Das Wort gehört zum Menschen überhaupt; die Schrift gehört

ausschließlich zum Kulturmenschen. Sie ist im Gegensatz zur Wortsprache

von den politischen und religiösen Schicksalen der Weltgeschichte nicht

nur teilweise, sondern ganz und gar bedingt. Alle Schriften entstehen

in +einzelnen+ Kulturen und zählen zu deren tiefsten Symbolen.

Aber es fehlt noch durchaus an einer umfassenden Schriftgeschichte,

und zu einer Psychologie der Formen und Formverwandlungen ist nicht

einmal der Versuch gemacht worden. +Die Schrift ist das große

Symbol der Ferne+, also nicht nur der Weite, sondern auch und vor

allem der Dauer, der Zukunft, des Willens zur Ewigkeit. Sprechen und

Hören erfolgt nur in Nähe und Gegenwart; durch die Schrift redet

man aber zu Menschen, die man nie gesehen hat oder die noch nicht

geboren sind, und die Stimme eines Menschen wird noch Jahrhunderte

nach seinem Tode gehört. Sie ist eins der ersten Kennzeichen

+historischer+ Begabung. Aber eben deshalb ist nichts für eine

Kultur bezeichnender als ihr innerliches Verhältnis zur Schrift. Wenn

wir vom Indogermanischen so wenig wissen, so liegt das daran, daß

die beiden frühesten Kulturen, deren Menschen sich dieses Systems

bedienten, die indische und die antike, infolge ihrer ahistorischen

Veranlagung nicht nur keine eigene Schrift geschaffen, sondern selbst

die fremden bis in die Spätzeit hinein abgelehnt haben. In der

Tat ist die ganze Kunst der antiken Prosa unmittelbar für das Ohr

geschaffen. Man las vor, als ob man redete; wir reden im Vergleich

dazu alle „wie ein Buch“ und sind deshalb, wegen des ewigen Schwankens

zwischen Schriftbild und Wortklang, nie zu einem in attischem Sinne

ausgebildeten Prosastil gelangt. Dagegen hat in der arabischen Kultur

jede Religion ihre eigene Schrift entwickelt und auch bei einem Wechsel

der Sprache behalten: die Dauer der heiligen Bücher und Lehren und

die Schrift als Sinnbild der Dauer gehören zusammen. Die ältesten

Zeugnisse der Buchstabenschrift liegen in südarabischen, zweifellos

nach Sekten getrennten minäischen und sabäischen Schriftarten vor, die

vielleicht bis ins 10. Jahrhundert v. Chr. hinaufreichen. Die Juden,

Mandäer und Manichäer in Babylonien sprachen Ostaramäisch, hatten aber

sämtlich eigene Schriften. Seit der Abbassidenzeit wird das Arabische

herrschend, aber Christen und Juden schreiben es weiterhin mit eigener

Schrift. Der Islam hat die arabische Schrift überall unter seinen

Anhängern verbreitet, mochten sie semitische, mongolische, arische oder

Negersprachen reden.[107] Mit der Gewohnheit des Schreibens entsteht

überall der unvermeidliche Unterschied zwischen Schriftsprache und

Umgangssprache. Die Schriftsprache bringt die Symbolik der Dauer

auf den eigenen grammatischen Zustand in Anwendung, der nur langsam

und widerwillig den Wandlungen der Umgangssprache nachgibt, die

mithin stets einen jüngeren Zustand darstellt. Es gibt nicht eine

hellenische κοινή, sondern zwei,[108] und der ungeheure Abstand des

geschriebenen vom lebendigen Latein in der Kaiserzeit wird durch den

Bau der frühromanischen Sprachen hinreichend bezeugt. Je älter eine

Zivilisation, desto schroffer ist der Unterschied bis zu jenem Abstand,

der heute zwischen dem Schriftchinesischen und dem Kuanchua, der

Sprache der nordchinesischen Gebildeten, besteht. Das sind nicht mehr

zwei Dialekte, sondern zwei einander ganz fremde Sprachen.

