Man vergesse nicht, wo das Wort _provincia_ zuerst auftaucht: es

ist die staatsrechtliche Bezeichnung der Römer für Sizilien, mit dessen

Unterwerfung zum ersten Mal eine ehemals führende Kulturlandschaft

zum unbedingten Objekt herabsinkt. Syrakus war die früheste wirkliche

Großstadt der antiken Welt gewesen, als Rom noch eine bedeutungslose

Landstadt war. Von nun an ist es Rom gegenüber eine Provinzstadt. Und

ganz in demselben Sinne waren im 17. Jahrhundert das habsburgische

Madrid und das päpstliche Rom führende Großstädte, bis sie von den

Weltstädten London und Paris seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts

zum Range der Provinz herabgedrückt wurden. Der Aufstieg von New York

zur Weltstadt durch den Sezessionskrieg 1861-65 ist vielleicht das

folgenschwerste Ereignis des vorigen Jahrhunderts.

5

Der Steinkoloß „Weltstadt“ steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden

großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird von

seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen,

zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer

gemacht. Diese steinerne Masse ist die +absolute+ Stadt. Ihr Bild,

wie es sich mit seiner großartigen Schönheit in die Lichtwelt des

menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik

des endgültig „Gewordenen“. Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist

im Verlauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten

Material dieser dämonischen Steinwüste geworden.

Diese letzten Städte sind +ganz+ Geist. Ihre Häuser sind nicht

mehr wie noch die der jonischen und Barockstädte Abkömmlinge des alten

Bauernhauses, von dem einst die Kultur ihren Ausgang nahm. Sie sind

überhaupt nicht mehr Häuser, in denen Vesta und Janus, die Penaten und

Laren irgendeine Stätte besitzen, sondern bloße Behausungen, welche

nicht das Blut, sondern der Zweck, nicht das Gefühl, sondern der

wirtschaftliche Unternehmungsgeist geschaffen hat. So lange der Herd im

frommen Sinne der wirkliche, bedeutsame Mittelpunkt einer Familie ist,

so lange ist die letzte Beziehung zum Lande nicht geschwunden. Erst

wenn auch das verloren geht und die Masse der Mieter und Schlafgäste in

diesem Häusermeer ein irrendes Dasein von Obdach zu Obdach führt, wie

die Jäger und Hirten der Vorzeit, ist der intellektuelle Nomade völlig

ausgebildet. Diese Stadt ist eine Welt, ist +die+ Welt. Sie hat

+nur als Ganzes+ die Bedeutung einer menschlichen Wohnung. Die

Häuser sind nur die Atome, welche sie zusammensetzen.

Jetzt beginnen die alten gewachsenen Städte mit ihrem gotischen

Kern aus Dom, Rathaus und spitzgiebligen Gassen, um deren Türme

und Tore die Barockzeit einen Ring von geistigeren, helleren

Patrizierhäusern, Palästen und Hallenkirchen gelegt hatte, nach allen

Seiten in formloser Masse überzuquellen, mit Haufen von Mietskasernen

und Zweckbauten sich in das verödende Land hineinzufressen, das

ehrwürdige Antlitz der alten Zeit durch Umbauten und Durchbrüche zu

zerstören. Wer von einem Turm auf das Häusermeer herabsieht, erkennt

in dieser steingewordenen Geschichte eines Wesens genau die Epoche,

wo das organische Wachstum endet und die anorganische und deshalb

unbegrenzte, alle Horizonte überschreitende Häufung beginnt. Und

jetzt entstehen auch die künstlichen, mathematischen, vollkommen

landfremden Gebilde einer reingeistigen Freude am Zweckmäßigen, +die

Städte der Stadtbaumeister+, die in allen Zivilisationen dieselbe

schachbrettartige Form, das Symbol der Seelenlosigkeit anstreben.

