Das Schicksal hat den einzelnen so oder so gemacht, grüblerisch

und tatenscheu oder tätig und das Denken verachtend. Aber der

Tätige ist ein +ganzer+ Mensch; im Betrachtenden möchte ein

einzelnes Organ ohne und gegen den Leib wirken. Um so schlimmer,

wenn es auch die Wirklichkeit meistern will. Dann erhalten wir jene

ethisch-politisch-sozialen Verbesserungsvorschläge, die sämtlich ganz

unwiderleglich beweisen, wie es sein sollte und wie man es anfangen

muß, Lehren, die ohne Ausnahme auf der Voraussetzung beruhen, daß

alle Menschen so beschaffen sind wie die Verfasser, nämlich reich an

Einfällen und arm an Trieben, vorausgesetzt, daß der Verfasser sich

selbst kennt. Aber keine einzige dieser Lehren, und wenn sie mit der

vollen Autorität einer Religion oder eines berühmten Namens auftrat,

hat bis jetzt das Leben selbst im geringsten verändert. Sie ließen

uns nur anders vom Leben +denken+. Gerade das ist ein Verhängnis

später, viel schreibender und viel lesender Kulturen, daß der Gegensatz

von Leben und Denken immer wieder verwechselt wird mit dem vom Denken

über das Leben und Denken über das Denken. Alle Weltverbesserer,

Priester und Philosophen sind einig in der Meinung, daß das Leben

eine Angelegenheit des schärfsten Nachdenkens sei, aber das Leben der

Welt geht seine eigenen Wege und kümmert sich nicht um das, was von

ihm gedacht wird. Und selbst wenn es einer Gemeinschaft gelingt, „der

Lehre gemäß“ zu leben, so erreichen sie damit bestenfalls, daß in einer

künftigen Weltgeschichte in einer Anmerkung davon die Rede ist, nachdem

das Eigentliche und einzig Wichtige vorher abgehandelt wurde.

Denn nur der Handelnde, der Mensch des Schicksals, lebt letzten Endes

in der +wirklichen+ Welt, der Welt der politischen, kriegerischen

und wirtschaftlichen Entscheidungen, in der Begriffe und Systeme

nicht mitzählen. Hier ist ein guter Hieb mehr wert als ein guter

Schluß und es liegt Sinn in der Verachtung, mit welcher der Soldat und

Staatsmann zu allen Zeiten auf die Tintenkleckser und Bücherwürmer

herabgesehen hat, die der Meinung waren, daß die Weltgeschichte um des

Geistes, der Wissenschaft oder gar der Kunst willen da sei. Sprechen

wir es unzweideutig aus: Das vom Empfinden freigewordne Verstehen

ist mir eine Seite des Lebens und nicht die entscheidende. In einer

Geschichte des abendländischen Denkens darf der Name Napoleons fehlen,

in der wirklichen Geschichte aber ist Archimedes mit all seinen

wissenschaftlichen Entdeckungen vielleicht weniger wirksam gewesen als

jener Soldat, der ihn bei der Erstürmung von Syrakus erschlug.

Es ist ein gewaltiger Irrtum theoretischer Menschen, wenn sie

glauben, ihr Platz sei an der Spitze und nicht im Nachtrab der großen

Ereignisse. Das heißt die Rolle, welche die politisierenden Sophisten

in Athen oder Voltaire und Rousseau in Frankreich gespielt haben,

durchaus verkennen. Ein Staatsmann „weiß“ oft nicht, was er tut, aber

das hindert ihn nicht, mit Sicherheit gerade das Erfolgreiche zu tun;

