können wir noch nicht scheiden. Allerdings ist es unmöglich, die Fülle
der Gesichte hier erstehen zu lassen, die seine übrigen größeren Werke
bieten: sein »~Martin Salander~«, der die politischen Fäden des
»Grünen Heinrich« weiterführt, der aber noch breiter ausführt, ohne
gleiche Kraft und Tiefe zu zeigen, und der nach meinem Empfinden
in der Darstellung erheblich weniger ansprechend, in Zeichnung und
Räsonnement erheblich trockener ist, wennschon ein Hauch von biederem
Bürgersinn den, der dafür Verständnis hat, erfrischend anweht;
so ferner seine »~Sieben Legenden~« und seine »~Züricher
Novellen~«. Wohl aber gilts, einen Augenblick zu verweilen bei
jener berühmt gewordenen Novellensammlung, welche den Titel führt:
»~Die Leute von Seldwyla~« (zuerst 1856). Ein sonderbares
Städtchen, dies Seldwyla. Leichtsinn haben seine Bewohner in gehöriger
Portion. Sie leben gemütlich und ohne sich zu überanstrengen, sie
tun überall mit, wo etwas los ist, aber sie fehlen, wo es rechter
Ernst ist, sie verstehen das Geldausgeben vorzüglich, aber das
Geldverdienen ist ihnen zu mühsam; sie machen Bankrott, wenn sie in
den besten Jahren sind, und angeln als Ausgediente zum Nahrungserwerb
und zum Zeitvertreib. Aus diesem guten Städtchen der Phrasenhelden
und Maulgrößen, der politischen Windmühlen und der moralischen
Unbesorgtheit zeichnet Keller mit scharfem Stift, mit bitterer
Satire und mit derber Moral eine Reihe von Charaktertypen. Da ist
~Pankraz der Schmoller~, ein eigensinniger und zum Schmollen
geneigter Junge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt
nichts tat oder lernte, der aber dann in den Lehrjahren seines
Lebens die Schmollerei verlernt. Er kommt ins Ausland; in Indien
verliebt er sich in ein kokettes Mädchen, das nicht ruht, bis seine
Liebe weißglühend geworden ist, um ihn dann ganz gehörig ablaufen zu
lassen. In Afrika hat er ein Löwenabenteuer. Stundenlang muß er,
der Waffe beraubt, dem Löwen unbeweglich fest ins Auge sehen, bis
Hilfe kommt. So wird er vom Schmollen kuriert. -- Da sind »~die
drei gerechten Kammmacher~«, wahre Ausbunde von Solidität und
Tugend, die alle drei ein Kammmachergeschäft, in dem sie arbeiten,
nach des Besitzers bevorstehendem Bankerott erwerben wollen und, um
nur bleiben zu können, sich vom Meister drücken und schinden lassen.
Sie wollen alle drei ein ebenso pedantisches Mädchen heiraten, das
einen Batzen Geld hat und das keiner dem andern gönnt. Endlich kommt
die Entscheidung; von dreien darf nur einer im Geschäft bleiben. Wer?
darüber soll ein lächerlicher Wettlauf entscheiden. Zwei schießen, in
einander verbissen, am Ziel vorüber, der dritte gibt das Laufen auf,
sichert sich das Mädchen und bekommt mit dessen Geld das Geschäft.
Da gehen die Unterlegenen hin: der eine hängt sich auf, der andere
wird ein Liederjahn. -- Da ist ferner ~Frau Regel Amrain~, eine
kluge Frau und noch klügere Mutter, die alle Schäden, an welchen
Seldwyla krankt, wohl übersieht und darum ihren Jüngsten, in dem sie
am meisten Hoffnungsgrund für zukünftige Entwicklung merkt, zu einem
Mann heranzieht, der jenen Torheiten entwächst und, statt zu werden
wie die andern, lieber fleißig, sittsam und tatkräftig sein und seiner
Familie Wohl, auch nicht zuletzt das Wohl der Allgemeinheit fördern
soll. -- Da begegnen wir »~Romeo und Julia auf dem Dorf~«, --
eine Geschichte vom Zwist zweier bäuerlicher Nachbarn, die sich um
ein Nichts verfeindet haben und nun die Fehde bis zum völligen Ruin
beider Familien fortführen. Der Sohn der einen und die Tochter der
andern Familie aber haben sich lieb und gehen schließlich gemeinsam
in den Tod, -- nicht ohne vorher in freiem Entschluß ohne den Segen
der Eltern und ohne die Ordnung der Sitte Hochzeit gefeiert zu
haben. -- Aber wozu von jeder einzelnen dieser Novellen erzählen?