Diese regelmäßigen Häuserquadrate haben Herodot in Babylon und die

Spanier in Tenochtitlan angestaunt. In der antiken Welt beginnt die

Reihe der „abstrakten“ Städte mit Thurioi, das Hippodamos von Milet

441 „entwarf“. Priene, wo das Schachbrettmuster die Bewegtheit der

Grundfläche vollkommen ignoriert, Rhodos, Alexandria folgen als

Vorbilder zahlloser Provinzstädte der Kaiserzeit. Die islamischen

Baumeister haben seit 762 Bagdad und ein Jahrhundert später die

Riesenstadt Samarra am Tigris[74] planmäßig angelegt. In der

westeuropäisch-amerikanischen Welt ist das erste große Beispiel der

Grundriß von Washington (1791). Es kann kein Zweifel bestehen, daß die

Weltstädte der Hanzeit in China und die der Mauryadynastie in Indien

dieselben geometrischen Formen besessen haben. Die Weltstädte der

westeuropäisch-amerikanischen Zivilisation haben noch bei weitem nicht

den Gipfel ihrer Entwicklung erlangt. Ich sehe -- lange nach 2000 --

Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen, die sich über

weite Landschaften verteilen, mit Bauten, gegen welche die größten der

Gegenwart zwerghaft wirken, und Verkehrsgedanken, die uns heute als

Wahnsinn erscheinen würden.

Selbst in dieser letzten Gestalt seines Daseins ist das Formideal des

antiken Menschen noch der körperliche Punkt: während die Riesenstädte

der Gegenwart unseren ganzen Hang zum Unendlichen zur Schau tragen: die

Durchsetzung einer weiten Landschaft mit Vororten und Villenkolonien,

ein mächtiges Netz von Verkehrsmitteln jeder Art nach allen Seiten und

innerhalb des dicht bebauten Geländes ein geregelter Schnellverkehr in,

unter und über breiten Straßenzügen, will die echt antike Weltstadt

sich nicht ausbreiten, sondern immer mehr +verdichten+: die

Straßen eng und schmal, jeden Eilverkehr ausschließend, wie er doch

auf den römischen Heerstraßen voll ausgebildet war; keine Neigung,

+vor+ der Stadt zu wohnen oder auch nur die Voraussetzungen dafür

zu schaffen. Die Stadt soll auch jetzt noch ein Körper sein, dicht und

rund, _soma_ im strengsten Sinne. Der Synoikismos, der in der

antiken Frühzeit allenthalben die Landbevölkerung in die Stadt gezogen

und damit erst den Typus der Polis geschaffen hatte, wiederholt sich

am Ende noch einmal in absurder Form: jeder will in der Mitte der

Stadt wohnen, in ihrem dichtesten Kerne, sonst fühlt er sich nicht als

Mensch einer Stadt. Alle diese Städte sind nur City, nur Innenstadt.

Der neue Synoikismos bildet statt der Vorortzone +die Welt der

oberen Stockwerke+ aus. Rom hatte im Jahre 74 trotz der ungeheuren

Kaiserbauten den geradezu lächerlichen Umfang von 19½ km.[75] Dies

führt dahin, daß diese Körper überhaupt nicht in die Breite, sondern

unablässig in die Höhe wuchsen. Die Mietskasernen Roms wie die

berüchtigte Insula Feliculae erreichten bei einer Straßenbreite von

3-5 Metern[76] Höhen, die im Abendlande noch nirgends und in Amerika

nur in wenigen Städten vorkommen. Beim Kapitol hatten die Dächer unter

Vespasian schon die Höhe des Bergsattels erreicht.[77] Ein grauenvolles

Elend, eine Verwilderung aller Lebensgewohnheiten, die schon jetzt

zwischen Giebeln und Mansarden, in Kellern und Hinterhöfen einen neuen

Urmenschen züchten, hausen in jeder dieser prachtvollen Massenstädte.

