavien und
die Arier aus Kanaan stammen lassen, als auf den Begriff einer Urheimat
verzichten.
Nun liegt die Tatsache einer starken Bewegtheit aller frühen
Bevölkerungen unzweifelhaft vor. Das Libyerproblem birgt ein solches
Geheimnis. Die Libyer oder ihre Vorfahren sprachen hamitisch, waren
aber körperlich, wie schon die altägyptischen Reliefs beweisen,
hochgewachsen, blond und blauäugig und also zweifellos von
nordeuropäischer Herkunft.[116] In Kleinasien sind wenigstens drei
Wanderschichten seit 1300 gesichert, die vielleicht zu den Angriffen
der nordischen „Seevölker“ auf Ägypten in Beziehung stehen, und
Ähnliches ist für die mexikanische Welt nachgewiesen. Aber wir wissen
über das Wesen dieser Bewegungen gar nichts und von Wanderungen, wie
sie sich der Historiker heute gern vorstellt, wonach geschlossene
Völker wie große Massenkörper die Länder durchziehen, einander
verdrängen und bekämpfen, um sich zuletzt irgendwo festzusetzen, kann
gewiß nicht die Rede sein. Es ist nicht die Veränderung an sich,
sondern diese Vorstellung von ihr, welche unsere Ansichten vom Wesen
der Völker verdorben hat. Völker im heutigen Sinne wandern nicht und
was damals wanderte, bedarf einer sehr vorsichtigen Bezeichnung und
verträgt nicht überall dieselbe. Auch das ewig wiederholte Motiv
dieser Wanderzüge ist platt und des vorigen Jahrhunderts würdig: die
materielle Not. Hunger hätte zu ganz anderen Versuchen geführt und
ist sicherlich der letzte aller Gründe gewesen, der Rassemenschen
aus ihrem Neste trieb -- obwohl man es verstehen wird, daß er am
häufigsten geltend gemacht wurde, wenn solche Scharen plötzlich auf
ein militärisches Hindernis stießen. Es ist ohne Zweifel in diesen
starken und einfachen Menschen der ursprüngliche mikrokosmische Drang
nach Bewegung im weiten Raume gewesen, der sich aus tiefster Seele
als Abenteuerlust, Wagemut, Schicksalszug, als Hang nach Macht und
Beute erhob, als eine leuchtende Sehnsucht nach Taten, wie wir sie
uns gar nicht mehr vorstellen können, nach fröhlichem Gemetzel und
heldenmütigem Tod; oft wird es heimatlicher Zwist und Flucht vor der
Rache des Stärkeren gewesen sein, aber stets etwas Männliches und
Starkes. Und das steckte an. Der war ein Feigling, der auf seinem
Gute sitzen blieb. Oder sind etwa noch die Kreuzzüge, die Fahrten
des Cortez und Pizarro und noch in unseren Zeiten die Abenteuer der
Trapper im wilden Westen der Union durch die gemeine Not des Lebens
veranlaßt worden? Wo in der Geschichte eine kleine Schar siegreich in
weite Gebiete einbricht, da ist es regelmäßig die Stimme des Blutes,
die Sehnsucht nach einem großen Schicksal, das Heldentum echter
Rassemenschen, das sie treibt.
Man muß aber auch ein Bild der Lage in den durchstreiften Ländern
besitzen. Diese Züge sind beständig etwas anderes geworden, und das
hing nicht nur vom Geist der Wanderer ab, sondern mehr und mehr vom
Wesen der seßhaften Bevölkerung, die zuletzt in entschiedener Überzahl
vorhanden war. Es ist klar, daß in fast menschenleeren Räumen ein
einfaches Ausweichen des Schwächeren möglich und Regel ist.
