nicht ohne Dasein. Daraus folgt, daß es Rassewesen ohne Sprache gibt,
aber keine Sprache ohne Rasse. Deshalb besitzt alles Rassemäßige seinen
eigenen und vom etwaigen Wachsein unabhängigen, den Pflanzen so gut
wie den Tieren zugehörigen Ausdruck -- wohl zu unterscheiden von der
Ausdrucks+sprache+, welche in der +aktiven Veränderung+ des
Ausdruckes besteht -- der nicht für Zeugen bestimmt, sondern einfach
da ist: die Physiognomie. In jeder mit tiefer Bedeutung sogenannten
lebenden Sprache aber ist außer der Tabuseite, die erlernbar ist, ein
gänzlich unerlernbarer Rassezug nachzuweisen, der mit den Trägern
der Sprache dahinstirbt: er liegt in Melos, Rhythmus und Betonung, in
Farbe, Klang und Schritt der Aussprache, im Sprachgebrauch, in der
begleitenden Geste. Man sollte deshalb die Sprache und das Sprechen
unterscheiden. Jene ist ein an sich toter Bestand von Zeichen, diese
ist die Tätigkeit, welche mit den Zeichen wirkt.[84] Wenn man von
einer Sprache nicht mehr unmittelbar hören +und sehen+ kann,
wie sie gesprochen wird, so kennt man von ihr nur den Knochenbau
und nicht den Leib. Das ist beim Sumerischen, Gotischen, Sanskrit
und allen andern Sprachen der Fall, die wir nur aus Texten und
Inschriften entziffert haben und mit vollem Recht tot nennen, weil die
menschliche Gemeinschaft verschwunden ist, welche durch diese Sprache
gebildet worden war. Wir kennen die ägyptische Sprache, aber nicht
das ägyptische Sprechen. Wir kennen vom Latein der augusteischen Zeit
annähernd den Lautwert der Buchstaben und den Wortsinn, aber wir wissen
nicht, wie eine Rede Ciceros von den Rostra herab erklang und noch viel
weniger wissen wir, wie Hesiod und Sappho ihre Verse sprachen und wie
sich ein Gespräch auf dem Markt von Athen anhörte. Wenn in der Gotik
das Latein wirklich wieder gesprochen wurde, so war damit etwas Neues
entstanden; die Ausbildung dieses gotischen Latein hat vom Takt und
Klang des Sprechens, von dem wir uns heute ebenfalls keine Vorstellung
mehr machen können, bald auf den Wortbestand und die Wortverbindung
übergegriffen. Aber auch das antigotische Latein der Humanisten, das
ciceronianisch sein sollte, war nichts weniger als eine Auferstehung.
Die ganze Bedeutung der Rasseseite im Sprechen ermißt man, wenn man das
Deutsch Nietzsches und Mommsens, das Französisch Diderots und Napoleons
vergleicht und bemerkt, daß Lessing und Voltaire im Gebrauch der
Sprache sich näher stehen als Lessing und Hölderlin.
Und ebenso steht es mit der bedeutendsten Ausdruckssprache, die es
gibt, der Kunst. Die Tabuseite, nämlich der Formenschatz, die Regeln
der Konvention, der Stil, soweit er einen Inbegriff feststehender
Wendungen bedeutet, was mit dem Wortschatz und der Syntax der
Wortsprachen zu vergleichen ist, stellt die Sprache selbst dar, die
erlernt werden kann. Sie wird erlernt und im Gebrauch überliefert in
den großen Malerschulen, der Bauhüttentradition, überhaupt in der
strengen Handwerkszucht, welche für jede echte Kunst selbstverständlich
ist und deren Zweck zu allen Zeiten die sichere Beherrschung einer ganz
bestimmten, gerade damals lebendigen Sprechweise war. Denn es gibt
auch hier lebendige und tote Sprachen. Die Formensprache einer Kunst
läßt sich nur dann als lebendig bezeichnen, wenn die Künstlerschaft
in ihrer Gesamtheit sie wie eine gemeinsame Muttersprache anwendet,
deren man sich bedient, ohne an ihre Beschaffenheit auch nur zu denken.