Darin kommt aber bereits die Tatsache zum Ausdruck, daß die Schrift im

höchsten Grade Standessache und zwar uraltes Vorrecht des Priestertums

ist. Das Bauerntum ist geschichtslos +und also schriftlos+. Es

besteht aber auch eine ausgesprochene Abneigung der Rasse gegen die

Schrift. Dies scheint mir von höchster Bedeutung für die Graphologie

zu sein: Je mehr Rasse der Schreiber hat, desto souveräner behandelt

er den ornamentalen Bau der Schriftzeichen und ersetzt ihn durch ganz

persönliche Liniengebilde. Der Tabumensch allein hat beim Schreiben

eine gewisse Achtung vor den Eigenformen der Zeichen und sucht sie

unwillkürlich immer wieder hervorzubringen. Es ist der Unterschied des

tätigen Menschen, der Geschichte macht, und des Gelehrten, der sie

nur aufzeichnet, sie „verewigt“. Die Schrift ist in allen Kulturen im

Besitz des Priestertums, dem Dichter und Gelehrte zuzurechnen sind.

Der Adel verachtet das Schreiben. Er läßt schreiben. Diese Tätigkeit

hatte von jeher etwas Geistiges und Geistliches. Zeitlose Wahrheiten

werden es ganz nicht durch die Rede, sondern erst durch die Schrift.

Es ist wieder der Gegensatz von Burg und Dom: Was soll hier dauern --

die Tat oder die Wahrheit? Die Urkunde bewahrt Tatsachen, die heilige

Schrift Wahrheiten. Was dort die Chronik und das Archiv, ist hier das

Lehrbuch und die Bibliothek. Und deshalb gibt es außer dem Kultbau noch

etwas, das nicht mit Ornamenten verziert wird, sondern +Ornament

ist+[109] -- +das Buch+. Die Kunstgeschichte aller Frühzeiten

sollte die Schrift, und zwar die kursive eher noch als die monumentale,

an die Spitze stellen. Was gotischer und was magischer Stil ist,

erkennt man hier am reinsten. Kein Ornament hat die Innerlichkeit einer

Buchstabenform oder Schriftseite. Die Arabeske erscheint nirgends

vollendeter als in den Koransprüchen an den Wänden einer Moschee. Und

dann die große Kunst der Initialen, die Architektur des Seitenbildes,

die Plastik der Einbände! Ein Koran in kufischer Schrift wirkt auf

jeder Seite wie ein Wandteppich. Ein gotisches Evangeliar ist wie

ein kleiner Dom. Es ist bezeichnend für die antike Kunst, daß sie

jeden Gegenstand ergreift und verschönert -- mit Ausnahme allein der

Schrift und der Schriftrolle. Ein Haß gegen die Dauer liegt darin, die

Verachtung gegen eine Technik, die trotz allem mehr als Technik ist.

Es gibt weder in Hellas noch in Indien eine Kunst der monumentalen

Inschrift wie in Ägypten, und daran, daß ein Blatt mit der Handschrift

Platos eine Reliquie war, daß man etwa auf der Akropolis ein kostbares

Exemplar der Dramen des Sophokles hätte aufbewahren können, scheint

niemand gedacht zu haben.

