heute die ganze Erdoberfläche ergriffen hat, nicht ein drittes
Zeitalter ist, sondern ein notwendiges Stadium ausschließlich der
abendländischen Kultur, das sich von dem jeder andern nur durch die
Gewalt der Ausdehnung unterscheidet. Hier ist die Erfahrung zu Ende.
Darüber zu grübeln, in was für neuen Formen der künftige Mensch sein
Dasein führen wird, +ob überhaupt+ andre kommen werden, oder gar
auf dem Papier majestätische Umrisse mit einem „So soll es, so wird
es sein“ zu entwerfen, ist eine Spielerei, die mir zu unbedeutend
erscheint, um die Kräfte eines irgendwie wertvollen Lebens daran zu
wenden.
Die Gruppe der hohen Kulturen ist keine organische Einheit. Daß sie
in dieser Zahl, an diesen Orten und zu dieser Zeit entstanden, ist
für das menschliche Auge ein Zufall ohne tieferen Sinn. Dagegen tritt
die Gliederung der einzelnen mit solcher Deutlichkeit hervor, daß die
chinesische, arabische und abendländische Geschichtsschreibung und oft
schon das übereinstimmende Gefühl der Gebildeten eine Reihe von Namen
geprägt hat, die sich gar nicht verbessern lassen.[9]
Das historische Denken hat also die doppelte Aufgabe, eine
vergleichende Betrachtung +der einzelnen Lebensläufe+ vorzunehmen,
eine Aufgabe, die klar gefordert, aber bis jetzt nicht beachtet worden
ist, und die andre, die zufälligen und regellosen +Beziehungen der
Kulturen untereinander+ auf ihren Sinn zu prüfen. Das ist bis jetzt
in der bequemen und oberflächlichen Weise geschehen, daß man das ganze
Gewirr mit kausaler Erklärung in den „Gang“ einer Weltgeschichte
brachte. Damit wird aber die sehr schwierige und aufschlußreiche
Psychologie dieser Beziehungen ebenso unmöglich wie die des Innenlebens
der Kulturen selbst. Diese zweite Aufgabe setzt vielmehr die erste
als gelöst voraus. Die Beziehungen sind sehr verschieden, zunächst
schon nach dem räumlichen und zeitlichen Abstand. In den Kreuzzügen
steht eine Frühzeit einer alten und reifen Zivilisation gegenüber,
in der kretisch-mykenischen Welt des ägäischen Meeres eine Vorkultur
einer blühenden Spätzeit. Eine Zivilisation kann aus unendlicher Ferne
herüberstrahlen wie die indische von Osten in die arabische Welt, oder
sich erstickend und greisenhaft über eine Jugend lagern, wie die Antike
von Westen her. Aber auch nach Art und Stärke: die abendländische
Kultur sucht Beziehungen auf, die ägyptische weicht ihnen aus; jene
erliegt ihnen immer wieder in tragischen Erschütterungen, die Antike
nützt sie aus, ohne zu leiden. Das alles hat aber seine Bedingungen
wieder im Seelischen der Kultur selbst und lehrt diese Seele zuweilen
besser kennen als ihre eigne Sprache, die oft mehr verbirgt als
mitteilt.
10
Ein Blick über die Gruppe der Kulturen erschließt Aufgaben über
Aufgaben. Das 19. Jahrhundert, dessen Geschichtsforschung von der
Naturwissenschaft, dessen Geschichtsdenken von den Ideen des Barock
geleitet wurde, hat uns nur auf einen Gipfel geführt, von dem wir die
neue Welt zu unsern Füßen sehen. Werden wir je von ihr Besitz ergreifen?
Die ungeheure Schwierigkeit, der eine gleichmäßige Behandlung jener
großen Lebensläufe heute noch begegnet, besteht darin, daß es an
ernsthaften Bearbeitungen der fernliegenden Gebiete durchaus fehlt.
