Das Abendland befand sich damals etwa auf der Stufe, welche die Maya

um 700 schon überschritten hatten. Erst die Zeit Friedrichs des Großen

wäre reif gewesen, die Politik der Liga von Mayapan zu verstehen.

Was die Azteken um 1500 organisierten, liegt für uns noch in weiter

Zukunft. Was aber schon damals den faustischen Menschen von dem

jeder andern Kultur unterschied, war sein unstillbarer Drang in die

Ferne, der letzten Endes auch die Vernichtung der mexikanischen und

peruanischen Kultur veranlaßt hat. Dieser Drang ist ohne Beispiel

und meldet sich auf allen Gebieten. Gewiß, der ionische Stil ist

in Karthago und Persepolis nachgeahmt worden, der hellenistische

Geschmack hat in der indischen Gandarakunst Bewunderer gefunden;

wieviel Chinesisches in die urgermanische Holzbaukunst des hohen

Nordens gedrungen ist, wird vielleicht eine künftige Forschung

aufdecken. Der Moscheenstil herrschte von Hinterindien bis in das

nördliche Rußland und das westliche Afrika und Spanien. Aber alles das

verschwindet gegen die Expansionskraft der abendländischen Stile. Es

ist selbstverständlich, daß die Stilgeschichte selbst sich nur auf

ihrem Mutterboden vollendet, aber ihre Resultate erkennen keine Grenze

an. Auf dem Platz, wo Tenochtitlan gestanden hatte, errichteten die

Spanier eine Kathedrale im Barockstil mit Meisterwerken der spanischen

Malerei und Plastik; die Portugiesen haben bereits in Vorderindien,

italienische und französische Baumeister des späten Barock tief in

Polen und Rußland gearbeitet. Das englische Rokoko und vor allem Empire

hat eine weite Provinz in den Pflanzerstaaten Nordamerikas, deren

wundervolle Zimmer und Möbel in Deutschland viel zu wenig bekannt sind.

Der Klassizismus wirkte bereits in Kanada und am Kap; seitdem gibt es

keine Schranke mehr. Und auch auf jedem andern Formgebiet bestand die

Beziehung dieser jungen zu den alten noch bestehenden Zivilisationen

darin, daß sie sie sämtlich durch eine immer dichtere Schicht

westeuropäisch-amerikanischer Lebensformen überdeckte, unter denen die

alte eigne Form langsam dahinschwindet.

11

Vor diesem Bilde der Menschenwelt, welches bestimmt ist, das heute

noch in den besten Köpfen befestigte von Altertum, Mittelalter und

Neuzeit abzulösen, wird auch eine neue und, wie ich glaube, für unsere

Zivilisation endgültige Antwort auf die alte Frage möglich: Was ist

Geschichte?

Ranke (im Vorwort zu seiner Weltgeschichte) sagt: „Die Geschichte

beginnt erst, wo die Monumente verständlich werden und glaubwürdige

schriftliche Aufzeichnungen vorliegen.“ Das ist die Antwort eines

Sammlers und Ordners von Daten. Ohne Zweifel ist hier das, was

geschehen ist, mit dem verwechselt, was innerhalb des Blickfeldes der

jeweiligen Geschichtsforschung geschehen ist. Daß Mardonios bei Platää

geschlagen wurde -- hat das aufgehört Geschichte zu sein, wenn 2000

Jahre später ein Gelehrter davon nichts mehr weiß? Ist das Leben nur

dann eine Tatsache, wenn in Büchern davon geredet wird?

Der bedeutendste Historiker seit Ranke, Ed. Meyer,[17] sagt:

„Historisch ist, was wirksam ist oder gewesen ist ... Erst durch

die historische Betrachtung wird der Einzelvorgang, den sie aus

der unendlichen Masse gleichzeitiger Vorgänge heraushebt, zu einem

historischen Ereignis.“ Das ist ganz im Geschmack und Geiste

Hegels gesagt. Es kommt erstens auf die Tatsachen an und nicht auf

unser zufälliges Wissen davon. Gerade das neue Bild der Geschichte

zwingt uns, Tatsachen ersten Ranges in großen Folgen als vorhanden

anzunehmen, von denen wir im Gelehrtensinne nie etwas wissen werden.

