„Doch, Cesca.“
„Ich bin sicher eine Gans. -- Aber du begreifst --“ rief sie plötzlich
heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen.
Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden,
weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann
brächte ich mich sofort vor seinen Augen um --.“
„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.
Franziska schwieg einen Augenblick.
„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll,
dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß
ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und
mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben
können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während
ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem
Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den
Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen -- seinen
Namen -- so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse.
Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich --.“
Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und
schmiegte sich dicht an Jenny.
„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte,
wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“
„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht,
daß du es könntest.“
„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du.
Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das
muß sein.“
„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob
Cesca glücklich war.
Aber Cesca begann von selbst zu erzählen.
„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht
alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler
Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart
ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden
war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben +wollte+. Ich hatte
aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen beginnen.
Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er verstand
alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der ganzen
Welt. Das +ist+ er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann tat ich etwas
Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich weiß, er wird es
mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, es zu erzählen,
aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich +muß+ einen Menschen
fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie verzeihen kann. Und
du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst du, ob du glaubst,
daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten nachmittags, nach
Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt ja, welch furchtbare
Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. Dann am Abend, als
Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das große Doppelbett sah,
begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war aber so lieb -- ich
sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. Das war an einem
Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, das heißt Lennart
nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese Art verheiratet zu
sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so dankbar, aber ich
durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann am Mittwoch waren
wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es war so wunderbar
schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne schien. Der
Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen blühte wie
toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen unzählige weiße
Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der Sonne -- es hatte
einige Stunden vorher geregnet -- und der Nemisee und Albanersee lagen
silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von all den kleinen
weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in einen weißen
Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie ein matter
Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, und ich fand
das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. -- Ich fühlte, er war
der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn so grenzenlos
lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand ich plötzlich.
Da schlang ich die Arme um seinen Hals und sagte: ‚Jetzt will ich ganz
dein werden, denn ich liebe dich --.‘“
Cesca schwieg und atmete schwer.
„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“
Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte
er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald
hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute
Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich
wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit
der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht -- Gott mag
wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun
die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als
dann Lennart kam -- ja, da begann ich denn wieder zu heulen --. Doch
da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich
lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten
Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei
Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr.
Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich
verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst
mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder
verzeihen kann?“
„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher,
„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du
gekränkt hast.“
„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es
etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber
ich wußte es damals nicht. Jenny -- kann eines Mannes Liebe das niemals
überwinden?“
„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine
gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab,
mühtest du dich ab und klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war,
wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“
„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und
geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit,
wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder
Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er
fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich
wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte
es natürlich nicht nötig gehabt.“
Jenny küßte Cesca auf die Stirn.
„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich
auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte
gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du
noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge --.“
Jenny erstarrte vor Schreck.
Cesca nickte in die Kissen:
„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches -- an jenem Morgen --.“
Jenny lag vollkommen sprachlos da.
„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht
verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen
könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später --“ Sie
suchte nach Worten. „Es ist -- so unharmonisch zwischen uns geworden --
alles. Es ist, als +wollte+ er mich nicht anrühren; geschieht es, dann
ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl auf sich
selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu erklären.
Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich dabei ist. Ich
habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine Freude damit
machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten kann, ist
gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das ist nicht
wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht für Nacht in meinem Zimmer
geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe versucht,
ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte -- und er
stößt mich von sich --. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, kann man
nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich nicht sehr
gut sagen, ich liebe Lennart?“
„Doch, Cesca.“
„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich
so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war
er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß
ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter
Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu
kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch
froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern
habe und er mich -- das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich
ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und
bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so -- sinnlich
-- lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja
nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich
nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen
-- o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir
haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich
vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten
viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld
verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das
ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich
ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich
wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert
Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht
-- Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa
bekommen. Er hat sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem
kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit
ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte,
nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen
auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber
er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es
war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu
wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn
Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als
das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es
zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich
mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht -- oh, ich
wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte
bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa
versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne,
wenn ich wolle --. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie
dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst
so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte,
um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn
an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland
und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann,
wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein
Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich
ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen.
Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir
nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so
müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“
„Doch, Cesca.“
„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen
würde -- im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging.
Damit er fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch
-- o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich +hatte+
gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es
wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht
zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so
verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr
ist: manche sagen --“ sie flüsterte bebend -- „daß eine Frau, die keine
solche -- Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“
„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“
„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so
furchtbar. Und ich -- ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden
aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so
etwas wunderbar Schönes vorstellen?“
„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über
viele Hindernisse hinweghelfen.“
„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem
Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst
du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte --
aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn
ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer
verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein
kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart
sein!“
Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen.
„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“
„Doch.“
„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn
ich es auch selbst nicht kann. Aber ich +will+ ihm immer die Wahrheit
sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“
„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man
sollte immer das tun, was man für recht hält und niemals das, wovon
man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“
„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte
plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit
dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du
-- und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte
nicht, was ich ohne dich tun sollte.“
Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:
„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du
kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das
soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“
„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“
„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“
„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte
sie. „Gott behüte dich!“
Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür
sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:
„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“