dichterischer Stimmungsreiz liegt. Aber es ist in ihr längst nicht
soviel Schilderung, nicht soviel beschauliches Ausruhen, nicht soviel
Schwelgen in Empfindung und Gefühl. Wohl grüßt uns traut das alte
Haus an der Twiete, das schmale Wohnzimmer mit dem Alkovenbett,
in dem Vater und Mutter des Hausherrn zum letzten Schlummer
sich niedergelegt, mit der Silhouette von Carstens einfachem,
sittenstrengem Vater. Wohl klingt es wie Jugendlust, wenn von dem
Birnbaum die Rede ist, der die Freude der Nachbarskinder und zugleich
eine Art Familienheiligtum war. Aber solche Stimmungsbilder bleiben
vereinzelt; hier redet das Leben selbst eine deutliche, ernste
Sprache. Hier sinds nicht die Worte, sondern die Geschehnisse, welche
das Herz bewegen. Wohl spielt auch hier die Landschaft ihre Rolle;
die Flutgefahr gestaltet die letzte Szene dramatisch bewegt; aber
hier ist kein romantisches Träumen in Wald und Feld, am See und
auf der Heide: Menschen nur und Taten, welche diese Menschen tun,
beherrschen Szene um Szene. Auch hier ist Herzenswärme, innige Liebe,
nachwirkende Leidenschaft; aber von alledem wird wenig gesprochen; nur
die Taten zeugen davon. Und so sind denn auch diese Taten nach Motiven
und Folgen, diese Menschen nach Anlagen und Charakteren schärfer
herausgearbeitet als beispielsweise in »Immensee.« Hier haben sich
Wirklichkeit und Stimmung vermählt, und keins von beiden hat dabei
gelitten.
Und nun zudritt und zuletzt eine knappe Skizze von Storms letzter
Novelle »Der Schimmelreiter.« War der Grundton von »Immensee«
träumerisch, der von »Carsten Curator« realistisch-ernst, so klingt
im »Schimmelreiter« noch eine ganz andere Folge von Tönen an; die
Novelle neigt nach dem Phantastischen, ja nach dem Schauerlichen
hin. Gleich die Worte der Einführung versetzen in diese Stimmung.
Er habe, so erzählt er, die berichteten Ereignisse vor reichlich
einem halben Jahrhundert im Hause seiner Urgroßmutter in irgend
einer alten Zeitschrift gelesen. »Noch fühl' ich es, gleich einem
Schauer, wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter
liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt.« Die Geschichte
führt an die Nordsee. Auf dem Deich, dicht am Wattenmeer, in später
Oktober-Nachmittagsstunde, strebt ein Reiter dem ersehnten Quartier
zu. Die gelbgrauen Wellen schlagen unaufhörlich mit Wutgebrüll an den
Deich hinauf. Schwarze Wolkenschichten machen es zeitweise pechfinster.
»Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran; ich hörte
nichts; aber immer deutlicher, wenn der halbe Mond ein karges Licht
herabließ, glaubte ich eine dunkle Gestalt zu erkennen, und bald,
da sie näher kam, sah ich es, sie saß auf einem Pferde, einem
hochbeinigen hageren Schimmel; ein dunkler Mantel flatterte um ihre
Schultern, und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus
einem bleichen Antlitz an.
