Der Romandichter stößt auf Probleme, sobald er in die Tiefe gräbt.
Die Heimatskunst, die naturalistische Betrachtungsweise vertiefen
sich, wenn sie an den Problemen nicht vorübergehen. Freilich -- dazu
gehören Gedanken. Wir wünschen und fordern vom Gros der deutschen
Romanschreiber vor allem dies: Mehr Gedanken! Mehr große Gedanken
hinein in den deutschen Roman!
Dekadence. Symbolismus. Tendenzroman.
Die Hauptlinien in der Entwicklung des modernen deutschen Romans sind
durchmustert. Nur die Hauptlinien; obschon es leicht gewesen wäre, mit
größerer Bequemlichkeit und strengerer Präzision viel zahlreichere
kleine Ordnungen zu bilden. Aber es schien für eine gedrängte
Darstellung wichtiger, bestimmte entscheidende Linien zu verfolgen,
als alles Einzelne zu nüancieren.
Aber wenn unsere Skizzen wirklich bis an die Gegenwart heranreichen
wollen, so müssen einige Richtungen der modernsten Erzählerkunst noch
kurz besprochen werden, die etwa im letzten Jahrzehnt viel Redens von
sich gemacht haben.
Es gibt seit langem eine Strömung in der deutschen Prosaliteratur,
welche ihren Schöpfungen vor allem, sogar mit einer gewissen
Ausschließlichkeit Gegenstände von dekadentem Charakter gibt. Mit
dem Naturalismus selbst hat diese Strömung keineswegs notwendige
Verbindung; ja der Naturalismus, der das Interesse auf Umgebung,
soziale Verhältnisse, Abhängigkeit des Individuums von äußeren
Einflüssen lenkte, hat zum Teil geradezu gegen diese Strömung
angekämpft. Das hindert freilich nicht, daß zwischen dem outrierten,
auf die Spitze getriebenen Naturalismus, den wir schon bei Johannes
~Schlaf~ fanden, und der neuesten Phase dieser Verfallsdichtung
mancherlei Beziehungen bestehen. Man läßt das Milieu beiseit; die
~Seele~ soll ihr Recht haben. Aber nicht die Seele im alten,
guten Sinne des Wortes, -- sagen wir: die gesunde Seele, sondern
die überreizte, übernervöse, auf die feinsten Einflüsse reagierende
Seele, die Seele, in der alles Empfindung ist, alles Individualität,
-- sagen wir: die kranke Seele. Es hat gewiß manchen dieser Dichter
ein ernstes und großes Streben beseelt; geißeln wollte er, was er
sah und was er schilderte. Freilich, nicht von allen gilt das. Es
scheint manch einer sehr gern in dem Sumpfe zu plätschern, in den er
seine Leser hineinschauen läßt. Denn schließlich bildet der Sumpf den
Inhalt dieser Romane und Novellen. Das Abnorme, das Verkommene, das
ungesund Erotische wird geschildert. Und selbst die Form entspricht
dem Verfallscharakter des Inhalts: keine Ruhe mehr und keine Tiefe;
es geht von Skizze zu Skizze. Pointen müssen sich jagen. Vieles muß
der Leser erraten. Ein paar Striche machen ein Bild. Nur nicht breit,
nur nicht langweilig; am besten überhaupt nur Skizzen mit recht kurzen
Sätzen -- mit grellen Lichtern -- mit Witz und Satire. Viel Geist,
viel Witz, viel Satire. Aber alles Kaviar, gar keine nahrhafte,
gesunde Kost!
Fürchten Sie nicht, daß ich zu tief in dieses Gebiet des Verfalls
hinabsteige! Aber ein wenig genauer muß ich es charakterisieren, um
mein Urteil zu begründen. Ich wähle zunächst eine Sammlung von Heinz
~Tovote~, welche den Titel führt: »Ich. Nervöse Novellen«. Sie
erschien 1892 und erlebte 1900 die 12. Auflage. Es sind durchgehends
Geschichten äußerst nervös beanlagter Naturen, alle ganz kurz,
allerhöchstes einmal eine dreißig Seiten lang. Was für Sujets in
diesem Band! Da erzählt einer die phantastischen Gedanken einer
schlaflosen Nacht, in der er beständig auf die draußen fallenden
Regentropfen hören muß. Wir müssen sie mithören und mitzählen: Tipp
.. 1 .. 2 .. 3 .. 4 .. 5 .. tipp 1 .... und so weiter. Und wir müssen
alle seine unklaren Gedanken mitdenken (denn er erzählt selbst, daß er
zu keinem klaren Gedanken kam!), bis er endlich, endlich einschläft.
