Dorfgeschichtenschreibern? ~Otto Ludwig~, meine ich, mit
seiner »~Heiterethei~« und seinem »~Zwischen Himmel und
Erde~« und dann der allbekannte, reichlich gelesene und
vielgeliebte ~Fritz Reuter~? Otto Ludwig kann man den Titel
des Dorfgeschichtenverfassers mit guten Gründen abstreiten. »Himmel
und Erde« ist eine städtische Geschichte; das Dachdeckerhandwerk
bildet ihren Mittelpunkt. Zudem liegt es ihrem Schöpfer gar nicht
am Herzen, Sitte und Art zu zeichnen; keine Erzählung, die tiefer
ins Psychologische ginge und weniger über das Psychologische
hinausginge als diese. Ein Meisterstück an Feinheit, Geschlossenheit,
Entwicklung, Spannung und Kraft! Wer sie noch nicht las, sollte sie
eilig zur Hand nehmen! Aber eine Dorfgeschichte? -- Nein. Und auch
die »Heiterethei« liegt ein Stück ab vom Oberhof und von Jeremias
Gotthelf; am wenigsten vielleicht von Auerbach. Nicht das Dorf ist
ihr Schauplatz; ein Städtchen ist der Tummelplatz ihrer Gestalten.
Hier leben der hustende Weber, der Schneider, der trotz seiner dreißig
Jahre von seiner baumlangen Stiefmutter als der »Jung« betrachtet und
bis zu den handgreiflichsten Konsequenzen auch so behandelt wird, der
Morzenschmied, der ein Schabernack ist, obwohl er immer so duchsig
tut. Hier hausen und klatschen die wichtigen und die minder wichtigen
Weiber, die Gringelwirts Valtinessin, die das Recht hat, von allen
Frauen am vornehmsten zu träumen, und vor deren Übelnehmen die anderen
alle sich fürchten, -- die Frau Tüncherin, die der Valtinessin gleich
gern zugesteht, daß der Hahn, den sie im Traum hat krähen gehört, kein
rechter Luckenbacher gewesen ist, weil er ander Wetter gekräht hat,
was die Valtinessin doch nicht wahrhaben will, -- da ist die Weberin
und die Schmiedin, die, während ihr Mann ihr halb wider Willen etwas
Neues berichtet, schon immer im Geist beim Kaffeeklatsch ist und
sich selber sieht, wie sie unter allgemeiner Spannung die Neuigkeit
weitererzählt. Im Städtchen Luckenbach aber hausen vor allem auch die
beiden Hauptpersonen, die Dorle mit dem blonden Zopf und den vollen
Lippen, die so munter ist, daß man sie Heiterethei genannt hat: »Der
Name tanzt ordentlich wie das Mädle selber.« Ein Prachtmädel, diese
Heiterethei! Kein braver Mädel im ganzen Städtel; aber auch keins
mit einem flinkeren Mund. Mit dem Schiebkarren fährt sie zum Markt;
auf dem kräftigen Karren ruht ein tüchtiger Strick. Nun fragt der
Schneider:
Aber was willst du dir nur holen damit?
Einen Mann, lachte der Schmied.
Einen Schmied, entgegnete das Mädchen ernsthaft. Die muß man mit
Stricken binden, wenn sie vom Markt heim nicht in jedem Wirtshaus
einkehren sollen.
Die Schneider nicht? fragte der Schneider fast neidisch.
Auch, sagte das Mädchen, nicht wegen der Wirtshäuser, nur, daß sie der
Wind nicht vom Schiebkarren bläst.
Du mußt den Holder-Fritz frein, hustete der Weber. Wenn ihr einen
Jungen kriegt, der jagt den Kirchturm von der Kirch' und zur Stadt
hinaus.
Das käm' zu spät, sagte das Mädchen ruhig. Bis dahin habt ihr ihn
hinausgehustet.
Wo stellt ihr ein auf dem Markt, Annedorle? fragte der Schmied.
Heimwärts führen wir uns.
