Auf die Gefahr hin, ungerecht gegen andere Romane zu werden, die

ich nicht nennen kann, möchte ich doch noch einen aus der Zahl der

modernsten nennen: Thomas ~Manns~ »~Buddenbrooks~«. Und

zwar geschieht das aus einem ganz bestimmten Grund. Der Roman ist der

schlagende Beweis dafür, daß der Naturalismus sich nicht entfernt

überwunden fühlt, daß wir im Gegenteil vielleicht noch viel von

ihm zu erwarten haben. »Buddenbrooks« bedeuten eine detaillierte,

bis ins Einzelne peinlich genaue Schilderung des Lebens einer

großen lübeckischen Kaufmannsfamilie durch mehrere Generationen

im neunzehnten Jahrhundert hindurch. Mit diesem Hauptgegenstande

sind minder ausführliche, aber immer noch sehr gründliche

Beschreibungen angrenzender Verhältnisse verbunden. Neben der einen

Großkaufmannsfamilie stehen andere, -- und jede von besonderem Schlag.

Neben den Kaufmannsfamilien stehen die anderen Honoratiorenfamilien,

-- allerdings fast nur solche. Nicht die Handlung ist es, die dem

Roman Bedeutung gibt; immerhin ist sie im ganzen wirksam aufgebaut,

wennschon man wegen des Schlusses mit dem Dichter rechten kann und

wennschon manche übermäßige Breite etwas mühsam überwunden werden

muß. Aber, wie gesagt, nicht die Handlung ist das Bedeutsame, sondern

die Art der Milieuschilderung. Die »Buddenbrooks« sind vielleicht

~dasjenige deutsche Romanwerk, welches am nachhaltigsten durch

Emil Zola beeinflußt ist~. Thomas Mann läßt nichts außer Ansatz:

keine Geste, keine noch so kleine Gewohnheit, keine der kleinen

charakteristischen Redewendungen, wie sie jeder Mensch sich angewöhnt,

-- desgleichen nicht die scheinbar äußerlichen Umstände, die doch

so wesentlich sind: die Art, sich zu kleiden, sich Haus und Zimmer

einzurichten, sich mit dem Geldpunkt abzufinden, und tausend andere

Dinge mehr. Die Beschreibung ist viel genauer, viel detaillierter als

z. B. bei Kretzer. Sie kann ebenso unerbittlich sein wie die Zolas

in der Zeichnung auch abschreckender Bilder: erinnert sei nur an die

Sterbeszene der alten Konsulin Buddenbrook und an den Abschnitt,

welcher den Typhus behandelt. Doch wühlt Thomas Mann längst nicht so

emsig in den dunkelsten Gebieten des Menschenlebens wie Zola; jene

abschreckenden Bilder sind im Verhältnis zum Ganzen selten. Dafür

fehlt ihm aber auch jene absolut nüchterne Wahrheitsruhe, die Zola

hat; er neigt viel mehr zur Karikatur, zur beißenden Satire. Endlich

-- um noch einen Unterschied hervorzuheben -- ist Thomas Mann ein

minder pathetischer, weniger deklamatorischer Beschreiber, als Zola

besonders in manchen seiner letzten Werke gewesen ist. Wie man aber

auch im einzelnen das Verhältnis dieses Romans zu Zola beurteile, --

in jedem Fall ist die Methode der Kleinmalerei in ~dieser~ Art

für den deutschen Roman trotz Kretzer und Fontane noch nicht endgültig

ausgebeutet. Kretzer geht trotz allem mehr ins Große; und Fontanes

Plauderton sticht von dem naturalistischen Ernst dieses Buches

erheblich ab. Man kann dreist vermuten, daß die Anwendung der gleichen

Methode auf andere Lebensverhältnisse nicht auf sich warten lassen

wird. Nun ist solcher Roman gewiß nicht das volle Ideal eines Romans;

aber den Wert eines treffend gemalten Weltbilds besitzt er gewiß. Er

steht darum auch seinerseits hoch über den nervösen und verlebten

Skizzen der sogenannten »Moderne«.

Rückblick.

Aber es ist an der Zeit, daß wir den Überblick über die mannigfach

gestaltete Gegenwartssituation auf dem Gebiet des Romans abbrechen.

Nur Einiges, nur Bedeutenderes ist erwähnt worden. Nur das, was für

die Skizzierung der Gesamtentwicklung von Bedeutung zu sein schien.

