DER UNTERGANG DES ABENDLANDES
ZWEITER BAND: WELTHISTORISCHE PERSPEKTIVEN
_Von diesem Werke wurde eine kleine Auflage auf feinstem Papier
abgezogen und teils in Halbpergament, teils in Ganzleder gebunden_
DER UNTERGANG
DES ABENDLANDES
UMRISSE EINER MORPHOLOGIE
DER WELTGESCHICHTE
VON
OSWALD SPENGLER
ZWEITER BAND
WELTHISTORISCHE PERSPEKTIVEN
EINUNDDREISSIGSTE BIS ZWEIUNDVIERZIGSTE AUFLAGE
EINUNDFÜNFZIGSTES BIS SIEBZIGSTES TAUSEND
[Illustration]
C. H. BECK’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK MÜNCHEN 1922
Copr. München 1922. C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
INHALT
=I. Kapitel: Ursprung und Landschaft= 1
=A. Das Kosmische und der Mikrokosmos= 3
Pflanze und Tier 3. Dasein und Wachsein 7. Empfinden, Verstehen,
Denken 11. Bewegungsproblem 18. Massenseele 22.
=B. Die Gruppe der hohen Kulturen= 25
Geschichtsbild, Naturbild 25. Menschen- und Weltgeschichte 32.
Zwei Zeitalter: Primitive und hohe Kulturen 38. Überblick der hohen
Kulturen 46. Der geschichtslose Mensch 57.
=C. Die Beziehungen zwischen den Kulturen= 62
„Einwirkung“ 62. Das römische Recht 68. magisches Recht 78.
Recht des Abendlandes 88.
=II. Kapitel: Städte und Völker= 99
=A. Die Seele der Stadt= 101
Mykene und Kreta 101. Der Bauer 104. Weltgeschichte ist
Stadtgeschichte 106. Stadtbild 109. Stadt und Geist 114. Geist der
Weltstadt 117. Unfruchtbarkeit und Zerfall 122.
=B. Völker, Rassen, Sprachen= 132
Daseinsströme und Wachseinsverbindungen 133. Ausdruckssprache
und Mitteilungssprache 135. Totem und Tabu 137. Sprache und
Sprechen 138. Das Haus als Rasseausdruck 142. Burg und Dom 144.
Die Rasse 146. Blut und Boden 151. Die Sprache 156. Mittel und
Bedeutung 160. Wort, Grammatik 164. Sprachgeschichte 173. Schrift
180. Morphologie der Kultursprachen 183.
=C. Urvölker, Kulturvölker, Fellachenvölker= 189
Völkernamen, Sprachen, Rassen 189. Wanderungen 193. Volk und
Seele 197. Die Perser 199. Morphologie der Völker 202. Volk und
Nation 204. Antike, arabische, abendländische Nationen 207.
=III. Kapitel: Probleme der arabischen Kultur= 225
=A. Historische Pseudomorphosen= 227
Der Begriff 227. Actium 230. Das Russentum 231. Arabische
Ritterzeit 237. Der Synkretismus 241. Juden, Chaldäer, Perser der
Vorkultur 246. Mission 253. Jesus 256. Paulus 269. Johannes,
Marcion 275. Heidnische und christliche Kultkirche 279.
=B. Die magische Seele= 283
Dualismus der Welthöhle 283. Zeitgefühl (Ära, Weltgeschichte,
Gnade) 289. Consensus 296. Das „Wort“ als Substanz, der Koran 298.
Geheime Tora, Kommentar 301. Die Gruppe der magischen Religionen
304. Der christologische Streit 314. Dasein als Ausdehnung
(Mission) 318.
=C. Pythagoras, Mohamed, Cromwell= 323
Wesen der Religion 323. Mythus und Kultus 327. Moral als
Opfer 331. Morphologie der Religionsgeschichte 336. Die Vorkultur:
Franken, Russen 339. Ägyptische Frühzeit 341. Antike 345. China
350. Gotik (Marien- und Teufelsglaube, Taufe und Buße) 354.
Reformation 362. Die Wissenschaft 368. Puritanismus 371.
Rationalismus 375. „Zweite Religiosität“ 382. Römischer und
chinesischer Kaiserkult 386. Das Judentum 390.
=IV. Kapitel: Der Staat= 401
=A. Das Problem der Stände: Adel und Priestertum= 403
Mann und Weib 403. Stamm und Stand 406. Bauerntum und
Gesellschaft 408. Stand, Kaste, Beruf 409. Adel und Priestertum als
Symbole von Zeit und Raum 412. Zucht und Bildung, Sitte und
Moral 421. Eigentum, Macht und Beute 424. Priester und Gelehrte 427.
Wirtschaft und Wissenschaft: Geld und Geist 430. Geschichte der
Stände: Frühzeit 432. Der dritte Stand: Stadt -- Freiheit --
Bürgertum 439.
=B. Staat und Geschichte= 446
Bewegtes und Bewegung, „In-Form-sein“ 446. Recht und Macht 449.
Stand und Staat 453. Der Lehnsstaat 459. Vom Lehnsverband zum
Ständestaat 465. Polis und Dynastie 467. Der absolute Staat, Fronde
und Tyrannis 479. Wallenstein 484. Kabinettspolitik 487. Von der
ersten zur zweiten Tyrannis 490. Die bürgerliche Revolution 496.
Geist und Geld 499. Formlose Gewalten (Napoleonismus) 505.
Emanzipation des Geldes 512. „Verfassung“ 516. Vom Napoleonismus
zum Cäsarismus (Zeitalter der „kämpfenden Staaten“) 521. Die großen
Kriege 525. Römerzeit 528. Vom Khalifat zum Sultanat 530. Ägypten
535. Die Gegenwart 537. Der Cäsarismus 541.
=C. Philosophie der Politik= 548
Das Leben ist Politik 548. Politische Begabung 551. Der Staatsmann
551. Tradition schaffen 555. Physiognomischer (diplomatischer)
Takt 557. Stand und Partei 561. Das Bürgertum als Urpartei
(Liberalismus) 562. Vom Stand über die Partei zum Gefolge von
Einzelnen 565. Die Theorie: Von Rousseau bis Marx 567. Geist und
Geld (Demokratie) 571. Die Presse 577. Selbstvernichtung der
Demokratie durch das Geld 582.
=V. Kapitel: Die Formenwelt des Wirtschaftslebens= 585
=A. Das Geld= 587
Die Nationalökonomie 587. Die politische und die wirtschaftliche
Seite des Lebens 589. Erzeugende und erobernde Wirtschaft (Landbau
und Handel) 593. Politik und Handel (Macht und Beute) 595.
Urwirtschaft und Wirtschaftsstil der hohen Kulturen 597. Stand und
Wirtschaftsklasse 598. Das stadtlose Land: Denken in Gütern 601.
Die Stadt: Denken in Geld 603. Weltwirtschaft: Mobilisierung der
Güter durch das Geld 607. Das antike Geld: die Münze 610. Der Sklave
als Geld 612. Das faustische Denken in Geld: der Buchwert 614. Die
doppelte Buchführung 615. Die Münze im Abendland 616. Geld und
Arbeit 618. Der Kapitalismus 620. Wirtschaftliche Organisation 621.
