Und so glaube ich denn in der Tat, das Recht der Teilung des

Zeitromans in einen tendenziösen und einen objektiven oder doch

objektiveren praktisch erwiesen zu haben. Ich gestehe, daß gerade

die Existenz dieser letzteren Gattung mir, wenn ich die lange

Entwickelungsreihe des deutschen Romans durchmustere, eine ganz

besondere Freude bereitet. Nicht als ob der Tendenzroman an sich

minderwertig wäre: vor diesem Urteil bleiben wir hoffentlich so lange

bewahrt, als wir dem freien Mann im Dichter seine freie Meinung

gönnen. Aber je mehr die Tendenz ihm den freien, klaren Blick für

das Wirkliche raubt, umsomehr leidet in der Tat die Kunst unter der

Absicht. Da jubelt dann der mit Wirklichkeitssinn ausgestattete Leser,

wenn er auf ein Gemälde trifft, das des Künstlers Herzensstellung wohl

erkennen läßt, das aber in Farbe und Entwurf einfache, reine Natur

atmet. Und wenn nun solches Gemälde, ohne gerade in Zeitstreitigkeiten

tief hineinzugreifen, doch diese unsere Zeit mit ihren feinsten

Regungen wiederzugeben weiß, dann fühlt man den hohen Wert desselben.

Ein Spiegelbild ist's: Zeit, erkenne dich selbst! Ein Kritiker wirds:

sieh zu, wo dein Fehler steckt! Ein Mahner bleibts: such dir die

Menschen, die unserer Zeit vorwärts helfen!

Wie auf anderen Gebieten, so hat auch auf diesem der deutsche Roman

kein völlig eigensprossendes Wachstum gehabt. Allerdings: hier ist

vielleicht seine tiefste Sonderart, sein eigentliches deutsches

Wesen am klarsten zu schauen: deutsche Gründlichkeit und Genauigkeit

verbinden sich mit deutscher Gemütstiefe und Herzenswärme. So in

»Soll und Haben«, so im »Stechlin«. Und auch deutsche Vorbilder

haben eingewirkt: Wilhelm Meister, auch der Werther. Aber außerdem

ist englischer Einfluß unverkennbar: Dickens hat sehr stark

herübergewirkt. Und zwar Dickens mit seiner realistischen Kraft und

mit seiner plastischen Einzelkunst. In »Soll und Haben« wird man

hundertfach an Dickens erinnert, vielleicht nirgends deutlicher als

in der Episode, in welcher Anton Wohlfart die energische Absicht

zeigt, den Herrn von Fink auf Pistolen zu fordern. Und ist es Zufall,

daß gerade dort auch Freytag sich ein paarmal des uns von Dickens

her so vertraut klingenden Wortes »Gentleman« in ebendemselben

gutmütig-humorvollen Sinne bedient, in dem jener es gebraucht hat?

Bei alledem aber muß festgehalten werden: ~der Zeitroman mit seinem

hellen Tageslicht, seiner unromantischen Wahrheitsliebe, seiner

umfassenden, manchmal beinahe nüchternen Gründlichkeit ist und bleibt

doch im Grund eine Schöpfung deutschen Geistes~.

Der historische Roman.

Wie die erzählende Dichtung die Wirklichkeit zu erfassen suchte, indem

sie ~vergangenes Leben~ neu erweckte, -- das Thema ist unendlich

reich, denn historische Romane besitzen wir in Fülle. Und ob auch hier

mit unterläuft, was man getrost der Vergessenheit anheimfallen lassen

kann, ohne sich groß zu versündigen, -- zwei Gründe zwingen doch,

bei Betrachtung des Heerzuges des historischen Romans durch das 19.

Jahrhundert verhältnismäßig häufig anzuhalten. Der eine Grund: die

Zahl der bedeutenden Schöpfungen ist auf diesem Gebiet nicht gering.

Der andere Grund: auch minder Bedeutendes hat durch die Gunst der

Lesewelt Anspruch auf Beachtung, mindestens auf Kritik erworben.

Vielleicht könnte man darüber streiten, ob tatsächlich das Suchen

nach Wirklichkeit das treibende Motiv des historischen Romans

bilde. Denn auch die Romantik griff in die Tiefen der Geschichte.