Von Goethe sind wir ausgegangen. Er muß uns als der Schöpfer des

modernen deutschen Romans gelten. Ich erinnere kurz an die drei

Gesichtspunkte, nach denen diese Bedeutung Goethes skizziert wurde:

die psychologische Tiefe, die Art, wie seine Romane zum Zeitbild

werden, und die engste Verbindung von Handlung und Gedanke, in alledem

aber die unbestrittene Kraft der Wirklichkeitserfassung. Wie hat

Goethe mit dieser seiner Kunst gewirkt?

Wenn man von der Romantik absieht, so darf man das Urteil wagen,

daß die gesamte Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert

eine Geschichte der Verarbeitung der von Goethe herstammenden

Anregungen gewesen ist. Über dieser gesamten Geschichte steht das

Wort »Wirklichkeit« geschrieben. Wie war noch bei Wieland der

beste Roman nichts als eine äußerliche Verkleidung moralischer

Gedanken! Das ist nun anders geworden, fast mit einem Schlage

anders. Vorüber die sentimentale Schwärmerei, vorüber die Zeit der

moralischen Erzählung ohne eigenen Wert des Erzählten! Der Roman

sieht die Welt, wie sie ist, und zeichnet die Welt, wie sie ist.

Anfänglich ist ihm freilich die Wirklichkeitszeichnung noch nicht

das letzte Ziel. Vielmehr gliedert man sie ein in die Darlegung

der eigenen Tendenzen. Man will die Ursprünglichkeit der ländlichen

Natur gegenüber städtischer Verbildung schildern -- so Immermann,

so Auerbach; man will am Bestehenden Kritik üben, es zu bessern,

-- so im politisch-religiös-moralischen Gebiet die Zeitromane der

Jungdeutschen, so vom Standpunkt des Volkserziehers ein Jeremias

Gotthelf, -- so in der Weise des erfahrenen und klugen Mannes, der

anderen des eigenen Irrens Früchte auf allen Gebieten menschlichen

Lebens vermitteln will, Gottfried Keller; -- so mit der Absicht,

an der Darstellung der Wirklichkeit die eigenen politischen und

religiös-sittlichen Anschauungen zur Geltung zu bringen, Friedrich

Spielhagen.

Diese erste große Epoche kann man also kurz als die ~Zeit der

Darstellung der Wirklichkeit im Dienste bestimmter Absichten~

bezeichnen. Ihr folgte eine zweite große Periode, in welcher

~die Darstellung der Wirklichkeit selbst, ohne Einmischung von

Nebenzwecken, als letztes Ziel~ galt. Man darf diese Periode gewiß

mit dem Aufblühen des historischen Romans eröffnen. Leichter war es

ja, in der Vergangenheit untendenziös zu bleiben als wenn man mitten

aus der Gegenwart heraus seinen Stoff nahm. Der kulturgeschichtliche

Roman beansprucht in diesem Zusammenhang eine gewichtige Stelle.

Aber nicht der geschichtliche Roman allein suchte die Wirklichkeit

als Wirklichkeit zu schildern. Schon bei Freytags »Soll und Haben«

tritt in der Gegenwartszeichnung die Tendenz in den Hintergrund.

Und dann beginnt diejenige Strömung, welche nichts geben will als

Photographien, die lediglich schildernde Erzählung. Zu ihr kann man

manches von den Werken des sog. Naturalismus rechnen -- wenngleich

auch hier die Kunst, das Wirkliche zu sehen, noch keineswegs zur

Vollkommenheit ausgebildet ist --, zu ihr aber auch vieles, was

weniger naturalistisch als realistisch ist, so z. B. manche Sachen

von Fontane. Diese Strömung ist, wenn schon ihre Überwindung bereits

ziemlich energisch verkündet worden ist, noch keineswegs überwunden.

~Zu dritt~ stelle ich neben diese beiden großen Entwicklungsgänge,

die einander übrigens auch nicht geradezu abgelöst haben, zu einer

Gruppe gesellt, eine Reihe von anderen Erscheinungen. Ihre gemeinsamen

Charakteristika sind: erstens: die Darstellung der Wirklichkeit ist

ihnen nicht Selbstzweck. Darin harmonieren sie mit Gruppe +I+. Aber

anderseits, zweitens, haben sie nicht in dem Grad wie Gruppe +I+

ein enges Verhältnis zu der Zeit, in der sie stehen. Ihnen ist die

Hauptsache Stimmung oder Gedanke; die Wirklichkeit, welche sie darum

doch wahr genug erfassen, ist ihnen lediglich der Stoff zur Entwicklung

von beidem. Wenn nicht das lyrische Moment vorwiegt, so ist es das

Problem, welches sie durchzuführen suchen.

