ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den Einen mit keuchender Brust
sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen, während der
Andere weiter getrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen,
skeptischen Sandbank sich wiederfindet. -- Ich sehe mich, einen
blöden Grübler, der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln
zu schützen weiß, bis er endlich, nach langem Umherschweifen in der
Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster, sehender Mann, der Freund
seines Freundes und dessen jungen Weibes.«
Der glückliche Freund und sein junges Weib -- sie beide rafft der
Tod dahin. Dem einsamen Philosophen bleibt beider Kind, ein Mädchen;
dessen Kindheit und erste Jugend, dessen Heranblühen und Heranreifen
bis hin zur glücklichen Ehe bildet den weiteren Inhalt. Und jene
ersten, ernst-bitteren Erfahrungen, jenes Ringen und Kämpfen in der
Seele des Freundes, der die Heißgeliebte dem Freunde lassen muß,
-- das alles ist nicht beschrieben mit den glühenden Farben, die
andere Dichter in Sturm und Drang, in psychologischer Analyse oder
dramatischem Effekt dem gleichen Bild zu geben wissen würden und
ähnlich hundertmal gegeben haben. Es ist ja alles, alles längst
vorüber, als Hans Wachholder, alt und grau geworden, alle diese
Erinnerungen auf die Blätter der Chronik niederschreibt. Er hat
es alles verwunden; und wenngleich das, was er erlebt hat, ihm für
Lebenszeit die Art seines Wesens mitbestimmt hat, in ihm wogt doch
nichts mehr vom Sturm der Leidenschaft und vom Drang des Leids. Er
fühlt es noch, aber er fühlt auch die Freude an dem frischen, jungen
Leben, das unter seiner Hut aufgewachsen ist. Und selbst am Jahrestag
des großen Schmerzes, da dem Freund die geliebte Gattin gestorben,
kann nun zu dem Greis der Humor auf die Schwelle treten, seine
Schellen schütteln, seine Pritsche schwingen und sagen:
»Lache, lache, Johannes, du bist alt und hast keine Zeit mehr zu
verlieren.«
Was ist es also, was den Reiz der »Chronik« ausmacht, wenn es nicht
die bewegende Schilderung einer bewegten Handlung ist? Ists doch
ebensowenig die Weite des Gesichtskreises, der Zeiten und Welten,
Völker und Länder umspannte! Nein, nicht in die Breite und Weite geht
Raabes Dichten in diesem Buch; Zeitschilderungen sind hier nicht zu
finden. Ebensowenig ist er irgendwie der Mann des historisch-getreuen
Milieus. Kaum daß die Sperlingsgasse selber zu ihrem Recht kommt. Wenn
er uns von ihr doch ein Bild gibt, so geschiehts nicht, um uns auf
festen Boden zu stellen, sondern weil sie ihm lieb ist und weil sie
seinem Schaffen von Wert ist. Sie liegt in einem älteren Stadtteil
mit engen, krummen Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen
hineinzublicken wagt. »Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit
nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause
enden zu lassen; nun aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare
Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und
Überfluß, alle Antinomieen des Daseins sich widerspiegeln.«
Zu diesem Satz nur noch ein paar andere, gleichfalls aus den der
Sperlingsgasse gewidmeten wenigen Seiten! Sie zeigen den ganzen Raabe:
»Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen
durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als anderswo. Das
Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des
Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der
Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender, man möchte
sagen dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen, zwischen
diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den
Ton auffängt, bricht und verändert znrückwirft! -- Horch, wie in dem
Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewölbten
Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort
wahrhaftig melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen
der Arbeit hinwälzt! -- Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich
genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner;
aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das
Getriebe der Menschenwelt hervorbringt!«
~Das~ ist Raabes Art! Die Stimme Gottes im Getriebe der
Menschenwelt! Er schreibt in bewegter Zeit. Kein Glück steht so
fest, daß es nicht von einem Windhauch oder dem Hauch eines Kindes
umgestürzt werden könnte. »In solcher Zeit ständen die Menschen am
liebsten mit leeren, müßigen Händen, horchend und wartend; aber das
ist nicht das Rechte. Es soll niemand sein Handwerksgerät, die Waffen,
mit denen er das Leben bezwingt, in dumpfer Betäubung fallen lassen.«
Die Waffen, mit denen man das Leben bezwingt, -- von ihnen reden
die Blätter der Chronik. Welche sind's? Die Stimme Gottes hören im
Getriebe der Menschenwelt! Das Haupt senken vor der geheimnisvollen
Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der
Wiege und die Nation im Todeskampf ..... »Wie so viele Herzen fast
brechen wollten, um ein neues Glück aufsprießen zu lassen! Das ist
die große, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift auf der Harfe
des Lebens, und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes, der Denker
in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt.«
~Nicht~ in die Breite und Weite geht Raabes Art. Aber in die ~Tiefe~.