Es zeigt sich wieder der herrische Blick des Westeuropäers, der nur
erfassen will, was von irgend einem Altertum her über ein Mittelalter
sich ihm nähert, und alles, was seine eignen Wege geht, mit halbem
Ernst behandelt. In der chinesischen und indischen Welt sind soeben
einige Gebiete: Kunst, Religion und Philosophie, in Angriff genommen
worden. Die politische Geschichte wird, wenn überhaupt, im Plauderstil
vorgetragen. Niemand denkt daran, die großen staatsrechtlichen Probleme
der chinesischen Geschichte, das Hohenstaufenschicksal des Li-Wang
(842), den ersten Fürstenkongreß von 659, den Kampf zwischen den
Prinzipien des von dem „Römerstaate“ Tsin vertretenen Imperialismus
(Lienheng) und der Völkerbundidee (Hohtsung) zwischen 500 und 300,
den Aufstieg des chinesischen Augustus Hoang-ti (221) mit derselben
Gründlichkeit zu behandeln, wie es Mommsen mit dem Prinzipat des
Augustus getan hat. Die Staatengeschichte Indiens mag noch so gründlich
von den Indern vergessen sein, aus der Zeit Buddhas liegt trotzdem mehr
Material vor als aus der antiken Geschichte im 9. und 8. Jahrhundert,
aber wir tun noch heute, als hätte „der“ Inder ganz in seiner
Philosophie gelebt wie die Athener, welche nach der Ansicht unsrer
Klassizisten ihr Leben, an den Ufern des Ilissos philosophierend,
in Schönheit verbrachten. Aber auch über die ägyptische Politik ist
kaum nachgedacht worden. Hinter dem Namen der Hyksoszeit haben die
späten ägyptischen Historiker dieselbe Krisis verborgen, welche die
chinesischen als „Zeit der kämpfenden Staaten“ behandeln. Das hat noch
niemand untersucht. Und in der arabischen Welt reicht das Interesse
genau so weit wie das antike Sprachgebiet. Was ist nicht über die
Staatsschöpfung Diokletians geschrieben worden! Und was für ein
Material hat man etwa über die ganz gleichgültige Verwaltungsgeschichte
der kleinasiatischen Provinzen zusammengetragen -- weil es griechisch
geschrieben war! Aber das Vorbild Diokletians in jeder Beziehung, der
Sassanidenstaat, fällt nur insoweit in den Kreis der Betrachtung,
als er gerade Krieg mit Rom führte. Wie steht es aber mit dessen
+eigener+ Verwaltungs- und Rechtsgeschichte? Was ist über Recht
und Wirtschaft in Ägypten, Indien und China gesammelt worden, das sich
neben den Arbeiten über antikes Recht halten könnte?[10]
Um 3000[11] setzen nach einer langen „Merowingerzeit“, die in
Ägypten noch deutlich übersehbar ist, die beiden ältesten Kulturen
in äußerst kleinen Gebieten am untern Nil und Euphrat ein. Früh- und
Spätzeit sind hier längst durch die Namen Altes und Mittleres Reich,
Sumer und Akkad unterschieden worden. Der Ausgang der ägyptischen
Feudalzeit zeigt mit seiner Entstehung eines Erbadels und dem dadurch
bedingten Verfall des frühen Königtums seit der sechsten Dynastie
eine so erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Verlauf der Dinge in der
chinesischen Frühzeit seit I-Wang (934-909) und der abendländischen
seit Kaiser Heinrich IV., daß eine vergleichende Untersuchung einmal
gewagt werden sollte. Am Anfang des babylonischen „Barock“ erscheint
der große Sargon (2500), der bis ans Mittelmeer vordringt, Cypern
erobert und sich im Geschmack Justinians I. und Karls V. den „Herrn
der vier Weltteile“ nennt. Am Nil um 1800, in „Akkad und Sumer“ etwas
früher, beginnen nun auch die ersten Zivilisationen, von denen die
asiatische eine gewaltige Expansionskraft zeigt. Die „Errungenschaften
