Diese wenigen Worte geben natürlich nicht den ganzen Anzengruber.

Gleich ihre Fortsetzung proklamiert den Realistiker als den »Priester

eines Kultus, der nur eine Göttin hat, die Wahrheit,« aber sie spricht

ihm auch das Recht der Stimmung und der Deutung zu: »Er bringt die

Sterbenden aus dem Gelärm des Tages und bettet sie in heiliger Stille,

er flüstert vertraut mit ihnen über alte Erinnerungen, damit sie dem

Sonnenlichte nicht fluchen, zu dem sie einst erwachten, und er deutet

ihnen leise all diese Schauer und Krämpfe als die letzten Anrechte

allen und jeden Schmerzes an sie, damit sie die Nacht nicht fürchten,

in welche sie jetzt eingehen sollen, langsam, mählich, wie die Pulse

verrollen, der Atem stockt, das Herz stille steht ....« Aber es ist

besser, wir machen uns seine naturalistische Heimatkunst praktisch

klar, indem wir eins seiner Werke genauer ansehen. Wählen wir nicht

die »Dorfgänge«, aber noch weniger die minder charakteristischen

Kleinigkeiten wie »Gefabeltes von irgendwo und nirgendwo«, sondern

sein erzählendes Hauptwerk, das neben den Dramen ihn am deutlichsten

charakterisiert, die Dorfgeschichte mit dem Titel »~Der

Sternsteinhof~.«

Es ist die Geschichte eines weiblichen Charakters. Rechtschaffen

sauber ist die Zinzhofer Helen', aber arm, ganz arm. Da hat der

häßliche Kleebinder Muckerl an ihr Gefallen gefunden, und vom Ertrag

seiner Herrgottsschnitzerei hat er ihr schöne Geschenke gemacht.

Sie hälts mit ihm, aber ihre Pläne gehen höher hinaus. Sie weiß

die Aufmerksamkeit des jungen Bauern vom großen Sternsteinhof zu

erwecken und durch geschickte Zurückhaltung ihm ein schriftliches

Eheversprechen abzugewinnen. Bis dann doch die Stunde kommt, da des

reichen Anbeters Zudringlichkeit ihre Zurückhaltung besiegt. Nun hat

sie verspielt; der junge Bauer will sie wohl heiraten, aber der Alte

gibts nicht zu, und sie muß froh sein, daß Muckerl, der Gute, durch

eilige Ehe ihr die Schande erspart. Auch der junge Bauer heiratet

-- ein reiches Mädchen, das von der Geburt des ersten Kindes an

schwer kränkelt. Er träufelt nun Gift in Helenes Herz: sie wollen

noch einmal zusammen gehören, und wenns ein Verbrechen koste. Kein

Verbrechen braucht es dazu; dem Muckerl, der nie stark gewesen,

gibt die Entdeckung, daß sein Weib ihn hintergehe, den Rest; und die

Bäuerin stirbt auch. Helen' erreicht ihr Ziel: sie wird die Herrin vom

Sternsteinhof. Freilich nicht lange an ihres Bauern Seite; der bleibt

im Feldzug. Nun lebt sie ganz für ihre Kinder.

Die Geschichte eines Charakters: denn das ist ihre größte Kraft, daß

sie alle Wandlungen im Wesen der schönen Helen' mit psychologischem

Tiefblick darlegt. Wie sie gern davon hört, daß sie die allersäuberste

wär' im ganzen Landviertel! Wie sie nimmt, was der schieche

Muckerl ihr schenkt, ohne daß doch ihr Herz etwas von Dank wüßte!

Wie sie die Netze auswirft nach dem reichen Bauernsohn! Wie sie

lavieren kann, ums mit keinem zu verderben! Und nachher, welche

ergreifenden Seelenbilder: der Fußfall der Entehrten vor dem alten

Sternsteinhofbauern, bei dem sie sich tief demütigt und doch stolz

bleibt, -- der dankbare Jubel, wie Muckerl ihr auch jetzt noch die

Hand zur Ehe reicht: »da schwingt sie sich flink über das niedere

Gatter, das sie trennt, und nun hing sie an seinem Halse und preßte

die dürstenden Lippen auf die seinen und er taumelte unter ihrer

Last, wie trunken von ihren Liebkosungen.« Dann die Beichte vor der

Trauung mit der Angst, die Absolution nicht zu erhalten, mit dem

Nachklang in ihrem Herzen: »Das war gestern eine Beicht' gewesen! Ei

wohl, eine schwere, harte Beicht'. Gott sei Dank, daß es überstanden

war!« Und weiter jene nächtliche Szene, in welcher die Versuchung,

welche das Wort des Sternsteinhofbauern in die Seele gestreut, in ihr

Leben gewinnt: »Ewig lebt keiner, doch überlang mancher. Was g'schah'

