Er lacht heiser.
Ein leises »Ja!«
Und wieder Schweigen.
Sie erhebt sich und nimmt aus irgend einem Grund den Vorhang zurück.
»Ja! -- hä! -- ich hätte nicht geglaubt, das Nest noch mal zu sehn! --
Aber es ist doch wirklich ein Bann, die -- Heimat ...«
Er hat sie nur immer beobachtet: wie sie sich nun wieder
niedergelassen hat, und -- und wie ihre Brust geht ... Ihre Brust geht
...
Er grinst.
»So ... So eine -- Anwandlung«, reißt er sich jedes Wort los. »Denn
eigentlich ist mir doch alles hier weggestorben ...«
Mit ~dieser~ naturalistischen Methode ist es nun freilich
unmöglich, einen Roman zu schreiben. Allerdings -- der Versuch ist
gemacht worden. Aber was ist dabei herausgekommen? Nicht ein Roman
von wuchtig wirkender Geschlossenheit, sondern eine lange Reihe
phonographisch-photographischer Skizzen. Skizzen! Das ist der beste
Name für die Produkte dieses allzugetreuen Naturalismus.
Aber selbst die Skizzen, die den stolzen Titel »Novellen« führen,
lassen deutlich erkennen, daß ~diese~ Methode über das Ziel
hinaus schießt. Gewiß, die Art der psychologischen Analyse wie
die Art der Wiedergabe der Unterhaltung verträgt eine Reform. Wer
seine Figuren wirklich natürlich malen will, darf sie nicht so
viel schwülstiger, länger und gelehrter reden lassen, als sie im
gewöhnlichen Leben reden. Wie das Drama von den fünffüßigen Jamben
zur einfach-schlichten Ausdrucksweise übergegangen ist, so muß es
auch die Erzählung. Nur -- alles hat seine Grenzen. Eine Pflicht,
alle und jede Zwischenlaute, jedes Räuspern und Spucken, jedes Husten
und Niesen wiederzugeben, besteht nicht. Und wenn wir dem Künstler
tausendmal zugeben, daß auch das Häßliche geschildert werden darf,
-- das einfache Hinschreiben der unbeholfenen Einzellaute, die
ein Mensch, der das rechte Wort nicht findet, ausstößt, ist keine
Kunst. Zudem würde eine unerträgliche Breite die Folge sein, sobald
mehr geschildert werden sollte, als eine besonders packende Szene.
Daher denn diese Naturalisten auch nicht ~alle~ Natur zum
Objekt der Darstellung machen, sondern nur besondere Naturteile des
psychologischen Geschehens, mit Vorliebe auch des Liebeslebens. Sie
zeigen eben damit, daß auch sie nicht einfach nehmen können, was die
Natur gibt. Sie müssen auswählen. Wenn man aber erst einmal zugegeben
hat, daß die Natur künstlerisch betrachtet werden muß, dann ist auch
eine echte und treue, aber künstlerisch geläuterte Wiedergabe der
menschlichen Sprechweise nicht als unnatürlich abzulehnen.
Wir überschauen den Weg, den wir zurückgelegt, um die Entwicklung
noch unter einem andern Gesichtswinkel anzusehen. Welche immense
Veränderung ist allmählich hinsichtlich des ~Stoffgebiets~
eingetreten! Ursprünglich bilden Naturalismus und Heimatkunst eine
anscheinend unlösbare Ehe. ~Natürlich~ -- so scheint es -- kann
man den Menschen nur nehmen, wenn man ihn nicht isoliert, sondern
in allen seinen Zusammenhängen erfaßt. Und der Leser dankt es den
Erzählern, daß sie ihn auch Völker, Länder, Sitten kennen lehren.