der politische Doktrinär weiß immer, was getan werden muß; trotzdem ist

seine Tätigkeit, wenn sie sich einmal nicht auf das Papier beschränkt,

die erfolgloseste und damit die wertloseste in der Geschichte. Es

ist eine nur zu häufige Anmaßung in unsicher gewordnen Zeiten wie

der attischen Aufklärung oder der französischen und der deutschen

Revolution, wenn der schreibende und redende Ideologe statt in Systemen

in den wirklichen Geschicken der Völker tätig sein will. Er verkennt

seinen Platz. Er gehört mit seinen Grundsätzen und Programmen in die

Geschichte der Literatur, in keine andere. Die wirkliche Geschichte

fällt ihr Urteil nicht, indem sie den Theoretiker widerlegt, sondern

indem sie ihn samt seinen Gedanken sich selbst überläßt. Mögen Plato

und Rousseau, um von kleinen Geistern ganz zu schweigen, abstrakte

Staatsgebäude aufführen -- das ist für Alexander, Scipio, Cäsar,

Napoleon und ihre Entwürfe, Schlachten und Anordnungen ganz ohne

Bedeutung. Mögen jene über das Schicksal reden, ihnen genügt es, ein

Schicksal zu sein.

Unter allen mikrokosmischen Wesen bilden sich immer wieder +beseelte

Masseneinheiten+, Wesen höherer Ordnung, die langsam entstehen oder

plötzlich da sind mit allen Gefühlen und Leidenschaften des einzelnen,

in ihrem Innern rätselhaft und dem Verstande unzugänglich, während

der Kenner ihre Regungen wohl durchschaut und berechnen kann. Auch

hier unterscheiden wir allgemein tierhafte, gefühlte Einheiten aus

tiefster Verbundenheit des Daseins und Schicksals wie jenen Vogelzug am

Himmel oder jenes stürmende Heer und rein menschliche verstandesmäßige

Gemeinschaften auf Grund gleicher Meinungen, gleicher Zwecke und

gleichen Wissens. Die Einheit des kosmischen Taktes hat man, ohne es

zu wollen; die Einheit der Gründe eignet man sich an, wenn man will.

Eine geistige Gemeinschaft kann man aufsuchen oder verlassen; an ihr

nimmt nur das Wachsein teil. Einer kosmischen Einheit +verfällt+

man und zwar mit seinem +ganzen+ Sein. Solche Mengen werden von

den Stürmen der Begeisterung ebenso schnell gepackt wie von einer

Panik. Sie sind rasend und verzückt in Eleusis und Lourdes oder von

einem männlichen Geist ergriffen wie die Spartaner bei Thermopylä

und die letzten Goten am Vesuv. Sie bilden sich unter der Musik von

Chorälen, Märschen und Tänzen und unterliegen wie alle Rassemenschen

und Rassetiere der Wirkung von leuchtenden Farben, von Schmuck, Tracht

und Uniform.

Diese beseelten Mengen werden geboren und sterben. Die geistigen

Gemeinschaften, bloße Summen im mathematischen Sinne, sammeln,

vergrößern, verkleinern sich, bis zuweilen eine bloße Übereinstimmung

durch die Gewalt ihres Eindrucks ins Blut dringt und aus der Summe

plötzlich ein Wesen macht. In jeder politischen Zeitenwende können

Worte zu Schicksalen, öffentliche Meinungen zu Leidenschaften werden.

Eine zufällige Menge wird auf der Straße zusammengeballt, sie hat ein

Bewußtsein, +ein+ Fühlen, +eine+ Sprache, bis die kurzlebige

Seele erlischt und jeder seiner Wege geht. Das geschah in dem Paris von

1789 täglich, sobald sich der Ruf nach der Laterne erhob.

Diese Seelen haben ihre besondere Psychologie, auf die man sich

verstehen muß, um mit dem öffentlichen Leben fertig zu werden. Eine

Seele haben alle echten Stände und Klassen, die Ritterschaften und

Orden der Kreuzzüge, der römische Senat und der Jakobinerklub, die

vornehme Gesellschaft unter Ludwig XIV. und der preußische Adel,

der Bauernstand und die Arbeiterschaft, der großstädtische Pöbel,

die Bevölkerung eines abgelegenen Tales, Völker und Stämme der

Wanderzeiten, die Anhänger Mohameds und überhaupt jede eben begründete

Religion oder Sekte, die Franzosen der Revolution und die Deutschen

der Freiheitskriege. Die gewaltigsten Wesen dieser Art, die wir kennen,

sind die hohen Kulturen mit ihrer Geburt aus einer großen seelischen

Erschütterung, die in einem tausendjährigen Dasein alle Mengen

kleinerer Art, Nationen, Stände, Städte, Geschlechter zu einer Einheit

zusammenfassen.

