Bedeutet die Frühzeit die Geburt der Stadt aus dem Lande, die

Spätzeit den Kampf zwischen Stadt und Land, so ist Zivilisation

der Sieg der Stadt, mit dem sie sich vom Boden befreit und an dem

sie selbst zugrunde geht. Wurzellos, dem Kosmischen abgestorben und

ohne Widerruf dem Stein und dem Geiste verfallen, entwickelt sie

eine Formensprache, die alle Züge ihres Wesens wiedergibt: nicht die

eines Werdens, sondern die eines Gewordenen, eines Fertigen, das sich

wohl verändern, aber nicht entwickeln läßt. Und deshalb gibt es nur

Kausalität, kein Schicksal, nur Ausdehnung, keine lebendige Richtung

mehr. Daraus folgt, daß jede Formensprache einer Kultur samt der

Geschichte ihrer Entwicklung am ursprünglichen Orte haftet, daß aber

jede zivilisierte Form überall zu Hause ist und deshalb, sobald sie

erscheint, auch einer unbegrenzten Verbreitung anheimfällt. Gewiß haben

die Hansestädte in ihren nordrussischen Stapelplätzen gotisch und die

Spanier in Südamerika im Barockstil gebaut, aber es ist unmöglich, daß

auch nur der kleinste Abschnitt der gotischen +Stilgeschichte+

außerhalb Westeuropas verlaufen wäre und ebensowenig konnte der Stil

des attischen und englischen Dramas oder die Kunst der Fuge oder

die Religion Luthers und der Orphiker von Menschen fremder Kulturen

fortgebildet oder auch nur innerlich angeeignet werden. Was aber mit

dem Alexandrinismus und unserer Romantik entsteht, das gehört allen

Stadtmenschen ohne Unterschied. Mit der Romantik beginnt für uns das,

was Goethe weitschauend die Weltliteratur nannte; es ist die führende

welt+städtische+ Literatur, der gegenüber sich eine bodenständige,

aber belanglose Provinzliteratur überall nur mit Mühe behauptet. Der

Staat Venedigs oder Friedrichs des Großen oder das englische Parlament,

so wie es wirklich ist und arbeitet, lassen sich nicht wiederholen,

aber „moderne Verfassungen“ lassen sich in jedem afrikanischen und

asiatischen Lande und antike Poleis unter Numidern und Britanniern

„einführen“. Nicht die Hieroglyphen-, aber die Buchstabenschrift, ohne

Zweifel eine technische Erfindung der ägyptischen Zivilisation,[82]

ist in allgemeinen Gebrauch gekommen. Und ebenso sind nicht echte

Kultursprachen wie das Attische des Sophokles und das Deutsch Luthers,

aber die Weltsprachen, die sämtlich wie die hellenistische Koine, das

Arabische, Babylonische, Englische aus der alltäglichen Praxis der

Weltstädte hervorgegangen sind, überall erlernbar. Deshalb nehmen in

allen Zivilisationen die modernen Städte ein immer gleichförmigeres

Gepräge an. Man kann gehen, wohin man will, man trifft Berlin, London

und New York überall wieder; und wenn ein Römer reiste, konnte er in

Palmyra, Trier, Timgad und in den hellenistischen Städten bis zum Indus

und Aralsee seine Säulenstellungen, statuengeschmückten Plätze und

Tempel finden. Was aber hier verbreitet wird, ist nicht mehr ein Stil,

sondern ein Geschmack, keine echte Sitte, sondern Manieren, und nicht

die Tracht eines Volkes, sondern die Mode. Damit ist es denn möglich,

daß ferne Bevölkerungen die „ewigen Errungenschaften“ einer solchen

Zivilisation nicht nur annehmen, sondern in selbständiger Fassung

weiterstrahlen. Solche Gebiete einer „Mondlichtzivilisation“ sind

Südchina und vor allem Japan, die erst seit dem Ausgang der Hanzeit

(220) „sinaisiert“ wurden, Java als Verbreiterin der brahmanischen

Zivilisation und Karthago, das seine Formen von Babylon empfing.

