Problem- und Gesellschaftsdichtung! Von den älteren Erzählern

gehört noch einer unbedingt hierher: ~Paul Heyse~ mit seinen

Novellen. Man kann ja versucht sein, ihm den Platz neben dem anderen

großen Novellenerzähler, neben Theodor Storm, anzuweisen. Aber

Stimmungsdichter war Heyse nicht entfernt in dem Maße wie Storm. Beide

zu vergleichen, hat freilich seinen eigenen Reiz. Nehmen Sie den

tiefdunkeln deutschen Himmel aus düsterer Herbsteszeit, dazu die Wogen

der See, die hoch an den Deich schlagen, dazu die Menschen, die dort

wohnen, ein grüblerisches, verschlossenes, aber tiefes Geschlecht --:

das ist Storm, der nordische Dichter. Nehmen Sie dagegen lachenden

Blauhimmel aus dem goldigen Italien, dazu die üppigen Lorbeerbüsche

irgend eines vornehmen Parks einer Villa im römischen Gebirge,

dazu deutsche Künstler oder Gelehrte, die dort zu Gast sind, und

italienische vornehme Herren und Damen -- und Sie haben Paul Heyse.

Nicht als ob diese Skizzierung wörtlich zu nehmen wäre. Storm freilich

blieb als Dichter der Heimat treu; Heyse hat längst nicht ~bloß~

»italienische« Novellen geschrieben, wenn schon doch etwa die Hälfte

von allen dort im Süden ihren Schauplatz hat. Aber auch wo er weitab

von Italien ist, auch wo er in die Landschaft hineinführt, die

den stärksten Gegensatz zur italienischen bildet, in die deutsche

Waldlandschaft, weicht unter seinen Händen der deutsche Zauber, weil

er das tiefinnige deutsche Gemüt nicht mitbringt, das deutsche Land

zu betrachten. Und auch der andere Unterschied besteht zu Recht:

bei Storm schwerblütige deutsche Menschen, bei Heyse heißblütige

Allerweltsmenschen. Bei Storm Männer von alter, guter, fester Art,

selten anderswoher stammend als aus dem ehrenwerten Mittelstand, dem

Hort der alten Art und des treuen Gemüts, -- Frauen und Mädchen, die

zu ihnen passen, treu und stark wie Elke, des Deichgrafen Hauke Haien

kraftvolles Weib, ruhig-ernst und doch opferbereit in herzlicher

Liebe wie die Anna in »Carsten Curator«, alle aber rein und frei und

klar. Bei Heyse dagegen Herren aus den höheren Ständen, Grafen und

andere Edle, Gelehrte und Künstler, jedenfalls gebildete Leute von

feiner Lebensart. Dazu Damen derselben Schichten, der glatten Rede

gewohnt, in der Konversation geübt. Und wie ungern nimmt er solche zu

Heldinnen, deren Leben schlicht und ruhig im alten Gleis geht! Irgend

etwas sucht er an ihnen, was besonderen Reiz hat, was unklar ist und

zu Verwicklungen Anlaß gibt: eine unglückliche Ehe, eine unerwiderte

Leidenschaft, einen erlittenen Verrat oder etwas dergleichen. Und wie

die Menschen, so ihr Reden. Bei Storm ist alles Reden ruhig, einfach,

nur etwa poetisch warm durchhaucht; bei Heyse herrschen der Ton des

Salons, die gesellschaftlichen Formen, die geschliffene Ausdrucksweise

der Menschen, die häufig reden, weil sie nicht so viel zu tun haben

wie andere.

Aber der Unterschied geht noch viel tiefer. Heyse neigt viel mehr

nach dem eigentlichen Problem als Storm. Storm skizziert, läßt Töne

anklingen und nachklingen, weckt Erinnerungen, macht Gefühle lebendig,

zaubert Gestalten, die die Phantasie ergreifen. Wo eine ausgeführtere

Handlung ihn beschäftigt, gibt er sie in großen Zügen, springend

von Markstein zu Markstein. Anders Heyse. Er wählt Situationen, die

etwas Interessantes bieten müssen, und seine Menschen sind für diese

Situationen geschaffen. Manchmal nur für diese Situationen, so daß

man zweifelt, ob sie eigentlich gerade so haben existieren können.

