nicht in Worten. Beides zu definieren ist unendlich oft versucht worden
und nie gelungen. Nach F. N. Finck ist die Wortbildung eine zerlegende,
die Satzbildung eine zusammenfügende Tätigkeit des Geistes und zwar
geht die erste der zweiten vorauf. Es zeigt sich, daß die empfundene
Wirklichkeit sehr verschieden verstanden und die Worte also nach sehr
verschiedenen Gesichtspunkten abgegrenzt werden können.[99] Aber nach
der gewöhnlichen Definition ist der Satz der sprachliche Ausdruck
eines +Gedankens+, nach H. Paul ein Symbol für die Verbindung
mehrerer +Vorstellungen+ in der Seele des Sprechenden. Alle
diese Bestimmungen widersprechen sich. Es scheint mir ganz unmöglich,
das Wesen des Satzes aus dem Inhalt zu ermitteln. Tatsache ist
lediglich, daß wir die relativ größten +mechanischen Einheiten+
im Sprachgebrauch Sätze, die relativ kleinsten Worte nennen. So
weit erstreckt sich die Geltung grammatischer +Gesetze+. Das
fortlaufende Sprechen ist kein Mechanismus mehr und gehorcht nicht
Gesetzen, sondern dem +Takt+. Es liegt also schon ein Rassezug
in der Art, wie das Mitzuteilende in Sätze gefaßt wird. Sätze
sind bei Tacitus und Napoleon nicht dasselbe wie bei Cicero und
Nietzsche. Der Engländer teilt den Stoff syntaktisch anders auf als
der Deutsche. Nicht Vorstellungen und Gedanken, sondern das Denken,
die Art des Lebens, +das Blut+ bestimmen in den primitiven,
antiken, chinesischen, abendländischen Sprachgemeinschaften die
typische Abgrenzung der Satzeinheiten und damit das +mechanische+
Verhältnis des Wortes zum Satz. Die Grenze zwischen Grammatik und
Syntax sollte dort angesetzt werden, wo das Mechanische der Sprache
aufhört und das Organische des Sprechens beginnt: der Sprachgebrauch,
die Sitte, die +Physiognomie+ der Art eines Menschen, sich
auszudrücken. Die andere Grenze liegt dort, wo die mechanische
Struktur des Wortes in die organischen Faktoren der Lautbildung und
Aussprache übergeht. An der Aussprache des englischen th -- einem
Rassezug der Landschaft -- erkennt man oft noch die Kinder der
Eingewanderten. Nur was zwischen beiden liegt, „+die Sprache+“,
hat System, ist ein technisches Mittel und wird deshalb erfunden,
verbessert, gewechselt, abgenützt; Aussprache und Ausdruck haften an
der +Rasse+. Wir erkennen eine uns bekannte Person, ohne sie zu
sehen, an der Aussprache, ebenso aber den Angehörigen einer fremden
Rasse, auch wenn er ein vollkommen richtiges Deutsch spricht. Die
großen Lautverschiebungen wie die althochdeutsche in karolingischer und
die mittelhochdeutsche in spätgotischer Zeit haben eine landschaftliche
Grenze und berühren nur das Sprechen, nicht die innere Form von Satz
und Wort.
Die Worte sind, wie gesagt, die relativ kleinsten mechanischen
Einheiten im Satz. Nichts ist vielleicht für das Denken einer
Menschenart bezeichnender als die Art, wie diese Einheiten gewonnen
werden. Für den Bantuneger gehört ein Ding, das er sieht, zunächst
einer sehr großen Zahl von Kategorien der Auffassung an. Das Wort dafür
besteht also aus einem Kern (Wurzel) mit einer Anzahl einsilbiger
Präfixe. Wenn er von einer Frau auf dem Felde spricht, so ist das Wort
dafür etwa: Lebendig -- Einzahl -- Groß -- Alt -- Weiblich -- Draußen
-- +Mensch+; das sind sieben Silben, aber sie bezeichnen einen
einzigen, scharfen und uns sehr fremden Akt der Auffassung. Es gibt
Sprachen, in denen das Wort beinahe mit dem Satze zusammenfällt.
