Kultur noch viel notwendiger als in jeder andern, sorgfältig zwischen
der Alltagseinstellung der meisten Menschen und der Maximaleinstellung
zu unterscheiden, deren nur die höchsten Geister fähig sind, die sich
aber auch in diesen nur für Augenblicke vollzieht. Der Unterschied
zwischen dem historischen Horizont des Themistokles und dem eines
attischen Bauern ist vielleicht geringfügig, aber schon der zwischen
dem Geschichtsbild Kaiser Heinrichs VI. und dem eines Hörigen seiner
Zeit ist ungeheuer, und mit dem Aufstieg der faustischen Kultur
werden die höchstmöglichen Einstellungen so erweitert und vertieft,
daß es immer engere Kreise sind, denen sie zugänglich bleiben. Es
bildet sich gleichsam eine Pyramide von Möglichkeiten, auf der jeder
einzelne seiner Veranlagung nach eine Stufe einnimmt, welche durch die
höchste ihm erreichbare Einstellung bezeichnet wird. Damit aber gibt
es zwischen abendländischen Menschen eine Grenze der Verständigung
in geschichtlichen Lebensfragen, wie sie in dieser verhängnisvollen
Schärfe ohne Zweifel keiner andern Kultur bekannt war. Kann heute
ein Arbeiter einen Bauern wirklich verstehen? Oder ein Diplomat einen
Handwerker? Der historisch-geographische Horizont, aus dem heraus beide
ihre wichtigsten Fragen in Worte fassen, ist so verschieden, daß aus
der Mitteilung ein Vorbeireden wird. Ein wirklicher Menschenkenner
versteht wohl auch noch die Einstellung des andern und richtet seine
Mitteilung danach ein -- wie wir es alle machen, wenn wir mit Kindern
sprechen --, aber die Kunst, sich auch noch in das Geschichtsbild
eines Menschen der Vergangenheit, Heinrichs des Löwen oder Dantes so
einzuleben, daß man seine Gedanken, Gefühle und Entscheidungen als
selbstverständlich begreift, ist bei dem gewaltigen Abstände beider
Wachseinszustände so selten, daß sogar die Aufgabe als solche um 1700
noch gar nicht geahnt und erst seit 1800 zu einer sehr selten erfüllten
Forderung der Geschichtsschreibung geworden ist.
Die echt faustische Trennung der eigentlichen Menschengeschichte
von der viel weiteren Weltgeschichte hat zur Folge, daß seit dem
Ausgang des Barock sich in unserm Weltbilde mehrere Horizonte in
getrennten Schichten hintereinander lagern, für deren Untersuchung sich
Einzelwissenschaften von mehr oder weniger ausgesprochen historischem
Charakter ausgebildet haben. Die Astronomie, Geologie, Biologie,
Anthropologie verfolgen der Reihe nach die Schicksale der Sternenwelt,
der Erdrinde, der Lebewesen, des Menschen, und erst dann beginnt
die heute noch so genannte „Weltgeschichte“ der hohen Kulturen, an
welche sich weiterhin die Geschichte einzelner Kulturelemente, die
Familiengeschichte, zuletzt die gerade im Abendlande sehr ausgebildete
Biographie anschließen.
