Von dem Chaotischen im Gesamtausdruck des menschlichen Leibes macht

man sich offenbar keine Vorstellung. Abgesehen vom Geruch, der

z. B. für den Chinesen ein charakteristisches Kennzeichen der Rasse

bildet, und vom Gehör, welches im Sprechen, Singen und vor allem

im Lachen gefühlsmäßig tiefe Unterschiede feststellt, die keiner

wissenschaftlichen Methode zugänglich sind, ist der Bildbefund fürs

Auge so verwirrend reich an wirklich sichtbaren und an für den tieferen

Blick sozusagen fühlbaren Einzelheiten, daß an eine Zusammenfassung

nach wenigen Gesichtspunkten gar nicht zu denken ist. Und alle diese

Seiten und Züge im Bilde sind unabhängig voneinander und haben ihre

eigene Geschichte. Es gibt Fälle, wo der Knochenbau und vor allem

die Schädelform sich vollkommen verändert, ohne daß der Ausdruck der

Fleischteile, also des Gesichtes, anders würde. Die Geschwister ein

und derselben Familie können fast alle unterscheidenden Merkmale

nach Blumenbach, Müller und Huxley darstellen und ihr lebendiger

Rasseausdruck ist doch für jeden Beobachter völlig der gleiche. Noch

viel häufiger ist die Gleichheit im Körperbau bei einer durchgreifenden

Verschiedenheit des lebendigen Ausdrucks. Ich brauche nur an den

unermeßlichen Unterschied zwischen einer echten Bauernrasse wie

den Friesen oder Bretonen und echter Stadtrassen zu erinnern.[91]

Aber zur Energie des Blutes, das durch Jahrhunderte immer wieder

dieselben leiblichen Züge prägt -- „Familienzüge“ -- und der Macht des

Bodens -- „Menschenschlag“ -- tritt noch jene rätselhafte kosmische

Kraft des gleichen Taktes eng verbundener Gemeinschaften. Was man

das Versehen der Schwangeren nennt, ist nur eine wenig bedeutende

Einzelheit aus einem der tiefsten und mächtigsten Gestaltungsprinzipien

alles Rassehaften. Daß greise Eheleute nach einem langen innigen

Zusammenleben sich überraschend ähnlich geworden sind, hat jeder

schon gesehen, obwohl die messende Wissenschaft ihm vielleicht das

Gegenteil „beweisen“ würde. Man kann die Gestaltungskraft dieses

lebendigen Taktes, dieses starken innerlichen Gefühls für die

Vollkommenheit des eigenen Typus gar nicht hoch genug anschlagen.

