Seele Stadt und Dorf unterscheidet. Es gibt nicht nur in primitiven
Zuständen wie im heutigen Inner-Afrika, sondern auch im späten China
und Indien und in allen Industriegebieten des modernen Europa und
Amerika sehr große Siedlungen, die trotzdem keine Städte sind. Sie
sind Mittelpunkte des Landes, aber sie bilden innerlich keine Welt
für sich. Sie haben keine Seele. Jede primitive Bevölkerung lebt
durchaus bäuerlich und landmäßig. Das Wesen „Stadt“ ist für sie nicht
vorhanden. Was sich äußerlich vom Dorfe abhebt, ist nicht eine Stadt,
sondern ein Markt, ein bloßer Treffpunkt ländlicher Lebensinteressen,
bei welchem von einem Sonderleben keine Rede sein kann. Die Bewohner
eines Marktes, auch wenn sie Handwerker oder Kaufleute sind, leben und
denken doch als Bauern. Wir müssen genau nachfühlen, was es heißt,
wenn aus einem urägyptischen, urchinesischen oder germanischen Dorf,
einem Pünktchen im weiten Lande, eine Stadt wird, die sich äußerlich
vielleicht durch nichts unterscheidet, die aber seelisch der Ort ist,
von dem aus der Mensch +das Land jetzt als „Umgebung“ erlebt+,
als etwas anderes und Untergeordnetes. Von nun an gibt es zwei Leben,
das drinnen und das draußen, und der Bauer empfindet das ebenso
deutlich wie der Bürger. Der Dorfschmied und der Schmied in der Stadt,
der Dorfschulze und der Bürgermeister leben in zwei verschiedenen
Welten. Der Landmensch und der Stadtmensch sind verschiedene Wesen.
Zuerst fühlen sie den Unterschied, dann werden sie von ihm beherrscht;
zuletzt verstehen sie sich nicht mehr. Ein märkischer und ein
sizilischer Bauer stehen sich heute näher als der märkische Bauer dem
Berliner. Von dieser Einstellung an gibt es wirkliche Städte und diese
Einstellung ist es, welche dem gesamten Wachsein aller Kulturen mit
Selbstverständlichkeit zugrunde liegt.
Jede Frühzeit einer Kultur ist zugleich die Frühzeit eines neuen
Städtewesens. Den Menschen der Vorkultur erfüllt eine tiefe Scheu
vor diesen Gebilden, zu denen er innerlich kein Verhältnis gewinnen
kann. Am Rhein und der Donau siedelten sich die Germanen vielfach --
z. B. in Straßburg -- vor den Toren der Römerstädte an, die unbewohnt
liegen blieben.[71] In Kreta haben die Eroberer auf dem Trümmerschutt
der niedergebrannten Städte wie Gurnia und Knossos ein Dorf angelegt.
Die Orden der abendländischen Vorkultur, die Benediktiner, vor allem
die Cluniazenser und Prämonstratenser siedeln wie die Ritter auf
freiem Lande. Erst die Franziskaner und Dominikaner bauen sich in den
frühgotischen Städten an: da ist die neue Stadtseele eben erwacht. Aber
auch da liegt in allen Bauten, in der gesamten Franziskanerkunst noch
eine zarte Schwermut, eine fast mystische Furcht des einzelnen vor dem
Neuen, Hellen, Wachen, das von der Gesamtheit noch dumpf hingenommen
wird. Man wagt es kaum, kein Bauer mehr zu sein. Erst die Jesuiten
leben mit dem reifen und überlegenen Wachsein echt großstädtischer
Menschen. Es ist ein Symbol der unbedingten Vorherrschaft des Landes,
das die Stadt noch nicht anerkennt, wenn die Herrscher jeder Frühzeit
in wandernden Pfalzen Hof halten. Im ägyptischen Alten Reiche liegt der
stark bevölkerte Verwaltungssitz an der „Weißen Mauer“ beim Ptahtempel
im späteren Memphis, aber die Residenzen der Pharaonen wechseln
unaufhörlich wie im sumerischen Babylonien und im Karolingerreich.[72]
Die frühchinesischen Herrscher der Dschoudynastie haben seit 1109 ihre
Pfalz in der Regel zu Loh-yang (heute Ho-nan-fu), aber erst seit 770,
was unserem 16. Jahrhundert entspricht, wird der Ort zur dauernden
Residenzstadt erhoben.