Jede dieser Schichten fordert eine Einstellung für sich und mit
dem Augenblick dieser Einstellung hören die engeren und weiteren
Schichten auf, lebendiges Werden zu sein, und sind schlechthin
gegebene Tatsachen. Untersuchen wir die Schlacht im Teutoburger
Walde, so ist die Entstehung dieses Waldes innerhalb der Pflanzenwelt
Norddeutschlands vorausgesetzt. Fragen wir nach der Geschichte des
deutschen Laubwaldes, so ist die geologische Schichtung der Erde
die Voraussetzung und eine in ihren besonderen Schicksalen nicht
weiter zu untersuchende Tatsache. Fragen wir nach dem Ursprung der
Kreideformation, so ist das Vorhandensein der Erde selbst als eines
Planeten im Sonnensystem kein Problem. Oder anders betrachtet: daß es
in der Sternenwelt eine Erde, daß es auf der Erde das Phänomen „Leben“,
daß es in diesem die Form „Mensch“, daß es in der Menschengeschichte
die organische Form der Kulturen gibt, ist jedesmal ein Zufall im Bilde
der nächst höheren Schicht. Goethe hatte von seiner Straßburger bis
zur ersten Weimarer Zeit einen starken Hang zur Einstellung auf die
Weltgeschichte -- die Entwürfe zum Cäsar, Mahomet, Sokrates, Ewigen
Juden, Egmont zeugen davon --, aber seit jenem schmerzlichen Verzicht
auf eine politische Wirksamkeit großen Stils, der aus dem Tasso noch
in dessen endgültiger, vorsichtig resignierter Fassung zu uns redet,
schaltete er gerade diese aus und lebte fortan mit der fast gewaltsamen
Beschränkung auf das Bild der Pflanzen-, Tier- und Erdgeschichte,
seiner „lebendigen Natur“ und andrerseits in der Biographie.
Alle diese Bilder haben, in denselben Menschen entwickelt, dieselbe
Struktur. Auch die Geschichte der Pflanzen und Tiere, auch die der
Erdrinde und der Sterne ist fable convenue und spiegelt in der
äußeren Wirklichkeit die Tendenz des eignen Daseins wider. Eine vom
subjektiven Standpunkt des betrachtenden Menschen, seiner Zeit, seines
Volkes und selbst seiner sozialen Stellung abgelöste Betrachtung
der Tiere oder der Gesteinsschichtung ist ebensowenig möglich, wie
die der Revolution oder des Weltkrieges. Die berühmten Theorieen
von Kant und Laplace, Cuvier, Lyell, Lamarck, Darwin haben auch
eine politisch-wirtschaftliche Färbung und zeigen gerade durch den
gewaltigen Eindruck, den sie auf ganz unwissenschaftliche Kreise
hervorgerufen haben, den gemeinsamen Ursprung der Auffassung all
dieser historischen Schichten. Was sich aber heute vollendet, ist die
letzte dem faustischen Geschichtsdenken noch vorbehaltene Leistung:
die organische Verbindung dieser Einzelschichten untereinander und
ihre Eingliederung in eine einzige ungeheure Weltgeschichte von
einheitlicher Physiognomik, in welcher der Blick vom Leben des
einzelnen Menschen nun ohne Unterbrechung bis zu den ersten und
letzten Schicksalen des Universums reicht. Das 19. Jahrhundert hat
-- in mechanistischer, also ungeschichtlicher Fassung -- die Aufgabe
+gestellt+. Es gehört zu den Bestimmungen des 20., sie zu lösen.
8
Das Bild, welches wir von der Geschichte der Erdrinde und der
Lebewesen besitzen, wird augenblicklich noch immer von Anschauungen
beherrscht, welche das zivilisierte englische Denken seit der
Aufklärungszeit aus den englischen Lebensgewohnheiten entwickelt hat.
Die „phlegmatische“ geologische Theorie Lyells von der Bildung der
Erdschichten und die biologische Darwins von der Entstehung der Arten
sind tatsächlich nur Nachbilder der Entwicklung Englands selbst. Sie
setzen an die Stelle unberechenbarer Katastrophen und Metamorphosen,
wie sie der große Leopold von Buch und Cuvier anerkannten, eine
methodische Entwicklung mit sehr langen Zeiträumen und erkennen als
Ursachen nur +wissenschaftlich erreichbare und zwar mechanische+
Zweckmäßigkeitsursachen an.
