Erinnern wir uns hier des Unterschiedes der beiden großen

Sprachgruppen. Eine Ausdruckssprache betrachtet den andern als Zeugen

und erstrebt nur einen Eindruck auf ihn; eine Mitteilungssprache

betrachtet ihn als Mitredner und erwartet eine Antwort. Verstehen

heißt, Eindrücke mit dem eigenen Bedeutungsgefühl empfangen; hierauf

beruht die Wirkung der höchsten menschlichen Ausdruckssprache,

der Kunst.[93] Sich verständigen, Zwiesprache halten bedeutet, im

andern das gleiche Bedeutungsgefühl voraussetzen. Das Element einer

Ausdruckssprache vor Zeugen nennen wir +Motiv+. Die Beherrschung

der Motive ist die Grundlage jeder Ausdruckstechnik. Auf der andern

Seite heißt der zum Zweck der Verständigung erzeugte Eindruck

+Zeichen+ und er bildet das Element jeder Mitteilungstechnik, im

höchsten Falle also der menschlichen Wortsprache.

Von dem Umfang beider Sprachwelten im menschlichen Wachsein macht man

sich heute kaum eine Vorstellung. Zur Ausdruckssprache, die überall

in frühester Zeit mit dem vollen religiösen Ernst des Tabu auftritt,

gehört nicht nur die schwere und strenge Ornamentik, die ursprünglich

mit dem Begriff der Kunst schlechthin zusammenfällt und alle starren

Dinge zu Trägern des Ausdrucks macht, sondern auch das feierliche

Zeremoniell, das mit seinen Formeln das gesamte öffentliche Leben

und selbst noch das der Familie überspinnt,[94] und die „Sprache der

Tracht“, nämlich der Kleidung, der Tätowierung und des Schmuckes,

die eine +einheitliche+ Bedeutung besitzen. Die Forscher des

vorigen Jahrhunderts haben sich vergeblich bemüht, die Kleidung aus

dem Schamgefühl oder aus Zweckmäßigkeitsgründen abzuleiten. Sie

wird nur als Mittel einer Ausdruckssprache verständlich und sie

ist das in großartigster Weise in allen hohen Zivilisationen, auch

heute noch. Man braucht sich nur der das ganze öffentliche Leben

und Treiben beherrschenden Mode, der vorschriftsmäßigen Kleidung

bei allen wichtigen Akten und Festen zu erinnern, der Abstufungen

des Gesellschaftsanzuges, der Brauttracht, der Trauerkleidung, der

militärischen Uniform, des Priesterornates; man denke an Orden und

Abzeichen, Mitra und Tonsur, Allongeperücke und Stock, Puder, Ringe,

Frisuren, an alles mit Bedeutung Verhüllte und Entblößte, an die Tracht

von Mandarinen und Senatoren, Odalisken und Nonnen, an den Hofstaat des

Nero, Saladin und Montezuma, um von den Einzelheiten der Volkstracht

und der Sprache der Blumen, Farben und Edelsteine ganz zu schweigen.

Die Sprache der Religion braucht nicht genannt zu werden, denn alles

dieses +ist+ Religion.

Die Mitteilungssprachen, an denen keine überhaupt denkbare Art der

Sinnesempfindung ganz unbeteiligt ist, haben für den Menschen hoher

Kulturen allmählich drei vorherrschende Zeichen entwickelt, das

Bild, den Laut und die Geste, die sich in der Schriftsprache der

abendländischen Zivilisation zur Einheit von Buchstabe, Wort und

Interpunktion zusammenschließen.

Im Verlauf dieser langen Entwicklung vollzieht sich endlich +die

Ablösung der Sprache vom Sprechen+. Es gibt in der Sprachgeschichte

keinen Vorgang von größerer Tragweite. Ursprünglich sind ohne Zweifel

alle Motive und Zeichen aus dem Augenblick geboren und nur für einen

einzelnen Akt der Wachseinstätigkeit bestimmt. Ihre wirkliche, gefühlte

und also gewollte Bedeutung sind ein und dasselbe. Das Zeichen ist

Bewegung und nicht ein Bewegtes. Sobald aber ein fester Zeichenbestand

dem lebendigen Zeichen-geben +entgegentritt+, wird das anders.

Es löst sich nicht nur die Tätigkeit von ihren Mitteln, sondern auch

+das Mittel von seiner Bedeutung+. Die Einheit beider hört nicht

nur auf etwas Selbstverständliches zu sein, sondern sie wird unmöglich.