Wir müssen lernen, im weitesten Umfange mit dem Unbekannten zu

rechnen. Und zweitens: Wahrheiten gibt es für den Geist; Tatsachen

gibt es nur in bezug auf das Leben. Historische Betrachtung, in meiner

Ausdrucksweise +physiognomischer Takt+: das ist die Entscheidung

des +Blutes+, die auf Vergangenheit und Zukunft erweiterte

Menschenkenntnis, der angeborne Blick für Personen und Lagen, für das,

was Ereignis, was notwendig war, was dagewesen sein +muß+, und

+nicht+ die bloße wissenschaftliche Kritik und Kenntnis von Daten.

Die wissenschaftliche Erfahrung kommt bei jedem echten Historiker

nebenher oder nachher. Sie beweist mit den Mitteln des Verstehens und

Mitteilens umständlich noch einmal und zwar für das Wachsein, was in

+einem+ Augenblick der Erleuchtung für das Dasein schon bewiesen

war.

Gerade weil die Gewalt des faustischen Daseins heute einen Umkreis

innerer Erfahrungen herausgebildet hat, wie sie nie ein anderer Mensch

und nie eine andere Zeit erwerben konnten, gerade weil für uns in

immer wachsendem Maße fernste Ereignisse einen Sinn und eine Beziehung

erhalten, der für alle andern und auch die nächsten Miterlebenden nicht

vorhanden sein +konnte+, ist heute für uns vieles Geschichte,

nämlich Leben im Einklang mit unserm Leben geworden, was es noch vor

hundert Jahren nicht war. Für Tacitus hat die Revolution des Ti.

Gracchus, deren Daten er vielleicht „wußte“, keine wirkliche Bedeutung

mehr, wohl aber für uns. Für keinen Bekenner des Islam bedeutet

die Geschichte der Monophysiten und ihre Beziehungen zur Umgebung

Mohameds irgend etwas; +wir+ lernen da die Entwicklung des

englischen Puritanismus unter andern Bedingungen noch einmal kennen.

Für den Weltblick einer Zivilisation, deren Schauplatz die ganze Erde

geworden ist, gibt es zuletzt nichts ganz Unhistorisches mehr. Das

Schema Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit, wie es das 19. Jahrhundert

verstand, enthielt nur eine Auswahl +handgreiflicher+ Beziehungen.

Aber die heute beginnende Wirkung frühchinesischer und mexikanischer

Geschichte auf uns ist von feinerer, geistigerer Art: wir machen da

Erfahrungen von den letzten Notwendigkeiten des Lebens überhaupt. Wir

lernen dort an einem andern Lebensverlauf uns selbst kennen, wie wir

sind, wie wir sein müssen und sein werden; das ist die große Schule

unserer Zukunft. Wir, die wir noch Geschichte haben und Geschichte

machen, erfahren hier an der äußersten Grenze der historischen

Menschheit, was Geschichte +ist+.

Wenn unter zwei Negerstämmen des Sudan oder den Cheruskern und

Chatten zur Zeit Cäsars oder, was wesentlich dasselbe ist, unter zwei

Ameisenvölkern eine Schlacht stattfindet, so ist das lediglich ein

Schauspiel der lebendigen Natur. Wenn die Cherusker aber im Jahre

9 die Römer schlagen, oder die Azteken die Tlaskalaner, so ist das

+Geschichte+. Hier ist das Wann von Bedeutung; hier wiegt jedes

Jahrzehnt, selbst jedes Jahr. Es handelt sich um das Fortschreiten

eines großen Lebenslaufs, in dem jede Entscheidung den Rang einer

Epoche einnimmt. Es ist ein Ziel da, auf das alles Geschehen zutreibt,

ein Dasein, das seine Bestimmung erfüllen will, ein Tempo, eine

organische Dauer und nicht das regellose Auf und Ab der Skythen,

Gallier, Karaiben, dessen Vorfälle im einzelnen ebenso belanglos sind

wie die in einer Biberkolonie oder einer Steppe voller Gazellenherden.