Der Schritt für Schritt erfolgende Ersatz von körperlichen oder
klanglichen durch grammatische Gebärden ist also für die Ausbildung
des Satzes das Entscheidende, aber er ist nie vollendet worden. Reine
Wortsprachen gibt es nicht. Die Tätigkeit des Sprechens in Worten, wie
sie immer schärfer hervortritt, besteht darin, daß wir durch Wortklänge
Bedeutungsgefühle wecken, die durch den Klang der Wortverbindungen
weitere Beziehungsgefühle wachrufen. Wir sind durch die Schule des
Sprechenlernens geübt, in dieser abkürzenden und andeutenden Form
sowohl die Lichtdinge und Lichtbeziehungen wie die daraus abgezogenen
Denkdinge und Denkbeziehungen zu verstehen. Worte werden nur genannt,
nicht definitionsgemäß gebraucht, und der Hörer muß fühlen, was gemeint
ist. Ein anderes Sprechen gibt es nicht und eben deshalb haben Gebärde
und Ton am Verständnis des heutigen Sprechens einen weit größeren
Anteil, als man gewöhnlich annimmt.
Das letzte große Ereignis in dieser Geschichte, mit welchem die
Bildung der Wortsprache gewissermaßen zum Abschluß gelangt, ist die
Entstehung des Verbums. Sie setzt bereits einen sehr hohen Grad von
Abstraktion voraus, denn Substantiva sind Worte, welche im Lichtraum
+sinnlich+ abgegrenzte Dinge -- „Unsichtbares“ ist ebenfalls
abgegrenzt -- auch für das Nachdenken herausheben; Verba bezeichnen
aber +Typen+ der Veränderung, die nicht gesehen, sondern aus
dem grenzenlosen Bewegtsein der Lichtwelt durch Absehen von den
besonderen Merkmalen des einzelnen Falles festgestellt und als Begriffe
erzeugt werden. „Fallender Stein“ ist eine ursprüngliche Einheit des
Eindrucks. Hier wird aber zunächst Bewegung und Bewegtes getrennt
und dann „fallen“ als eine +Art von Bewegung+ aus zahllosen
anderen mit unzähligen Übergängen -- sinken, schweben, stürzen,
gleiten -- abgegrenzt. Den Unterschied „sieht“ man nicht; er wird
„erkannt“. Substantivische Zeichen kann man sich für manche Tiere
vielleicht noch vorstellen, verbale aber nicht. Der Unterschied von
Fliehen und Laufen oder Fliegen und Gewehtwerden geht weit über das
Gesehene hinaus und ist nur für ein wortgewohntes Wachsein faßbar.
Es liegt ihm etwas Metaphysisches zugrunde. Aber mit dem „Denken in
Zeitwörtern“ ist nun auch das Leben selbst dem Nachdenken erreichbar
geworden. Von dem lebendigen Eindruck auf das Wachsein, dem Werden --
das die Geberdensprache ganz unproblematisch nachahmt und das an sich
also unberührt bleibt -- wird das Einmalige, also das Leben selbst,
unvermerkt abgesondert und der Rest als Wirkung einer Ursache (der Wind
weht, es blitzt, der Bauer pflügt) mit lauter extensiven Bestimmungen
dem Zeichensystem eingeordnet. Man muß sich ganz in die starren
Unterscheidungen von Subjekt und Prädikat, Aktivum und Passivum,
Präsens und Perfektum versenken, um zu sehen, wie hier der Verstand die
Sinne meistert und das Wirkliche entseelt. Bei Substantiven darf man
das Denkding (Vorstellung) als +Abbild+ des Sehdinges betrachten,
beim Verbum ist aber für etwas Organisches +etwas Anorganisches
eingesetzt+ worden. Die Tatsache, daß wir leben, nämlich daß
wir jetzt eben etwas wahrnehmen, wird zur Dauer +als einer
Eigenschaft+ des Wahrgenommenen; verbal gedacht: das Wahrgenommene
dauert an. Es „ist“. So bilden sich endlich die Kategorien des Denkens,
abgestuft nach dem, was ihm natürlich ist und was nicht; so erscheint
die Zeit als Dimension, das Schicksal als Ursache, das Lebendige als
chemischer oder psychischer Mechanismus. So entsteht der Stil des
mathematischen, juristischen, dogmatischen Denkens.