Sie sind allesamt echte Kinder der Kellerschen Muse. Jeder liest
sie gern in einer Stunde, die dem Nachdenken nicht allzu abhold
sein darf. Jeder spürt in ihnen die Feinheit der Beobachtung, die
Anschaulichkeit der Darstellung, die Tiefe der Gedanken und den Ernst
des Urteils. Jeder freut sich der klaren Art, ein begrenztes Bild oder
Bildchen menschlichen Lebens und Treibens herauszuarbeiten und den
Faden der Handlung, die nur manchmal etwas sehr in die Breite geht,
festzuhalten. Es sind Novellen, die zugleich fesseln und zu denken
geben; und eine große Summe Lebensweisheit steckt in ihnen. Etwas von
den Leuten von Seldwyla findet sich ja schließlich auch sonst auf
der Welt! Immerhin will ich mit einem Bekenntnis nicht zurückhalten.
So gewiß es richtig ist, daß Keller mit den besten Stücken dieser
Sammlung gleich alles, was seine Vorgänger und Zeitgenossen auf dem
Gebiet der Novelle bisher geleistet haben, übertrifft, so wenig
kann ich ohne Einschränkung ein Urteil unterschreiben wie das, nach
welchem sie »große und freie Poesie« sind, »von einer bedeutenden,
wenn auch eigen gewachsenen Persönlichkeit getragen, von reichster
künstlerischer Durchbildung, ebenso wahr und tief wie fein.« Mag
vieles in diesem Urteil zutreffen, eins ist darin vergessen: der
moralisierende Ton, der zuweilen etwas geradezu Pedantisches hat.
»Frau Regel Amrain und ihr Jüngster« kann geradezu eine pädagogische
Novelle genannt werden. Aber auch die anderen Stücke haben diese
erziehliche Art. Und Keller hat es ~nicht~ immer verstanden,
seine Moral ins Gewand »großer und freier Poesie« zu kleiden; er wird
zum Kritiker, zum Schulmeister, zum Erzieher und vergißt dabei doch
manches Mal den Dichter. Etwas von dieser Art findet sich in allen
Werken Kellers; es hat mit dazu beigetragen, sie zu Zeitromanen und
Zeitnovellen zu machen; denn was er kritisiert, sind ja Zeitsünden,
Zeitschwächen. Aber ihren dichterischen Wert hat es nicht gehoben.
Auch »Die Leute von Seldwyla« habe ich in die Gruppe der Zeitdichtung
eingereiht: aus eben diesem jetzt angeführten Grund. Schweizer
Bürgerleben in seinen Schwächen bildet überall den Hintergrund der
Novellen. In die großen, flutenden Bewegungen der Zeit führen sie
freilich nur gelegentlich ein. Aber muß ein Zeitroman wirklich das
Ganze der Zeit umspannen? Wir warfen die Frage schon früher auf,
aus Anlaß der Vorrede zu Gutzkows »Rittern vom Geist«; und wir
beantworteten sie mit Nein. Muß ein Zeitroman auch nur die großen,
weltbewegenden oder doch staatenerschütternden Strömungen skizzieren?
Gibt er nicht auch ein Bild seiner Zeit, wenn er irgend ein konkretes
Einzelgebiet herausgreift und zu intimer, lebendig-wahrer Darstellung
bringt, selbst wenn es mit jenen politischen Strömungen nichts oder
wenig zu tun hat? Den besten Beweis, daß auch ein solcher Zeitroman
auf der Höhe stehen kann, gibt ~Gustav Freytags~ Buch »~Soll
und Haben~«, das ein Jahr später als »Der grüne Heinrich« und ein
Jahr früher als »Die Leute von Seldwyla« erschienen ist. Die Gestalten
dieses Buchs stehen Ihnen allen vor Augen; Andeutungen werden
daher zur Begründung meines Urteils ausreichen. Ins Weltgetriebe
führt Freytag mit der polnischen Insurrektion, die der Kaufmann
Schröter und Anton Wohlfart aus eigener Anschauung kennen lernen.