Dies ist +zoologisches Geschehen+ und gehört in eine Einstellung

von ganz andrer Art: es kommt da nicht auf das Schicksal von einzelnen

Völkern und Herden an, sondern das Schicksal +des+ Menschen und

das +der+ Gazelle oder Ameise +als Art+. Der primitive Mensch

hat Geschichte nur im biologischen Sinne. Auf ihre Ermittlung läuft

alle prähistorische Forschung hinaus. Die zunehmende Vertrautheit mit

Feuer, Steinwerkzeugen, Metallen und den mechanischen Gesetzen der

Waffenwirkung kennzeichnet nur die Entwicklung des Typus und der in ihm

ruhenden Möglichkeiten. Was mit diesen Waffen bei einem Kampf zwischen

zwei Stämmen erzielt wird, ist im Rahmen dieser Art von Geschichte

völlig gleichgültig. Steinzeit und Barock: das sind Altersstufen

im Dasein einer Gattung und einer Kultur, also zweier Organismen,

die im Bereich zweier grundverschiedener Einstellungen liegen. Ich

protestiere hier gegen zwei Annahmen, die alles historische Denken bis

jetzt verdorben haben: gegen die Annahme eines Endziels der gesamten

Menschheit und gegen die Leugnung von Endzielen überhaupt. Das Leben

+hat+ ein Ziel. Es ist die Erfüllung dessen, was mit seiner

Zeugung gesetzt war. Aber der einzelne Mensch gehört durch seine Geburt

entweder einer der hohen Kulturen an oder nur dem menschlichen Typus

überhaupt. Eine dritte große Lebenseinheit gibt es für ihn nicht. Aber

damit liegt sein Schicksal entweder im Rahmen der zoologischen oder der

„Weltgeschichte“. Der „historische Mensch“, wie ich das Wort verstehe

und wie es alle großen Historiker immer gemeint haben, ist der Mensch

einer in Vollendung begriffenen Kultur. Vorher, nachher und außerhalb

ist er +geschichtslos+. Dann sind die Schicksale des Volkes, zu

dem er gehört, ebenso gleichgültig wie das Schicksal der Erde, wenn man

es nicht im Bilde der Geologie, sondern der Astronomie betrachtet.

Und daraus folgt eine ganz entscheidende und hier zum erstenmal

festgestellte Tatsache: daß der Mensch nicht nur vor dem Entstehen

einer Kultur geschichtslos ist, sondern +wieder geschichtslos

wird+, sobald eine Zivilisation sich zu ihrer vollen und endgültigen

Gestalt herausgebildet und damit die lebendige Entwicklung der Kultur

beendet, die letzten Möglichkeiten eines sinnvollen Daseins erschöpft

hat. Was wir in der ägyptischen Zivilisation seit Sethos I. (1300)

und in der chinesischen, indischen und arabischen noch heute vor uns

sehen, ist wieder das zoologische Auf und Ab des primitiven Zeitalters,

mag es sieh auch in noch so durchgeistigte religiöse, philosophische

und vor allem politische Formen hüllen. Ob in Babylon die Kossäer als

wüste Soldatenhorde oder die Perser als feine Erben sitzen; wann, wie

lange und mit welchem Erfolg sie das tun, ist von Babylon aus gesehen

ohne Bedeutung. Für das Behagen der Bevölkerung war es gewiß nicht

gleichgültig, aber an der Tatsache, daß die Seele dieser Welt erloschen

war und deshalb alle Ereignisse einer tieferen Bedeutung entbehrten,

änderte sich damit nichts. Eine neue, fremde oder einheimische

Dynastie in Ägypten, eine Revolution oder Eroberung in China, ein

neues Germanenvolk im römischen Reiche, das gehört zur Geschichte der

Landschaft wie eine Änderung im Wildbestand oder der Ortswechsel

eines Vogelschwarmes. Was in der wirklichen Geschichte höherer

Menschen immer auf dem Spiel stand und allen tierhaften Machtfragen

zugrunde lag, auch wenn der Treibende oder Getriebene sich nicht im

geringsten der Symbolik seiner Taten, Absichten und Geschicke bewußt

wurde, das war die Verwirklichung von etwas durchaus Seelenhaftem,

die Ueberführung einer Idee in eine lebendig historische Gestalt. Das

gilt ebenso von dem Ringen zwischen großen Stilrichtungen in der Kunst

-- Gotik und Renaissance -- oder zwischen Philosophien -- Stoiker und

Epikuräer -- oder Staatsgedanken -- Oligarchie und Tyrannis -- oder

Wirtschaftsformen -- Kapitalismus und Sozialismus.