Das Bedeutungsgefühl ist lebendig und wie alles, was mit Zeit und

Schicksal zusammenhängt, einmalig und nie wiederkehrend. Kein Zeichen,

und sei es noch so bekannt und gewohnt, wird je in genau derselben

Bedeutung wiederholt. Deshalb kehrte ursprünglich kein Zeichen jemals

in genau derselben Form wieder. Das Reich der starren Zeichen ist etwas

unbedingt Gewordenes und rein Ausgedehntes, +kein Organismus, sondern

ein System+, das seine +eigene, kausale+ Logik besitzt und den

unvereinbaren Gegensatz von Raum und Zeit, Geist und Blut auch in die

Wachseinsverbindung zweier Wesen trägt.

Dieser feste Bestand von Zeichen und Motiven mit seiner vermeintlich

festen Bedeutung muß gelernt und eingeübt werden, wenn man an der

zugehörigen Wachseinsgemeinschaft teilnehmen will. +Zu der vom

Sprechen abgelösten Sprache gehört unvermeidlich der Begriff der

Schule.+ Sie ist unter höheren Tieren vollkommen ausgebildet und

in jeder in sich geschlossenen Religion, in jeder Kunst, in jeder

Gesellschaft die Voraussetzung dafür, daß man wirklich ein Gläubiger,

ein Künstler oder ein Mensch von Erziehung ist. Von hier an gibt es

eine scharfe Grenze für jede Gemeinschaft. Man muß ihre Sprache,

das heißt ihre Glaubenssätze, Sitten, Regeln kennen, um Mitglied

zu sein. Gefühl und guter Wille führen im Kontrapunkt so wenig wie

im Katholizismus zur Seligkeit. Kultur bedeutet eine unerhörte

Steigerung der Tiefe und Strenge der Formensprache auf allen Gebieten;

sie besteht damit für jeden einzelnen, der ihr angehört, als seine

+persönliche+ -- religiöse, sittliche, gesellschaftliche,

künstlerische -- Kultur in einer das ganze Leben ausfüllenden Erziehung

und Schulung +für+ dieses Leben; es wird darum in allen großen

Künsten, in den großen Kirchen, Mysterien und Orden, in der hohen

Gesellschaft vornehmer Stände eine Meisterschaft der Formbeherrschung

erreicht, die zu den Wundern des Menschentums gehört und die an der

Höhe ihrer Forderungen zuletzt zerbricht. Das Wort dafür ist in allen

Kulturen, ob es nun ausgesprochen wird oder nicht, Rückkehr zur Natur.

Diese Meisterschaft erstreckt sich auch auf die Wortsprache; neben

der vornehmen Gesellschaft zur Zeit der griechischen Tyrannen und der

Troubadoure, neben den Fugen Bachs und den Vasengemälden des Exekias

steht die Kunst der attischen Rede und der französischen Konversation,

die beide wie jede andere Kunst eine strenge und langsam erarbeitete

Konvention und für den einzelnen eine lange und anspruchsvolle Übung

voraussetzen.

Metaphysisch kann die Bedeutung dieser Abtrennung einer starren Sprache

nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die tägliche Gewohnheit des

Verkehrs in festen Formen und die Beherrschung des gesamten Wachseins

durch solche Formen, die nicht mehr empfunden werden, während sie noch

in der Bildung begriffen sind, sondern die ganz einfach da sind und

nun im eigentlichsten Sinne verstanden werden müssen, führt zu einer

immer schärferen Absetzung des Verstehens vom Empfinden innerhalb des

Wachseins. Ein ursprüngliches Sprechen wird verstehend empfunden; der

Gebrauch einer Sprache verlangt ein Empfinden des +bekannten+

Sprachmittels und dann ein Verstehen der ihm +diesmal+ unterlegten

Absicht. Der Kern aller schulmäßigen Erziehung besteht demnach im

Erwerb von +Kenntnissen+. Jede Kirche spricht es laut und deutlich

aus, daß nicht das Gefühl, sondern das Wissen zu ihren Heilsmitteln

führt; jedes echte Künstlertum beruht auf dem sicheren Wissen von

Formen, die der einzelne nicht zu erfinden, sondern zu lernen hat. „Der

Verstand“ ist das Wissen als Wesen gedacht. Er ist das, was dem Blut,

der Rasse, der Zeit durchaus entfremdet ist; aus dem Gegensatz der

starren Sprache zum fließenden Blut, zur werdenden Geschichte entstehen

die +verneinenden+ Ideale des Absoluten, Ewigen, Allgemeingültigen

-- die Ideale der Kirchen und Schulen.