In diesem Sinne war der gotische Stil im 16. Jahrhundert eine tote
Sprache, das Rokoko um 1800. Man vergleiche die unbedingte Sicherheit,
mit welcher Baumeister und Musiker des 17. und 18. Jahrhunderts sich
ausdrücken, mit dem Stammeln Beethovens, den mühsam, gewissermaßen
durch Selbstunterricht erworbenen Sprachkenntnissen Schinkels und
Schadows, dem Radebrechen der Prärafaeliten und Neugotiker und endlich
den hilflosen Sprechversuchen heutiger Künstler.
Das Sprechen einer künstlerischen Formensprache, wie es in den
Werken vorliegt, läßt die Totemseite, die Rasse erkennen und zwar
von einzelnen Künstlern so gut wie von ganzen Künstlergeschlechtern.
Die Schöpfer der dorischen Tempel Unteritaliens und Siziliens und
die der norddeutschen Backsteingotik waren eine starke Rasse und
ebenso die deutschen Musiker von Heinrich Schütz bis Sebastian Bach.
Zur Totemseite gehören der Einfluß der kosmischen Kreisläufe, dessen
Bedeutung für die Gestalt der Kunstgeschichte man kaum ahnt und
niemals im einzelnen feststellen wird, und die schöpferischen Zeiten
des Frühlings und des Liebesrausches, die ganz unabhängig von der
Sicherheit der Formgebung über die Formgewalt, die Tiefe der Konzeption
einzelner Werke und ganzer Künste entscheiden. Wir verstehen den
Formalisten aus Tiefe der Weltangst oder aus Mangel an Rasse und den
großen Formlosen aus Überschwang des Blutes oder Mangel an Zucht. Wir
verstehen, daß es einen Unterschied gibt zwischen der Geschichte von
Künstlern und der von Stilen und daß man die Sprache einer Kunst von
Land zu Land tragen kann, die Meisterschaft, sie zu sprechen, aber
nicht.
Eine Rasse hat Wurzeln. Rasse und Landschaft gehören zusammen. Wo
eine Pflanze wurzelt, da stirbt sie auch. Es hat wohl einen Sinn,
nach der Heimat einer Rasse zu fragen, aber man sollte wissen, daß
dort, wo die Heimat ist, eine Rasse mit ganz wesentlichen Zügen des
Leibes und der Seele auch bleibt. Ist sie dort nicht zu finden,
so ist sie nirgends mehr. Eine Rasse wandert nicht. Die Menschen
wandern; ihre Geschlechterfolgen werden dann in immer wechselnden
Landschaften geboren; die Landschaft erhält eine geheime Gewalt über
das Pflanzenhafte in ihnen und endlich ist der Rasseausdruck von Grund
aus verändert, der alte erloschen und ein neuer aufgetaucht. Nicht
Engländer und Deutsche sind nach Amerika ausgewandert, sondern diese
Menschen sind +als+ Engländer und Deutsche gewandert; +als+
Yankees sind ihre Urenkel jetzt dort, und es ist seit langem kein
Geheimnis mehr, daß der Indianerboden seine Macht an ihnen erwiesen
hat: Sie werden von Generation zu Generation der ausgerotteten
Bevölkerung ähnlicher. Gould und Baxter haben gezeigt, daß Weiße aller
Stämme, Indianer und Neger dieselbe durchschnittliche Körpergröße und
Wachstumszeit erhalten und zwar so schnell, daß jung eingewanderte Iren
(mit einer sehr langen Wachstumszeit) die Macht der Landschaft noch
an sich selbst erfahren. Boas hat gezeigt, daß schon die in Amerika
geborenen Kinder langköpfiger sizilischer und kurzköpfiger deutscher
Juden dieselbe Kopfform haben. Aber das gilt überall und sollte zur
größten Vorsicht gegenüber historischen Wanderungen mahnen, von denen
wir nur gewisse Namen der Wanderstämme und geringe Sprachreste kennen,
wie es in der antiken Vorgeschichte mit Danaern, Etruskern, Pelasgern,
Achaiern, Dorern der Fall ist. Für die Rasse dieser „Völker“ folgt
daraus gar nichts. Was unter den Namen der Goten, Langobarden, Vandalen
in die südeuropäischen Länder einströmte, war zuerst ohne Zweifel
eine Rasse für sich. Sie war aber schon zur Zeit der Renaissance in
die wurzelhaften Rassemerkmale des provençalischen, kastilischen und
toskanischen Bodens vollständig hineingewachsen.
