Der »Ekkehard« und Riehls Novellen, sie bedeuten ein Programm. Ohne

ein ausdrückliches Programm hat vorher schon ~Meinhold~ in seiner

»~Bernsteinhexe~« (1843) ein ähnliches Bild geschaffen. Aber

der größte Wurf geschah in der Nachfolge dieses Programms: ich meine

~Gustav Freytags~ großes Werk »~Die Ahnen~«, das von 1872

bis 1880 erschien. In sechs Bänden gibt der Dichter hier eine Reihe

von Bildern aus der Geschichte eines Geschlechts. Ein Zeitraum von

anderthalb Jahrtausenden soll in seinen charakteristischen Epochen dem

Leser lebendig werden. »Ingo« und »Ingraban« führen in uralte Zeiten;

die Jahreszahlen 357 und 724 stehen ihnen voran. Sitte und Brauch, Art

und Recht in den Wäldern der Thüringe kündet uns »Ingo« in kraftvoll

gezeichneten Linien, in schwungvoller Darstellung, in vollendet

fesselndem Abschluß. Ingo, der Königssohn aus Vandalenstamm, und

Irmgard, Fürst Answalds Tochter von Thüringer Blut, -- sie haben der

Deutschen Herz gewonnen. Und wie hier das Tosen der römischen Waffen

von fernher hineinschallt in die Stille germanischer Waldeinsamkeit,

so erklingen in »Ingraban« die Kampfrufe aus dem Streit zwischen

Deutschen und Wenden. Aber zugleich erleben wir hier den Geisterkampf

mit: Christentum ringt mit dem Heidentum, die sieghafte Religion mit

der niedergehenden, Winfried-Bonifatius tritt neben Ingram-Ingraban.

Einen starken Schritt vorwärts liegt »Das Nest der Zaunkönige«. Nicht

mehr gegen Römerübermut kämpft deutsche Kraft; auch die wendische

Gefahr ragt in dies Buch nicht mehr hinein. Unter einander streiten

des Volkes Glieder. Der Sachsenkönig Heinrich +II.+, der seit

dem Jahre 1002 das Zepter führt, muß seine Herrschaft gegen die

übelwollenden Großen des eigenen Landes schirmen. Die Schilderung

deutscher Uneinigkeit, dazu aber überragender Königskraft und endlich

mittelalterlichen Klosterlebens wird mit den persönlichen Interesse

an Immo, dem Klosterschüler und späteren Helden, und seiner geliebten

Hildegard verwoben. Das »Nest der Zaunkönige« vermag nicht ganz im

gleichen Maß für sich zu gewinnen wie die beiden ersten Stücke; mag

sein, daß der starke Gegensatz zwischen fremder und heimischer Art,

der hier fehlt, dort wesentlich die packende Kraft gehoben hat.

Vielleicht ist doch auch die Anlage dieses Buchs etwas zu breit. Auch

die »Brüder vom deutschen Hause«, welche den dritten Band bilden,

erreichen nicht die geschlossene Vollendung der ersten Bilder. Sie

erzählen eine Lebensgeschichte, aber sie berücksichtigen dabei allzu

wenig die Einheit der Entwicklung, als daß der Romancharakter gewahrt

bliebe. Herr Ivo, der Thüring, ists, der daheim in Minnedienst und

ritterlicher Art, auf dem Kreuzzug in merkwürdigen Abenteuern, dann

wieder daheim im Konflikt mit der ketzerverfolgenden Kirche, endlich

als Glied des deutschen Ordens geschildert wird. Auch hier ist durch

Ivos Verehrung der edlen Agnes von Meran, dann durch sein und der

schönen Friderun Herzensbündnis für menschliche Teilnahme gesorgt.