Von alledem ist nicht mehr die Rede. Was übrig bleibt, ist der Kampf um

die bloße Macht, um den animalischen Vorteil an sich. Und wenn vorher

selbst die scheinbar ideenloseste Macht noch in irgend einer Weise der

Idee dient, so ist in späten Zivilisationen selbst der überzeugendste

Schein einer Idee nur die Maske für rein zoologische Machtfragen.

Was die indische Philosophie vor und nach Buddha unterscheidet, ist

dort die große Bewegung auf ein mit der indischen Seele und in ihr

gesetztes Ziel des indischen Denkens, und hier das immer neue Hin-

und Herwenden eines Denkbestandes, der dadurch nicht anders wird.

Die Lösungen sind da, aber man ändert den Geschmack in der Art,

sie auszusprechen. Und dasselbe gilt von der chinesischen Malerei

vor und nach dem Beginn der Handynastie -- mögen wir sie kennen

oder nicht -- und von der ägyptischen Architektur vor und nach dem

Beginn des Neuen Reiches. In der Technik steht es nicht anders.

Die abendländischen Erfindungen der Dampfmaschine und Elektrizität

kommen unter den Chinesen heute in ganz derselben Weise -- und mit

derselben religiösen Scheu -- in Aufnahme wie vor viertausend Jahren

die Bronze und der Pflug und noch viel früher das Feuer. Beides

unterscheidet sich seelisch vollständig von den Erfindungen, welche

die Chinesen der Dschouzeit selbst gemacht haben und die für ihre

innere Geschichte jedesmal eine Epoche bedeuteten.[18] Vorher und

nachher spielen Jahrhunderte nicht entfernt mehr die Rolle wie die

Jahrzehnte und oft einzelnen Jahre innerhalb der Kultur, +denn die

Zeiträume der Biologie kommen allmählich wieder zur Geltung+.

Das gibt diesen sehr späten Zuständen, welche für ihre Träger etwas

ganz Selbstverständliches haben, den Charakter jener feierlichen

Dauer, den echte Kulturmenschen wie Herodot in Ägypten und seit

Marko Polo die Westeuropäer in China im Vergleich mit dem Tempo der

eigenen Entwicklung staunend wahrgenommen haben. Es ist die Dauer der

Geschichtslosigkeit.

Ist nicht mit Aktium und der _pax Romana_ die antike Geschichte

zu Ende? Große Entscheidungen, in denen sich der innere Sinn einer

ganzen Kultur zusammendrängt, kommen nicht mehr vor. Der Unsinn, die

Zoologie beginnt zu herrschen. Es wird gleichgültig -- für die Welt,

nicht für die handelnden Privatpersonen --, ob ein Ereignis so oder

so ausgeht. Alle großen Fragen der Politik sind gelöst, wie sie in

allen Zivilisationen zuletzt gelöst werden: indem man Fragen nicht

mehr als solche empfindet; indem man nicht mehr fragt. Es dauert nicht

lange und man versteht auch nicht mehr, was bei früheren Katastrophen

an Problemen eigentlich zugrunde lag. Was man nicht an sich selbst

erlebt, erlebt man auch nicht an andern. Wenn die späten Ägypter von

der Hyksoszeit, die späten Chinesen von der entsprechenden „Zeit der

kämpfenden Staaten“ reden, so beurteilen sie das äußere Bild nach ihrer

Art zu leben, die keine Rätsel mehr kennt. Sie sehen da bloße Kämpfe

um die Macht; sie sehen nicht, daß diese verzweifelten äußeren und

inneren Kriege, in denen man die Fremden gegen die eigenen Mitbürger

aufrief, um eine Idee geführt wurden. Wir verstehen heute, was um die

Ermordung des Ti. Gracchus und des Clodius in furchtbaren Spannungen

und Entladungen vor sich ging. 1700 konnten wir es noch nicht und 2200

werden wir es nicht mehr verstehen. Genau so steht es mit jenem Chian,

einer napoleonischen Erscheinung, für welche die ägyptischen Historiker

später nur noch die Bezeichnung „Hyksoskönig“ ausfindig machten. Wären

die Germanen nicht gekommen, so hätte die römische Geschichtsschreibung

ein Jahrtausend später vielleicht aus Gracchus, Marius, Sulla und

Cicero eine Dynastie gemacht, die von Cäsar gestürzt wurde.