Allerdings auch nicht in die Tiefe psychologischer Feinarbeit und nicht
in die Tiefe besonders interessanter Probleme. Aber in die Tiefe des
Menschenherzens, des einfachen, schlichten Gemüts. Und in jene Tiefen,
in denen man lernt, das Höchste zu verstehen: Menschenschicksal,
Menschenleid, Menschenliebe. Zu ~verstehen~ -- sage ich. Das Wort
ist für Raabe zu kalt. Zu ~fühlen~, zu ~erfassen~, staunend und
andächtig zu durchmessen, -- das trifft besser das, was er will. Eben
diese Kunst, Menschenleben aus der Höhe in die Tiefe und aus der
Tiefe in die Höhe zu schauen, gibt Raabes »Chronik« ihre eigenartige
Stimmung. Weisheit und Gemüt, Reflexion und Gefühl, Ernst und doch auch
sprudelnder Humor bilden die Bestandteile dieses wunderbaren Etwas, das
über dem Ganzen liegt.
Es gibt Menschen, welche für solche Stimmung gar keine Sympathie
haben. Vielleicht sind sie in der Mehrzahl. Das 19. Jahrhundert
war dieser Spezies nicht günstig. Sie werden an Raabe keine Freude
haben. Und sie werden die Fehler auch seiner »Chronik« ihm deutlich
vorhalten. Hat Raabe nicht selbst sich später kritisiert: er habe
in der Chronik einen Greis Bilder und Gestalten in wallendes Gewölk
zeichnen lassen? Ist nicht zu viel Traum in dem Buch? Geht nicht
Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit oft so wirr
durcheinander, daß die schlichtende Klarheit verloren geht? Ist
nicht so viel Reflexion, so viel an Einzelgedanken eingeschoben,
daß es manchmal schwer wird, den Faden festzuhalten, der das Alles
verbindet? Ist nicht mancher Ausdruck manieriert, mancher Gedanke
allzu pointiert? Fehlt nicht die Realistik oft mehr, als selbst dem
Idealisten erlaubt ist? Sind die Wege, welche er seine Freunde gehen
läßt, bis in der Sperlingsgasse ein neuer Bund geschürzt wird, nicht
reichlich absonderlich? So fragen sie, die nach Wirklichkeit hungern.
Und -- sie haben nicht Unrecht. Was sie sagen, empfinde auch ich als
richtig. Nur eben -- man kann das zugeben und doch nicht unempfänglich
sein für jene Höhe und Tiefe der Stimmung und Betrachtung, für jene
feinen und zarten Gedankengewebe, die uns in alldem den Dichter
weisen, den Dichter der Weisheit und des Gemüts, den Dichter der
Stimmung.
Habe ich zu lange bei der »Chronik der Sperlingsgasse« verweilt?
Vielleicht. Aber ich will auch Raabes andere Romane alle, die
großenteils noch den Jahren bis 1870 ihr Dasein danken, hier nicht
besprechen. »~Unseres Herrgotts Kanzlei~« (1862) hat schon seine
Erwähnung gefunden. Von den übrigen nenne ich nur: »~Die Kinder von
Finkenrode~«, »~Die Leute aus dem Walde~«, »~Der Schüdderump~.« Aber
eins muß doch noch neben die Chronik gestellt werden, nicht bloß,
weil es berühmt geworden ist, sondern weil es Raabes Eigenart noch
genauer erkennen läßt. Das ist »~Der Hungerpastor~«, erschienen 1864.
Auch hier brauche ich den Gang der Handlung nicht im einzelnen zu
entwickeln. Sie kennen ihn alle und haben ihn in frischer Erinnerung.
Nur beleuchten möchte ich Ihnen ein wenig diese schöne und gute Gabe
des Dichters. Und zwar nach drei Seiten hin.