Nicht so die Sprache. Die Heimat einer Sprache bedeutet nur den
zufälligen Ort ihrer Bildung, der zu ihrer inneren Form in keiner
Beziehung steht. Sprachen wandern, indem sie von Stamm zu Stamm
verbreitet und von Stämmen fortgetragen werden. Vor allem werden
sie gewechselt und einen +Sprachenwechsel der Rassen+ kann
man in früher Zeit gar nicht oft genug annehmen. Es ist, um das zu
wiederholen, der Formbestand und nicht das Sprechen der Sprache, was
man sich aneignet, ebenso wie primitive Bevölkerungen sich unaufhörlich
ornamentale Motive aneignen, um sie mit vollkommener Sicherheit
als Elemente der eigenen Formensprache zu gebrauchen. Es genügt in
frühen Zeiten die Tatsache, daß ein Volk sich als stärker erwiesen
hat, oder ein Gefühl, daß dessen Sprache in der Anwendung überlegen
ist, um -- oft aus wirklicher religiöser Scheu -- die eigene Sprache
dafür aufzugeben. Man verfolge den Sprachwechsel der Normannen, die
in der Normandie, in England, in Sizilien, vor Byzanz mit einer
andern Sprache erschienen und jedesmal bereit waren, sie wieder gegen
eine andere einzutauschen. Die Ehrfurcht vor der Muttersprache, mit
dem ganzen sittlichen Gewicht, das an diesem Worte haftet und das
immer wieder zu erbitterten Sprachkämpfen führt, ist ein Zug der
+späten+ abendländischen Seele und dem Menschen andrer Kulturen
kaum, dem primitiven gar nicht bekannt. Er wird von unsern Historikern
aber stillschweigend überall vorausgesetzt und führt zu einer Unzahl
falscher Schlüsse über die Bedeutung von Sprachfunden auf die Geschicke
von „Völkern“. Man denke an die Rekonstruktion der „dorischen
Wanderung“ aus der Verteilung der späteren griechischen Dialekte.
Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit, aus bloßen Ortsnamen, Eigennamen,
Inschriften, Dialekten, der Sprachseite überhaupt auf die Geschicke der
Rasseseite von Bevölkerungen zu schließen. Wir wissen von vornherein
nie, ob ein Völkername einen Sprachkörper oder einen Rasseteil
bezeichnet, beides oder keins von beiden, und dazu kommt noch, daß die
Völkernamen und sogar die Ländernamen ihre eigenen Schicksale besitzen.
8
Das Haus ist der reinste Rasseausdruck, den es überhaupt gibt. Von dem
Augenblick an, wo der seßhaft werdende Mensch nicht mehr mit einem
Obdach vorlieb nimmt, sondern eine feste Wohnung für sich baut, ist
dieser Ausdruck vorhanden und er unterscheidet innerhalb der Rasse
„Mensch“, welche dem +biologischen+ Weltbilde[85] angehört, die
Menschenrassen der eigentlichen Weltgeschichte, Daseinsströme von einer
viel seelenhafteren Bedeutung. Die Urform des Hauses ist durchaus
gefühlt und gewachsen. Man weiß gar nichts von ihr. Wie die Schale des
Nautilus, wie der Bienenstock, wie die Nester der Vögel ist sie von
innerer Selbstverständlichkeit und alle Züge ursprünglicher Sitte und
Form des Daseins, des Ehe- und Familienlebens, der Stammesordnung haben
im Grundriß und seinen Haupträumen, Diele, Halle, Megaron, Atrium,
Hof, Kemenate, Gynaikeion ihr Ebenbild. Man braucht nur die Anlage des
altsächsischen und des römischen Hauses zu vergleichen, um zu fühlen,
daß die Seele dieser Menschen und die Seele ihres Hauses ein und
dasselbe sind.
Die Kunstgeschichte hätte sich dieses Gebietes nie bemächtigen sollen.
Es war ein Irrtum, den Bau des Wohnhauses für einen Teil der Baukunst
zu halten. Diese Form ist aus der dunklen Gewohnheit des Daseins,
nicht für das Auge entstanden, welches Formen im Licht sucht, und kein
Architekt hat je daran gedacht, die Raumverteilung des Bauernhauses
wie die eines Domes zu behandeln. Diese bedeutsame Grenze der Kunst
ist der Forschung entgangen, obwohl gelegentlich Dehio[86] bemerkt,
daß das altgermanische Holzhaus nichts mit der späteren großen
Architektur zu tun habe, die ganz unabhängig davon entstanden sei.