Alle großen Ereignisse der Geschichte werden durch solche Wesen

kosmischer Art getragen, durch Völker, Parteien, Heere, Klassen,

während die Geschichte des Geistes in losen Gemeinschaften und Kreisen,

Schulen, Bildungsschichten, Richtungen, „-ismen“ verläuft. Und hier ist

es wieder eine Schicksalsfrage, ob solche Mengen in dem entscheidenden

Augenblick ihrer höchsten Wirkungskraft einen Führer finden oder blind

vorwärtsgetrieben werden, ob die Führer des Zufalls Menschen von

hohem Range oder gänzlich bedeutungslose Persönlichkeiten sind, die

von der Woge der Ereignisse an die Spitze gehoben werden wie Pompejus

oder Robespierre. Es kennzeichnet den Staatsmann, daß er all diese

Massenseelen, die sich im Strome der Zeit bilden und auflösen, in ihrer

Stärke und Dauer, Richtung und Absicht mit vollkommener Sicherheit

durchschaut, aber trotzdem ist es auch hier eine Frage des Zufalls, ob

er sie beherrschen +kann+ oder von ihnen mitgerissen wird.

[1] Was im Folgenden angedeutet ist, habe ich einem metaphysischen

Buch entnommen, das ich in kurzem vorzulegen hoffe.

[2] Daher das im stolzen oder gemeinen Sinne Animalische im Gesicht

der Menschen, welche die Gewohnheit des Denkens nicht besitzen.

DIE GRUPPE DER HOHEN KULTUREN

6

Aber gleichviel, ob ein Mensch für das Leben oder das Denken geboren

ist, solange er handelt oder betrachtet, ist er +wach+ und als

Wachender ist er beständig „im Bilde“, nämlich eingestellt auf einen

Sinn, den die Lichtwelt um ihn herum gerade in diesem Augenblick für

ihn besitzt. Es ist schon früher bemerkt worden, daß die zahllosen

Einstellungen, die im Wachsein des Menschen wechseln, sich deutlich

in zwei Gruppen unterscheiden, Welten des Schicksals und Taktes und

Welten der Ursachen und Spannungen. Jeder erinnert sich der beinahe

schmerzhaften Umstellung, wenn er etwa eben einen physikalischen

Versuch beobachtet und plötzlich genötigt wird, über ein Tagesereignis

nachzudenken. Ich nannte die beiden Bilder die „Welt als Geschichte“

und die „Welt als Natur“. In jenem bedient sich das Leben des

kritischen Verstehens; es hat das Auge in seiner Gewalt; gefühlter Takt

wird zur innerlich geschauten Wellenlinie, erlebte Erschütterungen

werden im Bilde zur Epoche. In diesem herrscht das Denken selbst;

kausale Kritik läßt das Leben zum starren Prozeß werden, den lebendigen

Gehalt einer Tatsache zur abstrakten Wahrheit, die Spannung wird zur

Formel.

Wie ist das möglich? Beides ist ein Augenbild, aber doch so, daß

man sich dort den nie wiederkehrenden Tatsachen hingibt, und

hier Wahrheiten in ein unveränderliches System bringen will. Im

Geschichtsbilde, das nur +gestützt+ ist auf Wissen, bedient

sich das Kosmische des Mikrokosmischen. In dem, was wir Gedächtnis

und Erinnerung nennen, liegen die Dinge wie im inneren Licht und vom

Takt unseres Daseins durchflutet da. Das chronologische Element im

weitesten Sinne, die Daten, Namen, Zahlen, verrät, daß Geschichte,

sobald sie +gedacht+ wird, der Grundbedingungen alles Wachseins

nicht entbehren kann. Im Naturbilde ist das stets vorhandene Subjektive

das Fremde und Trügende, in der Welt als Geschichte trügt das ebenso

unvermeidliche Objektive, die Zahl.