Seine Probleme aber bewegen sich alle um individuelle, manchmal sehr

individuelle Situationen. Das Grundthema der Heyseschen Novellen

bildet das Verhältnis von Mann und Weib: die Liebe. In allen möglichen

Variationen wird sie behandelt: als glückliche und unglückliche

Liebe, als verzichtende und als genießende, als eheliche und als

sündige Liebe. Aber immer, immer in ganz bestimmter Färbung der

Liebe, und zwar in der vorwiegend sinnlichen. So weiß er ästhetisch

die Schönheit zu würdigen: weibliche Schönheit hat in ihm einen

begeisterten Verehrer und genialen Schilderer. Aber er läßt auch die

Mächte aus der ~Tiefe~ heraufsteigen, die doch das Wesen der

Liebe nicht erschöpfen. Er hat dabei nie ein unschönes Wort gesagt,

aber die Atmosphäre wird nicht selten schwül; -- und von dem, was

bei Storm Liebe ist, weiß er wenig. Ich greife -- ganz nach Willkür

-- nur einige dieser Probleme heraus. Ein deutscher Doktor der

Philosophie kommt, er weiß selbst nicht wie, als Gast in das Haus

eines zum Krüppel geschossenen italienischen Grafen. Die Gräfin ist

tief unglücklich an der Seite des Gatten, sie schenkt dem Gast ihre

Liebe und der Gast widmet ihr seine Leidenschaft. Ihn zwingt eilende

Botschaft, heimzukehren; sie will der Herrschaft des Mannes auf

alle Fälle entrinnen. Ein Priesterzögling läßt sie im Stich, statt

sie zu entführen; und so bekennt sie dem Gatten, daß sie mit eben

diesem Zögling sich vergangen. Da erschießt sie der Rasende (Villa

Falkonieri). -- Ein junges Mädchen ist durch die Treulosigkeit eines

Arztes, der ihre Schwester verführt, zur Menschenfeindin geworden.

Da lernt ein junger Baumeister sie kennen und liebt sie. Er rächt

sie an jenem Arzt, will es aber durchaus uneigennützig getan haben

und weist ihre endlich entglommene Liebe zurück. Sie aber hält es

nun für weise, sich ganz vom Leben zurückzuziehen. So gibt sie sich

den Tod (Doris Sengeberg). -- Die dreißigjährige Frau des berühmten

Universitätsprofessors schenkt ihr Herz einem zwanzigjährigen,

dichterisch und musikalisch veranlagten Studenten. Ihren Mann hat sie

nie geliebt, sein Herz gehört in erster Linie der Wissenschaft; ihren

einzigen Sohn hat er ihr genommen, um ihn in einer Erziehungsanstalt

unter männliche Leitung zu bringen. So ist sie für den Zwanzigjährigen

innerlich ganz frei und will sich auch äußerlich für ihn frei machen.

Er aber liebt sein hübsches, junges Wirtstöchterlein. Wie sie das

endlich erfährt, wird auch sie wieder innerlich frei für ihren Mann

und ihr Kind, das ihr jetzt von neuem vertraut wird (Melusine).

Ich breche diese Aufzählung ab. Variationen seines Grundthemas hat

Heyse in reichlicher Zahl gefunden. Manche behaupten: ~er~funden.

Und gewiß: im Verhältnis zur schlichten Wirklichkeit liegt einer der

schwächsten Punkte der Heyseschen Novellistik. Sind nicht manche

dieser Probleme geradezu ausgeklügelt? Oder, wenn man der Liebe die

wunderlichsten Seitensprünge zugut halten will, ist nicht die Art,

wie der Dichter die seelischen Entwicklungen vor sich gehen läßt,

oft genug unnatürlich? Wie rasend schnell geht das Verlieben z. B.

in Melusine und in der Villa Falkonieri, aber auch in vielen anderen

Novellen. Ich will nicht verallgemeinern: aber richtig ist, daß

Unwahrscheinlichkeiten nicht selten sind und daß er eine Vorliebe für

absonderliche Konstellationen betätigt. Und daß mancher Charakter über

der Durchführung der Konstellation zum unverständlichen Rätsel wird,

ist ebenso gewiß.

Trotz alledem dürfen wir diese formschönen, eleganten, glatt

fließenden, abgerundeten Erzählungen um so weniger ungerecht

beurteilen, als auch ihnen eine Art Stimmung eigen ist, welche den

Leser rasch gewinnt. In der Szene in »Melusine«, in welcher der

Studiosus Ludolf der Professorsgattin zuerst vormusiziert, ist

unfraglich Stimmung. Ludolf singt sein hübsches Lied:

Du lispeltest: Ich liebe dich,

Ich liebe dich bis in den Tod! --

Und deiner Wange Glanz erblich

Und deiner Lippe junges Rot ......