Das Gefühl für Rasseschönheit -- im Gegensatz zu dem sehr bewußten

Geschmack reifer Stadtmenschen für geistig-individuelle Schönheitszüge

-- ist unter ursprünglichen Menschen ungeheuer stark und kommt ihnen

eben deshalb gar nicht zum Bewußtsein. Ein solches Gefühl ist aber

+rassebildend+. Es hat ohne Zweifel den Krieger- und Heldentypus

von Wanderstämmen immer reiner +auf ein leibliches Ideal+

hin geprägt, so daß es einen Sinn gehabt hätte, vom Rassebild des

Normannen oder Ostgoten zu sprechen, und dasselbe ist bei jedem

alten Adel der Fall, der sich stark und innig als Einheit fühlt und

eben damit ganz unbewußt zur Ausbildung eines körperlichen Ideals

gelangt. Kameradschaft züchtet Rassen. Französische _noblesse_

und preußischer Landadel sind echte Rassebezeichnungen. Aber gerade

das hat auch den Typus des europäischen Juden mit seiner ungeheuren

Rasse-Energie in einem tausendjährigen Ghettodasein herangezüchtet

und wird immer wieder eine Bevölkerung zu einer Rasse schmieden,

sobald sie sich einem Schicksal gegenüber seelisch für lange Zeit fest

aneinander schließt. Wo es ein Rasse-Ideal gibt, und das ist in jeder

frühen Kultur, in der vedischen, homerischen, staufischen Ritterzeit

im höchsten Grade der Fall gewesen, da bewirkt die Sehnsucht einer

herrschenden Klasse nach diesem Ideal, der Wille, so und nicht anders

zu sein, ganz unabhängig von der Wahl der Frauen, daß dieses Ideal

sich endlich verwirklicht. Und dazu kommt noch eine zahlenmäßige

Erwägung, die bei weitem nicht genug beachtet wird. Jeder heute lebende

Mensch hat um das Jahr 1300 schon eine Million, um das Jahr 1000 eine

Milliarde Ahnen. Diese Tatsache besagt, daß jeder lebende Deutsche mit

jedem Europäer der Kreuzzüge ohne Ausnahme blutsverwandt ist und daß

sich dies, je enger man die Landschaftsgrenze zieht, zu einer hundert-

und tausendfachen Verwandtschaft steigert, so daß die Bevölkerung eines

Landes im Verlaufe von kaum zwanzig Generationen +zu einer einzigen

Familie+ zusammengewachsen ist; und das führt ebenso wie die Wahl

und Stimme des durch die Geschlechter kreisenden Blutes, welches immer

wieder Rassemenschen zueinander treibt, die Ehe löst und bricht und

alle Widerstände der Sitte mit List und Gewalt überwindet, zu zahllosen

Zeugungen, die ganz unbewußt +den Willen der Rasse+ erfüllen.

Das sind erst die pflanzenhaften Rassezüge, die „+Physiognomie der

Lage+“ unter Absehen von der Bewegung des Beweglichen, also alles,

was den lebendigen und toten Tierleib +nicht+ unterscheidet und

was auch in den starren Teilen ausgedrückt sein muß. Ohne Zweifel

liegt im Wuchs einer Steineiche und italienischen Pappel und dem

eines Menschen -- „gedrungen“, „schlank“, „schmächtig“ -- etwas

Gleichartiges. Und ebenso ist die Rückenlinie eines Dromedars und

die Zeichnung eines Tiger- oder Zebrafelles ein pflanzenhaftes

Rassemerkmal. Dahin gehört auch die Wirkung von Bewegungen, welche

die Natur +an und mit einem Wesen+ vornimmt. Eine Birke oder ein

zartes Kind, die sich im Winde biegen, eine Eiche mit zersplitterter

Krone, das ruhige Kreisen oder ängstliche Flattern von Vögeln im Sturm

gehört zur Pflanzenseite der Rasse. Aber auf welcher Seite stehen

solche Merkmale +in dem Kampf zwischen Blut und Boden+ um die

innere Form einer „verpflanzten“ Tier- oder Menschenart? Und wieviel

von der Gestalt der Seele, der Sitte, des Hauses gehört hierher?

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, sobald man den Eindruck des

rein Tierhaften ins Auge faßt. Es handelt sich, wenn man sich des

Unterschiedes vom pflanzenhaften Dasein und tierhaften Wachsein

erinnert, nicht um das Wachsein selbst und seine Sprache, sondern

darum, daß hier Kosmisches und Mikrokosmisches einen frei beweglichen

Leib bilden, einen Mikrokosmos im Verhältnis zu einem Makrokosmos,

dessen selbständiges Leben und Tun einen ganz eigenen Ausdruck besitzt,

der sich zum Teil der Organe des Wachseins bedient und der wie bei

Korallentieren mit der Beweglichkeit großenteils wieder verloren geht.