Der naturalistische Roman ist zugleich Gesellschaftsroman, ja er ist
ein Stück Zeitroman. Daß nicht bloß die einfach schlichte ländliche
Natur als Objekt der Naturschilderung zu gelten habe, sieht man ja
ein; das städtische Leben, das Leben der Gebildeten, ob auch manchmal
unnatürlich verbildet, ist doch mit Gegenstand einer Darstellung, die
das Tatsächliche beschreiben will. Aber noch bleibt der Zug zum Großen
und Weiten, zum Bedeutenden. Selbst die Elendsbilder Hetzers sind
davon berührt; das Elend der Massen kann heut nicht anders angesehen
werden denn als ein wichtiges Stück sozialen Lebens. Nun aber
kommt eine Wandlung: man wird noch naturgetreuer, aber man erkauft
diese Naturtreue durch Verzicht auf das Großzügige. Wohl erhalten
wir noch Bilder aus dem Leben; aber nicht mehr die bedeutenden
Lebenserscheinungen stehen im Vordergrund, sondern die dekadenten, die
nervösen, die pathologischen, die unsittlichen. Auch die Kreise der
Halbwelt, die ein ~Tovote~ so sehr darzustellen liebt, bilden
einen Ausschnitt aus der Gesellschaft, aus dem Volk. Aber man mag
sagen, was man will: wer sich auf dies Gebiet konzentriert, wer das
individuelle Liebesleben, zumal nach Seiten seiner Entartung hin,
als Stoff bevorzugt, wer in jenen Regionen sich erzählend aufhält,
welche sonst mit Nacht und Grauen bedeckt sind, der mag Nerven
kitzeln, der mag Effekte erringen, der mag sehr naturgetreu sein,
-- aber die Aufgabe des Romans, der Erzählung ist ihm aus den Augen
gekommen. Ein Weltbild soll der Roman geben, ein Bild der wirklichen
Welt. Aber doch eben ~der~ Linien der Weltentwicklung, welche
dieselbe ~leiten~. Und wer nun gar seine Aufgabe als Erzähler
mit derjenigen des Momentphotographen verwechselt, der zeigt, daß er
nicht mehr weiß, was »Welt« bedeutet und was »Leben« heißt. Aus diesem
Grund ist die ~neueste~ Phase des Naturalismus auf dem Gebiet
des Romans -- vom Drama rede ich hier nicht -- eine Entgleisung. Der
Naturalismus hat große Bedeutung; und wir werden von ihm nicht mehr
loskommen. Aber er wird diese Bedeutung nur dann behalten, wenn er
~natürlich~ bleibt und wenn er ~künstlerisch~ bleibt.
[Illustration]
Der Problem- und Gesellschaftsroman.
Der Roman soll ein Weltbild geben, dazu genügt eine einfache
Schilderung, mag sie so ruhig sein wie nur möglich. Solche Schilderung
gibt im Grunde die Volkserzählung wie der Zeitroman und der
historische Roman. Die Stimmungsdichtung schildert, indem sie mit
dichterischem Empfinden Welt und Menschen verklärt. Der Naturalist
schildert mit rücksichtsloser Feder die nackte Wirklichkeit. Aber
brauchen sie nicht alle doch einen Einschlag, der ihre Schilderungen
zu Romanen macht? Es ist der Einschlag der ~Handlung~, der allen
unentbehrlich ist. Man kann ihn auf ein Minimum beschränken, wie z. B.
~Fontane~ in »~Vor dem Sturm~«, auch im »Stechlin«. Fehlen
aber darf er nicht.
Nun kann eine Handlung wieder sehr verschieden aufgebaut sein.
Vor allem bestehen hier zwei Möglichkeiten. Sie kann durch äußere
oder durch innere Spannung wirken. Für die erste Möglichkeit gibt
das einfachste Beispiel der normale Sensationsroman. Der gröbste
Sensationsroman wirkt durch Mord und Totschlag, durch Verbrechen und
Intrigen, durch Gefahren und Errettungen. Der feinere Sensationsroman
hat andere Mittel. Namentlich die Beziehungen der beiden Geschlechter
müssen wieder und wieder herhalten, um die Handlung wirksam zu
gestalten. Der gewöhnliche Liebesroman gehört in diese Gattung. Die
andere Möglichkeit aber besteht darin, daß der Dichter die Handlung
nicht äußerlich, oder wenigstens nicht bloß äußerlich wirken läßt,
sondern innerlich, d. h. durch den ihr innewohnenden ~Gedanken~.