Diese „englische“ Art von Ursachen ist nicht nur flach, sondern
auch viel zu eng. Sie beschränkt die möglichen Zusammenhänge
erstens auf Vorgänge, die sich in ihrem +ganzen+ Verlauf an
der Erdoberfläche vollziehen. Damit werden alle großen kosmischen
Beziehungen zwischen den Lebenserscheinungen der Erde und Ereignissen
des Sonnensystems oder der Sternenwelt überhaupt ausgeschaltet und
die ganz unmögliche Behauptung vorausgesetzt, daß die Außenseite der
Erdkugel ein allseitig isoliertes Gebiet des Naturgeschehens sei. Und
man setzt zweitens voraus, daß Zusammenhänge, die mit den Mitteln des
heutigen menschlichen Wachseins -- Empfinden und Denken -- und ihrer
Verfeinerung durch Instrumente und Theorien nicht erfaßbar sind, auch
nicht vorhanden sind.
Es wird das naturgeschichtliche Denken des 20. von dem des 19.
Jahrhunderts unterscheiden, daß dieses System von Oberflächenursachen,
dessen Wurzeln in den Rationalismus der Barockzeit zurückreichen,
beseitigt und durch eine reine Physiognomik ersetzt wird. Wir sind
Skeptiker allen kausal erklärenden Denkweisen gegenüber. Wir lassen die
Dinge reden und bescheiden uns damit, das in ihnen waltende Schicksal
zu fühlen und in seinen Gestaltungen zu schauen, dessen Ergründung
nicht im Bereich menschlichen Verstehens liegt. Das Äußerste, was wir
erreichen können, ist die Auffindung ursachenloser, zweckloser, rein
seiender Formen, die dem wechselnden Bilde der Natur zugrunde liegen.
Das 19. Jahrhundert hat unter „Entwicklung“ einen Fortschritt im Sinne
steigender Zweckmäßigkeit des Lebens verstanden. Leibniz in seiner
hochbedeutenden Protogäa (1691), die auf Grund seiner Studien über die
Silbergruben des Harzes eine durch und durch Goethesche Urgeschichte
der Erde entwirft, und Goethe selbst verstanden darunter die Vollendung
im Sinne eines steigenden Formgehaltes. Zwischen den Begriffen der
Goetheschen Formvollendung und der Evolution Darwins liegt der ganze
Gegensatz von Schicksal und Kausalität, aber auch der zwischen
deutschem und englischem Denken und zuletzt deutscher und englischer
+Geschichte+.
Es kann keine bündigere Widerlegung Darwins geben als die Ergebnisse
der Paläontologie. Die Versteinerungsfunde können nach einfacher
Wahrscheinlichkeit nur Stichproben sein. Jedes Stück müßte also eine
andre Entwicklungsstufe darstellen. Es gäbe nur „Übergänge“, keine
Grenzen und also keine Arten. Statt dessen finden wir aber vollkommen
feststehende und unveränderte Formen durch lange Zeiträume hin,
die sich nicht etwa zweckmäßig herausgebildet haben, sondern die
+plötzlich+ und +sofort in endgültiger Gestalt+ erscheinen,
und die nicht in noch zweckmäßigere übergehen, sondern seltener werden
und verschwinden, während ganz andre Formen schon wieder aufgetaucht
sind. Was sich in immer größerem Formenreichtum entfaltet, sind die
großen Klassen und Gattungen der Lebewesen, die +von Anfang an und
ohne alle Übergänge+ in der heutigen Gruppierung da sind. Wir
sehen, wie unter den Fischen die Selachier mit ihren einfachen Formen
in zahlreichen Gattungen zuerst in den Vordergrund der Geschichte
treten und langsam wieder zurücktreten, während die Teleostier eine
vollendetere Form des Fischtypus allmählich zur Herrschaft bringen,
und dasselbe gilt von den Pflanzenformen der Farne und Schachtelhalme,
die heute mit ihren letzten Arten in dem voll entwickelten Reich der
Blütenpflanzen fast verschwinden. Aber dafür zweckmäßige und überhaupt
sichtbare Ursachen anzunehmen, fehlt jeder wirkliche Anhalt.[6] Es
ist ein Schicksal, welches das Leben überhaupt, den immer wachsenden
Gegensatz von Pflanze und Tier, jeden einzelnen Typus, jede Gattung
und Art in die Welt berief. Und mit diesem Dasein ist zugleich eine
bestimmte +Energie der Form+ gegeben, mit welcher sie sich im
Fortgang der Vollendung rein behauptet oder matt und unklar wird und
in viele Abarten ausweicht oder zerfällt, und damit zugleich eine
+Lebensdauer dieser Form+, die wiederum zwar durch einen Zufall
verkürzt werden kann, sonst aber zu einem natürlichen Alter und
Verlöschen der Art führt.