dann? Das find't sich! .... und dann flüsterte, wisperte und raunte

es ihr zu: Tu's -- tu's -- tu's -- es find't sich -- es find't sich!«

Es ließen sich diesen Bildern leicht noch andere anfügen: Helene und

ihre Mutter, die alte goldgierige, vorschubleistende Zinzhoferin;

Helene und der alte Sternsteinhofbauer, der ihr gram bleibt, bis

sie nach dem Tod des jungen Bauern auch ihm wieder gute Tage gibt.

Ein hartes Herz ists, dessen Geschichte beschrieben wird. Schönheit

bringt Gefahr! Nur hoch hinaus! Was tut ihr die Liebe des Häßlichen?

Was nachher die unendliche Treue des Großmütigen? Ihr gilts nur ihr

Ziel. Und schließlich hat sie doch als die reiche Bäuerin die hohe

Achtung der ganzen Gegend. Die anderen, denen sie grauses Herzeleid

angetan, bedauert niemand. »Anders aber, wenn Helene stirbt, nicht nur

ihrem eigenen Kinde wird das Herz schwer werden, auch das fremde wird

ihr heiße Tränen nachweinen, die Armen in der Umgegend und alle Jene,

die gewohnt waren, freundnachbarlich sich Rat und Tat zu erbitten,

wird der Tag bedrücken, an welchem der Tod die Bäuerin hinwegholt vom

Sternsteinhofe.«

Noch manches andere steht im »Sternsteinhof«, was Erwähnung verdiente.

Wie meisterhaft diese Unterredung, in welcher der alte Pfarrer den

jungen Kaplan die Herzen seiner Leute kennen lehrt! Man kann hier und

da die Empfindung haben, aufs Niveau der einfachen Dorfgeschichte

herabzusinken; aber die unerbittliche Klarheit der Seelenanalyse

zeigt immer wieder, daß die Geschichte über demselben steht. Der

Naturalismus ist hier scharfsinnig geworden; er ist nicht mehr bloß

natürlich-naiv. Unangenehme Szenen kürzt Anzengruber wirklich ab;

er wird nie pikant, dazu ist er viel zu ernst. Aber er erspart auch

nichts, vor allem kein Weh' und keine Sünde.

Auf ~ländlichem~ Gebiet haben Anzengrubers Gestalten ihren

Heimatboden. Er gibt selber den Grund dafür an -- in einer

Nachbemerkung zum Sternsteinhof --: »weil der eingeschränkte

Wirkungskreis des ländlichen Lebens die Charaktere weniger in ihrer

Natürlichkeit und Ursprünglichkeit beeinflußt, die Leidenschaften,

rückhaltlos sich äußernd, verständlicher bleiben ....« Andere haben

doch die hiernach noch schwerere Aufgabe gewagt, auch in einen

Mechanismus hineinzusehen, »den ein doppeltes Gehäuse umschließt und

Verschnörkelungen und ein krauses Zifferblatt umgeben.« Sie führen ins

Leben der ~Stadt~ und in die Herzen der Gebildeten. Heimatkunst

üben sie darum auch. Aber ist es nicht so, daß der Städter, daß der

Gebildete minder fest an der heimatlichen Scholle hängt, vor allem

minder nachhaltig durch sie bestimmt wird als der Landmann, der mit

ihr in steter, enger Verbindung bleibt? Man mag getrost auch hier von

Heimatkunst sprechen; aber der Begriff verliert, wo Berliner Straßen

und Schornsteine in Frage kommen, sein Anheimelndes. Um so deutlicher

tritt der Begriff Naturalismus in sein Recht. Nur natürlich: hier kann

nicht mehr von naiver Offenheit die Rede sein, hier handelt es sich

einfach um grundsätzliche Darlegung nackter Wirklichkeit.