Indem sich über das Land die Stadt erhebt, zu Adel und Priesterschaft

das Bürgertum tritt und der städtische Geist die Herrschaft in Anspruch

nimmt, wird die Schrift aus einer Verkünderin adligen Ruhmes und ewiger

Wahrheiten zu einem Mittel des geschäftlichen und wissenschaftlichen

Verkehrs. Jenes hatte die indische und antike Kultur abgelehnt,

dies ließ sie aus der Fremde zu; als verächtliches, alltägliches

Werkzeug dringt langsam die Buchstabenschrift ein. Gleichzeitig und

gleichbedeutend mit diesem Ereignis ist in China die Einführung der

phonetischen Zeichen um 800 und vor allem im Abendlande die Erfindung

des Buchdrucks im 15. Jahrhundert: das Symbol der Dauer und Ferne

wird durch die große Zahl bis zum äußersten verstärkt. Endlich haben

die Zivilisationen den letzten Schritt getan, um die Schrift in eine

zweckmäßige Form zu bringen. Wie erwähnt, war die Erfindung der

Buchstabenschrift in der ägyptischen Zivilisation um 2000 eine rein

technische Neuerung; im gleichen Sinne hat Li Si, der Kanzler des

chinesischen Augustus, 227 die chinesische Einheitsschrift eingeführt

und endlich ist unter uns, was wenige in seiner wirklichen Bedeutung

erkannt haben, eine neue Schriftart entstanden. Daß die ägyptische

Buchstabenschrift keineswegs etwas Letztes und Vollendetes ist, beweist

die der Erfindung des Alphabets ebenbürtige der Stenographie, die nicht

nur Kurzschrift, sondern +die Überwindung der Buchstabenschrift durch

ein neues, äußerst abstraktes Mitteilungsprinzip+ ist. Es ist wohl

möglich, daß Schriftformen dieser Art in den nächsten Jahrhunderten die

Buchstaben völlig verdrängen.

14

Darf heute schon der Versuch gewagt werden, eine Morphologie der

Kultursprachen zu schreiben? Gewiß ist, daß die Wissenschaft diese

Aufgabe bisher nicht einmal entdeckt hat. Kultursprachen sind Sprachen

des +historischen+ Menschen. Ihr Schicksal vollzieht sich nicht

in biologischen Zeiträumen; es folgt der organischen Entwicklung

streng bemessener Lebensläufe. +Kultursprachen sind historische

Sprachen.+ Das bedeutet einmal: es gibt kein geschichtliches

Ereignis und keine politische Institution, die nicht auch durch den

Geist der dabei verwendeten Sprache mitbestimmt worden wären und die

nicht ihrerseits auf Geist und Form dieser Sprache eingewirkt hätten.

Der lateinische Satzbau ist auch eine Folge römischer Schlachten,

welche das gesamte Denken des Volkes für die Verwaltung des Eroberten

in Anspruch nahmen; die deutsche Prosa trägt in ihrem Mangel an

festen Normen noch heute die Spur des 30jährigen Krieges, und die

frühchristliche Dogmatik hätte eine andere Gestalt gewonnen, wenn die

ältesten Schriften nicht sämtlich griechisch, sondern wie die der

Mandäer syrisch abgefaßt worden wären. Das bedeutet aber weiterhin:

die Weltgeschichte ist von dem Vorhandensein +der Schrift als des

eigentlich historischen Mittels der Verständigung+ in einem Grade

beherrscht, dessen sich die Forschung noch kaum bewußt ist. Der Staat

im höheren Sinne hat den Schriftverkehr zur Voraussetzung; der Stil

aller Politik ist durch die jeweilige Bedeutung der Urkunde, des

Archivs, der Unterschrift, der Publizistik im politisch-geschichtlichen

Denken eines Volkes schlechthin bestimmt; der Kampf um das Recht ist

ein Kampf für oder gegen ein geschriebenes Recht; Verfassungen ersetzen

die materielle Gewalt durch die Fassung von Paragraphen und erheben

das Schriftstück zu einer Waffe. Sprache und Gegenwart, Schrift und

Dauer gehören zusammen, aber mündliche Verständigung und praktische

Erfahrung, Schrift und theoretisches Denken tun es nicht weniger. Man

kann den größten Teil der innerpolitischen Geschichte aller Spätzeiten

auf diesen Gegensatz zurückführen. Die ewig wechselnden Tatsachen

widerstreben der Schrift, +die Wahrheiten fordern sie+ -- das ist

der welthistorische Gegensatz zweier Parteien, die in irgend einer

Form in den großen Krisen aller Kulturen vorhanden sind. Die eine lebt

in der Wirklichkeit, die andere hält ihr eine Schrift entgegen; alle

großen Revolutionen setzen eine Literatur voraus.