Das ist in Bagdad und Babylon nicht anders gewesen wie in Tenochtitlan

und heute in London und Berlin. Diodor erzählt von einem abgesetzten

ägyptischen König, der zu Rom in einer jämmerlichen Mietswohnung in

einem hochgelegenen Stockwerk hausen mußte.

Aber kein Elend, kein Zwang, selbst nicht die klare Einsicht in

den Wahnsinn dieser Entwicklung setzt die Anziehungskraft dieser

dämonischen Gebilde herab. Das Rad des Schicksals rollt dem Ende zu;

die Geburt der Stadt zieht ihren Tod nach sich. Anfang und Ende,

Bauernhaus und Häuserblock verhalten sich wie Seele und Intelligenz,

wie Blut und Stein. Aber „Zeit“ ist nicht umsonst ein Wort für die

Tatsache der Nichtumkehrbarkeit. Es gibt hier nur ein Vorwärts, kein

Zurück. Das Bauerntum gebar einst den Markt, die Landstadt, und

nährte sie mit seinem besten Blute. Nun saugt die Riesenstadt das

Land aus, unersättlich, immer neue Ströme von Menschen fordernd und

verschlingend, bis sie inmitten einer kaum noch bevölkerten Wüste

ermattet und stirbt. Wer einmal der ganzen sündhaften Schönheit dieses

letzten Wunders aller Geschichte verfallen ist, der befreit sich nicht

wieder. Ursprüngliche Völker können sich vom Boden lösen und in die

Ferne wandern. Der geistige Nomade kann es nicht mehr. Das Heimweh

nach der großen Stadt ist stärker vielleicht als jedes andere. Heimat

ist für ihn jede dieser Städte, Fremde ist schon das nächste Dorf.

Man stirbt lieber auf dem Straßenpflaster, als daß man auf das Land

zurückkehrt. Und selbst der Ekel vor dieser Herrlichkeit, das Müdesein

vor diesem Leuchten in tausend Farben, das _taedium vitae_, das

zuletzt manche ergreift, befreit sie nicht. Sie tragen die Stadt mit

sich in ihre Berge und an das Meer. Sie haben das Land in sich verloren

und finden es draußen nicht wieder.

Was den Weltstadtmenschen unfähig macht, auf einem anderen als diesem

künstlichen Boden zu leben, ist das Zurücktreten des kosmischen

Taktes in seinem Dasein, während die Spannungen des Wachseins immer

gefährlicher werden. Man vergesse nicht, daß in einem Mikrokosmos

die tierhafte Seite, das Wachsein, zum pflanzenhaften Dasein

+hinzutritt+, nicht umgekehrt. Takt und Spannung, Blut und Geist,

Schicksal und Kausalität verhalten sich wie das blühende Land zur

versteinerten Stadt, wie etwas, das für sich da ist, zu einem andern,

das von ihm abhängt. Spannung ohne den kosmischen Takt, der sie

durchseelt, ist der Übergang zum Nichts. Aber Zivilisation ist nichts

als Spannung. Die Köpfe aller zivilisierten Menschen von Rang werden

ausschließlich von dem Ausdruck der schärfsten Spannung beherrscht.

Intelligenz ist nichts als Fähigkeit zu angespanntestem Verstehen.

Diese Köpfe sind in jeder Kultur der Typus ihres „letzten Menschen“.

Man vergleiche damit Bauernköpfe, wenn sie im Straßengewühl einer

Großstadt auftauchen. Der Weg von der bäuerlichen Klugheit -- der

Schlauheit, dem Mutterwitz, dem Instinkt, die wie bei allen klugen

Tieren auf gefühltem Takt beruhen -- über den städtischen Geist zur

weltstädtischen Intelligenz -- das Wort gibt schon in dem scharfen

Klange die Abnahme der kosmischen Unterlage vortrefflich wieder --

läßt sich auch als die beständige Abnahme des Schicksalsgefühls und

die hemmungslose Zunahme des Bedürfnisses nach Kausalität bezeichnen.