Damit ist jener Zwiespalt gegeben, der uns vom Wesen des Menschen
unzertrennlich erscheint und der doch nur ein Ausdruck der Beherrschung
seines Wachseins durch die Wortsprache ist. Dieses Mittel der
Verbindung zwischen Ich und Du hat durch seine Vollkommenheit aus dem
tierischen Verstehen des Empfindens ein das Empfinden bevormundendes
Denken in Worten gemacht. Grübeln heißt, mit sich selbst in
Wortbedeutungen verkehren. Es ist die Tätigkeit, die in jeder anderen
Sprachart ganz unmöglich ist und die mit der Vollendung der Wortsprache
die Lebensgewohnheiten ganzer Menschenklassen kennzeichnet. Wenn mit
der Ablösung einer starren entseelten Sprache vom Sprechen die Wahrheit
im Gesprochenen unvereinbar wird, so gilt das in verhängnisvollem
Maße vom Zeichensystem der Worte. Das abgezogene Denken besteht im
Gebrauch eines endlichen Wortgefüges, in dessen Schema der unendliche
Gehalt des Lebens gepreßt wird. Begriffe töten das Dasein und fälschen
das Wachsein. Einst, in der Frühzeit der Sprachgeschichte, als das
Verstehen sich noch gegen das Empfinden zu behaupten suchte, war diese
Mechanisierung bedeutungslos für das Leben. Jetzt ist der Mensch aus
einem Wesen, das zuweilen dachte, ein denkendes Wesen geworden und das
Ideal aller Gedankensysteme ist es, das Leben endgültig und vollständig
der Herrschaft des Geistes zu unterwerfen. Das geschieht in der
Theorie, indem nur Erkanntes als wirklich gilt und das Wirkliche als
Schein und Sinnentrug gebrandmarkt wird. Das geschieht in der Praxis,
indem die Stimme des Blutes durch allgemein ethische Grundsätze zum
Schweigen verwiesen wird.[100]
Beide, Logik wie Ethik, sind Systeme absoluter und ewiger Wahrheiten
vor dem Geist und beide sind eben damit Unwahrheiten vor der
Geschichte. Im Reich der Gedanken mag das innere Auge noch so unbedingt
über das äußere triumphieren; im Reiche der Tatsachen ist der Glaube
an ewige Wahrheiten ein kleines und absurdes Schauspiel in einzelnen
Menschenköpfen. Ein wahres Gedankensystem kann es gar nicht geben, weil
kein Zeichen die Wirklichkeit ersetzt. Tiefe und ehrliche Denker sind
immer zu dem Schlüsse gelangt, daß alles Erkennen von seiner eigenen
Form im Voraus bestimmt ist und nie erreichen kann, was man mit dem
Worte meint, mit Ausnahme wiederum der Technik, in welcher die Begriffe
Mittel und nicht Selbstzweck sind. Und diesem Ignorabimus entspricht
die Einsicht aller echten Weisen, daß abstrakte Lebensgrundsätze sich
nur als Redensarten einbürgern, unter deren täglichem Gebrauch das
Leben so weiterströmt, wie es immer gewesen war. Die Rasse ist letzten
Endes stärker als die Sprache und deshalb besaßen unter allen großen
Namen nur die Denker eine Wirkung auf das Leben, die Persönlichkeiten
waren und nicht wandelnde Systeme.
12
Die innere Geschichte der Wortsprachen zeigt demnach bis jetzt drei
Stufen. Auf der ersten erscheinen innerhalb hochentwickelter, aber
wortloser Mitteilungssprachen die ersten Namen als Größen eines
neuartigen Verstehens. Die Welt erwacht +als Geheimnis+. Das
religiöse Denken beginnt. Auf der zweiten wird nach und nach eine
vollständige Mitteilungssprache in grammatische Werte umgesetzt.
Die Geste wird zum Satz und der Satz verwandelt die Namen in Worte.