Und was den Menschen betrifft, so zeigen die diluvialen Funde immer
deutlicher, daß alle damals vorhandenen Formen den heute lebenden
entsprechen und nicht die geringste Spur einer Entwicklung zu einer
zweckmäßiger gebauten Rasse zeigen, und das Fehlen aller tertiären
Funde deutet immer mehr darauf hin, daß die Lebensform des Menschen
wie jede andre ihren Ursprung einer plötzlichen Wandlung verdankt,
deren Woher, Wie und Warum ein undurchdringliches Geheimnis bleiben
wird. In der Tat, gäbe es eine Evolution im englischen Sinne, so
könnte es weder abgegrenzte Erdschichten noch einzelne Tierklassen
geben, sondern nur eine einzige geologische Masse und ein Chaos
lebender Einzelformen, die im Kampf ums Dasein übrig geblieben wären.
Aber alles, was wir sehen, zwingt uns zu der Überzeugung, daß immer
wieder tiefe und sehr plötzliche Änderungen im Wesen des Tier- und
Pflanzendaseins vor sich gehen, die von kosmischer Art und niemals auf
das Gebiet der Erdoberfläche beschränkt sind und die dem menschlichen
Empfinden und Verstehen in ihren Ursachen oder überhaupt entzogen
bleiben.[7] Und ganz ebenso sehen wir, wie diese raschen und tiefen
Verwandlungen in die Geschichte der großen Kulturen eingreifen, ohne
daß von sichtbaren Ursachen, Einflüssen und Zwecken irgendwie die
Rede sein kann. Die Entstehung des gotischen und des Pyramidenstils
vollzog sich ebenso plötzlich wie die des chinesischen Imperialismus
unter Schi hoang ti und des römischen unter Augustus, wie die des
Hellenismus, des Buddhismus, des Islam, und ganz ebenso steht es
mit den Ereignissen in jedem bedeutenden Einzelleben. Wer das nicht
weiß, ist kein Menschenkenner, vor allem kein Kinderkenner. Jedes
tätige oder betrachtende Dasein schreitet +in Epochen+ seiner
Vollendung zu, und eben solche Epochen müssen wir in der Geschichte des
Sonnensystems und der Welt der Fixsterne annehmen. Der Ursprung der
Erde, der Ursprung des Lebens, der Ursprung des frei beweglichen Tieres
+sind+ solche Epochen und eben deshalb Geheimnisse, die wir als
solche hinzunehmen haben.
9
Was wir vom Menschen wissen, scheidet sich klar in zwei große Zeitalter
seines Daseins. Das erste wird für unsern Blick begrenzt einerseits
durch jene tiefe Fuge im Schicksal des Planeten, die wir heute als
Anfang der Eiszeit bezeichnen und von der wir innerhalb des Bildes der
Erdgeschichte nur feststellen können, +daß+ hier eine kosmische
Änderung stattgefunden hat; andrerseits durch den Beginn der hohen
Kulturen am Nil und Euphrat, womit der ganze Sinn des menschlichen
Daseins plötzlich ein anderer wird. Wir entdecken überall die scharfe
Grenze von Tertiär und Diluvium und wir finden diesseits den Menschen
vor als fertig ausgebildeten Typus, mit Sitte, Mythus, Kunst, Schmuck,
Technik vertraut und von einem Körperbau, der sich seitdem nicht
merklich verändert hat.