Auch dafür bieten sich der Wege noch gar viele. Aber am nächsten
liegt dann die ~Einarbeitung eines Problems~ in die Handlung. Es
sei daran erinnert, wie ~Goethes~ »~Wahlverwandtschaften~«
gerade in der innerlichsten Verknüpfung von Handlung und
Gedankenproblem vorangegangen sind. Goethe hat darin nicht so bald und
nicht gleich in hoher Vollendung Nachfolger gefunden. Aber gefunden
hat er sie im deutschen Roman.
Ein Roman ist nun keineswegs deshalb wertlos, weil er die Handlung
mehr äußerlich wirken läßt als innerlich. Der beschreibende Zeitroman
z. B., wie Freytags »Soll und Haben«, tut das; aber sein Wert
besteht eben in der Schilderung, für welche die Handlung lediglich
eine anregende Beigabe bietet, die dann ihrerseits keine besondere
Gedankentiefe mehr zu entwickeln braucht. Auch der geschichtliche
Roman begnügt sich in der Regel mit einer mehr in äußerlicher
Entwicklung aufgehenden Handlung, Andere ähnlich. Erst wo der Roman
sich nicht mehr nach Seite der Schilderung oder nach Seite der
reinen psychologischen Entwicklungsgeschichte (wie in ~Kellers~
»~Grünem Heinrich~«) vertieft, entsteht die Notwendigkeit, das
~Schwergewicht~ auf die Problementfaltung zu legen.
Wenn der Roman diesen Weg einschlägt, so eröffnet sich ihm ein weites,
fruchtbares Arbeitsfeld. Tausend Probleme bietet das Leben, tausend
Probleme quälen den Denker. ~Ein großes Problem groß behandeln~,
hineingreifen in die Fragen der Zeit, des Menschenlebens, der
geistigen Entwicklung, der Weltanschauung, der Seelenkunde, -- was
für eine Aufgabe! Sie ist des Schweißes der Edlen wert! Nur leider
-- im deutschen Roman ist ~dieser~ Acker nur dürftig angebaut.
Mir ist es immer wieder wie ein Riesenproblem erschienen, daß gerade
der deutsche Roman, der Roman des Volkes der Dichter und Denker, den
Problemroman im großen Stil so stiefmütterlich behandelt hat. Man kann
ja nicht sagen, daß er ihn vergessen hat. Wir werden nachher sofort
sehen, wie er hier gearbeitet hat. Aber andere Länder sind uns darin
voraus. Emil ~Zola~ war gewiß in erster Linie Beschreiber. Doch
fehlt ihm bei allem Naturalismus die Energie nicht, die Beschreibung
mit großen Gedanken zu durchweben, sie zugleich in den Dienst des
Problems zu stellen. Seine Trilogie Rom, Paris, Lourdes ist nach
dieser Richtung hin von Bedeutung. In Rußland hat ~Tolstoi~
mit seiner »Auferstehung«, so sehr sie den Stempel der Unfertigkeit
trägt, gleichfalls einen großen Wurf getan. Den Stammverwandten
im Norden liegt das Denken und Grübeln außerordentlich; auch ihre
Erzählungen graben in die Tiefe. Was haben sie für Anregungen in der
Problemstellung durch ihre ~Ibsen~ und ~Björnson~!
In unserer Romanliteratur sind die Werke, welche ~große~ Probleme
behandeln, nicht häufig. Große Probleme -- damit meine ich allgemeine,
prinzipielle, typische Probleme. Andere finden sich oft behandelt.
