Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im
Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen
Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah
nach der Uhr -- gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und
faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange
ins Kopfkissen.
„Jenny -- schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen.
Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht
und streichelte sie: „Müde?“
„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“
„Wann kamst du nach Haus?“
„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und
dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich
mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen -- nun will ich aufstehen!“
„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir
einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an.
„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen -- nein, aber Cesca,
komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht.
Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im
Licht langsam um sich selbst.
Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und
eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die
Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten
Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften
auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar
zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren
festgebunden waren.
„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire -- ist das nicht
großartig -- nun, wie stehen sie mir?“
„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. -- Du, ich hätte Lust, dich
darin zu malen.“
„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe
in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny --.“ Sie seufzte leise
und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen
sehen.“
Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor
dem kleinen Ofen nieder.
„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde
schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. -- Ah,
du hast deine Studie mit heimgebracht -- laß mich sehen!“
Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild:
„Aber, nein!“
„Es ist nicht übel, findest du nicht? -- Ich will noch einige Skizzen
dort draußen machen -- ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht
gut -- mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im
Ausgrabungsfeld?“
„Ja, weißt du, -- daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich
freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist
aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch
für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu
frisieren, so mit Locken? Bitte!“
Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’
ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen -- ich nahm ihn mit
herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“
„Ja,“ sagte Jenny und lachte.
„War der Brief fröhlich -- hast du dich gefreut?“
„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte
ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du -- einen kleinen
Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken
spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“
Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm
sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten.
„Nein, Cesca -- wir haben doch keine Zeit.“
„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen.
Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen.
Uebrigens -- die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht -- und
vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch
nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir -- ich lag im Bett,
während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte
ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm
auf ~Tre Re~. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“
Jenny schwieg.
„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft.
Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“
„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen,
der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen,
die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“
„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach
und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“
„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht.
Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen.
Ich wagte es aber deinetwegen nicht -- ich wollte mich nicht der Gefahr
aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“
„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du
sehr gut.“ Franziska war gekränkt.
„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen
hatte zum Tee?“
„Nach der Geschichte mit dem Modell -- danke ergebenst!“
„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“
„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich
sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“
„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny.
„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war
ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele
Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen.
Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es
nicht, meinte er.“
„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen
Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du richtig
überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es +Menschen+
sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf die du Rücksicht
nehmen +mußt+. Du +würdest+ auch Rücksicht nehmen, wenn du nur
nachdächtest. Du +willst+ ja doch nur lieb und gut sein.“
„~Per bacco.~ Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber einen
Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für mich an
der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig.
„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem
schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“
„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht
ihm das sicher Freude.“
„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese
ewigen Geschichten!“
„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter
wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania -- den habe ich ein
für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was
schert es mich aber! Ich lache darüber.“
„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht -- du machst dir ja aus keinem
dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn
nicht begreifen -- daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es
Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast
keinen Instinkt, Kind.“
Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys
frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines
Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin -- ihre Augen füllten sich
mit Tränen.
„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny
erhob sich. „Aus Berlin -- von Borghild. -- Willst du dich nicht erst
fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst
die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“
Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen.
„Wir könnten ja auch Marietta rufen -- aber wir machen es lieber
selbst, nicht wahr Jenny?“
„Also -- sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche.
Es ist sicher schon sehr weit.“
Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu
Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf
sie zu.
„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin
-- Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen
Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie
wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen.
Jenny rührte sich nicht.
„Nun -- du wußtest ja, daß sie verlobt waren -- schon seit einem Jahre.“
„Ja.“
Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die
Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte
an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte
ihn zwischen den Fingern.
„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie
schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska
sprang zum Ofen, riß die Tür auf -- und warf den Brief ins Feuer.
Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein
bitterliches Weinen aus.
Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken:
„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“
Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm.
„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in
seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich
mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen -- sich in eine
solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird
-- er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. -- Daß
sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken,
Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll -- ach Gott, ach
Gott, ach Gott.“
Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an
sie:
„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest.
Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte
ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht,
mich dazu zu entschließen. -- Mitunter wollte er, daß wir heiraten
sollten -- ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht.
Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, daß
wir uns heiraten +müßten+! Und das wollte ich auch nicht. Sie glaubten
ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir gleichgültig. Ich
wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um seinetwillen. Doch
daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das -- ich war gleichgültig.
Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er würde mich hinterher
nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt gehen, verdammtes
Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, das Ganze sei
nur Berechnung gewesen. Du Eiszapfen, sagte er. Aber, bei Gott, du
verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich keiner sei.
Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so brutal war. Er
schlug mich oft -- riß mir beinahe die Kleider vom Körper; ich mußte
kratzen und beißen, um loszukommen -- heulen und weinen.“
„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.