Wer war das? Was wollte der? -- Und jetzt fiel mir bei, ich hatte
keinen Hufschlag, kein Keuchen des Pferdes vernommen; und Roß und
Reiter waren doch hart an mir vorbeigefahren!«
Nachher im Wirtshaus am Deich, wo des Hochwassers wegen Wacht gehalten
wird, hört er die Geschichte des unheimlichen Reiters. Hauke Haien ist
es, der Deichgraf. Eines kleinen Mannes Sohn, hatte Hauke es durch
zähen Fleiß und durch die Liebe der schönen Elke zum Nachfolger und
Schwiegersohn des reichen Deichgrafen gebracht. Ihm stehen große
Pläne vor der Seele. Einen neuen Deich will er bauen, ins Wattenland
hinein; durch den soll ein neues großes Stück Land vor des Meeres
Dräuen gesichert und der Benützung erschlossen werden. Das gewaltige
Werk gelingt; der neugewonnene Koog trägt des stolzen Hauke Haien
Namen. Aber sieh da! Wo der neue feste Deich an den alten stößt,
entsteht eine böse, gefahrdrohende Stelle. Bei wiederkehrender,
rasender Sturmflut wollen die Leute den neuen Deich, ~seinen~
Deich durchstechen, um so sicher den alten Damm und das Hinterland zu
retten. Hauke verhinderts; aber der alte Deich birst wirklich, und die
Fluten brechen herein. Sein Weib kommt zu Wagen ihm, dem Deichgrafen
entgegen; die Fluten reißen Weib und Kind, Roß und Wagen dahin. So
reitet Hauke selbst auf seinem Schimmel in wahnsinnigem Entschluß in
die Fluten hinein. »Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Himmels, der
Sturm und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden
Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.« Seitdem reitet der tote
Hauke Haien auf seinem Schimmel bei jeder hohen Flut; und wohin er
reitet, dort bricht der Damm.
Es ist nicht möglich, in ein paar Worten alle Hauptzüge der
reichbewegten Handlung anzudeuten: jene gespenstische Erscheinung
draußen auf der Hallig, ein Pferdegerippe, das doch in dunkler Nacht
Leben bekommt. Hängts zusammen mit dem abgetriebenen Schimmel, den
Hauke Haien von einem fremden Manne kauft und der dann in seinem Stall
ein stattliches Roß wird, -- das Roß, welches ihn nachher in die
stürmende Flut trägt? Das Kind, das ihm als das einzige geboren wird
und das zeitlebens ein Kind bleiben muß, weil Gott ihm den Verstand
versagt hat, ist es die Strafe für die Art, wie Hauke sein totkrankes
Weib von Gott erbetet hat: »Ich weiß ja wohl, Du kannst nicht
allezeit, wie Du willst, auch Du nicht; Du bist allweise; Du mußt nach
Deiner Weisheit tun -- o, Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!«?
So weben die Gewalten der Meereswogen und die abergläubischen
Meinungen der Küstenbewohner ein unheimliches Gebilde von Wirklichkeit
und Traum. Aber es sind keine sanften, ruhigen Träume, die hier
umgehen; hier ist alles groß, alles packend, alles grausenhaft. Die
rasch fortschreitende, meisterhaft zusammengefaßte Handlung erhöht
den Eindruck: ein Kunstwerk von phantastischer Schöne ist erwachsen,
dem doch der realistische Anhauch nicht fehlt; der Dichter selbst
gibt kritische Andeutungen, übrigens so fein, daß die Stimmung nicht
gestört, nur geklärt wird.
Mit diesen drei Skizzen sind nicht entfernt alle Wandlungen der
dichterischen Stimmung beschrieben, die in Storms Novellen sich
finden. Wie er auch außer »Immensee« skizzenhafte, träumerische
Bilder geschaffen hat (z. B. »Psyche«, »Ein stiller Musikant«), so
auch solche, in denen das Leben selbst obenan steht (z. B. »Hans
und Heinz Kirch«, »Bötjer Basch«); aber in wieder anderen kommt
auch ein humoristischer Zug zur Geltung, der (z. B. »Die Söhne des
Herrn Senator«) freilich auch wieder von tiefem Ernst begleitet
ist; und mehr als eine seiner Novellen greift in die Schatzkammern
der Geschichte, um längst vergessene Zeiten zum Reden zu bringen.
Überall bleibt Storm im kleinen Rahmen; das einzelne Menschenschicksal
beschäftigt ihn; der Zeiten Gewoge berührt ihn nicht. Er ist nicht
Politiker und nicht Dogmatiker, er kennt nicht den Trieb, zu agitieren
oder zu meistern, abzubilden oder zu kritisieren, -- er dichtet, aber
er webt in sein Dichten treu des Menschenherzens echte Art hinein.