Aber die, welche große, einschneidende Fragen der Zeit behandeln,
nicht bloß schildernd, sondern wirklich eine Lösung versuchend, --
diese sind zu zählen. ~Wir konstatieren an dieser Stelle die größte
Lücke in der Reihe der Schöpfungen des neueren deutschen Romans.~
Wilhelm ~Jordan~ behandelt z. B. in »~Die Sebalds~« ernste,
wichtige Fragen der Weltanschauung, ~Heyses~ »~Merlin~«
hat den Unterschied der idealistischen und der naturalistischen
Richtung zum Thema, Bertha ~von Suttner~ arbeitet in ihrem stark
tendenziösen, aber keineswegs ungeschickten Roman »~Die Waffen
nieder~« für die Liga der Friedensfreunde, andere griffen soziale
Fragen auf, -- aber es ist nirgends wirkliche Tiefe und Kraft der
Problemstellung und der Problemlösung. Entweder geht die Kunst in
der Schilderung auf, -- oder aber der Dichter wird zum Lehrmeister.
Er ist schon fertig, vielleicht allzu fertig mit seinen Fragen. Er
predigt seine Lehre, aber er greift nicht hinein in die ungeheueren
Abgründe der wirklichen, brennenden Fragen, welche mit überwältigender
Wucht die Herzen erfüllen.
Vielleicht gilt letzteres auch von den großen Romanen desjenigen
Dichters, der die tiefsten Probleme am mutigsten angefaßt hat, des
schon mehrfach genannten ~Peter Rosegger~. Er ist nicht bloß ein
Dorfgeschichtenschreiber, nicht bloß ein gemütvoller Stimmungsdichter,
er hat wirkliche Romane im großen Stil uns geschenkt. »~Jakob der
Letzte~« und »~Das ewige Licht~« haben soziale Probleme zum
Inhalt. Allerdings ganz bestimmte, eigentlich begrenzte, aber doch
typische. Beidemale handelt es sich um Waldsiedelungen, die zugrunde
gehen. Dort wird das Gebiet, auf dem Menschen hausen, wieder zu Wald
gemacht; hier dringt die Kultur in die Waldeinsamkeit und zeitigt
schwerwiegende Folgen. Weniger machtvoll ist »~Martin der Mann~«.
Eine der ergreifendsten Schöpfungen des steirischen Dichters haben wir
in »~Der Gottsucher~« vor uns, der das religiöse Problem von der
sittlichen Seite her anfaßt.
»Der Gottsucher« führt in die Vergangenheit. Das Dorf Trawies steht
unter geistlicher Herrschaft. Sein Pfarrer ist zugleich sein Herr.
Die Leute von Trawies sind sonst immer aufs beste mit ihrem Pfarrer
ausgekommen; es waren kirchentreue Katholiken, wie zumal einsame
Bergtäler solche Gemeinden bergen. Da wird ihnen ein neuer Priester
und Herr gesetzt: der nimmts zwar mit den eigenen Pflichten nicht
allzu genau, aber sehr genau mit denen der Pfarrkinder. Noch ist
in Trawies der uralte, von der Heidenzeit überkommene Brauch der
Sonnwendfeier in Übung; der Pfarrer kehrt sich mit härtester Strenge
auch gegen diesen Brauch. Da beschließen die Männer der Gemeinde
seinen Tod. Wahnfred der Schreiner vollstreckt das Urteil. Der Täter
wird nicht gefunden; zur Sühne für den Mord müssen elf Männer ihr
Leben lassen. Über die ganze Gemeinde aber wird Interdikt und Acht
verhängt. Nun beginnt die furchtbare Schilderung dessen, was in dem
Tal, das keinen Gott mehr hat, geschieht. Alles ist aus Rand und
Band. Auf der einen Seite die Not, auf der andern die Willkür ....
