Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil
Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.
„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes
weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die
Augen stiegen.
„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch
nicht gerade schlecht, finde ich.“
Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen
auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am
Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze
Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und
schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau
das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas
seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber
es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet
hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.
Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es
zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie,
die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht
fortreisen können -- dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht
aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen
her war sie eher dazu imstande.
In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann,
erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den
anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten,
grüßte er herüber. Wie bleich er war.
* * * * *
Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die
vorübergleitende Landschaft.
Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel
so dunkelblau und die Wolken so weiß. Der Tau lag schwer und grau
über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor
schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande
ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes
Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an
einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün
im Laub. Welche Farben!
Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten,
silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten
Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben
und glasgrünen Früchten in dunklem Laub.
Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte -- ob
sie jemals hierher zurückkam?
Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich
mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten
Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft
gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über
niederlassen und malen.
Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach
Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße.
Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.
Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft
in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung,
die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte
selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.
Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann
zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie,
aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon
überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.
Seltsame kleine Cesca. Ihr +mußte+ es ja schließlich gut gehen. Cesca
war rechtschaffen und gut. Gerade das aber war sie selber nicht,
keines von beiden im eigentlichen Sinne.
Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher
ertragen, ihr Kummer zu machen. -- Das hieß mit anderen Worten nur, sie
fürchtete Tränen.
Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher
Schmerz durchfuhr sie -- Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie
fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.
Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich
hatte sie nachgegeben.
Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen,
irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte.
Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen
können.
Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu
übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt
hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby
hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie
nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es
jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so
wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen --
sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.
Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber.
Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen
könnte.
* * * * *
Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig,
daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte,
in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte
ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und
eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie
sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.
Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken
ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes
mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft
spannte und daß das Korsett sie behinderte.
Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet.
Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen
zurück. So war sie endlich allein.
Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes
in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem
Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet.
Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine
Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die
ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.
Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe
in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas
außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende
zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr
Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach
Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher,
auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die
Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt
hatte.
Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im
Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“,
ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der
Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren
Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken
wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne
Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten
Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so
flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der
Weiden auf.
Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit
rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe
gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das
ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen
vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und
Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen
Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und
Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen,
in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer
Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie
selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des
Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.
Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig
schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie
gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht,
unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen
Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht,
höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein
mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem
Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer
zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders
dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur
ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem
Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden
könnte.
Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall
mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem
Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers
bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern
hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen.
Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen
und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen,
dunkelgrünen Hainen -- bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der
Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem,
vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom
Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen,
gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf
dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig
blauen unruhigen Himmel wanderten.
Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den
Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander
stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder
vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen.
Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben
von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen.
Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote
Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen
des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu
ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in
Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit
ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.
Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang.
Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen
glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen
hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es
wieder.
Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der
gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel,
weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen
Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich
ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen
Kimono.
Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach
sichtbar wurde.
* * * * *
Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am
frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche,
wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den
ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald
wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.
Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur,
sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.
Unerträglich war es -- alles -- von seinem ersten teilnehmenden,
besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid
erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte.
„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer
Madonna. Reizende Madonna! O ja. -- Sein vorsichtiger Arm um ihren
Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn -- ihr war, als
sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner
liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für
Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern
eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und
sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm
stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit -- er hatte
sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.
Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine
Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im
Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. --
Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem
schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.
Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen:
sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen
Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es
überstanden sei.
Er antwortet umgehend:
Liebe Jenny!
Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle
Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen.
Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas
ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen
tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen.
Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir
entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann.
Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du
bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst
du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen
kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen.
-- Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung --
herzlichen Glückwunsch!