-- Da ist ein andrer, der leidet an dem immer wieder plötzlich
auftauchenden unsinnigen Gedanken, daß er unter lauter Toten weile. Im
Manöver packt ihn die Vorstellung, auf Wache des Nachts, -- und sonst
in allen möglichen Situationen. Bis er endlich davon geheilt wird --
dadurch, daß eine in momentaner unsinniger Angst totgeglaubte Person
-- zu schnarchen anfängt. Und dazu dann allerhand Situationen aus dem
Liebesleben, alles sonderbare, abnorme Situationen. Nichts Frisches!
nichts Gesundes! Nervöse Novellen! --
Oder ein Buch wie ~Bierbaums~ »~Stilpe~«. Ein frühreifer,
witziger und begabter Mensch verkommt durch völlige Zügellosigkeit. Er
wird endlich Komiker in einem Café chantant und führt dort eine Szene
auf, mit der er das Publikum begeistert: er imitiert den Selbstmord.
Den Kopf in der Schlinge, nickt er immer wieder zum Dank für den
brausenden Beifall. Der Schluß besteht darin, daß er den Scherz zum
Ernst werden läßt. Abscheulich! Ganz abscheulich! Was diesem Schlusse
vorangeht, ist aber nicht viel besser: -- wüste Szenen, tollgewordener
Humor, Lumperei und Laster, vermischt mit Satire und Komik. Verfall!
Sumpf! Bierbaum gibt sich zuweilen bei dieser Schilderung das Ansehen
des Moralisten. Und wahrlich -- das Ende dieses Lebens ~muß~
moralisch wirken. Aber trotzdem ist das Ganze zu toll, um ernst
genommen werden zu können.
Weiteres sei hier nicht genannt. Es ist ~nicht~ die Pflicht
eines jeden, sich durch diese Wüste durchzuarbeiten. Die Dichtkunst
liegt in Nervenzuckungen. Wer sieht das gern mit an? Nur daß man
leider wissen muß, daß diese Zuckungen ansteckend gewirkt haben ....
Ganze Zeitschriften pflegen das Genre dieser Art Skizze. Sie tragen
den Ruhm, modern zu sein, ja zu den modernsten zu gehören. Aber man
kann mit seiner Zeit mitgehen, ohne ihre Unarten und Frechheiten
mitzumachen!
Neben diese nervöse Verfallsliteratur tritt nun noch diejenige des
gleichfalls modernen ~Symbolismus~. Eigentlich nicht ~neben~
sie; großenteils wirkt der Symbolismus auf dem Hintergrund dieser
modern-nervösen Skizzenliteratur. Sein Wesen bedingt das allerdings
nicht. Was ist Symbolismus? Die Kunst, Symbole zu schaffen und
durch Symbole zu wirken. Es ist eine Art Gleichniskunst; nur daß
das Gleichnis hier -- je nach den Umständen -- bis zum Umfang
einer ganzen, völlig ausgeführten Handlung anwachsen kann. Solcher
Symbolismus findet sich, wie bereits erwähnt, schon in Roseggers
»Gottsucher«. Die Vorgänge im Trawieser Tal, die dort beschrieben
sind, bleiben zwar aufs engste mit der Wirklichkeit verwoben; alle
jene Ereignisse, welche schließlich zur Ermordung des Pfarrers führen,
sind realistisch gedacht und gezeichnet; sie sind auch durchaus
möglich und wahr. Auch im zweiten Teil wird die Verbindung mit dem
Geschichtlich-Denkbaren durchaus aufrechterhalten. Dennoch zeigt sich
hier deutlicher der überwiegend symbolische Charakter der Handlung,