Keiner arbeitet, keiner baut etwas an, kein Halm geht auf. Die Alten
haben nichts mehr zu sagen, nur die Jungen und Starken. Sach- und
Weibergemeinschaft führen sie ein; aber eben um deswillen schlagen
sie einander tot. Keiner seiner Habe sicher, keiner seines Lebens
gewiß! Raubanfälle unternehmen sie nach außerhalb, das Eindringen
militärischer Ordnungsstifter hindern sie mit Gewalt. Zu Sünde und
Frevel gesellt sich das Leid. Der Borkenkäfer verwüstet den herrlichen
Wald, das Feuer vollendet sein Zerstörungswerk. Die Pest bricht herein
und hält eine grausige Ernte.
Inzwischen hat Wahnfred, der Mörder, in einsamem Grübeln Gott
gefunden. Zu Gott will er auch die Leute von Trawies führen, da er
ihren Frevel und ihr Elend erkennt. Aber ein Schwärmer ist er selber
geworden: er lehrt sie im Feuer Gott sehen, und sie -- trotz allem in
brennender Sehnsucht nach Gott -- folgen ihm. Aber nur zum Kultus,
nicht zu Selbstbeherrschung und Reinheit. Wie Wahnfred dessen gewiß
ist, baut er einen großen hölzernen Tempel; in den sammeln sich, dem
Feuergott zu Ehren, alle Trawieser. Und wie sie drin eingeschlossen
sind, läßt er den Tempel in Feuer aufgehen. Trawies muß zugrunde
gehen, denn es hat keinen Gott, kein Vorbild und kein Gesetz. --
Was wird aus Menschen, die keinen Gott haben? Die zugleich von aller
Ordnung der Kirche und des Staats verlassen sind? Sie verzehren sich
selbst in der Leidenschaften unbezwinglichem Taumel. Wohl werden
sie aus sich selber heraus wieder Gott suchen. Nicht alle; denn
eine große Menge ist, die wählt ihren Weg durch das Tierreich, durch
Pflanzen und Moder in die Erde hinein. Das sind nicht Gottsucher, sie
verneinen das Ideal, sie suchen das Gegenteil. Aber die anderen suchen
ihn. »Auf allen Straßen und in allen Wüsten, du magst dich gegen
Morgen wenden oder gegen Abend, gegen Mittag oder gegen Mitternacht,
überall wirst du der Gottsucher Spuren entdecken, hier ein Rosenbett,
dort steinerne Tafeln, hier ein Schwert und dort ein Kreuz. Das Rufen
des Derwisch auf der Moschee, das Knarren der Klappern im Wigwam, das
Glockenklingen im Dome, es ist der Kinder des Leides ewiger Notschrei
nach einem göttlichen Retter, es ist die brennende Sehnsucht nach
einer Kraft, die das Tier in uns besiegt, den Geist befreit und uns
die Vollendung gibt.« Nur, soll diese Sehnsucht das rechte Ziel
treffen, so braucht der Mensch ein Vorbild, Gottes Ebenbild im denkbar
vollendetsten Menschen. Trawies hatte kein Vorbild und kein Gesetz. So
mußt' es vergehen.
In die Tiefen der menschlichen Seele, in die heiligsten Fragen,
die Menschheit und Gott verknüpfen, in die ernstesten Probleme der
Erziehung des Menschengeschlechts, der kirchlichen und staatlichen,
der sittlichen und gesetzlichen Ordnung führt Roseggers »Gottsucher«.
Das Schicksal von Trawies, dem gebannten Trawies, ist Symbol,
aber nicht bloß Symbol. Es ist doch so in wüste Vergangenheit
zurückverlegt, so mit dem Geschick jener wilden Zeiten, in denen die
Obrigkeit mit Türkennot genug zu tun hatte, verbunden, daß es der
Wirklichkeit nicht entrückt ist. Eben an dem ~Beispiel~ von
Trawies entwickelt sich mit unaufhaltsamer Notwendigkeit, was kommen
muß, wenn Gott fehlt und den Gottsuchern Vorbild und Gesetz fehlt.