Nirgends hat sich das Gefühl der Erdverbundenheit, des
Pflanzenhaft-Kosmischen so mächtig ausgesprochen wie in der Architektur
dieser winzigen frühen Städte, die kaum mehr sind als ein paar Straßen
um einen Markt, eine Burg oder ein Heiligtum. Wenn es irgendwo
deutlich wird, daß jeder große Stil selbst eine Pflanze ist, so
hier. Die dorische Säule, die ägyptische Pyramide, der gotische Dom
+wachsen+ streng, schicksalhaft, ein Dasein ohne Wachsein aus dem
Boden; die jonische Säule und die Bauten des Mittleren Reiches und des
Barock ruhen voll erwacht, selbstbewußt, frei und sicher +auf+
ihm. Da ist, von den Mächten der Landschaft abgetrennt, durch das
Pflaster unter den Füßen gleichsam abgeschnitten, das Dasein matter,
das Empfinden und Verstehen immer mächtiger geworden. Der Mensch wird
„Geist“, „frei“ und dem Nomaden wieder ähnlicher, aber enger und
kälter. +„Geist“ ist die spezifisch städtische Form des verstehenden
Wachseins.+ Alle Kunst, alle Religion und Wissenschaft wird langsam
geistig, dem Lande fremd, dem erdhaften Bauern unverständlich. Mit
der Zivilisation tritt das Klimakterium ein. Die uralten Wurzeln des
Daseins sind verdorrt in den Steinmassen ihrer Städte. Der freie
Geist -- ein verhängnisvolles Wort! -- erscheint wie eine Flamme, die
prachtvoll aufsteigt und jäh in der Luft verlodert.
3
Die neue Seele der Stadt redet eine neue Sprache, die sehr bald mit
der Sprache der Kultur überhaupt gleichbedeutend wird. Das freie
Land mit seinen dörflichen Menschen ist betroffen; es versteht diese
Sprache nicht mehr; es wird verlegen und verstummt. Alle echte
Stilgeschichte spielt sich in Städten ab. Es ist ausschließlich das
Schicksal der Stadt und das Erleben städtischer Menschen, das in der
Logik sichtbarer Formen zum Auge redet. Die allerfrüheste Gotik wuchs
noch aus der Landschaft auf und ergriff das Bauernhaus mit seinen
Bewohnern und Geräten. Aber der Renaissancestil wächst nur in der
Renaissance+stadt+, der Barockstil nur in der Barock+stadt+,
von der ganz großstädtischen korinthischen Säule, vom Rokoko nicht
zu reden. Es geht vielleicht noch ein leiser Zug von dort über
die Landschaft hin, aber das Land selbst ist nicht der kleinsten
Schöpfung mehr fähig. Es schweigt und wendet sich ab. Der Bauer und
das Bauernhaus sind in allem Wesentlichen gotisch geblieben und sind
es noch heute. Das hellenische +Land+ hat den geometrischen, das
ägyptische Dorf den Stil des Alten Reiches bewahrt.