Die Bilder mittelalterlichen Lebens, welche dieser Band entfaltet,

sind reicher als die der früheren Bände. Kaiser Friedrich +II.+,

der Ketzerrichter Konrad von Marburg, die heilige Elisabeth, -- sie

alle grüßen den Leser. Aber neben den Mängeln der äußeren Gestaltung

steht doch der andere Mangel, daß eben diese großen Gestalten nicht

recht treu und echt gezeichnet sind. -- Es ist sonderbar, daß Freytag

gerade da, wo er große weltgeschichtliche Gestalten in die Welt seiner

Phantasie eingreifen läßt, kein rechtes Glück hat; der Martin Luther,

der am Schlusse der nächsten Abteilung, die den Titel »Markus König«

führt, eine schwierige Frage mit spitzfindigem Scharfsinn löst, ist

auch nicht der Martin Luther der Geschichte. Sonst freilich ist

»Markus König« einheitlicher als die »Brüder vom deutschen Hause«; in

das Städteleben von Thorn, in das Ringen von Deutschtum und Polentum,

in Händel und Fehden der Zeit der Reformation führt er trefflich

ein. Nur daß man es doch als peinliche Lücke empfindet, daß das

eigentlich Bewegende dieser Epoche, daß das religiöse Moment so ganz

zurücktritt. Der Band stellt sich damit selber zur Seite; er schildert

den Zeitcharakter in Nebenerscheinungen, und er schildert ihn darum

unvollständig und ungenügend. -- Der fünfte Band enthält die beiden

Skizzen, welche gemeinsam »Die Geschwister« betitelt sind. Die erste,

»Der Rittmeister von Alt-Rosen«, zeigt Kriegswesen und Aberglauben

aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die zweite, »Der Freikorporal bei

Markgraf Albrecht«, will das Charakteristische aus der Zeit Friedrich

Wilhelms +I.+ herausheben. Aber beiden Skizzen fehlt wirkliche

geschichtliche Kraft und tieferes menschliches Interesse. Auch der

letzte Band »Aus einer kleinen Stadt« vermag die Vorgänger nicht

wieder zu erreichen; dazu ist weder die erste, größere Erzählung aus

der Zeit der Freiheitskriege plastisch genug gezeichnet, noch die

zweite kleinere, welche in einem Journalisten das letzte Glied der

»Ahnen« erkennen läßt, irgend genügend vertieft.

Im einzelnen sind die Bände also von sehr verschiedenem Wert. Und zwar

nicht bloß nach Seite der künstlerischen Gestaltung, sondern auch

nach der Richtung geschichtlicher Anschaulichkeit. Man darf getrost

sagen: selbst für Gustav Freytag war der Wurf ~zu~ groß. Wenn

jenes Programm Riehls wirklich ausgeführt werden soll, so bedarf es

dazu nicht bloß einer reichen Gestaltungskraft, sondern auch einer

Vertiefung in das Innerste der zu schildernden Zeit, wie sie nur

mit schweren Mühen zu gewinnen ist. Aber wer kann in dieser Weise

sämtliche Hauptepochen der vaterländischen Geschichte beherrschen? Wer

kann leben, ja wirklich ~leben~ in den Zeiten der Sachsenkaiser,

der Reformation und der Befreiungskriege? Auch Freytag hat das nicht

völlig vermocht. Und vielleicht hat doch auch für ihn das Riehlsche

Programm eine Gefahr eingeschlossen. Es geht allzusehr ins Kleine,

ins Alltägliche, ins Gewöhnliche. Eine Zahl von losen Einzelskizzen

kann es geben, und sie alle mögen sich gut und gern zum Gesamtbild

der Gesittungszustände eines Volks zusammenschließen. Aber wenn eine

fortlaufende, zusammenhängende Reihe die wichtigsten Epochen der

ganzen Volksgeschichte umfaßt, dann ist das Prinzip des Kleinlebens,

des »Abseits vom Wege« nicht mehr für sich allein brauchbar. Dann

müssen die großen Bewegungen der Geister mit ganz anderer Wucht ins

Leben des Romans eingreifen.

