Sprachgruppen. Eine Ausdruckssprache betrachtet den andern als Zeugen
und erstrebt nur einen Eindruck auf ihn; eine Mitteilungssprache
betrachtet ihn als Mitredner und erwartet eine Antwort. Verstehen
heißt, Eindrücke mit dem eigenen Bedeutungsgefühl empfangen; hierauf
beruht die Wirkung der höchsten menschlichen Ausdruckssprache,
der Kunst.[93] Sich verständigen, Zwiesprache halten bedeutet, im
andern das gleiche Bedeutungsgefühl voraussetzen. Das Element einer
Ausdruckssprache vor Zeugen nennen wir +Motiv+. Die Beherrschung
der Motive ist die Grundlage jeder Ausdruckstechnik. Auf der andern
Seite heißt der zum Zweck der Verständigung erzeugte Eindruck
+Zeichen+ und er bildet das Element jeder Mitteilungstechnik, im
höchsten Falle also der menschlichen Wortsprache.
Von dem Umfang beider Sprachwelten im menschlichen Wachsein macht man
sich heute kaum eine Vorstellung. Zur Ausdruckssprache, die überall
in frühester Zeit mit dem vollen religiösen Ernst des Tabu auftritt,
gehört nicht nur die schwere und strenge Ornamentik, die ursprünglich
mit dem Begriff der Kunst schlechthin zusammenfällt und alle starren
Dinge zu Trägern des Ausdrucks macht, sondern auch das feierliche
Zeremoniell, das mit seinen Formeln das gesamte öffentliche Leben
und selbst noch das der Familie überspinnt,[94] und die „Sprache der
Tracht“, nämlich der Kleidung, der Tätowierung und des Schmuckes,
die eine +einheitliche+ Bedeutung besitzen. Die Forscher des
vorigen Jahrhunderts haben sich vergeblich bemüht, die Kleidung aus
dem Schamgefühl oder aus Zweckmäßigkeitsgründen abzuleiten. Sie
wird nur als Mittel einer Ausdruckssprache verständlich und sie
ist das in großartigster Weise in allen hohen Zivilisationen, auch
heute noch. Man braucht sich nur der das ganze öffentliche Leben
und Treiben beherrschenden Mode, der vorschriftsmäßigen Kleidung
bei allen wichtigen Akten und Festen zu erinnern, der Abstufungen
des Gesellschaftsanzuges, der Brauttracht, der Trauerkleidung, der
militärischen Uniform, des Priesterornates; man denke an Orden und
Abzeichen, Mitra und Tonsur, Allongeperücke und Stock, Puder, Ringe,
Frisuren, an alles mit Bedeutung Verhüllte und Entblößte, an die Tracht
von Mandarinen und Senatoren, Odalisken und Nonnen, an den Hofstaat des
Nero, Saladin und Montezuma, um von den Einzelheiten der Volkstracht
und der Sprache der Blumen, Farben und Edelsteine ganz zu schweigen.
Die Sprache der Religion braucht nicht genannt zu werden, denn alles
dieses +ist+ Religion.
Die Mitteilungssprachen, an denen keine überhaupt denkbare Art der
Sinnesempfindung ganz unbeteiligt ist, haben für den Menschen hoher
Kulturen allmählich drei vorherrschende Zeichen entwickelt, das
Bild, den Laut und die Geste, die sich in der Schriftsprache der
abendländischen Zivilisation zur Einheit von Buchstabe, Wort und
Interpunktion zusammenschließen.
Im Verlauf dieser langen Entwicklung vollzieht sich endlich +die
Ablösung der Sprache vom Sprechen+. Es gibt in der Sprachgeschichte
keinen Vorgang von größerer Tragweite. Ursprünglich sind ohne Zweifel
alle Motive und Zeichen aus dem Augenblick geboren und nur für einen
einzelnen Akt der Wachseinstätigkeit bestimmt. Ihre wirkliche, gefühlte
und also gewollte Bedeutung sind ein und dasselbe. Das Zeichen ist
Bewegung und nicht ein Bewegtes. Sobald aber ein fester Zeichenbestand
dem lebendigen Zeichen-geben +entgegentritt+, wird das anders.
Es löst sich nicht nur die Tätigkeit von ihren Mitteln, sondern auch
+das Mittel von seiner Bedeutung+. Die Einheit beider hört nicht
nur auf etwas Selbstverständliches zu sein, sondern sie wird unmöglich.