Man kann also im »Gottsucher« ein symbolistisches Werk sehen; und man
hat ganz mit Recht hervorgehoben, daß die deutsche Literatur hier ein
großes Werk eigengewachsener, nicht importierter Symbolistik besitze.
Aber es war gesunde Symbolistik, die auch im äußeren Geschehen die
Gesetze des Wirklichen nicht verließ. Und wenn man mit dem Dichter
rechten kann, ob nicht manches phantastisch werde, ob es nicht zu
stark in mystisches Dunkel gehüllt sei, -- das Buch entfaltet doch
eine wunderbare poetische Kraft. Alle Düsternis, aller Schauer, alles
Grausen, ja alles Unschöne, alle unverhüllt vorgetragene Lehre ist
mit solcher Wucht fortreißender Sprachgewalt dargestellt, mit solcher
Herrlichkeit tiefsten dichterischen Empfindens umwoben, daß mancher
einzelne Mangel darüber getrost vergessen werden kann. Auch hier ist
ja -- wie schon angedeutet -- das Problem nicht eigentlich als Problem
vom Leser mit durchgrübelt; der Dichter trägt klar und zielbewußt die
eigene Lösung selber vor und vermeidet dadurch nicht den Eindruck
des Lehrhaften. Aber das Problem ist doch eben aus dem tatsächlichen
Geschehen heraus entwickelt. Roseggers »Gottsucher« ist und bleibt ein
großer Wurf.
Problemstellungen von dieser Größe aber sind leider selten. Unter
den Neueren finden wir wieder den Mut, wenigstens auf einem Gebiete,
demjenigen der Charakterentwicklung, in die Tiefe und ins Große zu
gehen. Wir kommen auf diese verheißungsvollen Anzeichen einer neuen
Zukunft am Ende dieses Vortrags zurück. Für jetzt verweilt unser Blick
auf den literarischen Prosaschöpfungen der älteren Schule, soweit
sie Problemdichtung sein will. Viel Herrliches zeigt sich da dem
Auge nicht. In der Literatur der letzten Jahrzehnte des neunzehnten
Jahrhunderts bekundet sich eine merkwürdige Neigung, Probleme
zu behandeln, die »gesellschaftlichen« Charakter haben. ~Der
Problemroman wird zum Gesellschaftsroman.~ Nun kann man ja das Wort
»Gesellschaft« sehr tief fassen; »die menschliche Gesellschaft« umfaßt
die größten Probleme. Aber der Durchschnitt der Romanschriftsteller
nimmt das Wort nicht so tief. »Gesellschaft« bedeutet ihnen mehr
das Zusammenleben der oberen Schichten. Und sie behandeln nun die
Konflikte, welche sich hier aus Leidenschaft, Neigung, Sitte, Ehre,
Schuld und Sühne, Liebe und Ehe zusammensetzen.
~Marie von Ebner-Eschenbach~, jedenfalls eine der bedeutendsten
unter den weiblichen Romandichtern, bewegt sich keineswegs nur in
diesem zuletzt gezeichneten Milieu. Ihre Erzählung »Das Gemeindekind«
z. B. greift eine eigentümliche Charakterentwicklung aus den untersten
Schichten einer Dorfgemeinde heraus. Was wird aus jenen unglücklichen
Geschöpfen, die, ihrer Eltern beraubt, der Gemeinde zur Last fallen?
