III.

Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten

Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten

Schwester Franziskas.

Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede

für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.

Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in

Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht.

Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre

Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den

verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich

als Irrtum erweisen sollte.

Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die

vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie

ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit

dachte sie an Paris -- dorthin zu fahren und zu einer ~age-femmes~

zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.

Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand,

wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.

Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca.

Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie

sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts

mehr aus ihr machte?

Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet

gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden.

Furchtbar beschränkt waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends

eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre

häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen

herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle

Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen

worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit,

kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte.

Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und

kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden -- und

dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen.

-- Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso

ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen

um ihn -- das Monument hatte er nicht bekommen -- niemals begegnete

er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber

nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben

nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann

diese langwierige Krankheit im Frühling -- zwei Monate hatte er an

Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die

eine Folge davon waren, gelegen -- diese Zeit hatte Cesca furchtbar

angegriffen.

Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach -- das fühlte

Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie

früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um

anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß

sie Cesca nicht helfen konnte.

Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny

wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich

die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu

stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte.

Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte

wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.

Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny

aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so

gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie

strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.

Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr

entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen

war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von

ihnen sprach.

Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen,

sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:

„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“

„Nein?“

„Hans Hermann. -- Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes,

reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen

in Allem.“

„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.

„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen

Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“

Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.

* * * * *

Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber.

Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die

Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die

Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das

schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen

die hellen Gardinen ab.

„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an

Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du

durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht

für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“

Sie atmete schwer.

„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat

mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu,

was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht.

Ich +liebe+ ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er

diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht

hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn

ich jetzt an ihn +denke+, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu

versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch

so zynisch sein kann, so brutal, so +schamlos+! Es ist geradezu, als

könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt.

Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht

ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir

anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er

mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen

gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon,

daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht

so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete

er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen

machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als

müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut

hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen

hier hinaus -- morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit

ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht

hatte. --

Jenny · 第 38 / 70 题