In den Zuständen späterer Dichte handelt es sich aber um ein
Heimatloswerden des Schwächeren, der sich verteidigen oder um ein neues
Land kämpfen muß. Man drängt sich bereits im Raume. Kein Stamm lebt
ohne beständige Fühlung nach allen Seiten und ohne eine mißtrauische
Bereitschaft zum Widerstand. Die harte Notwendigkeit des Krieges
züchtet Männer. Völker wachsen an Völkern und gegen Völker zu innerer
Größe heran. Die Waffe wird zur Waffe gegen Menschen, nicht gegen
Tiere. Endlich ist jene Wanderungsform da, von der in historischer
Zeit allein die Rede sein kann: streifende Scharen bewegen sich in
durchaus bewohntem Gebiete, dessen Bevölkerung als ein wesentlicher
Bestandteil des Eroberten seßhaft und erhalten bleibt; die Sieger sind
in der Minderzahl und es treten damit ganz neue Lagen ein. Völker von
starker innerer Form schichten sich über viel größere, aber formlose
Bevölkerungen, und die weitere Verwandlung der Völker, Sprachen, Rassen
hängt von sehr verwickelten Einzelheiten ab. Seit den entscheidenden
Untersuchungen von Beloch[117] und Delbrück[118] wissen wir, daß
alle Wandervölker -- und Völker in diesem Sinne waren die Perser des
Kyros, die Mamertiner und die Kreuzfahrer ebensogut wie die Ostgoten
und die „Seevölker“ der ägyptischen Inschriften -- im Verhältnis
zur Bewohnerschaft der besetzten Gebiete sehr klein waren, wenige
tausend Krieger stark und den Eingebornen überlegen allein durch ihre
Entschlossenheit, ein Schicksal zu sein und nicht zu erleiden. Nicht
bewohnbares, sondern bewohntes Land wird in Besitz genommen: damit wird
das Verhältnis beider Bevölkerungen auch zu einer Standesfrage, die
Wanderung zu einem Feldzuge und das Seßhaftwerden zu einer politischen
Aktion. Und hier, wo der Erfolg einer kleinen Kriegerschar mit seiner
Wirkung: der Ausbreitung von Namen und Sprache der Sieger, aus
historischer Ferne allzu leicht als „Völkerwanderung“ erscheint, muß
die Frage noch einmal gestellt werden: Was alles kann wandern?
Der Name einer Landschaft oder eines Verbandes -- es kann auch der
eines Helden sein, den das Gefolge trägt --, indem er sich verbreitet,
dort erlischt und hier von einer ganz anderen Bevölkerung angenommen
oder ihr gegeben wird, indem er vom Lande auf Menschen übergeht und
mit ihnen zieht oder umgekehrt; die Sprache der Sieger oder Besiegten
-- oder auch eine dritte, die beide zu ihrer Verständigung annehmen;
die Gefolgschaft eines Häuptlings, die ganze Länder unterwirft und
sich durch erbeutete Weiber fortpflanzt, oder ein zufälliger Haufe von
Abenteurern verschiedenster Herkunft oder eine Völkerschaft mit Weib
und Kind, wie die Philister, die ganz nach germanischer Art um 1200
v. Chr. mit ihren vierspännigen Ochsenwagen längs der phönikischen
Küste nach Ägypten zogen.[119] Und deshalb muß noch einmal gefragt
werden: Darf man aus dem Schicksal von Sprachen oder Namen auf das von
Völkern oder Rassen schließen? Es ist nur eine Antwort möglich: ein
entschiedenes Nein.
Unter den „Seevölkern“, die Ägypten im 13. Jahrhundert immer wieder
angriffen, erscheinen die +Namen+ der Danaer und Achäer, aber bei
Homer sind beide fast mythische Bezeichnungen; dann der +Name+
der Lukka, der später an Lykien haftet, aber dessen Bewohner nennen
sich Tramilen; endlich die +Namen+ der Etrusker, Sarden und
Sikuler, aber daraus folgt +nicht+, daß diese Turscha das
spätere Etruskisch sprachen, +nichts+ für ihren leiblichen
Zusammenhang mit den gleichnamigen Bewohnern Italiens; und selbst wenn
beides gesichert wäre, nichts für das Recht, von „ein und demselben
+Volke+“ zu sprechen. Angenommen, die Inschrift von Lemnos wäre
etruskisch, und das Etruskische indogermanisch -- so würde daraus
für die Sprachgeschichte manches, für die Rassegeschichte gar nichts
folgen. Rom ist eine Etruskerstadt. Ist das nicht für die +Seele+
des römischen Volkes vollkommen gleichgültig? Sind die Römer deshalb
Indogermanen, weil sie zufällig einen lateinischen Dialekt sprachen?
Die Ethnographen kennen eine mittelländische und eine Alpenrasse und
südlich und nördlich davon eine auffallende leibliche Verwandtschaft
zwischen Nordgermanen und Libyern, aber die Philologen wissen, daß
die Basken ihrer Sprache wegen der Rest einer „vorindogermanischen“ --
iberischen -- Bevölkerung sind. Beide Meinungen schließen sich aus.
Waren die Erbauer von Mykene und Tiryns „Hellenen“? Man könnte ebenso
fragen, ob die Ostgoten Deutsche gewesen sind. Ich gestehe, daß ich
solche Fragestellungen nicht begreife.