Daraus folgt aber endlich das Unvollkommene aller Sprachen und der

beständige Widerspruch, in dem ihre Anwendung sich zu dem befindet,

was das Sprechen wollte oder sollte. Man darf sagen, daß die Lüge mit

der Trennung der Sprache vom Sprechen in die Welt gekommen ist. Die

Zeichen sind fest, die Bedeutung ist es nicht: das fühlt man zuerst,

dann weiß man es, endlich macht man es sich zunutze. Es ist eine

uralte Erfahrung, daß man etwas sagen will und die Worte „versagen“,

daß man sich falsch ausdrückt und in Wirklichkeit etwas anderes sagt,

als man meint, daß man richtig spricht und falsch verstanden wird.

Endlich entsteht die schon unter Tieren, z. B. Katzen, weit verbreitete

Kunst, „Worte zu gebrauchen, um die Gedanken zu verbergen“. Man sagt

nicht alles, man sagt etwas ganz anderes, man spricht förmlich,

um wenig, man spricht begeistert, um gar nichts gesagt zu haben.

Oder man ahmt die Sprache eines andern nach. Der rotrückige Würger

(_Lanius collurio_) imitiert die Strophen kleiner Singvögel, um

sie anzulocken. Das ist eine allverbreitete Jägerlist, aber sie setzt

feste Motive und Zeichen ebenso voraus, wie die Nachahmung alter

Kunststile oder die Fälschung einer Unterschrift. Und alle diese Züge,

die man in Haltung und Mienenspiel so gut wie in Handschrift und

Aussprache antrifft, kehren in der Sprache jeder Religion, jeder Kunst,

jeder Gesellschaft wieder. Es sei nur an die Begriffe des Heuchlers,

Frömmlers, Ketzers, den englischen _cant_, an den Hintersinn der

Worte Diplomat, Jesuit und Schauspieler, an die Masken und Klugheiten

des gebildeten Verkehrs und an die heutige Malerei erinnert, in der

nichts mehr echt ist und die in jeder Ausstellung alle überhaupt

denkbaren Formen der Lüge im Ausdruck vor Augen führt.

In einer Sprache, die man stammelt, kann man nicht Diplomat sein. In

ihrer Beherrschung liegt aber die Gefahr, das Verhältnis zwischen

Mittel und Bedeutung zu einem neuen Mittel zu machen. Es entsteht die

geistige Kunst, mit dem Ausdruck zu +spielen+. Die Alexandriner

und Romantiker gehören dahin, in der Lyrik Theokrit und Brentano, in

der Musik Reger, in der Religion Kierkegaard.

+Sprache und Wahrheit schließen sich zuletzt aus.+[95] Aber

gerade damit kommt im Zeitalter der starren Sprachen der Typus des

Menschenkenners zur Geltung, der ganz Rasse ist und weiß, was er von

einem sprechenden Wesen zu halten hat. Jemandem scharf ins Auge sehen,

hinter der Sprache einer Volksrede oder philosophischen Abhandlung den

Sprecher, hinter dem Gebet das Herz, hinter dem guten Ton den inneren

gesellschaftlichen Rang erkennen und zwar sofort, unmittelbar, mit der

Selbstverständlichkeit alles Kosmischen, das ist es, was dem echten

Tabumenschen abgeht, der an +eine+ Sprache wenigstens glaubt. Ein

Priester, der zugleich Diplomat ist, kann kein echter Priester sein.

Ein Ethiker vom Schlage Kants ist niemals Menschenkenner.

Wer in seiner Wortsprache lügt, verrät sich in seiner Gebärdensprache,

auf die er nicht achtet. Wer in den Gebärden heuchelt, verrät sich

im Ton. Gerade weil die starre Sprache Mittel und Absicht trennt,

erreicht sie ihr Ziel für den Kennerblick niemals. Wer Kenner ist,

liest zwischen den Zeilen und versteht einen Menschen, sobald er

seinen Gang oder seine Handschrift sieht. Je tiefer und inniger eine

Seelengemeinschaft ist, desto eher verzichtet sie deshalb auf Zeichen,

auf eine Verbindung durch das Wachsein. Eine echte Kameradschaft

versteht sich ohne viel Worte, der echte Glaube schweigt. Das reinste

Sinnbild für ein Einverständnis, welches die Sprache wieder überwunden

hat, ist ein altes bäuerliches Ehepaar, das abends vor dem Hause

sitzt und sich schweigend unterhält. Jeder weiß, was der andere

denkt und fühlt. Worte würden den Einklang nur verwirren. Von diesem

Sich-verstehen reicht irgend etwas tief in die Urgeschichte alles

freibeweglichen Lebens, weit zurück über das Gemeinschaftsleben der

höheren Tierwelt. Hier ist die Erlösung vom Wachsein für Augenblicke

fast erreicht.