Die Gruppe der abendländischen Kultursprachen tritt im zehnten

Jahrhundert in Erscheinung. Die vorhandenen Sprachkörper, nämlich

die germanischen und romanischen Mundarten, das klösterliche Latein

einbegriffen, werden aus einheitlichem Geiste zu Schriftsprachen

ausgebildet. Es +muß+ in der Entwicklung des Deutschen,

Englischen, Italienischen, Französischen, Spanischen von 900 bis

1900 einen gemeinsamen Zug geben und ebenso in der Geschichte der

hellenischen und italischen Sprachen einschließlich des Etruskischen

von 1100 an bis zur Kaiserzeit. Aber was ist hier, unabhängig vom

Verbreitungsgebiet der Sprachfamilien und der Rassen, allein durch

die +landschaftlichen Grenzen der Kultur+ zusammengefaßt? Welche

Veränderungen haben das Hellenistische und das Latein seit 300

gemeinsam, und zwar in der Aussprache, im Wortgebrauch, metrisch,

grammatisch, stilistisch, welche das Deutsche und Italienische seit

1000, das Italienische und Rumänische aber nicht? Dergleichen ist noch

nie planmäßig untersucht worden.

Jede Kultur findet bei ihrem Erwachen +Bauernsprachen+ vor,

Sprachen des stadtlosen Landes, die „ewig“, an den Ereignissen der

großen Geschichte kaum beteiligt, als schriftlose Dialekte noch durch

Spätzeit und Zivilisation gehen und langsame unbemerkte Verwandlungen

erleiden. Darüber erhebt sich nun die Sprache der beiden Urstände als

die erste Erscheinung einer Wachseinsbeziehung, die Kultur +hat+,

Kultur +ist+. Hier, im Kreise von Adel und Priestertum, werden

Sprachen zu Kultursprachen und zwar gehört +das Sprechen zur

Burg, die Sprache zum Dom+: so scheidet sich an der Schwelle

der Entwicklung das Pflanzenhafte vom Tierhaften, das Schicksal

der lebendigen von dem der toten, das der organischen von dem der

mechanischen Seite der Verständigung. Denn die Totemseite bejaht,

die Tabuseite verneint das Blut und die Zeit. Da finden sich überall

schon ganz früh die starren Kultsprachen, deren Heiligkeit durch

ihre Unveränderlichkeit verbürgt ist, zeitlose, längst abgestorbene

oder dem Leben entfremdete und künstlich gelähmte Systeme mit

einem streng festgehaltenen Wortschatz, wie er zur Fassung ewiger

Wahrheiten Bedingung ist. So ist das Altvedische als religiöse und

daneben das Sanskrit als Gelehrtensprache erstarrt. Das Ägyptische

des Alten Reiches wurde dauernd als Priestersprache festgehalten, so

daß die heiligen Formeln im Neuen Reiche ebensowenig mehr verstanden

worden sind wie das _Carmen Saliare_ und das Arvalbrüderlied

zur Zeit des Augustus.[110] In der Vorzeit der arabischen Kultur

sind das Babylonische, Hebräische und Awestische gleichzeitig als

Umgangssprachen abgestorben -- wahrscheinlich während des zweiten

Jahrhunderts v. Chr. -- aber eben deshalb wurden sie in den heiligen

Schriften der Chaldäer, Juden und Perser dem Aramäischen und dem

Pehlewi entgegengestellt. Dieselbe Bedeutung hatte das gotische Latein

für die Kirche, das Humanistenlatein für die Gelehrsamkeit des Barock,

das Kirchenslawisch in Rußland und wohl auch das Sumerische in Babylon.