Raabe und Storm! Sind wir damit am Ende? Jener warme Hauch lyrischer
Empfindung, der über ihren Dichtungen liegt, ist allerdings in
den Schöpfungen anderer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts selten
zu finden. Oder, wo er sich zeigt, ist er doch mehr Zugabe als
beherrschendes Element. Aber lassen Sie mich noch einen Erzähler Ihnen
nennen, bei dem dies eigentümliche Etwas, das wir »Stimmung« nennen,
nicht immer, aber jezuweilen so stark wird, daß man ihn dann wohl
neben Raabe und Storm stellen kann: ~Peter Rosegger~. Manches,
was er geschaffen, kommt in anderem Zusammenhange zur Sprache; man
kann ihn ja zugleich unter die Vertreter der Heimatkunst, ja des
Naturalismus rechnen; und sogar dem Symbolismus läßt sich sein
»Gottsucher« zuzählen. Aber in diesem letztgenannten Buch, dazu in
ähnlichen kommt auch Stimmung, lyrische Stimmung zum Durchbruch. Noch
stärker geschieht das, und zwar hier in beherrschender Weise, in den
von Stifter beeinflußten »~Schriften des Waldschulmeisters~.«
Auch hier liegt ein ~Gedanke~ zu Grunde; die Lyrik macht den
Erzähler nicht tot. Verlassen hausen die Waldleute in einsamem Tal, im
»Winkel.« Nach dem Felstal zu, meinen sie, sei die Welt mit Brettern
vernagelt. Nach der Ebene zu kommen sie selten. Stundenweit ist die
nächste Kirche; die Waldleute lassen nur die Mädchen dort taufen, die
Buben nicht, damit sie nicht erst registriert und später fürs Militär
gesucht werden. Was ist ihnen Kirche? Was Schule? Sie kümmern sich um
keinen und keiner kümmert sich um sie. Sie sind hergezogen von Aufgang
und Niedergang -- wesweg', das weiß der Herrgott. Zumeist sind es wohl
Bauersleut' von den vorderen Gegenden herein, die sich in die Wälder
geflüchtet haben, um der Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen
unter ihnen, denen man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet.
Wildschützen sind sie alle ..... Beweibet sind die meisten, aber jeder
hat die Seine nicht vom Traualtar geholt. In dies Tal »im Winkel«
kommt durch den jungen Waldschulmeister langsam und mühsam Ordnung und
Sitte, Kirche und Schule, kurz alles das, was wir »Kultur« nennen.
Jahr um Jahr bleibt er dort bei den Waldleuten, Jahr um Jahr freut er
sich am Erfolg seines Tuns, Jahr um Jahr trägt er mit den Waldleuten
Mühe und Arbeit, Freud und Leid. Aber es kommt die Zeit, wo die Leut'
ihn bei Seite schieben, wo er dem neuen jungen Pfarrer nicht mehr
genug tun kann, und wo der Dechant, nachdem er die Schule visitiert,
ihn beim Fortgehen nicht gesehen hat.
»Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern
gekommen.
Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen dahier und steigen in
ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man die
Herrlichkeit kann sehen, und am hellen Wintertag das Meer.
Das Meer! Wie wird es da leicht und weit im Herzen! Dort zieht ein
Kahn, steht ein Jüngling darin, der winkt ....«
So ist er denn am Christtag hinaufgestiegen auf die Spitze des grauen
Zahns, hoch über den Gletschern. Und dort oben ist er geblieben. Man
findet bei dem Toten nur ein Stück Papier mit den wenigen Worten:
»Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das
Augenlicht verloren.« --
Dieser Gang der Erzählung ist klar und deutlich innegehalten.