Aber Freytags Interesse in diesem Roman ist nirgends politisch;
auch jene polnischen Zustände kommen fast nur in ihrer Rückwirkung
auf die Geschicke der Handlung T. O. Schröter, Kolonialwaren und
Produkte, zur Geltung, daneben lediglich noch in ihrem Einfluß auf
die persönliche Charakterbildung Anton Wohlfarts selbst. Die Firma
T. O. Schröter in der Hauptstadt der Ostprovinz steht unbestritten
im Mittelpunkt. Das Großkaufhaus in Breslau -- diese Stadt ist
bekanntlich gemeint -- mit allen seinen Insassen und Angestellten
macht uns zugleich mit Lebensart und -Haltung der Kreise bekannt,
die in ihm ihren Mittelpunkt haben. -- Außerdem lernen wir in
Veitel Itzig und Ehrenthal Typen unehrlicher Geschäftspraktiken
kennen, in Hippus den Typus des abgefeimten Winkelkonsulenten,
in der Familie von Rothsattel und in dem Tanzzirkel der Frau von
Baldereck die Kreise des Landadels und des Offiziersstandes, in Fink
den weiterblickenden, amerikanisierten Weltmann, der zugleich die
strenge Lebenseinfachheit des deutschen Kaufmannsstandes aufgegeben
hat. Sabine Schröter ist ein Bild zugleich deutscher Hausfrauenart
und edler Weiblichkeit. Vielleicht ist das Gesichtsfeld des Romans
nicht allzu weit; weit ~genug~ ists auf alle Fälle. Das solide
Bürgertum der deutschen Stadt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts,
mit Konzentration aller Interessen auf Beruf und Arbeit, mit
keiner anderen Poesie als derjenigen eben dieses Berufs und dieser
Arbeit, aber darum nicht ohne Gemüt und nicht ohne Herz, wird dem
unsoliden Wuchertum wie dem glänzenden, aber minder fest auf der
Arbeit aufgebauten gesellschaftlichen Leben der aristokratischen
Kreise gegenübergestellt. Ist das kein Gegenstand, der für das Leben
einer bestimmten Zeit charakteristisch wäre? Sehen wir nicht ganzen
Schichten des deutschen Volkes ins Herz?
Die Art, wie Freytag schildert, ist ganz und gar geeignet, ein
wirkliches, klares und deutliches Bild eben dieser Schichten zu geben.
Am meisten ausgeführt ist dasjenige der Firma T. O. Schröter. Hier
ist er peinlich genau, bis ins Einzelne treu. Er erspart dem Leser
nicht die gründlichste Beschreibung der Handelsbeziehungen und des
Arbeitsbetriebs in dem großen Kaufhause. Er führt uns durch beinah
sämtliche Räume desselben, durchs Kontor, den eigentlichen Herzpunkt,
durch die Kellerräume, in denen die Waren lagern, durch die Wohn- und
Prunkräume des ersten Stockwerks, wo die Angestellten mit der Familie
des Prinzipals die Mittagsmahlzeit einnehmen, durch die Wohnzimmer
des Hinterhauses, in denen Buchhalter und Kommis ihre bescheidenen
Wohnstätten haben, durch Hof und Hausflur, wo Herr Pix die Auflader
und Hausknechte regiert. Er zeichnet Charakterbilder von jedem
Einzelnen der beteiligten Männer, von dem bescheidenen Liebold bis zum
Aufladerobersten Sturm und dem Allerweltsfaktotum Karl. Er nötigt uns,
die zeitraubenden Verhandlungen mit Schmeie Tinkeles anzuhören, und
er vergönnt uns, die Tätigkeit des ersten Buchhalters mitzuempfinden.
Wer wollte leugnen, daß ihm die Wahrheit den Pinsel geführt hat?
Vielleicht ist Sturm, der Oberste der Auflader, ein bischen zu rühr-
und redselig gezeichnet; vielleicht treten interne Psychologika,
soweit sie nicht die Entwicklung der Menschen zu Geschäftsleuten
betreffen, allzusehr zurück. Aber gerade das Geschäftsleben gewinnt
durch diese Einseitigkeit; es ist ein prächtiges Bild, das Freytag von
ihm gezeichnet hat.
