versuchen? Sie macht die Bedeutung des Romans nicht aus. Im Gegenteil;
sie ist neben der ungeheuerlichen Breite seine Schwäche. Die Handlung
angesehen, ist man versucht, dem Werk schlankweg den Titel des
Abenteurerromans zu geben. Vor allem ists nicht ~ein~ Faden,
den der Dichter verfolgt, sondern eine ganze Zahl. Nr. 1: Die Brüder
Wildungen glauben Anspruch auf Besitztum zu haben, das in Händen
des Templerordens war. Der eine der Beiden entdeckt die beweisenden
Urkunden, verschlossen in einem hölzernen Schrein. Eben dieser wird
ihm gestohlen. Er sucht ihn und erlebt auf der Suche Abenteuer um
Abenteuer. Er wird eines verkleideten Prinzen nächster Freund und
Duzbruder, wird selbst für eben diesen Prinzen gehalten, verliebt sich
in dasselbe Mädchen, welches der Bruder liebt. Endlich, endlich kommt
der Schrein zum Vorschein, der Prozeß wird gewonnen. Inzwischen ist
aber der eine Bruder ins Gefängnis geworfen, aus dem er abenteuerlich
befreit wird. Ein Feuer, das im Wirtshaus ausbricht, vernichtet den
Schrein. -- Nr. 2: Das Fürstentum Hohenberg ist vakant; der Erbe lebt
im Ausland, mag auch die Erbschaft nicht antreten, weil die Passiva
größer sind als die Aktiva. Als Handwerksbursch verkleidet, kommt er
doch in die Heimat, ins fürstliche Schloß. Dort will er sich eines
Bildes bemächtigen, in welchem wichtige Familienpapiere aufbewahrt
sind. Als Dieb wird er in den Turm geworfen. Jener Wildungen, der
dieses Prinzen Duzfreund so rasch geworden ist, nützt, um ihm das Bild
zu verschaffen, die Liebe seiner Angebeteten aus. Diese benützt listig
ein Rendezvous mit einer Exzellenz im Möbelwagen als Mittel, das
Bild zu beschaffen. Es kommt in die Hände des Prinzen; der Prinz ist
aber gar nicht der legitime fürstliche Erbe, sondern der Sproß eines
illegitimen Verhältnisses der Fürstin. Sein richtiger Vater ist gerade
aus Amerika heimgekehrt ... Der Pseudoprinz wird späterhin Minister.
Nr. 3: Im Haus eines angesehenen Justizrats wird ein Junge erzogen,
der, gleichfalls von illegitimer Geburt, Sohn einer vornehmen Dame und
eines Verbrechers, allerhand gefährliche Instinkte besitzt. Er bringt
die Tochter des Justizrats in Gefahr, er macht kostbare Pferde rasend,
indem er ihnen Spitzkugeln in die Ohren praktiziert, er nachtwandelt
in allen möglichen Situationen, erschreckt die justizrätliche Familie,
besonders jene Tochter; schließlich kommt er in eben jenem Brande
um, in welchem der Schrein sein Ende findet. Und an diese Nummern
1-3 könnte ich leicht weitere knüpfen. Aber zur Charakteristik des
Ganzen genügt es, wenn allenfalls noch hinzugefügt wird, daß die
Verwechselungen, die Mißverständnisse und endlich die Aufklärungen
der Handlung an mehr als einer Stelle auf die Sprünge helfen müssen.
Es leuchtet ohne weiteres ein, daß mit dieser Handlung kein Staat zu
machen ist. Was Gutzkow am alten Roman aussetzte, hat er selbst nicht
vermieden: klassische Unglaubwürdigkeit, farbenreiche Gebilde des
Falschen, Unmöglichen, willkürlich Vorausgesetzten. Er selber nannte
die Menschenexistenz im Durchschnitt erstaunlich harmlos. Und was für
Merkwürdigkeiten hat er dann -- nicht nacheinander, aber doch eng
nebeneinander -- gehäuft!
Die Bedeutung des Romans -- er besitzt solche trotz alledem --
liegt also anderswo. Sie liegt lediglich in dem Zeitbild, welches
er in bisher ungekannter Gründlichkeit gibt. Es entbehrt nicht der
Tendenz; hatte doch schon das Vorwort gesagt, der Dichter stelle
seine Beleuchtung der Welt derjenigen der Wirklichkeit gegenüber.
»Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu,
eigentümlich, ~leider~ polemisch.« Die eigene Stellung des
Dichters läßt aber doch auch die anderen Strömungen zu ihrem Rechte
kommen. Um das Preußen nach 1848 handelt sichs. Die Reaktion ist oben
auf; sie wird verdeutlicht durch den »Reubund«. Der hat es sich zur
Aufgabe gesetzt, durch Einwirkung auf die öffentliche Meinung dem
Fürstenhaus zu erkennen zu geben, daß das Volk die revolutionären
Stürme bereue. Die kirchliche Reaktion stellt Propst Gelbsattel
dar, ein Mann von konservativster Gesinnung, ein Bewunderer der
Jesuiten, die mit ihrer Organisationskunst und ihrer Lebenskraft
sich die Aufgabe gestellt haben, die geistige Herrschaft der Kirche
zu retten. Neben diesen prinzipiellen Vertretern der Reaktion stehen
Typen eines praktischen Realismus: an ihrer Spitze der Justizrat
Schlurck, der wohl »Anfälle von Aberglauben, ja von Mystik« hat, im
Grund aber ein völlig grundsatzloser Zweifler ist. »Die Staatsformen
wechseln, aber die Forellen bleiben,« das ist sein Grundsatz. »Ein
Mann in meiner Stellung, .... was kann der tun, wenn man ihm sagt:
Das Interesse des Staats verlangt jetzt auch Ihre Beihülfe! Auch
Sie müssen teilnehmen an der Wiederherstellung der Monarchie und
des sicheren Kraftgefühls der Regierung! .... Sehen Sie, schon das
ist ja etwas wert, wenn es die Reaktion durchsetzt, daß Einer mit
Behaglichkeit wieder in ein Bad reisen kann.« »Ich war Mitglied aller
Bibelgesellschaften, aller Missions-, aller Gustav-Adolfvereine. Ich
hielt mich anfangs zum konstitutionellen Angstklub, ich bin jetzt
Reubündler; was soll ich mich dabei aufhalten, den Leuten zu sagen,
warum .... ich es nicht bin.« Dem gleichen politischen Realismus
huldigt auch Pauline von Hardenberg, eine Schriftstellerin nach
Art der Jungdeutschen, dann plötzlich übertriebene Monarchistin,
Hauptanstifterin kontrerevolutionärer Schläge, schließlich aber
wieder Führerin der Fronde, weil ihr glühender Ehrgeiz nicht erfüllt
wird, zu den kleinen Zirkeln zu kommen, die sich um das Herrscherpaar
versammeln und in denen »das System« gemacht wird. Ihnen allen
gegenüber stehen die Ideen des jungen Prinzen, die er allerdings nicht
in die Praxis umsetzt. Auch er ist Neuerungen nicht abhold. »Solange
nicht die Arbeit selbst an den Thron für sich redend tritt und die
Bureaukratie aufhört, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit
zu sein, kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmänner,
die ihre Schule im Volke gemacht haben.« Der Staat darf sich nicht
nur auf die Institutionen der Gewalt stützen; er muß sich durch
den Schutz der Arbeit, der Industrie, des Handels, des Ackerbaus
befestigen. Der Adel ist nicht aufzuheben, sondern ihm ist das
natürliche Nachwuchssystem zu belassen. In manchem verwandt und doch
viel radikaler sind die Anschauungen Dankmars Wildungen, die des
Dichters eigene wiedergeben. Er vertritt die Demokratie. Fort mit den
Vorrechten des Adels nicht nur, sondern fort mit diesem selbst! Sonst
ist kein Heil für die Menschheit. Dies Heil liegt in der Fortbildung
der Freiheit. Mit dem Bestand von Dynastien könnte er sich aussöhnen,
wenn er darin diese Fortbildung gesichert sähe. Aber die Monarchie ist
ein Hindernis der Freiheit, denn sie züchtet durch Ehrenzeichen und
Titel die Eitelkeit. Anderseits will auch er keine Revolutionen, keine
allgemeine Zerstörung. Darum predigt er eine andere Gleichheit als die
der Volksversammlungen, als die des Pöbels. Die besonnene Demokratie
schwebt ihm als Ideal vor, und in ihrem Namen ruft er die Ritter vom
Geist zum Bund gegen die Reaktion auf. Die Einzelheiten dieses Bundes
sind etwas romantisch gedacht, aber wir können sie getrost beiseit
lassen.