der in der durch den Schreiner Wahnfred eingeführten Feueranbetung und
in der Sühne des Frevels durch Vernichtung alles Lebendigen seinen
Gipfel erreicht. -- In der Verbindung mit ausgeprägtem Naturalismus
tritt der Symbolismus auf in dem gleichfalls schon besprochenen Werk
Kretzers »~Das Gesicht Christi~«. Christus erscheint! »In der
Dämmerung des Abends, die geheimnisvoll die Fäden des Nachtschleiers
zu spinnen begann, wand sich die Erscheinung unhörbar durch die Menge,
sichtbar nur denen, die in dieser Welt des absterbenden Glaubens
den Hunger der Seele über den des Leibes stellten.« So sehen ihn
die Kinder des Arbeiters Andorf, scheu und ängstlich, in den großen
weitaufgerissenen Augen jenes starrselige Entsetzen, das der Anblick
eines süßen Wunders hervorzaubert. So sieht ihn Andorf selbst, mitten
in seiner Not, in der Not, die so groß ist, daß er nicht einmal seinen
Kindern satt zu essen geben kann. Mitten auf der Straße sieht er ihn:
»Siehst du ihn nicht, wie er durch die Menge schreitet? Sein Gesicht
und sein Haar leuchten, er trägt ein schneeweißes Gewand und alle
weichen ihm aus.« Er sieht ihn im Rahmen der Tür der vollgepreßten,
dunsterfüllten Kneipe: -- »er durchleuchtet die Luft mit seinem
Haupte. Seine großen Augen sind fest auf dich gerichtet«. Er sieht die
Erscheinung, wie er im ärmlichen Zimmer am Totenlager seines Kindes
gewacht hat. Die Leute auf der Straße sehen sie, wie er seines Kindes
Sarg zum Friedhof fährt .... Es sehen sie auch der Konsistorialrat
und sein Küster, wie sie mit Andorf über die Kosten der Beerdigung
verhandeln. Es sieht sie der Fabrikbesitzer, wie er eine seiner
Arbeiterinnen brutal zur Sünde verführen will ... Was soll diese
Christuserscheinung, die dem Armen wie dem Reichen begegnet? Soll
sie nicht die Wirksamkeit symbolisieren, welche die Religion trotz
allem und allem übt? Übt in der ärmsten, elendesten Arbeiterseele als
Mittel des Trostes und der Hoffnung? Übt in dem Herzen des Harten und
Grausamen, übt in dem Bewußtsein des frechsten Frevlers in der Stunde,
da er den größten Frevel begehen will? Das soll sie darstellen, wie
Christus die Welt begleitet als das Gewissen der Gesellschaft, die
sein Wort im Munde führt, ohne es zu üben.
Man kann sehr darüber streiten, inwieweit die Verschmelzung von
Naturalismus und Symbolismus in diesem Werk geglückt ist. Ich finde
nicht nur den Naturalismus in der Verführungsszene allzu kraß, sondern
auch den Symbolismus der Christusvision allzu stark aufgetragen,
allzu theatralisch. Aber das Eine ist gewiß: ~diese~ Art von
Symbolismus, am rechten Objekt in rechtem Maß angewandt, gehört
durchaus zu den wirksamen Darstellungsmitteln.
Zur symbolistischen Richtung wird von manchen auch ein Werk wie
~Wilhelm Bölsches~ »~Die Mittagsgöttin~, Roman aus dem
Geisteskampfe der Gegenwart«, gerechnet (1891 erschienen).