Wenn wir das erste Zeitalter das der primitiven Kultur nennen, so ist
das einzige Gebiet, auf dem sich diese Kultur, allerdings in einer sehr
späten Form, lebendig und ziemlich unberührt während des ganzen zweiten
Zeitalters und heute noch erhalten hat, das nordwestliche Afrika. Dies
klar erkannt zu haben, ist das große Verdienst von L. Frobenius.[8]
Die Voraussetzung war, daß hier +eine ganze Welt+ primitiven
Lebens und nicht etwa nur eine Anzahl primitiver Stämme dem Eindruck
hoher Kulturen entzogen blieb. Was die Völkerpsychologen gern in allen
fünf Weltteilen zusammensuchen, sind dagegen Völkerfragmente, deren
Gemeinsames in der rein negativen Tatsache besteht, daß sie mitten
unter den hohen Kulturen leben, ohne innerlich an ihnen beteiligt zu
sein. Es sind also teils zurückgebliebene, teils minderwertige, teils
entartete Stämme, deren Äußerungen noch dazu unterschiedslos vermengt
werden.
Die primitive Kultur war aber etwas +Starkes+ und +Ganzes+,
etwas höchst Lebendiges und Wirkungsvolles; nur ist sie so verschieden
von allem, was wir Menschen einer hohen Kultur als seelische
Möglichkeiten besitzen, daß man daran zweifeln darf, ob selbst
jene Völker, mit denen das erste Zeitalter noch tief in das zweite
hineinreicht, in ihrer heutigen Art des Daseins und Wachseins Schlüsse
auf den Zustand der alten Zeit erlauben.
Das menschliche Wachsein steht seit Jahrtausenden unter dem Eindruck
der Tatsache, daß die beständige Fühlung der Stämme und Völker
untereinander etwas Selbstverständliches und Alltägliches ist. Wir
haben aber für das erste Zeitalter damit zu rechnen, daß der Mensch
in einer äußerst geringen Anzahl kleiner Scharen sich in den endlosen
Weiten der Landschaft, deren Bild durchaus von den gewaltigen Massen
großer Tierherden beherrscht wird, vollständig verliert. Die Seltenheit
der Funde beweist das mit Sicherheit. Zur Zeit des Homo Aurignacensis
schweiften auf dem Boden Frankreichs vielleicht ein Dutzend Horden von
einigen hundert Köpfen umher, für die es ein rätselhaftes Ereignis
von tiefstem Eindruck war, wenn sie einmal das Vorhandensein von
Mitmenschen bemerkten. Können wir uns überhaupt vorstellen, wie es sich
in einer fast menschenlosen Welt lebte? Wir, für die die gesamte Natur
längst zum Hintergrunde der massenhaften Menschheit geworden ist? Wie
mußte sich das Weltbewußtsein ändern, als man in der Landschaft außer
Wäldern und Tierherden immer häufiger Menschen „ganz wie wir selbst“
antraf! Die zweifellos wieder sehr plötzliche Zunahme der Zahl, welche
den „Mitmenschen“ zu einem beständigen, alltäglichen Erlebnis machte,
den Eindruck des Staunens durch die Gefühle der Freude oder Feindschaft
ersetzte und damit von selbst eine ganz neue Welt von Erfahrungen
und von unwillkürlichen und unvermeidlichen Beziehungen heraufrief,
ist für die Geschichte der Menschenseele vielleicht das tiefste und
folgenreichste Ereignis gewesen. Erst an fremden Lebensformen wurde
man sich nun der eignen bewußt, und zugleich trat zu der Gliederung
innerhalb der Sippe der ganze Reichtum äußerer Beziehungsformen der
Sippen untereinander, der von nun an das primitive Leben und Denken
vollständig beherrscht. Bedenken wir, daß damals aus sehr einfachen
Arten sinnlicher Verständigung die Ansätze von Wortsprachen (und
damit des abstrakten Denkens) entstanden sind und unter diesen einige
sehr glückliche Konzeptionen, von deren Beschaffenheit wir uns keine
Vorstellung machen können, die wir aber als frühesten Ausgangspunkt der
späteren indogermanischen und semitischen Sprachgruppen annehmen dürfen.