Wir sehen: die Gedankenwelt des Romans führt uns tief, sehr tief
in die Politik. Ein Bild der politischen Zustände und Meinungen
gibt Gutzkow, das allseitig orientiert und mit staunenswerter Treue
durchgeführt ist. Das Preußen nach der Revolutionszeit, die Zustände
am Hof Friedrich Wilhelms +IV.+, die politischen Strömungen,
die Geistesrichtungen -- das alles ist scharf erfaßt und klar
wiedergegeben. Und das ist es, was diesen Roman vor vielen anderen
auszeichnet. Er ist in der Anlage der Handlung mißglückt, durch seine
unendliche Breite ungenießbar, er ist weitab von der Kunst, Handlung
und Mensch wirklich in Eins zu setzen und so die Handlung aus den
Menschen hervorgehen, die Menschen aus ihrem Handeln klarwerden zu
lassen. Aber er betont mit all seiner Einseitigkeit wirkungsvoll die
Aufgabe des Romans, ein wahres Weltbild zu geben. Und darum darf er
nicht vergessen sein.
Wir überspringen genau ein Jahrzehnt. Aus den Jahren 1860/61 bezw.
1863 stammt ein anderer, gleichfalls weitberühmter politischer
Tendenzroman, der aber in seiner Eigenart nicht nach den Gutzkowschen
beurteilt werden darf: ~Friedrich Spielhagens~ erster großer
Roman: »~Problematische Naturen~«, dessen Fortsetzung dann die
Bände »Durch Nacht zum Licht« bilden. Das Werk führt auf die Insel
Rügen, in die Kreise des Landadels. Ins Schloß Grenwitz kommt als
Hauslehrer Oswald Stein, ein idealistisch gerichteter Demokrat und
Adelshasser. Ihm schließt sich eng der ältere seiner Schüler an, ein
Verwandter des Hauses, namens Bruno. Oswald bewährt noch eine andere
merkwürdige Anziehungskraft: die Frauen fliegen ihm zu wie die Motten
dem Licht. Frau Melitta von Berkow, deren Mann in geistiger Umnachtung
lebt, wirft sich ihm in schrankenloser Liebe an den Hals, die jungen
adligen Damen reißen sich um ihn, endlich wendet sich ihm auch das
Herz der schönen Tochter des Hauses, Helene, zu. Diese Helene aber
soll einen verlebten Verwandten, Felix von Grenwitz, heiraten. Sie
schlägt ihn aus; die jungen Adligen provozieren zugleich einen Streit
mit Oswald, der sie im Pistolenschießen und bei den Damen aussticht.
Im Duell verwundet er Felix schwer. Bruno stirbt in gleicher Nacht und
Oswald verläßt das Haus. Oswald ist aber, wie durch den leichtsinnigen
Geometer Timm herauskommt, niemand anders als der uneheliche Sohn des
früheren Herrn von Grenwitz, der berechtigte Erbe zweier Güter des
Grenwitzschen Besitzes. Soweit die Erzählung in den »Problematischen
Naturen«. »Durch Nacht zum Licht« führt in die Revolution hinein, der
auch Oswald Stein zum Opfer fällt.
Wie Gutzkows »Ritter vom Geist« die Zeit ~nach~ 1848, so
schildern die »Problematischen Naturen« die Zeit ~vor~ 1848.
Aber das Bild, das sie geben, ist weder so umfassend noch so wahr.