Erlöschen des Denkens in Geld: Diokletian; Das Wirtschaftsdenken
des Russen 623.
=B. Die Maschine= 624
Geist der Technik 624. Primitive Technik und Stil der hohen
Kulturen 626. Antike „Technik“ 626. Die faustische Technik: Der
Wille zur Macht über die Natur. Der Erfinder 627. Rausch der
modernen Erfindungen 628. Der Mensch als Sklave der Maschine 631.
Unternehmer, Arbeiter, Ingenieur 631. Ringen zwischen Geld und
Industrie 633. Endkampf zwischen Geld und Politik; Sieg des
Blutes 634.
ERSTES KAPITEL
URSPRUNG UND LANDSCHAFT
DAS KOSMISCHE UND DER MIKROKOSMOS
1[1]
Betrachte die Blumen am Abend, wenn in der sinkenden Sonne eine nach
der andern sich schließt: etwas Unheimliches dringt dann auf dich ein,
ein Gefühl von rätselhafter Angst vor diesem blinden, traumhaften, der
Erde verbundenen Dasein. Der stumme Wald, die schweigenden Wiesen,
jener Busch und diese Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der
mit ihnen spielt. Nur die kleine Mücke ist frei; sie tanzt noch im
Abendlichte; sie bewegt sich, wohin sie will.
Eine Pflanze ist nichts für sich. Sie bildet einen Teil der Landschaft,
in der ein Zufall sie Wurzel zu fassen zwang. Die Dämmerung, die Kühle
und das Schließen aller Blüten -- das ist nicht Ursache und Wirkung,
nicht Gefahr und Entschluß, sondern ein einheitlicher Naturvorgang, der
sich neben, mit und in der Pflanze vollzieht. Es steht der einzelnen
nicht frei, für sich zu warten, zu wollen oder zu wählen.
Ein Tier aber kann wählen. Es ist aus der Verbundenheit der ganzen
übrigen Welt gelöst. Jener Mückenschwarm, der noch am Wege tanzt, ein
einsamer Vogel, der durch den Abend fliegt, ein Fuchs, der ein Nest
beschleicht -- sie sind +kleine Welten für sich in einer andern
großen+. Ein Infusor, welches dem menschlichen Auge nicht mehr
sichtbar im Wassertropfen ein Dasein führt, das eine Sekunde dauert
und dessen Schauplatz ein winziger Winkel dieses kleinen Tropfens ist
-- +es ist frei und unabhängig dem gesamten All gegenüber+. Die
Rieseneiche, an deren einem Blatt dieser Tropfen hängt, ist es nicht.
+Verbundenheit und Freiheit+: das ist der tiefste und letzte
Grundzug in allem, was wir als pflanzenhaftes und tierhaftes Dasein
unterscheiden. Doch nur die Pflanze ist +ganz+, was sie ist. Im
Wesen eines Tieres liegt etwas Zwiespältiges. Eine Pflanze ist nur
Pflanze, ein Tier ist Pflanze und noch etwas außerdem. Eine Herde, die
sich zitternd vor einer Gefahr zusammendrängt, ein Kind, das weinend
seine Mutter umklammert, ein verzweifelter Mensch, der sich in seinen
Gott hineindrängen möchte, sie wollen alle aus dem Dasein in Freiheit
zurück in jenes verbundene, pflanzenhafte, aus dem sie zur Einsamkeit
entlassen sind.
Der Samen einer Blütenpflanze zeigt unter dem Mikroskop zwei
Keimblätter, welche den später dem Licht zugewandten Sproß mit seinen
Organen des Kreislaufs und der Fortpflanzung bilden und schützen, und
gleichsam ein drittes, den Wurzelschoß, welcher das unwiderrufliche
Schicksal der Pflanze andeutet, wieder den Teil einer Landschaft zu
bilden. Bei höheren Tieren sehen wir, wie das befruchtete Ei in den
ersten Stunden des sich ablösenden Daseins ein äußeres Keimblatt
bildet, welches das mittlere und innere, die Grundlage künftiger
Kreislauf- und Fortpflanzungsorgane, also des pflanzenhaften Elements
im Tierleib, umschließt und gegen den mütterlichen Leib und damit
+die ganze übrige+ Welt abhebt. Das äußere Keimblatt ist das
Sinnbild des eigentlich tierhaften Daseins. Es unterscheidet die beiden
Arten von Lebendigem, welche in der Erdgeschichte hervorgetreten sind.
Es gibt alte schöne Namen dafür: die Pflanze ist +etwas
Kosmisches+, das Tier ist +außerdem ein Mikrokosmos in bezug
auf einen Makrokosmos+. Erst damit, daß ein Lebewesen sich derart
aus dem All absondert, daß es seine Lage zu ihm bestimmen kann, ist
es ein Mikrokosmos geworden. Selbst die Planeten sind in ihrer Bahn
an die großen Kreisläufe gebunden; nur diese kleinen Welten bewegen
sich frei im Verhältnis zu einer großen, deren sie sich als ihrer
Umwelt bewußt sind. Erst damit hat für unser Auge das, was das Licht
im Raume darbietet, den Sinn eines +Leibes+ bekommen. Etwas in
uns widerstrebt, wenn wir auch der Pflanze einen eigentlichen Leib
zuschreiben möchten.
Alles Kosmische trägt das Zeichen der Periodizität. Es besitzt
+Takt+. Alles Mikrokosmische hat Polarität. Das Wort „gegen“
drückt sein ganzes Wesen aus. Es besitzt +Spannung+. Wir
sprechen von gespannter Aufmerksamkeit, von gespanntem Denken, aber
alle wachen Zustände überhaupt sind ihrem Wesen nach Spannungen;
Sinne und Gegenstände, Ich und Du, Ursache und Wirkung, Ding und
Eigenschaft, alles das ist zerdehnt und gespannt, und wo die mit tiefer
Bedeutung sogenannte Abspannung sich meldet, tritt alsbald Müdigkeit
der mikrokosmischen Seite des Lebens, zuletzt der Schlaf ein. Ein
schlafender, aller Spannungen entledigter Mensch führt nur noch ein
Pflanzendasein.
Kosmischer Takt aber ist alles, was sich auch mit Richtung, Zeit,
Rhythmus, Schicksal, Sehnsucht umschreiben läßt, vom Hufschlag eines
Gespanns von Rassepferden und dem dröhnenden Schritt begeisterter Heere
an bis zum schweigenden Sichverstehen zweier Liebenden, zum gefühlten
Takt einer vornehmen Gesellschaft und zum Blick des Menschenkenners,
den ich früher schon als physiognomischen Takt bezeichnet habe.
