Sie sind dem Dichter wirklich nicht die Hauptsache. Im Gegenteil; sie
sind ihm in erster und letzter Linie nur die Träger seiner Ideen.
Auf der Gedankenwelt, welche sie äußern und glücklicherweise bis
zu einem gewissen Grad auch betätigen, liegt alles Gewicht. Zwei
große Heerlager stehen einander gegenüber: die »Kinder der Welt«
und die »Kinder Gottes«. Einige Typen der »Kinder Gottes« mögen
voranstehen. Die Professorin Valentin ist das Muster einer streng
christlichen, in der Liebestätigkeit unermüdlich tätigen Dame.
Zahllose Vereine absorbieren ihre Zeit. Aber auch in der Liebe ist
sie sittenrichterlich streng. Ein gefallenes Mädchen, das sie früher
beschäftigt, findet bei ihr keine Arbeit mehr; wohl aber bekommt es
ein paar Taler und eine Empfehlung an ein Asyl. Dogmatisch denkt
sie sehr eng; jede freie Richtung ist ihr verhaßt; ein heiliger
Bekehrungseifer, rege Sorge um anderer Seelenheil mischt sich
mit inniger persönlicher Anteilnahme am Geschick Nahestehender.
Heuchlerischer Frömmigkeit gegenüber fehlt ihr unterscheidende
Menschenkenntnis. Ein Typus, der zu den gelungensten des Romans
gehört, wenngleich mancher Einzelzug gemildert werden müßte. -- Ein
braver, edler Mensch und Christ ist der Maler König, Leas Vater.
Schlichte, demütige Frömmigkeit scheint Heyse in ihm verkörpern
zu wollen. Und zwar verbindet sie sich mit der wärmsten Liebe zu
den Seinen. Sollte in diesem Charakter angedeutet werden, wie die
christliche Demut zu weit gehn kann? Aber wir dürfen doch jene andere
Szene nicht vergessen, da die Familie mit einem für Lea in Aussicht
genommenen frommen Schwiegersohn im öffentlichen Gartenlokal durch
die Witzeleien der am Nachbartisch die schöne Lea beobachtenden
Offiziere getränkt wird. Der Bewerber findet den Mut zur Abwehr nicht,
aber König selber findet ihn und erringt in vornehm-ruhiger Abwehr den
entschiedenen Sieg. -- Von anderem Schlage ist der Kandidat Lorinser,
dem seine mystische Frömmigkeit Deckmantel der abgefeimtesten
Bosheit ist, der an Aufdringlichkeit, Heuchelei und Scheußlichkeit
das Menschenmögliche leistet, dem keine Reinheit unberührbar und
keine Wohltätigkeit unbetrügbar ist. Soll dieses Scheusal von einem
Menschen die Theologen versinnbildlichen? Es scheint fast, daß er als
bezeichnend für einen Teil derselben gelten soll; sonst findet sich
nur noch das flüchtig hingeworfene Porträt eines zweiten Geistlichen,
der ~gegen~ den Wunsch des Angehörigen (man staune!) am Grabe von
Edwins herrlichem Bruder Balder erscheint und nichts als harte Worte
über Unglauben und ähnliches zu reden weiß. Gänzlich verzeichnete,
völlig verunglückte Charakterbilder! -- Endlich noch ein »Kind
Gottes«, eine Fürstin, ein »Kindskopf«, der theologisiert, eine
reizende blonde Gauklerin, ohne Charakter, die aber beständig von
Calvinismus, Irvingianismus und Herrnhutern peroriert; alles in allem
eine wenig wahrscheinliche Figur.