11

Unter allen starren Zeichen ist keines folgenreicher geworden als das,

welches wir in seinem heutigen Zustand „Wort“ nennen. Es gehört ohne

Zweifel der rein menschlichen Sprachgeschichte an, aber die Vorstellung

„Ursprung der Wortsprache“ ist, so wie sie regelmäßig durchdacht und

behandelt wird, mit allen daran geknüpften Folgerungen ebenso sinnlos

wie die Vorstellung von einem Anfangspunkt der Sprache überhaupt.

Diese besitzt keinen denkbaren Anfang, weil sie mit dem Wesen des

Mikrokosmos zugleich gegeben und in ihm enthalten ist, jene nicht,

weil sie sehr vollkommene Mitteilungssprachen schon voraussetzt, in

deren ruhig fortentwickelter Gestalt sie nur den Rang eines Einzelzuges

hat, der sehr langsam das Übergewicht erhält. Es ist der Fehler so

entgegengesetzter Theorien wie derjenigen Wundts und Jespersens,[96]

daß sie das Sprechen in Worten wie etwas ganz Neues und

Fürsichstehendes untersuchen, was notwendig zu einer durchaus falschen

Psychologie führt. Es ist aber etwas sehr Spätes und Abgezweigtes,

eine letzte Blüte am Stamme der Lautsprachen und nicht etwa ein junges

Gewächs.

Eine reine Wortsprache gibt es in Wirklichkeit überhaupt nicht.

Niemand spricht, ohne außer dem starren Wortbestand in Betonung,

Takt und Mienenspiel noch ganz andere Spracharten anzuwenden, die

viel ursprünglicher und mit der angewendeten Wortsprache im Gebrauch

vollständig verwachsen sind. Man muß sich vor allem hüten, das in

seinem Bau äußerst verwickelte Reich heutiger Wortsprachen für eine

innere Einheit mit einheitlicher Geschichte zu halten. Jede uns

bekannte Wortsprache hat sehr verschiedene Seiten und diese haben

ihre +eigenen+ Schicksale innerhalb der Gesamtgeschichte. Es

gibt keine Sinnesempfindung, die für die Geschichte des Wortgebrauchs

ganz belanglos gewesen wäre. Man muß auch sehr streng zwischen Laut-

und Wortsprache unterscheiden; die erste ist selbst sehr einfachen

Tiergattungen schon geläufig, diese ist zwar nur in einzelnen, aber

desto bedeutsameren Zügen etwas grundsätzlich anderes. In jeder

tierischen Lautsprache sind ferner Ausdrucksmotive (Brunstschrei) und

Mitteilungszeichen (Warnungsschrei) deutlich zu unterscheiden und das

gilt sicherlich auch von den frühesten Worten, aber ist die Wortsprache

nun als Ausdrucks- oder als Mitteilungssprache +entstanden+? War

sie in sehr frühen Zuständen von irgendwelchen Sprachen fürs Auge

(Bild, Geste) verhältnismäßig unabhängig? Auf solche Fragen gibt es

keine Antwort, weil wir von den Vorformen des eigentlichen „Wortes“

keine Ahnung haben. Die Forschung ist recht naiv, wenn sie das, was

wir heute primitive Sprachen nennen und was nur unvollkommene Gebilde

sehr später Sprachzustände sind, zu Schlüssen auf den Ursprung der

Worte benützt. Das Wort ist in ihnen ein längst feststehendes,

hochentwickeltes und selbstverständliches Mittel, aber gerade das gilt

von dem „Ursprung“ +nicht+.