Es ist kein romantisches Träumen, was in dem Buche regiert; die
Umrisse des wirklichen Lebens sind überall scharf gezeichnet. Auch
hier fehlt realistische, ja naturalistische Derbheit nicht. Auch
Gefühlsschwärmerei treibt der Waldschulmeister in seinen Schriften
nicht; er erzählt von nichts als vom Leben, vom wirklichen Leben und
von der wirklichen Welt. Und dennoch -- welche Stimmung über dem
Ganzen! Urwaldfrieden umfängt uns, frische urtümliche Schöpfung umwebt
uns. »Wie er einzieht durch die Augen und Ohren und all die Sinne,
der liebe, der schöne Wald, so mag ich ihn genießen,« schreibt der
Waldschulmeister. Wie läßt er ihn uns mitgenießen! Kaum Schöneres
in unserer Literatur als diese Schilderung des Urwaldfriedens:
»Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht der Verwaisten,
Verlassenen, Verfolgten -- Weltmüden; du einziges Eden, das den
Glücklosen noch geblieben!« -- Auch jeder der anderen Abschnitte ist
ein prächtiges Kabinettstück urechter Stimmung. Bei den Hirten -- zur
lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein. »So sind sie denn gut und
froh, und ich, -- wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bins mit ihnen.«
-- Anders bei denen, die buchstäblich von der Erde, von dem Gestein
heraus ihr Brot graben. Von den Bäumen schaben sie es herab, aus dem
alllebendigen Ameishaufen wühlen sie es empor, -- die Waldteufel. --
Wunderbar ists im Felsentale, wo allein noch die Kiefer kampfesmutig
die steilen Lehnen hinanklettern will, um zu wissen, wie es da oben
aussieht bei dem Edelweiß, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen. Aber
die gute Kiefer ist keine Tochter der Alpen, balde faßt sie der
Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam
auf den Knien hinan, mit ihren geschlungenen, verkrüppelten Armen
immer weiter vorgreifend und rankend, die Zapfenköpfchen neugierig
emporreckend, bis sie letztlich in den feuchten Schleier des Nebels
kommt und in demselben planlos umherirrt zwischen dem Gestein.
Aber es ist nicht bloß ~Natur~stimmung, was hier regiert. Viel
mehr als in Stifters Studien, die Rosegger beeinflußt haben, pulsiert
hier warmes, lebendiges Leben: die Menschen werden lebendig! Die
Hirten wie die Waldleute, die Holzer dazu, der Pecher und der schwarze
Mathes und der seltsame Einspanig, der Berthold und die Aga und wie
sie alle heißen. Aber keins für sich, keins bloß in seiner Menschheit,
jedes als Teil der Waldgemeinde im Winkel, als Kind der Einsamkeit,
als Schöpfung des Tals da droben, an das niemand in der Welt denkt.
Stimmung regiert -- einheitliche, wunderbar naturwüchsige Stimmung.
Nachempfinden kann sie nur, wer sie selber einmal empfunden hat,
in einem stillen Alpental, wo die Bäche rauschen, wo der Wald uns
umfängt, wo die Berge zum Himmel ragen, wo die Menschen die Art ihrer
Heimat tragen ....
Sind wir nun mit dieser Stimmungsdichtung wieder in den Bereich der
Romantik gekommen? Sind die Raabe und Storm die einfachen Fortsetzer
der Linie Novalis -- Eichendorff -- Hoffmann? Keineswegs. Mag man sie
als Neuromantiker bezeichnen, -- eben das Neue in dieser Romantik ist
doch stark genug, um ein ganz anderes Urteil über diese Erscheinungen
zu rechtfertigen als über diejenigen der älteren Romantik. Dies
charakteristische Neue liegt in dem realistischen Einschlag, besser
noch: in der durchaus realistisch gefaßten Grundlage aller dieser
Romane und Novellen. Raabe, Storm, Rosegger und ihre Genossen
haben die Dinge dieser wirklichen Welt stimmungsvoll angesehen und
stimmungsvoll geschildert. Aber sie haben nie, wie ihre romantischen
Vorgänger, die Gesetze dieser Welt außer Geltung gesetzt, nie bloß
träumend geschaute himmlische Gefilde beschrieben. Ich deutete schon
an, daß selbst der phantastische »Schimmelreiter« die kritischen
Ansätze selber bietet. Die übrigen Novellen Storms mögen manchmal die
harten Lebenserfahrungen, die schweren Kämpfe, die bitteren Stunden,
die Nachtseiten des Lebens ein wenig abgemildert darstellen, -- mit
der Wirklichkeit selbst kommt er nie in Streit. Von Raabe gilt das
erst recht. Sogar die »Chronik der Sperlingsgasse« gibt überall
natürliches Leben. Somit hat auch diese Stimmungsdichtung sich dem
beherrschenden Grundzug der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht
entzogen; auch sie hat der Wirklichkeit ihr volles Recht gegeben. Ja
sie wird eben dadurch zum glänzendsten Beweis für den ~überall~
durchdringenden Wirklichkeitssinn. Und darum bezeichnet diese
Dichtung keinen Rückschritt, erst recht keinen Rückfall. Vielmehr
stellt sie nur eine besondere Art dar, die Wirklichkeit anzuschauen:
mit poetischer Kraft, mit sinnendem Bedenken, mit starkem Mitempfinden.