Aber auch alles Andere an diesem Roman ist treu und wahr. Freytags
Liebe gehört ja ohne Frage ~diesen~ Menschen, vor allem dem
braven und treuen, fleißigen und sorgfältigen, warmherzigen und
tieffühlenden Anton Wohlfart. Um so höher ist es ihm anzurechnen,
daß er es völlig vermieden hat, um seiner Lieblinge willen die
andern Kreise zu karikieren. Man vergleiche getrost die Adelskreise
in Spielhagens »Problematischen Naturen« mit den Rothsattels bei
Freytag, ja mit der Frau von Baldereck und der Gräfin Pontak, mit
den Leutnants von Zernitz und von Tönnchen! Die jungen Herren aus
dieser Umgebung kommen nicht gerade gut weg. Aber dem jungen Kaufmann
imponiert »ihre Art zu sprechen und sich zu geberden, vor allem eine
gewisse ritterliche Atmosphäre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas
Stallluft und viel von dem Aroma der Weinstube.« Und als Wohlfart
später nach ernsthaft bewiesener, mutvoller Unerschrockenheit in Polen
wieder mit einem Kreis von Offizieren zusammenkommt, da freut er sich
des freien Verkehrs mit anspruchsvollen Menschen und läßt sich gern
in den Zauber eines Kreises ziehen, welcher ihm für frei, glänzend und
schön gilt. Und selbst der Leutnant von Rothsattel, der ein bischen
reichlich stolz gewesen, erhält nun noch das Prädikat: »im Grunde
ein verzogener, leichtsinniger, gutmütiger Mensch.« Und die übrige
Familie von Rothsattel, der edle Freiherr voran, die prächtige Mutter
nicht hinter ihm, die reizende, mutige, frische Lenore mit ihnen,
gibt ein treffliches Konterfei schlesischen Grundadels, wennschon
uns Jetzigen die geringe Gewandtheit des Freiherrn in geschäftlichen
Angelegenheiten recht sonderbar vorkommt. Kurz, Freytag hat den
Fehler vermieden, zu gunsten einer Menschenklasse andere ins Unrecht
zu setzen; und wenn es in der Welt seines Romans im allgemeinen
bürgerlich ordentlich, ehrbar und anständig zugeht, so hat er
doch das gute Recht, gerade solche ordentlichen Menschenschichten
zum Gegenstand seines Bildes zu machen. Die Schwächen jener
bürgerlich-kaufmännischen Lebensauffassung läßt er ja keineswegs
zurücktreten: etwas Pedantisches, etwas Philisterhaftes klebt ihr an;
frei, glänzend und schön gestaltet sie das Leben nicht; aber ernst ist
sie und reizlos ist sie auch nicht. Hören wir unsern Anton Wohlfart:
»Ich weiß mir gar nichts, was so interessant ist, als das Geschäft.
Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe von zahllosen Fäden, die
sich von einem Menschen zu dem andern, über Land und Meer, aus einem
Weltteil in den anderen spinnen. Sie hängen sich an jeden Einzelnen
und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen,
und alles, was uns umgibt, führt uns die merkwürdigsten Begebenheiten
aller fremden Länder und jede menschliche Tätigkeit vor die Augen;
dadurch wird alles anziehend. Und da ich das Gefühl habe, daß auch
ich mit helfe, und, so wenig ich auch vermag, doch dazu beitrage, daß
jeder Mensch mit jedem anderen Menschen in fortwährender Verbindung
erhalten wird, so kann ich wohl vergnügt über meine Tätigkeit sein.