Und dann heißt es: »Die Begleitung verklang leise, wie die letzten

Atemzüge einer Sterbenden. Eine Weile war es so still in dem

halbdunklen Zimmer, daß man draußen im Garten die Wipfel rauschen

hörte, die ein heranziehender Gewitterwind schüttelte« ....

Aber trotz dieser Stimmung sind Heyses Novellen keine

Stimmungsnovellen, sondern gesellschaftliche Problemdichtungen. Sie

bilden, wie Adolf Bartels urteilt, »etwa die Ergänzung zu Storms

Stimmungsnovellen, sind plastischer, klarer, ja nüchterner als diese,

dafür aber auch vielseitiger, psychologisch reicher und feiner, kurz

moderner.« Ich möchte hinzufügen: sie reden viel mehr von Liebe, aber

sie sind viel ärmer an Gemüt. In ihnen regiert ~die Kunst~.

Gerade diese Gattung des Romans ist in der nicht eigentlich

naturalistischen Erzählerkunst außerordentlich reich vertreten. Und

so mögen denn hier noch zwei Erzähler genannt werden, die keineswegs

ausschließlich, aber doch auch auf diesem Gebiet Beachtenswertes

geschaffen haben. Von ~Theodor Fontane~ wurde schon gesprochen.

Er ist ein Künstler im Schaffen von Zeitbildern. Fast alle seine

Romane haben etwas von dieser Art. Aber etliche darunter rühren

doch auch ein Problem an und dann immer ein Problem, das im

gesellschaftlichen Leben wurzelt. Ich meine da nicht sein »Quitt«, das

von einer Mordaffäre des Riesengebirges den Ausgang nimmt. Auch dies

Buch ist die Geschichte einer Schuld. Aber indem der Dichter hier die

Schuld auf schauerlichem Verbrechen beruhen läßt, gibt er dem Ganzen

zu grobe Züge und erschwert allzu sehr die Sympathie mit seiner

Hauptperson. Das geht ihm auch sonst ähnlich; aber selten so stark.

Viel feiner ist seine »~Effi Briest~«, ein Buch, das in dem

Grundproblem unverkennbare Ähnlichkeit mit Marie von Ebner-Eschenbachs

»Unsühnbar« zeigt. Allerdings nur in der Problemstellung; sonst

gehen die beiden Schriftsteller weit auseinander. Marie von

Ebner-Eschenbach mit ihren knappen, skizzenhaften Entwicklungen, mit

ihrer vorwärts drängenden, fast jagenden Eile -- und Fontane, der

Meister der Kleinkunst, der so gern still steht und verweilt! Dort

alles Linienführung -- hier alles Mosaikarbeit! Aber darüber gehe

ich hier hinweg; es kommt mir jetzt weniger auf das an, was »Effi

Briest« mit seinen Zeitschilderungen gemein hat, als auf das, was sie

für ~sich~ hat. Ein frisch und fröhlich, vor allem natürlich

aufgewachsenes Mädchen, Tochter einer märkischen Adelsfamilie,

heiratet, noch halb Kind, den erheblich älteren Landrat von Instetten.

In Zeiten, wo ihr Mann sich wenig um sie kümmert, gerät sie infolge

Verführung auf Abwege. Sie selbst bricht mit dem Verführer, dem Major

Crampas; niemand weiß um diese Sache; sie schließt sich von neuem in

nunmehr wandelloser Treue und in wachsender Liebe an ihren Gatten an.

Da kommt -- nach Jahren -- diesem das unglückselige Geheimnis doch

zur Kenntnis; er erschießt im Duell den Nebenbuhler, er verstößt die

Gattin. Und diese verliert zugleich ihr Kind --; das bleibt beim Vater

und ist der Mutter so fremd geworden, daß ein Wiedersehen mit ihr

dieser nur Qual bringt. Sie verliert auch ihr Vaterhaus; aber sie darf

dann doch, dem Tode nahe, in das Heim ihrer Kindheit zurückkehren und

dort sterben.