Vor allen Dingen ist es „das Gesicht“ der Stadt, dessen Ausdruck eine
Geschichte besitzt, dessen Mienenspiel beinahe die Seelengeschichte
der Kultur selbst ist. Da sind es erst die kleinen Urstädte der Gotik
und aller anderen Frühkulturen, die sich fast in der Landschaft
verlieren, echte Bauernhäuser noch, die im Schatten einer Burg oder
eines Heiligtums sich aneinander drängen und ohne Veränderung der
inneren Form Stadthäuser werden, nur weil sie nicht aus der Umgebung
von Feldern und Wiesen, sondern von Nachbarhäusern hervorwachsen. Die
Völker der Frühkultur sind allmählich Stadtvölker geworden und es gibt
also ein spezifisch chinesisches, indisches, apollinisches, faustisches
Stadtbild und wieder eine armenische oder syrische, eine jonische
oder etruskische, deutsche, französische oder englische Physiognomie
der Stadt. Es gibt eine Stadt des Phidias, eine Stadt Rembrandts,
eine Stadt Luthers. Diese Bezeichnungen und die bloßen Namen Granada,
Venedig, Nürnberg zaubern sofort ein festes Bild herauf, denn alles,
was eine Kultur hervorbringt an Religion, Kunst und Wissen, ist in
solchen Städten entstanden. Die Kreuzzüge entsprangen noch aus dem
Geist der Ritterburgen und ländlichen Klöster, die Reformation ist
städtisch und gehört zu schmalen Gassen und steilen Häusern. Das
große Epos, das vom Blute redet und singt, gehört zur Pfalz und Burg,
aber das Drama, in dem das +wache+ Leben sich selbst prüft, ist
Stadtpoesie, und der große Roman, der Blick des +befreiten+
Geistes auf alles Menschliche, setzt die Weltstadt voraus. Es gibt,
wenn man das echte Volkslied ausnimmt, nur Stadtlyrik, und wenn man
von der „ewigen“ Bauernkunst absieht, nur eine städtische Malerei und
Architektur mit einer raschen und kurzen Geschichte.
Und nun die laute Formensprache dieser großen Steingebilde, wie sie
die Stadtmenschheit selbst, ganz Auge und Geist, im Widerspruch zur
leiseren Sprache der Landschaft, in ihre Lichtwelt hineinträgt! Die
Silhouette der großen Stadt, die Dächer mit ihren Schornsteinen, die
Türme und Kuppeln am Horizont! Welche Sprache redet +ein+ Blick
auf Nürnberg und Florenz, auf Damaskus und Moskau, auf Peking und
Benares! Was wissen wir vom Geist antiker Städte, da wir ihre Linien
am südlichen Himmel, im Licht des Mittags, unter Wolken, am Morgen,
in der sternhellen Nacht nicht kennen! Diese Straßenzüge, gerade oder
krumm, breit oder schmal, die niedrigen, steilen, hellen, düsteren
Häuser, welche mit ihren Fassaden, ihren +Gesichtern+, in allen
abendländischen Städten auf die Straße herabblicken und in allen
morgenländischen fensterlos und vergittert ihr den Rücken kehren;
der Geist der Plätze und Winkel, Abschlüsse und Durchblicke, der
Brunnen und Denkmäler, der Kirchen, Tempel und Moscheen, Amphitheater
und Bahnhöfe, Bazare und Rathäuser; und dann wieder die Vorstädte,
Gartenhäuser und Haufen von Mietskasernen zwischen Unrat und Äckern,
die vornehmen und armen Viertel, die Subura im antiken Rom und der
Faubourg St. Germain in Paris, das alte Bajä und das heutige Nizza, die
kleinen Stadtbilder von Rothenburg und Brügge und das Häusermeer von
Babylon, Tenochtitlan, Rom und London! Alles das hat Geschichte und ist
Geschichte. Ein großes Ereignis der Politik -- und das Gesicht einer
Stadt legt sich in andere Falten. Napoleon hat dem bourbonischen Paris
und Bismarck dem kleinstaatlichen Berlin eine andere Miene gegeben. Das
Bauerntum aber steht unbewegt, mürrisch und zornig daneben.
In der frühesten Zeit beherrscht das +Landschaftsbild+ das
menschliche Auge +allein+. Es formt die Seele des Menschen, es
schwingt mit ihm. Ein gleicher Takt geht durch sein Fühlen und das
Rauschen der Wälder. Seine Gestalt, sein Gang, seine Tracht sogar
schmiegen sich den Wiesen und Gebüschen an. Das Dorf mit seinen
stillen, hügelartigen Dächern, dem Rauch am Abend, den Brunnen, Zäunen
und Tieren liegt ganz in die Landschaft verloren und eingebettet.