Im Gegensatz dazu ist die Pflege des Sprechens an den frühen Höfen

und Pfalzen zu Hause. Hier sind die +lebendigen+ Kultursprachen

ausgebildet worden. Sprechen ist Sprachsitte, Sprachzucht, der gute

Ton in Lautbildung und Wendungen, der feine Takt in Wortwahl und

Ausdrucksweise. Alles das ist Merkmal der +Rasse+; das lernt man

nicht in Klosterzelle und Gelehrtenstube, sondern im vornehmen Umgang

und am lebendigen Vorbild. Im adligen Kreise und als Standesmerkmal ist

die Sprache Homers[111] und ebenso das Altfranzösische der Kreuzzüge

und das Mittelhochdeutsche der Stauferzeit aus ländlichen Gewohnheiten

emporgebildet worden. Bezeichnet man die großen Epiker, die Skalden und

Troubadours als ihre Schöpfer, so sollte man nicht vergessen, daß sie

für diese Aufgabe durch den Standeskreis, in dem sie sich bewegten,

+auch sprachlich+ erst geschult worden sind. Diese große Tat, mit

welcher die Kultur mündig wird, ist die Leistung einer Rasse und nicht

die einer Zunft.

Die geistliche Sprachkultur geht auf Begriffe und Schlüsse aus.

Sie arbeitet daran, die dialektische Tauglichkeit der Worte und

Satzformen bis aufs Äußerste zu steigern: so entsteht ein immer

wachsender Unterschied zwischen dem scholastischen und höfischen,

verstandesmäßigen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch, und es gibt

über alle Grenzen der Sprachfamilien hinaus etwas Gemeinsames in der

Ausdrucksweise Plotins und des Thomas von Aquino, in Veda und Mischna.

Hier liegt der Ausgangspunkt jeder reifen Gelehrtensprache, die im

Abendland, ob deutsch, englisch oder französisch, noch heute nicht die

letzten Spuren ihrer Herkunft aus dem scholastischen Latein abgestreift

hat, und also auch der Ursprung aller Methodik der Fachausdrücke und

der Satzformen des Schlusses. Bis tief in die Spätzeit hinein pflanzt

sich dieser Gegensatz zwischen den Verständigungsweisen der großen

Welt und der Wissenschaft fort. Der Schwerpunkt der französischen

Sprachgeschichte liegt mit Entschiedenheit auf seiten der Rasse, also

des Sprechens, am Hofe zu Versailles und in den Pariser Salons. Hier

ist der _esprit précieux_ der Arthurromane fortgepflanzt und zu

der das ganze Abendland beherrschenden Konversation, der klassischen

Kunst des Sprechens, erhoben worden. Es hat der griechischen

Philosophie die größten Schwierigkeiten bereitet, daß auch das

Jonisch-Attische durchaus an Tyrannenhöfen und in Symposien ausgebildet

worden ist. Es war später fast unmöglich, in der Sprache des Alkibiades

über Syllogistik zu reden. Andererseits schwankt die deutsche Prosa,

die in der entscheidenden Zeit des Barock überhaupt keinen Mittelpunkt

für eine hohe Ausbildung fand, stilistisch noch heute zwischen

französischen und lateinischen -- höfischen und gelehrten -- Wendungen

hin und her, je nachdem man sich gut oder genau ausdrücken will,

und auch unsere Klassiker haben es dank ihrer sprachlichen Herkunft

von Kanzel und Gelehrtenstube und ihrem Aufenthalt als Erzieher in

Schlössern und an kleinen Höfen wohl zu einem persönlichen Stil,

den man nachahmen kann, aber nicht zur Schöpfung einer für alle

verbindlichen, spezifisch deutschen Prosa gebracht.