Fontane hat wohl mit Absicht die Schuld selber ganz ins Dunkel

gerückt. Darin ist er ~nicht~ Naturalist: die Ausmalung solcher

Szenen widerstrebt ihm. Die Folge davon ist nun freilich, daß auch

die Motive der Schuld nicht ins helle Licht treten; Langeweile,

Gefühl des Vernachlässigtseins, Mangel an Befriedigung -- genügt das

wirklich? Genügt es gerade bei einer Effi Briest? Aber wenn das eine

Schwäche des Romans sein mag, schwer wiegt sie nicht, insofern der

Nachdruck ganz auf die Frage fällt: ist es notwendig, diesen Fehltritt

nach Jahren tadellosen Verhaltens so zu sühnen, wie Instetten es

tut? Wem nützt das? Die Frau ist damit aufs schwerste gestraft; ihr

Geschick ist geradezu tragisch. Selten hat der kühle Fontane so

herzenswarme Szenen geschaffen, wie die, in welchen dies Leiden zum

Leser spricht. Da zuckt unter der oberflächlichen Ruhe der verhaltene,

tiefe Schmerz. Eine Lösung des Problems hat Fontane nicht gegeben;

aber er läßt seine Meinung doch deutlich merken. Die Ehrbegriffe

der Gesellschaft zwingen den Gatten, so zu handeln, wie er handelt.

Vernunft und Liebe aber sprechen anders. Freilich, -- wann werden

Vernunft und Liebe das Regiment führen dürfen?

Einen scharfen Gegensatz zu Fontane bildet ~Ernst von

Wildenbruch~. Fontane ist kühl bis ans Herz hinan. Wildenbruch

ist leidenschaftlich durch und durch. Fontane ist Epiker; auch die

Erzählung zeigt bei ihm epische Breite. Wildenbruch ist Dramatiker,

seine Schöpfungen auch auf dem Gebiet der erzählenden Dichtung

sind fast alle auf den dramatischen Effekt hin gearbeitet. Fontane

leitet den Blick des Lesers zu ruhiger Betrachtung: er liebt die

Kleinigkeiten. Wildenbruch bleibt für gewöhnlich bei den großen

Linien, darin der Ebner-Eschenbach viel ähnlicher. Aber während

diese ihre Sprache gelegentlich von der legeren Art der wienerischen

Umgangssprache stark beeinflussen läßt, hat Wildenbruch Erzählungen

geschaffen, in denen die Menschen mit dichterischer Schönheit, mit

wählerischer Feinheit, mit glühender Kraft sprechen. Im übrigen

hat auch er ~tiefere~ Probleme sich nicht gestellt; entweder

er gibt packende Einzelszenen voll Glut und Feuer, oder er greift

ins gesellschaftliche Leben hinein. Jene Szenen hat er gern

der Vergangenheit entnommen; und was für wirksame Bilder schuf

sein »~Claudias Garten~«, sein »~Zauberer Cyprianus~«!

Daneben hat er die gleiche Kunst auch in einem Einzelbild aus

dem Kadettenleben entwickelt: »~Das edle Blut~«. Eine Art

gesellschaftlich-psychologisches Problem aber ist z. B. in dem Roman

»~Eifernde Liebe~« angerührt. Die stolze, unnahbare, vornehme

Hamburger Patriziertochter, die weiße Dorothea, -- die trotz allem

ihr Herz dem einfachen Maler Heinrich Verheißer schenken muß, -- die

unnahbare, die schließlich doch im Liebesrausch sich selbst, Heimat,

Sitte und Herkommen vergißt, die aber dann, als sie zum Erwachen

kommt, nicht anders kann als sich selber den Tod geben, -- sie

bietet die Möglichkeit einer kraftvoll einsetzenden psychologischen

Entwicklung, sie ist eine Art Problem für sich. Freilich, -- das

Problem ist weder neu noch mit besonderer Vertiefung durchgeführt; im

Grunde ists ja nur der alte Satz von der Liebe, die keine Schranken

kennt, der wieder vorgetragen wird; und nur der Schluß zeigt den

Konflikt zwischen Verstand und Liebe. Nein, es sind keine tiefen

Fragen, die Wildenbruch aufwirft; was seine Prosawerke über das

gewöhnliche Durchschnittsniveau erhebt, ist lediglich der große Reiz

der formschönen und wirksam geschürzten Darstellung, die übrigens auf

ein paar naturalistische Zutaten nicht immer verzichtet.

Was soll ich viel von andern »Problemdichtern« sagen? Probleme sind

wohlfeil wie Brombeeren, zahlreich wie der Sand am Meer, -- wenn man

das Wort »Problem« nicht zu ernst nimmt! Wenn man gesellschaftliche

Verwicklungen alltäglicher Art eben als »Probleme« betrachten will!