Die Landstadt +bestätigt+ das Land, sie ist eine Steigerung
seines Bildes; erst die späte Stadt trotzt ihm. Mit ihrer Silhouette
widerspricht sie den Linien der Natur. Sie +verneint+ alle
Natur. Sie will etwas anderes und Höheres sein. Diese scharfen
Giebel, diese barocken Kuppeln, Spitzen und Zinnen haben in der Natur
nichts Verwandtes und wollen es nicht haben, und zuletzt beginnt die
riesenhafte Weltstadt, +die Stadt als Welt+, neben der es keine
andere geben +soll+, die Vernichtungsarbeit am Landschaftsbilde.
Einst hatte die Stadt sich ihm hingegeben, jetzt will sie es dem
eigenen gleich machen. Da werden draußen aus Feldwegen Heerstraßen, aus
Wäldern und Wiesen Parks, aus Bergen Aussichtspunkte, eine künstliche
Natur wird in der Stadt selbst erfunden, Fontänen statt der Quellen,
Blumenbeete, Wasserstreifen, beschnittene Hecken statt der Wiesen,
Teiche und Büsche. In einem Dorfe liegt das strohgedeckte Dach noch
wie ein Hügel, die Gasse wie ein Rain da. Hier aber eröffnen sich
die Schluchten hoher und langgestreckter steinerner Straßen, voll
von farbigem Staub und fremdartigem Lärm; Menschen hausen darin, wie
kein natürliches Wesen sie je geahnt hatte. Die Trachten, selbst die
Gesichter sind auf einen Hintergrund von Stein abgestimmt. Des Tags
entfaltet sich ein Straßentreiben in seltsamen Farben und Tönen, des
Nachts ein neues Licht, das den Mond überstrahlt. Und der Bauer steht
ratlos auf dem Pflaster, eine lächerliche Gestalt, nichts verstehend
und von niemand verstanden, gut genug für die Komödie und um dieser
Welt das Brot zu schaffen.
Daraus folgt aber, und das ist wesentlicher als alles andere: alle
politische, alle Wirtschaftsgeschichte kann nur begriffen werden, wenn
man die vom Lande sich mehr und mehr absondernde und das Land zuletzt
völlig entwertende Stadt als das Gebilde erkennt, welches den Gang und
Sinn der höheren Geschichte überhaupt bestimmt. +Weltgeschichte ist
Stadtgeschichte.+
Ganz abgesehen davon, daß der antike Mensch aus seinem euklidischen
Daseinsgefühl den Staatsbegriff mit dem Verlangen nach einem Minimum
von Ausdehnung verbindet und also den Staat immer nachdrücklicher
mit dem Steinkörper der einzelnen Polis gleichsetzt, erscheint in
jeder Kultur sehr bald der Typus der +Hauptstadt+. Es ist, wie
der bedeutungsvolle Name sagt, die Stadt, deren Geist mit seinen
politischen und wirtschaftlichen Methoden, Zielen und Entscheidungen
das Land beherrscht. Das Land mit seinen Bewohnern wird Mittel und
Objekt dieses führenden Geistes. Es versteht nicht, um was es sich
handelt. Es wird auch nicht gefragt. Die großen Parteien in allen
Ländern aller späten Kulturen, die Revolutionen, der Cäsarismus, die
Demokratie, das Parlament sind die Form, in welcher der hauptstädtische
Geist dem Lande mitteilt, was es zu wollen und wofür es unter Umständen
zu sterben hat. Das antike Forum, die abendländische Presse sind
durchaus geistige Machtmittel der herrschenden Stadt. Wer auf dem
Lande überhaupt begreift, was in diesen Zeiten Politik ist und sich
ihr gewachsen fühlt, geht in die Stadt, vielleicht nicht körperlich,
ganz gewiß aber geistig. Die Stimmung und öffentliche Meinung des
bäuerlichen Landes, soweit es dergleichen gibt, wird von der Stadt
durch Schrift und Rede vorgeschrieben und geleitet. Theben ist Ägypten,
Rom ist der _orbis terrarum_, Bagdad ist der Islam, Paris ist
Frankreich. Die Geschichte jeder Frühzeit spielt sich in vielen kleinen
Mittelpunkten einzelner Landschaften ab. Die ägyptischen Gaue, die
homerischen Griechenvölker, die gotischen Grafschaften und freien
Städte haben einmal Geschichte gemacht. Aber die Politik sammelt sich
nach und nach in ganz wenigen Hauptstädten und alle anderen bewahren
nur noch einen Schein politischen Lebens. Daran hat auch die antike
Atomisierung der Welt in Stadtstaaten nichts geändert. Schon im
peloponnesischen Kriege haben nur noch Athen und Sparta eigentliche
Politik gemacht. Die anderen Städte am Ägäischen Meer gehörten nur noch
in den Machtbereich der einen oder andern Politik. Von einer wirklichen
+eigenen+ ist nicht mehr die Rede. Zuletzt ist es das Forum
der Stadt Rom allein, wo die antike Geschichte spielt. Mag Cäsar in
Gallien, mögen die Cäsarmörder in Makedonien oder Antonius in Ägypten
kämpfen: was dort geschieht, erhält seinen Sinn +erst durch die
Beziehung auf Rom+.