Aber wozu im einzelnen mit Freytag rechten? Seine »Ahnen« haben ja

trotz mancher Schwächen längst einen Ehrenplatz unter den deutschen

Dichtungen gewonnen. Gewiß, sie verdienen ihn auch. Nicht bloß durch

ihre gelungensten Teile, sondern vor allem durch die wirklich geniale

Größe des ihnen zugrunde liegenden Gedankens. Und endlich: wie schon

der »Ekkehard«, wie Riehls Novellen, wie vordem schon die Werke von W.

Alexis, so sollen auch Freytags »Ahnen« der Liebe eben des deutschen

Volkes gewiß sein, denn sie haben uns ~die eigene Vergangenheit~

erschlossen. Es wird für alle Zeiten ein Ruhm des historischen Romans

im 19. Jahrhundert bleiben, daß er zum ~nationalen~ Roman

geworden ist. --

Vollständigkeit in der Aufzählung der literarischen Erscheinungen

kann auch dies Bild des historischen Romans nicht anstreben. Aber

ich möchte doch die Entwicklungslinie des kulturhistorischen Romans

nicht abschließen, ohne ein Werk zu erwähnen, das in seiner Eigenart

besondere Beachtung verdient: ich meine ~Theodor Fontanes~

Zeitgemälde »~Vor dem Sturm~.« Es ist nicht Fontanes Art, seinen

Romanen einen »großen Zug« zu geben; auch dies Gemälde aus dem

Winter 1812 zu 1813 gibt Kleinleben, ganz und gar Kleinleben. Aber

das eben ist Fontanes Stärke, ~wie~ er dies Kleinleben zu malen

weiß. Diese Kunst der Anschaulichkeit, diese Sorgfalt des Details,

diese Peinlichkeit in der geschichtlichen Treue, diese Feinheit in

der Erfassung aller wesentlichen Strömungen, und zu dem allen diese

feste Fundamentierung der Erzählung auf märkischem Boden! Ich gönne

jedem die Freude an tatenreichen, geschickt gruppierten Handlungen,

aber ich gestehe, meine Freude an dieser Fontaneschen Art gebe ich

dafür nicht hin. Schließlich treibt er doch auch wahrlich nicht bloß

Kleinigkeitskrämerei; das Kleinste -- und wenn es die Tischordnungen

sind, welche er für sämtliche vorkommenden Mahlzeiten mitteilt -- ist

ein notwendiges Glied des Ganzen, ein unentbehrlicher Pinselstrich auf

dem Bilde der beschriebenen Zeit.

Ich habe etwas lange bei dem kulturhistorischen Roman verweilt. Aber

wenn auch anderes darüber knapper behandelt werden muß, ich bereue es

nicht. Hier liegt der größte Erfolg des historischen Romans im 19.

Jahrhundert. Man kann alle die anderen Erscheinungen auf diesem Gebiet

danach beurteilen, wie nahe oder wie weit sie von dieser Linie sich

entfernen.

Neben die rein oder vorwiegend kulturgeschichtliche Richtung

stelle ich zunächst eine ihr nahestehende, der ich den Namen der

~allgemeingeschichtlichen~ geben möchte. Auch für diese

Richtung ist die Absicht maßgebend, ein bestimmtes treues Bild

aus der Geschichte zu zeichnen. Nur daß dieses Bild nicht gerade

die Gesittungszustände, das kulturelle Kleinleben umfassen soll,

sondern sich mehr an die großen Strömungen und Stimmungen, an feste

historische Ereignisse der Entwicklungsgänge anlehnt. Auch die Romane

dieser Art müssen einen kulturhistorischen Einschlag haben; sonst

würden sie schemenhaft werden. Die Kunst muß hier für den Dichter

darin bestehen, ohne allzuviel Detail doch die Gestalten der Dichtung

in engste Verbindung mit dem geschichtlichen Leben der gewählten Zeit

zu setzen. Zahllose Romanschreiber sind an dieser Aufgabe gescheitert;