Dieser Takt kosmischer Kreisläufe lebt und webt noch unter jeder
Freiheit mikrokosmischer Bewegungen im Raume und löst zuweilen die
Spannung aller wachen Einzelwesen in einen großen gefühlten Einklang
auf. Wer je einen Vogelzug im Äther verfolgt hat, wie er in immer
gleicher Gestalt aufsteigt, wendet, wieder abbiegt und sich in der
Ferne verliert, fühlt das pflanzenhaft Sichere, das „es“, das „wir“ in
dieser Gesamtbewegung, das keiner Brücke der Verständigung zwischen dem
Ich und Du bedarf. Das ist der Sinn der Kriegs- und Liebestänze unter
Tieren und Menschen; so wird ein stürmendes Regiment im feindlichen
Feuer zur Einheit geschmiedet, so ballt sich die Menge bei einem
aufregenden Vorfall plötzlich zu einem Körper zusammen, der jäh, blind
und rätselhaft denkt und handelt und nach wenig Augenblicken wieder
zerfallen sein kann. Hier sind die mikrokosmischen Grenzen aufgehoben.
+Es+ tobt und droht, +es+ drängt und zieht, +es+ fliegt,
biegt und wiegt. Die Glieder verschlingen sich, der Fuß stürmt,
+ein+ Schrei erklingt aus aller Munde, +ein+ Schicksal liegt
über allen. Aus einer Summe kleiner einzelner Welten ist plötzlich eine
Ganzheit entstanden.
Das Gewahrwerden kosmischen Taktes nennen wir +Fühlen+,
das mikrokosmischer Spannungen nennen wir +Empfinden+. Das
doppeldeutige Wort Sinnlichkeit hat diesen klaren Unterschied der
allgemein pflanzlichen und der nur tierhaften Seite des Lebens
verdunkelt. Sagen wir für die eine Geschlechtsleben, für die andere
Sinnenleben, so erschließt sich ein tiefer Zusammenhang. Jenes
trägt immer das Merkmal der Periodizität, des Taktes, noch in seinem
Einklang mit den großen Kreisläufen der Gestirne, in der Beziehung
der weiblichen Natur zum Monde, des Lebens überhaupt zur Nacht, zum
Frühling, zur Wärme; dieses besteht aus Spannungen: des Lichtes zum
Belichteten, des Erkennens zum Erkannten, des Schmerzes zur Waffe,
die ihn verursacht hat. Beides hat sich in den höher entwickelten
Gattungen zu besonderen Organen ausgeprägt. Je vollkommener sie sich
gestalten, desto offener reden sie von der Bedeutung der beiden
Lebensseiten. Wir besitzen zwei +Kreislauforgane des kosmischen
Daseins+: den Blutkreislauf und das Geschlechtsorgan, und zwei
+Unterscheidungsorgane der mikrokosmischen Beweglichkeit+: Sinne
und Nerven. Wir müssen annehmen, daß ursprünglich der +ganze+ Leib
Organ des Kreislaufs und zugleich Tastorgan gewesen ist.
Das Blut ist für uns das Sinnbild des Lebendigen. Es kreist ohne Pause
durch den Leib von seiner Zeugung bis zum Tode, aus dem mütterlichen
Leibe in den des Kindes hinüber, im Wachen und Schlafen, niemals
endend. Das Blut der Ahnen fließt durch die Kette der Geschlechter
und verbindet sie zu einem großen Zusammenhange des Schicksals, des
Taktes und der Zeit. Ursprünglich geschah das nur durch Teilung und
immer neue Teilung der Kreisläufe, bis zuletzt ein eigenes Organ der
geschlechtlichen Zeugung erschien, das einen Augenblick zum Sinnbild
der Dauer machte. Wie nun diese Wesen zeugen und empfangen, wie
das Pflanzenhafte in ihnen danach drängt, sich fortzupflanzen, den
ewigen Kreislauf über sich selbst hinaus dauern zu lassen, wie der
+eine+ große Pulsschlag durch entfernte Seelen hindurch anziehend,
treibend, hemmend und auch vernichtend wirkt, das ist jenes tiefste
aller Lebensgeheimnisse, das alle religiösen Mysterien und alle großen
Dichtungen zu durchdringen versuchen und dessen Tragik Goethe in dem
Gedicht „Selige Sehnsucht“ und in den „Wahlverwandtschaften“ angerührt
hat, wo das Kind sterben mußte, weil es aus entfremdeten Kreisen des
Blutes und also gleichsam durch eine kosmische Schuld ins Dasein
gezogen worden war.
Für den Mikrokosmos, insofern er sich im Verhältnis zum Makrokosmos
frei bewegt, tritt das Unterscheidungsorgan hinzu, „der Sinn“, der
ursprünglich Tastsinn ist und nichts anderes. Was wir heute noch, auf
so hoher Stufe der Entwicklung, ganz allgemein Tasten nennen, mit dem
Auge, dem Gehör, dem Verstande tasten, ist die einfachste Bezeichnung
für die Bewegtheit eines Wesens und damit die Notwendigkeit, sein
Verhältnis zur Umgebung unaufhörlich festzustellen. Fest-stellen aber
bedeutet ein Bestimmen des +Ortes+. Deshalb sind alle Sinne, sie
mögen noch so ausgebildet und ihrem Ursprung noch so entfremdet sein,
ganz eigentlich +Ortssinne+; es gibt keine andern. Das Empfinden
jeder Art unterscheidet Eignes und Fremdes, und um die Lage des Fremden
in bezug auf das Eigne festzustellen, dient die Witterung des Hundes so
gut wie das Gehör der Rehe und das Auge des Adlers. Farbe, Helligkeit,
Töne, Gerüche, alle überhaupt möglichen Empfindungsweisen bedeuten
Abstand, Entfernung, Ausdehnung.
Ursprünglich ist, wie der kosmische Kreislauf des Blutes, so auch die
unterscheidende Tätigkeit des Sinnes eine Einheit; ein tätiger Sinn
ist immer auch ein verstehender Sinn; Suchen und Finden sind in diesen
einfachen Verhältnissen eins, eben das, was wir sehr verständlich
mit Tasten bezeichnen. Erst später und bei hohen Forderungen an
ausgebildete Sinne ist Empfinden nicht zugleich auch Verstehen des
Empfindens, und allmählich setzt sich das Verstehen immer deutlicher
gegen das bloße Empfinden ab. Im äußeren Keimblatt trennt sich das
+kritische+ Organ vom Sinnesorgan -- und dieses sehr bald wieder
in scharf abgesonderte Einzelsinne -- wie das Geschlechtsorgan vom
Blutkreislauf; wie bestimmt wir alles Verstehen als abgeleitet
aus dem Empfinden auffassen und wie gleichartig beide noch beim
Menschen in ihrer unterscheidenden Tätigkeit wirken, bezeugen Worte
wie scharfsinnig, feinfühlig, Einsicht, gelehrte Schnüffelei,
Tatsachenblick, ganz zu schweigen von den Ausdrücken der Logik wie
Begriff und Schluß, die sämtlich aus der Welt des Sehens stammen.
Wir sehen den Hund unaufmerksam, dann aber plötzlich gespannt
aufhorchend und witternd: das Verstehen wird zum bloßen Empfinden
hinzugesucht. Aber auch ein Hund kann nachdenklich sein -- da ist
das Verstehen fast allein tätig und spielt mit matten Empfindungen.