Und zwar nicht bloß mit jener Novelle »Michael Kohlhaas«, sondern

auch mit Werken größeren Stils. ~Ludwig Achim von Arnim~

ließ 1817 den ersten Band des mittelalterlichen Romans »~Die

Kronenwächter~« erscheinen (Band 2 ist Bruchstück geblieben). Und

wer traut der Romantik Sinn für die Wirklichkeit zu? Auch haftet

den »Kronenwächtern« sicher genug Unwirklich-Romantisches an. Aber

so wunderbar ist die Macht der Geschichte auch über das Gemüt eines

Romantikers, daß er doch die Wahrheit sich selbst zur Führerin

erkor. Freilich: »Dichtungen sind ~nicht Wahrheit, wie wir sie von

der Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern~, sie

wären nicht das, was wir suchen, was uns sucht, wenn sie der Erde in

Wirklichkeit ganz gehören könnten, denn sie alle führen die irdisch

entfremdete Welt zu ewiger Gemeinschaft zurück.« Aber dieselbe Vorrede

des Dichters, die diese Worte enthält, fordert für die Dichtung die

höchste Wahrheit: »Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt,

mehr wert in Höhe und Tiefe der Weisheit und Lust als alles, was in

der Geschichte laut geworden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu

nahe, als daß sie den Zeitgenossen deutlich würde, aber die Geschichte

in ihrer höchsten Wahrheit gibt den Nachkommen ahnungsreiche Bilder

...«

Wir stimmen dem zu, daß der Roman nicht gleiche Wahrheitspflicht

hat wie die Geschichte, daß es auf die höchste, die innere Wahrheit

ankommt. Und wir konstatieren, daß »Die Kronenwächter« bei allem

dichterischen Schwung, bei aller Romantik ihrer Handlung, bei aller

Unwahrscheinlichkeit ihrer Konzeption doch auch unter dem Banne der

höchsten Wahrheit gestanden haben. Nur ist es mehr die Wahrheit

mittelalterlicher Stimmung und Farbe, dazu die Wahrheit manches

realistischen Zugs, als die Wahrheit aller Einzelgestalten und des

Zusammenhangs, in den Menschen und Begebenheiten gestellt werden.

Neben Achim von Arnim stehen noch andere Romantiker, die

gleichfalls in vergangene Tage hineinzuführen gesucht haben. Da

ist ~Wilhelm Hauff~ mit seinem noch keineswegs verschollenen

»~Lichtenstein~« (1824), da ist ~Ludwig Tieck~ mit dem

unvollendet gebliebenen »~Aufruhr in den Cevennen~«. Aber

so hübsch der »Lichtenstein« zu lesen ist, -- als eigentlich

geschichtlicher Roman kann er nicht gelten. Der geschichtliche

Hintergrund bleibt in blasser Undeutlichkeit; was ist Sage? was

Geschichte? Ähnliches gilt aber von allen jenen Werken: poetischer

Zauber umhüllt uns, aber der feste Boden der Wirklichkeit entschwindet.

Wie viel näher steht der geschichtlichen Wirklichkeit der eigentliche

Bahnbrecher des modernen historischen Romans, der 1798 zu Breslau

geborene ~Willibald Alexis~, mit richtigem Namen W. Häring

genannt! Es ist kein Zufall, daß in ihm sich neue Kräfte regten, die

Geschichte fruchtbar zu machen. Der Geist Walter Scotts war in ihm

lebendig geworden. Seine ersten Romane gehen ganz in den Bahnen des

englischen Dichters. Aber etwa seit dem Erscheinen von »Cabanis« 1832

ward er dem Vorbild gegenüber selbständiger; und gerade die Vorliebe,

mit welcher er in die Vergangenheit eines engeren Gebiets, der Mark

Brandenburg, sich versenkte, hat diese Selbständigkeit gefördert. Ein

Buch wie »~Die Hosen des Herrn von Bredow~« (1846) wird heut

noch gern gelesen; derbe Natürlichkeit, massiver Humor und gemütvolle

Erzählerkunst haben uns da ein ganz prächtiges Werk beschert. Trotzdem

möchte ich eine kurze Charakteristik nicht an dies Buch anschließen,

das immerhin das Allgemein-Menschliche dem Geschichtlichen gegenüber

bevorzugt. Vielmehr verweile ich lieber einen Augenblick bei den

großen historischen Romanen und aus deren Schar bei dem »~Roland von

Berlin~« (1840). Mag »Der falsche Waldemar« sich die psychologische

Aufgabe schwieriger stellen, gerade »Der Roland« ist für Alexis

charakteristisch. ~Einmal~ in der Art, wie die Handlung

geführt ist. Manche Szene packt, und auch wer das Ganze überschaut,

findet fortschreitende Entwicklung, die das Ziel im Auge behält

und bestimmtem Abschlusse zuführt. Die romantische Träumerei hat

aufgehört, die Kraft wirklicher, notwendig fortschreitender Handlung

ist vorhanden. Die beiden eng verbundenen Städte Berlin und Köln an

der Spree liegen um die Mitte des 15. Jahrhunderts in bitterem Streit

miteinander, sodaß das Band, das sie verbindet, schier zerreißen will.