Intelligenz ist der Ersatz unbewußter Lebenserfahrung durch eine

meisterhafte Übung im Denken, etwas Fleischloses, Mageres. Die

intelligenten Gesichter aller Rassen sind einander ähnlich. Es ist die

Rasse selbst, die in ihnen zurücktritt. Je weniger ein Gefühl für das

Notwendige und Selbstverständliche des Daseins besteht, je mehr die

Gewohnheit um sich greift, sich alles „klar zu machen“, desto mehr wird

die Angst des Wachseins kausal gestillt. Daher die Gleichsetzung von

Wissen und Beweisbarkeit und der Ersatz des religiösen Mythus durch

den kausalen, die wissenschaftliche Theorie. Daher das abstrakte Geld

als die reine Kausalität des wirtschaftlichen Lebens im Gegensatz

zum ländlichen Güterverkehr, der Takt ist und nicht ein System von

Spannungen.

Die intellektuelle Spannung kennt nur noch eine, die spezifisch

weltstädtische Form der Erholung: +die Entspannung+, die

„Zerstreuung“. Das +echte+ Spiel, die Lebensfreude, die Lust,

der Rausch sind aus dem kosmischen Takte geboren und werden in ihrem

Wesen gar nicht mehr begriffen. Aber die Ablösung intensivster

praktischer Denkarbeit durch ihren Gegensatz, die mit Bewußtsein

betriebene Trottelei, die Ablösung der geistigen Anspannung durch

die körperliche des Sports, der körperlichen durch die sinnliche des

„Vergnügens“ und die geistige der „Aufregung“ des Spiels und der

Wette, der Ersatz der reinen Logik der täglichen Arbeit durch die mit

Bewußtsein genossene Mystik -- das kehrt in allen Weltstädten aller

Zivilisationen wieder. Kino, Expressionismus, Theosophie, Boxkämpfe,

Niggertänze, Poker und Rennwetten -- man wird das alles in Rom

wiederfinden und ein Kenner sollte einmal die Untersuchung auf die

indischen, chinesischen und arabischen Weltstädte ausdehnen. Um nur

eins zu nennen: wenn man das Kamasutram liest, versteht man, was für

Leute am Buddhismus +ebenfalls+ Geschmack fanden; und man wird nun

auch die Stierkampfszenen in den kretischen Palästen mit ganz anderem

Auge betrachten. Es liegt ein Kult zugrunde, ohne Zweifel, aber es ist

ein Parfüm darüber gebreitet wie über den fashionablen stadtrömischen

Isiskult in der Nachbarschaft des Zirkus Maximus.

Und nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das

Wachsein immer angespannter wird, endlich jene Erscheinung hervor,

die im stillen längst vorbereitet war und jetzt plötzlich in das

helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen Schauspiel ein Ende

zu bereiten: +die Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen+.

Es handelt sich hier nicht um etwas, das sich mit alltäglicher

Kausalität, etwa physiologisch, begreifen ließe, wie es die moderne

Wissenschaft selbstverständlich versucht hat. Hier liegt eine durchaus

+metaphysische+ Wendung zum Tode vor. Der letzte Mensch der

Weltstädte +will+ nicht mehr leben, wohl als einzelner, aber

nicht als Typus, als Menge; in diesem +Gesamtwesen+ erlischt

die Furcht vor dem Tode. Das, was den echten Bauern mit einer tiefen

und unerklärlichen Angst befällt, der Gedanke an das Aussterben der

Familie und des Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des

verwandten Blutes innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als

Pflicht dieses Blutes, das Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als