~Nicht so umfassend~: denn wenn auch die wichtigsten Schichten
der Gesellschaft ihre Repräsentanten finden, so ist doch bei ihrer
Zeichnung viel stärker als bei Gutzkow das persönliche, individuelle
Moment betont. Gutzkow gibt Typen bestimmter Anschauungen,
charakteristischer politischer Richtungen. Ihn interessiert der
Mensch fast nur, soweit er politische Anschauungen hat. Spielhagen
geht viel tiefer ins Psychologische hinein. Er vergißt nicht,
daß der Mensch in erster Linie als Einzelwesen, und erst sehr in
zweiter Linie als ζῶον πολιτικὸν in Frage kommt. Eben darum vermag
er es nicht, derart umfassend, wie Gutzkow getan, die Zeit zu
schildern. Wenn aber Gutzkows Forderung, daß der Roman den ganzen
Weltteppich zu schildern habe, unberechtigt ist, so liegt eben in
Spielhagens Selbstbeschränkung Kunst und Einsicht. Ein Zeitbild
gibt er ja trotzdem: es beschäftigt sich vor allem mit den Kreisen
des Landadels. Daneben stehen aber auch Typen des Bürgertums: der
Universitätsprofessor, der Landpastor, Landärzte, ein Kandidat der
Theologie, der umsattelt und Mediziner wird, ein Geometer, eine
Haushälterin, endlich eine Zigeunerin und ein paar Landleute. Das Bild
ist kleiner als das Gutzkowsche; groß genug ists immerhin.
Schwerer wiegt, daß es ~nicht so wahr~ ist wie dasjenige
Gutzkows. Ich rede hier nicht von der ländlichen Umgebung, die
freilich, soweit sie nicht in Meer, Kreidefelsen und Wäldern besteht,
kein Leben gewinnt. Die paar Gestalten, welche hier auftauchen, geben
keine Anschauung vom Landvolk. Gut, das hat Spielhagen auch nicht
gewollt. Auch davon will ich nicht sprechen, daß der Bürgerstand wohl
in einigen Exemplaren vorgeführt wird, daß aber auch seine Art, sein
Wesen, seine Gesamtexistenz im Dunkeln bleibt. Den braven Bemperlein
in allen Ehren, den +Dr.+ Braun nicht minder, -- sie bleiben
doch, losgelöst von ihrer Umgebung, wie sie vorgeführt werden, allzu
vereinzelt, um einen Eindruck vom Ganzen zu gewähren. Wo aber der
Bürgerstand Spielhagen nicht sympathisch ist, da wird schon hier
die Zeichnung geradezu unwahr. Das Bild des Pastors Jaeger ist eins
der Pastorenzerrbilder, die bei Spielhagen auch sonst herumspuken,
-- immer unwahr und immer schief. Aber das Hauptgewicht fällt auf
den Adel. Wie steht es da um die Wahrheit? Helmut Mielke sagt mit
bezug hierauf: »Man hat den Dichter der Übertreibung gescholten und
ihm damit Unrecht getan; seine Schilderung z. B. des Ballfestes der
Junkergesellschaft hinterläßt eher den Eindruck, daß er häßliche
Details der Wirklichkeit unterdrückt als ans Licht gezogen hat.«
Hier widerspreche ich entschieden. Das Bild ist unwahr durch und
durch. Dieser Cloten z. B. ist so unglaublich albern, daß er in ein
Karikaturenblatt gehört. Melitta von Berkow, Emilie von Breesen
beginnen +sans façon+ allerliebste Liebschaften mit dem
Hauslehrer eines anderen Hauses: lauter völlig verzeichnete Szenen.
Die ganze Stellung Oswalds in dieser Umgebung ist einfach unmöglich.
Ist der Hochmut und die Arroganz des Adels so groß, wie er beständig
gemacht wird, dann nimmt eben der Hauslehrer nicht an allen Bällen
teil, dann wird er eben nicht Liebling aller Frauen, Intimus eines
Barons. Ich führe das nicht weiter aus; nur bezüglich des Ballfestes
bei den Barnewitz halte ich gleichfalls ausdrücklich den Vorwurf der
Übertreibung aufrecht.
Indes der Titel des Romans deutet an, daß dem Dichter der
Hauptnachdruck weniger auf dem Milieu, als auf den einzelnen
»problematischen Naturen« gelegen hat. Problematische Naturen!