Wenn ich einen Sack mit Kaffee auf die Wage setze, so knüpfe ich einen
unsichtbaren Faden zwischen der Kolonistentochter in Brasilien, welche
die Bohnen abgepflückt hat, und dem jungen Bauerburschen, der sie zum
Frühstück trinkt, und wenn ich einen Zimtstengel in die Hand nehme, so
sehe ich auf der einen Seite den Malayen kauern, der ihn zubereitet
und einpackt, und auf der anderen Seite ein altes Mütterchen aus
unserer Vorstadt, das ihn über den Reisbrei reibt.«
Und so wenig der ernste Mensch über diese Poesie der Kolonialwaren
wird lächeln dürfen, so wenig kann er Antons weitere These bestreiten:
»Wer ein ehrliches Geschäft hat, kann von unserm Leben nicht schlecht
denken, er wird immer Gelegenheit haben, Schönes und Großartiges darin
zu finden.«
Was endlich an »Soll und Haben« rühmend hervorzuheben ist, das ist
die Technik des Aufbaus. In dieser Hinsicht bezeichnet der Roman
einen entschiedenen Fortschritt gegenüber Gutzkow und auch gegenüber
Keller, vielleicht in mancher Hinsicht sogar gegenüber Spielhagens
»Problematischen Naturen«. Gutzkow war breit und ließ die Handlung
in zahllose lange Gespräche zerfließen; für lange Zeiten waren die
Menschen für ihn nur dazu da, um ihre Ansichten einander möglichst
offenherzig zu erzählen. Auch bei Freytag fehlen die Gespräche nicht;
was ich eben an Urteilen über den Kaufmannsstand anführte, entstammt
einem solchen. Aber sie treten zurück gegenüber dem Handeln. Das
ist nicht immer ein Handeln im großen Stil; Ereignisse häufen sich
nicht; es ist ein Geschehen im kleinen und kleinsten Maßstab; aber es
charakterisiert und es fesselt. Bei Gutzkow Unwahrscheinlichkeiten
und Abenteuerlichkeiten im äußeren Verlauf; bei Freytag ruhige, wenn
auch nicht immer ganz folgerichtige Entwicklung auf solidem Unterbau.
Und während Kellers »Grüner Heinrich« zeitweis den Charakter des
Memoirenwerks trägt, gab Freytag seinem »Soll und Haben« auch in der
Form mit aller Kunst ganz den Charakter des Romans. Ein einzelnes
Menschenkind, Anton Wohlfart, eint in seiner Person die mannigfachen
Fäden der Entwicklung: er ist mit Leib und Seele im Kontor bei T. O.
Schröter, er beteiligt sich am Tanzkränzchen der Frau von Baldereck,
er schwärmt für Lenore von Rothsattel, er verkehrt mit Bernhard
Ehrenthal. Und so zersplittert sich das Interesse nicht; es begleitet
die Entwicklung in Aufmerksamkeit und Spannung durch alle Stadien
hindurch. Bald führt das eine Kapitel den Leser zu T. O. Schröter,
bald das andere ins Geschäft zum Ehrenthal, bald das dritte ins
Stammschloß der Rothsattel. Aber alle diese Einzelentwicklungen
gestalten sich schließlich zu einem großen Ganzen und finden nach
spannenden Akten ihren Abschluß, einen richtigen, Ruhe gebenden
Abschluß. Verglichen mit den »Problematischen Naturen« Spielhagens ist
Freytags »Soll und Haben« nach seiner Technik insofern im Vorteil,
als hier nicht das geheimnisvolle Hineinwirken einer spät entdeckten
vergangenen Tatsache zum Abschluß hilft, sondern einfache, klare,
folgerichtige Durchführung der in der Anlage gegebenen Ansätze.
Somit kann es nur mit Freude begrüßt werden, daß »Soll und Haben«
eins der Lieblingsbücher der deutschen Gebildeten geworden ist. Auch
vom modernen Standpunkt des Naturalismus +sans phrase+ aus soll
man uns das Buch nicht verleiden. Es bleibt des Dichters gutes Recht,
sein Thema so zu begrenzen, daß gewisse Tiefen nicht aufgerührt
werden. Er begibt sich damit der Möglichkeit, problematische Naturen
mit ihren Sonderbarkeiten zu zeichnen, feinädrige psychologische
Probleme zu behandeln, und auch des anderen, einen Beitrag zur
Lösung von Fragen der Politik oder der Weltanschauung zu geben.
Aber er bringt nichtsdestoweniger ein Zeitbild, ein Bild tüchtigen,
fleißigen Strebens, und er bringts in annähernd objektiver Weise,
ohne allzustarke Satire, ohne Geißelhiebe nach rechts oder links, aber
nicht ohne einen gewissen Humor, mag derselbe auch etwas nach dem
Kontor schmecken.