Es sind ja nur kleine Miniaturbildchen aus dem großen Weltbild,
welche Storms Novellen zeichnen. Raabe gibt größere Bilder; aber
auch sie können sich hinsichtlich der Weite und Breite nicht mit den
Zeitromanen messen. Indes was diese Dichtung weniger beiträgt zur
umfassenden Kenntnis des Weltbereichs, das trägt sie mehr bei zur
inneren Durchdringung, zum tiefgreifenden Verständnis desselben.
Und so grüße ich auch diese Dichter, die in der Erzählung den Leser
über ruhig-nüchterne Betrachtung, über Kampf und Streit hinausheben,
die Dichter, die unser Volk auf die Höhe feinsinnigen Verständnisses
des Weltgeschehens führen und die den Brunnquell deutschen Gemüts
ausschöpfen!
[Illustration]
Der naturalistische Roman.
Naturalismus! Was bedeutet das eigentlich anders als engste Fühlung
mit der Natur, mit der Wirklichkeit des Lebens? Und bestand
diese Fühlung zwischen dem deutschen Roman und der Wirklichkeit
nicht bereits, seitdem die abenteuerlichen Schauerromane und die
empfindsamen Moralgeschichten aufgehört hatten, als der Inbegriff
des Romans zu gelten? Seit Goethe fest und klar dem Leben, wie es
ist, ins Angesicht geschaut? Wahrlich, dieser Wirklichkeitssinn ist
dann lebendig geblieben, so wenig die romantische Strömung ihm zuerst
entgegenkam. Selbst die Stimmungsdichtung, von der wir im letzten
Vortrag gesprochen, fußt auf realen Fundamenten.
Und dennoch bleibt ein gewaltiger Unterschied zwischen
Wirklichkeitssinn und Naturalismus. Wie verschieden kann man die
Wirklichkeit ansehen! Es geht einer dahin über duftende Wiesen, durch
grünenden Wald. Frühlingssonne scheint ihm ins Herz hinein. Wie er
dem nächsten Hofe sich naht, grüßt ihn der behäbige Bauer, dem die
Freude über den Besitz auf der Stirn geschrieben steht, -- lächelt
ihn ein herziges Mägdelein an, mit roten Wangen und frischem Blick.
Wirklichkeit? Ja, kann das nicht Wirklichkeit sein?
Oder es schaut der ernste Mann hinein in den Gang regelmäßiger
Arbeit. Er sieht, wie sie schaffen, die Männer des Kontors, -- und er
sieht, wie sie in rüstiger Arbeit, in gutem Erfolg, in gemessener,
geordneter Erholung ihre Freude haben. Er sieht, wie das wohlgefügte
Familienleben die einzelnen Glieder hebt und trägt. Wirklichkeit! Ja,
ist das nicht Wirklichkeit?
Aber ein anderer sieht das Leben anders an. Er sieht in die Welt --
da begegnet ihm das Elend. Er sieht in das Haus -- da schaut er Risse
und Sprünge im Bau der Familie. Er sieht auf die Straßen -- und der
Menschheit ganzer Jammer faßt ihn an. Er sieht in die Herzen -- und er
findet die Sünde, die Schuld oder, wenn ihm der Name nicht recht ist,
-- er findet Furchtbares, Entsetzliches.