Das Bedeutungsgefühl ist lebendig und wie alles, was mit Zeit und
Schicksal zusammenhängt, einmalig und nie wiederkehrend. Kein Zeichen,
und sei es noch so bekannt und gewohnt, wird je in genau derselben
Bedeutung wiederholt. Deshalb kehrte ursprünglich kein Zeichen jemals
in genau derselben Form wieder. Das Reich der starren Zeichen ist etwas
unbedingt Gewordenes und rein Ausgedehntes, +kein Organismus, sondern
ein System+, das seine +eigene, kausale+ Logik besitzt und den
unvereinbaren Gegensatz von Raum und Zeit, Geist und Blut auch in die
Wachseinsverbindung zweier Wesen trägt.
Dieser feste Bestand von Zeichen und Motiven mit seiner vermeintlich
festen Bedeutung muß gelernt und eingeübt werden, wenn man an der
zugehörigen Wachseinsgemeinschaft teilnehmen will. +Zu der vom
Sprechen abgelösten Sprache gehört unvermeidlich der Begriff der
Schule.+ Sie ist unter höheren Tieren vollkommen ausgebildet und
in jeder in sich geschlossenen Religion, in jeder Kunst, in jeder
Gesellschaft die Voraussetzung dafür, daß man wirklich ein Gläubiger,
ein Künstler oder ein Mensch von Erziehung ist. Von hier an gibt es
eine scharfe Grenze für jede Gemeinschaft. Man muß ihre Sprache,
das heißt ihre Glaubenssätze, Sitten, Regeln kennen, um Mitglied
zu sein. Gefühl und guter Wille führen im Kontrapunkt so wenig wie
im Katholizismus zur Seligkeit. Kultur bedeutet eine unerhörte
Steigerung der Tiefe und Strenge der Formensprache auf allen Gebieten;
sie besteht damit für jeden einzelnen, der ihr angehört, als seine
+persönliche+ -- religiöse, sittliche, gesellschaftliche,
künstlerische -- Kultur in einer das ganze Leben ausfüllenden Erziehung
und Schulung +für+ dieses Leben; es wird darum in allen großen
Künsten, in den großen Kirchen, Mysterien und Orden, in der hohen
Gesellschaft vornehmer Stände eine Meisterschaft der Formbeherrschung
erreicht, die zu den Wundern des Menschentums gehört und die an der
Höhe ihrer Forderungen zuletzt zerbricht. Das Wort dafür ist in allen
Kulturen, ob es nun ausgesprochen wird oder nicht, Rückkehr zur Natur.
Diese Meisterschaft erstreckt sich auch auf die Wortsprache; neben
der vornehmen Gesellschaft zur Zeit der griechischen Tyrannen und der
Troubadoure, neben den Fugen Bachs und den Vasengemälden des Exekias
steht die Kunst der attischen Rede und der französischen Konversation,
die beide wie jede andere Kunst eine strenge und langsam erarbeitete
Konvention und für den einzelnen eine lange und anspruchsvolle Übung
voraussetzen.
Metaphysisch kann die Bedeutung dieser Abtrennung einer starren Sprache
nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die tägliche Gewohnheit des
Verkehrs in festen Formen und die Beherrschung des gesamten Wachseins
durch solche Formen, die nicht mehr empfunden werden, während sie noch
in der Bildung begriffen sind, sondern die ganz einfach da sind und
nun im eigentlichsten Sinne verstanden werden müssen, führt zu einer
immer schärferen Absetzung des Verstehens vom Empfinden innerhalb des
Wachseins. Ein ursprüngliches Sprechen wird verstehend empfunden; der
Gebrauch einer Sprache verlangt ein Empfinden des +bekannten+
Sprachmittels und dann ein Verstehen der ihm +diesmal+ unterlegten
Absicht. Der Kern aller schulmäßigen Erziehung besteht demnach im
Erwerb von +Kenntnissen+. Jede Kirche spricht es laut und deutlich
aus, daß nicht das Gefühl, sondern das Wissen zu ihren Heilsmitteln
führt; jedes echte Künstlertum beruht auf dem sicheren Wissen von
Formen, die der einzelne nicht zu erfinden, sondern zu lernen hat. „Der
Verstand“ ist das Wissen als Wesen gedacht. Er ist das, was dem Blut,
der Rasse, der Zeit durchaus entfremdet ist; aus dem Gegensatz der
starren Sprache zum fließenden Blut, zur werdenden Geschichte entstehen
die +verneinenden+ Ideale des Absoluten, Ewigen, Allgemeingültigen
-- die Ideale der Kirchen und Schulen.