Berlin ist es, das den Untergrund hergibt für die Romane ~Max

Kretzers~, der unfraglich von Emil Zola gelernt hat, wenngleich

er ihn nicht erreicht hat, auch wohl im Grad der Entschleierung des

Häßlichen ihn nicht hat erreichen ~wollen~. Nicht überall ist ihm

ein treues Konterfei der Berliner Wirklichkeit gelungen; vieles in

dem Roman »~Die Bergpredigt~« muß man als tendenziös entstellt

schlechthin ablehnen. Damit hat Kretzer sich eben auf ein Gebiet

gewagt, auf welchem objektive, naturgetreue Zeichnung außerordentlich

schwer ist, -- auf das kirchliche Gebiet. Die persönliche Stellung,

persönliche Antipathien insbesondere, sprechen hier auch bei dem

Apostel der Wirklichkeit so stark mit, daß der naturalistische Roman

nicht ganz wenige Züge vom Tendenzroman erhalten hat. Anders im

»~Meister Timpe~«. Damit hat Kretzer einen ganz aktuell-modernen,

nämlich einen sozialen Roman geschaffen. In der Werkstatt in einer

der engen Straßen in Berlin O. regiert Meister Timpe, ein ehrsamer

Drechsler, über zahlreiche Gesellen und Lehrlinge. Wenn Handwerk

für ihn auch nicht gerade goldenen Boden hat, so hat es ihm doch

zu gewissem Wohlstand verholfen. Der Meister hat redlich dazu das

Seine getan; Geschicklichkeit und Findigkeit in der Anfertigung

neuer Modelle haben ihn unterstützt. Aber nun erhebt sich plötzlich

dicht neben seinem Grundstück eine neue Fabrik derselben Branche,

gebaut von Ferdinand Friedrich Urban, dem skrupellosen, gewandten

Geschäftsmann. Es ist ein harter Kampf zwischen Werkstätte und

Fabrik, der nun beginnt. Mit zäher Energie kämpft Meister Timpe um

seine Existenz. Aber die Gegner sind ungleich. Die große Fabrik kann

billiger liefern, weil Einkauf und Verkauf im Großen geschieht; jede

Konjunktur kann Urban geschäftskundig ausnützen; die Modelle des

Handwerksmeisters beutet er skrupellos aus. Meister Timpe muß Kunden

um Kunden sich abwenden sehen, muß Gesellen um Gesellen entlassen.

Sein Erspartes geht drauf; er arbeitet schließlich allein, Stuhlbeine

drechselnd, Woche um Woche. Er, der alle sozialdemokratische Wühlerei

stets mit überlegener Gewißheit von sich gewiesen, gibt nun selbst

einen sozialdemokratischen Wahlzettel ab und predigt in einer

Streikversammlung Aufruhr: »Die Schornsteine müssen gestürzt werden,

denn sie verpesten die Luft .... ~Schleift die Fabriken~ ....

~zerbrecht die Maschinen~!!« Auch sein Haus soll ihm genommen

werden, er selbst soll wegen dieser Hetzrede gerichtlich belangt

werden. Er aber verbarrikadiert sich im Haus und man findet ihn tot.