Wie jener Erste und wie der Andere -- so haben die deutschen Erzähler
das Leben längst angesehen, ehe denn das Stichwort »Naturalismus«
emporkam. Erst als ihrer etliche lernten, es mit den Augen des
Dritten anzusehen, erst da hat man diesen Namen gebraucht. Sie haben
es übrigens nicht aus sich gelernt. Oder wenigstens, Mode ward der
Naturalismus, die Darstellung der unverschleierten Wirklichkeit auch
nach ihrer häßlichen oder gar vorwiegend nach ihrer häßlichen Seite,
erst durch ausländische Einflüsse; ich brauche nur zwei Namen zu
nennen: Zola und Tolstoi. Allerdings, ~daß~ es so kam, ist im
letzten Grund nicht auf willkürliche äußere Einflüsse zurückzuführen.
Es ~mußte~ so kommen. Auch das Häßliche gehört nun einmal
zur Wirklichkeit. Wenn der Grundsatz: die Wirklichkeit schildern!
durchdrang, so war der Naturalismus notwendig geworden. Er hat in
diesem Grundsatz sogar seine ~Berechtigung~.
Allerdings: auch innerhalb dessen, was »Naturalismus« heißt, kann
es wieder sehr verschiedene Stufen geben. Jenachdem man eben das
Häßliche, ohne es zu ignorieren, in den Hintergrund schiebt oder es
aufdringlich hervortreten läßt oder es gar zum alleinigen Inhalt
macht. Schon ~Immermanns~ »Oberhof« hatte naturalistische
Partien; Jeremias ~Gotthelf~ ist Naturalist durch und durch,
und mehr als einer hat es ihm arg verdacht, daß er für manchen
bedenklichen ländlichen Brauch, für manche den verfeinerten Geschmack
etwas roh anmutende Einzelheit kein wohltätiges Schleierchen gehabt
hat. Aber bei ihm traten ~diese~ Seiten des Lebens nie in den
Vordergrund. Er ließ nichts weg, er beschönigte nichts; aber er gab
dem Unschönen und Unsittlichen nie mehr Raum, als das Leben ihm gibt.
Und -- er erzählte es mit sittlichem Urteil.
An Gotthelfs Art läßt sich am besten auch die Schilderung des
moderneren Naturalismus aus der zweiten Hälfte, ja dem letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts anschließen. Denn wie bei ihm, so verbindet
sich auch hier der Naturalismus großenteils mit ~Heimatkunst~.
Cäsar ~Flaischlen~ erklärte es 1894 für erforderlich, daß »die
engere Heimat mit ihrer Stammeseigenart der stete Nährboden bleibe,
aus dem sich unser ganzer deutscher Volkscharakter zu immer neuer
Kraft, zu immer reicheren Entfaltungen und zu immer vielseitigerer
Einheit emporgestalte.« Die so verstandene Heimatkunst ist aber
nicht notwendig naturalistisch im fortgeschrittenen Sinn. Sie legt
ihrer ganzen Art nach ein großes Gewicht auf den Sondercharakter der
Landschaft und des Stammes. Jede Landschaft, jeder Stamm ist ihr um so
herzlicher willkommen, je ausgeprägter sein Sonderleben, je weniger
abgeschliffen sein Eigengefühl ist. Wenn Theodor ~Storm~ die
Küste am Meer, die schwermütige Ebene im deutschen Norden in seine
Novellen hineinragen läßt, wenn er den besinnlichen, tiefgründigen
Charakter, den das Land dort seinen Bewohnern gibt, immer wieder
zur Darstellung bringt, so ist das Heimatkunst. In seinen Novellen
kann diese Kunst keine ausgeführteren Bilder schaffen; und Storm,
dem poetische Stimmung über alles geht, erzählt von der Heimat
nicht alles. Das Häßliche bleibt fern. Aber auch größere Bilder
gibt die Heimatkunst, ohne prononciert naturalistisch zu werden,
und kleinere Bilder stimmt sie noch schärfer auf Sitte und Brauch.
Beides trifft zu bei Heinrich ~Sohnrey~, dessen Zeitschrift
»Das Land« diese Kunst mit Liebe verficht. Sein »Die Leute aus der
Lindenhütte«, seine kleinen Geschichten »Die hinter den Bergen« lassen
das hannoversche Land, dem der Autor entstammt, lebendig werden.