Zugleich tobt ein anderer Streit in den Mauern der Stadt: die Zünfte

hadern mit den Geschlechtern, die Bürger mit dem Rat. Und das in der

Zeit, in welcher die Gerechtsame der Stadt in heiliger Eintracht

gehütet werden müßten. Kurfürst Friedrich +II.+ der Eiserne

liegt auf der Lauer, eben diese Rechte unter die fürstliche Würde zu

beugen. Wie ihm das gelingt, das wird in mannigfach verschlungenen

Wegen berichtet. Wir wollen sie hier nicht nachgehen. Genug: der

Bürgermeister von Berlin, Johannes Rathenow, dem der steinerne Roland

zu Berlin das Zeichen der eigenen Gerichtsbarkeit der Stadt ist, muß

es erleben, daß eben dieser steinerne Roland durch die Straßen der

Stadt geschleppt und in der Spree versenkt wird.

Was hier mit wenigen Sätzen angedeutet ist, ist selbstverständlich

nichts als der beherrschende Grundgedanke des dreibändigen Romans.

Die Füllung des Rahmens gewinnt Alexis von zwei Seiten her: aus

der minutiösen Schilderung vielfacher Einzelszenen und in ihnen

der Sitten und Art jener Zeit, und sodann aus dem Bericht über

die Schicksale einzelner Menschenkinder, insbesondere der Elsbeth

Rathenow, der schönen Tochter des stolzen Bürgermeisters, und des

Henning Mollner, der die Schöne zum Weibe begehrt. Einzelgeschick und

Gesamtgeschick sind mit kunstreicher Feinheit in einander verwoben;

keine Beschreibung führt vom Gange der Gesamthandlung ab oder tritt

unvermittelt oder wie überflüssig auf. Vielmehr ist alles zu einem

Ganzen geworden. Und doch ist der »Roland« nicht bloß ein Dokument

der Vorzüge dieser Kunst, sondern auch manches Fehlers derselben.

Wenige, die der Roman heute noch wirklich zu fesseln imstande wäre!

Warum? Weil der Gang der Handlung durch die Breite der Einzelszenen

doch ein schleppender geworden ist, -- weil es schwer wird, unter

allen den scheinbar wirren Ranken die leitenden Äste zu erkennen,

-- endlich wohl auch, weil der Fäden zu viel sind, die gleichzeitig

gezogen werden, und weil in der Darstellung selbst dem Leser nicht

immer genügend klare Wegweisungen für das Verhältnis des Einzelnen zum

Ganzen an die Hand gegeben werden.

Aber noch in einer anderen Richtung ist der »Roland von Berlin«

charakteristisch für die schriftstellerische Kunst seines Verfassers.

Er läßt uns die peinliche Treue wie die meisterhafte Deutlichkeit

seiner Detailschilderung merken. Hierin liegt in der Tat seine Stärke.

Es ist nicht möglich, hier solche Kabinettstücke der Kleinkunst

probeweise wiederzugeben: auch darin ist Alexis so breit, so minutiös,

daß der Raum dafür nicht reicht. Aber wer den Roland gelesen, der

lasse sich erinnern an das alte Rathaus zwischen Berlin und Köln mit

seinem bunt verzierten Oberbau und den vielen zierlichen Türmchen.

»Die Türmchen, nicht zur Verteidigung, es war nur Spielwerk, schauten

nach allen Stadtteilen; der mächtige, aber vielfach ausgezackte Giebel

aber war dem Spreeflusse zugewandt. Er durfte nach keiner der beiden

Städte blicken. Wäre es doch zu Ungunsten der einen oder anderen

gewesen. Das litt keine. Darauf gab man viel im Mittelalter und

fürchtete und scheute das Spiel des Zufalls.« Es sei erinnert an die

Beschreibung der stürmischen Ratssitzung, in welcher Niklas Perwenitz

zu vermitteln sucht, an den Weg des Bürgermeisters durchs Straßenleben

der Stadt nach dem Schummschen Hause in Köln, an das unübertrefflich

drastisch gemalte Fest beim Ratsherrn Thomas Wyns und an anderes mehr.