Man vergleiche den Tod des Ti. Gracchus mit dem Neros, als die

Nachricht von der Erhebung Galbas nach Rom kam, oder den Sieg Sullas

über die Marianer mit dem des Septimius Severus über Pescennius Niger.

Hätte das entgegengesetzte Ergebnis im zweiten Falle am Gange der

Kaiserzeit irgend etwas geändert? Es geht bereits viel zu weit, wenn

Mommsen und Ed. Meyer[19] einen sorgfältigen Unterschied zwischen der

„Monarchie“ Cäsars und dem „Prinzipat“ des Pompejus oder Augustus

machen. Das sind jetzt leere staatsrechtliche Formeln; fünfzig Jahre

vorher wäre es noch der Gegensatz zweier Ideen gewesen. Wenn Vindex und

Galba 68 „die Republik“ wiederherstellen wollten, so spielten sie mit

einem Begriff in einer Zeit, für die es Begriffe von echter Symbolik

nicht mehr gab. Es stand nur noch in Frage, in wessen Hände die rein

materielle Gewalt kommen würde. Die immer negerhafteren Kämpfe um den

Cäsarentitel hätten sich noch durch Jahrhunderte fortspinnen können, in

immer primitiveren und deshalb „ewigeren“ Formen.

Diese Bevölkerungen haben keine Seele mehr. Sie können deshalb keine

eigne Geschichte mehr haben. Sie können höchstens in der Geschichte

einer fremden Kultur die Bedeutung eines Objektes erhalten und es

ist ausschließlich dieses fremde Leben, welches von sich aus den

tieferen Sinn dieser Beziehung bestimmt. Was auf dem Boden alter

Zivilisationen überhaupt noch geschichtsartig wirkt, ist also nie

der Gang der Ereignisse, insofern der Mensch dieses Bodens selbst

in ihnen mitspielt, sondern insofern andre es tun. Aber damit ist

das Gesamtphänomen „Weltgeschichte“ wieder in seinen zwei Elementen

sichtbar geworden: Lebensläufe großer Kulturen und die Beziehungen

zwischen ihnen.

[3] Er habe festgestellt, daß sich vor seiner Zeit nichts von

Bedeutung ereignet habe, schreibt er -- um 400! -- auf der ersten

Seite seines Geschichtswerkes.

[4] 522 unter der Ostgotenherrschaft in Rom entstanden, aber

erst seit Karl dem Großen rasch über das germanische Abendland

verbreitet.

[5] Mit einer sehr bezeichnenden Verengerung des tatsächlich

erlebten Geschichtsbildes im Bewußtsein des echten

Renaissancemenschen.

[6] Den ersten Beweis dafür, daß die Grundformen der Pflanzen- und

Tierwelt sich nicht entwickeln, sondern plötzlich da sind, gab

H. de Vries seit 1886 in seiner Mutationslehre. In der Sprache

Goethes: Wir sehen, wie eine geprägte Form sich +in den einzelnen

Exemplaren+ entwickelt, nicht, wie sie +für die ganze Gattung+

geprägt wird.

[7] Damit wird auch die Annahme ungeheurer Zeiträume für die

Ereignisse der menschlichen Urzeit überflüssig und man kann den

Abstand der ältesten bisher bekannten Menschen vom Beginn der

ägyptischen Kultur sich in einem Zeitmaß denken, dem gegenüber die

5000 Jahre historischer Kultur durchaus nicht verschwinden.

[8] Und Afrika sprach 1912. Paideuma, Umrisse einer Kultur- und

Seelenlehre, 1920. -- Frobenius unterscheidet +drei+ Zeitalter.