Zuerst hinsichtlich der ~äußeren Handlung~. Sie ist reicher als
in der »Chronik«. Und nicht bloß reicher, auch mit vollendeterer Kunst
gestaltet. Zwei Lebensschicksale sind neben einander gestellt. Da
ist Moses Freudenstein, dessen Vater das Geld hat und der selber den
Trieb hat, in der Welt vorwärts zu kommen, Moses Freudenstein, der
zu eben diesem Zweck den Namen seiner Geburt in den des Theophile
Stein umwandelt und die Religion seiner Väter mit der katholischen
Konfession vertauscht. Moses Freudenstein steigt, steigt bis zum
Geheimen Hofrat hinauf. Neben ihm aber steht Hans Unwirrsch, der
Schuhmacherssohn, dessen Vater kein Geld hat und dessen Sohn eine
ganz andere Sehnsucht im Herzen trägt, der es aber dafür auch längst
nicht so weit bringt wie der Jugendgenoß, der doch aus derselben
Kröppelstraße stammt. Lange geht er seines Weges als armer Kandidat
und geplagter Hauslehrer, und zum Ende wird er ein armer Pfarrer
in einsamem Dorf. Dieser zweite, Hans Unwirrsch, der Hungerpastor,
beherrscht mit seinen Erlebnissen durchaus den Gang des Ganzen; im
Grunde genommen ist dies Ganze nicht viel anderes als die Geschichte
seiner Erfahrungen bis hin zur Zeit der Reife. Aber die Art, wie
in dies Schicksal hinein das des Moses Freudenstein verwebt wird,
wie beide einander gegenüberstehen von der Kindheit an bis ins
Mannesalter, und zugleich die Kunst der Erzählung dessen, was Hans
Unwirrsch erlebt, sie heben den »Hungerpastor« nach Seiten der
Handlung hoch über die »Chronik der Sperlingsgasse.«
Zum Zweiten. Im Hungerpastor hat Raabe ~Charaktere~ geschaffen.
Allerdings Charaktere, welche bestimmte Gesamtanschauungen vertreten.
Weltanschauung steht gegen Weltanschauung, ähnlich wie in Heyses
»Kinder der Welt.« Aber die Menschen, welche diese Anschauungen
tragen, sind nicht auf Draht gezogen wie bei Heyse. Weder Moses
Freudenstein noch Hans Unwirrsch. Vor allem der letztere nicht; das
ist kein Gestell, an welches die Ansichten, sorglich abgestuft,
angehängt werden. Hier ist Entwicklung aus Kindheit und Jugend, ja aus
Heimathaus und Elternart heraus, aus dem Haus heraus, in welchem der
Vater Schuhmachermeister bei der wassergefüllten Glaskugel, die das
Licht der kleinen Öllampe auffängt und glänzender wieder zurückwirft,
seinem Handwerk obgelegen hat. Zwei besondere Paten hat ihm der Vater
mitgegeben: »Johannes soll er heißen wie der Poet von Nürnberg und
Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Görlitz, und wie zwei Flügel
sollen ihm die beiden Namen sein, daß er damit aufsteige von der Erde
zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme.« Der Junge zeigt sich
in der Schule nicht besser als jeder andere Schlingel. Auch für ihn
kommt die schöne Zeit der schmutzigen Hände, der blutenden Nasen, der
zerrissenen Jacken, der zerzausten Haare. Aber es kommt auch die Zeit,
da er als wahrheitsuchender Studiosus mit Moses Freudenstein über Gott
und Welt und Vaterland disputiert, wo er dann von Moses scheidet, als
dieser in die freie weite Welt geht, und schließlich in der Öde und
Abgeschiedenheit einer Hauslehrerstellung auch die Wünsche seines
Freundes Moses begreifen lernt. Es kommt die Zeit, in welcher die
Liebe ihren Einfluß auf sein Herz gewinnt, anfangs mit Irrwegen, dann
auf rechtem Weg sein Herz an das bescheidene Fränzchen Götz bindend.
Was braucht es weitere Worte? Es ist ein volles, echtes Menschenleben,
mit Irrungen und Wirrungen, mit Suchen und Finden, das in Hans
Unwirrsch gezeichnet ist. Ja, die Tiefe der Charaktererfassung gemahnt
an Gottfried Kellers »Grünen Heinrich« und andere Meisterwerke. Es ist
Wirklichkeit, klare Wirklichkeit, wenn schon im Zauber der Poesie, die
im »Hungerpastor« das Regiment führt. Auch darin, in der tiefwahren
Charakterzeichnung, ist die »Chronik« weit übertroffen.