Aus dieser primitiven Kultur einer durch Beziehungen von Stamm zu
Stamm überall zusammenhängenden Menschheit wächst nun plötzlich
um 3000 die ägyptische und babylonische Kultur auf, nachdem sich
vielleicht während eines weiteren Jahrtausends in beiden Landschaften
etwas vorbereitet hat, das sich in der ganzen Art und Absicht der
Entwicklung, der inneren Einheit sämtlicher Ausdrucksformen und der
Richtung alles Lebens auf ein Ziel vollkommen von jeder primitiven
Kultur unterscheidet. Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß sich damals
an der Erdoberfläche überhaupt oder zum mindesten im inneren Wesen des
Menschen eine Veränderung vollzogen hat. Was später noch als primitive
Kultur von Rang überall zwischen den hohen Kulturen besteht und erst
nach und nach vor ihnen verschwindet, wäre dann etwas anderes als die
Kultur des ersten Zeitalters. Was ich aber als Vorkultur bezeichne und
was man am Anfang jeder hohen Kultur in einem durchaus gleichförmigen
Verlauf nachweisen kann, ist jeder Art von primitiver Kultur gegenüber
etwas andersartiges und vollständig neues.
In allem primitiven Dasein ist das „es“, das Kosmische, mit so
unmittelbarer Gewalt am Werke, daß alle mikrokosmischen Äußerungen
in Mythus, Sitte, Technik und Ornament nur dem ganz augenblicklichen
Drange gehorchen. Es gibt keine für uns erkennbare Regeln für die
Dauer, das Tempo, den Gang der Entwicklung dieser Äußerungen. Wir
sehen etwa eine ornamentale Formensprache, die man nicht Stil nennen
sollte, die Bevölkerung weiter Gebiete beherrschen, sich verbreiten,
sich verändern und endlich erlöschen. Daneben und vielleicht mit
ganz anderem Verbreitungsgebiet zeigen Art und Gebrauch der Waffen,
Gliederung der Sippen, religiöse Gebräuche je eine eigne Entwicklung
mit selbständigen Epochen und mit Anfang und Ausgang, der durch kein
anderes Formgebiet mitbestimmt wird. Wenn wir in einer prähistorischen
Schicht eine uns genau bekannte Art von Keramik festgestellt haben,
so läßt das auf die Sitte und Religion der zugehörigen Bevölkerung
keine Schlüsse zu. Und wenn einmal zufällig eine gewisse Form der Ehe
und etwa eine Art der Tätowierung ein ähnliches Verbreitungsgebiet
besitzen, so liegt dem nie eine Idee zugrunde, wie sie die
Erfindung des Schießpulvers und der Malperspektive verbindet. Es
finden sich keine notwendigen Beziehungen zwischen Ornament und
Altersklassenorganisation, oder zwischen dem Kult einer Gottheit und
der Art des Ackerbaus. Was sich hier entwickelt, sind immer wieder
einzelne Seiten und Züge der primitiven Kultur, nicht diese selbst. Das
ist es, was ich als chaotisch bezeichnet habe: die primitive Kultur ist
weder ein Organismus noch eine Summe von Organismen.
Mit dem Typus der hohen Kultur tritt an die Stelle jenes „es“ eine
starke und einheitliche +Tendenz+. Innerhalb der primitiven Kultur
sind außer den einzelnen Menschen nur die Stämme und Sippen beseelte
Wesen. +Hier aber ist es die Kultur selbst.+ Alles Primitive
ist eine Summe und zwar von Ausdrucksformen primitiver Verbände.