Wenn man nicht viel Neues verlangt, sondern mit neuen oder wenigstens

neuaufgeputzten Nuancen der alten Themata: Verlieben, Verloben,

Verheiraten, Verheiratetbleiben zufrieden ist. Wer wollte leugnen,

daß auch hier manches durch feinere Charakteristik anspricht, durch

geistvolle Behandlung anregt? Wenn ich keine Namen nenne, so geschieht

es, um nicht ungerecht gegen andere zu werden. Wer aber könnte

anderseits bestreiten, daß sich eine Art von Romanen unendlich breit

macht, die weder tief sind noch geistreich, sondern ganz einfach

platt und flach? Die ihre »Spannung« lediglich ein paar aufregenden

Situationen verdanken? Hierher gehört ein großer Teil der Salonromane.

Ihre Sprache: Konversationssprache, ihr Niveau: Dinerunterhaltung beim

fünften Gang, ihre Handlung komponiert aus Liebe oder Nichtliebe,

Treue oder Untreue, dazwischen eingestreut ein bißchen Krankheit und

Genesung, Duell und Tränen oder ähnliche Zugmittel.

Kein Wort mehr davon! Nein, nicht mit diesem Bild soll dieser Vortrag

schließen. Vielmehr denken wir zuletzt an hoffnungsvolle Anzeichen von

guten Zukunftsentwicklungen. Zwei der Neueren gilts hier zu erwähnen.

Es sind ~Sudermann~ und ~Frenssen~.

Soll man ~Hermann Sudermann~ zu den Naturalisten zählen? Den

Dramatiker -- ja. Auch als Erzähler gibt er manche Szene, die ein

bißchen stark »natürlich« ist; wenigstens »~Es war~« greift

ordentlich auch in die Gebiete des Lebens hinein, die man sonst nicht

gern bespricht. Aber zum Naturalisten vom Fach fehlt ihm doch wieder

die Vertiefung ins Einzelne, die Ruhe fürs Geringe und Einzelne. Er

hat einen Zug ins Konventionelle hinein, der ihn älteren Erzählern

mit realistischer Tendenz, aber ohne neugrabende Tiefe an die Seite

stellt. Er hat entschieden Ähnlichkeit nicht bloß mit dem Franzosen

Dumas, sondern auch mit dem Deutschen Spielhagen. Nur hat er die

Salonmanieren mancher späteren Spielhagenschen Werke nicht angenommen;

und der Tendenzcharakter der früheren ist bei ihm stark verblaßt. Ob

man ihn zu den Problemdichtern gesellen kann? »Es war« behandelt ein

gesellschaftliches Problem: eine Schuld ragt aus der Vergangenheit

in die Gegenwart hinein. Leo von Sellenthin hat im Duell einen

Freund erschossen, mit dessen Frau er sich vergangen. Während er nun

in der Ferne weilt, um über die Geschichte Gras wachsen zu lassen,

hat sein nächster und treuster Freund die Witwe geheiratet. Als Leo

zurückkommt, fallen von jener Schuld her schwere Schatten auf das

Verhältnis der Freunde. Der Roman schildert die Konflikte, welche sich

ergeben, mit packender Kraft, mit psychologischer Wahrheit. Ob alles

weitere, auch die Lösung, ebenso wahr gezeichnet ist, ist eine andere

Frage. »Es war« ist wirksam erzählt, schürzt die Knoten geschickt,

ist reich an Sensationen, gibt ein paar ganz gute Gestalten; aber

das Problem, das es anfaßt, ist allzu individuell und zugleich allzu

gesellschaftlich-herkömmlich. Die ganze Art des Romans geht zu wenig

in die Tiefe, als daß man ihn für einen ernsteren Problemroman

ansprechen dürfte. Aber eine andere Würdigung verdient sein

Erstlingswerk »~Frau Sorge~«. Seinetwegen allein gehört Sudermann

an diese Stelle.