Endlich könnten wir eine ~vierte~ Gruppe bilden aus denjenigen

Erzählungen, welchen gleichfalls (wie der Gruppe +I+) die

Tendenz fehlt, welchen ebenso wie der Gruppe +II+ die

Wirklichkeitsschilderung nicht der oberste Zweck ist, welche aber auch

nicht wie Gruppe +III+ Stimmung oder Problem an dem Stoff der

Wirklichkeit sich entfalten lassen, sondern einfach durch die äußere

Verknüpfung von Ereignissen mit mehr oder minder energischer Benützung

des Psychologischen zu wirken suchen. Hierher gehört auch der normale

Unterhaltungsroman.

Gemessen an der großen Aufgabe des Romans, ein Weltbild zu geben,

haben die Erscheinungen dieser Gruppen nicht alle gleichen Wert. Die

~letzte~ hat jedenfalls den geringsten; denn je mehr sie sich

auf das äußere Geschehen konzentriert, um so mehr verzichtet sie auf

Tiefe des Gedankens, ja Tiefe des Blicks. Sie kann einzelne feine

Bemerkungen ermöglichen; sie kann das Gemüt ein wenig affizieren;

sie kann die Nerven spannen. Aber diese Gruppe mit ihren zahlreichen

Schöpfungen entbehrt des tieferen Gehalts. Was könnte daran zum

Nachdenken anregen? Was unseren Blick für die Zustände der Welt

schärfen? Was unseren Gesichtskreis erweitern? Eins nur kann diese

Art Romane: unterhalten. Im besten Fall ist diese Unterhaltung

anregend, im schlimmsten aufregend. Wer hat nicht einmal eine Stunde,

in welcher er nichts will als eben nur unterhalten werden? Aber es

scheint Menschen zu geben, welche den Roman zu nichts anderem als zum

Unterhaltungsmittel gebrauchen. Ja, ich gestehe, daß in mir schon oft

der furchtbare Verdacht aufgestiegen ist, daß weitaus die meisten

Romanleser ihn so und nicht anders benützen. Da kann es dann kommen,

daß Herr Soundso in die Leihbibliothek schickt und um irgend ein Buch

bitten läßt; -- ~welches~ Buch ihm geschickt wird, ist ihm ganz

gleich. Diese Art Romane sind Schiffen mit ganz geringem Tiefgang zu

vergleichen, Schiffen, die eben darum an jeder Küste anlegen können,

-- aber für die Fahrt aufs hohe Meer sind sie völlig unbrauchbar.

Wer sich selber zum flachen, sandigen Strand machen will, der lasse

diese Schiffe ohne Tiefgang kommen! Der meide die Gedankenanstrengung

bei tieferer Lektüre! Der erkläre nur, daß er Romane nicht liest, um

denken zu müssen! Der genieße die Zeitungsromane von Fortsetzung zu

Fortsetzung! (Übrigens bieten manche Zeitungen, wie besonders die

»Tägliche Rundschau«, meist ~nicht~ derartigen, sondern besseren

Stoff.)

Wie steht es nun aber um die drei anderen Gruppen und um ihr

Verhältnis zur Aufgabe des Romans? Unfraglich entspricht ihr

am klarsten die ~zweite~ Gruppe: Wirklichkeitsbild ohne

Nebenabsichten. Wir freuen uns, daß diese Gruppe im deutschen Roman

des neunzehnten Jahrhunderts so stark vertreten ist. Allerdings ist

gleichzeitig zu bemerken, daß gerade in dieser Gruppe sich die starke

Neigung zu Übertreibungen herausgebildet hat. Wir müssen verlangen,

daß man uns als Wirklichkeit nicht bloß die Welt der Lebemänner, nicht

bloß das Leben mit überreizten Nerven schildert. Wir müssen erwarten,

daß man nicht bloß das Abstoßende und Ungesunde hervorzieht. Die

Welt zu abscheulich zu malen, ist ein genau so großer Fehler wie

der, sie zu licht zu malen. Das neunzehnte Jahrhundert hat hier die

Aufgabe richtig erkannt, auch vielfach richtig angefaßt, aber es hat

hier nicht die Extreme zu vermeiden gewußt. Die Losung »Naturalismus«

mag getrost bleiben! Aber man vergesse nicht, daß »Naturalismus« von

»Natur« herkommt!