Daraus folgt aber endlich das Unvollkommene aller Sprachen und der
beständige Widerspruch, in dem ihre Anwendung sich zu dem befindet,
was das Sprechen wollte oder sollte. Man darf sagen, daß die Lüge mit
der Trennung der Sprache vom Sprechen in die Welt gekommen ist. Die
Zeichen sind fest, die Bedeutung ist es nicht: das fühlt man zuerst,
dann weiß man es, endlich macht man es sich zunutze. Es ist eine
uralte Erfahrung, daß man etwas sagen will und die Worte „versagen“,
daß man sich falsch ausdrückt und in Wirklichkeit etwas anderes sagt,
als man meint, daß man richtig spricht und falsch verstanden wird.
Endlich entsteht die schon unter Tieren, z. B. Katzen, weit verbreitete
Kunst, „Worte zu gebrauchen, um die Gedanken zu verbergen“. Man sagt
nicht alles, man sagt etwas ganz anderes, man spricht förmlich,
um wenig, man spricht begeistert, um gar nichts gesagt zu haben.
Oder man ahmt die Sprache eines andern nach. Der rotrückige Würger
(_Lanius collurio_) imitiert die Strophen kleiner Singvögel, um
sie anzulocken. Das ist eine allverbreitete Jägerlist, aber sie setzt
feste Motive und Zeichen ebenso voraus, wie die Nachahmung alter
Kunststile oder die Fälschung einer Unterschrift. Und alle diese Züge,
die man in Haltung und Mienenspiel so gut wie in Handschrift und
Aussprache antrifft, kehren in der Sprache jeder Religion, jeder Kunst,
jeder Gesellschaft wieder. Es sei nur an die Begriffe des Heuchlers,
Frömmlers, Ketzers, den englischen _cant_, an den Hintersinn der
Worte Diplomat, Jesuit und Schauspieler, an die Masken und Klugheiten
des gebildeten Verkehrs und an die heutige Malerei erinnert, in der
nichts mehr echt ist und die in jeder Ausstellung alle überhaupt
denkbaren Formen der Lüge im Ausdruck vor Augen führt.
In einer Sprache, die man stammelt, kann man nicht Diplomat sein. In
ihrer Beherrschung liegt aber die Gefahr, das Verhältnis zwischen
Mittel und Bedeutung zu einem neuen Mittel zu machen. Es entsteht die
geistige Kunst, mit dem Ausdruck zu +spielen+. Die Alexandriner
und Romantiker gehören dahin, in der Lyrik Theokrit und Brentano, in
der Musik Reger, in der Religion Kierkegaard.
+Sprache und Wahrheit schließen sich zuletzt aus.+[95] Aber
gerade damit kommt im Zeitalter der starren Sprachen der Typus des
Menschenkenners zur Geltung, der ganz Rasse ist und weiß, was er von
einem sprechenden Wesen zu halten hat. Jemandem scharf ins Auge sehen,
hinter der Sprache einer Volksrede oder philosophischen Abhandlung den
Sprecher, hinter dem Gebet das Herz, hinter dem guten Ton den inneren
gesellschaftlichen Rang erkennen und zwar sofort, unmittelbar, mit der
Selbstverständlichkeit alles Kosmischen, das ist es, was dem echten
Tabumenschen abgeht, der an +eine+ Sprache wenigstens glaubt. Ein
Priester, der zugleich Diplomat ist, kann kein echter Priester sein.
Ein Ethiker vom Schlage Kants ist niemals Menschenkenner.
Wer in seiner Wortsprache lügt, verrät sich in seiner Gebärdensprache,
auf die er nicht achtet. Wer in den Gebärden heuchelt, verrät sich
im Ton. Gerade weil die starre Sprache Mittel und Absicht trennt,
erreicht sie ihr Ziel für den Kennerblick niemals. Wer Kenner ist,
liest zwischen den Zeilen und versteht einen Menschen, sobald er
seinen Gang oder seine Handschrift sieht. Je tiefer und inniger eine
Seelengemeinschaft ist, desto eher verzichtet sie deshalb auf Zeichen,
auf eine Verbindung durch das Wachsein. Eine echte Kameradschaft
versteht sich ohne viel Worte, der echte Glaube schweigt. Das reinste
Sinnbild für ein Einverständnis, welches die Sprache wieder überwunden
hat, ist ein altes bäuerliches Ehepaar, das abends vor dem Hause
sitzt und sich schweigend unterhält. Jeder weiß, was der andere
denkt und fühlt. Worte würden den Einklang nur verwirren. Von diesem
Sich-verstehen reicht irgend etwas tief in die Urgeschichte alles
freibeweglichen Lebens, weit zurück über das Gemeinschaftsleben der
höheren Tierwelt. Hier ist die Erlösung vom Wachsein für Augenblicke
fast erreicht.