Ihr werdet wohl einen brauchen, der euch führt, sagte das Mädchen; ich
nicht. --
Und neben der Heiterethei steht der Holder-Fritz, der flotte und
lustige Holder-Fritz, der nachher mit einem Mal anders wird. Wie der
Holder-Fritz und die Heiterethei, beide starke, trotzige Seelen, sich
mögen und sich trotzen und endlich sich einigen, das beschreibt alles
die »Heiterethei«.
Eine Dorfgeschichte ist das nicht, aber weit davon ists auch nicht.
Das Städtchen ist ja eins von denen, in deren Tätigkeit Ackerbau und
Gewerbe sich teilt. Und eine Volkserzählung ists ganz gewiß. Nur
nicht so schlicht, wie die von J. Gotthelf; der kann einem hiergegen
beinahe pedantisch vorkommen. Und auch nicht so gravitätisch wie der
Oberhof. Nein, viel flotter, lustiger, leichter geschürzt. Und doch
viel mehr Kompositionskunst, viel mehr Entwicklungsenergie, viel
mehr psychologische Feinmalerei als nüchterne Beschreibung. Eine
Volkserzählung, die den Titel »Novelle« vollauf verdient, weil sie ein
sorgsam bedachtes Kunstwerk ist. Der Realismus ist freilich nicht mehr
Alleinherrscher; er hat den Humor und die Satire zur Seite.
Ein prächtiges Gegenstück zu dieser Art bildet unser lieber ~Fritz
Reuter~. Was brauche ich da Titel aufzuzählen? Ihn kennt ja
ein jeder. Freilich, vor allem meine ich und denke ich an seine
»Stromtid«, dies Buch, das dem deutschen Volk, wenigstens dem
gebildeten Teil desselben, so ganz zu eigen geworden ist. Auch Fritz
Reuter ist Volkserzähler. Seine Dichtung wurzelt mit tausend Wurzeln
im mecklenburgischen Land, im norddeutschen, ja im ganzen deutschen
Volk. Hawermann und seine Lowise, Unkel Bräsig, die lütte Fru Pastern,
Jochen Nüßler und die Madam Nüßlern, die Druwäppel Mining und Lining,
sind das nicht wundervolle ländliche Charaktergestalten? Giebts nicht
desgleichen Pomuchelsköppe sowohl wie Rambows, Kandidaten wie Rudolf
und Gottlieb, Eleven wie den famosen Triddelfitz überall im deutschen
Land? Und blickt man nicht tief, tief hinein in des Landmanns Last und
Lust, in der Fru Pastern Freud und Leid, in der Tagelöhner Arbeit und
Sorgen? Ja, Reuter greift tief hinein ins Leben des Volks, ins Herz
des Volks. Er ist zugleich in alledem klar, treu und wahr. Und darum
gehört, was er geschrieben, zur Volkserzählung. Und es gehört unter
ihren Schöpfungen nicht an den letzten Platz.
Nur bleibt dem, der die Eigenart der Erscheinungen gegen einander
abwägt, doch die Pflicht, seiner Art innerhalb der Volkserzählung
ihren ganz besonderen Platz anzuweisen. Reuter steht Otto Ludwig und
seiner »Heiterethei« der Art nach am nächsten, wie er übrigens auch
der Zeit nach mit ihm eng zusammengehört. Die »Heiterethei« erschien
1854, »Zwischen Himmel und Erde« 1856, während Reuters literarische
Tätigkeit 1853 mit den »Läuschen un Rimels« begann und dann bis
1862-64, der Zeit der »Stromtid«, währte. Wie Ludwig führt auch er nur
nebenbei in alle die Sitten und Zustände ein, in Volkes Sonderwesen
und Eigenbräuche. All das spielt hinein, aber es klingt nur leise
mit. Ein Milieudichter ist Reuter nicht, ein naturalistischer --
trotz ein paar derber Stellen -- erst recht nicht. Ihm hebt sich aus
allem der Mensch heraus; der bleibt ihm die Krone, die alles andere
zurücktreten läßt. Und das hat zur Folge, daß die Heimatsfarbe, der
Erdgeruch minder deutlich wird. Sobald der Dichter den Menschen vor
allem als Menschen nimmt und nicht als Schweizer oder Schwarzwälder
oder Mecklenburger, sobald werden die Konturen der Zeichnung blasser.