Wenn der Rasseausdruck der Pflanze ganz vorwiegend in der Physiognomie

der Lage besteht, so liegt der tierhafte Ausdruck in einer

+Physiognomie der Bewegung+, nämlich in der Gestalt, insofern sie

sich bewegt, in der Bewegung selbst und in der Form der Glieder,

soweit sie den Sinn der Bewegung darstellen. Von diesem Rasseausdruck

offenbart ein schlafendes Tier sehr vieles nicht, ein totes, dessen

Teile der Forscher wissenschaftlich untersucht, noch viel weniger,

der Knochenbau eines Wirbeltieres fast nichts mehr. Deshalb sind für

Wirbeltiere die Gelenke ausdrucksvoller als die Knochen, deshalb

die Gliedmaßen der eigentliche Sitz des Ausdrucks im Gegensatz zu

den Rippen und Schädelknochen -- nur das Gebiß macht eine Ausnahme,

weil es in seinem Aufbau den Charakter der tierischen Ernährung

zeigt, während die Ernährung der Pflanze ein bloßer +Naturvorgang+

ist -- deshalb das Insektenskelett, weil es den Körper umkleidet,

ausdrucksvoller als das Vogelskelett, das ihn nur hält. Es sind vor

allem die Organe des äußeren Keimblattes, die mit steigender Kraft den

Rasseausdruck in sich sammeln, nicht das Auge an sich nach Form und

Farbe, sondern +der Blick+, +der Gesichtsausdruck+, der Mund, weil

er durch die Gewohnheit des Sprechens den Ausdruck des Verstehens

trägt, überhaupt nicht der Schädel, sondern der „+Kopf+“ mit seinen

nur durch das Fleisch gebildeten Linien, der ganz eigentlich der Sitz

der nichtpflanzlichen Seite des Lebens geworden ist. Man bedenke,

woraufhin man dort Orchideen oder Rosen und hier Pferde oder Hunde

züchtet und woraufhin man eine Menschenart am liebsten züchten möchte.

Aber diese Physiognomie ergibt sich, es sei noch einmal gesagt, nicht

aus der mathematischen Form der sichtbaren Teile, sondern einzig und

allein aus dem Ausdruck der Bewegung. Wenn wir den Rasseausdruck eines

unbewegten Menschen auf den ersten Blick begreifen, so beruht das auf

einer Erfahrung des Auges, das in den Gliedern schon die zugehörige

Bewegung sieht. Die wirkliche Rasseerscheinung eines Wisent, einer

Forelle, eines Königsadlers läßt sich nicht durch die Aufzählung

der Umrisse und Maße wiedergeben, und sie würde nie auf bildende

Künstler eine so tiefe Anziehungskraft ausgeübt haben, wenn nicht das

Geheimnis der Rasse +erst durch die Seele+ im Kunstwerk und nicht

schon durch die Nachahmung des Sichtbaren sich offenbarte. Man muß

es sehen und sehend fühlen, wie die ungeheure Energie dieses Lebens

sich in Kopf und Nacken zusammendrängt, aus dem geröteten Auge redet,

aus dem kurzen gedrungenen Horn, aus dem Adlerschnabel, dem Profil

des Raubvogelkopfes, was alles durch eine Wortsprache verstandesmäßig

nicht mitzuteilen und nur durch die Sprache einer Kunst für andere

auszudrücken ist.

Aber mit den Merkmalen dieser edelsten Tierarten sind wir schon dem

Rassebegriff ganz nahe gekommen, der innerhalb des Typus Mensch

Unterschiede schafft, die über die pflanzenhaften und tierhaften

hinausgehen, die geistiger sind und eben deshalb den Mitteln der

Wissenschaft noch viel weniger zugänglich als diese. Die groben

Merkmale des Knochenbaues haben überhaupt keine selbständige Bedeutung

mehr. Schon Retzius († 1860) hat dem Glauben Blumenbachs ein Ende

gemacht, daß Rasse und Schädelbildung übereinstimmen, und J. Ranke

faßt seine Ergebnisse so zusammen: „Was die Menschheit bezüglich ihrer

verschiedenen Schädelformen im ganzen darstellt, das stellt jeder

Volksstamm, ja oft schon jede größere Gemeinde eines solchen im kleinen

dar: eine Vereinigung der verschiedenen Schädelformen, die Extreme

vermittelt durch auf das feinste abgestufte Zwischenformen.“[92]