Ein Werk in der Art von »Soll und Haben« ist Freytag nicht wieder
gelungen. »Die verlorene Handschrift« erreicht nicht entfernt die
gleiche Höhe. Der Gelehrte, welcher die Handschrift sucht und darüber
jeden praktischen Blick verliert, mag ja ein Produkt deutschen
Wissensdranges sein. Aber wir fühlen es alle: er eignet sich weit
mehr zum Objekt der witzigen Professorenanekdoten, wie sie ja von
Mund zu Mund gehen, als zum Mittelpunkt eines großen Romans. Dazu
ist er in seiner ganzen Art doch nicht genug Typus jener gründlichen
Gelehrsamkeit, wie wir sie als eine Spezies unseres Vaterlandes
schätzen und lieben. Der große Zyklus »Die Ahnen« aber wird an anderer
Stelle zu würdigen sein.
Vom objektiveren Zeitroman wollte ich reden. Unter Preisgabe der
Politik hat Freytag eine hohe Objektivität erreicht. Wie steht es
mit dem Zeitroman in späteren Zeiten? Finden wir nicht auch unter
seinen Schöpfungen noch manches, was die Tendenz zurücktreten
läßt? Ich glaube, das sogar von einigen Werken ~Spielhagens~
behaupten zu dürfen. Nicht von dem 1887 erschienenen »~Was will das
werden?~«, dem Anti-Bismarck, gilt das, -- auch nicht von »~Der
neue Pharao~« von 1889, der die neue Zeit, die Zeit Bismarckschen
Einflusses mit schwarzen Farben malt. Aber bis zu einem gewissen Grad
ists ihm in der »~Sturmflut~« gelungen, einem Werk von wunderbar
packender Kraft, einem der besten des Meisters, in dem Reichtum der
Gedanken und Aktualität der Meinungsäußerung sich mit imposanter
Kunst der Entwicklung und Durchführung einer vielgestaltigen Handlung
vereinigen. Sturmflut bricht herein -- über das deutsche Volk: eine
Flut von Gold im Milliardensegen nach dem französischen Krieg, eine
Flut von Schwindel in Handel und Wandel, eine Flut von Verderbnis
im sittlichen Leben der Familien und der Einzelnen. Sturmflut bricht
herein -- über die Bewohner des Ostseestrandes und mit ihnen über
ein Liebespaar, das die Schuld jener anderen Sturmflut auch auf sich
geladen hat. Und wie die Bilder von dieser letzten, natürlichen
Sturmflut zu dem Gewaltigsten gehören, was unsere Romanliteratur
besitzt, so fehlt auch der Schilderung der Sturmflut roten Goldes und
sittlichen Verfalls nicht die drastische Anschaulichkeit und nicht die
innere Wahrheit. Obgleich Spielhagen sich und seine Tendenzen niemals
ganz verleugnen kann, so hat er doch in diesem Buch auch den von ihm
sonst mit Vorliebe befehdeten Adelskreisen ein wenig mehr ihr Recht
gegeben. Auch in diesem Roman kann man, was Einzelzeichnung betrifft,
manches finden, was mit der Wirklichkeit streitet; Spielhagen bringt
es nicht fertig, einen Geistlichen anders zu zeichnen denn als einen
gefühlsrohen und bornierten Fanatiker; und auch der Jesuit der
»Sturmflut« ist allzu phantastisch herausstaffiert. Aber jedenfalls
trifft die »Sturmflut« besser das Kolorit der Wirklichkeit als manches
andere Produkt der Spielhagenschen Muse. Hier hat die unmittelbare
Anschauung, die Gewalt seines Stoffs, die ernste sittliche Haltung
gegenüber dem Schwindel und der Haltlosigkeit ihm die richtigen Farben
in den Pinsel gegeben.
Zeitromane objektiveren Charakters hat das Ende des 19. Jahrhunderts
noch in Fülle gebracht. Lassen Sie mich nur noch die Bilder aus den
Ostseeprovinzen nennen, welche ~Theodor Hermann Pantenius~ von
übrigens christlicher und konservativer Weltanschauung aus gezeichnet
hat. Und lassen Sie mich mit besonderer Freude des Dichters gedenken,
der es wie keiner verstanden hat, das Leben der Mark Brandenburg
anschaulich darzustellen: des feinsinnigen ~Theodor Fontane~.
