Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten
Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten
Schwester Franziskas.
Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede
für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.
Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in
Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht.
Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre
Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den
verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich
als Irrtum erweisen sollte.
Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die
vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie
ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit
dachte sie an Paris -- dorthin zu fahren und zu einer ~age-femmes~
zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.
Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand,
wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.
Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca.
Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie
sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts
mehr aus ihr machte?
Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet
gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden.
Furchtbar beschränkt waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends
eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre
häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen
herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle
Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen
worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit,
kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte.
Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und
kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden -- und
dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen.
-- Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso
ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen
um ihn -- das Monument hatte er nicht bekommen -- niemals begegnete
er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber
nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben
nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann
diese langwierige Krankheit im Frühling -- zwei Monate hatte er an
Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die
eine Folge davon waren, gelegen -- diese Zeit hatte Cesca furchtbar
angegriffen.
Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach -- das fühlte
Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie
früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um
anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß
sie Cesca nicht helfen konnte.
Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny
wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich
die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu
stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte.
Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte
wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.
Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny
aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so
gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie
strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.
Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr
entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen
war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von
ihnen sprach.
Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen,
sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:
„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“
„Nein?“
„Hans Hermann. -- Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes,
reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen
in Allem.“
„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.
„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen
Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“
Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.
* * * * *
Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber.
Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die
Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die
Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das
schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen
die hellen Gardinen ab.
„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an
Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du
durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht
für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“
Sie atmete schwer.
„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat
mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu,
was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht.
Ich +liebe+ ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er
diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht
hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn
ich jetzt an ihn +denke+, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu
versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch
so zynisch sein kann, so brutal, so +schamlos+! Es ist geradezu, als
könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt.
Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht
ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir
anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er
mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen
gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon,
daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht
so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete
er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen
machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als
müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut
hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen
hier hinaus -- morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit
ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht
hatte. --