Reuter und Ludwig haben das getan. Und wie Ludwig hat auch Reuter
mindestens in der »Stromtid« die einfach fortschreitende Form der
Erzählung verlassen; ja, die »Stromtid« ist noch in anderem Sinn ein
formgerechtes Kunstwerk als die »Heiterethei«. Sie steht in dieser
Hinsicht am besten mit »Zwischen Himmel und Erde« zusammen. Nur
daß dies durch und durch Novelle ist, während die »Stromtid« ebenso
durch und durch Romancharakter hat. Wir mögen sie nur deshalb nicht
gern so nennen, weil wir bei dem Wort Roman jenen fatalen Nebensinn
mitzudenken gewohnt sind, der doch gar nicht dazu gehört und der zu dem
Einfachen, Schlichten, Volkstümlichen in Reuter nicht stimmen will.
Aber an der Tatsache ändert das nichts: die »Stromtid« ist in Anlage
und Durchführung, in Vorbereitung, Konflikt und Lösung ein volles,
rundes Meisterwerk der künstlerisch gestalteten Prosadichtung. Und
auch das gibt ihr neben der schlichten Volkserzählung ihre besondere
Stellung. Endlich aber, und das ist das Beste, merkt man es Reuter
ganz deutlich an: ihm liegt am bloßen Malen überhaupt herzlich wenig.
Ihm ist des Dichters Aufgabe anders gefaßt: nicht einen Spiegel hält
er den Menschen vor, sondern er zieht sie mit all ihrem Denken,
Wollen und Fühlen hinein in das Menschengeschick, das er vor den
Lesern sich aufrollen läßt. Ihm darf der Leser nicht objektiv über
dem Stoffe stehen bleiben, kein Beobachter sein, der sich freut, wie
gut die lieben Menschenkinder von da und von dort abkonterfeit sind.
Hier müssen sie miterleben, mitfühlen, mitjauchzen, mittrauern, ja
unbedingt auch mitweinen! Wir wissen alle, wie trefflich ihm das
gelungen ist; wer hat nicht selber mit durchgemacht, was die Leutlein
alle dort im mecklenburgischen Dorf erlebt haben! Reuter hat es
wie kein Zweiter verstanden, den Menschen bei ~der~ Seite zu
fassen, bei der er am ehesten kühle Zurückhaltung, kritische Laune
und objektiven Stolz verliert: beim ~Gemüt~. Lustig sein und
traurig sein, beides mag das deutsche Gemüt gern. Reuter hat ihm
beides gegönnt; so herzinnig lachen und so herzbrechend weinen, wie
bei der Lektüre der »Stromtid«, kann man kaum bei einem anderen
Buch. Vielleicht hat er die Gemütssaite ~zu~ oft angeschlagen?
Ich will nicht streiten; aber rührselig ist er doch nicht geworden.
Es dominieren doch der stille Ernst und der fröhliche, selige,
goldene Humor. Fritz Reuter muß man lesen, wenn die Menschen, die
sich lieb haben, um den Lampenschein traulich zusammengerückt sind;
am allerbesten zur Weihnachtszeit, wenn das Herz ein bischen stärker
klopft, als es sonst wohl tut.
Aber ich breche ab. Was hab' ich gewollt? Die Volkserzählung aus
der Mitte des Jahrhunderts galt es zu charakterisieren. Von 1839,
da Immermanns »Münchhausen« erschien, sind wir bis zum Anfang der
sechziger Jahre gewandert, in denen Fritz Reuter die »Stromtid«
schuf. Zwei reichliche Jahrzehnte, gerade die Mitte des Jahrhunderts
ausfüllend! Für literarische Entwicklung doch eine kurze Spanne Zeit.