Ohne Zweifel lassen sich ideale Grundformen heraussuchen, aber man

sollte sich eingestehen, daß es Ideale sind und daß trotz aller

objektiven Meßmethoden der Geschmack hier die wirklichen Grenzen

zieht und Einteilungen trifft. Viel wichtiger als alle Versuche,

ein Ordnungsprinzip zu entdecken, ist die Tatsache, daß innerhalb

der einheitlichen Rasse Mensch alle diese Formen von der frühesten

Eiszeit an sämtlich vorkommen, sich nicht merklich verändert haben und

unterschiedslos sogar in denselben Familien auftreten. Das einzige

gesicherte Ergebnis der Wissenschaft ist die Beobachtung Rankes, wonach

bei einer Anordnung der Schädelformen in Reihen mit Uebergängen gewisse

Durchschnittsziffern ein Merkmal nicht der „Rasse“, wohl aber der

Landschaft sind.

In der Tat verträgt sich der Rasseausdruck eines Menschenkopfes mit

jeder überhaupt denkbaren Schädelform. Das Entscheidende sind nicht die

Knochen, sondern das Fleisch, der Blick, das Mienenspiel. Es wird seit

der Romantik von einer indogermanischen Rasse gesprochen. Aber gibt es

Arier- und Semiten+schädel+? Kann man Kelten- und Franken- oder

auch nur Buren- und Kaffernschädel unterscheiden? Wenn aber nicht, was

für eine Rassegeschichte kann dann ohne irgendein Zeugnis für uns über

die Erde gegangen sein, die uns nichts als Knochen aufbewahrt hat.

Wie gleichgültig diese für das sind, was wir unter höheren Menschen

Rasse nennen, ließe sich durch einen drastischen Versuch zeigen: man

beobachte Menschen von den denkbar stärksten Rasseunterschieden durch

einen Röntgenapparat und stelle sich dabei geistig auf die „Rasse“

ein. Es wird ein geradezu lächerlicher Eindruck sein, wie mit der

Durchleuchtung die „Rasse“ plötzlich vollständig verschwunden ist.

Und das wenige, was am Knochenbau bezeichnend bleibt, ist, es muß

immer wieder betont werden, ein Gewächs der Landschaft und nicht

eine Funktion des Blutes. Elliot Smith hat in Ägypten, v. Luschan

auf Kreta ein ungeheures Material aus Gräbern von der Steinzeit bis

zur Gegenwart untersucht. Es sind von den „Seevölkern“ um die Mitte

des 2. Jahrtausends v. Chr. bis zu den Arabern und Türken immer neue

Menschenströme über diese Gebiete gegangen, aber der durchschnittliche

Knochenbau blieb unverändert. Die „Rasse“ wanderte gewissermaßen

als Fleisch über die feststehende Skelettform des Bodens hin. Im

Alpengebiet sitzen heute germanische, romanische und slawische „Völker“

der verschiedensten Abstammung und man braucht nur den Blick rückwärts

zu wenden, um hier immer neue Stämme, darunter Etrusker und Hunnen zu

entdecken, aber der Knochenbau ist in der menschlichen Gestalt überall

und immer wieder derselbe geworden und verliert sich allenthalben nach

dem Flachlande in andere, ebenso feststehende Formen. Deshalb beweisen

die berühmten prähistorischen Knochenfunde vom Neandertalschädel bis

zum _homo Aurignacensis_ für die Rasse und die Rassewanderungen

des primitiven Menschen nicht das geringste. Sie zeigen -- wenn man von

gewissen Schlüssen aus der Gestalt des Kiefers auf die Ernährungsweise

absieht -- lediglich die Grundform des Landes an, die man heute noch

dort findet.