sie gaben modernes Leben in geschichtlichem Gewand. Aber zwei Meister

möchte ich nennen, deren Werke mir in diese Kategorie zu gehören

scheinen. Der eine ist ~Wilhelm Raabe~, der Stimmungsdichter, der

doch auch die Geschichte sich dienstbar gemacht hat. Sein »~Unseres

Herrgotts Kanzlei~« (1862) zeichnet mit kräftigen Strichen die

Kriegsnöte des belagerten Magdeburg und zugleich etliches von den

Stimmungen und Strömungen des Reformationsjahrhunderts. Nur fehlt

eben die intime Einzelschilderung und die feinere psychologische

Differenzierung. Und Raabes Hauptstärke, die Stimmung, kann hier nicht

in gleicher Weise zur Geltung kommen wie bei seinen nicht-historischen

Werken. Auch seine Erzählung aus dem 18. Jahrhundert, »Das Odfeld« sei

hier genannt. -- Der andere Meister dieser allgemeingeschichtlichen

Richtung ist der Schweizer ~Conrad Ferdinand Meyer~. Sein großer

Roman »~Georg Jenatsch~« beschreibt die langen und verworrenen

Parteikämpfe, welche auf dem Gegensatz der Konfessionen beruhten. Die

Absicht ist unfraglich die, eben diese Zeit der Wirren und Kämpfe

dem Leser lebendig zu machen. Allerdings hat das Buch bei großen

Vorzügen auch erhebliche Mängel. Es führt nicht in konzentrierter

Entschlossenheit vorwärts; es gibt Bilder, aber kein einheitlich

wirkendes Bild. Es hält den Leser durch Zersplitterung des Interesses

nicht bei dem befriedigenden Bewußtsein stets vorhandener Klarheit.

Jürg Jenatsch selbst, der Parteiführer, hat eine nur mäßige

Qualifikation zum Romanhelden. Sein Charakter packt, aber er verstimmt

zugleich. Er begeistert, aber er kühlt bald wieder ab. Alles in allem,

er hält die Sympathien der Leser nicht fest. Auch gelingt es ihm mit

seiner objektiven, etwas schwerwuchtigen Art minder gut als leichteren

Werken, die doch notwendige Spannung zu erzeugen.

Bedeutender noch als dieser große Roman sind Conrad Ferdinand

Meyers historische Novellen. Freilich, man kann versucht sein, sie

nicht mehr zu der eben besprochenen Richtung zu zählen, sondern

zu einer ~dritten~, der ~an die Geschichte angelehnten

individuellen Erzählung~. Diese Bezeichnung bedarf einer

Erklärung. Ich denke dabei an Dichtungen, welchen nicht die Erweckung

eines bestimmten geschichtlichen Kulturlebens, auch nicht die

bestimmter geschichtlicher Vorgänge das Ziel ist, sondern welche

ein mehr individuell interessantes Erzählungsbild, das nicht gerade

geschichtlichen Gründen, sondern allgemein menschlichen Motiven

entstammt, an die Geschichte anlehnen. Auch das ist eine berechtigte

Form des Romans, nur daß freilich das Wort »historisch« nicht im

gleichen Sinn ihr zukommen kann, wie den eben genannten Richtungen.

Selbstverständlich muß auch hier der Gesamteindruck echt sein. Die

Grenzen zwischen dieser Art und der vorher skizzierten sind leicht

verrückbar; auch bei Conrad Ferdinand Meyers Erzählungen ist es

manchmal schwer zu sagen, ob sie mehr das Allgemein-Geschichtliche

oder das Individuelle betonen. Jedenfalls aber verdienen sie zum

großen Teil als Meisterstücke der Erzählerkunst genannt zu werden.