Den »Kindern Gottes« stehen die »Kinder der Welt« gegenüber. Gott sei
Dank! So wird dem Leser doch ordentlich wohl! Es sind ja auch ein paar
Leute darunter, die ihre Schwächen haben. Der Arzt Marquardt z. B.,
dessen sittliches Leben ein bischen zügellos ist und der eigentlich
auch den Luxus etwas weit treibt. Und dann jene Leutnants, die eine
ehrbare Dame beleidigen. Aber das sind ja selbstverständlich nur ein
paar Ausnahmen. Selbst jener Marquardt ist doch ein aufopfernder,
hilfsbereiter, selbstloser Freund. Und die anderen »Kinder der Welt«,
-- in deren Nähe wird jedem heimisch. Was für ein Prachtexemplar von
einem jungen Gelehrten, dieser Edwin! Welche Anspruchslosigkeit,
Bescheidenheit! Welch gänzlicher Mangel an Strebertum! Geld,
Gehalt, Avancement, Anstellung, alles Nebensache. Geld hat er auch
nie; trotzdem fährt er übrigens beständig Droschke, statt zu Fuß
zu gehen. Gegen den Bruder ist er von zärtlichster Fürsorge, von
freundschaftlichster Offenheit, von tiefster Liebe, wennschon die
eigenen Herzensangelegenheiten ihn zeitweis das Leiden des Bruders
fast vergessen lassen. Er ist von tadelloser sittlicher Reinheit;
seine eheliche Treue besiegt auch die schwerste Versuchung; er wird
stets ein musterhafter Gatte und Vater sein. Bei alledem ist er ein
Freidenker, ohne Glauben an Gott und Ewigkeit, ein Philosoph, der mit
jedem Glauben gebrochen hat. -- Weniger gelehrt, aber ebenso ungläubig
ist sein Bruder Balder, der anziehendste aller dieser Charaktere,
ein Mensch von völliger Reinheit, von zartester Empfindung, von
selbstverleugnender Bruderliebe. Er stirbt jung; und das ist ein Zug
richtigen dichterischen Taktes. Menschen von solcher überirdischen
Art gehören auf die Erde nicht. -- Edwins Gattin Lea kann gleichfalls
nicht glauben. Sie ist ein tief angelegtes, grüblerisches Gemüt. In
der Liebe zu Edwin verzehrt sie sich; erst als er den Weg zu ihr
findet, lebt sie wieder auf. Dann wird sie eine verständnisvolle
Gattin, eine beglückte, liebende Mutter. -- Eine problematische Natur
ist Toinette, über deren äußere Verhältnisse schon die Skizze des
Inhalts das Nötigste gesagt hat. Sie ist ein Zwitter von fürstlicher
Hoheit und Großartigkeit einerseits, von bürgerlicher Liebe und Treue
anderseits. Ihr fester Wille ist: nur in der Liebe gehören einem
Mann. Daß sie dennoch dem Grafen folgt, den sie ~nicht~ liebt,
findet freilich kaum eine halbe Erklärung. Aber dann kehrt sie, zumal
nach des einzigen Kindes Tod, zur Treue gegen sich selbst zurück. »Es
gibt nur eine Vornehmheit, sich selber treu zu bleiben«. Sie ist ein
»tapferes, freigeborenes Herz«.
Übergehen wir die anderen »Kinder der Welt«, die aufopfernden
Freunde Mohr und Franzelius, die einsame und dann doch in der Ehe
glückliche Christiane, das Reginchen und wie sie sonst heißen! Wir
wollen auch nicht untersuchen, ob die einzelnen Charaktere nach dem
Leben gezeichnet sind; eine Anzahl Fragezeichen wären da allerdings
zu machen. Nur eins soll konstatiert werden: in der Zeichnung und
Gegenüberstellung der »Kinder Gottes« und der »Kinder der Welt«
zeigt sich kein Ablauschen der Wirklichkeit, sondern faustdicke
Tendenzmalerei. Dem Dichter lag alles dran, seine Weltanschauung von
recht vielen möglichst sympathischen Personen tragen und aussprechen
zu lassen. Und diese Weltanschauung ist die der »Kinder der Welt«. So
spricht Toinette sie einmal aus:
-- »Wie soll sie verstehen, was mich den Gedanken, alles, was ich
leide, sei die Veranstaltung eines allwissenden, allmächtigen und
doch allerbarmenden Vaters, mit Hohn oder Abscheu zurückweisen läßt!