Deshalb besteht eine immerwährende methodische Verlegenheit, welche die
Kunstwissenschaft wohl empfunden, aber nicht begriffen hat. Sie bringt
in allen Vor- und Frühzeiten unterschiedslos Geräte, Waffen, Keramik,
Gewebe, Grabstätten und Häuser und zwar sowohl der Form als der
Verzierung nach zusammen und gewinnt erst mit der +organischen+
Geschichte der Malerei, Plastik und Architektur, also der in sich
geschlossenen Sonderkünste, festen Boden. Aber hier scheiden sich klar
und deutlich zwei +Welten+, die des Seelen+ausdrucks+ und
die der Ausdrucks+sprache+ für das Auge. Das Haus und ebenso die
völlig unbewußten Grund-, d. h. Gebrauchsformen der Gefäße, Waffen,
Kleidung und Geräte gehören zur Totemseite. Sie kennzeichnen nicht
einen Geschmack, sondern die Kampfweise, Wohnweise und Arbeitsweise.
Jedes ursprüngliche Sitzgerät ist der Abdruck einer rassemäßigen
Körperhaltung; jeder Griff eines Gefäßes verlängert den +bewegten+
Arm. Die Malerei und Schnitzarbeit am Hause, das Kleid als Schmuck,
die Verzierung der Waffen und Geräte dagegen gehören zur Tabuseite
des Lebens. In diesen Mustern und Motiven liegt für den frühen
Menschen auch eine Zauberkraft. Wir kennen die Germanenklingen der
Völkerwanderung mit orientalischem Ornament und die mykenischen Burgen
mit minoischer Kunstarbeit. So unterscheiden sich Blut und Sinne, Rasse
und Sprache -- +Politik und Religion+.
Es gibt also -- und das wäre eine der dringendsten Aufgaben künftiger
Forschung -- noch keine Weltgeschichte des Hauses und +seiner
Rassen+, die mit ganz anderen Mitteln behandelt werden müßte als
die Geschichte der Kunst. Das Bauernhaus ist im Verhältnis zum Tempo
aller Kunstgeschichte „ewig“ wie der Bauer selbst. Es steht außerhalb
der Kultur und damit außerhalb der höheren Menschengeschichte; es kennt
ihre örtlichen und zeitlichen Grenzen nicht und erhält sich der Idee
nach unverändert durch alle Wandlungen der Baukunst, +die sich nur
an ihm, nicht mit ihm vollziehen+. Die altitalische Rundhütte kennt
man noch in der Kaiserzeit.[87] Die Form des rechteckigen römischen
Hauses, das Existenzzeichen einer zweiten Rasse, findet sich in Pompeji
und sogar in den Kaiserpalästen auf dem Palatin. Man entlehnt jede
Art von Schmuck und Stil aus dem Orient, aber kein Römer hätte daran
gedacht, etwa das syrische Haus nachzuahmen. Und ebensowenig ist die
Megaronform von Tiryns und Mykene und die des von Galen beschriebenen
altgriechischen Bauernhauses von den Städtebaumeistern des Hellenismus
angetastet worden. Das sächsische und das fränkische Bauernhaus haben
ihren Wesenskern vom ländlichen Gehöft über das Bürgerhaus der alten
freien Reichsstädte bis zu den Patrizierbauten des 18. Jahrhunderts
unberührt erhalten, während der gotische, Renaissance-, Barock- und
Empirestil darüber hingleiten, an der Fassade und in allen Räumen vom
Keller bis zum Dache ihr Wesen treiben, ohne die Seele des Hauses
zu beirren. Und dasselbe gilt von den Möbel+formen+, die man
psychologisch von ihrer künstlerischen Behandlung sorgfältig trennen
sollte. Insbesondere ist die Entwicklung der nordeuropäischen Sitzmöbel
bis zum Klubsessel ein Stück Rasse- und nicht etwa Stilgeschichte.