Hohe Kultur ist das Wachsein eines einzigen ungeheuren Organismus,
der nicht nur Sitte, Mythus, Technik und Kunst, sondern auch die
ihm einverleibten Völker und Stände zu Trägern einer einheitlichen
Formensprache mit einheitlicher Geschichte macht. Die älteste
Sprachgeschichte gehört zur primitiven Kultur und hat ihre eignen
regellosen Schicksale, die man aus denen des Ornaments oder etwa der
Geschichte der Ehe nicht ableiten kann. Die Geschichte der Schrift
aber gehört zur Ausdrucksgeschichte der einzelnen hohen Kulturen. Je
eine besondere Schrift hat sich schon in der Vorzeit der ägyptischen,
chinesischen, babylonischen und mexikanischen Kultur ausgebildet.
Daß das in der indischen und antiken nicht geschah, daß man die
hochentwickelten Schriften alter Nachbarzivilisationen erst sehr spät
übernahm, während in der arabischen Kultur jede neue Religion und
Sekte alsbald eine eigne Schrift ausbildete, das steht im tiefsten
Zusammenhang mit der gesamten Formengeschichte dieser Kulturen und
deren innerer Bedeutung.
Auf diese beiden Zeitalter beschränkt sich unser wirkliches Wissen
vom Menschen und das reicht nicht aus, um irgendwelche Schlüsse auf
mögliche oder gewisse neue Zeitalter oder gar deren Wann und Wie
zu ziehen, ganz abgesehen davon, daß die kosmischen Zusammenhänge,
welche das Schicksal der Gattung Mensch beherrschen, unsrer Berechnung
vollständig entzogen sind.
Meine Art zu denken und zu beobachten beschränkt sich auf die
Physiognomik des Wirklichen. Wo die Erfahrung des Menschenkenners
seiner Mitwelt, die Lebenserfahrung eines Tatgewohnten den Tatsachen
gegenüber aufhört, da findet auch dieser Blick seine Grenze.
Das Vorhandensein jener zwei Zeitalter ist +eine Tatsache der
historischen Erfahrung+ und weiterhin besteht unsre Erfahrung
von der primitiven Kultur darin, daß wir hier etwas Abgeschlossenes
in seinen Resten übersehen können, dessen tiefere Bedeutung von uns
aus einer innern Verwandtschaft heraus noch eben erfühlt werden
kann. Das zweite Zeitalter aber erlaubt uns noch eine Erfahrung von
ganz andrer Art. Daß innerhalb der Menschengeschichte plötzlich der
Typus der hohen Kultur erscheint, ist ein Zufall, dessen Sinn nicht
nachzuprüfen ist. Es ist auch ungewiß, ob nicht ein plötzliches
Ereignis im Dasein der Erde eine ganz andre Form zum Vorschein bringt.
Aber die Tatsache, daß acht solcher Kulturen vor uns liegen, alle
von gleichem Bau, gleichartiger Entwicklung und Dauer, gestattet uns
+eine vergleichende Betrachtung+ und damit ein Wissen, das sich
über verschollene Epochen rückwärts und über bevorstehende vorwärts
erstreckt, immer unter der Voraussetzung, daß nicht ein Schicksal
anderer Ordnung diese Formenwelt überhaupt plötzlich durch eine neue
ersetzt. Ein Recht dazu gibt uns die allgemeine +Erfahrung+ vom
organischen Dasein. Wir können in der Geschichte der Raubvögel oder
der Nadelhölzer nicht voraussehen, ob und wann eine neue Art, und
ebensowenig in der Kulturgeschichte, ob und wann in Zukunft eine neue
Kultur entsteht. Aber von dem Augenblick an, wo ein neues Wesen im
Mutterleib empfangen oder ein Samenkorn in die Erde versenkt ist,
kennen wir +die innere Form des neuen Lebenslaufes+, die durch
alle andringenden Gewalten nur in der Ruhe ihrer Entfaltung und
Vollendung gestört, nicht aber in ihrem Wesen geändert werden kann.