[9] Goethe hat in seinem kleinen Aufsatz „Geistesepochen“ eine

Charakteristik der vier Abschnitte jeder Kultur, der Vorzeit,

Frühzeit, Spätzeit und Zivilisation, von solcher Tiefe gegeben,

daß sich heute noch nichts hinzufügen läßt. Vgl. die damit genau

übereinstimmenden Tafeln in Bd. I.

[10] Es fehlt ebenso an einer +Geschichte der Landschaft+ (also

des Bodens, der Pflanzendecke und der Witterung), in der sich die

Menschengeschichte seit fünftausend Jahren abgespielt hat. Aber

die Menschengeschichte ringt sich so schwer von der Geschichte

der Landschaft ab und bleibt mit tausend Wurzeln mit ihr so tief

verbunden, daß man ohne sie das Leben, die Seele, das Denken gar

nicht verstehen kann. Was die Landschaft Südeuropas betrifft,

so macht seit dem Ende der Eiszeit ein unbändiger Überfluß der

Pflanzenwelt allmählich der Dürftigkeit Platz. In der Folge der

ägyptischen, antiken, arabischen, abendländischen Kultur hat sich

um das Mittelmeer herum eine Wandlung des Klimas vollzogen, wonach

der Bauer aus dem Kampf +gegen+ die Pflanzenwelt in den +für+ sie

eintreten mußte, erst gegen den Urwald, dann gegen die Wüste sich

behauptend. Die Sahara lag zur Zeit Hannibals weit im Süden von

Karthago, heute dringt sie bereits in das nördliche Spanien und

Italien ein; wo war sie zur Zeit der ägyptischen Pyramidenbauer

mit den Wald- und Jagdbildern auf ihren Reliefs? Als die Spanier

die Moriskos vertrieben, erlosch der nur noch künstlich aufrecht

erhaltene Charakter des Landes als einer Wald- und Ackerlandschaft.

Die Städte wurden Oasen in der Wüste. Zur Römerzeit hätte das keine

derartige Folge gehabt.

[11] Die neue Methode der vergleichenden Morphologie gestattet

eine sichere Nachprüfung der bis jetzt mit ganz andern Mitteln

versuchten Zeitansätze alter Kulturen. Aus demselben Grunde,

weshalb man auch bei Verlust aller andern Nachrichten Goethes

Geburt nicht hundert Jahre vor den Urfaust verlegen oder in der

Laufbahn Alexanders des Großen die eines älteren Mannes vermuten

würde, kann man aus einzelnen Zügen des Staatslebens, dem Geist

von Kunst, Denken und Religion beweisen, daß der Anbrach der

ägyptischen Kultur um 3000 und der chinesischen um 1400 erfolgt

ist. Die Berechnungen französischer Forscher und neuerdings von

Borchardt (Die Annalen und die zeitliche Festlegung des Alten

Reiches, 1919) sind von vornherein ebenso verfehlt wie die

chinesischer Historiker über die Dauer der fabelhaften Hsia-

und Schangdynastien. Ebenso ist es völlig unmöglich, daß der

ägyptische Kalender im Jahre 4241 eingeführt worden ist. Wie bei

jeder Zeitrechnung hat man eine Entwicklung mit tiefgreifenden

Kalenderreformen anzunehmen, womit der Begriff eines Anfangsdatums

überhaupt gegenstandslos wird.

[12] Ed. Meyer hat Gesch. d. A. III, 97 das kleine Perservolk,

vielleicht noch zu hoch, auf eine halbe Million im Verhältnis

zu den fünfzig Millionen des babylonischen Imperiums berechnet.

Ein Größenverhältnis derselben Ordnung besteht zwischen den

Germanenvölkern und den Legionen der Soldatenkaiser des 3. Jahrh.

der römischen, und den Truppen der Ptolemäer und Römer der

ägyptischen Bevölkerung gegenüber.

[13] Denn selbst Indien hatte damals imperialistische Tendenzen in

der Maurya- und Sungadynastie zum Ausdruck gebracht, die bei dem

ganzen indischen Wesen nur wirr und folgenlos sein konnten.

[14] Vgl. das ganze Kap. III dieses Bandes.