Die älteren Sprachen haben diese Steigerung sehr klar ausgedrückt,
indem sie jeden neuen Grad als Tätigkeit von besondrer Art scharf
unterschieden und mit einem eignen Namen belegten: hören, horchen,
lauschen; riechen, wittern, schnüffeln; sehen, spähen, beobachten: in
solchen Reihen wird der Gehalt an Verstehen immer stärker im Verhältnis
zu dem an Empfinden.
Endlich aber entfaltet sich ein höchster Sinn unter den anderen. Ein
Etwas im All, das unserm Verstehenwollen für immer unzugänglich bleiben
wird, weckt sich ein leibliches Organ: Das Auge entsteht und im Auge,
mit dem Auge entsteht als Gegenpol das Licht. Mag abstraktes Denken
vom Licht das Licht fortdenken wollen und ein Gedankenbild von Wellen
und Strahlen zeichnen, als Wirklichkeit ist von nun an das Leben
+durch die Lichtwelt des Auges+ umfaßt und einbezogen. Dies ist
das Wunder, dem alles Menschliche untersteht. Erst in der Augenwelt
des Lichtes gibt es Fernen als Farben und Helligkeiten, erst in dieser
Welt gibt es Tag und Nacht, sichtbare Dinge und sichtbare Bewegungen
in einem weitgedehnten Lichtraum, eine Welt unendlich ferner Gestirne,
die über der Erde kreisen, einen Lichthorizont des einzelnen Lebens,
der weit über die Nachbarschaft des Leibes hinausreicht. In dieser
Lichtwelt, welche alle Wissenschaft nur durch mittelbare, innerliche
Augenvorstellungen -- „theoretisch“ -- umdeutet, geschieht es, daß
auf dem kleinen Erdenstern menschliche sehende Scharen wandern, daß
das ganze Leben mitbestimmt ist davon, ob die Lichtflut des Südens
über der ägyptischen und mexikanischen Kultur oder Lichtarmut über dem
Norden liegt. Für sein +Auge+ zaubert der Mensch seine Bauten und
setzt damit das leibliche Tastempfinden der Tektonik in lichtgeborne
Beziehungen um. Religion, Kunst, Denken sind für das Licht entstanden
und alle Unterschiede beschränken sich darauf, ob sie sich an das
leibliche Auge oder an das „Auge des Geistes“ wenden.
Damit hat sich in voller Deutlichkeit ein Unterschied offenbart,
den wieder ein unklares Wort, Bewußtsein, zu trüben pflegt. Ich
unterscheide +Dasein und Wachsein+. Das Dasein hat Takt und
Richtung, das Wachsein ist Spannung und Ausdehnung. Im Dasein waltet
ein Schicksal, das Wachsein unterscheidet Ursachen und Wirkungen. Dem
einen gilt die Urfrage nach dem Wann und Warum, dem andern die nach dem
Wo und Wie.
Eine Pflanze führt ein Dasein ohne Wachsein. Im Schlaf werden alle
Wesen zu Pflanzen: die Spannung zur Umwelt ist erloschen, der Takt
des Lebens geht weiter. Eine Pflanze kennt nur die Beziehung zum Wann
und Warum. Das Drängen der ersten grünen Spitzen aus der Wintererde,
das Schwellen der Knospen, die ganze Gewalt des Blühens, Duftens,
Leuchtens, Reifens: das alles ist Wunsch nach der Erfüllung eines
Schicksals und eine beständige sehnsüchtige Frage nach dem Wann.
Das Wo kann für ein pflanzenhaftes Dasein keinen Sinn haben. Es ist
die Frage, mit welcher der erwachende Mensch sich täglich wieder auf
seine Welt besinnt. Denn nur der Pulsschlag des Daseins dauert durch
alle Geschlechter an. Das Wachsein beginnt für jeden Mikrokosmos von
neuem: das ist der Unterschied von Zeugung und Geburt. Die eine ist
Bürgschaft der Dauer, die andere ist ein Anfang. Und deshalb wird eine
Pflanze erzeugt, aber nicht geboren. Sie ist da, aber kein Erwachen,
kein erster Tag spannt eine Sinnenwelt um sie aus.
2
So tritt uns nun der Mensch entgegen. Nichts in seinem sinnlichen
Wachsein stört mehr die reine Herrschaft des Auges. All die Klänge
der Nacht, der Wind, das Atmen der Tiere, der Duft der Blumen wecken
nur +ein Wohin und Woher in der Welt des Lichtes+. Von der Welt
der Witterung, in die noch der nächste Begleiter des Menschen, der
Hund, seine Seheindrücke ordnet, haben wir keinen Begriff. Wir wissen
nichts von der Welt des Schmetterlings, dessen Kristallauge kein Bild
entwirft, nichts von der Umwelt sinnbegabter, aber augenloser Tiere.
+Uns ist nur der Raum des Auges geblieben.+ Und die Reste anderer
Sinnenwelten, Klänge, Düfte, Wärme und Kälte, haben darin Platz
gefunden +als „Eigenschaften“ und „Wirkungen“ von Lichtdingen+.
Wärme geht vom gesehenen Feuer aus; die im Lichtraum erblickte Rose
duftet und wir reden vom Ton einer Geige. Was die Gestirne betrifft, so
beschränken sich unsre wachen Beziehungen zu ihnen darauf, daß wir sie
+sehen+. Über unserm Haupte leuchten sie und ziehen ihre sichtbare
Bahn. Tiere und selbst primitive Menschen besitzen ohne Zweifel von
ihnen noch deutliche Empfindungen ganz andrer Art, die wir zum Teil
mittelbar durch wissenschaftliche Vorstellungen, zum Teil überhaupt
nicht mehr erfassen können.
Diese Verarmung des Sinnlichen bedeutet zugleich eine unermeßliche
Vertiefung. Menschliches Wachsein ist nicht mehr die bloße Spannung
zwischen Leib und Umwelt. Es heißt jetzt: Leben +in+ einer rings
geschlossenen Lichtwelt. Der Leib bewegt sich +im+ gesehenen
Raume. Das Tiefenerlebnis ist ein gewaltiges Eindringen in +sichtbare
Fernen von einer Lichtmitte aus+: es ist jener Punkt, den wir Ich
nennen. „Ich“ ist ein Lichtbegriff. Von nun an ist das Leben des Ich
ein Leben unter der Sonne, und die Nacht dem Tode verwandt. Und daraus
bildet sich ein neues Angstgefühl, das alle andern in sich aufnimmt:
+die Angst vor dem Unsichtbaren+, vor dem, was man hört, fühlt,
ahnt, wirken sieht, ohne es selbst zu erblicken. Tiere kennen ganz
andere, dem Menschen rätselhafte Formen der Angst, denn auch die Angst
vor der Stille, die urwüchsige Menschen und Kinder durch Lärm und
lautes Reden unterbrechen und verscheuchen wollen, ist bei höheren
Menschen im Verschwinden begriffen. Die Angst vor dem Unsichtbaren aber
bezeichnet die Eigenart aller menschlichen Religiosität. Gottheiten
sind geahnte, vorgestellte, erschaute Lichtwirklichkeiten. Der
„unsichtbare Gott“ ist der höchste Ausdruck menschlicher Transzendenz.