Das Zeichen, mit welchem ohne Zweifel die Möglichkeit zur Ablösung

der künftigen Wortsprachen aus den allgemein tierischen Lautsprachen

gegeben war, nenne ich +Namen+ und verstehe darunter ein

Lautgebilde, das als Kennzeichen eines als wesenhaft empfundenen

Etwas in der Umwelt dient, welches durch die Benennung zum

_numen_ geworden ist. Wie diese ersten Namen beschaffen waren,

darüber nachzudenken ist überflüssig. Keine uns noch erreichbare

Menschensprache gibt den leisesten Anhaltspunkt dafür. Aber das halte

ich im Gegensatz zur modernen Forschung für das Entscheidende: nicht

eine Veränderung des Kehlkopfes oder eine besondere Art der Lautbildung

oder sonst etwas Physiologisches, das in Wirklichkeit Rassemerkmal ist,

liegt hier vor -- wenn dergleichen damals überhaupt eingetreten ist --

und auch nicht eine Steigerung der Ausdrucksfähigkeit der vorhandenen

Mittel, etwa der Übergang vom Wort zum Satz (H. Paul),[97] sondern eine

tiefe Verwandlung der Seele: mit dem Namen ist ein neuer Blick auf die

Welt entstanden. Ist das Sprechen überhaupt aus der Angst geboren,

aus einer unergründlichen Scheu vor den Tatsachen des Wachseins, die

alle Wesen zueinander treibt und die Nähe des andern durch Eindrücke

bezeugt sehen will, so erscheint hier eine mächtige Steigerung. Mit dem

Namen ist gleichsam +der Sinn+ des Wachseins und +die Quelle+

der Angst angerührt worden. Die Welt ist nicht nur da; man fühlt ein

Geheimnis in ihr. Man benennt über alle Zwecke der Ausdrucks- und

Mitteilungssprache hinaus das, +was rätselhaft ist+. Ein Tier

kennt keine Rätsel. Man kann sich die ursprüngliche Namengebung nicht

feierlich und ehrfürchtig genug denken. Man soll den Namen nicht immer

nennen, man soll ihn geheim halten, es liegt eine gefährliche Macht in

ihm. +Mit dem Namen ist der Schritt von der alltäglichen Physik des

Tieres zur Metaphysik des Menschen vollzogen.+ Es war die größte

Wendung in der Geschichte der menschlichen Seele. Die Erkenntnistheorie

pflegt Sprache und Denken nebeneinander zu stellen, und wenn man

allein die heute noch erreichbaren Sprachen beachtet, trifft das zu.

Ich glaube aber, daß man viel tiefer greifen kann: mit den Namen ist

die eigentliche, +bestimmte+ Religion innerhalb einer formlosen,

allgemein religiösen Scheu entstanden. Religion in diesem Sinne

heißt religiöses +Denken+. Es ist die neue Verfassung des

vom Empfinden abgelösten schöpferischen Verstehens. Mit einer sehr

bezeichnenden Wendung sagen wir „+über+ etwas nachdenken“. Mit

dem Verstehen benannter Dinge ist +über+ allem Empfindungswesen

eine +höhere+ Welt in Bildung begriffen, höher in klarer Symbolik

und Beziehung auf die Lage des Kopfes, den der Mensch als die Heimat

seiner Gedanken oft in schmerzhafter Deutlichkeit spürt. Sie gibt

dem Urgefühl der Angst ein Ziel und den Blick auf eine Befreiung.

Von diesem religiösen Urdenken ist alles philosophische, gelehrte,

wissenschaftliche Denken später Zeiten bis in seine letzten Gründe

abhängig geblieben.