Alles das sind Formen eines extremen, von keiner kosmischen Macht mehr

gehemmten und gebundenen Wachseins, rein geistig und rein extensiv und

deshalb von einer solchen Gewalt der Ausbreitung, daß die letzten und

flüchtigsten Ausstrahlungen sich fast über die ganze Erde verbreitet

und übereinander gelegt haben. Fragmente zivilisierter chinesischer

Formen finden sich +vielleicht+ im skandinavischen Holzbau,

babylonische Maße +vielleicht+ in der Südsee, antike Münzen in

Südafrika, ägyptische und indische Einflüsse vielleicht im Inkalande.

Während aber diese Ausbreitung alle Grenzen überschreitet, vollzieht

sich und zwar in großartigen Verhältnissen die Ausbildung der inneren

Form in drei deutlich unterscheidbaren Stufen: Ablösung von der Kultur

-- Reinzucht der zivilisierten Form -- Erstarrung. Diese Entwicklung

hat für uns eingesetzt und zwar sehe ich in der Krönung des gewaltigen

Gebäudes die eigentliche Mission der Deutschen als der letzten Nation

des Abendlandes. In diesem Stadium sind alle Fragen des Lebens, nämlich

des apollinischen, magischen, faustischen Lebens zu Ende gedacht und

in einen letzten Zustand des Wissens oder Nichtwissens gebracht. Um

Ideen kämpft man nicht mehr. Die letzte, die Idee der Zivilisation

selbst, ist im Umriß formuliert und ebenso sind Technik und Wirtschaft

im +Problemsinne+ fertig. Aber damit beginnt erst die mächtige

Arbeit der Ausführung aller Forderungen und der Anwendung dieser

Formen auf das gesamte Dasein der Erde. Erst wenn diese Arbeit getan

und die Zivilisation nicht nur ihrer Gestalt, sondern auch ihrer Masse

nach endgültig festgestellt ist, beginnt das Festwerden der Form.

Stil ist in Kulturen der +Pulsschlag des Sicherfüllens+. Jetzt

entsteht -- wenn man das Wort gebrauchen will -- der zivilisierte

Stil als +Ausdruck des Fertigseins+. Er ist vor allem in Ägypten

und China zu einer prachtvollen Vollkommenheit gelangt, die alle

Äußerungen eines im Innern von nun an unveränderlichen Lebens vom

Zeremoniell und Ausdruck der Gesichter bis zu den äußerst feinen und

durchgeistigten Formen einer Kunstübung erfüllt. Von einer Geschichte

im Sinne des Zutreibens auf ein Formideal kann nicht die Rede sein,

aber es herrscht eine beständige leise Bewegtheit der Oberfläche,

welche der ein für allemal gegebenen Sprache immer wieder kleine Fragen

und Lösungen artistischer Art ablockt. Darin besteht die gesamte uns

bekannte „Geschichte“ der chinesisch-japanischen Malerei und der

indischen Architektur. Und ebenso wie diese Scheingeschichte sich von

der wirklichen des gotischen Stils, so unterscheidet sich der Ritter

der Kreuzzüge von dem chinesischen Mandarin +als der werdende von dem

fertigen Stand+. Der eine +ist+ Geschichte, der andere hat sie

längst überwunden. Denn, wie schon festgestellt wurde, die Geschichte

dieser Zivilisationen ist +Schein+ und ebenso die großen Städte,

deren Antlitz sich fortwährend verändert, ohne anders zu werden.

Und ein Geist dieser Städte ist nicht vorhanden. Sie sind Land in

steinerner Form.