Verhängnis empfunden. Nicht nur weil Kinder unmöglich geworden sind,

sondern vor allem, weil die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz

keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben sie aus. Man

versenke sich in die Seele eines Bauern, der von Urzeiten her auf

seiner Scholle sitzt oder von ihr Besitz ergriffen hat, um dort mit

seinem Blute zu haften. Er wurzelt hier als der Enkel von Ahnen und

der Ahn von künftigen Enkeln. +Sein+ Haus, +sein+ Eigentum:

das bedeutet hier nicht ein flüchtiges Zusammengehören von Leib und

Gut für eine kurze Spanne von Jahren, sondern ein dauerndes und

inniges Verbundensein von +ewigem+ Land und +ewigem+ Blute:

erst damit, erst aus dem Seßhaftwerden im mystischen Sinne erhalten

die großen Epochen des Kreislaufs, Zeugung, Geburt und Tod, jenen

metaphysischen Zauber, der seinen sinnbildlichen Niederschlag in

Sitte und Religion aller landfesten Bevölkerungen findet. Das alles

ist für den „letzten Menschen“ nicht mehr vorhanden. Intelligenz

und Unfruchtbarkeit sind in alten Familien, alten Völkern, alten

Kulturen nicht nur deshalb verbunden, weil innerhalb jedes einzelnen

Mikrokosmos die über alles Maß angespannte tierhafte Lebensseite die

pflanzenhafte aufzehrt, sondern weil das Wachsein die Gewohnheit einer

kausalen Regelung des Daseins annimmt. Was der Verstandesmensch mit

einem äußerst bezeichnenden Ausdruck Naturtrieb nennt, wird von ihm

nicht nur „kausal“ erkannt, sondern auch gewertet und findet im Kreise

seiner übrigen Bedürfnisse den angemessenen Platz. Die große Wendung

tritt ein, sobald es im alltäglichen Denken einer hochkultivierten

Bevölkerung für das Vorhandensein von Kindern „Gründe“ gibt. Die

Natur kennt keine Gründe. Überall, wo es wirkliches Leben gibt,

herrscht eine innere organische Logik, ein „es“, ein Trieb, die

vom Wachsein und dessen kausalen Verkettungen durchaus unabhängig

sind und von ihm gar nicht bemerkt werden. Der Geburtenreichtum

ursprünglicher Bevölkerungen ist eine +Naturerscheinung+,

über deren Vorhandensein niemand nachdenkt, geschweige denn über

ihren Nutzen oder Schaden. Wo Gründe für Lebensfragen überhaupt

ins Bewußtsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig geworden.

Da beginnt eine weise Beschränkung der Geburtenzahl -- die bereits

Polybius als das Verhängnis von Griechenland beklagt, die aber schon

lange vor ihm in den großen Städten üblich war und in römischer Zeit

einen erschreckenden Umfang angenommen hat --, die zuerst mit der

materiellen Not und sehr bald überhaupt nicht mehr begründet wird.

Da beginnt denn auch, und zwar im buddhistischen Indien so gut wie

in Babylon, in Rom wie in den Städten der Gegenwart, die Wahl der

„Lebensgefährtin“ -- der Bauer und jeder ursprüngliche Mensch wählt

+die Mutter seiner Kinder+ -- ein geistiges Problem zu werden.