Wenn die Elemente meines Wesens, die mich vom Glück ausschließen,
durch eine große, blinde Fügung des Weltlaufs sich gefunden und
vereinigt haben und ich an dieser schlimmen Konstellation zugrunde
gehen muß, -- so ist das fatal, aber kein unerträglicher Gedanke. Ein
Gottvater, der mich unsägliches Geschöpf +de coeur léger+ oder
auch aus pädagogischer Weisheit so traurig zwischen Himmel und Erde
herumlaufen ließe, um mir später einmal für die verpfuschte Zeit eine
Gratifikation in der Ewigkeit zukommen zu lassen, -- nein, lieber
Freund, alle durchlauchtige und undurchlauchtige Theologie kann mir
das nicht plausibel machen.«
Zur Ergänzung dienen die Worte, mit denen das Buch schließt:
»Ist da (in unseren Menschenschicksalen) nicht Wonne und Weh
untrennbar verbunden und in den höchsten Augenblicken zu einer reinen
Stimmung verklärt, in der wir uns über unser kleines Selbst erheben,
der Schmerzen spotten und zu groß und feierlich empfinden, um uns zu
freuen? O Liebste, eine Welt, in der wir uns bis zu diesem Triumph
über das Schicksal, das eigene und das unserer Geliebten, aufschwingen
dürfen, in der das Tragische vom Hauch der Schönheit verklärt wird und
mitten im Schauder über den Tod die höchste Lebenswonne uns durchbebt,
bis Tränen unsere Brust erleichtern -- eine solche Welt ist nicht
trostlos. Komm, wir wollen ins Leben zurück, zu unserm Kind, zu den
Freunden. Wie sagt mein alter Freund Catull? »Laß uns leben, Geliebte,
laß uns lieben!««
Nicht um Recht oder Unrecht dieser Weltanschauung handelt es sich
hier, sondern darum, daß Heyse zwischen Freunden und Gegnern dieser
Anschauung Licht und Schatten in unerträglich parteiischer Weise
verteilt hat. Dort fast alles Licht und blendendes Licht, hier fast
nur Schatten. Dort Engel, hier Teufel. Dagegen protestiert die
Wahrheit. Sein Roman ist von Bartels völlig richtig charakterisiert
als »eine sittliche Tat, ein unerschrockenes Glaubensbekenntnis, aber
freilich zugleich ein Zeugnis, wie fremd Heyse allezeit dem wirklichen
Leben gegenüberstand, und als Kunstwerk verfehlt.«
Drei recht verschiedene tendenziöse Zeitromane führte ich auf,
verschieden an Inhalt und an Kunstwert. In der ~Form~ dieser
Art Romane hat Spielhagen das Vollendetste geschaffen; an Umfang und
Treue der Zeichnung steht er hinter Gutzkow zurück. Heyse aber liegt
noch stärker im Banne der Tendenz. Aber es gibt auch einen Zeitroman
im großen Stile, der der Objektivität den Vorrang vor der Tendenz
zugesteht. Und erst in ihm erringt der Zeitroman seine höchste Blüte.
Der objektivere Zeitroman.
Schon die Erwägungen, welche der vorige Vortrag anstellte, führten zu
der vorsichtigeren Unterscheidung von mehr oder minder tendenziösen
Romanen oder von Romanen, bei denen die Tendenz über die Wirklichkeit
siegt, und von solchen, in denen die Wirklichkeit oberster Richter
bleibt. Man kann dieselbe Unterscheidung auch mit anderen Worten
auszudrücken versuchen, indem man das Unterscheidungsmerkmal dahinein
setzt, ~ob der Dichter sich über seinen Stoff zu erheben weiß oder
nicht~. Wo haben wir solche?