Was geht hier unter? Und was bleibt? Es ist ein bloßer Zufall,

daß germanische Völker unter dem Druck der Hunnen die romanische

Landschaft besetzten und damit die Entwicklung des „chinesischen“

Endzustandes der Antike abbrachen. Den Seevölkern, die seit 1400 in

einer bis ins einzelne gleichen Wanderung gegen die ägyptische Welt

vordrangen, glückte es nur im kretischen Inselgebiet. Ihre mächtigen

Züge an der libyschen und phönikischen Küste unter Begleitung von

Wikingerflotten sind ebenso gescheitert wie die der Hunnen gegen

China. So ist die Antike das einzige Beispiel einer im Augenblick

ihrer vollen Reife abgebrochnen Zivilisation. Trotzdem haben die

Germanen nur die Oberschicht der Formen zerstört und durch das Leben

ihrer eigenen Vorkultur ersetzt. Die „ewige“ Unterschicht erreichte

man nicht. Sie bleibt, versteckt und durch eine neue Formensprache

vollständig überzogen, im Untergrunde der ganzen folgenden Geschichte

bestehen und besteht noch heute in Südfrankreich, Süditalien und

Nordspanien in fühlbaren Resten fort. Es gibt hier eine spätantike

Färbung der katholischen Volksreligion, die sie von dem kirchlichen

Katholizismus der westeuropäischen Höhenschicht sehr deutlich abhebt.

In süditalienischen Kirchenfesten findet man heute noch antike und

vorantike Kulte wieder und ebenso überall Gottheiten (Heilige), deren

Verehrung durch den katholischen Namen hindurch eine antike Fassung

erkennen läßt.

Hier aber tritt ein anderes Element in Erscheinung, das seine eigene

Bedeutung hat. Wir stehen vor dem +Problem der Rasse+.

[67] Das erkennt jetzt auch die Kunstforschung: v. Salis, Die Kunst

der Griechen, 1919, S. 3 ff. H. Th. Bossert, Alt Kreta 1921, Einl.

[68] D. Fimmen, Die kretisch-mykenische Kultur, 1921, S. 210.

[69] Dehio, Gesch. d. deutsch. Kunst, 1919, S. 16 ff.

[70] Dieterich, Byz. Charakterköpfe S. 136 f.

[71] Dehio, Gesch. d. deutsch. Kunst, 1919, S. 13 f.

[72] Ed. Meyer, Gesch. d. Altertums I, S. 188.

[73] Vgl. Kap. V A.

[74] Samarra zeigt wie die Kaiserfora in Rom und die Ruinen von

Luxor und Karnak amerikanische Verhältnisse. Die Stadt erstreckt

sich 33 km lang am Flusse hin. Der Palast Balkuwara, den der

Khalif Mutawakkil für einen seiner Söhne erbauen ließ, bildet ein

Quadrat von 1250 m Seitenlänge. Eine der Riesenmoscheen mißt 260

× 180 m. Schwarz, Die Abbasidenresidenz Samarra, 1910. Herzfeld,

Ausgrabungen von Samarra, 1912.

[75] Friedländer, Sitt.-Gesch. Roms I, S. 5; man vergleiche

dies mit dem nicht entfernt so stark bevölkerten Samarra; die

„spätantiken“ Großstädte auf arabischem Boden sind auch in dieser

Hinsicht nicht antik. Die Gartenvorstadt von Antiochia war im

ganzen Osten berühmt.

[76] Die Stadt, welche der ägyptische Julian Apostata, Amenophis

IV., sich in Tell el Amarna baute, hatte Straßen bis zu 45 m

Breite. Borchardt, Ztschr. f. Bauwesen LXVI, 524.

[77] Pöhlmann, Aus Altertum u. Gegenwart 1910, S. 211 ff.

[78] B. Shaw, Ibsenbrevier S. 57.

[79] Zum Folgenden vgl. die Darstellung bei E. Meyer, Kl. Schriften

1910, S. 145 ff.

[80] Wir kennen in China im 3. Jahrh. v. Chr. -- also in

der chinesischen Augustuszeit! -- Maßnahmen zur Hebung der

Bevölkerungsziffer, v. Rosthorn, Das soziale Leben d. Chinesen

1919, S. 6.