Trotzdem ist gerade auf diesem Gebiet Reichliches in ihr geschehen. Wo
blieb die träumende Romantik? Der Geruch der Scholle vertrieb sie. Die
einfache, derbe, nüchterne Wirklichkeit heischte ihr Recht. Man packte
sie, wo sie am wirklichsten war, im Bauernleben. Man wollte nichts
haben als Wirklichkeit. Wer viel Süßes gegessen, hungert nach einem
Bissen Brot! ~Was Kunstform und Problem? Was Konflikt und Lösung?
Leben! war die Losung, nur Leben.~ Aber auch diese Forderung hatte
ihre Zeit. Zwar ins schlichte Leben hineingreifen, nicht bloß ins
wunderbare, das wollte man auch weiter. Aber der Mensch, die Seele,
das Gemüt ward wichtiger als die Natur. Und die Kunstform stellte sich
wieder ein. Sie hatte an Schlichtheit von ihrem Gegenstand gewonnen;
und sie half so auch der Volkserzählung zur künstlerischen Vollendung.
Aber Kunst und Natur vertragen sich schwer; auch hier trat die Natur
ins zweite Glied. Immerhin, man hatte gelernt, zu sehen und Gesehenes
zu zeigen. Man blieb wahr und man blieb nüchtern. ~Die Romantik war
tot; die Wirklichkeit hatte gesiegt.~
Der tendenziöse Zeitroman.
Der Roman tritt in gewollte, neue, enge Verbindung mit der
Wirklichkeit. Goethe wirkt, nicht die Romantik. Nicht in der
Volkserzählung allein geschieht das: warum sollte man nur das
»Volk« beachten und nicht die Welt in ihrer ganzen Breite und Weite
nehmen? Lagen denn nicht tausend Anlässe vor, ihre Zustände zu
ergründen, zu durchforschen, zu kritisieren? War denn nicht eine
Zeit hereingebrochen, in der der Blick sich weitete und schärfte?
Die Sturmesgewalten der Revolution waren im Anzug; und ihnen voraus
gingen Windstöße, die alte, festgewurzelte Anschauungen aufwühlten
und zu neuen Bildungen Anlaß gaben. Was Wunder, daß die öffentlichen
Angelegenheiten, daß die Fragen der Politik und Gesellschaft, des
Staats und der Kirche, der Aristokratie und der Demokratie in jenen
Jahren vor den Stürmen von 1848 und ebenso in den folgenden Zeiten
auch die Dichter nicht ruhen ließen? Auch ihr Interessengebiet wurde
weit und groß: es erstreckte sich über alles das, was die Zeit
bewegte. Der Roman war nicht die einzige Form der Dichtung, welche
den Pulsschlag der Zeit spüren ließ. Wie hell klangen die Sturmlieder
eines Herwegh und Freiligrath! Aber ~auch~ im Roman pulsierte die
Zeit; er ward zum ~Zeitroman~.
Konnte es anders kommen, als daß die Betrachtung der Zeit in
der Dichtung zunächst alles andere war, nur nicht ruhig, kalt,
unparteiisch und objektiv? Wir verstünden es nicht, wäre es anders
gewesen. Eher ist die Dorferzählung mit ihrer darstellenden Art
ihrer Zeit fremd als der tendenziöse Roman. Genau betrachtet,
zahlt übrigens auch die Dorfgeschichte der Zeit ihren Tribut. Der
»~Oberhof~« ist ja ein Kompositum einzelner Kapitel aus einem
Zeitroman; er gibt Wirklichkeit, aber eben mit dieser Schilderung
der Wirklichkeit verfolgt sein Verfasser eine bestimmte Absicht. In
~Auerbachs~ Erzählungen wirkt eine ganz ähnliche Tendenz; das
Land wird gegenüber dem städtischen, höfischen Wesen verherrlicht.