Der Satz wird zugleich die große Schule des Verstehens gegenüber
dem Empfinden, und das immer feinere Bedeutungsgefühl für abstrakte
Beziehungen im Satzmechanismus ruft einen überquellenden Reichtum
von Flexionen hervor, die sich vor allem an Substantiv und Verb, das
Raumwort und das Zeitwort, heften. Es erscheint die Blütezeit der
Grammatik, für die man -- mit großer Vorsicht -- +vielleicht+
die zwei Jahrtausende vor Beginn der ägyptischen und babylonischen
Kultur ansetzen darf. Die dritte Stufe wird durch einen raschen
Flexionsverfall und damit den Ersatz der Grammatik durch die Syntax
bezeichnet. Die Durchgeistigung des menschlichen Wachseins ist so weit
vorgeschritten, daß es der Versinnlichung durch Flexionen nicht mehr
bedarf und sich statt durch eine bunte Wildnis von Wortformen durch
kaum merkliche Andeutungen im knappsten Sprachgebrauch (Partikel,
Wortstellung, Rhythmus) sicher und frei mitteilen kann. Am Sprechen
in Worten ist das Verstehen zur Herrschaft über das Wachsein gelangt;
heute ist es im Begriff, sich vom Zwange des sinnlich-sprachlichen
Mechanismus zugunsten einer reinen Mechanik des Geistes zu befreien.
Nicht die Sinne, die Geister treten in Fühlung.
In diese dritte Stufe der Sprachgeschichte, welche an sich im
biologischen Weltbild[101] verläuft und also +dem Menschen als
Typus+ zugehört, greift nun die Geschichte der hohen Kulturen ein,
die mit einer ganz neuen „Sprache der Ferne“, der Schrift, und durch
die Gewalt ihrer Innerlichkeit dem Schicksal der Wortsprachen eine
plötzliche Wendung gibt.
Die ägyptische Schriftsprache ist schon um 3000 in rascher
grammatischer Zersetzung begriffen, das Sumerische in der
_eme-sal_ (Weibersprache) genannten Literatursprache ebenfalls,
das Schriftchinesisch, das allen Umgangssprachen der chinesischen
Welt gegenüber längst eine Sprache für sich bildet, ist schon in
den ältesten bekannten Texten so gänzlich flexionslos, daß erst in
neuester Zeit festgestellt werden konnte, daß es wirklich einmal eine
Flexion besessen hat. Das indogermanische System kennen wir nur im
vollsten Verfall. Von den Kasus des Altvedischen -- um 1500 -- sind
in den antiken Sprachen ein Jahrtausend später nur Trümmer erhalten.
Seit Alexander dem Großen ist in der hellenistischen Umgangssprache
der Dual aus der Deklination und das ganze Passiv aus der Konjugation
verschwunden. Die abendländischen Sprachen, obwohl sie von denkbar
verschiedenster Herkunft sind, die germanischen aus primitiven, die
romanischen aus hochzivilisierten Verhältnissen stammen, verändern
sich in gleicher Richtung: die romanischen Kasus sind bis auf einen
verschwunden, die englischen mit der Reformation sämtlich. Die deutsche
Umgangssprache hat den Genitiv im Anfang des 19. Jahrhunderts endgültig
eingebüßt und ist im Begriff, den Dativ aufzugeben. Nur wer einmal den
Versuch macht, ein Stück schwerer und bedeutungsreicher Prosa etwa
aus Tacitus oder Mommsen in eine sehr alte flexionsreiche Sprache
„rückwärts“ zu übertragen -- unsere gesamte Übersetzungsarbeit erfolgt
aus älteren in jüngere Sprachzustände --, wird den Beweis erhalten, daß
die Zeichentechnik sich inzwischen in eine Denktechnik verflüchtigt
hat, welche der verkürzten, aber mit Bedeutungsgehalt durchsättigten
Zeichen gleichsam nur zu Anspielungen bedarf, die ausschließlich ein
Eingeweihter der betreffenden Sprachgemeinschaft versteht. Dies ist der
Grund, weshalb ein westeuropäischer Mensch vom Verstehen der heiligen
chinesischen Bücher unbedingt ausgeschlossen bleibt, aber ebenso von
dem Verständnis der Urworte jeder anderen Kultursprache, dem λόγος, der
ἀρχή im Griechischen, dem _atman_ und _braman_ im Sanskrit,
die auf eine Weltanschauung hinweisen, in der man aufgewachsen sein
muß, um ihre Zeichen zu begreifen.