Fabrik und Handwerk, neue und alte Produktionsweise -- das ist der

eine Gegensatz, welcher machtvoll dies Buch beherrscht. Mit diesem

Gegensatz aber ist in vollendeter Wirkung ein anderer verbunden --

der Gegensatz dreier Generationen. Des Meisters Vater ragt in die

neue Zeit hinein wie eine Ruine aus der guten alten Zeit: »Ja, ja,

das waren noch andere Zeiten .... damals! Das Handwerk hatte einen

goldenen Boden ...« Aber auch sonst vertritt er die alte Zeit, -- die

Zeit, da noch niemand hoch hinaus wollte, auch die Väter mit ihren

Kindern nicht, -- die Zeit, da die Eltern ihren Kindern die Zuchtrute

gaben, um sie zu ordentlichen Menschen zu erziehen .... Die zweite

Generation hat ihren Repräsentanten in Meister Timpe selbst. Er für

seine Person, für sein Haus gehört ganz zur alten Art, -- schlicht,

einfach, solide, gediegen, wie er ist. Sein einziger Luxus -- eine

Weiße in der weitbekannten Kneipe von Vater Jamrath. Aber für seinen

Sohn will er hoch hinaus; der Franz muß Kaufmann werden und nicht

Handwerker. Wenn er nur in die feinen Kreise kommt -- dann läßt der

Vater ihm in unverzeihlicher Schwäche alles durchgehen, alles. -- Die

dritte Generation: -- der Sohn Franz. Er kommt vorwärts, er wird des

reichen Fabrikbesitzers Schwiegersohn und Teilhaber. Aber Vater und

Mutter verrät und verläßt er um dieser neuen Größe willen; kommt des

Meisters geschäftlicher Rückgang auf Rechnung Urbans, so kommt all

sein Herzeleid auf Rechnung des ungeratenen Sohnes. Drei Generationen!

Die Gegenüberstellung wirkt mit wuchtiger Gewalt!

In diesen Gegensätzen liegt die Kraft des Romans. Die brillant

gezeichneten Einzelbilder heben ihn noch: der Streit zwischen Meister

und Geselle um die Sozialdemokratie, die Debatte am Stammtisch

über die neue Entwicklung, die sozialdemokratische Versammlung.

Der Roman wird zum Zeitroman, aber in der derben Ungeschminktheit

seiner Darstellung zum naturalistischen Zeitroman. Vielleicht wirkt

noch nicht alles natürlich, z. B. nicht das rasche Aufsteigen des

hoffnungsvollen Franz, die gar zu skrupellose, ja gewissenlose und

verbrecherische Handlungsweise des ungeratenen Sohns. Vielleicht fehlt

ein Vertreter eines anderen Fabrikantentums, das +in puncto+

Gewissenhaftigkeit und Rechtlichkeit dem alten Handwerksmeister nichts

nachgibt. Vielleicht steckt eben doch auch in diesem Roman noch ein

Stück Tendenz. Aber jedenfalls ist andrerseits der Naturalismus nicht

übertrieben. Kretzer ist nur ausnahmsweis ein Detail-Naturalist,

alles Sinnliche bleibt diesem Roman völlig fern. Berliner soziales

Leben ist mit wesentlich naturwahrer Treue geschildert, und zwar in

so abgerundeter Handlung und derart zugkräftiger Entwicklung, daß die

Form der Darstellung den Inhalt aufs beste zur Geltung bringt.

Kräftiger noch sind die Farben aufgetragen in dem anderen Kretzerschen

Roman »Das Gesicht Christi.« Derselbe hat zum naturalistischen

Grundcharakter einen symbolistischen Einschlag. Davon noch später.

Er hat außerdem einen Beigeschmack des Pikanten, was dem »Meister

Timpe« völlig fehlt. Wenigstens die Verführungsszene zwischen

Fabrikant und Fabrikmädchen ist nicht rein naturalistisch; sie

ist zugleich sinnlich raffiniert. Die eigentliche Schilderung

aber greift hier noch tiefer ins Häßliche hinein; sie beschäftigt

sich mit den untersten Volksschichten, sie malt das Elend einer

unglücklichen Arbeiterfamilie, sie schildert die Schande im Gefolge

dieses Elends so deutlich, daß der Roman nicht bloß ein Beispiel

wird für die rücksichtsloseste Wirklichkeitszeichnung, sondern auch

für die erschreckende, zarter besaitete Gemüter abstoßende Wirkung

derselben. Welche Szene, die Arbeiterwohnung im Berliner Hinterhaus

mit dem Hunger als Gast, mit dem Tod vor der Tür! Welche Tragik: der

Arbeiter mit den hungernden Kindern die Stadt durchirrend, die große,

tosende Stadt, in der des Einzelnen Elend verschwindet! Und dann

seine Heimkehr in die öde Stube, in die der Tod inzwischen seinen

Einzug gehalten hat! Mit wuchtiger Plastik ist auch das Bild aus dem

Kneipenleben gezeichnet: die trinkenden, schimpfenden, streitenden

Proletarier, der junge Arbeiter und sein Mädchen, der Halbverhungerte,

der gierig die Speise verzehrt, die rohen Lieder, der giftige Spott,

-- die Heilssoldatin mitten drin in all dem Toben! »Meister Timpe«

blieb immer beim Mittelstand; wenige Streiflichter nur ließ er auf

die brodelnde Tiefe fallen. »Das Gesicht Christi« führt ganz in die

Tiefen, zum Teil in die tiefsten Tiefen der Sünde und des Elends. Es

nimmt die Wirklichkeit da, wo sie am schrecklichsten ist; es zeigt die

»Natur«, wie sie zur Bestie wird. Hier ist nichts mehr schön, aber

wahr ist alles.