Auch die politischen Ideen spielen hier hinein. Und die ruhigsten,
objektivsten Dorfgeschichten, die überhaupt geschrieben worden sind,
stammen nicht aus dem vielbewegten deutschen Land, sondern aus der
Schweiz, wo der Kampf um Fürstenrecht und Volkesrecht nur mitgefühlt
und so miterlebt, aber damals nicht ebenso mitgekämpft wurde!
~Der Zeitroman ward also zum Tendenzroman.~ Er hat Stadien
erlebt, in denen die Tendenz darin fast die Zeit tötete, d. h. in
welchen die Darstellung des Bestehenden gegenüber den Plänen zum
Kommenden kaum zur Geltung kam. Hierher gehören die ~jungdeutschen
Romane~ aus den dreißiger Jahren. Unter ihnen ragen die Werke
Heinrich ~Laubes~ und Karl ~Gutzkows~ hervor. Heinrich
~Laube~ schuf damals (1833) den ersten Teil des Romans »~Das
junge Europa~«, dessen später erschienene Teile viel abgeklärtere
Art tragen. Die einzelnen Bände haben Sondertitel; Bd. +I+:
Die Poeten; Bd. +II+: Die Krieger; Bd. +III+: Die Bürger.
Nicht das, was erzählt wird, fesselt; in der Handlung fehlt jede
Einheitlichkeit, Entwicklung und Geschlossenheit. Es dreht sich
alles um Liebesabenteuer der jungen Poeten, und zwar um solche, die
der theoretisch verfochtenen Freiheit in Religion und Sittlichkeit
vollkommene praktische Folge geben. Aber die Hauptsache sind die
Ansichten, die breit und gründlich zur Aussprache und zum Siege über
andere Ansichten gelangen. Der Gegensatz gegen die Romantik kommt zum
scharfen Ausdruck; die gesunde Natur wird gepriesen, zugleich aber
auch ihre völlige Ungebundenheit. Keine Vorschrift der Religion und
keine der Moral wird anerkannt; die Natur hat Recht, auch mit ihrer
Sinnlichkeit. In der Politik aber gilt selbstverständlich allein das
Volk, ja sogar das Volk in verschwommener Allgemeinheit; nicht als
Einzelvolk, als Nation, sondern als Summe von Weltbürgern.
Es ist nicht meine Absicht, alle Romane jener jungdeutschen Epoche
hier zu charakterisieren. In allen herrscht der gleiche, gärende
Geist, die gleiche Auflehnung des Einzelnen gegen die hergebrachte
Ordnung wie der Masse gegen das Gefüge des Staats und der Kirche.
Im übrigen sind sie verschieden genug. Da ist Karl ~Gutzkows~
»~Maha Guru~« (1833), dessen Schauplatz weitab in Tibet liegt,
dessen Angriffsobjekt aber doch das Christentum ist; da ist aus dem
Jahre 1835 desselben ~Gutzkow~ »~Wally, die Zweiflerin~«,
eine Fortsetzung dieses Kampfes gegen das Kirchentum. Die Heldin
zweifelt an allem, insbesondere auch an jeder Religion. Religion ist
ihr ein »Produkt der Verzweiflung«. Sie gibt sich schließlich selbst
den Tod. Der Roman knüpft an an die wunderbare Tatsache, daß Karl
Gutzkows Gattin Charlotte sich selbst den Tod gegeben hatte, um durch
diese Tat ihren Garten mit neuer dichterischer Kraft zu erfüllen.
Und wie diese Tat, welche das Werden des Romans mitbestimmte, so
ist die gesamte Ideenwelt desselben outriert, überleidenschaftlich,
schließlich unwahrscheinlich. Nicht vergessen soll werden, daß in
»Wally, die Zweiflerin« zugleich die Frau als Frau neue Geltung
beanspruchte. Die enge Verbindung, in welche hier Emanzipation der
Frau und Emanzipation von aller Religion, überhaupt von allem Gewissen
traten, ist für die Zukunft nicht ohne Einfluß geblieben.