der babylonischen Zivilisation“, vieles, was mit Messen, Zählen,
Rechnen zusammenhängt, ist von da an vielleicht bis zur Nordsee und
zum Gelben Meer getragen worden. Manche babylonische Fabrikmarke an
einem Werkzeug mag da von germanischen Wilden als Zauberzeichen
verehrt und zum Ursprung eines „urgermanischen“ Ornaments geworden
sein. Aber indessen ging die babylonische Welt selbst aus einer Hand
in die andere. Kossäer, Assyrer, Chaldäer, Meder, Perser, Makedonier,
lauter kleine[12] Heerhaufen mit einem kräftigen Führer an der Spitze,
haben sich da in der Hauptstadt abgelöst, ohne daß die Bevölkerung
sich ernsthaft dagegen wehrte. Das ist das erste Beispiel einer
„römischen Kaiserzeit“. In Ägypten entwickelten sich die Dinge nicht
anders. Unter den Kossäern setzen die Prätorianer die Herrscher ein
und ab; die Assyrer haben wie die Soldatenkaiser seit Commodus die
alten staatsrechtlichen Formen aufrecht erhalten; der Perser Kyros
und der Ostgote Theodorich haben sich als Reichsverweser gefühlt,
Meder und Langobarden als Herrenvölker im fremden Lande. Aber das
sind staatsrechtliche, nicht tatsächliche Unterschiede. Die Legionen
des Afrikaners Septimius Severus wollten genau dasselbe wie Alarichs
Westgoten, und in der Schlacht bei Adrianopel waren „Römer“ und
„Barbaren“ kaum noch zu unterscheiden.
Seit 1500 entstehen drei neue Kulturen, zuerst die indische im oberen
Pendschab, um 1400 die chinesische am mittleren Hoangho, um 1100 die
antike am ägäischen Meere. Wenn die chinesischen Historiker von den
drei großen Dynastien -- Hsia, Schang, Dschou -- reden, so entspricht
das etwa der Meinung Napoleons, der sich als den Begründer der vierten
Dynastie nach den Merowingern, Karolingern und Capetingern bezeichnete.
In Wirklichkeit hat jedesmal die dritte den ganzen Verlauf der
Kultur miterlebt. Als 441 der Titularkaiser der Dschoudynastie zum
Staatspensionär des „östlichen Herzogs“ und als 1792 „Louis Capet“
hingerichtet wurde, ging jedesmal auch die Kultur zur Zivilisation
über. Aus der letzten Schangzeit haben sich einige hochaltertümliche
Bronzen erhalten, die zur späteren Kunst in demselben Verhältnis stehen
wie die mykenische zur frühantiken Keramik und die karolingische Kunst
zur romanischen. Die vedische, homerische und chinesische Frühzeit
zeigen mit ihren Pfalzen und Burgen, mit Rittertum und Feudalherrschaft
das ganze Bild der Gotik, und die „Zeit der großen Protektoren“
(Ming-dschu 685-591) entspricht durchaus der Zeit Cromwells,
Wallensteins, Richelieus und der älteren antiken Tyrannis.
480-230 setzen die chinesischen Historiker die „Zeit der kämpfenden
Staaten“ an, die zuletzt in eine hundertjährige ununterbrochene Folge
von Kriegen mit Massenheeren und furchtbaren sozialen Erschütterungen
auslief und aus welcher der Römerstaat Tsin als Begründer des
chinesischen Imperiums hervorging. Das erlebte Ägypten 1780-1580 (seit
1680 die „Hyksoszeit“), die Antike von Chäronea und in furchtbarster
Form von den Gracchen an bis Actium (133-31); es ist das Schicksal der
westeuropäisch-amerikanischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert.
Der Schwerpunkt wird unterdessen, wie von Attika nach Latium, so vom
Hoangho (bei Ho-nan-fu) zum Jangtse (heute Provinz Hupei) verlegt. Der
Sikiang war den chinesischen Gelehrten damals so undeutlich wie den
alexandrinischen die Elbe, und von der Existenz Indiens hatten sie noch
keine Ahnung.