[81] Strabo, Pausanias, Dio Chrysostomus, Avien u. a., E. Meyer,

Kl. Schriften, S. 164 ff.

[82] Nach der Entdeckung von Sethe. Vgl. Rob. Eisler, Die

kenitischen Weihinschriften der Hyksoszeit usw., 1919.

VÖLKER, RASSEN, SPRACHEN

7

Das wissenschaftliche Geschichtsbild während des ganzen 19.

Jahrhunderts wird verdorben durch eine aus der Romantik stammende

oder von ihr doch vollendete Vorstellung, den Begriff des „Volkes“ in

sittlich-begeistertem Sprachgebrauch. Wenn irgendwo in früher Zeit eine

neue Religion, Ornamentik, Bauweise, Schrift oder auch ein Reich oder

eine große Verwüstung hervortritt, so stellt der Forscher seine Frage

sofort in der Fassung: wie hieß +das Volk+, das diese Erscheinung

hervorgebracht hat? Diese Fragestellung ist dem westeuropäischen Geist

in seiner heutigen Beschaffenheit eigentümlich, sie ist aber in allen

Einzelheiten so falsch, daß das mit ihr heraufgerufene Bild vom Gang

der Ereignisse notwendig verfehlt sein muß. „Das Volk“ als die Urform

schlechthin, in welcher Menschen historisch wirksam sind, die Urheimat,

die Ursitze, die Wanderungen „der“ Völker -- darin spiegelt sich der

große Schwung der Begriffe Nation von 1789 und Volk von 1813, die

beide letzten Endes auf das englisch-puritanische Selbstbewußtsein

zurückgehen. Aber gerade weil der Begriff ein hohes Pathos birgt,

entzieht er sich gern der Kritik. Selbst scharfsinnige Forscher

bezeichnen hundert ganz verschiedenartige Dinge damit, ohne es zu

bemerken, und so entwickelt sich „Volk“ zu der vermeintlich eindeutigen

Größe, welche alle Geschichte +macht+. Weltgeschichte gilt uns

heute, was durchaus nicht selbstverständlich ist und dem Denken der

Griechen und Chinesen ganz fern lag, als die Geschichte von Völkern.

Alles andere, Kultur, Sprache, Kunst, Religion, wird von den Völkern

geschaffen. Der Staat ist die Form eines Volkes.

Dieser romantische Begriff soll hier zerstört werden. Was seit der

Eiszeit die Erde bewohnt, sind Menschen, nicht „Völker“. Ihr Schicksal

wird zunächst dadurch bestimmt, daß die leibliche Folge von Eltern und

Kindern, der Zusammenhang des Blutes, natürliche Gruppen bildet, welche

den deutlichen Hang verraten, in einer Landschaft Wurzel zu fassen.

Auch Nomadenstämme halten ihre Bewegungen in einer landschaftlichen

Grenze. Damit ist eine Dauer der kosmisch-pflanzenhaften Lebensseite,

des Daseins, gegeben. Dies nenne ich +Rasse+. Stämme, Sippen,

Geschlechter, Familien -- das sind sämtlich Bezeichnungen für die

Tatsache des durch Zeugungen in einer engeren oder weiteren Landschaft

fortkreisenden Blutes.

Aber diese Menschen besitzen auch noch die mikrokosmisch-tierhafte

Lebensseite des Wachseins, des Empfindens und Verstehens, und die Form,

in welcher das Wachsein des einen zu dem der übrigen in Beziehung

tritt, nenne ich +Sprache+, die zunächst nichts ist als unbewußter

lebendiger Ausdruck, der sinnlich wahrgenommen wird, der sich aber

allmählich zu einer bewußten +Mitteilungstechnik+ entwickelt,

welche auf einem übereinstimmenden Bedeutungsgefühl für Zeichen beruht.