Aber wir eilen vorwärts. Gutzkows »~Seraphine~« (1838), sein
Erziehungsroman »~Blasedow und seine Söhne~« (1838), die anderen
jungdeutschen Kraftromane können nur genannt werden. Aus der Sturm-
und Drangperiode des Zeitromans, die man etwa bis zur Revolution
datieren kann, retten wir uns in die Periode des ~abgeklärteren
Zeitromans~. Auch hier Tendenz, überall Tendenz. Aber die Tendenz
macht nicht mehr die Zeitdarstellung tot; sie läßt dieser größeren
Raum und größere Ruhe. Der Grad dieser Ruhe ist freilich verschieden.
Zwei Klassen des Zeitromans bilden sich, jenachdem die Tendenz
stärker oder schwächer ist, jenachdem die Darstellung weniger oder
mehr objektiv geraten ist. Wohl gehen beide Gattungen in einander
über, wohl kann man schwanken, welcher von beiden der eine oder
der andere Roman zuzuteilen ist. Aber es sei dennoch gewagt, die
~Unterscheidung~ festzuhalten ~zwischen dem tendenziösen und
dem objektiven~, oder, um vorsichtiger zu sein, zwischen dem mehr
tendenziösen und dem mehr objektiven ~Zeitroman~.
Die Zahl der Zeitromane der ersteren Art ist groß, zumal wenn
man nun alsbald auch in die späteren Jahrzehnte des Jahrhunderts
hineingreift. Gegen die Titanen der Revolution nimmt Stellung
A. ~Widmann~: »~Der Tannhäuser~«, gegen die irreligiöse Weltanschauung
Elisabeth ~Cantz~: »~+Eritis sicut Deus+~« (1854). Stark tendenziös
sind die Romane von ~Spiller von Hauenschild~ (Pseud.: Waldau),
von denen nur der 1851 erschienene »~Nach der Natur~« genannt sein
mag. Proletarisch-sozialistische Tendenzen verfolgt Robert Prutz
(besonders »~Engelchen~« 1851). Bedeutender sind die schon minder
stark tendenziösen späteren Romane von Karl ~Gutzkow~: »~Die Ritter
vom Geist~« (1850/51) und »~Der Zauberer von Rom~« (1856/61),
die Schöpfungen Friedrich ~Spielhagens~, von denen insbesondere
»~Problematische Naturen~« (1860/61), »~Die von Hohenstein~« (1863),
»~In Reih und Glied~« (1866) hierher zu rechnen sind, und von noch
späteren Werken diejenigen von Paul ~Heyse~: »~Die Kinder der Welt~«
(1873) und »~Im Paradiese~« (1885). Zu eingehenderer Betrachtung
greife ich heraus: Gutzkow »Die Ritter vom Geist«, Spielhagens
»Problematische Naturen« und Heyses »Kinder der Welt«.