Ein Zeitroman, der ganz Zeit und ganz Person und doch nicht ganz
Tendenz ist, ist ~Gottfried Kellers~ »~Der grüne Heinrich~«
vom Jahre 1854. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß »Der grüne
Heinrich« die persönlichsten Erlebnisse Kellers wiedergibt. Das trifft
gewiß in weitem Umfang zu. ~Lediglich~ solche persönlichen
Erfahrungen hat er aber nicht gegeben; Wahrheit und Dichtung
sind künstlerisch verwoben. Und in dem Persönlichen ist zugleich
Allgemeines dargestellt; wer in seiner Zeit mitlebt, ist ja in der
Regel ein Spiegelbild der Strömungen dieser Zeit. Auch Gottfried
Kellers Persönlichkeit ist das gewesen; und eben dadurch ist es auch
sein »Grüner Heinrich« in hohem Grade geworden. Das Persönliche aber,
welches diesem Werk anhaftet, gibt ihm nicht nur seinen eigenen Reiz,
sondern es ermöglicht auch jene schlichte Natürlichkeit, welche wir
bei Spielhagen und bei Heyse so sehr vermissen, jene Einfachheit, die
den Zeitromanen Gutzkows so ganz abgeht. Die klassische Ruhe, die
dem Ganzen den Charakter des Abgeklärten und Reifen gibt, ist durch
dies persönliche Moment keineswegs in Frage gestellt. Keller spricht
nicht als ein Suchender, dessen Seele von den aufgeworfenen Fragen
noch bewegt würde, sondern als einer, der gefunden hat. Und was er
durchlebt hat, ist wohl mit Anteilnahme an der eigenen Erinnerung, mit
einem Anhauch eigensten Mitempfindens erzählt, aber doch so, daß man
keinen Augenblick darüber im Zweifel bleibt: Es liegt ~hinter~
ihm und es liegt ~unter~ ihm.
Das Moment des Einfach-Natürlichen im »Grünen Heinrich« verbindet sich
zugleich mit dem des Ehrlichen und Wahren. Man höre, wie er selbst
seine Anschauung vom Wesen des Poetischen darlegt:
»Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen.
Ich hatte mir, ohne zu wissen, wann und wie, angewöhnt, alles,
was ich in Leben und Kunst als brauchbar, gut und schön befand,
poetisch zu nennen, und selbst die Gegenstände meines erwählten
Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht malerisch, sondern
immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse, welche
mich anregend berührten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der
Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen
Dinge poetisch oder der Widerspiegelung ihres Daseins wert macht;
aber in bezug auf manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte ich
nun, daß ~das Unbegreifliche und Unmögliche, das Abenteuerliche und
Überschwengliche nicht poetisch ist~, und daß, wie dort nur Ruhe
und Stille in der Bewegung, hier nur ~Schlichtheit und Ehrlichkeit
mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen, um etwas Poetisches
oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernünftiges
hervorzubringen~, mit Einem Wort, daß die sogenannte Zwecklosigkeit
der Kunst nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf.«
Mit dieser schönen Darlegung ist die Frage freilich nur eben
angerührt, welche später die Debatte über die naturalistische
Kunst, ihr Recht und ihr Unrecht, hervorrufen sollte, die Frage,
ob denn »~alle~ menschlichen Ereignisse« darstellungswürdig
und darstellungsfähig sind. Keller löst sie im Vorübergehen ganz
subjektiv: Alle Ereignisse, ~die ihn anregend berühren~, sind
poetisch, wenn sie nur schlicht und ehrlich sind. Praktisch lag darin
tatsächlich für ihn die Lösung: Unpoetisches regte ihn eben nicht an.