Zuletzt ist jede Rasse ein einziger großer Leib, und jede Sprache die

Tätigkeitsform +eines+ großen, viele Einzelwesen verbindenden

Wachseins. Man wird über beide nie zu den letzten Aufschlüssen

gelangen, wenn man sie nicht gemeinsam und in beständiger Vergleichung

behandelt.

Man wird aber auch die Geschichte des höheren Menschentums nie

verstehen, wenn man übersieht, daß der Mensch als Element einer

Rasse und als Besitzer einer Sprache, oder der Mensch, soweit er

einer Einheit des Blutes entstammt und soweit er einer Einheit der

Verständigung eingereiht ist, daß also Dasein und Wachsein des Menschen

ihre besonderen Schicksale haben. Und zwar sind Ursprung, Entwicklung

und Dauer der Rasseseite und der Sprachseite in ein und derselben

Bevölkerung +durchaus unabhängig+ voneinander. Rasse ist etwas

Kosmisches und Seelenhaftes. Irgendwie ist sie periodisch und in ihrem

Innern von den großen astronomischen Verhältnissen mitbedingt. Sprachen

sind kausale Gebilde; sie wirken durch die Polarität ihrer Mittel. Wir

sprechen von Rasseinstinkten und vom Geist einer Sprache. Aber das sind

zwei verschiedene +Welten+. Zur Rasse gehört die tiefste Bedeutung

der Worte Zeit und Sehnsucht, zur Sprache die der Worte Raum und Angst.

Das alles ist bis jetzt unter dem Begriff „Volk“ verschüttet geblieben.

Es gibt also +Daseinsströme+ und +Wachseinsverbindungen+.

Jene besitzen eine Physiognomie, diesen liegt ein System zugrunde.

Rasse ist, im Bilde der Umwelt betrachtet, der Inbegriff aller

leiblichen Kennzeichen, soweit sie für das Sinnesempfinden wacher Wesen

vorhanden sind. Hier müssen wir bedenken, daß ein Leib die mit seiner

Zeugung gesetzte und ihm innerlich eigene Form von der Kindheit bis

zum Greisentum entfaltet und vollendet, während gleichzeitig das, was

der Leib abgesehen von seiner Form ist, unaufhörlich erneuert wird.

Von einem Knaben ist also im Manne nichts wirklich geblieben als der

lebendige Sinn seines Daseins, und wir erkennen davon nicht mehr, als

was sich in der Welt des Wachseins darbietet. Obwohl sich für den

höheren Menschen der Rasseeindruck fast ganz auf das beschränkt, was in

der Lichtwelt seines Auges erscheint, Rasse also ganz wesentlich ein

Inbegriff +sichtbarer+ Merkmale ist, so sind doch auch für ihn

bedeutsame Reste nichtoptischer Merkmale vorhanden, der Geruch, die

Stimmen der Tiere, vor allem aber die Sprechweise des Menschen. Für

höhere Tiere dagegen wird der gegenseitige Rasseeindruck ohne Zweifel

durchaus nicht vom Sehen beherrscht. Die Witterung ist wichtiger; es

kommen aber Empfindungsarten hinzu, die sich dem menschlichen Wissen

vollständig entziehen. Es ergibt sich daraus, daß eine Pflanze,

weil sie Dasein besitzt, auch +Rasse hat+ -- die Obst- und

Blumenzüchter wissen das sehr wohl -- daß aber nur Tiere Rasseeindrücke

+empfangen+. Es hat für mich immer etwas Erschütterndes, wenn

ich im Frühling sehe, wie all diese blühenden Gewächse, die sich nach

Zeugung und Befruchtung sehnen, mit der ganzen Leuchtkraft ihrer Blüten

einander nicht anziehen und nicht einmal bemerken können, sondern auf

Tiere angewiesen sind, für die es allein diese Farben und Düfte gibt.