Die äußere Sprachgeschichte ist für uns gerade in den wichtigsten
Abschnitten so gut wie verloren. Ihre Frühzeit liegt tief im primitiven
Zeitalter, und es sei noch einmal darauf hingewiesen,[102] daß wir
uns die „Menschheit“ hier in Gestalt vereinzelter ganz kleiner Trupps
vorzustellen haben, die sich im weiten Raume verlieren. Eine Wandlung
der Seele tritt ein, wenn die wechselseitige Fühlung Regel und zuletzt
selbstverständlich geworden ist, aber eben deshalb besteht kein
Zweifel, daß diese Fühlung mittelst der Sprache zuerst gesucht und dann
geregelt oder abgewehrt wird, und daß erst mit dem Eindruck der von
Menschen erfüllten Erde das einzelne Wachsein gespannter, geistiger,
klüger wird und die Wortsprache emporzwingt, so daß vielleicht die
Entstehung der Grammatik mit dem Rassemerkmal der großen Zahl in
Verbindung steht.
Seitdem ist kein grammatisches System mehr entstanden; es haben
sich nur aus vorhandenen neuartige abgezweigt. Über diese
+eigentlichen+ Ursprachen, ihren Bau und Klang, wissen wir
nichts. Soweit wir zurückblicken können, werden fertig ausgebildete
Sprachsysteme als etwas ganz Natürliches von jedermann gebraucht,
von jedem Kinde gelernt. Daß es je anders gewesen sein könne, daß
einst vielleicht ein tiefer Schauder das Hören solcher seltenen und
geheimnisvollen Sprachen begleitet hat -- wie es in historischer
Zeit mit der Schrift der Fall war und noch ist --, erscheint uns
unglaubwürdig. Und doch sollten wir mit der Möglichkeit rechnen,
daß Wortsprachen in einer Welt wortloser Mitteilungsweisen einmal
Standesvorrecht gewesen sind, ein eifersüchtig behüteter Geheimbesitz.
Daß ein Hang dazu vorliegt, zeigen tausend Beispiele, das Französisch
als Diplomaten-, das Latein als Gelehrten-, das Sanskrit als
Priestersprache. Es gehört zum Stolz rassiger Kreise, miteinander reden
zu können, ohne von „den andern“ verstanden zu werden. Eine Sprache
für jedermann ist gemein. „Mit einem reden dürfen“ ist ein Vorzug oder
eine Anmaßung. Noch der Gebrauch der Schriftsprache unter Gebildeten
und die Verachtung des Dialekts ist ein Zeugnis echten Bürgerstolzes.
Nur wir leben in einer Zivilisation, in welcher die Kinder mit
Selbstverständlichkeit das Schreiben wie das Gehen lernen. In allen
früheren Kulturen war es eine seltene und nicht jedem zugängliche
Kunst. Ich bin überzeugt, daß es mit der Wortsprache einmal nicht
anders gewesen ist.
Das Tempo der Sprachgeschichte ist ein ungeheuer geschwindes.
Ein Jahrhundert bedeutet da schon viel. Ich erinnere an jene
Gebärdensprache der Indianer Nordamerikas, die notwendig wurde, weil
die rasche Veränderung der Dialekte eine andere Verständigung zwischen
den Stämmen ausschloß. Man vergleiche auch die kürzlich entdeckte
Foruminschrift (um 500) mit dem Latein des Plautus (um 200) und dieses
mit der Sprache Ciceros. Nimmt man an, daß die ältesten Vedatexte den
Sprachzustand von 1200 v. Chr. festgehalten haben, so kann schon
der Zustand von 2000 so gänzlich anders gewesen sein, daß ihn kein
indogermanischer Forscher mit seiner Methode der Rückschlüsse auch nur
von fern vermutet. Aber das Allegro wird zum Lento in dem Augenblick,
wo die Schrift, die Sprache der Dauer, eingreift und die Systeme
auf ganz verschiedenen Altersstufen festhält und lähmt. Gerade das
macht diese Entwicklung so undurchsichtig: wir besitzen nur Reste von
Schriftsprachen. Aus der ägyptischen und babylonischen Sprachenwelt
gibt es noch Originale von 3000, aber die ältesten indogermanischen
Reste sind +Abschriften+, deren Sprachzustand viel jünger ist als
ihr Inhalt.