Auf das »Gesicht Christi« komme ich seines symbolistischen Einschlags

wegen später noch einmal zu sprechen.

Für jetzt möchte ich noch mit einigen Worten bei einem anderen

gemäßigt naturalistischen Schriftsteller verweilen, der wieder ein

anderes Milieu zur Darstellung gebracht hat, bei ~Wilhelm von

Polenz~. Auch er wählt ländliche Verhältnisse für die Darstellung,

aber völlig andere als Rosegger und Anzengruber, -- die ländlichen

Verhältnisse Ostelbiens. Seine Romane »~Der Büttnerbauer~« und

»~Der Grabenhäger~« erreichen in Schilderung dieser Menschen und

Gegenden einen hohen Grad von Anschaulichkeit. Er beschränkt sich

übrigens nicht auf die untersten Stufen der menschlichen Gesellschaft;

er versucht gerade auch die gebildeten Kreise zu Gegenständen seiner

Zeichnung zu machen. Am ausschließlichsten geschieht das in dem

»~Pfarrer von Breitendorf~.« Aber -- und darum gehe ich hier

auf dies Buch genauer ein -- es ist entschieden schwerer, gebildete

Schichten naturalistisch abzukonterfeien als einfache Bauern oder

Taglöhner oder Fabrikarbeiter. Hier zeigt sich, wie sehr Anzengruber

mit Betonung dieser größeren Schwierigkeit Recht hatte. Kommt beim

Bauern viel auf Sitte und Brauch an, noch mehr auf alteingewurzelte,

einfache Grundanschauungen, reduzieren sich die ländlichen Konflikte

schließlich immer wieder auf die großen Fragen von Mein und Dein, von

Liebe und Eifersucht, -- so ist der psychologische Apparat bei den

gebildeten Klassen erheblich komplizierter. Die geistigen Fragen,

die Unterschiede des Standes und Berufs, die Weltanschauung, -- das

und noch tausend andere Dinge soll der Dichter berücksichtigen.

Der »Pfarrer von Breitendorf« aber behandelt nun gar einen Stand,

der sicherlich mit am schwersten getreu darzustellen ist, den

Pastorenstand. Wie verschieden sind die Einzelglieder dieses

Sammelbegriffs! Wie verschieden schon ihre äußere Umgebung! Vor

allem aber, wie schwer ists für den Außenstehenden, gerade hier

vorurteilslos naturgetreu zu bleiben! Der Geistliche ist ja den

meisten derart verschmolzen mit der religiösen Anschauung, welche er

vertritt, mit dem kirchlichen Amt, welches er führt, daß ihr Urteil

über seine Person unmittelbar abhängig wird von ihrer Stellung zu der

Sache, die er darstellt. Wer zur Religion kein inneres Verhältnis

hat, wer mit dem Wort Kirche den Begriff unheimlichen Finsterlingtums

verbindet, dem ist oft genug der Pastor das, was dem Stier das rote

Tuch ist. Reichliche Beispiele hierfür geben Spielhagens Romane.

Wilhelm von Polenz hat im »Pfarrer von Breitendorf« gleichfalls stark

unter dieser Schwierigkeit gelitten. Er hat manchen guten Anlauf

zur wahren Schilderung genommen, einzelne Typen sind ausgezeichnet

getroffen. Aber um so verzerrter sind die anderen.