Von hohem Wert aber ist die ruhige Energie, mit der Keller Zweierlei
gleichsetzt: das Poetische einerseits, das Lebendige und Vernünftige
anderseits. Welche Kriegserklärung gegen alle Romantik! Vielleicht
läßt sich auch in bezug auf diese Gleichsetzung mit ihm rechten;
aber ihr Kern birgt eine heilige Wahrheit: ~Alle Dichtung muß wahr
sein!~
Der »grüne Heinrich«, so genannt nach der bevorzugten Farbe seiner
Kleidung, ist eines ehrsamen Schweizer Bürgers Sohn. Der Vater
stirbt jung; unter der Obhut der Mutter wächst er auf. Sie erzieht
ihn mit grenzenloser, aufopfernder Liebe, mit peinlichster Sorgfalt,
freilich nicht überall mit völligem Verständnis. Ich gestehe, daß
keine hohen Worte über Mutterliebe mir je so das Herz abgewonnen
haben wie die schlichte Schilderung, die der »grüne Heinrich«
vom Tun seiner Mutter gibt. Der Junge erlebt, was viele Kinder
erleben: Jugendfreundschaften, Schulfreuden und -Leiden, unnütze
Streiche. Von der Schule wird er relegiert, nicht ganz, aber doch
beinahe ohne eigene Schuld. Die bitteren Worte, die er hierüber zu
schreiben weiß, sind wohl ~zu~ bitter. Diese Entfernung von
der Schule gibt seinem Leben die Wendung. Er bummelt eine Weile
in der Mutter Heimatsdorf bei deren Verwandten; prächtige Bilder
hat er uns aus jener Zeit gegeben! Da ist das Landvolk, da ist die
Landarbeit in markigen Zügen geschildert; keine Idylle, erst recht
kein Schauerbild; schlichte Wirklichkeit, aus der Erinnerung eines
heranwachsenden Knaben, aber mit plastischer Kraft wiedergegeben. Dann
entschließt er sich, Maler zu werden. Er geht in die Lehre zu einem,
der die Malerei handwerksmäßig betreibt, lernt im Verkehr mit einem
Künstler, bei dem freilich der Wahnsinn schon vorleuchtet, manches
für seine Kunst, mehr noch in ernster Erfahrung fürs Leben, und hält
sich dann Malens halber in München auf. Die Beschreibung der Münchener
Erlebnisse in der Arbeit, im Vergnügen, im Umgang, in Entbehrung
und Verschwendung ist reichlich breit gehalten, befriedigt auch in
der Darstellung seiner Schicksale wenig. Neben dem künstlerischen
Streben geht eine innere Entwicklung her, teils von wissenschaftlichen
Vorlesungen, teils vom Leben beeinflußt. Ihren Abschluß findet diese
Weltanschauungsentwicklung, die übrigens mehr eine intellektuelle
als eine religiöse ist, im Schloß eines Grafen, in dem der »grüne
Heinrich«, ehe er nach dem Ende des Münchener Aufenthalts heimwärts
geht, längere Zeit verweilt. Zu Haus findet er die Mutter sterbend;
Reue erfaßt ihn, aber er wird endlich frei von dieser Reue und tritt,
die Kunst verlassend, in der er es zu nichts Rechtem gebracht, als
Beamter in den Dienst des Staats. Wie früher schon, so sind mit diesen
letzten Entwicklungsstadien reichliche Erörterungen politischer Art
verbunden. Endlich durchzieht das Ganze -- wie könnte es anders
sein? -- auch eine Art Entwicklungsgang der Stellung Heinrichs zu
den Frauen. Die Jugendgeliebte stirbt; in München hält er sich ihnen
im ganzen fern; jenes Grafen Töchterlein liebt er, aber er wagt die
Werbung nicht und findet es richtig, daß sie ihm verloren geht.
Mit einer merkwürdigen Frau, die ihm in der Zeit seines Dorflebens
eigentümlich nahegetreten, bleibt er in Liebe und Freundschaft nachher
innerlich verbunden, ohne daß sie äußerlich einander gehören.
Der Reichtum dieser Entwicklungsgänge, die das Allgemein-Menschliche
wie das Künstlerische, die Fragen der Weltanschauung wie der
Politik umfassen, gibt dem Buch den Charakter eines groß angelegten
Zeitromans. Wie das Hinzutreten des persönlichen Moments den Eindruck
des Ganzen fördert, das ist oben ausgeführt. Aber auch an Schwächen
fehlts nicht; und ich finde, daß sie stärker betont werden müssen, als
jezuweilen geschieht. Es fehlt an der klaren, raschen Zusammenfassung,
am straffen Gang einer einheitlich geformten Handlung. »Der grüne
Heinrich« ist mehr Memoirenwerk als Roman. Manche Partien sind zu
breit geraten; der Leser gewinnt den Eindruck, als wolle der Strom
ausufern. Die Reflexion hat nicht bloß etwas Kritisierendes; das
ist ja sehr gut und zeigt, wie Keller über seinem Stoff steht.