Das alles hat die Schicksale von Grammatik und Wortschatz in ganz
verschiedener Weise bestimmt. Die erste haftet am Geist, der zweite an
Dingen und Orten. Einer natürlichen inneren Veränderung unterliegen
nur grammatische Systeme. Zu den psychologischen Voraussetzungen
des Wortgebrauchs gehört es dagegen, daß zwar die Aussprache sich
verändert, die innere mechanische Lautstruktur aber desto fester
gehalten wird, denn auf ihr beruht das Wesen der Benennung. +Die
großen Sprachfamilien sind lediglich grammatische Familien.+ Die
Worte sind in ihnen gewissermaßen heimatlos und wandern von einer
zur anderen. Es ist ein Grundfehler der Sprachforschung, voran der
indogermanischen, Grammatik und Wortschatz als Einheit zu behandeln.
Alle Fachsprachen, die Jäger-, Soldaten-, Sport-, Seemanns-,
Gelehrtensprache, sind in Wirklichkeit +nur Wortbestände+,
die innerhalb eines jeden grammatischen Systems gebraucht werden
können. Der halbantike Wortschatz der Chemie, der französische der
Diplomatie, der englische des Rennplatzes hat sich in allen modernen
Sprachen gleichmäßig eingebürgert. Redet man hier von Fremdworten,
so gehören die „Wurzeln“ aller alten Sprachen zum weitaus größten
Teil dazu. Alle Namen haften an den Sachen, die sie bezeichnen, und
teilen deren Geschichte. Im Griechischen sind die Metallnamen fremder
Herkunft, Worte wie ταῦρος, χιτών, οἲκος sind semitisch. In den
hethitischen Texten von Boghazköi[103] kommen indische Zahlworte vor
und zwar in Fachausdrücken, die mit der Zucht des Pferdes dorthin
gelangt sind. Lateinische Verwaltungsausdrücke sind in Menge in
den griechischen Osten,[104] deutsche seit Peter dem Großen in das
Russische gedrungen, arabische Worte in die Mathematik, Chemie und
Astronomie des Abendlandes. Die Normannen, selbst Germanen, haben das
Englische mit französischen Worten überschwemmt. Im Bankwesen der
germanischen Sprachgebiete wimmelt es von italienischen Ausdrücken
und in noch viel höherem Grade müssen in primitiver Zeit mit dem
Getreidebau, der Viehzucht, den Metallen, den Waffen und überhaupt mit
jedem Handwerk, dem Tauschverkehr und allen rechtlichen Beziehungen der
Stämme untereinander Massen von Bezeichnungen von einer Sprache zur
anderen gewandert sein, ganz wie auch der Bestand an geographischen
Namen immer in den Besitz der gerade herrschenden Sprache übergeht, so
daß ein großer Teil der griechischen Ortsnamen karisch, der deutschen
keltisch ist. Man darf ohne Übertreibung behaupten: je allgemeiner
ein indogermanisches Wort verbreitet ist, desto +jünger+ ist es,
desto wahrscheinlicher ist es Fremdwort. Gerade die altertümlichsten
Namen sind streng bewahrter Eigenbesitz. Latein und Griechisch haben
nur ganz junge Worte gemeinsam. Oder gehören Telephon, Gas, Automobil
zum Wortbestand des „Urvolkes“? Angenommen einmal, daß von den arischen
„Urworten“ drei viertel aus dem Ägyptischen oder Babylonischen des 3.
Jahrtausends stammten, so würden wir im Sanskrit nach einem Jahrtausend
schriftloser Entwicklung nichts mehr davon bemerken, denn auch die
zahllosen lateinischen Lehnworte im Deutschen sind längst völlig
unkenntlich geworden. Die Endung -ette in Henriette ist etruskisch --
wie viele „echt arische“ oder „echt semitische“ Endungen mögen sonst
noch fremd und als Fremdlinge nur nicht mehr nachweisbar sein? Wie
erklärt sich die auffallende Ähnlichkeit vieler Worte in australischen
und indogermanischen Sprachen?