+Dr.+ Braun nennt sie »eine in unseren Tagen ziemlich weit
verbreitete Spezies +generis humani+, Nachkommen des weiland vom
Teufel geholten Doktor Faustus, +Faustuli posthumi+, so zu sagen,
die den langen Dozentenbart abgeschnitten, auch nicht im romantischen
Ritterkostüm, sondern einfach im modernen Frack einherspazieren; im
übrigen aber auf gut faustisch von Begierde zu Genuß taumeln und im
Genuß nach Begierde verschmachten.« Sie haben das Größte vor, die
+aurea mediocritas+ ist für sie umsonst gepredigt, aber sie
erreichen das Ziel nie, weil es ihre Kräfte überragt. Sie haben vor
sich die »blaue Blume«. »Wissen Sie, was das ist? Das ist die Blume,
die noch keines Sterblichen Auge erschaute und deren Duft doch die
ganze Welt erfüllt. Nicht alle Kreatur ist fein genug organisiert,
diesen Duft zu empfinden; aber .... all die närrischen Menschen waren
es und sind es, die früher und jetzt in Prosa und Versen dem Himmel
ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen
kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden, und die in ihrer stummen
Qual zum Himmel blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und
aus dieser Krankheit ist keine Rettung, -- keine als der Tod. Wer
nun einmal den Duft der blauen Blume eingesogen, für den kommt keine
ruhige Stunde mehr in diesem Leben!«
Und wirklich, in der Art, wie Spielhagen diese problematischen,
rätselhaften Naturen geschildert hat, liegt auch der Hauptwert seines
Buchs. Er hat damit ein Problem der Seelenkunde angerührt, das zu
den dankbarsten gehört. Indem er sich diesem Problem zuwandte, hat
er freilich die Wahrscheinlichkeit seiner Darstellung nicht erhöht;
mag auch in der Zeit vor den 1848er Märztagen diese Spezies von
Naturen nicht rar gewesen sein; sie finden sich hier doch ein wenig
zu zahlreich. Da ist Oswald selbst, der die kühnsten Pläne, die
stolzesten Ideen hat, der aber in der größten Gefahr ist, um des
Weibes, besser um der Frauen willen, den von ihm gehaßten Junkern
frappant ähnlich zu werden, der den Genuß in jeder Gestalt zu
würdigen, ja sogar raffiniert auszukosten weiß, und der doch solche
melancholischen Anfälle hat, daß ihm das Leben wie ein dumpfer,
beängstigender Traum erscheint, der eines Freiherrn Blut in seinen
Adern hat, aber sein Leben der Sache der Freiheit opfert. Neben ihm
ist die am meisten problematische Natur der Baron Oldenburg, der
einzige Gescheute und Edle in der ganzen Junkergesellschaft, der seine
Standesgenossen verspottet, den Hauslehrer zu seinem Freund macht, im
Grund aber immer ein Aristokrat bleibt, der alle Genüsse ausgekostet
hat und jeden neuen Genuß mitnimmt, aber immer unbefriedigt, immer
sehnsuchtsvoll bleibt. Da ist Melitta von Berkow, die Schöne und
Kluge und Stolze, die doch so unendlich rasch Herz und Zurückhaltung
verliert. Gewiß, interessante Rätselgestalten, die dem Roman ein
eigenes Gepräge geben!
Über die »Problematischen Naturen« urteilt Bartels: »Im Grunde hat
Spielhagen dies Werk nicht übertroffen und ist auch ein Darsteller
problematischer Naturen geblieben; fast in allen späteren Romanen
wirkt er in der Hauptsache mit denselben Ingredienzien; die Anschauung
wurde im ganzen nicht reifer und freier, die inneren Erlebnisse aber
fielen weg.« Ich möchte hinzufügen: er ist späterhin in manchen, nicht
in allen seinen Prosadichtungen auf eine niedere Stufe gesunken,
auf die des Salonromans. Die »Problematischen Naturen« aber geben ein
Bild der Schattenseiten und der Vorzüge seiner Romane. Ihr größter
Ruhm ist eine Kunst der Darstellung, welche mannigfache Fäden zieht,
aber alle mit einander verwebt und so eine spannende, einheitlich
gefaßte und mehr und mehr konzentrierte Handlung zu wirkungsvollem
Abschlusse bringt. Hierin übertrifft er ~alle~ Vorgänger.