Es bleiben die ~erste~ und die ~dritte~ Gruppe. Die erste

kommt der eigentlichen Aufgabe des Romans vielfach ganz nahe. Es

ist, von dieser Aufgabe aus betrachtet, durchaus ~nichts~

gegen die Geltendmachung einer bestimmten ~Tendenz~ gegenüber

der geschilderten Zeit einzuwenden. Warum soll der Dichter nicht

gleichzeitig zeichnen und das Gezeichnete beurteilen? Er verändert

damit seine Aufgabe nicht; er fügt nur noch hinzu, was gleichfalls

wertvoll sein kann: sein Urteil, seine Kritik. Erst dann beginnen

die Schöpfungen dieser Romangruppe minder wertvoll zu werden, wenn

unter der Tendenz die klare Erfassung der Wirklichkeit gelitten hat.

Das ~kann~ auch den Dichtern passieren, die nichts wollen als

die Welt zeichnen, wie sie ist. Ist doch jeder in der Gefahr, die

Dinge allzusehr durch die eigene Brille zu sehen. Aber noch mehr in

dieser Gefahr ist derjenige, welcher nur zeichnet, um seine Ansichten

und Absichten klarzulegen. Solange im Tendenzroman die Zeit, die

Wirklichkeit stärker ist als die Tendenz, so lange steht er auf der

Höhe seiner Aufgabe. Er irrt erst dann ab, wenn die Tendenz stärker

wird als die Wirklichkeit.

Weniger als Gruppe +I+ und +II+ scheint Gruppe +III+ der von uns

festgestellten Aufgabe des Romans zu entsprechen. Wo die lyrische

Stimmung das beherrschende Element ist, kann ein Weltbild in scharfen

Umrissen viel schwerer erwachsen. Dennoch ist es auch hier möglich;

das zeigt besonders die wunderbare Vereinigung klarster Realistik

mit feinster dichterischer Stimmung, welche Rosegger z. B. in den

»Schriften des Waldschulmeisters« bietet. Das zeigt aber auch ein Werk

wie Raabes »Hungerpastor«. Hat man doch dies Buch geradezu unter die

Zahl der Zeitromane einreihen können! Weniger eng ist die Beziehung

zur wirklichen Welt natürlich da, wo die lyrische Stimmung noch

stärker herrschend wird, wie bei Storm oder in Raabes »Chronik der

Sperlingsgasse«. Aber wer wäre so engherzig, diesen Dichtungen darum,

weil sie vom eigentlichen Romancharakter abweichen, das Existenzrecht

abzusprechen? Auch sie geben Wirklichkeit; auch sie zeichnen Menschen,

wie sie sind. Vielleicht nur mit wenigen Strichen, vielleicht mehr

mit Licht und Schatten als in scharfem Umriß, vielleicht nur in

einzelnen Situationen. Aber sie zeichnen sie: die Stimmungswelt ist

auch wirkliche Welt! Wenn der Stimmungsdichter nur Realist bleibt,

dann hat er sein heiliges Recht. Ja, dann ist er eine notwendige

Ergänzung der nüchternen und kühlen Realisten mit ihrer Genauigkeit und

Gründlichkeit. Kann denn nicht manches Mal ein einziger Strich, der dem

Bilde die rechte Stimmung gibt, viel wirksamer sein, als die Ansammlung

von hundert Einzelheiten?

Noch weniger ist zu leugnen, daß der ~Problem~roman innerhalb

der Aufgabe des Romans bleibt. Er will ja Fragen des wirklichen

Lebens aufwerfen und beantworten! Er geht weniger in die Breite

als in die Tiefe, -- in die Tiefe der seelischen Rätsel, in die

Tiefe der gesellschaftlichen Fragen. Gewiß, ihm ist der Stoff nur

Mittel zum Zweck; die Hauptsache ist ihm der Gedanke. Aber so wenig

im Tendenzroman die Tendenz notwendig die Wirklichkeitserfassung

hindern muß, so wenig im Problemroman das Problem. Im Gegenteil:

erst das ist der rechte Problemroman, der seine Fragen ganz aus der

Wirklichkeit herauswachsen läßt. Es gibt manchen Problemroman mit

recht oberflächlichen Problemen; aber das soll uns nicht hindern,

anzuerkennen, daß gerade der Problemroman eine außerordentlich

wertvolle Methode bedeutet, die Weltvorgänge in ihren tiefsten Gründen

anzusehen und darzustellen.