Zu diesen Standessprachen tritt mit der Stadt die dritte und letzte,

die des Bürgertums, die eigentliche Schriftsprache, verständig,

zweckmäßig, Prosa im strengsten Sinne des Wortes. Sie schwankt leise

zwischen vornehm geselligen und gelehrten Ausdrucksweisen, dort auf

immer neue Wendungen und Modeworte bedacht, hier an den vorhandenen

Begriffen eigensinnig festhaltend. In ihrem Wesenskern aber ist

sie +wirtschaftlicher+ Natur. Sie fühlt sich durchaus als

Standeskennzeichen gegenüber der geschichtslos-ewigen Redeweise des

„Volkes“, deren sich Luther und andere zum großen Ärger ihrer feinen

Zeitgenossen bedienten. Mit dem endgültigen Siege der Stadt nehmen

diese Stadtsprachen auch die der vornehmen Welt und der Wissenschaft in

sich auf. Es entsteht in der Oberschicht weltstädtischer Bevölkerungen

eine gleichförmige, intelligente, praktische, den Dialekten und der

Poesie abgeneigte κοινή, wie sie zur Symbolik jeder Zivilisation

gehört, etwas ganz Mechanisches, präzis, kalt und mit einer auf ein

Minimum beschränkten Geste. Diese letzten, heimat- und wurzellosen

Sprachen können von jedem Händler und Lastträger gelernt werden, das

Hellenische in Karthago und am Oxus, das Chinesische in Java, das

Englische in Schanghai, und das „Sprechen“ ist für ihr Verständnis

bedeutungslos. Fragt man nach ihrem eigentlichen Schöpfer, so ist es

nicht der Geist einer Rasse oder einer Religion, sondern lediglich der

Geist der Wirtschaft.

[83] Es versteht sich, daß totemistische Tatsachen, insofern sie

vom Wachsein bemerkt werden, auch eine Tabubedeutung erhalten, wie

vieles im Geschlechtsleben, das den Menschen mit einer tiefen Angst

erfüllt, weil es seinem Verstehenwollen entzogen bleibt.

[84] W. v. Humboldt („Über die Verschiedenheit des menschlichen

Sprachbaues“) war der erste, welcher betonte, daß eine Sprache kein

Ding, sondern eine Tätigkeit ist. „Will man den Ausdruck scharf

nehmen, so läßt sich wohl sagen: +es gibt keine Sprache+, so wenig

wie es +Geist gibt+; aber der Mensch spricht, und der Mensch wirkt

geistig.“

[85] Vgl. oben S. 33.

[86] Gesch. d. Deutsch. Kunst, 1919, S. 14 f.

[87] W. Altmann, Die ital. Rundbauten, 1906.

[88] Bulle, Orchomenos S. 26 ff.; Noack, Ovalhaus und Palast

in Kreta S. 53 ff. Die in späterer Zeit noch feststellbaren

Hausgrundrisse des ägäisch-kleinasiatischen Gebietes gestatten

vielleicht, in den Bevölkerungsstand der vorantiken Zeit Ordnung zu

bringen. Die Sprachreste können es nicht.

[89] Mediaeval Rhodesia, London 1906.

[90] Vgl. Kap. IV A.

[91] Hierzu sollte einmal jemand physiognomische Studien an

den massenhaften ganz bäuerlichen Römerbüsten, den Bildnissen

der frühgotischen Zeit und der schon ausgesprochen städtischen

Renaissance und noch mehr an den vornehmen englischen Porträts seit

dem Ausgang des 18. Jahrhunderts machen. Die großen Ahnengalerien

enthalten ein unübersehbares Material.

[92] J. Ranke, Der Mensch, 1912, II, S. 205.

[93] Die Kunst ist unter Tieren vollkommen ausgebildet. Soweit

sie dem Menschen durch Analogie zugänglich ist, besteht sie in

rhythmischer Bewegung („Tanz“) und Lautbildung („Gesang“). Damit

ist aber der künstlerische Eindruck auf die Tiere selbst bei weitem

nicht erschöpft.

[94] Luk. 10, 4 sagt Jesus zu den Siebzig, die er aussendet: „Und

grüßet niemand auf der Straße.“ Das Zeremoniell des Grüßens im

Freien ist so umfangreich, daß Eilige darauf verzichten müssen. A.

Bertholet, Kulturgeschichte Israels, 1919, S. 162.

[95] „Jede Form, auch die gefühlteste, hat etwas Unwahres“

(Goethe). In der systematischen Philosophie deckt sich die Absicht

des Denkers weder mit den geschriebenen Worten noch mit dem

Verstehen der Leser noch, da es ein Denken in Wortbedeutungen ist,

im Verlauf der Darstellung mit sich selbst.

[96] Der die Sprache aus Poesie, Tanz und besonders der

Liebeswerbung ableitet. Progress in language, 1894, S. 357.