Sondern zuweilen kommt er ins Moralisieren, ja ins Schulmeistern im
unangenehmen Sinn des Wortes, geradezu ins Spießbürgerliche hinein.
Und dann vermissen wir diese Kritik, gerade weil sie im übrigen so
reichlich auftritt, um so mehr an anderen Punkten. Auf eins nur sei
hingewiesen. Die Art, wie Heinrich sich gegen seine Mutter verhält,
wie er sie darben und sorgen läßt für ihn und wie er das mühsamst
Abgesparte alsbald wieder losschlägt, noch mehr die Herzlosigkeit, mit
der er sie, die im Gedenken des einzigen Sohnes lebt, lange, lange
ohne jede Nachricht läßt, um sie dann nur noch sterbend anzutreffen,
diese Art ist durch die folgende Reuezeit nicht ausgeglichen. Hier
hört das Verständnis auf, völlig auf. Wie bitter spricht Keller
über die Schulbehörde, die ihm die Anstalt verwies! Aber wieviel
bitterer mußte er nun über sich selber urteilen! Hier ist er kalt,
ja hart. Und ein Alpdruck lastet von daher auf dem Leser. Auch das
Wichtigste, die religiöse Entwicklung, ist doch nicht überall mit
durchschlagender Kraft und Tiefe gezeichnet. Vielleicht nicht unwahr,
aber darum doch, wo mit halben Gedanken abgeschlossen wird, auch nicht
völlig befriedigend. Naturwissenschaftliche Erwägungen haben auf die
Gestaltung dieser Anschauungen Einfluß, aber die Entscheidung geben
persönliche Momente. Im Grafenschloß ists, wo diese Entscheidung
fällt; und die atheistische Dorothea wirkt auf ihn ein:
»Die Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens, ~durch
Dortchens Augen gesehen~, ließ mir die Welt bald ebenso in einem
stärkeren und tieferen Glanze erscheinen, wie es bei ihr der Fall
war; -- ein sehnsüchtiges Glücksgefühl durchschauerte mich, wenn ich
mir nur die Möglichkeit dachte, für das kurze Leben mit ihr in dieser
schönen Welt zusammen zu sein.«
Vielleicht entspricht die Schilderung der Lebenswirklichkeit. Solche
Einflüsse entscheiden zuweilen. Aber den denkenden Leser befriedigt
solche Entscheidung darum doch nicht.
Endlich noch eins: ~die eigene Entwicklung des Helden behält etwas
Unbefriedigendes~. Und das nicht etwa bloß mit Rücksicht auf die
~äußere~ Resultatlosigkeit der langen Malerzeit daheim und in
München. Vielmehr: der Leser empfindet deutlich, wie diese äußere
Resultatlosigkeit mit Mängeln des Charakters zusammenhängt. So wie
Keller den »grünen Heinrich« schildert, ist er vom Verbummeln nicht
mehr fern. Daß aus der Malerei nichts wird, ahnt der Leser längst,
längst, ehe der »grüne Heinrich« zur gleichen Erkenntnis kommt. Ein
bischen mehr Energie, ein bischen schärfere Selbstkritik, ein bischen
mehr Zielklarheit wünschten wir ihm. Keller selbst kritisiert diese
Entwicklung fast nur durch die Art, wie er sie beschreibt, während
er an anderen Punkten deutliche Worte ausdrücklichen Urteils findet.
Die endgültige Wendung im Charakter des Helden kommt etwas spät und
-- im Verhältnis zum Ganzen -- etwas rasch. Nicht jeder Leser wird
~diese~ Schwäche des »Grünen Heinrich« völlig zu überwinden
vermögen.