~Gutzkows~ »~Ritter vom Geist~« geben sozusagen das Programm
des gesamten Zeitromans der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Ein
ausführliches Vorwort gibt darüber Auskunft. Der Roman erlebt eine
neue Phase. Er soll mehr werden, als der Roman von früher war. »Der
Roman von früher .... stellte das ~Nacheinander~ kunstvoll
verschlungener Begebenheiten dar. Diese prächtigen Romane mit ihrer
klassischen Unglaubwürdigkeit! .... Oder wer sagte Euch denn, ihr
großen Meister des alten Romans, daß die im Durchschnitt erstaunlich
harmlose Menschenexistenz gerade auf ~einem~ Punkte soviel
Effekte der Unterhaltung sammelt, daß ohne Lüge, ohne willkürliche
Voraussetzung sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten
kleinen Stoffe zuspitzen konnten?« Der alte Roman ist unwahr geworden,
weil er die lebenslangen Strecken, welche zwischen einer Tat und ihren
Folgen liegen, beiseite warf. Er ließ dadurch die alte Wahrheit von
der -- unwahren, erträumten Romanwelt siegen. »Der neue Roman ist der
Roman des Nebeneinander. Da liegt die ganze Welt, da ist die Zeit wie
ein ausgespanntes Tuch ...... Nun fällt die Willkür der Erfindung
fort. Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis
liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung
der Wirklichkeit gegenüber. Er sieht aus der Perspektive des in
den Lüften schwebenden Adlers herab. Da ist ein endloser Teppich
ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigentümlich, leider
polemisch. Thron und Hütte, Markt und Wald sind zusammengerückt.«
Von diesem Programm verspricht sich Gutzkow Gewaltiges. »Resultat:
Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder
den Glauben und das Vertrauen schöpfen, daß auch die moralisch
umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch könne
göttlich regiert werden.« Diese hochfliegenden Pläne lassen wir
beiseite. Ihre Haltlosigkeit liegt auf der Hand. Was aber das eben
nach der Vorrede zu den »Rittern vom Geist« entwickelte Programm
betrifft, so ist es, wie gesagt, in der Tat dasjenige des neuen
Zeitromans geworden. Keine unwahrscheinliche Verknüpfung eines
Nacheinander von Ereignissen, die in Wirklichkeit doch nicht
nacheinander kommen, sondern ein Gesamtbild der bestehenden Welt in
ihren mannigfachen Einzelerscheinungen soll seinen Inhalt bilden: ein
Querschnitt, nicht ein Längsschnitt soll er sein. Allerdings, so sehr
Gutzkow mit der Polemik gegen das ~unnatürliche~ Nacheinander
Recht hat, so wenig kann der Roman nur ein ~Neben~einander geben:
er müßte ja sonst auf jede Handlung verzichten. Und dann: so gewiß
das Nebeneinander trefflich dazu dienen wird, ein Welt- und Zeitbild
im großen Stil zu geben, -- man braucht doch nicht zu fordern, daß
jeder Roman die ~ganze~ Welt schildere; warum soll er nicht ein
Einzelbild herausgreifen? Mehr Natürlichkeit! Mehr Wirklichkeit! Mehr
umfassende Weltdarstellung! Mit diesen Forderungen hatte und behielt
er Recht. Aber der Roman muß, weil er Erzählung ist, auch Handlung
geben, und er muß diese Handlung aus den handelnden Menschen ableiten.
Dies ~Ineinander~, nicht bloß Nebeneinander, von Welt, Mensch und
Handlung hat Gutzkow zu fordern vergessen.
Die »Ritter vom Geist«, welchen Gutzkow dies kräftige Vorwort
mitgegeben hat, bilden denn auch keineswegs ein absolutes
Nebeneinander. Vielmehr bringen sie durchaus auch fortschreitende
Handlung. Sie vergessen auch keineswegs, daß Menschenwille und
-Charakter die wichtigsten Faktoren bei allem Geschehen sind; die
Psychologie spielt in ihnen keine geringe Rolle. Die Aufgabe, die
Welt im Querdurchschnitt zu zeigen, erfüllt dieser Roman vollauf;
nur daß er hierin sogar des Guten zuviel getan hat. Neun Bücher! Und
keineswegs kurze! Wahrlich, es war nötig, daß der Verfasser am Anfang
der Vorrede dem Leser zurief:
»Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leser, zu der ich
dich auffordere! Rüste dich mit geschäftslosen Sonntagsvormittagen und
einem guten, aushaltenden Gedächtnis! .... Werde nicht müde, wenn du
unabsehbare Ebenen erblickst, sich der Weg zwischen gefahrvolle, nicht
endende Gebirgspässe zwängt, oder die Landstraße plötzlich sich wie in
die Wolken zu verlieren scheint!«
Diese unsagbare Breite dieses Romans, wie auch des folgenden »~Der
Zauberer von Rom~«, hat es denn glücklich zu Wege gebracht, daß
kein Mensch mehr sie liest. Ein halbes Jahrhundert -- und sie sind
vergessen!