Das Jenseits liegt dort, wo die Grenzen der Lichtwelt sind; Erlösung
ist Befreiung aus dem Banne des Lichts und seiner Tatsachen.
Eben darin beruht für uns Menschen der unnennbare Zauber der Musik und
ihre wahrhaft erlösende Kraft, daß sie die einzige Kunst ist, deren
Mittel außerhalb der Lichtwelt liegen, welche für uns längst mit der
Welt überhaupt gleichbedeutend geworden ist, so daß Musik allein uns
gleichsam aus der Welt hinausführen, den stählernen Bann der Herrschaft
des Lichts zerbrechen und uns die süße Täuschung einflößen kann, daß
wir hier das letzte Geheimnis der Seele berühren, eine Täuschung, die
darauf beruht, daß der wache Mensch von einem einzelnen seiner Sinne
beständig derart beherrscht ist, daß er aus den Eindrücken seines Ohres
nicht mehr eine Welt des Ohres bilden kann, sondern sie nur noch seiner
Augenwelt einfügt.
Und deshalb ist menschliches Denken Augendenken, sind unsre Begriffe
vom Sehen abgezogen, ist die gesamte Logik eine imaginäre Lichtwelt.
Dieselbe Verengerung und eben deshalb Vertiefung, welche alles
Empfinden dem Sehen einordnet, hat die unzähligen dem Tier bekannten
Arten sinnlicher Mitteilung, die wir unter dem Namen Sprache
zusammenfassen, durch die eine Wortsprache ersetzt, welche +durch
den Lichtraum hindurch+ als Brücke der Verständigung zwischen zwei
Menschen dient, die einander redend ansehen oder als Angeredete dem
inneren Auge vorstellen. Die andern Arten des Sprechens, von denen sich
Reste erhielten, sind als Mienenspiel, Geste, Betonung längst in der
Wortsprache aufgegangen. Der Unterschied zwischen allgemein tierischer
Laut-und rein menschlicher Wortsprache besteht darin, daß Worte und
Wortverbindungen ein Reich innerer Lichtvorstellungen bilden, das unter
der Herrschaft des Auges entwickelt worden ist. Jede Wortbedeutung hat
einen Lichtwert, auch wenn es sich um Worte wie Melodie, Geschmack,
Kälte oder um ganz abstrakte Bezeichnungen handelt.
Schon unter höheren Tieren bildet sich infolge der Gewohnheit
wechselseitiger Verständigung durch eine Sinnensprache ein deutlicher
Unterschied von bloßem Empfinden und +verstehendem+ Empfinden
aus. Bezeichnen wir diese beiden Arten mikrokosmischer Tätigkeit als
+Eindruck der Sinne+ und +Urteil der Sinne+, also etwa Urteil
des Geruchs, des Geschmacks, des Ohres, so ist schon bei Ameisen und
Bienen, bei Raubvögeln, Pferden und Hunden das Schwergewicht sehr oft
deutlich nach der Urteilsseite des Wachseins hin verschoben. Aber
erst unter Einwirkung der Wortsprache tritt innerhalb des tätigen
Wachseins ein offener +Gegensatz+ zwischen Empfinden und Verstehen
hervor, eine Spannung, die bei Tieren ganz undenkbar ist und selbst
unter Menschen nur als ursprünglich selten verwirklichte Möglichkeit
angenommen werden darf. Die Entwicklung der Wortsprache führt etwas
ganz Entscheidendes herbei: +die Emanzipation des Verstehens vom
Empfinden+.
An Stelle des völlig einheitlichen verstehenden Empfindens erscheint
oft und öfter ein Verstehen der Bedeutung von kaum noch beachteten
Sinneseindrücken. Endlich werden diese Eindrücke durch die empfundenen
Bedeutungen gewohnter Wortklänge verdrängt. Das Wort, ursprünglich
der Name eines Sehdings, wird unvermerkt zum Kennzeichen eines
Gedankendings, des „Begriffs“. Wir sind weit entfernt, den Sinn solcher
Namen scharf zu erfassen -- das geschieht nur bei ganz neu auftretenden
Namen -- wir gebrauchen nie ein Wort zweimal in derselben Bedeutung;
niemand versteht je ein Wort genau so wie der andere. Aber eine
Verständigung ist trotzdem möglich durch die den Menschen derselben
Sprache mit und durch den Sprachgebrauch anerzogene Weltanschauung,
in der beide so leben und weben, daß bloße Wortklänge genügen, um
verwandte Vorstellungen wachzurufen. Es ist also ein mittelst der
Wortklänge vom Sehen abgezogenes, +abs-traktes+, Begreifen, das,
so selten es in dieser Selbständigkeit ursprünglich unter Menschen
vorkommen mag, dennoch eine scharfe Grenze zwischen der allgemein
tierischen und einer dazukommenden, rein menschlichen Art des Wachseins
zieht. Ganz ebenso hatte auf einer früheren Stufe das Wachsein
überhaupt eine Grenze zwischen dem allgemein pflanzenhaften und dem
rein tierhaften Dasein gesetzt.
+Das vom Empfinden abgezogene Verstehen heißt Denken+. Das Denken
hat für immer einen Zwiespalt in das menschliche Wachsein getragen.
Es hat von früh an Verstand und Sinnlichkeit als hohe und niedere
Seelenkraft gewertet. Es hat den verhängnisvollen Gegensatz geschaffen
zwischen der Lichtwelt des Auges, die als Scheinwelt und Sinnentrug
bezeichnet wird, und einer im wörtlichen Sinne vor-gestellten Welt, in
der die Begriffe mit ihrer nie abzustreifenden leisen Lichtbetonung
ihr Wesen treiben. Das ist nun für den Menschen, solange er „denkt“,
die wahre Welt, die Welt an sich. Das Ich war anfangs das Wachsein
überhaupt, insofern es sich sehend als Mitte einer Lichtwelt empfand;
jetzt wird es „Geist“, nämlich reines Verstehen, das sich selbst
als solches „erkennt“ und nicht nur die fremde Welt +um sich+,
sondern sehr bald auch die übrigen Elemente des Lebens, den „Leib“,
+dem Werte nach unter sich+ sieht. Ein Zeichen davon ist nicht nur
der aufgerichtete Gang des Menschen, sondern auch die durchgeistigte
Ausbildung seines Kopfes, an dem immer mehr der Blick und die Bildung
von Stirn und Schläfen Träger des Ausdrucks werden.[2]
Es wird deutlich, daß das selbständig gewordene Denken eine neue
Betätigung für sich entdeckt hat. Zum praktischen Denken, das sich auf
die Beschaffenheit der Lichtdinge im Hinblick auf diesen oder jenen
vorliegenden Zweck richtet, tritt das theoretische, durchschauende,
das Grübeln, welches die Beschaffenheit dieser Dinge +an sich+,
das „Wesen der Dinge“ ergründen will. Vom Gesehenen wird das Licht
abgezogen, das Tiefenerlebnis des Auges steigert sich in mächtiger
Entwicklung ganz deutlich zum Tiefenerlebnis im Reich lichtgefärbter
Wortbedeutungen. Man glaubt, daß es möglich sei, in die wirklichen
Dinge hinein-, mit dem innern Blick hindurchzusehen. Man bildet
Vorstellungen über Vorstellungen und gelangt endlich zu einer
Gedankenarchitektur großen Stils, deren Bauten in voller Deutlichkeit
gleichsam in einem inneren Lichte daliegen.