Für mich ist „Volk“ eine +Einheit der Seele+. Alle großen
Ereignisse der Geschichte sind nicht eigentlich von Völkern ausgeführt
worden, +sondern haben Völker erst hervorgerufen+. Jede Tat
verändert die Seele des Handelnden. Mag man sich zuerst um einen
berühmten Namen geschart haben -- daß hinter seinem Klange nicht ein
Haufe, sondern ein Volk steht, das ist die Wirkung und nicht die
Voraussetzung großer Ereignisse. Erst durch ihre Wanderschicksale sind
Goten und Osmanen geworden, was sie später waren. „Die Amerikaner“ sind
+nicht+ aus Europa eingewandert; der Name des florentinischen
Geographen Amerigo Vespucci bezeichnet heute zunächst einen Erdteil,
aber außerdem ein echtes Volk, das durch die seelische Erschütterung
von 1775 und vor allem durch den Sezessionskrieg von 1861-65 seine
Eigenart erhalten hat.
Einen anderen Inhalt des Wortes Volk gibt es nicht. Weder die Einheit
der Sprache noch der leiblichen Abstammung ist entscheidend. Was
ein Volk von einer Bevölkerung unterscheidet, es aus dieser abhebt
und wieder in ihr aufgehen läßt, ist stets das innere Erlebnis des
„Wir“. Je tiefer dieses Gefühl, desto stärker ist die Lebenskraft
des Verbandes. Es gibt energische, matte, flüchtige, unverwüstliche
Völkerformen. Sie können Sprache, Rasse, Namen und Land wechseln; so
lange ihre Seele dauert, eignen sie sich Menschen jeder denkbaren
Herkunft innerlich an und formen sie um. Der römische Name bezeichnet
zur Zeit Hannibals ein Volk, zur Zeit Trajans nur noch eine Bevölkerung.
Wenn trotzdem mit vielem Rechte Völker und Rassen zusammengestellt
werden, so ist damit nicht der heute übliche Rassebegriff der
darwinistischen Zeit gemeint. Man glaube doch nicht, daß je ein Volk
durch die bloße Einheit der leiblichen Abstammung zusammengehalten
wurde und diese Form auch nur durch zehn Generationen hätte wahren
können. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß diese
physiologische Herkunft nur für die Wissenschaft und niemals für das
Volksbewußtsein vorhanden ist und daß kein Volk sich je für dieses
Ideal des „reinen Blutes“ begeistert hat. Rasse haben ist nichts
Stoffliches, sondern etwas Kosmisches und Gerichtetes, gefühlter
Einklang eines Schicksals, gleicher Schritt und Gang im historischen
Sein. Aus einem Mißverhältnis dieses ganz metaphysischen Taktes
entspringt der Rassehaß, der zwischen Franzosen und Deutschen nicht
weniger stark ist als zwischen Deutschen und Juden, und aus dem
gleichen Pulsschlag andererseits die wirkliche, dem Haß verwandte
Liebe zwischen Mann und Weib. Wer keine Rasse hat, der kennt diese
gefährliche Liebe nicht. Wenn ein Teil der Menschenmasse, die sich
heute indogermanischer Sprachen bedient, einem gewissen Rasseideal sehr
nahe steht, so deutet das auf die metaphysische Kraft dieses Ideals,
das züchtend wirkte; und nicht auf ein Urvolk im gelehrten Geschmack.
Es ist doch von höchster Bedeutung, daß dieses Ideal niemals in der
gesamten Bevölkerung, sondern vorwiegend in ihrem kriegerischen Element
und vor allem dem echten Adel ausgeprägt ist, also unter den Menschen,
welche ganz in einer Tatsachenwelt, im Banne geschichtlichen Werdens
leben, Schicksalsmenschen, die etwas wollen und wagen, obwohl gerade
in früher Zeit die Aufnahme in den Herrenstand einem Stammfremden
von äußerem und innerem Range nicht schwer fiel und zumal die Weiber
nach ihrer „Rasse“ und gewiß nicht ihrer Abstammung gewählt worden
sind. Am schwächsten sind die Rassezüge gleich daneben, wie man heute
noch beobachten kann, in den echten Priester- und Gelehrtennaturen
ausgeprägt,[120] obwohl sie mit den andern vielleicht in engster
Blutsverwandtschaft stehen. Ein starkes Seelentum züchtet den Leib
wie ein Kunstwerk heran. Die Römer bilden, mitten in dem italischen
Wirrwarr der Stämme und selbst von verschiedenartigster Herkunft, eine
Rasse von der allerstrengsten inneren Einheit, die weder etruskisch
noch latinisch oder allgemein „antik“, sondern ganz spezifisch römisch
ist.[121] Wenn man irgendwo die Stärke eines Volkstums vor Augen sehen
kann, so ist es an den Römerbüsten der letzten republikanischen Zeit.