Zugleich gewinnen seine Personen ein wirklich persönliches Leben, und
dies psychologische Moment verbindet er mit dem Gange der Handlung.
Allerdings ist diese Verbindung nicht überall eng: Geschichten wie
diejenigen von der Entdeckung der freiherrlichen Abstammung des Helden
Oswald bilden einen geradezu störenden romantischen Einschlag in
die naturgemäß verlaufende Handlung, wie denn auch sonst zahlreiche
Unwahrscheinlichkeiten in Kauf zu nehmen sind. Ferner bemüht er sich
ernstlich, ein lebendiges Bild der Zeitverhältnisse, in denen seine
Menschen leben, zu entwerfen. Nur daß das Wort »Zeitverhältnisse«
vielleicht schon zu weit greift; Zeit~stimmungen~ liegen ihm mehr
noch als äußere Umstände, als das eigentliche Milieu. Immerhin, was
gab er für Revolutionsschilderungen! Hier lag sein eigenstes Gebiet.
Hier war ja auch ein Handeln, das zugleich ganz und gar Stimmung war.
Endlich muß man im Gedächtnis behalten, daß er Tendenzschriftsteller
war: in ihm loderte die adelhassende demokratische Gesinnung. Warum
sollte er nicht solche Tendenz zum Ausdruck bringen? Der Wert seiner
Werke sinkt für das objektive Urteil dadurch keineswegs. Aber, wie
ausgeführt, die Tendenz ließ keine absolut wahre Schilderung zu.
Auch die späteren Romane Friedrich Spielhagens kranken z. T. an diesem
Übermaß von Tendenz. »~Die von Hohenstein~« (1863) setzen den
Kampf gegen den Adel mit einseitiger Ausschließlichkeit fort, »~In
Reih und Glied~« steht unter dem Zeichen Lassalles. Der Anspruch
des empordrängenden vierten Standes macht sich energisch bemerkbar.
Aber das Problem wird nicht sachlich durchgeführt: der Held, eine
heroische Natur, geht eigene Wege und diese eigenen Wege führen zu
einer höchst persönlichen Katastrophe, -- ganz wie beim wirklichen
Lassalle. Die politischen Einschläge des Romans, Prinz wie Adel und
Militär, zeigen auch hier den fast fanatischen Haß des Oppositionellen
gegen jene führenden Klassen. »~Hammer und Amboß~« endlich will
die soziale Frage lösen, freilich nur in der Idee. Die Lösung liegt
in den Herzen der Menschen. Warum sind die Einen nur Hammer, die
anderen nur Amboß? In Wirklichkeit ist doch »jedwedes Ding und jeder
Mensch in jedem Augenblick beides zu gleicher Zeit.« Was die Welt
verschlechtert, ist »die Wut zu befehlen und die sklavische Gier, sich
befehlen zu lassen.«
Es sind z. T. Meisterwerke in Kraft und Spannung, die uns hier
begegneten. Politisch-tendenziös sind sie alle. Auch in anderem Sinn
soll uns Spielhagen später begegnen. Inzwischen aber lassen wir nach
den »Problematischen Naturen« wieder ein Jahrzehnt vergehen, um
einem anderen Typus des tendenziösen Zeitromans näher zu treten. Die
Politik hat aufgehört zu herrschen; die Fragen der Weltanschauung
dominieren. Das entspricht nur dem Gange der Zeit. Um die Mitte des
Jahrhunderts absorbierte die Politik die besten Kräfte, eine Unsumme
von Interesse. Da griff auch der Romandichter ins politische Leben
hinein, es zu beschreiben und -- zu beurteilen. Aber nun war das neue
deutsche Reich gegründet; die eminentesten Lebensfragen der deutschen
Nation waren gelöst. Es wäre sicher eine Unmöglichkeit gewesen, mit
einem eigentlich politischen Roman derart auf die ~allgemeine~
Teilnahme zu stoßen, wie man das ein oder erst recht zwei Jahrzehnte
früher erwarten mußte. Um so mehr traten die Fragen der Weltanschauung
hervor. Nicht sie allein; Spielhagens »~Sturmflut~« geißelt
als einen Schaden der Zeit den Gründerschwindel. Aber die
Weltanschauungsfragen, dazu die des im Anzug begriffenen Sozialismus
waren jedenfalls Fragen der Zeit. ~Paul Heyse~ wagte den Wurf,
sie in großem Zeitroman zu erörtern. Er schrieb 1873 »~Die Kinder
der Welt~« und ließ später ähnliche Versuche folgen. »~Im
Paradiese~« (1876) schildert das Münchener Künstlerleben; »~Der
neue Merlin~« (1892) polemisierte gegen die Modernen in der
Literatur. Am umfassendsten ist das Zeitbild, welches »~Die Kinder
der Welt~« entrollen. Es muß genügen, bei ihm ein wenig länger zu
verweilen.