4
Alle wirkliche Geschichte beginnt damit, daß +die Urstände+,
Adel und Priestertum, sich als solche bilden und über das Bauerntum
erheben. Der Gegensatz von großem und kleinem Adel, König und
Vasallen, weltlicher und geistlicher Macht ist die Grundform aller
frühhomerischen, altchinesischen, gotischen Politik, bis mit der
Stadt, +dem Bürgertum, dem dritten Stande+ sich der Stil der
Geschichte verwandelt. Aber es sind ausschließlich diese Stände, in
deren Standesbewußtsein sich der gesamte Sinn der Geschichte sammelt.
+Der Bauer ist geschichtslos.+ Das Dorf steht außerhalb der
Weltgeschichte, und die ganze Entwicklung vom „trojanischen“ bis zum
mithridatischen Kriege und von den Sachsenkaisern bis zum Weltkrieg
geht über diese kleinen Punkte der Landschaft hinweg, sie gelegentlich
vernichtend, ihr Blut verbrauchend, aber ohne je ihr Inneres zu
berühren.
Der Bauer ist der ewige Mensch, unabhängig von aller Kultur, die in
den Städten nistet. Er geht ihr vorauf, er überlebt sie, dumpf und von
Geschlecht zu Geschlecht sich fortzeugend, auf erdverbundene Berufe
und Fähigkeiten beschränkt, eine mystische Seele, ein trockener, am
Praktischen haftender Verstand, der Ausgang und die immer fließende
Quelle des Blutes, das in den Städten die Weltgeschichte macht.
Was die Kultur dort in den Städten ersinnt, an Staatsformen und
Wirtschaftssitten, Glaubenssätzen, Werkzeugen, an Wissen und Kunst,
nimmt er mißtrauisch und zögernd endlich hin, ohne deshalb je seine Art
zu ändern. So nahm der westeuropäische Bauer alle Lehren der großen
Konzile vom großen lateranischen bis zu dem von Trient äußerlich
entgegen wie die Ergebnisse der Maschinentechnik und der französischen
Revolution. Er blieb deshalb doch, was er war, was er vor Karl dem
Großen schon gewesen war. Die heutige Frömmigkeit des Bauern ist älter
als das Christentum. Seine Götter sind älter als jede höhere Religion.
Nehmt den Druck der großen Städte von ihm und er wird ohne Entbehrung
in seinen natürlichen Urzustand zurückkehren. Seine wirkliche Ethik,
seine wirkliche Metaphysik, die kein Stadtgelehrter je der Entdeckung
für würdig gehalten hat, liegen außerhalb aller Religions- und
Geistesgeschichte. Sie haben überhaupt keine Geschichte.
Die Stadt ist Geist. Die Großstadt ist der „freie Geist“. Das
Bürgertum, der Stand des Geistes, beginnt mit einer Auflehnung gegen
die -- „feudalen“ -- Mächte des Blutes und der Tradition sich seines
Sonderdaseins bewußt zu werden. Er stürzt Throne und beschränkt alte
Rechte im Namen der Vernunft und vor allem im Namen des „Volkes“,
womit von nun an ausschließlich das Volk der Städte gemeint ist.