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Unter allen starren Zeichen ist keines folgenreicher geworden als das,
welches wir in seinem heutigen Zustand „Wort“ nennen. Es gehört ohne
Zweifel der rein menschlichen Sprachgeschichte an, aber die Vorstellung
„Ursprung der Wortsprache“ ist, so wie sie regelmäßig durchdacht und
behandelt wird, mit allen daran geknüpften Folgerungen ebenso sinnlos
wie die Vorstellung von einem Anfangspunkt der Sprache überhaupt.
Diese besitzt keinen denkbaren Anfang, weil sie mit dem Wesen des
Mikrokosmos zugleich gegeben und in ihm enthalten ist, jene nicht,
weil sie sehr vollkommene Mitteilungssprachen schon voraussetzt, in
deren ruhig fortentwickelter Gestalt sie nur den Rang eines Einzelzuges
hat, der sehr langsam das Übergewicht erhält. Es ist der Fehler so
entgegengesetzter Theorien wie derjenigen Wundts und Jespersens,[96]
daß sie das Sprechen in Worten wie etwas ganz Neues und
Fürsichstehendes untersuchen, was notwendig zu einer durchaus falschen
Psychologie führt. Es ist aber etwas sehr Spätes und Abgezweigtes,
eine letzte Blüte am Stamme der Lautsprachen und nicht etwa ein junges
Gewächs.
Eine reine Wortsprache gibt es in Wirklichkeit überhaupt nicht.
Niemand spricht, ohne außer dem starren Wortbestand in Betonung,
Takt und Mienenspiel noch ganz andere Spracharten anzuwenden, die
viel ursprünglicher und mit der angewendeten Wortsprache im Gebrauch
vollständig verwachsen sind. Man muß sich vor allem hüten, das in
seinem Bau äußerst verwickelte Reich heutiger Wortsprachen für eine
innere Einheit mit einheitlicher Geschichte zu halten. Jede uns
bekannte Wortsprache hat sehr verschiedene Seiten und diese haben
ihre +eigenen+ Schicksale innerhalb der Gesamtgeschichte. Es
gibt keine Sinnesempfindung, die für die Geschichte des Wortgebrauchs
ganz belanglos gewesen wäre. Man muß auch sehr streng zwischen Laut-
und Wortsprache unterscheiden; die erste ist selbst sehr einfachen
Tiergattungen schon geläufig, diese ist zwar nur in einzelnen, aber
desto bedeutsameren Zügen etwas grundsätzlich anderes. In jeder
tierischen Lautsprache sind ferner Ausdrucksmotive (Brunstschrei) und
Mitteilungszeichen (Warnungsschrei) deutlich zu unterscheiden und das
gilt sicherlich auch von den frühesten Worten, aber ist die Wortsprache
nun als Ausdrucks- oder als Mitteilungssprache +entstanden+? War
sie in sehr frühen Zuständen von irgendwelchen Sprachen fürs Auge
(Bild, Geste) verhältnismäßig unabhängig? Auf solche Fragen gibt es
keine Antwort, weil wir von den Vorformen des eigentlichen „Wortes“
keine Ahnung haben. Die Forschung ist recht naiv, wenn sie das, was
wir heute primitive Sprachen nennen und was nur unvollkommene Gebilde
sehr später Sprachzustände sind, zu Schlüssen auf den Ursprung der
Worte benützt. Das Wort ist in ihnen ein längst feststehendes,
hochentwickeltes und selbstverständliches Mittel, aber gerade das gilt
von dem „Ursprung“ +nicht+.