[15] Der folgende Versuch beruht auf den Angaben von zwei

amerikanischen Werken: L. Spence, _The civilization of ancient

Mexico_, Cambr. 1912, und H. J. Spinden, _A study of Maya art,

its subject, matter and historical development_, Cambr. 1913, die

unabhängig voneinander den Versuch einer Chronologie machen und zu

einer gewissen Übereinstimmung gelangt sind.

[16] Diese Namen sind die der heutigen Dörfer nahe bei den Ruinen.

Die wirklichen Namen sind verschollen.

[17] Zur Theorie und Methodik der Geschichte, Kl. Schr. 1910, bei

weitem das beste Stück Geschichtsphilosophie, das ein Gegner aller

Philosophie geschrieben hat.

[18] Der Japaner gehörte früher zur chinesischen und gehört heute

+auch noch+ zur abendländischen Zivilisation; eine japanische

Kultur im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es nicht. Der

japanische Amerikanismus ist also anders zu beurteilen.

[19] Cäsars Monarchie und das Principat des Pompejus, 1918, S. 501

ff.

DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN KULTUREN

12

Obwohl sie das zweite und die Kulturen selbst das erste sind, so

urteilt das moderne historische Denken doch umgekehrt. Je weniger es

die eigentlichen Lebensläufe erkennt, aus denen sich die scheinbare

Einheit des Weltgeschehens zusammensetzt, desto eifriger sucht es das

Leben im Gewebe der Beziehungen, desto weniger versteht es mithin auch

von diesen. Wie reich ist die Psychologie dieses Aufsuchens, Abwehrens,

Wählens, Umdeutens, Verführens, Eindringens, Sichanbietens, und zwar

sowohl zwischen Kulturen, die sich unmittelbar berühren, bewundern,

bekämpfen, als zwischen einer lebenden Kultur und der Formenwelt einer

toten, deren Reste noch sichtbar in der Landschaft stehen! Und wie eng

und arm sind die Vorstellungen, welche demgegenüber der Historiker mit

den Worten Einfluß, Fortdauer und Fortwirkung verbindet!

Das ist echtes 19. Jahrhundert. Man sieht nur noch eine Kette von

Ursachen und Wirkungen. Alles „folgt“, nichts ist ursprünglich. Weil

überall Formelemente der Oberfläche älterer Kulturen sich bei jüngeren

wiederfinden, so haben sie „fortgewirkt“, und wenn man eine Reihe von

solchen Einwirkungen beisammen hat, so glaubt man etwas Rechtes getan

zu haben.

Zugrunde liegt dieser Betrachtungsweise das Bild der

sinnvoll-einheitlichen Menschengeschichte, wie es einst den großen

Gotikern aufging. Da sah man, wie auf Erden Menschen und Völker

wechselten und die Ideen blieben. Der Eindruck dieses Bildes war

gewaltig und hat sich noch heute nicht verloren. Ursprünglich war es

der Plan, den Gott mit dem Menschengeschlecht verfolgte; aber auch

später noch konnte man die Dinge so sehen, solange der Bann des Schemas

Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit anhielt und man nur das scheinbar

Dauernde, nicht das tatsächlich sich Verändernde bemerkte. Inzwischen

ist unser Blick anders geworden, kühler und weiter, und unser Wissen

hat die Grenzen dieses Schemas längst überschritten. Wer heute noch

so sieht, steht auf der falschen Seite. Nicht das Geschaffene „wirkt

ein“, sondern das Schaffende „nimmt an“. Man verwechselt Dasein und

Wachsein, das Leben mit den Mitteln, durch die es sich zum Ausdruck

bringt. Das theoretische Denken, selbst bloßes Wachsein, sieht

überall theoretische Einheiten in Bewegung begriffen. Das ist echt

faustisch-dynamisch. In keiner andern Kultur haben die Menschen sich

Geschichte so vorgestellt. Ein Grieche mit seinem durchaus körperhaften

Verstehen der Welt würde nie bloße Ausdruckseinheiten wie „das attische

Drama“ oder „die ägyptische Kunst“ in ihren „Wirkungen“ verfolgt haben.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 5 / 62 段