Ein greiser Pastor findet in hohem Grad des Helden Gerland Beifall. Er

hat nichts Geistreiches an sich, seine Ansichten tragen den Stempel

des Altmodischen, er gesteht seine Unbekanntschaft mit allgemein

bekannten theologischen Fragen. Aber er spricht herzlich und schlicht,

er empfindet echte und tiefe Begeisterung für seinen Beruf; er faßt

sein Amt in Wahrheit als das eines Seelenhirten auf; Glauben und

Pflicht decken sich bei ihm in schönster Weise. »Er hatte keinen

Kompromiß zwischen Überzeugung und Lebensklugheit nötig.« Er handelt

auch im weiteren Verlauf der Erzählung ganz nach dieser seiner Art: in

herzlicher, schlichter, liebevoller Einfachheit. -- Die anderen Typen

erfreuen sich nicht des gleichen Beifalls des Helden und des Autors.

Auch nicht desjenigen des Lesers. Als einmal viele Pastoren beisammen

sind, heißt es: »Da war auch nicht ein vergeistigtes Antlitz, nicht

ein Auge, aus dem Begeisterung geblitzt hätte.« Die ganze Reihe hier

vorzuführen, unterlasse ich, um nur einige Bemerkungen noch anzufügen.

Da ist der Diakonus Fröschel, ein unansehnlicher, blasser Mensch,

der eine Brille trägt und sich linkisch verbeugt. »Es lag etwas

frühreifes, vorzeitig gealtertes in diesem runden kleinen Gesicht, das

die kurzen, unausgeprägten Formen eines Kinderkopfes trug.« Natürlich

hat er, als er zum Mittagessen eingeladener Maßen erscheint, einen

abgetragenen Rock an, kurze Beinkleider und plumpe Stiefeln. Dieser

selbe Fröschel ist innerlich völlig mit seinem Berufe zerfallen;

er »zersetzt sich in seiner eigenen Schärfe.« Seine Anschauungen

scheiden ihn völlig von seinem Amt, denn sie scheiden ihn von jedem

Christentum. Trotzdem wagt er nicht, den Beruf aufzugeben, -- aus

Angst vor seiner ihn völlig beherrschenden Mutter. Lieber gibt er sich

schließlich selber den Tod. Da ist endlich Pastor Gerland selber,

mit einer gewissen Begeisterung geschildert, ein Mensch, von dem

wenigstens angedeutet wird, daß er es ernst nimmt mit seinem Beruf;

viel Tatsächliches erfahren wir nicht darüber. Er liebt die noch

ungetaufte Tochter des atheistischen +Dr.+ Haußmann, gewinnt

mit Mühe und viel Selbstverleugnung das Vertrauen dieses Mannes,

gewinnt auch das Herz der Tochter. Sie läßt sich taufen; aber Gerland

quittiert doch sein Amt, -- auch ihm sagt es auf die Dauer nicht

zu. Diese beiden eben kurz umschriebenen Gestalten sind beide sehr

wenig wahrscheinlich. Die Begeisterung Gerlands schlägt ohne irgend

genügende Motivierung in das Gegenteil um; und Fröschel mit der

unglaublichen Angst vor der Mutter ist eine Karikatur, eine einfache

Karikatur. Wer aber selbst diese Typen ernst nehmen wollte, müßte

mindestens zugeben, daß die gesamten Typen einseitig ausgewählt sind;

eine ganze Reihe von anderen fehlt. Dazu kommt, daß dem Dichter auf

diesem Gebiet denn doch allzusehr die Details der geistigen Bewegungen

gefehlt haben, als daß er hätte naturgetreu zeichnen können. Das Buch

will ja naturalistisch sein und ich habe es eben um dieses Anspruchs

willen hier eingereiht. Aber es hat -- in seiner Art -- verzweifelte

Ähnlichkeit etwa mit dem militärisch-naturalistischen Tendenzroman

»Sedan oder Jena?« von Beyerlein. Gewiß, es ist schwer, ~dies~

Gebiet objektiv zu schildern. Sogar den Lesern wird es schwer, nicht

ihrerseits Stellung zu nehmen. In dem Exemplar einer Leihbibliothek

standen bei einem ziemlich absprechend urteilenden Satz zwei sehr

verschiedene Randbemerkungen. Ein Leser hatte geschrieben: »Frech und

unwahr!«, der andere: »Leider zu wahr!« Es ist eben nicht leicht,

Naturalist zu sein.

Über Kretzer und über Schriftsteller wie Polenz hinaus haben

andere den Naturalismus noch naturwahrer wollen arbeiten lassen.