Nicht alle seine zahlreichen Romane sind von gleichem Wert. Vor allem,
sie sind nicht sämtlich Zeitromane im vollen Sinne des Wortes. Sein
»Vor dem Sturm« wird uns im nächsten Vortrag beschäftigen; hier gilt,
was ins volle Leben der Gegenwart eingreift. Da hat auch Fontane
nicht überall den Kreis weit gespannt, so weit, wie ein Zeitroman
es nun einmal muß: über Schichten der Menschheit, über Klassen der
Gesellschaft, über das Leben wenigstens eines ganzen Standes hin.
Er bleibt zuweilen im engeren Umkreis des mehr Persönlichen, das
keinen Anspruch darauf hat, für typisch zu gelten. Das hindert nicht,
eben diese Dichtungen für Werke von hohem künstlerischen Wert zu
erklären. Aber in dem Zusammenhang dieser Bilder haben wir ihm auch
als einem Manne der Zeit und einem Künstler der Zeit unsern Tribut
zu geben. Man hat bei seiner »Effi Briest« so gut wie bei seiner
»Jenny Treibel« durchaus das Gefühl, daß er seine Gestalten nicht
bloß nach der Seite des Allgemein-Menschlichen hin, sondern auch
nach ihrer Eigenschaft als Glieder bestimmter Kreise hin als Träger
allgemein geteilter Anschauungen charakterisiert. Effi Briest: das
Landedelhaus, das ländliche Pfarrhaus und Kantorhaus! Die geselligen
und gesellschaftlichen Verhältnisse in der pommerschen Kleinstadt!
Die Familienverhältnisse im Haus des vornehmen Beamten! »Effi Briest«
ist nicht lediglich Zeitschilderung; auch nach dem psychologischen
Problem, welches hier zur Behandlung kommt, muß uns das Buch noch
beschäftigen. Aber ganz und gar Zeitbild ist »Jenny Treibel«. Die
gute Jenny Treibel mit ihrem wundervollen Idealismus und ihrem
wunderbaren Realismus, mit ihren trefflichen Theorien und ihrer
brutalen Praxis! Berliner Großstadtleben! Berliner Wohlstand und
Mittelstand! Berliner Millionärsgefühle im Herzen einer liebenden
Mutter! Und wieder nicht so, daß es heißen müßte: so sind sie alle.
Aber wieder so, daß man sagen muß: diese Jenny Treibel ist mindestens
kein Original, sondern sie hat eine Schar gleichgestimmter Schwestern
in Berlin +W.+ und anderswo auch! -- Das umfassendste Zeitbild
aber gibt Fontanes »~Stechlin~«. Hier steht im Mittelpunkt der
märkische Edelmann, Herr von Stechlin, ein Mann von alter preußischer
Art, mit patriarchalischen Neigungen, mit vornehmer Denkweise, mit
konservativer Grundrichtung, dabei aber keineswegs ohne moderne
Regungen. Im Gegenteil, manchmal ists, als sei die Tradition nur
Schale, und der Kern sei ganz modern. Von pietistischer Frömmigkeit
will er nicht viel wissen; ein einfaches männliches Christentum ist
seine Sache, ein bischen undogmatisch sogar und doch wieder nicht ganz
ohne jene Beimischung von Aberglauben, die der Dichter so sehr liebt.