Es handelt sich in ihm vornehmlich um den Spiritismus. Ein von
der Naturwissenschaft gänzlich erfüllter junger Journalist wird
in spiritistische Kreise hineingezogen. Erst wirkt er bei der
Entlarvung eines betrügerischen Mediums mit; dann wird er durch
eine Erscheinung des »zweiten Gesichts« selbst bekehrt und weilt im
Spreewald im Schlosse eines spiritistischen Grafen, wie dieser von der
prädominierenden Kraft des Mediums Lilly Jackson, mit dem sie ihre
Sitzungen abhalten, fest überzeugt. Endlich stellt sich allerdings
heraus, daß auch dies Medium betrogen hat. Der zum Spiritismus
Bekehrte ist wieder geheilt. -- Der Gang der Erzählung ist keineswegs
besonders kunstvoll; Reiz geben ihr eigentlich nur die spiritistischen
Sitzungen -- und das ist Nervenreiz. Aber die Form der Darstellung
wie insbesondere der Schilderungen des Spreewalds ragen weit über
das Durchschnittliche hinaus. Trotzdem gibt die Handlung selbst
dem Buche den tieferen Wert, wennschon nicht durch die Widerlegung
des Spiritismus. »Die Helden dieser wunderlichen Geschichte« --
so schreibt der Verfasser selbst im Vorwort zur zweiten Auflage
1901 -- »suchen mit einem ungeheuren Aufwand ein Geheimnisvolles
~hinter~ den Dingen. Aber sie erfahren dabei etwas von dem
Los des alten Bibelhelden, der auf der Suche nach Eselinnen eine
Königskrone fand. Sie stoßen auf die viel wunderbareren, viel
geheimnisreicheren Imponderabilien in den Dingen, -- auf die Wunder
sinkender, steigender, sich entwickelnder Menschenseelen, auf die
unergründlich tiefen Geheimnisse, die in jedem Schicksal eines
Menschen überhaupt liegen.« So ist das Buch ein Feldzug in solche
schlichten Seelenprobleme hinein, die immer wieder das größte aller
Wunder enthalten. So ist jede Einzelgestalt desselben ein Symbol für
menschliches Ringen nach Durchdringung all der Dunkelheiten; so ist
die Geschichte im ganzen ein Zeugnis dafür, daß dieses Ringen und
Sehnen in unserer Zeit lebendig ist, daß der Geist des Philistertums,
das nur banale Alltäglichkeit sieht, wo das ewig neu Rätselschwangere
herrscht, auch den tieferen Geistern des jungen Deutschlands von heute
verhaßt ist. Es geht wie in der wendischen Sage von Pschipolniza,
der Mittagsgöttin. Wenn um die Mittagsstunde die glühend heiße Sonne
brennt, naht sich dem habgierigen Bauern eine weiße Gestalt, ein
wundersames Weib mit tiefblauem Kornblumenkranz, eine goldene Sichel
in der Hand: Pschipolniza, die Göttin der Mittagsstille. Sie legt ihm
Fragen über sein Werk vor, und wenn er nicht antworten kann, haucht
sie ihn an, daß er krank wird, oder würgt ihn zu Tode. Wir mühen uns
alle, mit der sengenden Zenithsonne auf dem Scheitel, im wahren Mittag
der Menschheit. Da naht uns die Wissenschaft als verschleiertes Bild
und stellt die Frage nach Leben und Tod. Freilich -- wie dann weiter?
Ist sie in Wahrheit ein grausames Gespenst, das dem Ermattenden,
Lechzenden den Hals umdreht, statt ihn zu erquicken? Oder wird sie,
wenn man die rechte Antwort gibt, zur schönen, sanften Flurgöttin, die
unsere Arbeit segnet? Die Meinung ist jedenfalls die: wer sich abmüht
im Ringen nach falscher Erkenntnis, um die Gespenster verborgener
Überwelt, dem bringt sein Mühen lastendes Leid. Wer aber die lebendig
wandelnden Gespenster ergründen will, die Gespenster der Not, der
Unterdrückung, der moralischen Finsternis, der ist auf dem rechten Weg.
Auf einzelnes -- Vorzüge wie Schwächen des Werks -- einzugehen,
ist hier nicht der Ort. Und ebensowenig ist es möglich, die
Gesamterscheinung des Symbolismus an dieser Stelle bis in ihre
Einzelverzweigungen zu verfolgen. Der Symbolismus hat ja sein
eigentlichstes Wirkungsgebiet auch keineswegs in der Prosaerzählung
gesucht; sein gefeiertster Vertreter Richard Dehmel steht diesem
Gebiet fern. Die lyrische und dramatische Dichtung, erstere noch viel
stärker als letztere, wissen ganz anders von seinem Einflusse zu
zeugen. Auch die Einflüsse, welche diese ganze Richtung mitgeschaffen
haben, stehen außerhalb des Gebiets der erzählenden Dichtung; muß man
doch Nietzsche besonders in seinem »Also sprach Zarathustra« und neben
ihm Ibsen in seinen Dramen als diejenigen bezeichnen, von welchen
die Symbolisten am meisten gelernt haben. Es fragt sich, ob man das
Urteil, welches gefällt worden ist, voll unterschreiben muß, -- daß
nämlich der Symbolismus auf dem Gebiet der erzählenden Literatur
durchweg nur ungünstig wirken ~konnte~. Aber das steht doch ganz
fest, daß die scharfe Wirklichkeitserfassung, wie sie dem Roman eigen
sein muß, die Aufgabe, ein Weltbild zu zeichnen, eine Verwendung des
Symbolismus im Roman auf ein sehr bescheidenes Maß zurückführen muß.