Wir haben uns die ersten Namen als ganz vereinzelte Elemente im

Zeichenbestand hoch entwickelter Laut- und Gebärdensprachen zu denken,

von deren Reichtum und Ausdrucksfähigkeit wir keine Vorstellung

mehr besitzen, seit die Wortsprachen alle anderen Mittel von sich

abhängig gemacht und deren Weiterbildung nur in Rücksicht auf sich

selbst geleitet haben.[98] Eins aber war bereits gesichert, als mit

den Namen eine Umwendung und Durchgeistigung der Mitteilungstechnik

begann: die Herrschaft des Auges über die anderen Sinne. Der Mensch

war wach in einem Lichtraum, sein Tiefenerlebnis war eine Ausstrahlung

des Sehens zu den Lichtquellen und Lichtwiderständen, er empfand sein

Ich als einen Mittelpunkt im Lichte. Die Alternative Sichtbares und

Unsichtbares beherrscht durchaus dasjenige Verstehen, in welchem die

ersten Namen entstanden sind. Waren vielleicht die ersten _numina_

Dinge der Lichtwelt, welche man empfand, hörte, in ihren Wirkungen

beobachtete, +aber nicht sah+? Die Gruppe der Namen hat ohne

Zweifel wie alles, was im Weltgeschehen Epoche macht, eine sehr

schnelle und gewaltige Ausbildung erfahren. Die gesamte Lichtwelt, in

der jedes Ding die Eigenschaften der Lage und Dauer im Raume besitzt,

wurde mit allen Spannungen zwischen Ursache und Wirkung, Ding und

Eigenschaft, Ding und Ich sehr bald mit zahllosen Namen bezeichnet

und damit im Gedächtnis befestigt. Denn was wir heute Gedächtnis

nennen, ist die Fähigkeit, +Benanntes+ mittelst der Namen für das

Verstehen aufzubewahren. Es entsteht über dem Reich der verstandenen

Sehdinge ein geistigeres Reich der Benennungen, das mit jenem die

logische Eigenschaft teilt, rein extensiv, polar geordnet und vom

Kausalprinzip beherrscht zu sein. Alle -- sehr viel später entstehenden

-- Wortgebilde wie Kasus, Pronomina, Präpositionen haben einen kausalen

oder lokalen Sinn in bezug auf benannte Einheiten; Adjektiva und

auch Verba sind vielfach in Gegensatzpaaren entstanden; es ist oft

wie in der von Westermann untersuchten Ewesprache anfangs dasselbe

Wort, das tief oder hoch gesprochen wird, um etwa groß und klein,

fern und nah, passiv und aktiv zu bezeichnen. Später geht dieser Rest

von Gebärdensprache ganz in der Wortform auf, wie es im griechischen

μακρός und μικρός und den U-lauten in ägyptischen Bezeichnungen des

Leidens noch deutlich erkennbar ist. Es ist die Form des Denkens in

Gegensätzen, die von gegensätzlichen Wortpaaren ausgehend der gesamten

anorganischen Logik zugrunde liegt und jedes wissenschaftliche Finden

von Wahrheiten zu einer Bewegung in begrifflichen Gegensätzen macht,

unter denen der zwischen einer alten Ansicht als Irrtum und einer neuen

als Wahrheit immer der vorwaltende ist.

Die zweite große Wendung erfolgt +mit dem Entstehen der

Grammatik+. Indem zum Namen der Satz, zum Wortzeichen die

Wortverbindung tritt, wird das Nachdenken -- das Denken in

Wortbeziehungen, nachdem man etwas wahrgenommen hat, wofür es

Wortbezeichnungen gibt -- für den Charakter des menschlichen Wachseins

bestimmend. Es ist eine müßige Frage, ob die Mitteilungssprachen vor

dem Auftreten echter Namen schon wirkliche „Sätze“ enthielten. Der Satz

im +heutigen+ Sinne hat sich zwar aus eigenen Bedingungen und mit

eigenen Epochen innerhalb dieser Sprachen entwickelt, aber er setzt

dennoch das Dasein der Namen +voraus+. Erst die geistige Wendung,

die mit ihrer Geburt eingetreten ist, macht Sätze als gedankliche

Beziehungen möglich. Und zwar müssen wir annehmen, daß in den sehr

entwickelten wortlosen Sprachen, unter fortwährendem Gebrauch, ein Zug

nach dem andern in Wortformen umgesetzt und damit einem mehr und mehr

geschlossenen Gefüge, der Urform aller heutigen Sprachen, eingegliedert

worden ist. Der innere Bau aller Wortsprachen beruht also auf viel

älteren Strukturen und ist in seiner Weiterbildung von dem Wortschatz

und dessen Schicksalen +nicht+ abhängig. Das Umgekehrte ist der

Fall.

Denn mit dem Satzbau verwandelt sich die ursprüngliche Gruppe einzelner

+Namen+ in ein System von +Worten+, deren Charakter nicht

mehr durch ihre eigene, sondern ihre grammatische Bedeutung bestimmt

wird. Der Name tritt als etwas Neues ganz für sich auf. Die Wortarten

aber entstehen als Satzelemente; und nun strömen in unübersehbarer

Menge die Wachseinsinhalte heran, die bezeichnet, in dieser Welt von

Worten vertreten sein wollen, bis zuletzt „alles“ für das Nachdenken in

irgendeiner Weise Wort geworden ist.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 15 / 62 段