Neben ihm, wenn auch viel knapper skizziert, andere Vertreter des
gleichen Standes, sein Sohn mit etlichen Freunden als Repräsentant des
gediegenen jungen Offiziers, die alte würdige Stiftsdame im adeligen
Fräuleinstift, der mit liberalen Anschauungen durchtränkte frühere
hohe Beamte, die Pastoren: der schlichte, ein bischen ketzerische,
sogar sozial denkende Landpfarrer Lorenzen, der weltgewandte,
streberische Superintendent Koseleger, der prächtige Hofprediger
Frommel in Originalaufnahme. Dazu Typen des Landvolks in einzelnen,
aber ausgezeichnet getroffenen Porträts. Das ganze Bild greift nicht
tief hinein in die Fragen, welche die Welt bewegen, obschon sie in
manchem Gespräch ihre Rolle spielen. Im Grunde will Fontane weiter
nichts, als durch solche Aeußerungen die Denkweise seiner Figuren
beleuchten. Ihm liegt hier alles an der Schilderung, wenig oder nichts
an der Handlung. In der ersteren aber ist er Meister. Man kann nicht
richtig schildern, wenn man nicht auf das kleinste achtet; Fontane ist
der begeisterte Freund feinster Kleinmalerei, in ihr und zugleich in
der Objektivität derselben mit Gustav Freytag verwandt. Man wird ja
bald der Mittel inne, die er braucht, um seinen Zweck zu erreichen. Er
legt Gewicht aufs Milieu; der Mensch hängt eben von seiner Umgebung
ab. Das Schloß, besser Herrenhaus, des alten Stechlin muß darum
gründlich beschrieben werden, nicht etwa unter dem Gesichtswinkel
berauschender Romantik, sondern unter dem der naturwahren Zeichnung.
Die Dienerschaft gehört zum Schloß; alte Faktota geben ihm mit
seinen Charakter. Die Kuriositätensammlung muß besichtigt werden;
wie könnte man einen Mann kennen, ohne seine Schrullen zu kennen?
Zeigt er seine Lieblinge nicht mit Grandezza oder mit Pedanterie,
spricht er von ihnen mit ruhigem Humor, so gibt das eine wichtige
Bereicherung unseres Wissens über seinen Charakter. Auf dem Land kann
der Gutsherr nicht gezeichnet werden, wenn man ihn nicht nimmt, wie
er sich der Umgebung gegenüber gibt: im Verkehr mit hoch und weniger
hoch geborenen Nachbarn -- daher ihrer einige beim alten Stechlin auch
zu Tische erscheinen --, im Verkehr mit dem Pastor -- daher Lorenzen
seine in diesem Zusammenhang unbedingt richtige Stelle erhält; im
Verkehr mit dem Lehrer und endlich mit den sonderbaren Gestalten,
wie sie jedes Dorf aufweist. Desgleichen gebührt der Landschaft und
ihren Eigenheiten Beachtung. Wer auf dem Landschloß zu Gast ist,
besichtigt die Sehenswürdigkeiten, voran die Kirche und den See
Stechlin, um den Sagengewirr sich gerankt hat, wie denn jede Gegend
ihre landschaftlichen Geheimüberlieferungen besitzt. So führt Fontane,
der Kleinmaler, seinen Pinsel. So zaubert er aus dem märkischen
Sand Bilder von bestechender Liebenswürdigkeit, von gewinnender
Gediegenheit, aber auch von wunderbarer Treue.
Wirklich von wunderbarer Treue? Aber steht nicht auch Fontane im Bann
seiner stark ausgeprägten Individualität? Merkt man nicht auf jeder
Seite seine Liebe für die Mark, die märkischen Junker, die märkischen
Kirchen und Landpfarrer, die märkischen Landleute? Klingt nicht aus
allen seinen Romanen dieselbe Stimmung des eigenen Gebundenseins an
die Mark wie aus jenem schlichten Vers unseres Dichters:
Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut;
Meine Gräber liegen weit zerstreut;
Weit zerstreut über Stadt und Land,
Aber alle im märkischen Sand!
Daß diese Heimatsliebe ihm die Feder geführt hat, wird niemandem zu
bezweifeln einfallen. Und es bleibt ja auch richtig, daß Fontane
ebenso wie Freytag bei allem Realismus doch immer dem eigentlichen
Naturalismus ferngeblieben ist; manche Gebiete menschlicher Art und
Sitte bleiben für beide außer Ansatz. Sie zeichnen mit Vollendung
das Leben, wie es sich dem scharfen Beobachter gibt, aber einem
Beobachter, der nicht ans Licht zieht, was in der Regel sich selber
mit Finsternis bedeckt. Nur muß man gerade Fontane unbedingt
zugeben, daß er alles getan hat, um in dem Leser das falsche Gefühl
~nicht~ aufkommen zu lassen, als bestünden solche Schattenseiten
und solche dunkelen Einschläge nicht. Man merkt es wohl, daß er
absichtlich an ihnen vorüberführt. Und es gibt manchen Leser, der ihm
das danken wird. Naturtreu bleibt darum seine Dichtung doch.
* * * * *