Und ohne die rein symbolistischen erzählenden Stücke, von welchen
das gilt, hier näher aufzählen zu wollen, darf man auch das andere
hinzufügen: viele von ihnen machen einen unklaren, völlig undeutlichen
Eindruck und fallen aus der Aufgabe des Romans stärker heraus, als es
die Schöpfungen von Novalis und Eichendorff taten.
Die Überwindung des Naturalismus wurde schon Anfang der neunziger
Jahre des 19. Jahrhunderts als vollzogen verkündigt. Für unser Gebiet
ist er vom Symbolismus ~nicht~ überwunden. Er blüht nach wie
vor, freilich vorwiegend in jenem feiner nüancierten, stimmungsmäßig
psychologischen, eigentlich impressionistischen Naturalismus seiner
späteren Vertreter. Und viel stärker als der Symbolismus ist die
vorhin knapp skizzierte Richtung geworden, jene kurz als Dekadence
zu bezeichnende Liebhaberei für heikle Themata, für sinnliche
Situationen, für das moderne Leben der Kreise, welche von solider
Arbeit wie gesunder Lebensführung gleich weit entfernt sind.
So ist die Lage überhaupt nicht aufzufassen, als ob nun ~eine~
Richtung jederzeit für die vorhergehende geradezu die Ablösung
bedeutete. Naturalismus, Dekadence, Symbolismus bestehen
nebeneinander, miteinander, ineinander. Und außerdem zählen wir
zahlreiche neuere Werke, die ganz andere Typen vertreten. Nicht eine
spezifisch neue Erscheinung, aber doch auch in der Neuzeit reichlich
angebaut ist der sensationelle ~Tendenzroman~. Wir haben aus
jüngster Zeit -- freilich schon aus dem zwanzigsten Jahrhundert
-- zwei charakteristische Stücke dieser Gattung erhalten. Den
Tendenzroman auf der niedrigsten Stufe stellt ~Bilses~ »~Aus
einer kleinen Garnison~« dar. Man mag sagen, was man will, über
ideale Absichten des Verfassers; ich will es alles glauben. Man kann
getrost annehmen, daß ihm der Beweis völlig geglückt ist, daß in
einer kleinen Garnison die Verhältnisse genau so gelegen haben, wie
sein Roman sie zeichnet. Dennoch bleibt der Unterschied zwischen
einem Roman, der allerhand anfechtbare Persönlichkeiten so zeichnet,
daß jeder mit Fingern auf sie weist, und zwischen einem ausgeführten
Pamphlet verzweifelt gering. Die Mittel der Zeichnung, welche Bilse
gewählt hat, beweisen entweder, daß er unmittelbar bestimmte Menschen
hat angreifen wollen, oder daß ihm die Kunst zu einer im höheren Sinne
typischen Darstellung völlig gefehlt hat.
Höher steht ~Beyerleins~ »~Jena oder Sedan?~«. Allerdings
hat auch dies Buch, als ein Stück Weltbild betrachtet, ganz erhebliche
Schwächen. Die Hauptschwäche besteht darin, daß es sensationelle
Ereignisse in einer Weise häuft, welche von der Wirklichkeit weit
abliegt. Es ist für den Leser geradezu beängstigend, daß fast keine
der vorkommenden Personen, für welche sein Interesse wachgerufen
wird, heil und ganz aus der Militärzeit herauskommt. Die Vorliebe,
mit welcher Beyerlein die traurige Wendung im letzten Augenblick,
kurz vor der endgültigen Rückkehr in den Zivilstand oder kurz vor
Eintreten eines wünschenswerten Ereignisses, herbeiführt, ist beinahe
stereotypiert. Der eine stirbt, der andere kommt auf Festung und wird
beim Fluchtversuch erschossen, der dritte vergißt sich, entflieht
aber, der vierte wird eingesperrt und durchlebt eine furchtbare
Haftzeit -- und so geht es weiter. Auch von diesem Ungeschick ganz
abgesehen, ist der Roman keine Glanzleistung. Die eine Grundidee, um
derer willen er geschrieben ist, die zu starke Betonung überflüssigen
Drills in der Armee ist fast lediglich gesprächsweise ausgeführt. Die
hierher gehörigen Partien bilden eine Art militärtechnischen Aufsatz
in Gesprächsform; für die Handlung selbst sind sie Ballast, nichts
als Ballast. Aber anderseits verfügt der Verfasser über eine nicht
unbeträchtliche realistische Begabung, die anzuerkennen ist, wennschon
seine Zeichnung manchmal über das Ziel hinausschießt.