„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich
hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich
wischte auf und machte das Bett -- Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen
hatte.“
Jenny schüttelte den Kopf.
„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine
Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas -- aber ich wollte gar keine
Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel
gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht
sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei.
Aber darin irrte sie. +Mich+ liebte er -- auf seine Weise. Er +hatte+
mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild war so erzürnt,
weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung versetzte. Ach,
das habe ich dir niemals erzählt.“
Sie richtete sich auf und lachte leise.
„Ja, siehst du, er +brauchte+ Geld. Hundert Kronen. Ich versprach ihm,
er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. Papa
wagte ich nicht um einen Oere zu bitten -- ich hatte schon allzuviel
verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte -- meine Uhr und ein
goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen ganz alten, du
weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren Platte. Borghild
war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn sie war doch die
älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn
haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also eines Morgens hin,
gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein peinlicher Augenblick.
Aber ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu Hans. Er fragte,
auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte es ihm. Dafür
küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein und das Geld,
Pussel‘ -- so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides -- ich glaubte
ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das dürfe er
nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere Weise
in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich saß
bei ihm oben und wartete -- oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, er
brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es wieder
versetzen -- ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt nichts
würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, was er
brauchte. Dann kam er zurück -- weißt du, was er getan hatte“ -- sie
lachte unter Tränen -- „es in der Volksbank eingelöst und bei einem
Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.
Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du.
Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er
spielte -- spielte -- du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und
heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte -- und für mich
allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du -- dann würdest du
alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften
auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als
ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. -- Du siehst aus
wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal
enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.
Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht
ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel,
auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe -- es gibt,
weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War
es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er
hatte Achtung vor mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer
gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte,
ich hätte die Kraft -- ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine
Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen
wäre; er war so brutal -- und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte,
er sollte aufhören mich zu erschrecken -- dann hätte ich es gekonnt.
Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb
brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun
sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“
Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.
„Hast du mich lieb, Jenny?“
„Das weißt du ja -- Cesca, Liebes du!“
„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin
auch. Ich werde auf mich achten -- du kannst dir doch denken -- ich
will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens -- vielleicht heirate ich ihn.
Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich.
Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder
bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten
dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du -- über
allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den
spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist
ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie
vornehm und ruhig und wie echt -- diese plastischen Figuren.“
Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar -- es war an den
Seiten feucht geworden von ihren Tränen.
„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen
Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny -- ich
bin ja so totmüde.“
„Du weißt ja, was der Arzt sagt -- alles nur Nervosität. Wenn du nur
vernünftig sein wolltest.“
„Ja -- das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst -- ich
hätte keinen Instinkt -- nicht so, wie du meinst. Aber auf andere
Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr
wohl. Aber ich ging umher und lauerte -- ich +fühlte+, daß etwas
Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“
Jenny küßte sie wieder.
„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das
wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur
Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich
katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde
das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht
verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen
-- nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren;
das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum
Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und
kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es
wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien
so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich
werden können. ... Ach, Jenny -- wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich
da drinnen Frieden bekäme -- nicht so wirr und eingeschüchtert wäre
innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören.
Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde
... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von
meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben
jetzt. Aber das soll ein Ende haben -- wenn Ihr alle mich nur liebhaben
wollt. Besonders du. -- Wir wollen diesen Gram zu uns einladen -- wenn
ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut
zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu
uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf
stehen, um ihm eine Freude zu machen. Hörst du, Jenny -- bist du nun
zufrieden mit mir?“
„Ja, Cesca.“
„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.
„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir.
Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt -- erinnerst du dich, was er
in Paris sagte, über deine Energie -- dein Talent? Fein und persönlich,
sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“
„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. -- Er war aber
doch böse über die Sache mit Douglas.“
„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“
Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.
„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie
gelingen -- dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier
aufs Sofa gelegt -- mindestens.“
Jenny lachte.
„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte
dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen -- ich mag ihn gut
leiden.“
„~Dio mio!~ Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine
Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder
bist du vielleicht in ihn verliebt?“
Jenny lachte wieder:
„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein
wenig vorsichtig bist.“
„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber
es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann
böse auf mich.“ Sie seufzte.
Es kam jemand die Treppe herauf.
„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen
kühlen.“
Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür
zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter
sich ins Schloß.
„Du bist ~allright~, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens immer,
verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen Vormittag
gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine bezeichnende
Bewegung gegen Cescas Zimmer.
„Schlecht. Armes kleines Wesen.“
„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege
hierher. Darf ich sehen -- bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal,
die ist fein, Jenny --.“
Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.
„Fein, du. Dies hier -- das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ...
Liegt sie jetzt wieder und weint?“
„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester
schrieb es ihr.“
„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl
immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu
verabreichen.“