In seiner schlicht-einfachen Art, die das Grübelnd-Moderne in der
psychologischen Auffassung nicht kennt, scheidet er sich allerdings
von den meisten anderen neuzeitlichen Vertretern der Heimatkunst.
Von hier aus bis zu denjenigen Erzählern, die ihrer Heimatkunst einen
rückhaltlos naturalistischen Einschlag geben, ist nun eben nur ein
Schritt. Hier sind zwei Österreicher zu nennen: Peter ~Rosegger~
und Ludwig ~Anzengruber~, beide freilich wieder unter einander
verschieden. Wenn ich ~Rosegger~ hier nenne, so denke ich nicht
an den Stimmungsdichter der »Schriften des Waldschulmeisters«, auch
nicht zuerst an den Problemdichter der größeren Romane -- als solcher
wird er uns noch einmal begegnen --, nein, mir stehen dabei jene
seiner vielen Schriften vor Augen, in denen die steirische Heimat
das einzig Herrschende ist. Sie sind ja nicht alle von gleichem
Wert; wie könnte dem vielschreibenden Mann jeder Wurf zu gleicher
Vollendung ausreifen? Die kleineren Geschichtensammlungen tragen alle
diese Art, aber auch von den größeren verleugnen manche sie nicht: so
»Heidepeters Gabriel«, so auch »Jakob der Letzte« und das historische
»Peter Mayr, der Wirt an der Mahr.« Zwei Haupteigenschaften
charakterisieren diese naturalistische Heimatkunst Roseggers: einmal
die liebenswürdige Frische, sodann die natürliche Derbheit der
Erzählung. Die liebenswürdige Frische nimmt unwillkürlich gefangen;
selbst den schwächeren Geschichten gibt sie einen eigentümlichen Reiz.
Die Naturfarbe wirkt mit der herzgewinnenden Offenheit, das sich
offenbarende warme, gemütstiefe Empfinden mit kräftig gesundem Urteil
zusammen, um den Leser immer aufs neue zu erfreuen. Die Derbheit aber,
welche sich mit der Liebenswürdigkeit paart, wirkt bei Rosegger
rein ländlich-natürlich. Es ist eine ähnliche Derbheit, wie sie
auch bei Fritz ~Reuter~ manchmal durchbricht, die Derbheit des
Naturkindes. Sie wird nirgends roh, aber auch nirgends raffiniert und
sie geht niemals ins Einzelne. Sie sucht nicht sonst Verschleiertes,
sondern sie erzählt offen, was bei dem einfachen Volk der Berge, das
keine Prüderie kennt, offen besprochen zu werden pflegt. Wir haben
hier die Verbindung von Heimatkunst und natürlichem Naturalismus.
Anders schon zeigt sich die Verbindung von Heimatkunst und
Naturalismus bei ~Ludwig Anzengruber~. Der hat sich selber als
»Realistiker« gezeichnet, als er den zweiten Band seiner »Dorfgänge«
einleitete. Nur ein paar Sätze aus dieser Schilderung können hier
wiedergegeben werden. »Ein solcher« (Schriftsteller), so schreibt er,
»glaubt der Wirkung seines Stoffs im vornhinein sicher zu sein, wenn
er alle seine Gestaltungskraft an das Kleine und Kleinliche aufwendet,
und er will es dabei eingedenk bleiben, daß selbst die schmutzige
Scholle ein Stück der Allernährerin Erde sei ....... Er erspart uns
keinen Schrei wehen Jammers, er erspart uns kein Jauchzen wilder Lust.
Er stößt das Elend, das um Mitleid bettelt, nicht von der Ecke, er
jagt den Trunkenbold, der alle belästigt, nicht von der Straße, alles,
was er bei solchen unangenehmen Begegnungen für euch tut, ist, sie
abzukürzen, nachdem ihr aber doch den Eindruck einmal weghabt. Tugend
und Laster, Kraft und Schwäche führen bei ihm ihre Sache in ihrer
eigenen Weise. Er will das Leben in die Bücher bringen, nachdem man es
lange genug nach Büchern lebte ....«