»~Der Heilige~« greift in das Leben des englischen Kanzlers

Thomas Becket, also ins 12. Jahrhundert hinein, -- mit welch

wunderbarer, abgerundeter Darstellungskunst! Andere haben ihren

Schauplatz zu anderen Zeiten und in anderen Ländern; »~Die Hochzeit

des Mönchs~« z. B. führt nach Padua, »~Das Amulett~« in die

Tage der Pariser Bluthochzeit. Wer aber geneigt ist, diese Erzählungen

noch zu der gleichen allgemeingeschichtlichen Richtung zu zählen

wie den »Georg Jenatsch«, der mag als Muster der dritten Gattung

eine Erzählung nehmen wie »~Grete Minde~« von ~Fontane~.

Hier steht nicht die Kultur im Vordergrund und ganz sicher nicht die

Geschichte; Lieb und Leid, wie es die Herzen bewegt, bewegt auch die

Erzählung, -- nur daß ihr ein geschichtlicher Hintergrund gesichert

ist. Übrigens aber ist Fontane gerade in der »Grete Minde« ein

anmutiges und feines Werk gelungen, eine wohlgebaute, nirgends zu

stark auftragende, aber überall tiefgefaßte und pointierte Erzählung.

Endlich nenne ich kurz eine ~vierte~ Gattung des historischen

Romans, nämlich diejenige, welche nicht Kulturleben, auch nicht

geschichtliche Vorgänge, und wiederum nicht individuelles

Menschengeschick zum Ausdruck bringen will, sondern den

~Gedankengehalt der Geschichte~, die Ideen, die Tendenzen,

die geistigen Strömungen. Eine gewaltige Aufgabe -- dankenswert

und schwer zugleich. Schwer vor allem deshalb, weil es viel eher

gelingt, gegenüber den Kulturzuständen vergangener Epochen objektiv zu

bleiben als gegenüber den Gedanken, welche in jenen Zeiten lebendig

gewesen sind. Schon das ist schwer, diese Gedanken klar und ruhig

zu ~erfassen~, geschweige denn, sie objektiv wiederzugeben. So

haben wir denn von dieser Gattung auch keine erstklassigen Romane zu

verzeichnen. Aber genannt seien als ihre Vertreter ~Karl Frenzel~

(z. B. »Freier Boden«), ~Heinrich Laube~ (»Der deutsche Krieg«)

und ~Karl Gutzkow~ (»Hohenschwangau.«)

Eine große Reihe historischer Romane habe ich Ihnen skizziert oder

nur genannt. Die Fülle der Erscheinungen zwang dazu, auf gründlichere

Behandlung einzelner Werke zu verzichten. Aber ich bin gewiß, daß Sie

unter den vielen Namen, die genannt wurden, etliche -- vielleicht mit

Befremden -- vermißt haben. Nun -- sie sind bisher nicht ohne Absicht

übergangen worden. Es war ja die Absicht, nur das wirklich Bedeutende

anzuführen, um so die Entwicklung des historischen Romans in raschen

Zügen zu skizzieren. Zu den Größten zählen eben die Übergangenen

nicht. Trotzdem muß auch etlichen von ihnen noch ein Wort gewidmet

werden, -- schon deshalb, weil sich die Gunst des Lesepublikums so

warm für sie ins Zeug legt. Das gilt vor allem von ~Felix Dahn~

und ~Georg Ebers~. Namentlich eine Anzahl von Dahns »~Kleinen

Romanen aus der Völkerwanderung~« sind ohne geschichtliche und ohne

höhere künstlerische Kraft. Manche haben durch kunstvolle Ordnung des

Stoffs eine gewisse Spannkraft, manchen liegt ein für eine Novelle

ganz brauchbarer Gedanke zu grunde, alle haben die Entschuldigung für

sich, daß es zum Allerschwersten gehört, kulturlose Zeiten lebendig

zu machen, -- aber eben Natur und Leben sucht man in ihnen vergebens.