Die naturhaften Einstellungen sollen und können bis zu einem gewissen

Grade unpersönlich sein. Man vergißt sich selbst darüber. Das Bild der

Geschichte aber besitzt jeder Mensch, jede Klasse, Nation, Familie

+in bezug auf sich selbst+. Natur enthält das Merkmal der

Ausdehnung, die +alle+ umschließt. Geschichte aber ist das, was

aus dunkler Vergangenheit +auf den Schauenden+ zukommt und von

ihm aus weiter in die Zukunft will. Er ist als der Gegenwärtige stets

ihr Mittelpunkt und es ist ganz unmöglich, in der sinnvollen Anordnung

der Tatsachen die Richtung auszuschalten, die dem Leben und nicht dem

Denken angehört. Jede Zeit, jedes Land, jede lebendige Menge hat ihren

eignen historischen Horizont und der berufene Geschichtsdenker zeigt

sich eben darin, daß er das von seiner Zeit geforderte Geschichtsbild

wirklich entwirft.

Deshalb unterscheiden sich Natur und Geschichte wie echte und

scheinbare Kritik, Kritik verstanden als Gegensatz zur Lebenserfahrung.

Naturwissenschaft ist Kritik und nichts andres. In der Geschichte aber

kann Kritik nur die Voraussetzung an Wissen schaffen, an dem dann der

historische Blick seinen Horizont entwickelt. +Geschichte ist dieser

Blick selbst+, gleichviel wohin er sich richtet. Wer diesen Blick

besitzt, kann jede Tatsache und jede Lage „historisch“ verstehen. Natur

ist ein System, und Systeme kann man erlernen.

Die +historische+ Einstellung beginnt für jeden mit den frühesten

Eindrücken der Kindheit. Kinderaugen sehen scharf und die Tatsachen der

nächsten Umgebung, das Leben der Familie, des Hauses, der Straße werden

bis in ihre letzten Gründe gefühlt und geahnt, lange bevor die Stadt

mit ihren Bewohnern in den Gesichtskreis tritt und während noch die

Worte Volk, Land, Staat keinen irgendwie greifbaren Inhalt besitzen.

Ein ebenso gründlicher Kenner ist der primitive Mensch für alles, was

ihm in seinem engen Kreise als Geschichte lebendig vor Augen steht. Vor

allem das Leben selbst, das Schauspiel von Geburt und Tod, Krankheit

und Alter, dann die Geschichte der kriegerischen und geschlechtlichen

Leidenschaften, die er selbst erlebt oder an andern beobachtet hat, die

Schicksale der Nächsten, der Sippe, des Dorfes, ihre Handlungen und

deren Hintergedanken, Erzählungen von langer Feindschaft, Kämpfen, Sieg

und Rache. Die Lebenshorizonte weiten sich; nicht ein Leben, sondern

+das+ Leben entsteht und vergeht, nicht Dörfer und Sippen, sondern

ferne Stämme und Länder, nicht Jahre, sondern Jahrhunderte treten vor

das Auge. Die wirklich miterlebte, in ihrem Takt noch mitgefühlte

Geschichte reicht niemals über die Generation des Großvaters hinaus,

weder für die alten Germanen und die heutigen Neger, noch für Perikles

oder Wallenstein. Hier schließt ein Horizont des Lebens ab und es

beginnt eine neue Schicht, deren Bild sich auf Überlieferung und

historische Tradition gründet, welche das unmittelbare Mitfühlen einem

deutlich gesehenen und durch lange Übung gesicherten Gedächtnisbilde

einordnet, ein Bild, das für die Menschen verschiedener Kulturen in

sehr verschiedener Weite entwickelt ist. Für uns beginnt mit diesem

Bilde die eigentliche Geschichte, in der wir sub specie aeternitatis

leben, für die Griechen und Römer hört sie hier auf. Für Thukydides

hatten schon die Ereignisse der Perserkriege,[3] für Cäsar die

punischen Kriege keine lebendige Bedeutung mehr.

Über das alles hinaus aber entstehen neue historische Einzelbilder

von den Schicksalen der Pflanzen- und Tierwelt, der Landschaft, der

Gestirne und fließen mit den letzten Bildern der Natur zusammen in

mythischen Vorstellungen von Weltanfang und Weltende.