Viel zu breit ist manche der Szenen, aber lebendig, anschaulich und

wahr sind sie alle.

Ja ~wahr~! Das ist das dritte, was im Roland den Meister erkennen

lehrt. Hier ist realistische Treue, gepaart mit kräftigem Humor,

auch wohl im Gewand satirischer Überlegenheit, aber eben Treue.

Keine Treue, die ihre Aufgabe darin sieht, ~alles~ zu sagen.

Aber doch eine Treue, die das, was sie sagt, dem Leben abgelauscht

hat. Du liebes kleines Berlin-Köln aus der Zeit Friedrichs des

Eisernen! Du mit deinem stolzen Eigenbewußtsein und dem starren

Selbständigkeitsgefühl! Was sind deine Ratsherrn für mächtige Leute

gewesen, und welcher Reichtum hat in deinen Mauern sich geborgen!

Wie steif ist dein Nacken schon dazumal gewesen, wie kritisch dein

Verstand gegen alles, was von oben kam! Wie haben deine Bürger bei

aller Würde doch auch zu lachen gewußt; und was für lose Mäuler haben

ihre Witze gerissen! Es ist das Berlin des Mittelalters, welches der

Roland erstehen läßt; aber wir zweifeln nicht: es ist der richtige

Vorfahr des Berlin von heute!

Wilibald Alexis hat dem historischen Roman endgültig die Bahn

gebrochen. Wer seine Werke vor allem auf die Kraft der Spannung,

auf gedrungene Zusammenfassung, kurz auf die Kunst der Gestaltung

des Ganzen ansähe, würde oft enttäuscht sein. Wer aber das Einzelne

ansieht, die Plastik der Kleinmalerei und die Schönheit des

Gesamtbildes der Zeiten, die er beschreibt, der wird ihn immer mit

Bewunderung nennen. Nun ist dem Durchschnittsromanleser freilich

nichts schrecklicher, als wenn der Autor zu breit wird; und wer

möchte nicht zugeben, daß der Fehler groß ist? Aber anderseits

sollten ausdauernde Naturen von feinem historischem Geschmack doch

immer wieder einmal auf ihn zurückgreifen. Denn in der Art, wie er

die Geschichte für die Dichtung genützt hat, steht er, obwohl erst

Bahnbrecher, doch bereits auf der Höhe.

Überschauen wir nun das weite Feld des historischen Romans nach

W. Alexis, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts! Als

gemeinsames Charakteristikum stelle ich fest: der romantische Zauber

ist abgestreift, manchmal auch der poetische Duft; jedenfalls droht

von daher der nüchternen Erfassung der Wirklichkeit keine Gefahr mehr.

Wer für jenen Zauber Sinn hat, mag wohl trauern, daß er dahin ist;

er gibt doch tatsächlich einen eigenen Reiz. Wenn er nur überall zu

gunsten der geschichtlichen Wirklichkeit sein Reich verloren hätte!

Aber es haben längst nicht alle Dichter von W. Alexis ernstlich

gelernt.

Lassen Sie mich Ihnen zuerst diejenige Linie in der Geschichte des

historischen Romans weiterführen, welche eine wirkliche Entwicklung

zur Vollendung hin am merkbarsten spüren läßt! Das ist die Linie,

welche von W. Alexis her über ~Scheffel~ und ~Riehl~ auf

~Freytag~ hinführt, in ihm aber keineswegs ihr Ende erreicht.

Was hier kurz zu skizzieren ist, das ist die Entwicklung des

~kulturhistorischen Romans~.