Die »Frau Sorge« hebt sich zunächst dadurch aus Sudermanns übrigen

Schöpfungen wie aus vielen ähnlichen heraus, daß ihr ~Stimmung~

innewohnt. Stimmung, lyrische Stimmung! Seinen Eltern widmet er das

Buch:

»Frau Sorge, die graue verschleierte Frau,

Herzliebe Eltern, Ihr kennt sie genau,

Sie ist ja heute vor dreißig Jahren

Mit Euch in die Fremde hinausgefahren,

Da der triefende Novembertag

Schweratmend auf neblicher Heide lag

Und der Wind in den Weidenzweigen

Euch pfiff den Hochzeitsreigen.«

Und die gleiche Stimmung lebt in den Erinnerungen der Kindheit. Wenn

die Mutter erzählte, so -- »war darin von einer grauen Frau die Rede,

welche in allen trüben Stunden die Mutter besucht hatte, eine Frau

mit bleichem, hagerem Gesichte und dunklen verweinten Augen. Sie war

wie ein Schatten gekommen und wie ein Schatten gegangen, hatte die

Hände über der Mutter Haupt gebreitet, ungewiß, ob zum Segen oder zum

Fluche ....«

Diese Stimmung, ja sie durchzieht das ganze Buch bis hin zu dem

abschließenden »Märchen von der Frau Sorge.«

Mit ihr aber eint sich in dem Buch ein Realismus von glücklicherer

Art als in »Es war.« Glücklicher, weil er enger die Verbindung

mit dem Boden wahrt, auf dem Paul Meyhöfer aufwächst, weil er

ein bißchen gründlicher wird in der Lebensschilderung, weil das

Herrenhaus des Reichen wie das klägliche Besitztum des Bankerotten

draußen im Moor zu ihrem Recht kommen, weil in der Erzählung von

Pauls und Elsbeths Konfirmandenunterricht, von der Liebschaft der

leichtsinnigen Schwestern Pauls, von manchem Zusammentreffen der

Nachbarskinder heimische Sitte und heimische Natur mitsprechen dürfen.

Auch das Häßliche bleibt nicht ungeschildert; aber es tritt nicht

aufdringlich hervor. Ein gesunder Realismus beherrscht das Ganze.

Wichtiger freilich noch ist mir die Stellung des Problems selbst.

Es ist keine weltbewegende Frage, die ihre Antwort sucht; aber es

ist auch kein bloßes, gesellschaftliches Dilemma, kein abgegriffener

Konfliktsvorwurf aus dem Liebesleben, der den Grundton gibt. Es

handelt sich um die innere Entwicklung eines jungen Menschen, bei dem

Frau Sorge Pate gestanden hat. Die lastende Sorge macht ihn scheu und

gedrückt; er meint, er könne keinem ins Auge sehen, obwohl er doch

nichts zu verbergen hat. Würde fehlt ihm und Selbstbewußtsein; er

vergab sich den Menschen gegenüber zu viel und zu viel auch gegenüber

sich selber. Es lastet zu viel auf ihm, als daß er jemals hätte frei

aufatmen können, wie der Mensch es muß, wenn er nicht stumpf werden

und verkümmern soll. Bis er dann durch eine Tat, eine wirkliche Tat,

sich freimacht. Für ihn war Frau Sorge reichlich gebeten worden:

»Liebe Frau Sorge, laß ihn doch frei!«

Aber die Sorge lächelte -- und wer sie lächeln sah, der mußte weinen

-- und sie sagte: »Er muß sich selbst befreien.«

Und er befreite sich selbst -- durch jene Tat.

Diese seelische Entwicklung ist ein Problem, das den eigentlich

gesellschaftlichen Fragen gegenüber neu ist, das nicht bloß

episodischen Wert hat, sondern auf dem breiten Grund eines ganzen

Menschenlebens ruht, -- das nicht rein individuell ist, nicht auf

Zufall und nicht auf Schuld beruht, das sogar geradezu als typisch

gelten kann. Das gibt der »Frau Sorge« ihren Wert. Sie hat auch

Schwächen: Unwahrscheinlichkeiten, auch abgebrauchte Situationen

finden sich. Vielleicht ist die Entwicklung des Helden selbst nicht

einwandfrei geschildert. Aber das mag beiseit bleiben. Das Buch gehört

zu den wertvolleren Erzeugnissen der an psychologischen Problemen sich

versuchenden Gesellschaftsdichtung.