Was wird namentlich dort aus ihnen, wo Waisenrecht und Waisenfürsorge
noch in den primitivsten Anfangsstadien der Entwicklung sich
befinden? Was wird aus ihnen, wenn kein menschenfreundliches Herz
sie aus diesen Verhältnissen herausreißt? Mögen ihrer viele zugrunde
gehen, -- Marie von Ebner-Eschenbach zeigt mit psychologischer
Konsequenz, daß auch eine andere Entwicklung möglich ist. Freilich,
es ist schwer, aus der Tiefe in die Höhe zu kommen! Freilich, es
ist hart, um der Eltern willen Schmach zu leiden, die man nicht
selber verschuldet! Aber möglich ists doch, ~nicht~ zugrunde
zu gehen! Wir nähmen gern noch etwas mehr Detail in der Motivierung
hin -- die intime Verästelung in die feinsten Stimmungen hinein ist
nicht Sache der Ebner-Eschenbach --, aber wir finden die Linien
im großen richtig gezeichnet und das Werden dieses Gemeindekindes
durchaus wahrscheinlich beschrieben. Nirgends fehlen die nötigen
Vermittelungen, nirgends auch die unentbehrlichen Verbindungslinien
nach der umgebenden Welt. Und ganz ähnlich wie hier erstrebt die
Dichterin sonst eine psychologische Vertiefung ihrer Problemlösungen,
-- auch da, wo die Fragestellung und die Fragebeantwortung noch
individueller ist, auch da, wo die »Gesellschaft« im besonderen Sinn
ihr die Stoffe liefert. Greifen wir beispielsweise zu genauerer
Betrachtung noch ihre zweibändige Dichtung »Unsühnbar« heraus!
Schauplatz: Die aristokratische Gesellschaft Österreichs. Sommers
auf den Landschlössern, Winters in Wien. Hintergrund: weder Stadt
noch Land, weder Beruf noch Arbeit in Einzelzeichnung. Allem Detail
ist Marie von Ebner feind. Ihre Menschen sind hier Grand-Seigneurs,
die Besuche machen und empfangen, Gesellschaften geben und besuchen,
und sich im übrigen ein bißchen beschäftigen, wenn sie gerade Lust
dazu haben. Von diesen Menschen aber erzählt sie mit Schneid' und
Verve, ohne ausgeführte Schilderung, ohne irgendwelche Lyrik, meist
sehr knapp. Der Wert ihres »Unsühnbar« liegt nur zum Teil in dieser
flotten Manier, die auch ihre anderen Sachen zeigen, die aber doch
oft etwas Gemachtes hat, weil nicht selten irgend eine Nebensache
dabei ebensolchen Akzent abbekommt, wie die Hauptsache, und weil sie
häufig durch diese Manier den Eindruck des Skizzenhaften, Abgerissenen
erweckt, manchmal auch den des Nachlässigen. Größer ist der Wert
der Problembehandlung. Eine junge Gräfin hat einen sehr wackeren
Grafen geheiratet, nachdem ihr der Vater einen anderen Bewerber, für
den sie fühlte, verleidet hat. Sie wird ein Muster von Gattin und
Schloßherrin, aber in einer schwachen Stunde gelingt es dem Andern,
sie zu betören. Nun lastet die Schuld auf ihr. Das Buch ist die
Geschichte dieses Schuldgefühls. Sie will den Tod suchen, -- aber sie
wagt es nicht um des Kindes willen, das sie erwartet. Sie will sich
durch Wohltätigkeit darüber hinweghelfen, durch gesellschaftliche
Zerstreuung: nichts hilft. Sie sucht die Tröstungen der Religion,
ohne Trost zu finden. Sie verliert in jähem Unfall den Gatten und den
ältesten Sohn. Nur der jüngste bleibt ihr, der Zeuge ihrer Schuld.
Sie gesteht ihr Vergehen, sie weist den Verführer auch jetzt zurück.
Schwere Krankheit rafft sie hin. »Gebüßt, nicht gesühnt -- das hätt'
ich nie gekonnt .... Schwer ist mit solchem Bewußtsein das Leben
.... und schwer der Tod ...« Gewiß, ein ernstes Problem: die Sühne
der Schuld. Auch ist es ernst durchgeführt, -- nur allzu ruckweise,
allzu schematisch. Neben reichen Ansätzen zu vertiefender Erfassung
bleibt viel Unfertiges. Und das Problem ist doch schließlich ein stark
subjektiv aufgebautes: nicht bloß die Schuld ist die Voraussetzung,
sondern auch ein zartes Gewissen ...