Es ist dieselbe geheimnisvolle Kraft des Bodens, die sich in jedem

lebenden Wesen nachweisen läßt, sobald man ein Kennzeichen findet, das

von den plump zugreifenden Methoden des darwinistischen Zeitalters

nicht abhängig ist. Die Römer haben den Weinstock vom Süden an den

Rhein gebracht und er hat sich dort gewiß nicht sichtbar, nämlich

botanisch verändert. Aber hier läßt sich die „Rasse“ einmal mit andern

Mitteln feststellen. Es gibt einen bodenständigen Unterschied nicht

nur zwischen Südwein und Nordwein, zwischen Rhein- und Moselwein,

sondern auch noch für jede einzelne Lage an jedem einzelnen Berghange.

Und dasselbe gilt von jeder edlen Obstrasse, vom Tee und vom Tabak.

Dies Aroma, ein echtes Gewächs der Landschaft, gehört zu den nicht

meßbaren und deshalb um so bedeutungsvolleren Merkmalen echter

Rasse. Edle Menschenrassen unterscheiden sich aber in ganz derselben

geistigen Weise wie edle Weine. Ein gleiches Element, das sich nur

dem zartesten Nachfühlen erschließt, ein leises Aroma in jeder Form

verbindet unterhalb aller hohen Kultur in Toskana die Etrusker mit der

Renaissance, am Tigris die Sumerer von 3000, die Perser von 500 und die

anderen Perser der islamischen Zeit.

Alles dieses kann für eine messende und wägende Wissenschaft nicht

erreichbar sein. Es ist für das Fühlen mit untrüglicher Gewißheit und

auf den ersten Blick da, aber nicht für die gelehrte Betrachtung. Ich

komme also zu dem Schluß, daß Rasse ebenso wie Zeit und Schicksal etwas

ist, etwas für alle Lebensfragen ganz Entscheidendes, wovon jeder

Mensch klar und deutlich weiß, solange er nicht den Versuch macht, es

durch verstandesmäßige und also entseelende Zergliederung und Ordnung

begreifen zu wollen. Rasse, Zeit und Schicksal gehören zusammen. In

dem Augenblick, wo das wissenschaftliche Denken sich ihnen nähert,

erhält das Wort Zeit die Bedeutung von Dimension, das Wort Schicksal

die von Kausalverkettung und Rasse; wofür wir eben noch ein sehr

sicheres Gefühl besaßen, wird zu einem unübersehbaren Wirrwarr ganz

verschiedener und verschiedenartiger Merkmale, die nach Landschaften,

Zeiten, Kulturen, Stämmen regellos durcheinanderlaufen. Einige klammern

sich dauernd und zäh an einen Stamm und lassen sich forttragen, andere

gleiten wie Wolkenschatten über eine Bevölkerung dahin und manche

sind wie Dämonen des Landes, die von jedem Besitz ergreifen, solange

er sich dort aufhält. Einige schließen sich aus und andere suchen

sich. Eine feste Einteilung der Rassen, der Ehrgeiz aller Völkerkunde,

ist unmöglich. Der bloße Versuch widerspricht schon dem Wesen des

Rassemäßigen, und jeder überhaupt denkbare systematische Entwurf ist

eine unvermeidliche Fälschung und Verkennung dessen, worauf es ankommt.

Rasse ist, im Gegensatz zu Sprache, durch und durch unsystematisch.

Zuletzt hat jeder einzelne Mensch und jeder Augenblick seines Daseins

seine eigene Rasse. Deshalb ist das einzige Mittel, der totemistischen

Lebensseite nahe zu kommen, nicht die Einteilung, sondern der

physiognomische Takt.