Wie auf der andern Seite der Weltkugel die Kaiser des
julisch-claudischen Hauses, so erscheint hier der gewaltige Wang
Dscheng, der in den Entscheidungskämpfen Tsin zur Alleinherrschaft
führt und 221 den Titel Augustus („Schi“ bedeutet genau dasselbe) und
den Cäsarennamen Hoang-ti annimmt. Er begründet den „chinesischen
Frieden“, führt in dem erschöpften Imperium seine große Sozialreform
durch und beginnt bereits, ganz römisch, den Bau des chinesischen
Limes, der berühmten Mauer, für die er 214 einen Teil der Mongolei
erobert. (Bei den Römern beginnt sich seit der Varusschlacht der
Begriff einer feststehenden Grenze gegen die Barbaren zu bilden; die
Befestigungen sind dann noch im 1. Jahrhundert angelegt worden.) Er
hat auch als der erste in großen Kriegszügen die barbarischen Stämme
südlich des Jangtse unterworfen und das Gebiet durch Militärstraßen,
Ansiedlungen und Kastelle gesichert. Ebenso römisch ist aber auch die
Familiengeschichte seines Hauses, das in neronischen Greueln rasch
zu Ende ging, in denen der Kanzler Lui-Schi, der erste Gatte der
Kaisermutter, und der große Staatsmann Li-Sze, der Agrippa seiner
Zeit und Begründer der chinesischen Einheitsschrift, eine Rolle
spielten. Es folgen die beiden Handynastien (die westliche 206 v.–23
n., die östliche 25-220), unter denen die Grenze sich immer weiter
ausdehnte, während in der Hauptstadt Eunuchenminister, Generale und
Soldaten die Herrscher ihrer Wahl ein- und absetzen. Es sind seltsame
Augenblicke, als unter den Kaisern Wu-ti (140-86) und Ming-ti (58-76)
die chinesisch-konfucianische, die indisch-buddhistische und die
antik-stoische Weltmacht sich dem kaspischen Meer so weit genähert
hatten, daß eine Berührung leicht hätte eintreten können.[13]
Der Zufall hat es gefügt, daß die schweren Angriffe der Hunnen
sich damals an dem chinesischen Limes brachen, der gerade jedesmal
durch einen kräftigen Kaiser verteidigt wurde. Die entscheidende
Niederlage der Hunnen erfolgte 124-119 durch den chinesischen Trajan
Wu-ti, der auch Südchina endgültig einverleibte, um einen Weg nach
Indien zu bekommen, und der eine ungeheure, festungsartig gesicherte
Militärstraße nach dem Tarim baute. Sie wandten sich endlich nach dem
Westen und erschienen später, mit einem Schwarm germanischer Stämme
vor sich her, vor dem römischen Grenzwall. Hier gelang es ihnen.
Das römische Imperium ging zugrunde und die Folge war, daß nur das
chinesische und indische Imperium noch heute bestehen als bevorzugte
Objekte immer wechselnder Gewalten. Heute sind es die „rothaarigen
Barbaren“ des Westens, die in den Augen der hochzivilisierten Bramanen
und Mandarinen keine andere und bessere Rolle spielen als die Moguln
und Mandschu, und die ebenfalls ihre Nachfolger finden werden. Auf dem
Kolonisationsgebiet des zerstörten römischen Imperiums bereitete sich
dagegen im Nordwesten die Vorkultur des Abendlandes vor, während sich
im Osten bereits die arabische Frühzeit entwickelt hatte.
Diese arabische Kultur ist eine Entdeckung.[14] Ihre Einheit ist von
späten Arabern geahnt worden, den abendländischen Geschichtsforschern
aber so völlig entgangen, daß nicht einmal eine gute Bezeichnung
für sie aufzufinden ist. Der herrschenden Sprache nach könnte man
Vorkultur und Frühzeit aramäisch, die Spätzeit arabisch nennen.