Ganz moderne Gedanken, wie sie der Weltanschauung Dahns entsprechen,

hat er hier längst Vergangenen in den Mund gelegt. Zudem ermüdet

an ihnen die schablonisierte Manier. Stärker ragt die Geschichte

hinein in Dahns großes Werk, den »~Kampf um Rom~.« Es ist ja

leichter, große Heldengestalten und mächtige Weltereignisse dem Leser

nahezubringen als untergeordnete Wesen aus kleineren Umgebungen. So

weckt der »Kampf um Rom« unfraglich erheblich größeres Interesse als

jene eben besprochenen Romane. Es bleibt auch richtig, daß der »Kampf

um Rom« dramatische Kraft, begeisterte Wärme und mächtigen Schwung

besitzt. Leicht entzündbare, namentlich jugendliche Herzen vermag er

mit dieser seiner Art geradezu in Flammen zu setzen. Sollen wir alles

dies gering einschätzen? Gewiß nicht! Aber anderseits dürfen wir

uns durch diese fortreißende Wucht auch nicht die ruhige Besinnung

rauben lassen. Was für »Geschichte« liegt dem Roman zu grunde? Jene

Geschichte, die nicht viel anderes kennt, als Helden und Bösewichte,

Schlachten und Kämpfe, Ruhm, Leidenschaften, Intrigen! Es ist die

Geschichtsmethode der Volksbücher, diejenige der mittleren Klassen des

Gymnasiums (auch hier ist sie jetzt schon großenteils überwunden),

aber nicht diejenige, welche dem tiefer Schauenden das wirkliche

Leben der Vergangenheit erweckt! Welche Psychologie führt das Zepter?

Eine Psychologie der großen Linien und der großen Mittel, aber keine

Seelenforschung, die Menschen und Zeiten in feiner Erfassung auch

scheinbar minder wichtiger Züge in Übereinstimmung zu bringen weiß!

Folglich bleibt vieles im »Kampf um Rom« geradezu talmihistorisch. Und

selbst die äußere Echtheit verdirbt sich Dahn, indem er alle Fäden in

den Händen des Cethegus zusammenlaufen läßt, einer Figur, die wie dazu

geschaffen ist, zum Ideal träumender Jünglinge zu werden. Die gesamte

Entwicklung hängt an Cethegus; und Cethegus ist ein dichterisches

Phantasiegebilde! Aber selbst wenn man diese Entgleisung in den Kauf

nimmt, zu reiner Freude an dem Buch kann man nicht kommen, weil das

Pathos, in dem Dahn seine Menschen reden läßt, gar zu ungeheuerlich

ist.

Nur eine einzige Stilprobe! Furius Ahalla, der Korse, spricht:

»Staune nicht -- frage nicht!

Ja: ich liebe Valeria mit aller Glut: fast haß' ich sie -- so lieb ich

sie.

Ich warb um sie vor Jahren.

Ich erfuhr, sie sei dein -- vor dir trat ich zurück: -- erwürgt hätt'

ich jeden Andern mit diesen Händen.

Ich eilte fort: ich stürzte mich in Indien, in Ägypten in neue

Gefahren, Abenteuer, Schrecknisse, Genüsse.

Umsonst.

Ihr Bild blieb unverwischt in meiner Seele.

Höllenqualen der Entbehrung erlitt ich um sie.

Ich durstete nach ihr, wie der Panther nach Blut.

Und ich verfluchte sie, dich und mich ...«

Wer spricht so im gewöhnlichen Leben? Furius Ahalla, der Korse?

Nimmermehr!