10

Wer in das Wesen der Sprache eindringen will, der lasse alle gelehrten

Wortuntersuchungen beiseite und beobachte, wie ein Jäger mit seinem

Hunde spricht. Der Hund folgt dem ausgestreckten Finger; er horcht

angespannt auf die Wortklänge und schüttelt dann den Kopf: er versteht

diese Art Menschensprache nicht. Dann macht er ein paar Sätze, um

+seine+ Auffassung anzudeuten, bleibt stehen und bellt: das

ist ein Satz in seiner Sprache, der die Frage enthält, ob der Herr

etwa dies gemeint hat. Dann folgt, ebenfalls in einer Hundesprache

ausgedrückt, die Freude, wenn er begreift, daß er recht hatte. Genau

so versuchen sich zwei Menschen zu verständigen, die keine einzige

Wortsprache wirklich gemein haben. Wenn ein Landpfarrer einer Bäuerin

etwas erklärt, so sieht er sie scharf an und unwillkürlich legt er

alles in seine Gebärde, was sie in der kirchlichen Ausdrucksweise ja

doch nicht verstehen würde. Die heutigen Wortsprachen können sämtlich

nur in Verbindung mit anderen Spracharten zur Verständigung führen. Für

sich allein sind sie nie und nirgends in Gebrauch gewesen.

Wenn der Hund nun etwas will, so wedelt er mit dem Schwänze,

ungeduldig, daß der Herr so töricht ist, diese sehr deutliche und

ausdrucksreiche Sprache nicht zu verstehen. Er ergänzt sie durch eine

Lautsprache -- er bellt -- endlich durch eine Gebärdensprache -- er

macht etwas vor. Hier ist der Mensch der Dummkopf, welcher noch nicht

sprechen gelernt hat.

Endlich geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Wenn der Hund alles

erschöpft hat, um die verschiedenen Sprachen seines Herrn zu begreifen,

stellt er sich plötzlich vor ihn hin und sein Blick bohrt sich in das

Auge des andern. Hier geht etwas sehr Geheimnisvolles vor sich: das

Ich und Du treten unmittelbar in Fühlung. Der „Blick“ befreit von den

Schranken des Wachseins. Das Dasein versteht sich ohne Zeichen. Hier

wird der Hund zum Menschenkenner, der den Gegner scharf ins Auge faßt

und damit hinter dem Sprechen den Sprechenden begreift.

Diese Sprachen reden wir heute noch sämtlich, ohne es zu wissen.

Das Kind spricht lange bevor es das erste Wort gelernt hat, und

die Erwachsenen sprechen mit ihm, ohne irgendwie an die gewohnte

Wortbedeutung zu denken; das heißt, die Lautgebilde dienen hier einer

ganz anderen als der Wortsprache. Auch diese Sprachen haben ihre

Gruppen und Dialekte; sie können gelernt, beherrscht und mißverstanden

werden; sie sind für uns so unentbehrlich, daß die Wortsprache den

Dienst versagen würde, wenn wir je den Versuch machten, sie für sich

allein, ohne Ergänzung durch Ton- und Gebärdensprachen anzuwenden.

Selbst unsere Schrift, diese Wortsprache fürs Auge, würde ohne die

Gebärdensprache der Interpunktion fast unverständlich sein.

Es ist der Grundfehler der Sprachwissenschaft, daß sie Sprache

überhaupt und menschliche Wortsprache verwechselt, nicht theoretisch,

aber regelmäßig in der Praxis aller Untersuchungen. Das hat zu einer

maßlosen Unkenntnis der unübersehbaren Menge von Spracharten geführt,

die unter Tieren und Menschen im allgemeinen Gebrauch sind. Das Reich

der Sprache ist viel weiter, als alle Forscher bemerken, und die

Wortsprache in ihrer heute noch nicht verlorenen Unselbständigkeit

nimmt in ihm einen viel bescheidneren Platz ein. Was die „Entstehung

der menschlichen Sprache“ betrifft, so ist die Frage falsch gestellt.

Die Wortsprache -- denn sie ist gemeint, was wieder durchaus nicht

dasselbe ist -- ist überhaupt nicht entstanden in dem Sinne, der hier

vorausgesetzt wird. Sie ist weder etwas erstes, noch etwas einziges.

Die gewaltige Bedeutung, welche sie von einem gewissen Zeitpunkt

ab innerhalb der Menschengeschichte erlangt hat, sollte über ihre

Stellung in der Geschichte der freibeweglichen Wesen überhaupt nicht

hinwegtäuschen. Mit dem Menschen darf eine Untersuchung der Sprache

sicherlich nicht beginnen.