Und dann zum dritten: auch der ~geistige Gehalt~ dieses Buchs
ist erheblich tiefer. In der »Chronik« konnte man vielleicht von
Betrachtungen über Menschenschicksale reden; die einzelnen Erlebnisse
gaben mehr die Gelegenheiten, sie vorzubringen. Ganz anders im
»Hungerpastor.« Hier schließen die Erlebnisse und Entwicklungen die
großen Gedanken selbst in sich. Hier wachsen sie aus dem Herzen
des Hans Unwirrsch und aus dem Verstande des Moses Freudenstein
naturnotwendig heraus. Zugleich gewinnen sie dadurch an innerer
Bedeutung und überzeugter Kraft. Vom Hunger handelt das Buch, von
dem, was er bedeutet, was er will, und was er vermag; von der
heiligen Macht des echten, wahren Hungers aber handelt es vor allem.
Allerdings, auch ~der~ Hunger kommt darin vor, den Moses
Freudenstein empfindet: der Hunger nach Glanz und Lust, nach Ehre
und Ruhm, nach Macht und Ansehn. Aber für Raabe ist das der falsche
Hunger; er läßt keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß Moses sein
Mann nicht ist. Ein anderer Hunger ists, von dem der Armenlehrer
Silberlöffel redet, ehe er stirbt:
»Ich bin sehr hungrig gewesen. Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und
durstig nach Wissen; alles andere war nichts. Goldene Äpfel hängen
lockend im Gezweig und schicken ihre Strahlen durch das Grün. O sie
blenden so die Augen, die schönen, glänzenden Früchte. Die Hände habe
ich ausgestreckt und habe mich zerrissen an den Dornen; -- viele
Tränen habe ich vergießen müssen um den goldenen Glanz im Grün. Im
Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch, und doch war ich
für das Licht geboren. Es ist hart, hart, hart, im Schatten sitzen zu
müssen und Hungers zu sterben, während so schöne Augen leuchten in der
Welt, während so holdselige Stimmen locken, -- in der Nähe und ach aus
so weiter, weiter Ferne. Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne,
aber im Schatten mußte ich bleiben, auf einen kleinen Raum im Schatten
war ich gebannt. Ein goldener Regen umspielte mich oft, in Schauern
fielen die leuchtenden Früchte nieder um mich und glänzten durch Grün
und Blau; mir aber waren die Hände gefesselt, und nichts hatte ich
als mein qualvolles Sehnen. Ich habe nichts, nichts erhalten von dem
reichen Leben. Nur mein Sehnen ist mir zu teil geworden, und auch das
geht nun zu Ende. Dunkel wirds vor den Augen, still vor den Ohren und
im Herzen; ich werde satt sein -- im Tode.«
Diesem Hunger ähnlich ist der, welchen Hans Unwirrsch von seinem
Vater, dem Schuhmachermeister, geerbt hatte. Der Vater hatte
Wissensdrang, viel Wissensdrang; er las, so viel er nur irgend konnte.
Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den
Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand
er einen andern Sinn heraus oder legte ihn hinein, welcher ihm ganz
allein gehörte und mit welchem der Autor sehr oft höchst zufrieden
sein konnte. Und der Sohn? Auch er ist, wie Moses, ausgezogen nach dem
Wissen und dem Glück; in dunkeln armen Hütten waren sie beide geboren
und aufgewachsen, und der Glanz, der durch die Spalten und Ritzen der
niederen Dächer fiel, hat sie gelockt. Lange hat er gemeint, eines
Weges mit dem Freunde zu gehen; dann hat er den Irrtum gemerkt. »Mein
Hunger ist nicht gestillt wie der seinige; ach, ich habe so oft nicht
gewußt, was ich wollte, und weiß es auch jetzt oft noch nicht. Es ist
ein wundersam Ding um des Menschen Seele, und des Menschen Herz kann
sehr oft dann am glücklichsten sein, wenn es sich so recht sehnt.« Wie
will man diesen Hunger definieren? Er hat viel Unbestimmtes; man darf
sich dadurch, daß es ein Kandidat und Pastor ist, der ihn hegt, nicht
etwa bestimmen lassen, ihm einen im engeren Sinn religiösen Inhalt zu
geben. Im weiteren Sinn religiös ist er gewiß. Es ist die Sehnsucht
nach allem Hohen und Guten, nach Wissen und Erkenntnis, aber auch nach
Liebe und Treue, die Sehnsucht der Seele nach dem, was sie braucht.