Ähnlich ist über die Schöpfungen eines anderen Lieblings der Mode zu

urteilen, über die von ~Georg Ebers~. Der kulturhistorische Roman

verläßt das nationale Gebiet; das ist sein gutes Recht. Er verläßt

nicht das Prinzip der Kulturschilderung; hierin hat der Professor der

Ägyptologie sehr Hübsches geboten. Aber es ist leichter, altägyptische

Kultur zu schildern als altägyptische Menschen zu zeichnen. Die

Fabel und die Charaktere, das sind bei Ebers die wunden Punkte. Man

muß schon sehr gutgläubig sein, um in diesem Punkt das als echt

hinzunehmen, was er gibt. Nur im »+Homo sum+« hat Ebers einmal

tiefer zu motivieren gesucht; das Buch steht über dem Durchschnitt.

Dafür hat er aber auch manches geschrieben, was unter dem Durchschnitt

bleibt. Seine »Gred« ist eigentlich das Muster eines historischen

Romans, wie er nicht sein soll. Mielke hat Recht: »glanzloser Firnis

deutschen Mittelalters« liegt darüber. Die Sprache gekünstelt, das

Empfinden modern, alles, was über das Individuelle hinausgeht,

verschwommen, dies Individuelle aber ungefähr auf den Backfischton

gestimmt, die Gedanken ohne Entschuldigung fehlend -- wahrlich, was

dabei herausgekommen ist, ist ein kraft- und saftloses Ding, das

absolut nichts durch die Verlegung ins Mittelalter gewonnen hat. Die

Geschichte könnte beinah ebenso gut in jedem bürgerlichen Hause des

19. Jahrhunderts spielen. Man möchte darüber weinen, daß das Gros des

die Leihbibliotheken benützenden Publikums auch die »~Gred~«

kritiklos genossen hat, weil Ebers nun einmal in der Mode war.

Von anderen will ich schweigen. Nicht als ob nicht noch manches Werk

auch neben den großen und hervorragenden Schöpfungen stünde, das

der Liebe des deutschen Lesers sicher sein darf. Und ebensowenig

soll geleugnet werden, daß außer Georg Ebers mit seiner Archäologie

in Romanform auch andere Schriftsteller noch den historischen Roman

gemißbraucht haben. Aber was hat es für Zweck, das Gedächtnis an

~Ecksteins~ »Sensationsromane im historischen Gewande« -- wie

Adolf Bartels sie nennt -- aufzufrischen? Robert ~Hamerlings~

»Aspasia« verdiente wegen ihrer ernsthaften Gelehrsamkeit Erwähnung,

wenn wir nicht den historischen ~Roman~ behandelten. Ein solcher

ist das schwerfällige Buch mit seiner steifleinenen Umständlichkeit

nicht geworden.

Es sei genug. Über Höhen und durch Tiefen sind wir gewandelt;

Prunkstücke der deutschen Erzählerkunst haben wir geschaut. Laßt

uns begraben unter Schutt und Asche, was auf diesem weiten Gebiet

Minderwertiges erstand. Aber laßt uns jubeln, daß wir auch Männer

hatten, die die größte Kunst verstanden: Geschichte und Dichtung zu

vermählen!

[Illustration]

Die Stimmungsdichtung.

So war der Kampf gekämpft, der Kampf zwischen Träumen und Wachen.

Das Tageslicht der hellen Wirklichkeit hatte die Träume verscheucht.

Die lieblichen Traumbilder Eichendorffs so gut wie die dem Alpdruck

ähnlichen des Teufels-Hoffmann. Man hatte ins ländlich-dörfliche

Stillleben hinein gegriffen so gut wie in das wechselvoll bewegte

Leben der politischen Kreise; man kritisierte, was nur immer der

Kritik Angriffsflächen bot: die Vornehmen des ostelbischen Adels, die

Wucherkünste unredlicher Geschäftsleute, den Taumel, in welchen das

rote Gold weite Schichten des deutschen Volkes versetzt hatte, aber

man griff auch hinein in die streitenden Gedankenwelten, in denen alte

und neue Zeit einander gegenüberzustehen schienen, und kritisierte

Gedanken, die man nicht für richtig hielt, samt ihren Vertretern.