Einen wirklichen Namen gibt es nicht. Die Kulturen lagen hier dicht
beieinander und deshalb haben sich die ausgedehnten Zivilisationen
mehrfach übereinander geschichtet. Die arabische Vorzeit selbst, die
sich bei Persern und Juden verfolgen läßt, lag völlig im Bereiche der
alten babylonischen Welt, die Frühzeit aber von Westen her unter dem
mächtigen Bann der antiken, eben erst voll ausgereiften Zivilisation.
Ägyptische und indische Zivilisation reichen fühlbar herüber.
Arabischer Geist hat dann aber, meist in spätantiker Maske, seinen
Zauber auf die beginnende Kultur des Abendlandes ausgeübt, und die
arabische Zivilisation, die sich in der Seele des Volkes in Südspanien,
der Provence und Sizilien über die heute noch nicht ganz erstorbene
antike geschichtet hat, wurde das Vorbild, an dem gotischer Geist
sich erzog. -- Die zugehörige Landschaft ist merkwürdig ausgedehnt
und zerrissen. Man muß sich nach Palmyra oder Ktesiphon versetzen und
von da aus hineindenken: im Norden Osrhoëne; Edessa wurde das Florenz
der arabischen Frühzeit. Im Westen Syrien und Palästina, wo das neue
Testament und die jüdische Mischna entstanden, mit Alexandria als
ständigem Vorposten. Im Osten erlebte der Mazdaismus eine gewaltige
Erneuerung, welche der Geburt des Messias im Judentum entspricht
und von der wir aus den Trümmern der Awestaliteratur nur schließen
können, +daß+ sie stattgefunden haben muß. Hier sind auch der
Talmud und die Religion Manis entstanden. Tief im Süden, der künftigen
Heimat des Islam, hat sich eine Ritterzeit voll entfalten können wie
im Sassanidenreich. Noch heute liegen dort die Ruinen unerforschter
Burgen und Schlösser, von denen aus die Entscheidungskriege zwischen
dem christlichen Staat von Axum an der afrikanischen Küste und dem
jüdischen der Himjariten an der arabischen geleitet wurden, die man
von Rom und Persien aus diplomatisch schürte. Im äußersten Norden
liegt Byzanz mit seinem sonderbaren Gemisch spätzivilisierter antiker
und früher ritterlicher Formen, das sich vor allem in der Geschichte
des byzantinischen Heerwesens so verwirrend ausspricht. Der Islam
hat dieser Welt endlich und viel zu spät das Bewußtsein der Einheit
verliehen und darauf beruht das Selbstverständliche seines Sieges,
das ihm Christen, Juden und Perser fast willenlos zuführte. Aus dem
Islam hat sich dann die arabische Zivilisation entwickelt, die in ihrer
höchsten geistigen Vollendung stand, als vorübergehend die Barbaren
des Abendlandes hereinbrachen und nach Jerusalem zogen. Wie mag sich
dies Schauspiel in den Augen vornehmer Araber ausgenommen haben? Etwas
bolschewistisch vielleicht? Für die Politik der arabischen Welt waren
die Verhältnisse in „Frankistan“ etwas, auf das man herabsah. Noch als
während des dreißigjährigen Krieges, der von hier aus betrachtet „im
fernen Westen“ vor sich ging, der englische Gesandte in Konstantinopel
die Türkei gegen das Haus Habsburg aufzubringen versuchte, hat man dort
sicherlich in dem Bewußtsein gehandelt, daß diese kleinen Raubstaaten
am Horizont der arabischen Welt für die großen Verhältnisse der Politik
von Marokko bis nach Indien hin kaum in Betracht kämen. Eine Ahnung von
der Zukunft werden weite Kreise selbst bei der Landung Napoleons in
Ägypten noch nicht gehabt haben.