So redet Johannes Unwirrsch, der Kandidat, am Christmorgen im Dorfe
Grunzenow im Geist zu seinem längst im Grabe ruhenden Vater:
»O Vater, Vater, es ist schwer, ein rechter Mensch zu sein und jedem
Dinge sein rechtes Maß zu geben; wer aber mit der Sehnsucht danach
in der Tiefe geboren wird der wird doch eher dazu kommen als jene,
welche zwischen Gipfel und Niederung erwachen, und welchen das Oben
wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig bleibt. Aus der Tiefe
steigen die Befreier der Menschheit; und wie die Quellen aus der
Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu machen, so wird der Acker der
Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O Vater, der Mensch hat doch
nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach Oben, ohne dasselbe
bleibt er immerdar Erde von Erde genommen, in demselben und durch
dasselbe richtet er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf,
in demselben reicht er, wie wenig es auch sei, was er erlange, allen
himmlischen Mächten die Hand, in demselben steht er auf der winzigsten
Scholle in dem engsten Kreise als Herrscher des unendlichsten Gebietes
da, als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja Gewinn in
seinem Leben, und der Schmerz ist so edel -- oft edler als das Glück,
die Freude.«
Auch die Worte Jakob Böhmes, welche Raabe zitiert, sind für den Geist,
der das Buch durchweht, für den Hunger, den der Dichter schildern
will, charakteristisch:
»Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen, daß sie nur
~einen~ Willen hat ..... Sie stehet wohl in viel Kraft und
Wundern, aber ihr Leben ist nur bloß allein die Liebe, aus welcher
Licht und Majestät ausgehet. Alle Kreaturen im Himmel haben Einen
Willen, und der ist ins Herze Gottes gerichtet und gehet in Gottes
Geist, wohl im Centro der Vielheit, im Wachsen und Blühen; aber Gottes
Geist ist das Leben in allen Dingen.«
Wie nennen wir die beiden Anschauungen, die da so scharf einander
gegenüber stehen? Man kann sie Materialismus und Idealismus nennen.
Aber der Idealismus trägt in sich Liebe und Ewigkeit. Wird nun der
»Hungerpastor« nicht eben dadurch zum Zeitroman? Ist er nicht das
gerade Gegenstück zu dem später geschriebenen Heyseschen »Die Kinder
der Welt«? Mag sein, daß man ihn auch dem Zeitroman zurechnen kann.
Mehr gehört er doch zum Stimmungsroman. Er bringt nicht Gedanken,
nicht Weltanschauungen, und nicht Systeme. Er schildert nicht Zeiten
und nicht Menschen besonderer Zeiten. Er will den Hunger der Seele
beschreiben, der von jeher in ihr war und der immer in ihr sein wird,
er gehört nicht einer Zeit, sondern allen Zeiten. Es schwebt über ihm
zu viel poetischer Hauch, zu viel Schimmer der Ewigkeit; und es ist
weiter zu wenig nüchternes Nachspüren nach all den Winkelgängen der
Zeitgedanken. Darum gehört er trotz alledem nicht zu Freytag und nicht
zu Heyses »Kindern der Welt.« --
Stimmung! Wo fänden wir sie außer bei Raabe besser in voller Pracht
als bei ~Theodor Storm~? Ein Schleswiger ist Storm; zu Husum
erblickte er 1817 das Licht der Welt. Schleswigsche Landschaft
spricht in seinen Schöpfungen mit: das Land, die Ebene und nicht
zuletzt das Meer, ja das weite, weite, tosende Meer. Novellen haben
wir von ihm, aber keine Romane. Warum? Weil in ihm noch viel stärker
entwickelt war, was doch auch Raabes Romane von den andern abhebt,
jener Drang, der weniger auf Schilderung ausgeht, auf feine Zeichnung
eines Weltbilds in künstlerischer Form, als vielmehr auf den Ausdruck
dessen, was gerade die Seele bewegt, der lyrischen Stimmung. Ganze
Novellen sind nichts als Gedichte, ein wenig ausgeführter und in
Prosaform, aber eben Gedichte.