Mit dem theoretischen Denken ist innerhalb des menschlichen Wachseins
eine Art von Tätigkeit entstanden, welche nun auch den Kampf zwischen
Dasein und Wachsein unvermeidlich gemacht hat. Der tierische
Mikrokosmos, in dem Dasein und Wachsein zu einer selbstverständlichen
Einheit des Lebens verbunden sind, kennt nur ein Wachsein im
+Dienste+ des Daseins. Das Tier „+lebt+“ einfach, es denkt
nicht nach über das Leben. Die unbedingte Herrschaft des Auges aber
läßt das Leben als Leben eines sichtbaren Wesens im Licht erscheinen
und das sprachgebundene Verstehen bildet alsbald einen +Begriff+
des Denkens und +als Gegenbegriff+ den des Lebens aus und
unterscheidet endlich das Leben, wie es ist, von dem, wie es sein
sollte. An Stelle des unbekümmerten Lebens erscheint der Gegensatz
„Denken und Handeln“. Er ist nicht nur möglich, was er im Tiere
nicht ist, er wird bald in jedem Menschen zur Tatsache und zuletzt
zur +Alternative+; das hat die gesamte Geschichte des reifen
Menschentums und alle ihre Erscheinungen gestaltet, und je höhere
Formen eine Kultur annimmt, desto mehr beherrscht dieser Gegensatz
gerade die bedeutenden Augenblicke ihres Wachseins.
Das Pflanzenhaft-Kosmische, das schicksalhafte Dasein, das Blut,
das Geschlecht besitzen die uralte Herrschaft und behalten sie. Sie
+sind+ das Leben. Das andre dient nur dem Leben. Aber das andre
will nicht dienen. Es will herrschen und glaubt zu herrschen; es
ist einer der entschiedensten Ansprüche des Menschengeistes, den
Leib, die „Natur“ in der Gewalt zu haben; es ist aber die Frage, ob
dieser Glaube nicht selbst dem Leben dient. Warum denkt unser Denken
so? Vielleicht weil das Kosmische, das „es“, es will? Das Denken
beweist seine Macht, indem es den Leib eine Vorstellung nennt, seine
Armseligkeit erkennt und die Stimme des Blutes zum Schweigen verweist.
Das Blut aber herrscht wirklich, indem es schweigend die Tätigkeit
des Denkens beginnen oder enden läßt. Auch das ist ein Unterschied
zwischen Sprechen und Leben. Das Dasein kann des Wachseins, das Leben
des Verstehens entbehren, nicht umgekehrt. Das Denken herrscht, trotz
allem, nur im „Reich der Gedanken“.
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Es ist nur ein Unterschied in Worten, ob man das Denken als Schöpfung
des Menschen oder den höheren Menschen als Schöpfung des Denkens
betrachtet. Aber das Denken selbst wird seinen Rang innerhalb des
Lebens stets falsch und viel zu hoch ansetzen, weil es andere Arten
der Feststellung neben sich nicht bemerkt oder anerkennt und damit auf
einen vorurteilslosen Überblick verzichtet. In der Tat haben sämtliche
Denker von Beruf -- und sie führen hier in allen Kulturen fast allein
das Wort -- kaltes, abstraktes Nachdenken für die selbstverständliche
Tätigkeit gehalten, durch die man zu den „letzten Dingen“ gelangt. Sie
sind ebenso selbstverständlich überzeugt, daß das, was sie auf diesem
Wege als „Wahrheit“ erreichen, dasselbe ist, was sie als Wahrheit
erstrebt haben und nicht etwa ein vorgestelltes Bild an der Stelle
unverständlicher Geheimnisse.
Aber wenn der Mensch ein denkendes Wesen ist, so ist er doch weit davon
entfernt, ein Wesen zu sein, dessen Dasein im Denken +besteht+.
Das haben die geborenen Grübler nicht unterschieden. Das Ziel des
Denkens heißt Wahrheit. Wahrheiten werden festgestellt, d. h. aus
der lebendigen Unfaßlichkeit der Lichtwelt in der Form von Begriffen
abgezogen, um in einem System, einer Art von geistigem Raum, einen
dauernden Ort zu erhalten. Wahrheiten sind absolut und ewig, d. h. sie
haben mit dem Leben nichts mehr zu tun.
Aber für ein Tier gibt es nur Tatsachen, keine Wahrheiten. Das ist
der Unterschied zwischen praktischem und theoretischem Verstehen.
Tatsachen und Wahrheiten unterscheiden sich wie Zeit und Raum, wie
Schicksal und Kausalität. Eine Tatsache ist für das ganze Wachsein im
Dienste des Daseins vorhanden, nicht nur für eine Seite des Wachseins
unter vermeintlicher Ausschaltung des Daseins. Das wirkliche Leben,
die Geschichte kennt +nur+ Tatsachen. Lebenserfahrung und
Menschenkenntnis richten sich nur auf Tatsachen. Der tätige Mensch,
der Handelnde, Wollende, Kämpfende, der sich täglich gegen die Macht
der Tatsachen behaupten und sie sich dienstbar machen oder unterliegen
muß, sieht auf bloße Wahrheiten als etwas Unbedeutendes herab. Für den
echten Staatsmann gibt es nur politische Tatsachen, keine politischen
Wahrheiten. Die berühmte Frage des Pilatus ist die eines jeden
Tatsachenmenschen.
Es ist eine der gewaltigsten Leistungen Nietzsches, das Problem +vom
Werte+ der Wahrheit, des Wissens, der Wissenschaft aufgestellt zu
haben -- eine frivole Lästerung in den Augen jedes geborenen Denkers
und Gelehrten, der damit den Sinn seines ganzen Daseins angezweifelt
sieht. Wenn Descartes an allem zweifeln wollte, so doch gewiß nicht am
Wert seiner Frage.
Aber es ist ein anderes, Fragen zu stellen, ein anderes, an Lösungen zu
glauben. Die Pflanze lebt und weiß es nicht. Das Tier lebt und weiß es.
Der Mensch erstaunt über sein Leben und fragt. Eine Antwort kann auch
der Mensch nicht geben. Er kann nur an die Richtigkeit seiner Antwort
+glauben+ und darin besteht zwischen Aristoteles und dem ärmsten
aller Wilden nicht der geringste Unterschied.
Warum müssen denn Geheimnisse enträtselt, Fragen beantwortet werden?