Jedes andere Kennzeichen kann über das Schicksal einer Rasse täuschen;
der Etruskername unter den Seevölkern, die Ramses III. schlug, die
rätselhafte Inschrift von Lemnos, die Wandgemälde in den Gräbern
von Etrurien gestatten keinen sicheren Schluß auf den leiblichen
Zusammenhang dieser Menschen. Wenn gegen Ende der Steinzeit in dem
weiten Gebiet östlich der Karpathen eine hochbedeutende Ornamentik
entsteht und andauert, so kann trotzdem Rasse auf Rasse sich hier
abgelöst haben. Besäßen wir in Westeuropa aus den Jahrhunderten von
Trajan bis Chlodwig nur die Keramik, so würden wir von dem Ereignis
der Völkerwanderung nicht das geringste ahnen. Aber das Vorkommen
eines Ovalhauses im ägäischen Gebiet,[88] eines anderen sehr seltsamen
Ovalhauses in Rhodesia,[89] die vielbesprochene Übereinstimmung des
sächsischen Bauernhauses mit dem libysch-kabylischen verraten ein Stück
Rassegeschichte. Ornamente verbreiten sich, wenn eine Bevölkerung sie
ihrer Formensprache einverleibt; eine Hausform wird nur mit einer Rasse
verpflanzt. Verschwindet ein Ornament, so hat sich nur eine Sprache
verändert, verschwindet ein Haustyp, +so ist eine Rasse erloschen+.
Daraus ergibt sich nun eine notwendige Berichtigung der
Kunstgeschichte. Man muß auch in ihrem Verlauf die Rasseseite
sorgfältig von der eigentlichen Sprache trennen. Am Anfang einer
Kultur erheben sich über das Bauerndorf mit seinen Rassebauten zwei
ausgeprägte Formen höheren Ranges als Ausdruck des Daseins und
als Sprache des Wachseins, +Burgen und Dome+.[90] In ihnen
steigert sich der Unterschied von Totem und Tabu, Sehnsucht und
Angst, Blut und Geist zu gewaltiger Symbolik. Die altägyptische,
altchinesische, antike, südarabische, abendländische Burg als der Sitz
von Geschlechterfolgen steht dem Bauernhaus nahe. Sie bleiben beide
als Abdruck wirklichen Lebens, Zeugens und Sterbens außerhalb aller
Kunstgeschichte. Die Geschichte der deutschen Burgen ist durchaus
ein Stück +Rassegeschichte+. An beide wagt sich zwar die frühe
Ornamentik heran und verschönert hier das Balkenwerk und dort das
Tor oder Treppenhaus, aber sie kann so oder so +gewählt+ werden
oder überhaupt fehlen. Eine innerlich notwendige Beziehung zwischen
Baukörper und Ornament ist nie vorhanden. Der Dom dagegen ist nicht
ornamentiert; er +ist ein Ornament+. Seine Geschichte -- und
ebenso die des dorischen Tempels und aller andern frühen Kultbauten
-- fällt mit der gotischen Stilgeschichte zusammen und zwar so
vollständig, daß es hier wie in allen frühen Kulturen, von deren Kunst
wir überhaupt noch etwas wissen, niemandem aufgefallen ist, daß die
strenge Architektur, die nichts ist als reine Ornamentik von höchster
Art, sich ausschließlich auf den Kultbau beschränkt. Alles was an
schönen Bauformen in Gelnhausen, Goslar und der Wartburg erscheint,
ist von der Domkunst +herübergenommen+, ist Verzierung und nicht
von innerer Notwendigkeit. Eine Burg, ein Schwert, ein Tongefäß können
diese Verzierung vollständig entbehren, ohne ihren Sinn oder auch
nur ihre Gestalt zu verlieren; bei einem Dom oder einem ägyptischen
Pyramidentempel läßt sich das nicht einmal vorstellen.
So unterscheidet sich der Bau, +der Stil hat+, von dem, +in
welchem+ man Stil hat. Denn in Kloster und Dom ist es +der
Stein+, welcher Form besitzt und sie den Menschen mitteilt, die in
ihrem Dienste stehen, in Bauernhaus und Ritterburg ist es die volle
Stärke des bäuerlichen und ritterlichen Lebens, welche aus sich heraus
das Gehäuse bildet. Der Mensch und nicht der Stein ist hier das erste,
und wenn von einem Ornament auch hier die Rede sein soll, so besteht es
in der strengen, gewachsenen, unerschütterlichen +Form der Sitten und
Bräuche+. Das wäre der Unterschied von lebendigem und starrem Stil.