Das Zeichen, mit welchem ohne Zweifel die Möglichkeit zur Ablösung
der künftigen Wortsprachen aus den allgemein tierischen Lautsprachen
gegeben war, nenne ich +Namen+ und verstehe darunter ein
Lautgebilde, das als Kennzeichen eines als wesenhaft empfundenen
Etwas in der Umwelt dient, welches durch die Benennung zum
_numen_ geworden ist. Wie diese ersten Namen beschaffen waren,
darüber nachzudenken ist überflüssig. Keine uns noch erreichbare
Menschensprache gibt den leisesten Anhaltspunkt dafür. Aber das halte
ich im Gegensatz zur modernen Forschung für das Entscheidende: nicht
eine Veränderung des Kehlkopfes oder eine besondere Art der Lautbildung
oder sonst etwas Physiologisches, das in Wirklichkeit Rassemerkmal ist,
liegt hier vor -- wenn dergleichen damals überhaupt eingetreten ist --
und auch nicht eine Steigerung der Ausdrucksfähigkeit der vorhandenen
Mittel, etwa der Übergang vom Wort zum Satz (H. Paul),[97] sondern eine
tiefe Verwandlung der Seele: mit dem Namen ist ein neuer Blick auf die
Welt entstanden. Ist das Sprechen überhaupt aus der Angst geboren,
aus einer unergründlichen Scheu vor den Tatsachen des Wachseins, die
alle Wesen zueinander treibt und die Nähe des andern durch Eindrücke
bezeugt sehen will, so erscheint hier eine mächtige Steigerung. Mit dem
Namen ist gleichsam +der Sinn+ des Wachseins und +die Quelle+
der Angst angerührt worden. Die Welt ist nicht nur da; man fühlt ein
Geheimnis in ihr. Man benennt über alle Zwecke der Ausdrucks- und
Mitteilungssprache hinaus das, +was rätselhaft ist+. Ein Tier
kennt keine Rätsel. Man kann sich die ursprüngliche Namengebung nicht
feierlich und ehrfürchtig genug denken. Man soll den Namen nicht immer
nennen, man soll ihn geheim halten, es liegt eine gefährliche Macht in
ihm. +Mit dem Namen ist der Schritt von der alltäglichen Physik des
Tieres zur Metaphysik des Menschen vollzogen.+ Es war die größte
Wendung in der Geschichte der menschlichen Seele. Die Erkenntnistheorie
pflegt Sprache und Denken nebeneinander zu stellen, und wenn man
allein die heute noch erreichbaren Sprachen beachtet, trifft das zu.
Ich glaube aber, daß man viel tiefer greifen kann: mit den Namen ist
die eigentliche, +bestimmte+ Religion innerhalb einer formlosen,
allgemein religiösen Scheu entstanden. Religion in diesem Sinne
heißt religiöses +Denken+. Es ist die neue Verfassung des
vom Empfinden abgelösten schöpferischen Verstehens. Mit einer sehr
bezeichnenden Wendung sagen wir „+über+ etwas nachdenken“. Mit
dem Verstehen benannter Dinge ist +über+ allem Empfindungswesen
eine +höhere+ Welt in Bildung begriffen, höher in klarer Symbolik
und Beziehung auf die Lage des Kopfes, den der Mensch als die Heimat
seiner Gedanken oft in schmerzhafter Deutlichkeit spürt. Sie gibt
dem Urgefühl der Angst ein Ziel und den Blick auf eine Befreiung.
Von diesem religiösen Urdenken ist alles philosophische, gelehrte,
wissenschaftliche Denken später Zeiten bis in seine letzten Gründe
abhängig geblieben.