~Zola~ arbeitete sozusagen mit dem Bienenfleiße des Sammlers,

der alles und jedes Material, was zum Verständnis dienen kann,

zusammenträgt. ~Kretzer~ schildert mit gröberen Strichen,

aber auch er schildert vor allem Verhältnisse, Zeiten, -- nur in

den Zeiten und Verhältnissen zeichnet er die Menschen. Mit alledem

ist die naturgetreue Zeichnung doch noch nicht auf dem Gipfel.

Reden denn die Menschen bei ~Zola~ so, wie sie im gewöhnlichen

Leben reden? Sprechen sie nicht noch immer, als ob sie sich ihre

Sätze ausgearbeitet, ausgefeilt und auswendig gelernt hätten? Sie

diskutieren, als ob sie zur Debatte zusammengekommen wären und als ob

der Präsident der Kammer ihnen nacheinander das Wort erteilte. Bei

~Kretzer~ sind sie darin zurückhaltender, maßvoller, natürlicher.

Aber das muß zugegeben werden: ~ganz~ natürlich sind im Reden

auch ~Kretzers~ Menschen noch nicht. Also -- und damit setzt

der konsequenteste Naturalismus ein -- gilt es, zu beobachten, wie

die Menschen sich geben, wie sie sprechen, -- bis ins Kleinste

hinein. Jeder augenblickliche Eindruck muß wiedergegeben werden.

Das Psychologische muß schärfer betont werden. Aber nicht etwa bloß

die großzügige psychologische Motivierung, sondern alle die kleinen

psychischen Wandlungen und Schwankungen, Einfälle und Zufälle,

Reizungen und Wallungen. Man sucht sich nun irgend einen interessanten

Moment heraus, einen Moment mit wechselnden seelischen Eindrücken, und

kinematophotographiert gewissermaßen die Seele in den Augenblicken,

wo diese Eindrücke wirksam werden. Damit geht dann Hand in Hand die

Umgestaltung der Sprechweise. Phonographisch getreu wird jedes Wort,

jede Interjektion, jeder halbe Laut wiedergegeben. ~Arno Holz~

und ~Johannes Schlaf~ haben diesen Naturalismus eingeführt;

die Novellen »Papa Hamlet« (1889 erschienen) sind die erste Probe

desselben. Nicht aus ihnen, aber aus später erschienenen Novellen von

Johannes ~Schlaf~, dem Stück, welches »Leonore« betitelt ist

(erschienen 1899), entnehme ich zwei kleine Proben, die das Gesagte

veranschaulichen werden.

Zunächst ein Beispiel für die Art der Schilderung psychologischer

Vorgänge. Günther kommt in die Wohnung der einst heiß Geliebten, die

aber ein anderer heimgeführt hat, -- ein anderer, der nun längst

gestorben ist. Er wartet nun auf ihr Erscheinen.

»Er kann sich dehnen ... Sieht sich um .... Als wär' er zu Haus ....

Nur ... he! --

Wie? -- Wie denn? -- Und nun quält er sich, sich in eine jener

Erinnerungen hineinzuringen, eine Erinnerung an eine jener so

unsagbar beseligten Stunden und sucht sie mit einer krampfhaften

Energieanstrengnng an die Gegenwart zu fügen.

Aber diese Müdigkeit in ihm. -- Diese verdammte Taubheit! --

Eine Aussprache! Gewiß! Das fühlt er! -- Eine Aussprache. --

Nun, nun! -- Jaja, irgend etwas muß er jetzt reden ... Irgend was ...

Reden, reden, reden! -- Und dann -- gewiß! -- wird alles ins rechte

Gleis kommen. --«

Und dann eine zweite Probe, welche die Art zeigt, in welcher bei

Schlaf die Menschen sprechen:

»Ihr Blick verfolgt den Zeigefinger, der zögernd über den Plüsch

hinstreicht. Es scheint, als wolle sie etwas sagen, aber sie schweigt.«

»Hm! -- Wie viel Jahre -- sind -- es ...«

Er weint in sich vor Ohnmacht.

»Fünf ... fünfzehn Jahre! -- Weiß der Teufel! Schon fünfzehn Jahre!« --

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 13 / 17 段