Aber auch die Vorstellung „Anfang der tierischen Sprache“ ist verkehrt.

Sprechen ist mit dem lebendigen Dasein des Tieres im Gegensatz zum

Dasein der Pflanze so eng verknüpft, daß nicht einmal einzellige Wesen

ohne alle Sinnesorgane sprachlos gedacht werden dürfen. Ein Mikrokosmos

im Makrokosmos sein und sich anderen mitteilen können ist ein und

dasselbe. Es hat keinen Sinn, innerhalb der Tiergeschichte vom Anfang

der Sprache zu reden. Denn es ist etwas ganz Selbstverständliches,

daß mikrokosmische Wesen +in Mehrheit+ vorhanden sind. Über

andere Möglichkeiten nachzudenken ist Spielerei. Die darwinistischen

Phantasien über Urzeugung und erste Elternpaare sollten doch dem

Geschmack der Ewig-gestrigen überlassen bleiben. Aber Schwärme, in

denen stets ein innerliches Gefühl des „Wir“ lebendig ist, sind auch

wach und trachten nach Wachseinsbeziehungen vom einen zum andern.

Wachsein ist Tätigkeit im Ausgedehnten und zwar willkürliche Tätigkeit.

Das unterscheidet die Bewegungen eines Mikrokosmos von der mechanischen

Beweglichkeit einer Pflanze und auch der Tiere und Menschen,

solange sie Pflanzen, nämlich im Zustande des Schlafes sind. Man

beobachte die animalische Nahrungs-, Fortpflanzungs-, Verteidigungs-,

Angriffstätigkeit: eine Seite davon besteht regelmäßig im Abtasten

des Makrokosmos durch die Sinne, mag es sich um das undifferenzierte

Empfinden einzelliger Wesen oder um das Sehen eines hochentwickelten

Auges handeln. Hier besteht ein deutlicher +Wille zum Empfangen

von Eindrücken+; wir nennen das Orientierung. Dazu aber kommt von

Anfang an der +Wille zum Erzeugen von Eindrücken bei anderen+; sie

sollen angelockt, erschreckt, verjagt werden. Dies nennen wir Ausdruck

+und mit ihm ist das Sprechen als Tätigkeit des tierischen Wachseins

gegeben+. Seitdem ist nichts grundsätzlich Neues hinzugekommen.

Die Weltsprachen hoher Zivilisationen sind nichts als äußerst

verfeinerte Ausgestaltungen von Möglichkeiten, welche sämtlich schon

in der Tatsache des gewollten Eindrucks einzelliger Wesen aufeinander

enthalten sind.

Dieser Tatsache liegt aber das Urgefühl der Angst zugrunde. Das

Wachsein trennt Kosmisches voneinander; es spannt einen Raum zwischen

Vereinzeltem, Entfremdetem. Sich allein fühlen ist der erste Eindruck

des täglichen Erwachens. Und daher der Urtrieb, sich inmitten dieser

fremden Welt aneinander zu drängen, sich der Nähe des andern sinnlich

zu versichern, eine bewußte Verbindung mit ihm zu suchen. Das Du ist

die Erlösung von der Angst des Alleinseins. +Die Entdeckung des

Du+, indem man es als ein anderes Selbst, organisch, +seelisch+

aus der Welt des Fremden herauslöst, ist der große Augenblick in der

Frühgeschichte des Tierischen. +Damit gibt es Tiere.+ Man braucht

nur die Kleinwelt eines Wassertropfens unter dem Mikroskop lange und

aufmerksam zu betrachten, um überzeugt zu sein, daß die Entdeckung des

Du +und damit des Ich+ in der denkbar einfachsten Form hier schon

voraufgegangen ist. Diese kleinen Wesen kennen nicht nur das andere,

sondern auch den anderen; sie besitzen nicht nur Wachsein, sondern auch

Wachseinsbeziehungen, und damit nicht nur Ausdruck, sondern auch die

Elemente einer Ausdrucks+sprache+.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 14 / 62 段