[97] Satzartige Lautkomplexe kennt auch der Hund. Wenn der

australische Dingo mit dem Rückschritt vom Haustier zum Raubtier

auch wieder vom Bellen zum Wolfsgeheul übergegangen ist, so

darf man das wohl als einen Übergang zu sehr viel einfacheren

Lautzeichen deuten, aber mit „Worten“ hat es nichts zu tun.

[98] Die heutigen Gebärdensprachen (Delbrück, Grundfragen d.

Sprachforsch. S. 49 ff. mit dem Hinweis auf das Werk von Jorio über

die Gesten der Neapolitaner) setzen sämtlich die Wortsprache voraus

und sind von deren gedanklicher Systematik vollkommen abhängig,

so z. B. die, welche die nordamerikanischen Indianer ausgebildet

haben, um sich bei der großen Verschiedenheit und Veränderlichkeit

der einzelnen Wortsprachen von Stamm zu Stamm verständigen zu

können (Wundt, Völkerpsychologie I, S. 212. Mit dieser Sprache

ist es möglich, folgenden komplizierten Satz auszudrücken:

„Weiße Soldaten, die von einem Offizier von hohem Range, aber

geringer Intelligenz geführt wurden, nahmen die Mescalero-Indianer

gefangen“), oder die Mimik der Schauspieler.

[99] Die Haupttypen des Sprachbaus, 1910.

[100] Ganz wahr ist allein die Technik, weil die Worte hier nur den

Schlüssel zur Wirklichkeit bilden und die Sätze so lange abgeändert

werden, bis sie nicht etwa „wahr“, sondern wirksam sind. Eine

Hypothese erhebt nicht den Anspruch auf Richtigkeit, sondern auf

Brauchbarkeit.

[101] Vgl. S. 33 f.

[102] Vgl. S. 33 f.

[103] Paul Jensen, Sitz. Preuß. Akad., 1919, 367 ff.

[104] L. Hahn, Rom und Romanismus im griech.-röm. Osten, 1906.

[105] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt.² I, § 455, 465.

[106] S. d. nächsten Abschnitt.

[107] Lidzbarski, Sitz. Berl. Akad., 1916, S. 1218. Reiches

Material bei M. Mieses, Die Gesetze der Schriftgeschichte, 1919.

[108] P. Kretschmer in Gercke-Norden, Einl. i. d.

Altertumswissenschaft I, S. 551.

[109] Vgl. S. 145.

[110] Deshalb glaube ich auch, daß das Etruskische in den römischen

Priesterkollegien noch sehr spät eine bedeutende Rolle gespielt hat.

[111] Man muß sich gerade deshalb klar machen, daß die erst in der

Kolonialzeit schriftlich fixierten Gesänge nur in einer städtischen

Literatur- und nicht in der höfischen Umgangsprache vorliegen

können, in welcher sie zuerst vorgetragen worden sind.

URVÖLKER, KULTURVÖLKER, FELLACHENVÖLKER

15

Nun endlich ist es möglich, mit äußerster Vorsicht dem Begriffe „Volk“

näher zu treten und Ordnung in das Chaos von Völkerformen zu bringen,

das die Geschichtsforschung der Gegenwart nur noch gesteigert hat. Es

gibt kein zweites Wort, das so oft und zugleich so völlig kritiklos

gebraucht worden ist, keines, das der schärfsten Kritik so dringend

bedurft hätte. Selbst sehr vorsichtige Historiker setzen, nachdem

sie sich um eine theoretische Klärung bis zu einem gewissen Grade

bemüht haben, im Verlauf der weiteren Untersuchung Völker, Rasseteile

und Sprachgemeinschaften wieder völlig gleich. Finden sie einen

Völkernamen, so gilt er ohne weiteres auch als Sprachbezeichnung,

entdecken sie eine Inschrift von drei Worten, so haben sie einen

Rassezusammenhang festgestellt. Stimmen einige „Wurzeln“ überein, so

taucht ein Urvolk mit einer Urheimat in der Ferne auf. Das moderne

Nationalgefühl hat dies „Denken in Volkseinheiten“ nur noch gesteigert.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 17 / 62 段