Ist es nicht die Angst, die schon aus Kinderaugen spricht, die
furchtbare Mitgift des menschlichen Wachseins, dessen Verstehen, von
den Sinnen abgelöst, nun vor sich hin brütet, in alle Tiefen der
Umwelt dringen muß und nur durch Lösungen erlöst werden kann? Kann das
verzweifelte Glauben ans Wissen von dem Alpdruck der großen Fragen
befreien?
„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil.“ Wem +das+
vom Schicksal versagt worden ist, der muß versuchen, Geheimnisse
aufzudecken, das Ehrfurchtgebietende anzugreifen, zu zerlegen, zu
zerstören und seine Beute an Wissen davonzutragen. Der Wille zum System
ist der Wille, Lebendiges zu töten. Es wird fest-gestellt, starr
gemacht, an die Kette der Logik gelegt. Der Geist hat +gesiegt+,
wenn er sein Geschäft des Erstarrenmachens zu Ende geführt hat.
Was man mit den Worten Vernunft und Verstand zu unterscheiden pflegt,
ist das pflanzenhafte Ahnen und Fühlen, das sich der Sprache des
Auges und Wortes nur +bedient+, und auf der anderen Seite das
tierhafte, sprachgeleitete Verstehen selbst. Die Vernunft ruft Ideen
ins Leben, der Verstand findet Wahrheiten, Wahrheiten sind leblos
und lassen sich mitteilen, Ideen gehören zum lebendigen Selbst ihres
Urhebers und können nur mitgefühlt werden. Das Wesen des Verstandes
ist Kritik, das Wesen der Vernunft ist Schöpfung. Die Vernunft erzeugt
das, worauf es ankommt, der Verstand setzt es voraus. Das besagt
jener tiefe Ausspruch von Bayle, daß der Verstand nur ausreiche, um
Irrtümer zu entdecken, nicht um Wahrheiten zu finden. In der Tat:
verstehende Kritik wird zuerst geübt und entwickelt an der damit
verbundenen sinnlichen Empfindung. Hier, im Sinnesurteil, lernt das
Kind begreifen und unterscheiden. Von dieser Seite abgezogen und mit
sich selbst beschäftigt, bedarf die Kritik eines Ersatzes für die zum
Objekt dienende Sinnentätigkeit. Dieser kann nur durch eine +schon
vorhandene+ Denkweise gegeben sein, an der sich nun die abstrakte
Kritik übt. Ein anderes Denken, eins, das frei und aus dem Nichts
aufbaut, gibt es nicht.
Denn lange, bevor der ursprüngliche Mensch abstrakt dachte, hatte
er sich ein religiöses Weltbild geschaffen. Das ist der Gegenstand,
an dem nun der Verstand kritisch arbeitet. Alle Wissenschaft ist an
einer Religion und unter den gesamten seelischen Voraussetzungen einer
Religion erwachsen und sie bedeutet nichts anderes als die abstrakte
Verbesserung dieser als falsch betrachteten, weniger abstrakten
Lehre. Jede trägt in ihrem ganzen Bestand von Grundbegriffen,
Problemstellungen und Methoden den Kern einer Religion mit sich fort.
Jede neue Wahrheit, die der Verstand findet, ist nichts als ein
kritisches Urteil über eine andere, die schon da war. Die Polarität
zwischen neuem und altem Wissen bringt es mit sich, daß es nur relativ
Richtiges in der Welt des Verstandes gibt, nämlich Urteile von
größerer Überzeugungskraft als andre Urteile. Kritisches Wissen ruht
auf dem Glauben an die Überlegenheit des Verstehens von heute über das
von gestern. Es ist wieder das Leben, das uns zu diesem Glauben zwingt.
Kann also Kritik die großen Fragen lösen oder nur ihre Unlösbarkeit
feststellen? Am Anfang des Wissens glauben wir das erste. Je mehr wir
wissen, desto sichrer wird uns das zweite. Solange wir hoffen, nennen
wir das Geheimnis ein Problem.
Es gibt also für den wachen Menschen ein doppeltes Problem: das des
Wachseins und das des Daseins, oder das des Raumes und das der Zeit,
oder die Welt als Natur und die Welt als Geschichte, oder die der
Spannung und die des Taktes: das Wachsein sucht nicht nur sich selbst
zu verstehen, sondern außerdem etwas, das ihm fremd ist. Mag eine
innere Stimme ihm sagen, daß hier alle Möglichkeiten des Erkennens
überschritten sind, die Angst überredet dennoch jedes Wesen, weiter zu
suchen und lieber mit dem Schein einer Lösung vorlieb zu nehmen als mit
dem Blick in das Nichts.
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Das Wachsein besteht aus Empfinden und Verstehen, deren gemeinsames
Wesen eine fortdauernde Orientierung über das Verhältnis zum
Makrokosmos ist. Insofern ist Wachsein gleichbedeutend mit
„Feststellen“, ob es sich nun um das Tasten eines Infusors oder um
menschliches Denken vom höchsten Range handelt. Das sich selbst
betastende Wachsein gelangt also zuerst zum +Erkenntnisproblem+.
Was heißt Erkennen? Was heißt Erkenntnis des Erkennens? Und wie verhält
sich das, was man ursprünglich damit meinte, zu dem, was man nachher in
Worte gefaßt hat? -- Wachsein und Schlaf wechseln wie Tag und Nacht mit
dem Gang der Gestirne. Das Erkennen wechselt ebenso mit dem Träumen ab.
Wie unterscheiden sich beide?
Wachsein und zwar sowohl empfindendes wie verstehendes ist aber auch
gleichbedeutend mit dem Bestehen von Gegensätzen, etwa zwischen
Erkennen und Erkanntem, oder Ding und Eigenschaft, oder Gegenstand
und Ereignis. Worin besteht das Wesen dieser Gegensätze? -- Hier
erscheint als zweites das +Kausalproblem+. Es werden zwei
sinnliche Elemente als Ursache und Wirkung oder zwei geistige als
Grund und Folge bezeichnet: das ist die Feststellung eines Macht-und
Rangverhältnisses. Wenn das eine da ist, muß das andere auch da sein.
Die Zeit bleibt dabei ganz aus dem Spiele. Es handelt sich nicht um
Tatsachen des Schicksals, sondern um kausale Wahrheiten, nicht um ein
Wann, sondern um eine gesetzliche Abhängigkeit. Dies ist ohne Zweifel
die hoffnungsvollste Tätigkeit des Verstehens. Der Mensch verdankt
solchen Funden vielleicht seine glücklichsten Augenblicke. Und so geht
er von den Gegensätzen, die ihn in unmittelbarer alltäglicher Nähe und
Gegenwart berühren, nach beiden Seiten in endlosen Schlußreihen fort zu
ersten und letzten Ursachen im Gefüge der Natur, die er Gott und den
Sinn der Welt nennt. Er sammelt, ordnet und überblickt sein System,
sein Dogma von gesetzlichen Zusammenhängen und findet in ihm eine
Zuflucht vor dem Unvorhergesehenen. Wer beweisen kann, fürchtet sich
nicht mehr. -- Aber worin besteht das Wesen der Kausalität? Liegt sie
im Erkennen oder im Erkannten oder in der Einheit von beiden?