Das +Naturbild+ des Kindes und des Urmenschen entwickelt sich

aus der kleinen Technik des Alltags, die beide immer wieder zwingt,

sich von dem angstvollen Schauen in die weite Natur den Sachlagen der

nächsten Umgebung kritisch zuzuwenden. Wie die jungen Tiere entdeckt

ein Kind seine ersten Wahrheiten durch das Spiel. Das Spielzeug

untersuchen, die Puppe zerbrechen, den Spiegel umkehren, um zu sehen,

was dahinter ist, das Triumphgefühl, etwas als richtig festgestellt

zu haben, was nun immer so bleiben muß -- darüber hinaus ist keine

Naturforschung je gedrungen. Diese kritische Erfahrung erwirbt sich

der Urmensch an seinen Waffen und Werkzeugen, an den Stoffen für seine

Kleidung, Nahrung und Wohnung, an Dingen also, +insofern sie tot

sind+. Das gilt auch von Tieren, die er jetzt plötzlich nicht mehr

als Lebewesen versteht, indem er als Verfolger oder Verfolgter ihre

Bewegungen beobachtet und berechnet, sondern als eine Zusammensetzung

von Fleisch und Knochen, die er im Hinblick auf einen bestimmten Zweck

unter Absehen von der Eigenschaft des Lebendigseins ganz mechanisch

betrachtet, genau so wie er ein Ereignis eben noch als die Tat eines

Dämons und gleich darauf als Kette von Ursache und Wirkung auffaßt.

Es ist dieselbe Umstellung, die auch der reife Kulturmensch täglich

und stündlich immer wieder vollzieht. Auch um diesen Naturhorizont

legt sich eine weitere Schicht, die aus den Eindrücken von Regen,

Blitz und Sturm, Tag und Nacht, Sommer und Winter, dem Mondwechsel und

dem Gang der Gestirne gebildet wird. Hier zwingen religiöse Schauer

voller Angst und Ehrfurcht ihn zu einer Kritik von ganz anderem Range.

Wie er in jenem Geschichtsbilde die letzten Tatsachen des Lebens

ergründen wollte, so sucht er hier die letzten Wahrheiten der Natur

festzustellen. Was jenseits aller Grenzen des Verstehens liegt, nennt

er die Gottheit, und alles diesseits Liegende sucht er als Wirkung,

Schöpfung und Offenbarung der Gottheit kausal zu begreifen.

Jede Sammlung von naturhaft Festgestelltem hat also eine doppelte

Tendenz, die von Urzeiten her unverändert geblieben ist. Die eine

richtet sich auf ein möglichst vollständiges System +technischen+

Wissens, das zu praktischen, wirtschaftlichen und kriegerischen

Zwecken dient, das viele Tierarten in hoher Vollendung ausgebildet

haben und das von da an über die frühmenschliche Kenntnis des Feuers

und der Metalle in gerader Linie zur Maschinentechnik der heutigen

faustischen Kultur führt. Die andre hat sich erst mit der Ablösung des

rein menschlichen Denkens vom Sehen durch die Wortsprache gebildet und

erstrebt ein ebenso vollständiges +theoretisches+ Wissen, das wir

in seiner ursprünglichen Form +religiös+ und in der in späten

Kulturen daraus abgeleiteten +naturwissenschaftlich+ nennen. Das

Feuer ist für den Krieger eine Waffe, für den Handwerker ein Teil

seines Werkzeuges, für den Priester ein Zeichen der Gottheit und für

den Gelehrten ein Problem. Das alles aber gehört der naturhaften

Einstellung des Wachseins an. In der Welt als Geschichte erscheint

nicht das Feuer überhaupt, sondern der Brand von Karthago und Moskau

und die Flamme der Scheiterhaufen, auf denen Huß und Giordano Bruno

verbrannt wurden.

7

Ich wiederhole: Jedes Wesen erlebt das andre und dessen Schicksale

+nur in bezug auf sich selbst+. Den Taubenschwarm, der sich auf

ein Feld niederläßt, verfolgt der Besitzer des Feldes mit ganz anderen

Blicken als der Naturfreund auf der Straße und der Habicht in der Luft.

Der Bauer sieht in seinem Sohn den Nachkommen und Erben, der Nachbar

den Bauern, der Offizier den Soldaten, der Fremde den Eingebornen.