Inzwischen war in Mexiko eine neue Kultur entstanden. Sie liegt
so weit von allen andern entfernt, daß keine Kunde je hinüber und
herüber gedrungen ist. Um so erstaunlicher ist die Ähnlichkeit ihrer
Entwicklung mit der antiken. Das wird die Philologen mit Entsetzen
erfüllen, wenn sie vor diesen Teokallis an ihre dorischen Tempel
denken, und doch ist es gerade ein antiker Zug, der mangelnde Wille zur
Macht in der Technik, der die Art der Bewaffnung bestimmt und damit die
Katastrophe möglich gemacht hat.
Denn diese Kultur ist das einzige Beispiel für einen gewaltsamen Tod.
Sie verkümmerte nicht, sie wurde nicht unterdrückt oder gehemmt,
sondern in der vollen Pracht ihrer Entfaltung gemordet, zerstört wie
eine Sonnenblume, der ein Vorübergehender den Kopf abschlägt. Alle
diese Staaten, darunter eine Weltmacht und mehr als ein Staatenbund,
deren Größe und Mittel denen der griechisch-römischen Staaten zur Zeit
Hannibals weit überlegen waren, mit ihrer gesamten hohen Politik, mit
sorgfältig geordnetem Finanzwesen, hochentwickelter Gesetzgebung, mit
Verwaltungsgedanken und wirtschaftlichen Gewohnheiten, wie sie die
Minister Karls V. nie begriffen hätten, mit reichen Literaturen in
mehreren Sprachen, einer durchgeistigten und vornehmen Gesellschaft
in großen Städten, wie das Abendland damals keine einzige aufzuweisen
hatte -- das alles wurde nicht etwa durch einen verzweifelten Krieg
gebrochen, sondern durch eine Handvoll Banditen in wenigen Jahren
so vollständig vertilgt, daß die Reste der Bevölkerung bald nicht
einmal eine Erinnerung bewahrten. Von der Riesenstadt Tenochtitlan
blieb kein Stein über dem Boden, in den Urwäldern von Yukatan liegen
die Großstädte der Mayareiche dicht beieinander und fallen rasch der
Vegetation zum Opfer. Wir wissen von keiner einzigen, wie sie hieß. Von
der Literatur sind drei Bücher übrig geblieben, die niemand lesen kann.
Das Furchtbarste an diesem Schauspiel ist, daß es nicht einmal zu
den Notwendigkeiten der abendländischen Kultur gehörte. Es war eine
Privatsache von Abenteurern, und niemand in Deutschland, England
und Frankreich hat damals geahnt, was hier vor sich ging. Wenn
irgendwo auf Erden, so wurde hier gezeigt, +daß es keinen Sinn
in der Menschengeschichte+, daß es nur eine tiefe Bedeutung in
den Lebensläufen der einzelnen Kulturen gibt. Ihre Beziehungen
untereinander sind ohne Bedeutung und zufällig. Der Zufall war hier
so grauenhaft banal, so geradezu lächerlich, daß er in der elendesten
Posse nicht angebracht werden dürfte. Ein paar schlechte Kanonen und
einige hundert Steinschloßgewehre haben die Tragödie eingeleitet und zu
Ende geführt.
Eine gesicherte Kenntnis auch nur der allgemeinsten Geschichte dieser
Welt ist für alle Zeiten unmöglich. Ereignisse vom Range der Kreuzzüge
und der Reformation sind spurlos der Vergessenheit verfallen. Erst in
den letzten Jahrzehnten hat die Forschung wenigstens die Umrisse der
späteren Entwicklung festgestellt und mit Hilfe dieser Daten vermag
die vergleichende Morphologie das Bild durch das der andern Kulturen
zu erweitern und zu vertiefen.[15] Danach liegen die Epochen dieser
Kultur je etwa 200 Jahre später als die der arabischen und je etwa 700
Jahre vor denen der abendländischen. Eine Vorkultur, die wie in Ägypten
und China Schrift und Kalender entwickelt hat, war vorhanden, ist
aber für uns nicht mehr erkennbar. Die Zeitrechnung begann mit einem
Anfangsdatum, das weit vor Christi Geburt liegt, dessen Lage zu diesem
Datum aber mit Sicherheit nicht mehr festzustellen ist. Sie beweist
jedenfalls den außerordentlich stark entwickelten historischen Sinn des
mexikanischen Menschen.