~Das Gesetz der Wirklichkeit regiert also tatsächlich überall im

deutschen Roman des 19. Jahrhunderts, in allen seinen wichtigeren

Erscheinungen.~ Verschiedene Methoden seiner Befolgung sind

eingeschlagen worden; aber das Gesetz selbst ist in Geltung geblieben.

Und gegenüber denjenigen Richtungen, welche dieses Gesetz wissentlich

oder unwissentlich ignorieren, haben wir einfach sein geheiligtes und

anerkanntes Recht geltend zu machen.

Schwieriger ists für unsere Zeit, die Grenzen in der Befolgung

dieses Gesetzes festzulegen und festzuhalten. Die Auswüchse des

Naturalismus wie die Dekadencedichtung übertreiben. Sie bevorzugen

einseitig einige wenige Gebiete der Wirklichkeit; und sie wählen

gerade diejenigen, wo die gesunde Natur sich vergebens suchen läßt.

Ihnen gegenüber fordern wir, daß die Totalität der Wirklichkeit zur

Geltung komme. Wir fordern auch, daß, ohne daß das Vorhandensein von

Krankheitszuständen ignoriert werde, der Standpunkt, von dem aus

geschildert wird, derjenige der Gesundheit sei. Wir erwarten nichts

von dem differenzierten, nervös gewordenen Naturalismus. Aber wir

erwarten alles von einem im gesunden Volksempfinden, in der echten

Natur wurzelnden Realismus.

Ich brauche nicht mehr auszuführen, daß das 19. Jahrhundert auch

in der ~Form~ des Romans uns kräftig vorwärts gebracht

hat. Was Goethes »Wahlverwandtschaften« zuerst versuchten, die

Ineinandersetzung von Gedanke und Handlung -- das ist zwar längst

nicht überall zur Durchführung gekommen, aber es ist leitendes Motiv

geblieben. Man verabscheut mehr und mehr die Darlegung von Gedanken

ohne Handlung, wie noch Gutzkow sie liebte, man empfindet jene

spannenden Handlungsromane ohne Gedanken, so sehr sie noch heute

wuchern, als minderwertig. Man hat in vielen Romanen Spielhagens, dazu

in solchen von Kretzer, in »Frau Sorge« und in anderen Vorbilder in

der formellen Gestaltung. Und ob immer wieder das Erworbene in Frage

gestellt wird, das Ziel ist gesteckt und darf nicht vergessen werden.

Eins aber muß zum Schluß nochmals gesagt werden: es wird alles darauf

ankommen, daß in der deutschen Lesewelt der Sinn für den wertvollen

Roman geweckt und, wo er lebendig ist, gepflegt werde. Jedes Volk

hat schließlich den Roman, den es verdient. Seien wir anspruchsvoll!

Lehnen wir alles ab, was uns nicht fördert, ohne Rücksicht auf Person

und Tendenz! Dann wird des Seichten weniger werden und ~die~

Dichter werden mehr Raum und mehr Mut gewinnen, die in sich die Kraft

fühlen, dem deutschen Volk wirklich etwas zu sagen. Verlangen wir viel

vom Roman, so wird er uns viel geben!

[Illustration]

Register.

(Die ~ausführlich~ besprochenen Werke sind unter dem Autornamen

bei den entsprechenden Seitenzahlen in Klammern besonders aufgeführt.)

Alexis, Wilibald 123 ff. (Roland von Berlin). 126. 127. 129. 134.

Anzengruber, Ludwig 171. 172 ff. (Sternsteinhof). 179.

Arnim, Achim von 51. 121 ff. (Kronenwächter).

Auerbach, Berthold 55. 62 ff. (Schwarzwälder Dorfgeschichten).

76. 225.

Beyerlein, Franz Adam 219 f.

Bierbaum, Otto Julius 213. 220.

Bilse 219.

Björnson 190.

Bölsche, Wilhelm 216 f. (Mittagsgöttin).

Börne, Ludwig 34.

Brentano 35.

Cantz, Elisabeth 78.

Dahn, Felix 139 ff. (Kampf um Rom).

Dehmel, Richard 218.

Ebers, Georg 139. 141. 142.

Ebner-Eschenbach, Marie v. 195 (Gemeindekind). 196 f. (Unsühnbar).

Eckstein, Ernst 142.

Eichendorff, Joseph Frhr. v. 35. 39 ff. (Leben eines Taugenichts).

45. 46. 165. 218.

Eilhart von Oberge 11.

Fischart, Johann 12.

Floris und Blancheflur 6. 11.

Fontane, Theodor 115 ff. 117 ff. (Stechlin). 135. 138. 188. 201.

