Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über
den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete
Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie
lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter
gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke
bläulich schimmerte.
Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut
verbarg sein Haar.
Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im
Schatten der großen Hängebirken aus.
Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief,
war gelbgefärbt vom Sonnenbrand. Ueber Nesodden stand eine metallblaue
Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb
und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden
Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und
weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich
lange in grauen Streifen in der schwülen Luft.
Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte
das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten
sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der
Trockenheit verdorrt, herniedersank.
Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte,
fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:
„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du?
Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid
sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen
trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“
Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen
gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen
Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war
ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten
Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.
Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des
Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine
Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre
Knöchel.
Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der
ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück,
dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.
„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“
„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.
Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis
zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der
Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab
und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.
„Du, Gert --“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige
Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt
bin, reise ich fort.“
„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du
reisen?“
„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.
Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.
Schließlich meinte er:
„Wann hast du dich dazu entschlossen?“
„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen -- das
weißt du ja -- wieder ins Ausland zu gehen --“
„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, +jetzt+ zu reisen?“
„Im Sommer auf Tegneby.“
„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram.
Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die
Seele.
Sie zögerte.
„Ich wollte es dir +sagen+, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. Als
ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte ich
es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu --.“
Sein Antlitz färbte sich steingrau.
„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer
gehabt haben!“ rief er plötzlich aus.
„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich
nicht, mir zu verzeihen.“
„Ich -- dir? Ach, du großer Gott, kannst +du mir+ verzeihen, Jenny --?
Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“
„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.
Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den
Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.
„Kleine, kleine, kleine Jenny -- oh, kleine Jenny, was habe ich dir
getan!“
„Lieber --“.
„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen
Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“
„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu.
Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die --. Ich war
so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest
mich. Ich +mußte+ ausruhen und ich +mußte+ gewärmt werden, ich mußte
fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich wollte dich
nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich hätte dir
niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, so --
armselig. Kannst du nicht begreifen?“
„Nein, Jenny. Ich +glaube+ nicht daran, daß ein junges, unschuldiges
Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher meint, ihre
Liebe würde immer dauern.“
„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht
verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst.
So wurde es eine Qual für mich selbst -- schlimmer und schlimmer, und
ich fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich +habe+ dich
doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts
besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“
„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.
Jenny nickte.
„Und statt dessen --“.
Er wurde glühend rot.
„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du
gewartet und dich gesehnt hattest.“
Er erhob brüsk den Kopf:
„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein
-- Almosen geben sollen.“
Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die
sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten,
eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend,
aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz
zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.
„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte
einen Augenblick -- ich wollte versuchen.“
„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die
ganze Zeit, Jenny -- alles was du mir gabst!“
„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat -- immer
-- begreifst du denn nicht?“
„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.
Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:
„Jenny, ist da -- irgend ein anderer?“
„Nein,“ sagte sie heftig.
„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer
zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch -- deinesgleichen? Ich
würde +das+ besser verstehen.“
„Kannst du dir denn nicht denken --? Ich finde nicht, daß daran ein
anderer Schuld sein muß.“
„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. --
Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf
Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist --.“
Jenny wurde wieder blutrot:
„Glaubst du denn, ich hätte -- gestern --“.
Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:
„Ich verstehe dich ja doch nicht.“
Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:
„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt
eine Rolle dabei.“
Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:
„Jenny, Herr Jesus -- was meinst du --!“
Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:
„Nun -- meine Arbeit -- also die Kunst.“
Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:
„Jenny -- ist etwas -- Besonderes -- du sollst die Wahrheit sagen -- du
darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? -- Sprich --“
Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann
senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in
ihrem Schoß bergend:
„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel --“
„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit
deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich
hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu
sagen -- vielleicht später.“
„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht
gesagt hättest. Aber -- du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt
haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du -- wie weit du bist?“
„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.
„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst du
dich ja nicht -- von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. +Jetzt+
können wir ja nicht auseinandergehen.“
„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre
es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so
weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen --
und alles klarstellen.“
Er lag eine Weile still da.
„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat
geschieden. In zwei Jahren bin ich frei. Dann komme ich zu dir. Ich
gebe dir -- und dem da -- meinen Namen. Ich verlange nichts, verstehst
du -- +nichts+. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder aufzurichten,
wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug darunter
leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, das ist
selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten Mann
gebunden sein --“
„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage
dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine
richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen
uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein
gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein
Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme,
deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich
kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen
gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten
kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“
„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“
„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.
„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht
zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen --
du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“
„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man
erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich
immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“
„Aber die Menschen, Jenny -- sie werden häßlich gegen dich sein -- dich
in Verruf bringen.“
„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich
deine Liebe an mir verschwenden ließ.“
„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute -- du weißt nicht, wie
herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer Bosheit mißhandeln, dich
kränken und dich verletzen werden.“
„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig.
„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast
nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal
heraufbeschwören.“
Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl
darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn
fest an sich:
„Du Lieber, du +darfst+ nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin
es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh.
Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich
bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind,
so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich
werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein
lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für
das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt
Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht,
daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist,
Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht
weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin
vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin
schließlich eine Frau, ich +muß+ mich doch darüber freuen, daß ich
Mutter werde.“
„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist
beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.
Jenny lächelte weh:
„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders
auffaßte.“