Sprache nenne ich die gesamte freie Tätigkeit des wachen Mikrokosmos,

insofern sie etwas +für andere+ zum Ausdruck bringt. Pflanzen

besitzen kein Wachsein und keine Beweglichkeit und also keine Sprache.

Das Wachsein tierischer Wesen aber ist durch und durch ein Sprechen,

ob nun der Sinn der einzelnen Akte ein Sprechen sein soll oder nicht

und wenn auch der bewußte oder unbewußte Zweck des Tuns in einer ganz

anderen Richtung liegt. Ein Pfau spricht sicherlich bewußt, wenn

er seinen Schweif entfaltet, aber eine junge Katze, die mit einem

Garnknäul spielt, spricht durch die Zierlichkeit ihrer Bewegungen

unbewußt zu uns. Jeder kennt den Unterschied in seinen Bewegungen, je

nachdem er sich beobachtet weiß oder nicht. Man beginnt plötzlich mit

allem, was man tut, bewußt zu „sprechen“.

Damit ergibt sich aber ein sehr bedeutsamer Unterschied in den Arten

der Sprache: Sprache, die nur +Ausdruck für die Welt+ ist und

deren innere Notwendigkeit in der Sehnsucht alles Lebens liegt, sich

vor Zeugen zu verwirklichen, sein Dasein sich selbst zu bezeugen, und

Sprache, die +von bestimmten Wesen verstanden+ sein will. Es

gibt also +Ausdruckssprachen+ und +Mitteilungssprachen+.

Jene setzen nur ein Wachsein, diese eine Wachseinsverbindung voraus.

Verstehen heißt mit dem eigenen Bedeutungsgefühl auf den Eindruck

eines Zeichens antworten. Sich verständigen, „Zwiesprache halten“, zu

einem „Du“ sprechen, heißt also in ihm ein dem eigenen entsprechendes

Bedeutungsgefühl voraussetzen. Die Ausdruckssprache vor Zeugen beweist

nur das Vorhandensein eines Ich. Die Mitteilungssprache setzt ein Du.

Ich ist das Sprechende, Du ist das, was die Sprache des Ich verstehen

soll. Für den primitiven Menschen kann ein Baum, ein Stein, eine Wolke

ein Du sein. Alle Gottheiten sind Du. Im Märchen gibt es nichts, was

nicht mit dem Menschen Zwiesprache halten könnte. Und wir brauchen uns

nur in Augenblicken zorniger Erregung oder dichterischen Schwunges zu

ertappen, um zu wissen, daß noch heute jedes Ding ein Du für uns werden

kann. Und endlich spricht jeder denkende Mensch mit sich selbst wie

mit einem Du. Erst am Du erwacht auch das +Wissen+ von einem Ich.

„Ich“ ist also eine Bezeichnung für die Tatsache, daß eine Brücke zu

einem anderen Wesen vorhanden ist.

Eine strenge Grenze zwischen religiöser und künstlerischer

Ausdruckssprache und reiner Mitteilungssprache zu ziehen ist

unmöglich. Das gilt ganz besonders auch für hohe Kulturen mit der

Sonderentwicklung ihrer Formgebiete. Denn einerseits kann niemand

sprechen, ohne in die Art seines Sprechens noch einen bedeutsamen

Ausdruck zu legen, der ihm selbst oft nicht bekannt ist und der

jedenfalls nicht der Mitteilung dient. Und andererseits kennen wir alle

das Drama, mit dem der Dichter etwas „sagen“ will, was er ebensogut und

besser auch durch einen Aufruf hätte sagen können, das Gemälde, das

durch seinen Inhalt belehren, mahnen, bessern soll -- die Bilderreihen

in jeder griechisch-orthodoxen Kirche bilden einen strengen Kanon und

dienen dem ausgesprochenen Zweck, dem Betrachter, dem ein Buch nichts

sagt, die Wahrheiten der Religion eindringlich klar zu machen -- die

Stiche von Hogarth, welche Kanzelreden ersetzen, und endlich das

Gebet, das unmittelbare Sprechen mit Gott, das auch durch die Ausübung

einer kultischen Handlung vor seinen Augen, deren Sprache er versteht,

ersetzt werden kann. Der theoretische Streit um den Zweck der Kunst

beruht auf der Forderung, daß eine künstlerische Ausdruckssprache keine

Mitteilungssprache sein soll, und der Erscheinung des Priestertums

liegt die Überzeugung zugrunde, daß es allein die Sprache kennt, in

welcher der Mensch sich Gott mitteilen kann.