Wir haben uns die ersten Namen als ganz vereinzelte Elemente im
Zeichenbestand hoch entwickelter Laut- und Gebärdensprachen zu denken,
von deren Reichtum und Ausdrucksfähigkeit wir keine Vorstellung
mehr besitzen, seit die Wortsprachen alle anderen Mittel von sich
abhängig gemacht und deren Weiterbildung nur in Rücksicht auf sich
selbst geleitet haben.[98] Eins aber war bereits gesichert, als mit
den Namen eine Umwendung und Durchgeistigung der Mitteilungstechnik
begann: die Herrschaft des Auges über die anderen Sinne. Der Mensch
war wach in einem Lichtraum, sein Tiefenerlebnis war eine Ausstrahlung
des Sehens zu den Lichtquellen und Lichtwiderständen, er empfand sein
Ich als einen Mittelpunkt im Lichte. Die Alternative Sichtbares und
Unsichtbares beherrscht durchaus dasjenige Verstehen, in welchem die
ersten Namen entstanden sind. Waren vielleicht die ersten _numina_
Dinge der Lichtwelt, welche man empfand, hörte, in ihren Wirkungen
beobachtete, +aber nicht sah+? Die Gruppe der Namen hat ohne
Zweifel wie alles, was im Weltgeschehen Epoche macht, eine sehr
schnelle und gewaltige Ausbildung erfahren. Die gesamte Lichtwelt, in
der jedes Ding die Eigenschaften der Lage und Dauer im Raume besitzt,
wurde mit allen Spannungen zwischen Ursache und Wirkung, Ding und
Eigenschaft, Ding und Ich sehr bald mit zahllosen Namen bezeichnet
und damit im Gedächtnis befestigt. Denn was wir heute Gedächtnis
nennen, ist die Fähigkeit, +Benanntes+ mittelst der Namen für das
Verstehen aufzubewahren. Es entsteht über dem Reich der verstandenen
Sehdinge ein geistigeres Reich der Benennungen, das mit jenem die
logische Eigenschaft teilt, rein extensiv, polar geordnet und vom
Kausalprinzip beherrscht zu sein. Alle -- sehr viel später entstehenden
-- Wortgebilde wie Kasus, Pronomina, Präpositionen haben einen kausalen
oder lokalen Sinn in bezug auf benannte Einheiten; Adjektiva und
auch Verba sind vielfach in Gegensatzpaaren entstanden; es ist oft
wie in der von Westermann untersuchten Ewesprache anfangs dasselbe
Wort, das tief oder hoch gesprochen wird, um etwa groß und klein,
fern und nah, passiv und aktiv zu bezeichnen. Später geht dieser Rest
von Gebärdensprache ganz in der Wortform auf, wie es im griechischen
μακρός und μικρός und den U-lauten in ägyptischen Bezeichnungen des
Leidens noch deutlich erkennbar ist. Es ist die Form des Denkens in
Gegensätzen, die von gegensätzlichen Wortpaaren ausgehend der gesamten
anorganischen Logik zugrunde liegt und jedes wissenschaftliche Finden
von Wahrheiten zu einer Bewegung in begrifflichen Gegensätzen macht,
unter denen der zwischen einer alten Ansicht als Irrtum und einer neuen
als Wahrheit immer der vorwaltende ist.
Die zweite große Wendung erfolgt +mit dem Entstehen der
Grammatik+. Indem zum Namen der Satz, zum Wortzeichen die
Wortverbindung tritt, wird das Nachdenken -- das Denken in
Wortbeziehungen, nachdem man etwas wahrgenommen hat, wofür es
Wortbezeichnungen gibt -- für den Charakter des menschlichen Wachseins
bestimmend. Es ist eine müßige Frage, ob die Mitteilungssprachen vor
dem Auftreten echter Namen schon wirkliche „Sätze“ enthielten. Der Satz
im +heutigen+ Sinne hat sich zwar aus eigenen Bedingungen und mit
eigenen Epochen innerhalb dieser Sprachen entwickelt, aber er setzt
dennoch das Dasein der Namen +voraus+. Erst die geistige Wendung,
die mit ihrer Geburt eingetreten ist, macht Sätze als gedankliche
Beziehungen möglich. Und zwar müssen wir annehmen, daß in den sehr
entwickelten wortlosen Sprachen, unter fortwährendem Gebrauch, ein Zug
nach dem andern in Wortformen umgesetzt und damit einem mehr und mehr
geschlossenen Gefüge, der Urform aller heutigen Sprachen, eingegliedert
worden ist. Der innere Bau aller Wortsprachen beruht also auf viel
älteren Strukturen und ist in seiner Weiterbildung von dem Wortschatz
und dessen Schicksalen +nicht+ abhängig. Das Umgekehrte ist der
Fall.
Denn mit dem Satzbau verwandelt sich die ursprüngliche Gruppe einzelner
+Namen+ in ein System von +Worten+, deren Charakter nicht
mehr durch ihre eigene, sondern ihre grammatische Bedeutung bestimmt
wird. Der Name tritt als etwas Neues ganz für sich auf. Die Wortarten
aber entstehen als Satzelemente; und nun strömen in unübersehbarer
Menge die Wachseinsinhalte heran, die bezeichnet, in dieser Welt von
Worten vertreten sein wollen, bis zuletzt „alles“ für das Nachdenken in
irgendeiner Weise Wort geworden ist.