Die Frühzeit der „hellenischen“ Majastaaten ist durch die datierten
Reliefpfeiler der alten Städte Copan[16] (im Süden), Tikal und etwas
später Chichen Itza (im Norden), Naranjo, Seibal bezeugt (etwa
160-450). Am Ausgang dieser Periode wird Chichen Itza mit seinen
Bauten für Jahrhunderte vorbildlich; daneben die prachtvolle Blüte von
Palenque und Piedras Negras (im Westen). Das würde der Spätgotik und
Renaissance entsprechen (450-600, abendländisch 1250-1400?). In der
Spätzeit (Barock) erscheint Champutun als Mittelpunkt der Stilbildung;
jetzt beginnt die Einwirkung auf die „italischen“ Nahuavölker auf der
Hochebene von Anahuac, die künstlerisch und geistig nur empfangend,
in ihren politischen Instinkten den Maya weit überlegen sind (etwa
600-960, antik 750-400, abendländisch 1400-1750?). Nun beginnt der
„Hellenismus“ der Maya. Um 960 wird Uxmal gegründet und bald eine
Weltstadt vom ersten Range wie die ebenfalls an der Schwelle der
Zivilisation gegründeten Weltstädte Alexandria und Bagdad; wir finden
daneben eine Reihe glänzender Großstädte wie Labna, Mayapan, Chacmultun
und wieder Chichen Itza. Sie bezeichnen den Höhepunkt einer großartigen
Architektur, die keinen neuen Stil mehr hervorbringt, aber die alten
Motive mit erlesenem Geschmack und in gewaltigen Maßen verwendet. Die
Politik wird durch die berühmte Liga von Mayapan (960-1195) beherrscht,
ein Bündnis von drei führenden Staaten, welche die Lage trotz großer
Kriege und wiederholter Revolutionen, wie es scheint, doch etwas
künstlich und gewaltsam aufrecht erhalten (antik 350-150, abendländisch
1800-2000).
Der Ausgang dieser Periode wird durch eine große Revolution bezeichnet
und im Zusammenhang damit greifen die „römischen“ Nahuamächte endgültig
in die Verhältnisse der Maya ein. Mit ihrer Hilfe hat Hunac Ceel
einen allgemeinen Umsturz herbeigeführt und Mayapan zerstört (um
1190, antik etwa 150). Was jetzt folgt, ist die typische Geschichte
einer ausgereiften Zivilisation, in welcher einzelne Völker um die
militärische Vormacht ringen. Die großen Mayastädte versinken in das
beschauliche Glück des römischen Athen und Alexandria. Inzwischen
entwickelt sich aber am äußersten Horizont des Nahuagebietes das
jüngste dieser Völker, die Azteken, urwüchsig, barbarisch und mit einem
unersättlichen Willen zur Macht. Sie gründen 1325 Tenochtitlan (antik
etwa Zeit des Augustus), das sich bald zur gebietenden Hauptstadt der
ganzen mexikanischen Welt erhebt. Um 1400 beginnt die militärische
Expansion im großen Stil; die eroberten Gebiete werden durch
Militärkolonien und ein Netz von Heerstraßen gesichert, die abhängigen
Staaten durch eine überlegene Diplomatie im Zaume und von einander
getrennt gehalten; das kaiserliche Tenochtitlan wuchs zu riesenhaftem
Umfange heran mit seiner internationalen Bevölkerung, unter der keine
Sprache des Weltreichs fehlte. Die Nahuaprovinzen waren politisch und
militärisch gesichert; man drang rasch nach Süden vor und schickte sich
an, die Hand auf die Mayastaaten zu legen; es ist nicht abzusehen,
welchen Gang die Dinge innerhalb der nächsten hundert Jahre genommen
haben würden, da kam das Ende.