Demokratie ist die politische Form, in welcher von dem Bauern die
Weltanschauung des Stadtmenschen gefordert wird. Der städtische Geist
reformiert die große Religion der Frühzeit und setzt neben die alte
ständische eine bürgerliche Religion, die +freie Wissenschaft+.
Die Stadt übernimmt die Leitung der Wirtschaftsgeschichte, indem sie an
die Stelle der Urwerte des Landes, wie sie vom bäuerlichen Leben und
Denken nie zu trennen sind, den von den Gütern +abgelösten Begriff
des Geldes+ setzt. Das uralte ländliche Wort für den Güterverkehr
ist +Tausch+. Selbst wo es sich um die Vertauschung eines
Dinges gegen Edelmetall handelt, liegt dem Vorgang kein „Gelddenken“
zugrunde, welches vom Dinge den Wert begrifflich trennt und in eine
fiktive oder metallene Größe bindet, deren Bestimmung es von da an
ist, das „andere“, die „Ware“ zu +messen+. Karawanenzüge und
Wikingerfahrten zur Frühzeit erfolgen zwischen ländlichen Siedlungen
und bedeuten Tausch und Beute. Zur Spätzeit erfolgen sie zwischen
Städten und bedeuten „Geld“. Das unterscheidet die Normannen vor und
die Hanseaten und Venezianer nach den Kreuzzügen, die antiken Seefahrer
in der mykenischen Zeit und die zur Zeit der großen Kolonisationen. Die
Stadt bedeutet nicht nur Geist, sondern auch Geld.[73]
Eine Epoche tritt ein, wenn die Stadt sich so gewaltig entwickelt
hat, daß sie sich nicht mehr gegen das Land behaupten muß, gegen
Bauerntum und Ritterschaft, sondern daß das Land mit seinen Urständen
eine hoffnungslose Verteidigung gegen die Alleinherrschaft der
Stadt führt, geistig gegen den Rationalismus, politisch gegen die
Demokratie, wirtschaftlich gegen das Geld. In dieser Zeit ist die
Zahl der Städte, welche als historisch führende in Betracht kommen,
schon sehr klein geworden. Es entsteht der tiefe, vor allem seelische
Unterschied +von Großstadt und Kleinstadt+, welch letztere unter
dem sehr bezeichnenden Namen Landstadt ein Teil des aktiv nicht mehr
mitzählenden Landes wird. Der Gegensatz zwischen dem Landmenschen und
Stadtmenschen ist in diesen kleinen Städten nicht geringer geworden,
aber er verschwindet vor dem neuen Abstand, der sich zwischen sie
und die Großstadt legt. Bäuerlich-kleinstädtische Schlauheit und
großstädtische Intelligenz sind zwei Formen verstehenden Wachseins,
zwischen denen eine Verständigung kaum möglich ist. Es ist klar, daß
es sich auch hier nicht um die Einwohnerzahl, sondern um den Geist
handelt. Es ist auch deutlich, daß in allen großen Städten sich Winkel
erhalten, in denen Fragmente einer fast ländlich gebliebenen Menschheit
in ihren Gassen wie auf dem Lande leben, wo die Bewohner über die
Straße weg in fast dörflichen Beziehungen zueinander stehen. Es führt
eine Pyramide von immer städtischer geprägten Wesen von diesen fast
bäuerlichen Menschen über immer engere Schichten bis zu der geringen
Zahl echter Großstadtmenschen, die überall zu Hause sind, wo ihre
seelischen Voraussetzungen erfüllt werden.
Damit hat auch der Begriff Geld seine volle Abstraktheit erlangt. Er
+dient+ nicht mehr dem Verstehen des wirtschaftlichen Verkehrs;
er unterwirft den Warenumlauf seiner +eigenen+ Entwicklung. Er
wertet die Dinge nicht mehr untereinander, sondern in +bezug auf
sich+. Seine Beziehung zum Boden und dem damit verwachsenen Menschen
ist so vollständig verschwunden, daß sie für das wirtschaftliche
Denken der führenden Städte -- der „Geldplätze“ -- nicht mehr in
Betracht kommt. Das Geld ist jetzt eine Macht und zwar eine rein
geistige, durch das Metall nur repräsentierte Macht im Wachsein der
Oberschicht der wirtschaftlich tätigen Bevölkerung geworden, welche
die mit ihm beschäftigten Menschen ebenso von sich abhängig macht, wie
früher die Erde den Bauern. Es gibt ein „Denken in Geld“, wie es ein
mathematisches und juristisches Denken gibt.