Als Beispiel nenne ich noch die Perser. Es gibt kein stärkeres für
die Irrtümer, welche diese gelehrten Vorstellungen von Volk, Sprache
und Rasse nach sich ziehen mußten. Hier liegt auch der letzte und
vielleicht entscheidende Grund, weshalb der Organismus der arabischen
Kultur bis heute nicht erkannt worden ist. Persisch ist eine arische
Sprache, also sind „die Perser“ „ein indogermanisches Volk“. Also sind
persische Geschichte und Religion ein Thema der „iranischen“ Philologie.
Zunächst: Ist das Persische eine dem Indischen gleichgeordnete
Sprache, von einer gemeinsamen Ursprache stammend, +oder nur ein
indischer Dialekt+? 700 Jahre schriftloser, also schnellster
Sprachentwicklung liegen zwischen dem Altvedischen der indischen Texte
und den Behistun-Inschriften des Darius. Nicht größer ist der Abstand
zwischen dem Latein des Tacitus und dem Französischen der Straßburger
Eide (842). Nun kennen wir aber aus der Mitte des 2. Jahrtausends --
also aus vedischer Ritterzeit -- durch die Amarnabriefe und das Archiv
von Boghazköi zahlreiche „arische“ Personen- und Götternamen, und zwar
in Syrien und Palästina. Indessen Ed. Meyer[122] bemerkt, daß diese
Namen indisch und nicht persisch sind, und dasselbe gilt von den jetzt
entdeckten Zahlworten.[123] Von Persern ist keine Rede, noch weniger
von einem „Volk“ im Sinne unserer Historiker. Es waren indische Helden,
die nach Westen ritten und mit ihrer kostbaren Waffe, dem Reitpferde,
und ihrem Tatendrang allenthalben in der alternden babylonischen Welt
eine Macht bedeutet haben.
Seit 600 erscheint mitten in dieser Welt die kleine Landschaft Persis
mit einer politisch geeinigten bäuerlich-barbarischen Bevölkerung.
Herodot berichtet, daß von ihren Stämmen nur drei eigentlich persischer
Nationalität gewesen seien. Hat sich die Sprache jener Ritter in
diesem Gebirge erhalten und ist „Perser“ +ein Landname+, der auf
ein Volkstum überging? Auch die sehr ähnlichen Meder tragen nur den
Namen eines Landes, dessen kriegerische Oberschicht sich durch große
politische Erfolge als Einheit fühlen gelernt hat. In den assyrischen
Urkunden Sargons und seiner Nachfolger (um 700) finden sich neben den
nichtarischen Ortsnamen zahlreiche „arische“ Personennamen, durchweg
von führenden Männern, aber Tiglat Pileser IV. (745-727) nennt das Volk
schwarzhaarig.[124] Das „persische Volk“ des Cyrus und Darius kann sich
erst von da an aus Menschen verschiedener Herkunft, aber aus einer
starken Einheit des Erlebens heraus gebildet haben. Als die Makedonier
aber kaum zwei Jahrhunderte später ihre Herrschaft auflösten -- waren
da die Perser in dieser Form +überhaupt noch vorhanden+? Gab es um
900 in Italien wirklich noch ein langobardisches Volk? Es ist sicher,
daß die weithin verbreitete persische Reichssprache und die Verteilung
der wenigen tausend erwachsenen Männer aus Persis über den ungeheuren
Kreis von militärischen und Verwaltungsaufgaben das Volkstum längst
aufgelöst und an seine Stelle als Träger des persischen Namens eine
sich als +politische+ Einheit fühlende Oberschicht gesetzt hatten,
von deren Ahnen nur sehr wenige aus Persis sein konnten. Ja -- es gibt
nicht einmal ein Land, das man als +den+ Schauplatz der persischen
Geschichte bezeichnen kann. Was sich von Darius bis auf Alexander
ereignet, hat seinen Ort teils im nördlichen Mesopotamien, also unter
einer aramäisch sprechenden Bevölkerung, teils im alten Sinear,
jedenfalls nicht in Persis, wo die von Xerxes begonnenen Prachtbauten
gar nicht fortgesetzt worden sind. Die Parther waren ein mongolischer
Stamm, der eine persische Mundart angenommen hatte und inmitten dieser
Bevölkerung das persische Nationalgefühl in sich zu verkörpern suchte.