Man ließ die Vergangenheit aufs neue erstehen und mühte sich, mit

größerem oder geringerem Glück, mit gröberem oder feinerem Stift, die

alten Zeiten des brandenburgischen Ländchens, der Stadt Berlin, des

preußischen Volks, -- aber auch die uralten Zeiten ägyptischer Kultur,

griechischer Kunst und römischer Machtherrlichkeit so naturgetreu

nachzubilden, als man es vermochte. Goethes Geist war in diesen

Dichtern allen lebendig geworden.

Aber nicht bloß ~Goethes~ Geist bewies die Kraft, Spätere in

seinen Bann zu zwingen. Auch jener andere Geist war nicht erstorben,

der einst ~Jean Paul~ die fleißige Feder geführt hatte. Goethes

Geist -- so sahen wir -- ist der Geist der dichterisch begriffenen und

kunstvoll gezeichneten Wirklichkeit. Der Geist Jean Pauls aber läßt

sich kurz als der Geist der poetischen ~Stimmung~ bezeichnen. Es

fehlt nicht der Gedanke, es fehlt nicht die Wirklichkeit, es fehlt

nicht die Kritik. Aber das sind alles keine regierenden Mächte. Das

Regiment liegt in der Hand jenes wunderbaren Etwas, das sich jeder

Definition entzieht, jenes verklärenden Hauchs, der über den Dingen

liegt, manchmal sie leise verschleiernd, immer allzu harte Kanten,

allzu scharfe Konturen abmildernd, -- der Stimmung.

Selbstverständlich denke ich nicht daran, den Romanen, welche in der

nachromantischen Zeit bisher uns beschäftigt haben, die Stimmung

abzusprechen. Das sei ferne! Nur für manche derselben würde dies

Urteil allenfalls zutreffen, so etwa für Gutzkow, vielleicht auch

ein wenig für Freytag. Aber Immermanns Oberhof hat unfraglich seine

ganz besondere Stimmung, die patriarchalisch-würdige und doch

naturwüchsige Stimmung des alten Bauernhofs. Und wieviel Stimmung

liegt in Spielhagens Landschaftsschilderungen, in seiner Erzählung von

der hereinbrechenden Sturmflut! Nur eben -- bei ihnen allen ist nicht

die Stimmung das Ausschlaggebende, das Hauptsächliche, sondern das

nüchterne wirkliche Leben.

Nun aber hat auch dieser Geist Jean Pauls, der Geist der herrschenden

Stimmung, nicht lange schlafen können. Er hat eine fröhliche

Auferstehung gefeiert. Ein Roman, eine Novelle ward dem deutschen

Volke geschenkt, die man getrost als ~Stimmungsroman und

-Novelle~ bezeichnen darf. Wir danken die Werke dieser Art nicht

~einem~ Meister allein; und, wie nur natürlich, die Novelle zeigt

sich hier zahlreicher auf dem Plan als der Roman selbst. Aber auch er

fehlt nicht; ~Wilhelm Raabe~ schuf ihn, und ihm stehen zur Seite

der Novellist ~Theodor Storm~ und ~Peter Rosegger~.

Ein merkwürdiges Buch, diese »~Chronik der Sperlingsgasse~«,

die ~Raabe~ als erstes Werk seiner Muse 1857 in die Welt

hinaussendete. Merkwürdig aber nicht wegen absonderlicher

Ereignisse, die darin eine Rolle spielten. Von nervenaufregenden

Schauergeschichten ist Raabe kein Freund. Auch was der Chronist der

Sperlingsgasse erzählt, ist darum einfach und schlicht, beinahe

alltäglich. Zwei Freunde, ein Student der Philosophie und ein Maler,

und ein Kind, ein Mädchen ...... Der Student berichtet ganz knapp, was

geschehen, wie er als Greis auf das Vergangene niederblickt:

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 10 / 17 段