202 ff. (Effi Briest). 223. 225.

Freiligrath, Ferdinand 75.

Frenssen, Gustav 208 ff. (Jörn Uhl). 210. 221.

Frenzel, Karl 138.

Freytag, Gustav 108 ff. (Soll und Haben). 114. 127. 131 ff.

(Die Ahnen). 144. 155. 189. 225.

Goethe 15. 16 ff. (Werther). 19 ff. (Wilhelm Meister). 24 ff.

(Wahlverwandtschaften). 27 ff. 32. 45. 52. 75. 143. 189. 224. 230.

Gottfried von Straßburg 11.

Gotthelf, Jeremias 55. 58 ff. (Bauernspiegel). 65. 66. 69. 71. 168.

169. 225.

Grimmelshausen 12.

Gutzkow, Karl 76. 77. 78. 79 ff. (Ritter vom Geist). 86. 87. 98.

112. 138. 144. 230.

Hamerling, Robert 142.

Hauenschild, Spiller von 78.

Hauff, Wilhelm 51. 122.

Herwegh 75.

Heyse, Paul 78. 92 ff. (Kinder der Welt). 154. 155. 190. 197 ff.

(Novellen). 221.

Hoffmann, Th. Amadeus 45. 46 ff. (Elixiere des Teufels). 143. 165.

Holz, Arno 183.

Ibsen 190.

Jean Paul 32 ff. 143. 144.

Immermann 55 ff. (Oberhof). 65. 67. 69. 71. 74. 76. 144. 168. 225.

Jordan, Wilhelm 190.

Keller, Gottfried 99 ff. (Grüner Heinrich). 105 ff. (Leute von

Seldwyla). 112. 189. 221. 225.

Kleist, Heinrich v. 35. 48 ff. (Michael Kohlhaas).

Kretzer, Max 175 ff. (Meister Timpe). 178 f. 182. 214 ff.

(Gesicht Christi). 223. 231.

Laube, Heinrich 76. 138.

Ludwig, Otto 55. 69 ff. (Heiterethei). 72.

Mann, Thomas 222 ff. (Buddenbrooks).

Meinhold, Wilhelm 131.

Meyer, Conr. Ferd. 136 ff.

Motte-Fouqué, F. de la 35.

Novalis 32. 35. 36 ff. (Heinrich von Ofterdingen). 45. 46. 51. 53.

165. 218.

Pantenius, Theod. Hermann 115.

Parzival 11.

Polenz, Wilhelm v. 179 ff. (Pfarrer von Breitendorf).

Prutz, Robert 78.

Raabe, Wilhelm 136. 144 ff. (Chronik der Sperlingsgasse). 149 ff.

(Hungerpastor). 155. 161. 162. 165. 229.

Rabelais 12.

Reuter, Fritz 55. 69. 71 ff. (Stromtid). 74. 171.

Riehl, Wilh. 127. 130 f. (Kulturgesch. Novellen). 134.

Robinson Krusoe 13.

Rosegger, Peter 144. 162 ff. (Schriften des Waldschulmeisters).

165. 170. 171. 179. 191 ff. (Gottsucher). 214. 229.

Rousseau 30.

Ruodlieb 10.

Scheffel, J. Viktor v. 127. 128 ff. (Ekkehard). 134.

Schlaf, Johannes 183 ff. (Novellen). 211. 220.

Schlegel, Friedrich v. 32. 35. 42 ff. (Lucinde). 46.

Schleiermacher 43.

Sohnrey, Heinrich 170.

Sperl, August 220.

Spielhagen, Friedrich 78. 79. 85 ff. (Problematische Naturen). 91 ff.

98. 112. 114 f. (Sturmflut). 144. 225. 231.

Stifter, Adalbert 162.

Storm, Theodor 144. 155 ff. (Novellen). 162. 165. 166. 169.

197 ff. 229.

Sudermann, Hermann 205. 206 ff. (Frau Sorge). 208.

Suttner, Bertha v. 190.

Tieck, Ludwig 35. 122.

Tolstoi 168. 190.

Tovote, Heinz 186. 212 f. (Ich). 220.

Tristan und Isolde 6. 11.

Volksbücher 11.

Wickram, Jörg 12.

Widmann, A. 78.

Wieland 13 ff. 27.

Wildenbruch, Ernst v. 203 f.

Zola, Emil 168. 190. 222. 223.

[Illustration

Buch- und Kunstdruckerei von

Hoffmann & Reiber in Görlitz]

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 17 / 17 段