Wie unendlich verschieden kann die Methode sein, in welcher der

Romanschriftsteller Geschichte und Dichtung vermählt! Das kann ja

scheinbar geschehen, ohne daß von der Geschichte mehr entlehnt wird

als der äußere oder gar äußerste Rahmen. Statt daß man die Jahreszahl

1800 und so und so viel an den Anfang setzt, greift man eben ein paar

Jahrhunderte zurück. Irgend eine Größe der gewählten Zeit muß in

ein paar Szenen auftreten, -- aber mit Vorsicht, damit man nicht in

Konflikt mit der Geschichte komme. Der Stand und Beruf, die Kleidung

und etwa noch die Sprache der handelnden Personen wird ein wenig in

altmodisches Gewand gehüllt, wobei es weiter keine Rolle spielt, ob

jemals Leute auf dem Erdenrund so gesprochen haben, wie die Figuren

im sogenannten geschichtlichen Roman. Sodann wird eine Anzahl Zutaten

hereingegeben -- ein bischen Heldenmut aus den Kreuzzügen, ein Quantum

Glaubenstreue aus der Reformationszeit oder eine Portion Kriegsgreuel

aus dem dreißigjährigen Krieg. Und wenn nun noch der nötige Pfeffer

nicht fehlt, um die Sache zu würzen, und ein Stückchen Zwiebel dabei

ist, das die Tränen lockt, dann stürzt sich die Leserschar auf den

»herrlichen historischen Roman«. Aber die Maskerade kann den ernsten

Beurteiler nicht täuschen. Wann wäre je einer dadurch ein Ritter

geworden, daß er sich eine Rüstung übergeworfen und mächtig mit dem

Harnisch geklirrt hat?

Aber warum entwerfe ich hier diese Karikatur eines historischen

Romans? Lediglich, um durch den Gegensatz das Bild des

kulturhistorischen Romans schärfer herauszustellen. Vom Februar 1855

ist das Vorwort datiert, welches ~Josef Viktor von Scheffel~

seinem »~Ekkehard~« mitgegeben hat. Dies Vorwort bestimmt

es scharf und klar als die Aufgabe des historischen Romans, im

gegebenen Raum eine Reihe Gestalten scharf gezeichnet und farbenhell

vorüberzuführen, »~also daß im Leben und Ringen und Leiden der

Einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraums sich wie zum Spiegelbild

zusammenfaßt~.«

Scheffel verlangt für den Roman die Anerkennung als ebenbürtigen

Bruder der Geschichte; aber dem Roman, dem diese Anerkennung gebühren

soll, mutet er auch zu, daß er auf historischen Studien ruhen muß.

Von seinem »Ekkehard« meint er: »Daß nicht viel darin gesagt ist, was

sich nicht auf gewissenhafte kulturgeschichtliche Studien stützt,

darf wohl behauptet werden, wenn auch Personen und Jahrzahlen,

vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges in einander verschoben

werden.« Und in der Tat, -- indem er diese geschichtliche Sicherheit

mit nicht weniger als 285 gelehrten Anmerkungen stützt, ist er der

Geschichts~wissenschaft~ fast zu sehr entgegenkommen.

Das Beste ist nun freilich, daß uns Scheffel nicht bloß ein Programm

gegeben, sondern daß er eben dies Programm auch trefflichst ausgeführt

hat.

Wer jene Anmerkungen liest, dem kann bange werden, ob er nicht einem

pedantischen Gelehrten in die Hände gefallen sei. Aber das Bangen

ist unnütz. Im »Ekkehard« pulsiert so frisches, munteres Leben wie

in wenigen anderen Büchern. Er selber erzählt, wie ihm dies Leben

erwachsen ist. Die alten Quellen hat er studiert: da »hob und baute

es sich empor wie Turm und Mauern des alten Gotteshauses St. Gallen,

viel altersgraue ehrwürdige Häupter wandelten in den Kreuzgängen

auf und ab, hinter den alten Handschriften saßen die, die sie einst

geschrieben, die Klosterschüler tummelten sich im Hofe, Horasang

ertönte aus dem Tor und des Wächters Hornruf vom Turme. Vor allen

anderen aber trat leuchtend hervor jene hohe gestrenge Frau, die

sich den jugendschönen Lehrer aus des heiligen Gallus Klosterfrieden

entführte, um auf ihrem Basaltfelsen am Bodensee klassischen Dichtern

eine Stätte sinniger Pflege zu bereiten ...«

Wir wissen aber, welche Fülle anderer Gestalten den »Ekkehard« belebt:

fürstliche Burggenossen -- vom Kämmerer Spazzo und der Griechin

Praxedis bis zur Gänsehirtin Hadumoth, daneben Weltpriester und

Waldfrau, und nicht zuletzt der wimmelnden Hunnen Gewühl. Wir wissen

alle, wie diese Gestalten Leben bekommen, wie die ganze Zeit des 10.