Aber, von Sudermann abgesehen, dessen »~Katzensteg~« als eine

sehr geschickte und wirkungsvolle Erzählung ohne tieferen Wert hier

nur eben erwähnt sein mag, bietet auch die Dichtung der Modernen

nicht viel Hervorragendes auf dem Gebiet des Problemromans. Um so

nachdrücklicher muß hier noch eines Romans gedacht werden, der zwar

nicht mehr dem 19. Jahrhundert angehört, der aber ganz in diesen

Zusammenhang gehört: ich meine den vielgelesenen »~Jörn Uhl~« von

~Frenssen~. Es ist nicht ohne Interesse, gerade dies Buch mit

Sudermanns »Frau Sorge« zu vergleichen. »Frau Sorge« zeigt Stimmung,

»Jörn Uhl« desgleichen, aber in viel höherem Grad. Bei Sudermann

bleiben die wirklich stimmungsvollen Abschnitte episodenhaft, »Jörn

Uhl« ist ganz Stimmung, wundervolle Stimmung. Jene Nüchternheit,

die bei Sudermann zuweilen durchbricht, liegt Frenssen völlig

fern. -- »Frau Sorge« ist realistisch durchgearbeitet; »Jörn Uhl«

nicht minder. Aber was jenes Werk vermissen ließ, findet sich hier;

die realistische Zeichnung hebt sich auf breitem, tief erfaßtem

Hintergrund ab. Frenssen ist in ganz anderem Sinn ein Meister der

Heimatskunst als Sudermann selbst in der »Frau Sorge.« Wie lebendig

werden Land und Leute in der friesischen Marsch durch »Jörn Uhl«!

Hier ist Milieuschilderung im besten Sinn. Sudermann gibt dazu

nur eben Ansätze. In der Kunst der äußeren Zusammenfassung, der

geschlossenen Entwicklung der Handlung ist Sudermann stärker; hier

liegt die schwächste Seite des »Jörn Uhl«. Aber auf der anderen Seite

macht Frenssen das wett durch jene prächtigen Einzelgaben, jene

eingestreuten Szenen von märchenhafter Schönheit oder von dramatisch

packender Gewalt: dem hat Sudermann nichts an die Seite zu setzen.

Endlich gilt es eine Vergleichung des leitenden Problems. Beide geben

eine Charakterentwicklung von Kindheit auf; beide führen den Helden

durch schweres Geschick zu innerer Reife. Familienerlebnisse und

heiße Arbeit, dazu die Bewegung des Herzens durch die Liebe bilden

die Hauptstücke der Erziehung bei beiden. Von der bei Frenssen viel

plastischeren Art der Schilderung sehe ich ab; die äußere Handlung

ist bei Sudermann etwas organischer in die Charakterentwicklung

verwoben. Der Brand der Uhl befreit den Jörn, -- durch eigene Tat,

die das väterliche Besitztum in Feuer aufgehen läßt, befreit sich

Paul Meyhöfer. Dennoch läßt sich sehr streiten, ob dieser Vorzug von

Sudermann nicht auf Gefahr der schlichten Natürlichkeit erkauft wird.

Mit dieser Tat begibt er sich aufs sensationelle Gebiet; der Brand

der Uhl aber ist ein Erlebnis, wie es alle Tage passieren kann und

wirklich passiert. Aber wenn wir das ganz dahingestellt sein lassen:

auch in der eindringenden Tiefe und naturwahren Kraft der inneren

Entwicklung des Helden bleibt Jörn Uhl tiefer. Er verarbeitet viel

reichere Einflüsse auf den Knaben, er berücksichtigt nicht ~eine~

Seite seines Wesens, sondern sein ganzes Wesen. Und er verschmäht

es nicht, auch die höchsten Fragen, die das Herz bewegen, in diese

Entwicklung hineinzuarbeiten.

Diese Tiefe der Problembehandlung, die diejenige von »Frau Sorge«

noch übertrifft, hebt den »Jörn Uhl« zugleich hoch empor über

Frenssens Erstlingswerk »~Die Sandgräfin~«, die ganz im

äußerlich Gesellschaftlichen hängen bleibt, aber auch über »~Die

drei Getreuen~«, die bei sonstiger großer Schönheit zwar Ansätze

zu vertiefender Problemstellung zeigen -- die Entwicklung der

drei Getreuen selbst, -- aber die Ansätze verhältnismäßig dürftig

herausarbeiten. Sie läßt uns in »Jörn Uhl« einen Roman schätzen,

der ein gewichtiges Problem in ernster Realistik, aber auch mit

dichterischer Stimmung angreift, -- als ein Werk, das die besten

Traditionen der älteren Schule in neuer Form wieder aufnimmt und

zugleich damit neue Wege weist.

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 15 / 17 段