Alle Daseinsströme haben historische, alle Wachseinsverbindungen

religiöse Prägung. Was von jeder echten religiösen oder künstlerischen

Formensprache feststeht und was insbesondere die Geschichte der Schrift

uns überall enthüllt -- Schrift ist die Wortsprache fürs Auge --

das gilt ganz ohne Zweifel auch von der Entstehung der menschlichen

Lautsprache überhaupt. Die Urworte, von deren Beschaffenheit wir nicht

das geringste mehr wissen, besaßen sicherlich auch eine kultische

Farbe. Aber in einem entsprechenden Zusammenhang steht die Rasse mit

allem, was wir das Leben als Kampf um die Macht, was wir die Geschichte

als Schicksal, was wir heute Politik nennen. Es ist vielleicht

verwegen, in dem Suchen einer Kletterpflanze nach Haftpunkten, womit

sie einen Baum umklammert, seinen Widerstand überwindet und ihn zuletzt

erwürgt, um sich über seinen Wipfel hoch in die Luft zu recken, etwas

von politischem Instinkt, in dem Gesang einer aufsteigenden Lerche

etwas von religiösem Weltgefühl zu verspüren, aber es ist sicher, daß

von hier aus in ununterbrochener Reihe die Äußerungen des Daseins und

des Wachseins, des Taktes und der Spannung bis zu den ausgebildeten

politischen und religiösen Formen jeder modernen Zivilisation führen.

Und daraus ergibt sich endlich der Schlüssel für jene zwei

merkwürdigen Worte, welche die völkerkundliche Forschung an zwei

ganz verschiedenen Stellen der Erde entdeckt hat und zwar in einer

nicht sehr umfangreichen Anwendung, die dann aber unvermerkt immer

mehr in den Vordergrund der Untersuchung gerückt sind: +Totem und

Tabu+. Je rätselhafter und vieldeutiger sie werden, desto mehr hat

man gefühlt, daß mit ihnen die letzten Lebensgründe nicht nur der

primitiven Menschheit angerührt wurden. Und aus der hier vorgelegten

Untersuchung folgt nunmehr die eigentliche Bedeutung beider: Totem und

Tabu bezeichnen den letzten Sinn von Dasein und Wachsein, Schicksal

und Kausalität, Rasse und Sprache, Zeit und Raum, Sehnsucht und Angst,

Takt und Spannung, Politik und Religion. Die Totemseite des Lebens ist

pflanzenhaft und gehört allen Wesen an, die Tabuseite ist tierhaft

und setzt die freie Bewegung des Wesens in einer Welt voraus. Wir

besitzen die Totemorgane des Blutkreislaufs und der Fortpflanzung

und die Tabuorgane der Sinne und Nerven. Alles was zum Totem gehört,

besitzt Physiognomie, alles was Tabu ist, hat System. Im Totemistischen

liegt das Gemeingefühl von Wesen, die ein und demselben Daseinsstrome

angehören. Es läßt sich nicht übertragen und nicht beseitigen, es ist

eine +Tatsache+, +die+ Tatsache im eminenten Sinne. Alles

was Tabu ist, kennzeichnet Wachseinsverbindungen; es ist erlernbar und

übertragbar und eben deshalb ein behütetes Geheimnis von Kultgemeinden,

Denkerschulen und Künstlergilden, die alle eine Art von Geheimsprache

besitzen.[83]

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 12 / 62 段