Aber der Boden ist etwas Wirkliches und Natürliches, das Geld etwas
Abstraktes und Künstliches, eine bloße Kategorie wie „die Tugend“ im
Denken der Aufklärung. Daraus folgt, daß jede ursprüngliche, also
stadtlose Wirtschaft von den kosmischen Mächten, dem Boden, dem Klima,
dem Menschenschlage abhängig und damit in Schranken gehalten ist,
während das Geld als reine Verkehrsform innerhalb des Wachseins einen
von der Wirklichkeit ebenso wenig begrenzten Kreis von Möglichkeiten
hat wie die Größen der mathematischen und logischen Welt. Wie kein
Blick auf die Tatsachen uns hindert, nichteuklidische Geometrien in
beliebiger Zahl zu konstruieren, liegt innerhalb der ausgebildeten
großstädtischen Wirtschaft kein Hindernis mehr vor, das „Geld“ zu
vermehren, gewissermaßen in andern Gelddimensionen zu denken, was mit
der etwaigen Vermehrung des Goldes oder überhaupt der wirklichen Werte
durchaus nichts zu tun hat. Es gibt keiner Maßstab und keine Art von
Gütern, an denen man den Wert eines Talentes zur Zeit der Perserkriege
und in der ägyptischer Beute des Pompejus vergleichen könnte. Das
Geld ist für den Menschen als ζῷον οἰκονομικόν eine Form des tätigen
Wachseins geworden, die keinerlei Wurzeln im Dasein mehr besitzt.
Darauf beruht seine ungeheure Macht über jede beginnende Zivilisation,
die jedesmal eine unbedingte +Diktatur dieses „Geldes“+ in einer
für jede Kultur verschiedenen Gestalt ist, darin aber auch der Mangel
an Halt, durch den es zuletzt seine Macht und seinen Sinn verliert
und aus dem Denken einer späten Zivilisation wie der Zeit Diokletians
völlig verschwindet, um den bodenständigen Urwerten wieder Platz zu
machen.
Es entsteht endlich das ungeheure Symbol und Behältnis des völlig
frei gewordenen Geistes, die Weltstadt, der Mittelpunkt, in dem sich
endlich der Gang der Weltgeschichte vollkommen konzentriert: jene ganz
wenigen Riesenstädte aller reifen Zivilisationen, welche die gesamte
Mutterlandschaft ihrer Kultur durch den Begriff Provinz ächten und
entwerten. Provinz ist jetzt alles, Land, Kleinstadt und Großstadt,
mit Ausnahme dieser zwei oder drei Punkte. Es gibt nicht mehr Adlige
und Bürger, nicht mehr Freie und Sklaven, nicht mehr Hellenen und
Barbaren, nicht mehr Rechtgläubige und Ungläubige, sondern nur noch
+Weltstädter und Provinzler+. Alle anderen Gegensätze verblassen
vor diesem einen, der alle Ereignisse, Lebensgewohnheiten und
Weltanschauungen beherrscht.
Die frühesten aller Weltstädte waren Babylon und das Theben des Neuen
Reiches -- die minoische Welt auf Kreta gehört trotz ihres Glanzes zur
ägyptischen Provinz. In der Antike ist Alexandria das erste Beispiel;
das alte Hellas ist mit einem Schlage Provinz geworden. Auch Rom und
das neu bevölkerte Karthago, auch Byzanz haben es nicht verdrängt. In
Indien waren die Riesenstädte Udjein, Kanaudj, vor allem Pataliputra
bis nach China und Java hin berühmt; der märchenhafte Ruf von Bagdad
und Granada im Abendlande ist bekannt. In der mexikanischen Welt ist,
wie es scheint, das 950 gegründete Uxmal die erste Weltstadt der
Majareiche gewesen, die mit dem Emporkommen der toltekischen Weltstädte
Tezcuco und Tenochtitlan Provinz wurden.