Das indogermanische System ist sicherlich das jüngste und deshalb
das geistigste. Die von ihm abgeleiteten Sprachen beherrschen heute
die Erde, aber ist es um 2000 als grammatische Sonderkonstruktion
überhaupt schon vorhanden gewesen? Bekanntlich wird heute eine
einzige Ausgangsform für das Arische, Semitische und Hamitische als
wahrscheinlich angenommen. Die ältesten indischen Schriftreste
fixieren den Sprachzustand vielleicht von 1200, die ältesten
griechischen vielleicht von 700. Aber indische Personen- und
Götternamen kommen zugleich mit dem Pferde schon viel früher in Syrien
und Palästina vor[105] und zwar erscheinen ihre Träger wohl zunächst
als Söldner, dann als Machthaber.[106] Man erinnere sich, wie die
spanischen Feuerwaffen einst auf die Mexikaner gewirkt haben. Sollten
diese Landwikinger, diese ersten Reiter -- mit dem Pferd verwachsene
Menschen, deren schreckenerregenden Eindruck noch die Kentaurensage
spiegelt -- sich um 1600 überall abenteuernd in den nordischen Ebenen
festgesetzt und die Sprache und Götterwelt der indischen Ritterzeit
mitgebracht haben? Zugleich mit dem arischen Standesideal der Rasse
und Lebensführung? Nach dem, was oben über Rasse gesagt worden ist,
würde das ohne alle „Wanderungen“ eines „Urvolkes“ das Rasseideal
arisch sprechender Gebiete erklären. Die ritterlichen Kreuzfahrer haben
ihre Staaten im Morgenlande nicht anders begründet und zwar an genau
derselben Stelle wie 2500 Jahre früher die Helden mit den Mitanni-Namen.
Oder war dies System um 3000 nur ein bedeutungsloser Dialekt einer
Sprache, die verloren ist? Die romanische Sprachfamilie beherrschte
um 1600 n. Chr. alle Meere. Um 400 v. Chr. besaß die „Ursprache“
am Tiber ein Gebiet von 50 Quadratmeilen. Es ist sicher, daß das
geographische Bild der grammatischen Familien um 4000 noch ein sehr
buntes war. Die semitisch-hamitisch-arische Gruppe -- +wenn+ sie
einmal eine Einheit gewesen ist -- hatte damals wohl kaum sehr große
Bedeutung. Wir stoßen bei Schritt und Tritt auf die Trümmer alter
Sprachfamilien, die sicherlich einst zu sehr verbreiteten Systemen
gehörten: das Etruskische, Baskische, Sumerische, Ligurische, die
alten kleinasiatischen Sprachen sind darunter. Im Archiv von Boghazköi
sind bis jetzt acht neue Sprachen festgestellt worden, die um 1000 im
Gebrauch gewesen sind. Bei dem damaligen Tempo der Veränderung kann das
Arische um 2000 eine Einheit mit Sprachen gebildet haben, von denen wir
es heute nicht erraten würden.
13
Die Schrift ist eine ganz neue Sprachart und bedeutet eine völlige
Abänderung der menschlichen Wachseinsbeziehungen, indem sie sie +vom
Zwange der Gegenwart befreit+. Bildersprachen, die Gegenstände
bezeichnen, sind viel älter, älter wahrscheinlich als alle Worte; hier
aber bezeichnet das Bild nicht mehr unmittelbar ein Sehding, sondern
zunächst ein Wort, etwas vom Empfinden bereits Abgezogenes. Es ist das
erste und einzige Beispiel einer Sprache, welche ein ausgebildetes
Denken als vorhanden fordert und nicht mit sich bringt.
Die Schrift setzt also eine vollentwickelte Grammatik voraus, denn die
Tätigkeit des Schreibens und Lesens ist unendlich viel abstrakter als
die des Sprechens und Hörens. Lesen heißt ein Schriftbild +mit dem
Bedeutungsgefühl für die zugehörigen Wortklänge verfolgen+. Die
Schrift enthält Zeichen nicht für Dinge, sondern für andere Zeichen.
Der grammatische Sinn muß durch augenblickliches Verstehen ergänzt
werden.