Die Ibsenehe, die „höhere geistige Gemeinschaft“ erscheint, in welcher

beide Teile „frei“ sind, frei nämlich als Intelligenzen, und zwar vom

pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fortpflanzen will; und

Shaw darf den Satz aussprechen, „daß die Frau sich nicht emanzipieren

kann, wenn sie nicht ihre Weiblichkeit, ihre Pflicht gegen ihren Mann,

gegen ihre Kinder, gegen die Gesellschaft, gegen das Gesetz und gegen

jeden, außer gegen sich selbst, von sich wirft“.[78] Das Urweib, das

Bauernweib ist +Mutter+. Seine ganze von Kindheit an ersehnte

Bestimmung liegt in diesem Worte beschlossen. Jetzt aber taucht das

Ibsenweib auf, die Kameradin, die Heldin einer ganzen weltstädtischen

Literatur vom nordischen Drama bis zum Pariser Roman. Statt der Kinder

haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche

Aufgabe und es kommt darauf an, „sich gegenseitig zu verstehen“. Es

ist ganz gleichgültig, ob eine amerikanische Dame für ihre Kinder

keinen zureichenden Grund findet, weil sie keine Season versäumen

will, eine Pariserin, weil sie fürchtet, daß ihr Liebhaber davongeht,

oder eine Ibsenheldin, weil sie „sich selbst gehört“. Sie gehören

alle sich selbst und sie sind alle unfruchtbar. Dieselbe Tatsache in

Verbindung mit denselben „Gründen“ findet sich in der alexandrinischen

und römischen und selbstverständlich in jeder anderen zivilisierten

Gesellschaft, vor allem auch in der, in welcher Buddha herangewachsen

ist, und es gibt überall, im Hellenismus und im 19. Jahrhundert so

gut wie zur Zeit des Laotse und der Tscharvakalehre eine Ethik für

kinderarme Intelligenzen und eine Literatur über die inneren Konflikte

von Nora und Nana.

Kinderreichtum, dessen ehrwürdiges Bild Goethe im Werther noch zeichnen

konnte, wird etwas Provinziales. Der kinderreiche Vater ist in

Großstädten eine Karikatur -- Ibsen hat sie nicht vergessen; sie steht

in seiner Komödie der Liebe.

Auf dieser Stufe beginnt in allen Zivilisationen das mehrhundertjährige

Stadium einer entsetzlichen Entvölkerung. Die ganze Pyramide des

kulturfähigen Menschentums verschwindet. Sie wird von der Spitze herab

abgebaut, zuerst die Weltstädte, dann die Provinzstädte, endlich das

Land, das durch die über alles Maß anwachsende Landflucht seiner

besten Bevölkerung eine Zeitlang das Leerwerden der Städte verzögert.

Nur das primitive Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken

und zukunftreichen Elemente beraubt. Es entsteht +der Typus des

Fellachen+.

Wenn irgend etwas, so beweist der allbekannte „Untergang der Antike“,

der sich lange vor dem Einbruch der germanischen Wandervölker

vollendete, daß Kausalität mit Geschichte nichts zu tun hat.[79] Das

Imperium genießt den vollkommensten Frieden; es ist reich, es ist

hochgebildet; es ist gut organisiert; es besaß von Nerva bis Mark Aurel

eine Herrscherreihe, wie sie der Cäsarismus keiner zweiten Zivilisation

aufzuweisen hat. Und trotzdem schwindet die Bevölkerung rasch und in

Masse hin, trotz der verzweifelten Ehe- und Kindergesetzgebung des

Augustus, dessen _lex de maritandis ordinibus_ auf die römische

Gesellschaft bestürzender wirkte als die Niederlage des Varus, trotz

der massenhaften Adoptionen, der ununterbrochenen Ansiedlung von

Soldaten barbarischer Herkunft, um Menschen in die verödende Landschaft

zu bringen, trotz der ungeheuren Alimentationsstiftungen des Nerva

und Trajan, um die Kinder unbemittelter Eltern aufzuziehen. Italien,

dann Nordafrika und Gallien, endlich Spanien, das unter den ersten

Kaisern am dichtesten von allen Teilen des Reichs bevölkert war,

sind menschenleer und verödet. Das berühmte und bezeichnenderweise

in der modernen Volkswirtschaft immer wiederholte Wort des Plinius:

_latifundia perdidere Italiam, jam vero et provincias_,

verwechselt Anfang und Ende des Prozesses: der Großgrundbesitz hätte

nie diese Ausdehnung gewonnen, wenn das Bauerntum nicht vorher

von den Städten aufgesogen worden wäre und das Land zum mindesten

innerlich bereits preisgegeben hätte. Das Edikt des Pertinax von

193 enthüllt endlich den erschreckenden Stand der Dinge: In Italien

und den Provinzen wird jedem gestattet, verödetes Land in Besitz zu

nehmen. Wenn er es bebaut, soll er Eigentumsrecht darüber erhalten.