Den Gang der Handlung dieses Romans ausführlich wiederzugeben, kann
ich mir ersparen. Alles dreht sich um das Lebensgeschick eines jungen
Privatdozenten der Philosophie, der mit seinem kränklichen Bruder,
der ein wenig Drechslerei treibt, in einem Berliner Hinterhaus eine
Stube primitiver Art, die sogenannte »Tonne«, bewohnt. Er verliebt
sich sterblich in eine problematische Schöne, genannt Toinette,
natürliche Tochter eines Fürsten. Sie kann nicht lieben und darum auch
ihn nicht lieben; als das klar ist und gleichzeitig auch der Bruder,
der in idealer Hingebung ihr Herz für den Helden Edwin gewinnen
wollte, stirbt, wird er krank und heiratet dann die Tochter eines
christlichen Malers und einer jüdischen Mutter, Lea König, nicht ohne
sie ernstlich zu lieben. Er wird Gymnasiallehrer, um einen Hausstand
zu gründen. Auf einer Ferienreise begegnet er wieder seiner Toinette.
Sie hat, ihrem Hang zu »herzoglichem« Auftreten nachgebend, inzwischen
einen gräflichen Anbeter erhört und lebt als stolze Gräfin auf
stattlichem Schlosse. Doch nun ist in ihr die »Fähigkeit der Liebe«
wachgeworden; und die Folge ist die, daß sie ihren Grafen völlig
ignoriert, als Edwin aber kommt, diesem gehören will. Da kämpft Edwin
einen schweren Kampf; Liebe zu Toinette und Liebe zu Lea streiten
in ihm. Die Treue siegt; er flieht Schloß und Versuchung. Toinette
will ihm folgen, findet aber nicht ihn, nur seine Gattin, und gibt
sich, besiegt von deren Liebe, selbst den Tod. Edwin und Lea finden
dauerndes Glück.
Muß ich um Verzeihung bitten, wenn diese Inhaltsangabe ein ganz klein
wenig ironischen Beigeschmack hat? Ich glaube, das hat in der Sache
selbst seinen Grund. Was für sonderbare Dinge mutet Paul Heyse dem
Leser zu! Der Privatdozent mit dem drechselnden Bruder in ~einer~
Stube des Hinterhauses; dürftig gekleidet, kaum den Anstand wahrend.
Ja, kommt denn nie ein Student zu diesem Dozenten? Lea, sonderbarer
Weise gerade der Sproß einer christlich-jüdischen Mischehe! Toinette,
das übliche illegitime hochgeborene Wesen, wie solches in diesen
Tendenzromanen feststehendes Requisit ist: eine ganz sonderbare
Leidenschaft, immer Existenzen in den Mittelpunkt zu stellen, an denen
irgend etwas unklar ist! Und nun gar die merkwürdigen Eigenschaften
dieser Toinette, die eine Art Geburtsfehler sein sollen: weil ihre
Mutter ohne Neigung zu jenem Fürsten nur auf Druck und Zwang hin
seinen Anträgen Folge gegeben, so hat sie ein kaltes Herz mitbekommen
--; aber sie hats doch wieder nicht als unveräußerliche Eigenschaft
erhalten, sondern nur auf Zeit. In Summa: es sind keine Gestalten von
Fleisch und Blut, die in den »Kindern der Welt« umhergehen, sondern
Schemen aus der Welt der Ideale. Dieser Edwin, seine Lea, vor allem
sein Bruder Balder, -- erdentrückte Traumgestalten!