Aber ebenso wie die Macht dieser lebendigen Form auf das Priestertum
hinübergreift und in vedischer wie in gotischer Zeit einen ritterlichen
Priestertypus herausbildet, so ergreift die romanisch-gotische
+heilige+ Formensprache alles, was mit diesem weltlichen Leben in
Verbindung steht, Tracht, Waffen, Zimmer und Geräte, und stilisiert
ihre Oberfläche. Aber die Kunstgeschichte sollte sich über diese ihr
fremde Welt nicht täuschen; es ist die +Oberfläche+.
Etwas Neues kommt in den frühen Städten nicht hinzu. Zwischen den
Rassehäusern, welche nun Straßen bilden und in ihrem Innern die
Einrichtung und Sitte des Bauernhauses treu bewahren, liegt eine
Handvoll Kultbauten, welche Stil +haben+. Sie sind weiterhin
unbestritten +der Sitz der Kunstgeschichte+ und strahlen ihre
Form auf Plätze, Fassaden und Innenräume aus. Mögen aus den Burgen
Stadtpaläste und Patrizierhäuser, aus dem Palas, der Männerhalle,
die Gilden- und Rathäuser geworden sein, sie alle haben keinen Stil,
sondern empfangen und tragen ihn. Das echte Bürgertum hat nicht mehr
die metaphysische Gestaltungskraft der frühen Religion. Es bildet das
Ornament weiter, aber nicht +den Bau als Ornament+. Von hier an,
mit der reifen Stadt, zerfällt die Kunstgeschichte in die Geschichte
von Einzelkünsten. Das Bild, die Statue, das Haus sind Einzelobjekte
der Stilanwendung. Auch die Kirche ist jetzt ein solches Haus. Ein
gotischer Dom +ist+ Ornament, eine barocke Hallenkirche ist ein
Baukörper, der mit Ornamentik überzogen ist. Was der jonische Stil und
das Barock des 16. Jahrhunderts vorbereiten, führt die korinthische
Ordnung und das Rokoko zu Ende. Hier haben sich Haus und Ornament
endgültig und entschieden getrennt und selbst die Meisterwerke unter
den Kirchen und Klöstern des 18. Jahrhunderts können nicht darüber
hinwegtäuschen, daß alle diese Kunst weltlich geworden ist, nämlich
Verzierung. Mit dem Empire geht der Stil in einen Geschmack über
und mit seinem Ende die Baukunst in ein Kunstgewerbe. Damit hat die
ornamentale Ausdruckssprache und also die Kunstgeschichte ein Ende
gefunden. Aber das Bauernhaus mit seiner unveränderten Rasseform lebt
weiter.
9
Sieht man vom Rasseausdruck des Hauses ab, so bemerkt man erst die
ungeheure Schwierigkeit, dem Wesen der Rasse nahe zu kommen. Nicht
ihrem inneren Wesen, ihrer Seele, denn davon redet unser Gefühl
deutlich genug. Was ein Mensch von Rasse ist, wissen wir alle auf den
ersten Blick. Aber welches sind die Merkmale für unser Empfinden,
vor allem fürs Auge, an denen wir Kassen erkennen und unterscheiden?
Ohne Zweifel gehört dies zur Physiognomik, so gut wie die Einteilung
der Sprachen zur Systematik gehört. Was alles müßte man da aber vor
sich haben! Wie vieles geht mit dem Tode, wie vieles weiterhin mit der
Verwesung endgültig verloren! Was verrät ein Skelett +nicht+, das
einzige, was wir bestenfalls vom vorgeschichtlichen Menschen besitzen?
Es ist so gut wie alles. Die prähistorische Forschung ist mit naivem
Eifer gleich bereit, von einem Kiefer oder Armknochen Unglaubliches
abzulesen, aber man braucht nur an ein Massengrab in Nordfrankreich zu
denken, von dem wir +wissen+, daß darin Menschen aller Rassen,
Weiße und Farbige, Bauern und Städter, Jünglinge und Männer bestattet
sind. Wenn dies die Zukunft nicht aus anderer Quelle weiß, wird sie es
durch eine anthropologische Untersuchung sicherlich nicht entdecken. Es
können also gewaltige Rasseschicksale über ein Land dahingegangen sein,
ohne daß der Forscher an den Skelettresten der Gräber das Geringste
davon bemerkt. Der Ausdruck liegt also vorwiegend im +lebendigen+
Körper; nicht im Bau der Teile, sondern in ihrer Bewegung, nicht im
Gesichtsschädel, sondern in der Miene. Aber wie vieles an möglichem
Rasseausdruck ist selbst für die schärfsten Sinne heutiger Menschen
vorhanden? Wie vieles hören und sehen wir +nicht+? Für was fehlt
uns, sicherlich im Unterschied von vielen Tierarten, überhaupt das
Sinnesorgan?