Die hier eben genannten Romane repräsentieren einen Typus, der für
unsere Zeit sicher charakteristisch ist. Ein Fortschritt für die
erzählende Literatur ist von hier aus freilich nicht zu erwarten.
Und so muß es für uns ein Gegenstand aufrichtiger Freude sein, daß
wir heutzutage nicht allein auf diese Schöpfungen angewiesen sind.
Denn auch alle die früherhin angeführten Richtungen haben in der
letzten Zeit ihre Geltungskraft behalten. Der historische Roman
ist allerdings zurückgetreten, immerhin darf z. B. ~Sperls~
»~Die Söhne des Herrn Budiwoi~« mit Ehren genannt werden. Die
Schöpfungen der Heimatskunst wurden schon erwähnt; aber es muß hier
ausdrücklich erwähnt werden, daß diese Richtung, die den Realismus,
ja den Naturalismus in gesunden Grenzen sich zu nutze macht, dabei
jede Übertreibung meidet und dem Leser das Gefühl kernig frischen
Volkstums vermittelt, keineswegs zu den überholten gehört. Sie ist
das eigentliche Gegenbild zur verlebten Art eines ~Tovote~,
~Bierbaum~, ~Schlaf~. Sie hat Mark in den Knochen, festen
Boden unter den Füßen, sie saugt Nahrung aus der Scholle. Gerade
von dieser Richtung her können wir noch manches Gute erhoffen. Auch
~Frenssen~, der augenblicklich noch nicht durch eine andere Größe
abgelöst ist, hat hier die Wurzeln seiner Kraft. Ihm aber danken
wir, wie früher gezeigt, zugleich, daß auch die gesunde Psychologie
und die ruhig wägende Lebensweisheit sich wieder einen Platz im
Roman errungen haben. Frenssen zeichnet die Landnatur derb und
ungekünstelt. Damit repräsentiert er gegenüber den verlebten Gestalten
der Berliner Dirnenromane oder den impressionistischen Skizzen aus
der Bohême geradezu die Gesundheit gegenüber der Krankheit. Er ist
aber auch nicht Bloß-Naturalist; er weist dem suchenden Geschlecht den
richtigen Weg. Die Stellung auch zu diesem Roman ist recht verschieden
je nach der Stellung zu Frenssens Weltanschauung. Aber so gewiß
diejenigen, welche Gottfried ~Kellers~ oder Paul ~Heyses~
Weltanschauung gar nicht teilen, diesen ein gerechtes Urteil widmen
müssen, so gewiß kann auch Frenssen verlangen, daß die Gegner seiner
Weltanschauung doch den literarischen Wert seiner Romane unbefangen
beurteilen. In dieser Hinsicht ist auf zwei Seiten gesündigt worden.
Den einen ist er zu christlich; und weil das Christentum ihnen das
rote Tuch ist, bei dessen Anblick sie die ruhige Fassung verlieren,
so vermögen sie der feinen Kunst des Dichters nicht mehr gerecht zu
werden. Den anderen aber -- und leider gehörten dazu manche frühere
Berufsgenossen des Dichters -- war er nicht christlich genug, weil sie
von ihm, dem Pastor, meinten eine ausgeführte Dogmatik verlangen zu
müssen. Die Urteile über »Jörn Uhl« von diesen beiden extremen Seiten
her sind ja aber glücklicherweise völlig aufgewogen worden durch
die Aufnahme des Buchs im großen Publikum. Gewiß ist es keineswegs
hundertundfünfzig Mal so viel wert als manch anderes Buch, das nicht
hundertundfünfzig, sondern nur eine Auflage erlebt hat. Aber es bleibt
eins der erfreulichsten Unterpfänder dafür, daß frische, kraftvoll
gesunde Dichtung mit nüchtern realistischer Grundlage, aber mit tief
idealistischem Sinn auch heut noch bei den deutschen Dichtern nicht
ausgestorben ist und beim deutschen Volk nicht in Mißkredit gekommen
ist.