Jahrhunderts, wie die ganze Gegend dort am Bodensee in ihnen Leben

gewinnt. Und wer hätte sich nicht schon an der Form erfreut, in

welcher Scheffel jenes dunkle Jahrhundert erweckt hat?

Die Schwerfälligkeit eines W. Alexis ist gründlich überwunden, die

Handlung ist kräftig zusammengefaßt und fesselnd gestaltet, Brauch

und Sitte sind selten besonders beschrieben, -- die Handlung selbst

läßt sie erkennen. Das Ganze ist durchweht von goldenem Humor. Wir

danken dem Dichter, daß er ein wirkliches, echtes Kulturbild gegeben,

und verschmerzen es auch, daß er es für nötig befunden hat, diese

Echtheit ein bischen aufdringlich zu bescheinigen; wir freuen uns

über die Leichtigkeit der Behandlung, den Fluß der Darstellung,

die Anmut der Schilderung. Denn von der Vorstellung sind wir doch

hoffentlich los, als ob alles, was tüchtig ist, langweilig sein müßte!

-- Der »Ekkehard« ist ein Buch des deutschen Volks geworden, mag man

sonst über Scheffels Poesie denken, wie man will. Ein Arno Holz, der

Scheffels Gedichte gar nicht leiden mag, singt an seine Adresse:

»-- Jahrzehnte lagen sie uns zur Last,

Deine altdeutsch jodelnden Leute.«

Aber er fährt fort:

»~Doch daß Du den Ekkhart geschrieben hast,

Das danken wir Dir noch heute!~« --

Nicht eben weit ab von Scheffels Programm ist dasjenige, welches

~Wilhelm Riehl~ 1856, ein Jahr später, bei der Herausgabe

seiner ersten »~Kulturgeschichtlichen Novellen~« aufgestellt

hat. Zu diesem Programm gehört, daß die handelnden Personen

selbst nicht geschichtlicher Überlieferung entstammen, sondern

freigeformte Charaktere sind. Gerade so glaubt Riehl am besten die

Gesittungszustände, die Kultur eines bestimmten Zeitabschnitts

darstellen zu können. Aus diesen Kulturzuständen heraus müssen

die Menschen selbst mit ihrem Wesen, ihren Leidenschaften, ihren

Konflikten geschaffen sein. In Wirklichkeit ist diese Forderung

im wesentlichen schon im »Ekkehard« erfüllt, wenngleich Scheffel

überlieferte geschichtliche Namen lebendig gemacht, nicht eigens neue

Gestalten geschaffen hat. Ist das wirklich ein großer Unterschied?

Wenn man Riehls Absicht recht versteht, so ist sein Programm

doch als der schärfste Gegensatz zu jenem vorhin geschilderten

äußerlich-historischen Roman zu verstehen, der sich an große Namen

und große Zeiten anlehnt, aber damit der Geschichte genug getan

zu haben glaubt. Er überspannt den Gegensatz: gar nichts, was in

der sog. Geschichte eine Rolle spielt, sondern ~nur Kultur~!

Sicher ist auch sein Programm berechtigt, aber nicht als das einzig

richtige, sondern als eins, das neben sich das eng verwandte

Scheffelsche Programm sehr gut verträgt. Ja, es dürfte so stehen,

daß Riehls Programm kaum weiter reicht als für die kulturhistorische

~Novelle~. Der Roman, der weiter ausholt, der nicht bloß ein

Bildchen, sondern ein großes, weites Bild geben will, kann nicht

~bloß~ bei jenen Gestalten stehen bleiben, welche die Phantasie

frei als Träger bestimmter Zeitkultur erfunden hat. Er muß weiter

greifen, und zwar ins geschichtlich Überlieferte hinein. Sonst

würde er schließlich selber sein Programm der geschichtlichen Treue

verleugnen.

Die Novellen, welche Riehl selbst in großer Zahl geschaffen hat, geben

ganz im Sinn seiner Absicht treffliche, feine, kleine Einzelbilder

aus der deutschen Vergangenheit. Sie sind nicht so graziös wie der

»Ekkehard«; man merkt etwas deutlicher den Gelehrten. Aber sie sind

überall fesselnd und graben bei aller Kleinheit überall in die Tiefe

des geschichtlichen Lebens hinein. Sie verdienten mehr Beachtung, als

ihnen gemeinhin zu teil wird.

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 9 / 17 段