Napoleon hat als Kaiser die Menschen und Dinge anders erlebt wie als

Leutnant. Man versetze einen Menschen in eine andre Lage, man mache

einen Revolutionär zum Minister, einen Soldaten zum General, und die

Geschichte mit ihren Trägern wird für ihn mit einem Schlage etwas

anderes. Talleyrand durchschaute die Menschen seiner Zeit, weil er

zu ihnen gehörte. Er hätte Crassus, Cäsar, Catilina und Cicero, wäre

er plötzlich unter sie versetzt worden, in allen ihren Maßregeln und

Absichten falsch oder gar nicht verstanden. Es gibt keine Geschichte an

sich. Die Geschichte einer Familie nimmt sich für jeden Angehörigen,

die eines Landes für jede Partei, die Zeitgeschichte für jedes Volk

anders aus. Der Deutsche sieht den Weltkrieg anders als der Engländer,

der Arbeiter die Wirtschaftsgeschichte anders als der Unternehmer,

der Historiker des Abendlandes hat eine ganz andre Weltgeschichte vor

Augen als die großen arabischen und chinesischen Geschichtsschreiber,

und nur aus sehr großer Entfernung und ohne innere Beteiligung könnte

die Geschichte einer Zeit objektiv dargestellt werden, aber die

besten Historiker der Gegenwart beweisen, daß sie nicht einmal den

peloponnesischen Krieg und die Schlacht bei Actium ganz ohne Beziehung

auf gegenwärtige Interessen beurteilen und darstellen können.

Die tiefste Menschenkenntnis schließt nicht aus, sondern fordert sogar,

daß ihre Einsichten durchaus die Farbe dessen tragen, der sie hat.

Gerade der Mangel an Menschenkenntnis und Lebenserfahrung ergeht sich

in Verallgemeinerungen, die alles Bedeutende, nämlich das Einmalige

der Geschichte verzerren oder völlig übersehen, am schlimmsten jene

materialistische Geschichtsauffassung, die man beinahe erschöpfend als

Mangel an physiognomischer Begabung definieren kann. Aber trotzdem und

eben deshalb gibt es für jeden Menschen, +weil+ er einer Klasse,

Zeit, Nation und Kultur angehört, und wieder für diese Zeit, Klasse,

Kultur im ganzen ein typisches Bild der Geschichte, wie es in bezug

auf sie vorhanden sein +sollte+. Als höchste Möglichkeit besitzt

das +Gesamtdasein+ jeder Kultur ein für sie symbolisches Urbild

ihrer Welt als Geschichte, und alle Einstellungen der einzelnen und

der als lebendige Wesen wirkenden Mengen sind Abbilder davon. Wenn man

die Anschauung eines andern als bedeutend, flach, originell, trivial,

verfehlt, veraltet bezeichnet, so geschieht dies stets, ohne daß

jemand sich dessen bewußt wäre, im Hinblick auf das +im Augenblick

geforderte+ Bild als der beständigen Funktion der Zeit und des

Menschen.

Es versteht sich, daß jeder Mensch der faustischen Kultur sein eignes

Bild der Geschichte besitzt, und nicht nur eines, sondern unzählige

von seiner Jugend an, die je nach den Erlebnissen des Tages und der

Jahre unaufhörlich schwanken und sich verändern. Und wie verschieden

ist wieder das typische Geschichtsbild der Menschen verschiedener

Zeitalter und Stände: die Welt Ottos des Großen und die Gregors VII.,

die eines Dogen von Venedig und die eines armen Pilgers! In wie

verschiednen Welten haben Lorenzo von Medici, Wallenstein, Cromwell,

Marat, Bismarck gelebt, ein Höriger der gotischen, ein Gelehrter der

Barockzeit, Offiziere des dreißigjährigen, des siebenjährigen und des

Befreiungskrieges und allein in unsern Tagen ein friesischer Bauer,

der nur mit seiner Landschaft und deren Bevölkerung wirklich lebt, ein

Hamburger Großkaufmann und ein Physikprofessor! Und trotzdem hat das

alles, unabhängig von Alter, Stellung und Zeit des einzelnen einen

gemeinsamen Grundzug, der die Gesamtheit dieser Bilder, ihr Urbild, von

dem jeder andern Kultur unterscheidet.