Die Wissenschaft im darwinistischen Zeitalter hat sich die Frage leicht
gemacht. Wie flach, wie plump, wie mechanistisch ist der Begriff, mit
dem sie arbeitet! Er umfaßt erstens eine Summe grobsinnlicher Merkmale,
soweit sie im anatomischen Befunde, also auch an Leichen festzustellen
sind. Vom Beobachten des Körpers, insofern er lebt, ist nicht die
Rede. Und zweitens untersucht man nur Kennzeichen, die sich einem sehr
wenig feinen Auge aufdrängen, und nur, insofern sie sich messen und
zählen lassen. Das Mikroskop gibt den Ausschlag, nicht das Taktgefühl.
Wenn man die Sprache als unterscheidendes Merkmal heranzieht, so
denkt niemand daran, daß es menschliche Rassen nach der Art +des
Sprechens+ gibt und nicht nach dem grammatischen Bau +der
Sprache+, der auch nur ein Stück Anatomie und System ist. Daß die
Erforschung dieser +Sprechrassen+ eine der wichtigsten Aufgaben
der Forschung sein könnte, ist überhaupt noch nicht bemerkt worden.
In Wirklichkeit wissen wir alle als Menschenkenner aus täglicher
Erfahrung, daß die Art des Sprechens einer der bezeichnendsten
Rassezüge heutiger Menschen ist. Die Beispiele dafür sind unübersehbar
und jedem in großer Zahl bekannt. In Alexandria sprach man dasselbe
Griechisch nach sehr verschiedener Rasseart aus. Wir sehen es heute
noch an der Schreibweise der Texte. In Nordamerika sprechen die im
Lande Geborenen ohne Zweifel völlig gleich, ob es nun das Englische,
Deutsche oder gar Indianische ist. Was ist im Sprechen osteuropäischer
Juden Rassezug der Landschaft und also auch im Russischsprechen der
Russen vorhanden, was ein Rassezug des Blutes und also den Juden
unabhängig vom Wohngebiet ihrer Wirtsvölker beim Sprechen aller ihrer
europäischen „Muttersprachen“ gemeinsam? Wie verhält es sich hier im
einzelnen mit der Lautbildung, der Betonung, der Wortstellung?
Aber die Wissenschaft hat nicht einmal bemerkt, daß Rasse bei
wurzelnden Pflanzen und beweglichen Tieren nicht das gleiche ist,
daß mit der mikrokosmischen Lebensseite eine Gruppe von Zügen neu
auftritt und zwar die für tierisches Wesen entscheidende. Sie sehen
nicht, daß „Menschenrassen“ +innerhalb der einheitlichen Rasse
„Mensch“+ wieder etwas völlig anderes sind. Sie reden von Anpassung
und Vererbung und verderben also durch eine seelenlose Kausalverkettung
von Oberflächenzügen, was hier der Ausdruck des Blutes und dort die
Macht des Bodens über das Blut ist, Geheimnisse, die man nicht sehen
und messen, sondern nur von Auge zu Auge erleben und fühlen kann.
Sie sind nicht einmal über den Rang der Oberflächenmerkmale
untereinander einig. Blumenbach hat die Rassen nach Schädelformen,
Friedrich Müller ganz deutsch nach Haar und Sprachenbau, Topinard
echt französisch nach Hautfarbe und Nasenform, Huxley echt englisch
sozusagen sportsmäßig eingeteilt. Das letzte wäre an sich ohne Zweifel
sehr zweckmäßig, aber ein Pferdekenner würde ihm sagen, daß man mit
einer Gelehrtenterminologie keine Rasseeigenschaften trifft. Diese
Rassesteckbriefe sind sämtlich ebenso wertlos wie die, an welchen ein
Schutzmann seine theoretische Menschenkenntnis erprobt.