Aber auch diese alles beherrschende Stimmung kann recht verschiedene
Nuancen haben. Nicht alle, nur einige dieser Nuancen möchte ich
aufzuweisen versuchen, jede an einer einzelnen Novelle. Ich wähle
zuvörderst »~Immensee~«, seine erste Novelle (1852), das
Beispiel reinster Stimmungsdichtung in der Farbe herzinniger Wärme
und zugleich sich bescheidender Resignation. Eine Kinderliebe wird
geschildert. Reinhard und Elisabeth sind einander zugetan. Wunderbar
zart ist diese Liebe beschrieben; es liegt ein Hauch darüber, den
man zu zerstören fürchtet, wenn man es nur wagt, mit knappem Wort
Einzelnes herauszuheben. Wer »Immensee« gelesen, erinnert sich wohl,
wie Reinhard und Elisabeth im Wald Erdbeeren suchen gehen. Wunderbar
lieblich, nicht wahr? Wenn Raabe an Jean Paul gemahnte, hier ist
etwas vom Geist Eichendorffs zu spüren. Fast kommts zur Verlobung,
da die Kinderliebe auch die Reifenden verbindet. Aber dann reicht
Elisabeth doch dem anderen Bewerber die Hand. Warum? Mancher Dichter
würde hier in die Posaune der Leidenschaften gestoßen haben; das Thema
ist so dankbar, daß es sich mancher für große Worte und wuchtige
Wirkungen auserkoren hat. Ganz anders Storm. Es ist ja ein Greis,
der seine Jugenderinnerungen Revue passieren läßt, ganz wie in der
»Chronik der Sperlingsgasse.« Und so verliert die Erzählung nirgends
das Abgeklärte, Ruhige und Stille. Vielleicht bleibts in ihr sogar
~zu~ still. Fragen werden nicht beantwortet, die jedem Leser in
den Sinn kommen. Warum läßt Reinhard seine Elisabeth über Jahr und
Tag ohne Lebenszeichen, ohne Gewißheit? Kurz, sie gibt dem Drängen
der Mutter nach; der andere hat Hab und Gut und auch Liebe. Dann aber
kommt nach geraumer Frist auch Reinhard in der Vermählten Haus; und
nun erst merken beide, wie schwer es ihnen ist, sich nicht zu haben.
Das Ende ist Reinhards Scheiden und Verzicht; aber wie tiefe Wehmut
klingt über dem Ende das Lied:
Meine Mutter hats gewollt,
Den Andern ich nehmen sollt;
Was ich zuvor besessen,
Mein Herz sollt es vergessen,
Das hat es nicht gewollt.
Meine Mutter klag' ich an.
Sie hat nicht wohl getan.
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde.
Was fang ich an!
Für all mein Stolz und Freud
Gewonnen hab ich Leid.
Ach wär das nicht geschehen.
Ach könnt' ich betteln gehen
Über die braune Haid'!
Nicht überall ist Theodor Storm so rein und so stark lyrischer Dichter
wie in dieser und in ähnlichen Novellen. Es gibt andere, in denen
schweigt der Dichter nicht, aber er hat nur sorglich geordnet und fein
gestaltet, was bitterer Lebensernst ihm vorgeschrieben. Wohl war auch
in »Immensee« Ernstes und Trübes, aber es drückt dort nicht; das Leben
ist zum Gedichte geworden. Anders z. B. in »~Carsten Curator~.«
Das ist die Geschichte eines braven, redlichen Mannes; der hatte
als treuer Curator vieler Unmündigen und Unfähigen Geschäfte sicher
geführt und war nur einmal in seinem Leben in der Leitung seiner
eigenen Geschäfte unsicher geworden, das war damals, als er einen
ungleichen Bund mit einem schönen Mädchen schloß, das zum Grundzug
des Herzens den Leichtsinn hatte. Juliane hatte ihn in kurzer Ehe in
manche Not gebracht; dann starb sie. Aber ein Kind hinterließ sie ihm,
das war nach der Mutter geschlagen. Der Sohn wuchs heran und hatte
des Vaters ganze Liebe, aber er lohnte sie durch Leichtfertigkeit und
Schuldenmachen. Ohne viel Worte kommt zu ergreifendem Ausdruck das
Leid, das der Vater um den Sohn trägt, dem er die Hilfe doch niemals
versagen mag. Auch die Pflegetochter, sein Liebstes nach dem Sohn,
opfert sich und ihre Habe dem Pflegebruder, den sie liebt. Das Unheil
läßt sich trotzdem nicht aufhalten; der Leichtsinn führt den Bankrott
herbei und endlich, am Tag, da die Schleuse gebrochen ist und die Flut
sich durch die Gassen wälzt, bringt ihn Leichtsinn oder Absicht oder
beides zusammen in den Tod. Der Vater aber findet mit der verwitweten
Pflegetochter eine gemeinschaftliche Heimat für seine letzte schwere
Zeit -- dort, wo die letzten kleinen Häuser mit Stroh gedeckt sind.