Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den
norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam
Franziska.
Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und
reichte ihm lächelnd die Hand:
„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von
Ihnen -- wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am
Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf
einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“
„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so
teuer --.“
„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens
drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht
billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber
freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns
heraufgekommen -- Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas
anzusehen.“
„Vielen Dank -- aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht
behelligen!“
„Behelligen -- aber Gram. Doch wie geht es Ihnen -- haben Sie Bekannte
getroffen?“
„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit
niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen
wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte.
Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von
Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen
auf der Via Appia.“
„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“
Helge lächelte etwas verlegen.
„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so
umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann --.“
„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie
haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir
sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde
Ihre ~maestra~ sein. Furchtbar streng!“
„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann
-- höchstens unfreiwillig.“
„Still. -- Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische
alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei -- ach
sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße
nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten,
dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“
Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem
leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:
„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen
waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“
„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“
„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam
Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“
„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst --
ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie
anzureden, lockte zu sehr.“
„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können -- so ein kleines
Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank,
wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen
-- und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich
unleidlich.“
„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“
„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten -- alle außer mir arbeiten. Wie
geht es mit Ihrer Arbeit -- gut? -- Haben Sie nicht Freude daran? Ich
sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich
glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln
soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist
ganz wie eine Mutter zu mir. ~Mia cara mammina.~“
„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“
„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer
Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so
begabt und energisch. Und schön -- finden Sie sie nicht entzückend? Sie
sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges
Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken --. Wir sind schon da,“
sagte sie dann.
Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf
man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie
werden es ja sehen, wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch
einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen
auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig
verdorben.“
Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende
Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei
Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den
Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen,
und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen
grünen Büschen.
Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in
den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen
gab:
„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt,
so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet
vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für ~servizio~. Das ist
billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen
einziehen, wenn Sie wollen!“ --
„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude
macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe.
„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“
„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“
„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in
Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in
der Holbergstraße -- ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das
Bett gestellt -- getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen.
Manchmal guckte ich nach ihnen -- sie standen da und sahen aus wie zwei
weiße zottige Lämmchen.“
„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“
Franziska lachte plötzlich laut auf:
„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre ~moglie~ -- daß wir
beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute
übrigens ein bißchen drauf herum. ~Cugina~ -- das gilt sicher gleich
wenig überall auf der Welt!“
Sie lachten beide einen Augenblick darüber.
„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich.
„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort
gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der
Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“
„Können Sie auch noch -- Sie sind doch nicht wohl?“
„Es tut mir gerade gut, zu laufen -- bitte geh’, sagt Gunnar immer --
ich meine Heggen.“
Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich
zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg
längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den
grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über
des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den
immergrünen Bäumen.
Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:
„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging
hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern.
Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um
mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene
Schuld, und das war es vielleicht auch.“
„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine
strenge Mama zu sein?“
„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“
-- sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“
Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt.
Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem
Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er
Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte -- sie
hatte so selbstsichere hellgraue Augen -- und solch fürchterlichen
Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen
könne.
Und er sagte:
„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart
durchdrungen ist?“
„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie -- sie wollte immer schon
malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das
sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer
sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule
traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes -- etwas Gepanzertes, sagt
Gunnar, -- über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte
sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter
ist zum zweiten Male Witwe -- sie heißt jetzt Berner -- drei kleine
Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine
Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete
und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit
Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte
besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam
in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist
es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“
Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:
„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich
mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse
ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit
mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder
gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen
nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu
beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am
besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“
Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“
und „ich hatte einen Freund, der zu sagen pflegte“. Wie jung und
vertrauensvoll sie doch war.
„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“
meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, -- so verschieden wie
Sie sind, -- selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine
verschiedene Bedeutung.“
Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über
die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen
Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das
geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der
welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und
kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.
„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und
Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach
einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht
sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in
dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem
Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“
„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.
„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen
sitzen.“
Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter
allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art
Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen
Ulmen. Vor dem Garten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der
Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.
Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters.
Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte
schwarz angelaufen waren.
„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und frieren den ganzen
Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts
anhaben können.“
Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die
ganze Zeit in der Hand.
Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit
Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:
„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“
„Mit Vergnügen, -- wenn Sie es vertragen?“
„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es
auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich
wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“
Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.
„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören
Sie?“
„Nein, nein.“ Er lachte.
„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte
so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber,
sie tun es nicht, -- sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann
verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in
jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde
auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt
man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise -- aber es
stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man
geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe
immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? -- Denken Sie, Gunnar stammt
aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach
Kristiania -- eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich,
weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun
Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich
eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann
und weiß, hat er sich selbst angeeignet. Er muß immer studieren,
alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen
lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so
gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch
Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es
sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen -- ich
bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir.
Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. -- Können Sie
mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich
kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.
Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind -- es
fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei Jahren
-- ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn ja von
früher her. Ich war also dort und malte Bilder -- furchtbar ordentlich,
aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr gut, kannte
aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder hineinbringen,
aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, wie ich mich
dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. Zeigte ihm meine
Sachen. Er konnte viel weniger als ich -- ich meine technisch. Er
ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt hatte, das
beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. Dieses
wundersame ~clairobscur~ -- alle Farben liegen so tief, sind aber doch
leuchtend stark. -- Natürlich waren die Bilder nicht gut. Aber etwas
war in ihnen, wie ich es haben wollte -- ich konnte sehen, daß +ich+
sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes Mädel, das ein bißchen
gelernt hatte --. Verstehen Sie mich? Ich habe ein Motiv hier draußen
gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir gehen einmal da herunter.
Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern -- ganz schmal. An einer
Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit Eisengittern. An jeder
Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein paar Federzeichnungen
gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen schwebt eine schwere,
tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher Luft und ein blinkender
Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit drinnen sind nur leise
angedeutet --. Es sollte so ein gewisses Pathos haben, wissen Sie --.“
Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter
dem Hut.
„Nicht wahr, finden Sie nicht -- ich muß wieder gesund werden, um zu
arbeiten --.“
„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja -- Liebste --.“
Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte
er leise:
„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“
„-- Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will
allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie
tief aufatmete.
Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß
und klein auf dem Tische vor ihm lag.
„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.
Sie saßen einen Augenblick schweigend.
„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“
Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf
dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen
Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht.
Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle
-- eine nach der anderen.