Was aber das antike und indische Geschichtsbild vollständig von

dem chinesischen und arabischen und noch viel schärfer von dem

abendländischen trennt, ist die Enge des Horizonts. Was die Griechen

von der altägyptischen Geschichte wissen konnten und wissen mußten,

haben sie nie in ihr eignes Geschichtsbild eintreten lassen, das

für die meisten mit den Ereignissen abschloß, von denen die letzten

Überlebenden noch erzählen konnten, und in dem selbst für die besten

Köpfe mit dem trojanischen Kriege eine Grenze gesetzt wurde, jenseits

deren es kein geschichtliches Leben mehr geben +sollte+.

Die arabische Kultur hat zuerst und zwar im Geschichtsdenken sowohl

der Juden wie der Perser etwa seit Kyros den erstaunlichen Griff

gewagt, die Weltschöpfungslegende durch eine echte Zeitrechnung mit der

Gegenwart zu verbinden und bei den Persern sogar eine chronologische

Festlegung des Jüngsten Gerichts und der Erscheinung des Messias

vorzunehmen. Diese scharfe und sehr enge Abgrenzung der gesamten

Menschengeschichte -- die persische umfaßt im ganzen zwölf, die

jüdische bis jetzt noch nicht sechs Jahrtausende -- ist ein notwendiger

Ausdruck des magischen Weltgefühls und scheidet die jüdisch-persische

Schöpfungssage ihrer tieferen Bedeutung nach vollständig von den

Vorstellungen der babylonischen Kultur, denen sie viele äußere Züge

entnommen hat. Aus einem ganz andern Gefühl heraus hat das chinesische

und ägyptische Geschichtsdenken eine weite Perspektive ohne Abschluß

eröffnet und zwar durch eine chronologisch gesicherte Reihe von

Dynastien, die sich über Jahrtausende hin in graue Ferne verlieren.

Das faustische Bild der Weltgeschichte setzt sogleich, vorbereitet

durch die christliche Zeitrechnung,[4] mit einer ungeheuren Erweiterung

und Vertiefung des von der abendländischen Kirche übernommenen

magischen Bildes ein, das von Joachim von Floris um 1200 zur Grundlage

einer tiefsinnigen Deutung aller Weltschicksale als der Folge dreier

Zeitalter des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes genommen

wurde. Dazu trat eine immer wachsende Erweiterung des geographischen

Horizonts, der schon in gotischer Zeit durch die Wikinger und

Kreuzfahrer von Island bis zu entlegenen Teilen Asiens gedehnt

wurde.[5] Für den höheren Menschen des Barock seit 1500 wird nun zum

ersten Male und im Unterschied von allen andern Kulturen die gesamte

Oberfläche des Planeten zum Schauplatz menschlicher Geschichte.

Zum ersten Male haben Kompaß und Fernrohr für die Gebildeten dieser

Spätzeit aus der bloßen theoretischen Annahme einer Kugelgestalt der

Erde das wirkliche Gefühl gemacht, auf einer Kugel im Weltraum zu

leben. Der Länderhorizont hört auf und ebenso der zeitliche durch die

doppelte Unendlichkeit der Jahreszählung vor und nach Christi Geburt.

Und unter dem Eindruck dieses planetarischen, zuletzt alle hohen

Kulturen umfassenden Bildes vollzieht sich heute die Auflösung jener

gotischen, längst flach und leer gewordnen Einteilung in Altertum,

Mittelalter und Neuzeit.

In allen andern Kulturen fallen die Aspekte Weltgeschichte und

Menschengeschichte zusammen; der Weltanfang ist der Anfang des

Menschen; das Ende der Menschheit ist auch das Ende der Welt. Der

faustische Hang zum Unendlichen läßt während des Barock zum ersten Male

beide Begriffe auseinandertreten und macht die Menschengeschichte in

einer noch nie bekannten Ausdehnung dennoch +zu einer bloßen Episode

in der Weltgeschichte+, und die Erde, von der andre Kulturen nur ein

Oberflächenstück als „Welt“ überblickten, zu einem kleinen Stern unter

Millionen Sonnensystemen.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 2 / 62 段