Die Geschichtsforscher brauchten sich den übrigen Zivilisationen nur

ernsthaft zuzuwenden, um die gleiche Erscheinung überall festzustellen.

Im Hintergrund der Ereignisse des Neuen Reiches, vor allem von der

19. Dynastie an, ist eine gewaltige Abnahme der Bevölkerung deutlich

zu verspüren. Ein Stadtbau, wie ihn Amenophis IV. in Tell el Amarna

ausführte, mit Straßenzügen bis zu 45 m Breite, wäre bei der früheren

Bevölkerungsdichte undenkbar gewesen und ebenso die notdürftige

Abwehr der „Seevölker“, deren Aussichten auf Besitznahme des Reiches

damals sicherlich nicht schlechter waren als die der Germanen vom 4.

Jahrhundert an und endlich die unaufhörliche Einwanderung der Libyer

in das Delta, wo um 945 einer ihrer Führer -- genau wie 476 n. Chr.

Odoaker -- die Herrschaft über das Reich an sich nahm. Aber dasselbe

fühlt man aus der Geschichte des politischen Buddhismus seit dem

Cäsar Asoka heraus.[80] Wenn die Mayabevölkerung in ganz kurzer Zeit

nach der spanischen Eroberung geradezu verschwand und die großen

menschenleeren Städte dem Urwald anheimfielen, so beweist das nicht

allein die Brutalität der Eroberer, die in diesem Punkte einer jungen

und fruchtbaren Kulturmenschheit gegenüber wirkungslos gewesen wäre,

sondern ein Erlöschen von innen heraus, das ohne Zweifel schon längst

begonnen hatte. Und wenn wir uns der eigenen Zivilisation zuwenden, so

sind die alten Familien des französischen Adels zum weitaus größten

Teil nicht durch die französische Revolution ausgerottet worden,

sondern seit 1815 ausgestorben; die Unfruchtbarkeit breitete sich von

ihm auf das Bürgertum und seit 1870 auf die gerade durch die Revolution

fast neu geschaffene Bauernschaft aus. In England und noch weit mehr

in den Vereinigten Staaten und zwar gerade in deren wertvollster,

alteingewanderter Bevölkerung im Osten hat der „Rasseselbstmord“, gegen

den Roosevelt sein bekanntes Buch geschrieben hat, längst im großen

Stile eingesetzt.

Deshalb finden sich überall in diesen Zivilisationen schon früh

die verödeten Provinzstädte und am Ausgang der Entwicklung die

leerstehenden Riesenstädte, in deren Steinmassen eine kleine

Fellachenbevölkerung nicht anders haust als die Menschen der Steinzeit

in Höhlen und Pfahlbauten. Samarra wurde schon im 10. Jahrhundert

verlassen; die Residenz Asokas, Pataliputra, war, als der chinesische

Reisende Hsiuen Tsiang sie um 635 besuchte, eine ungeheure, völlig

unbewohnte Häuserwüste, und viele der großen Mayastädte müssen schon

zur Zeit des Cortez leer gestanden haben. Wir besitzen eine lange Reihe

antiker Schilderungen von Polybius an:[81] die altberühmten Städte,

deren leerstehende Häuserreihen langsam zusammenstürzen, während auf

dem Forum und im Gymnasium Viehherden weiden und im Amphitheater

Getreide gebaut wird, aus dem noch die Statuen und Hermen hervorragen.

Rom hatte im 5. Jahrhundert die Einwohnerzahl eines Dorfes, aber die

Kaiserpaläste waren noch bewohnbar.

Damit findet die Geschichte der Stadt ihren Abschluß. Aus dem

ursprünglichen Markt zur Kulturstadt und endlich zur Weltstadt

herangewachsen, bringt sie das Blut und die Seele ihrer Schöpfer

dieser großartigen Entwicklung und deren letzter Blüte, dem Geist der

Zivilisation zum Opfer und vernichtet damit zuletzt auch sich selbst.

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Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 11 / 62 段