Die Welt der Spannungen müßte an sich starr und tot sein, nämlich
„ewige Wahrheit“, etwas jenseits aller Zeit, ein Zustand. Die wirkliche
Welt des Wachseins ist aber voller Veränderungen. Ein Tier erstaunt
darüber nicht, das Denken des Denkers jedoch wird ratlos: Ruhe und
Bewegung, Dauer und Änderung, Gewordenes und Werden -- bezeichnen diese
Gegensätze nicht bereits etwas, das über die Möglichkeit des Verstehens
hinausgeht und eben deshalb einen Widersinn enthalten +muß+? Sind
das Tatsachen, die sich nicht mehr in Form von Wahrheiten von der
Sinnenwelt abziehen lassen? Da liegt etwas Zeithaftes in der zeitlos
erkannten Welt; Spannungen erscheinen als Takt, zur Ausdehnung tritt
die Richtung. Alles Fragwürdige des verstehenden Wachseins sammelt
sich im letzten und schwersten, im +Bewegungsproblem+, und an
ihm scheitert das freigewordene Denken. Hier verrät es sich, daß das
Mikrokosmische heute und immer vom Kosmischen abhängig ist, wie es
schon in den Uranfängen jedes neuen Wesens das äußere Keimblatt als
die bloße Hülle eines Leibes beweist. Das Leben kann ohne Denken
bestehen, das Denken aber ist nur eine Art des Lebens. Das Denken mag
sich selbst noch so gewaltige Ziele setzen, in Wirklichkeit bedient
sich das Leben des Denkens zu +seinem+ Zwecke und gibt ihm ein
lebendiges Ziel ganz unabhängig von der Lösung abstrakter Aufgaben.
Für das Denken sind Lösungen von Problemen richtig oder falsch, für
das Leben sind sie wertvoll oder wertlos. Wenn das Erkennenwollen am
Bewegungsproblem scheitert, so ist die Absicht des Lebens vielleicht
eben damit erreicht. Trotzdem und eben deshalb bleibt dieses Problem
der Mittelpunkt alles höheren Denkens. Alle Mythologie und alle
Naturwissenschaft sind aus dem Staunen über das Geheimnis der Bewegung
entstanden.
Das Bewegungsproblem rührt bereits an die Geheimnisse des Daseins, die
dem Wachsein fremd sind und deren Druck es sich dennoch nicht entziehen
kann. Es ist ein Verstehenwollen des Niezuverstehenden, des Wann und
Warum, des Schicksals, des Blutes, alles dessen, was wir in der Tiefe
fühlen und ahnen und was wir, zum Sehen geboren, darum auch vor uns
im Lichte sehen wollen, um es im eigentlichen Sinne des Wortes zu
begreifen, uns seiner durch Tasten zu versichern.
Denn das ist die entscheidende Tatsache, deren sich der Betrachtende
nicht bewußt ist: sein ganzes Suchen richtet sich nicht auf das
Leben, sondern das Leben-sehen, und nicht auf den Tod, sondern das
Sterben-sehen. Wir suchen das Kosmische so zu begreifen, wie es dem
Mikrokosmos im Makrokosmos erscheint, als das +Leben eines Leibes im
Lichtraum+, zwischen Geburt und Tod, zwischen Zeugung und Verwesung,
und mit jener Unterscheidung von Leib und Seele, die mit innerster
Notwendigkeit aus dem Erlebnis des Innerlich-Eigenen als eines
Sinnlich-Fremden folgt.
Daß wir nicht nur leben, sondern um „das Leben“ +wissen+, ist das
Ergebnis jener Betrachtung unseres leibhaften Wesens im Licht. Aber das
Tier kennt nur das Leben, nicht den Tod. Wären wir rein pflanzenhafte
Wesen, so würden wir sterben, ohne es je zu bemerken, denn den Tod
fühlen und sterben wäre eins. Aber auch Tiere hören den Todesschrei,
sie erblicken den Leichnam, sie wittern die Verwesung; sie sehen das
Sterben, aber sie verstehen es nicht. Erst mit dem reinen Verstehen,
das sich durch die Sprache vom Wachsein des Auges abgelöst hat, taucht
für den Menschen der Tod rings in der Lichtwelt als das große Rätsel
auf.
Erst von nun an ist Leben die kurze Spanne Zeit zwischen Geburt
und Sterben. Erst im Hinblick auf den Tod wird uns die Zeugung zum
+anderen+ Geheimnis. Erst jetzt wird die Weltangst des Tieres zur
menschlichen Angst vor dem Tode und +diese ist es+, welche die
Liebe zwischen Mann und Weib, das Verhältnis der Mutter zum Sohn, die
Reihe der Ahnen bis zu den Enkeln herab und darüber hinaus die Familie,
das Volk und zuletzt die Geschichte der Menschen überhaupt als Fragen
und Tatsachen des Schicksals von unermeßlicher Tiefe erstehen läßt.
An den Tod, den jeder zum Licht geborne Mensch erleiden muß, knüpfen
sich die Ideen von Schuld und Strafe, vom Dasein als einer Buße, von
einem neuen Leben jenseits der belichteten Welt und von einer Erlösung,
die aller Todesangst ein Ende macht. Erst aus der Erkenntnis des
Todes stammt das, was wir Menschen im Unterschiede von den Tieren als
Weltanschauung besitzen.
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Es gibt geborene Schicksalsmenschen und Kausalitätsmenschen. Der
eigentlich lebendige Mensch, der Bauer und Krieger, der Staatsmann,
Heerführer, Weltmann, Kaufmann, jeder, der reich werden, befehlen,
herrschen, kämpfen, wagen will, der Organisator und Unternehmer, der
Abenteurer, Fechter und Spieler, ist durch eine ganze Welt von dem
„geistigen“ Menschen getrennt, dem Heiligen, Priester, Gelehrten,
Idealisten und Ideologen, mag dieser nun durch die Gewalt seines
Denkens oder den Mangel an Blut dazu bestimmt sein. Dasein und
Wachsein, Takt und Spannung, Triebe und Begriffe, die Organe des
Kreislaufs und die des Tastens -- es wird selten einen Menschen von
Rang geben, bei dem nicht unbedingt die eine Seite die andre an
Bedeutung überragt. Alles Triebhafte und Treibende, der Kennerblick
für Menschen und Situationen, der Glaube an einen Stern, den jeder
zum Handeln Berufene besitzt und der etwas ganz anderes ist als die
Überzeugung von der Richtigkeit eines Standpunktes; die Stimme des
Blutes, die Entscheidungen trifft, und das unerschütterlich gute
Gewissen, das jedes Ziel und jedes Mittel rechtfertigt, das alles ist
dem Betrachtenden versagt. Schon der Schritt des Tatsachenmenschen
klingt anders, wurzelhafter, als der des Denkers und Träumers, in dem
das rein Mikrokosmische kein festes Verhältnis zur Erde gewinnen kann.