Von ~Immermann~ besitzen wir große Zeitromane: die »Epigonen«

und »~Münchhausen~«: letzterer stammt aus dem Jahre 1839. Es

ist ein Roman von hergebrachtem Zuschnitt; der Nebentitel: »Eine

Geschichte in Arabesken« ist bezeichnend. Nach Hebbels Urteil hat

Immermann die fratzenhaften und nichtigen Bewegungen der Zeit, die

sich doch ernsthaft geberden, abgespiegelt. Das Urteil ist ganz

richtig; aber man darf jene Dorfnovelle nicht vergessen, die mitten

in den Roman hineingestellt ist, mit ihm zwar verwoben, aber doch

in jener lockeren Art, die es ermöglicht, das Stück vom Ganzen zu

lösen, wie es denn weitaus den Meisten nur in dieser Loslösung

unter dem Sondertitel »~Der Oberhof~« bekannt ist. Im Oberhof

haben wir klare, scharfe Wirklichkeitszeichnung. »Nun das muß wahr

sein,« heißt es einmal darin, »die Idyllenschreiber haben uns die

Bauernwelt arg verzeichnet! Sowohl die schäferlich-zarten, als die

knolligen Kartoffelpoeten. Sie ist eine Sphäre, so mit derber Natur,

wie mit Sitte und Zeremonie ausgefüllt, und gar nicht ohne Anmut und

Zierlichkeit, nur liegt letztere wo anders, als wo sie in der Regel

gesucht wird.« Der Schauplatz der Erzählung ist das westfälische

Land, »der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter

Stamm trat,« ein westfälischer Hof, ein Richthof oder Oberhof, der

älteste und vornehmste Hof einer westfälischen Bauerschaft. Um den

Hof breitet sich alles Besitztum, welches eine große ländliche

Wirtschaft nötig hat, aus: Feld, Wald, Wiese, unzerstückelt, in

geschlossenem Zusammenhange. Auf diesem Hofe regiert der Hofschulze,

eine Gestalt, deren Geltung zwar von den Mächten der Gegenwart nicht

anerkannt wird, welche aber für sich selbst und bei ihres Gleichen

einen längstverschwundenen Zustand auf einige Zeit wiederherstellt.

In seinem Besitz ist das alte Waffenstück, welches er mit eiserner

Festigkeit für das Schwert Karls des Großen erklärt, von dem es dem

ersten Besitzer des Richthofs zum Zeichen der Investitur gegeben sei.

Wie ein Fürst sitzt der Hofschulze auf seinem Oberhof; heimliche

Vehmgerichte fällen unter seiner Leitung immer noch ihre Urteile.

Seine Dienstboten weiß er patriarchalisch und energisch unter seiner

Leitung zu halten: -- ich erinnere an die klassische Szene, in der

jedes der Knechte und Mägde nach der Mittagsmahlzeit seinen Spruch

erhält und des Abends die Gedanken mitteilen muß, die es sich darüber

gemacht hat. Fest und unerschütterlich steht er auf dem alten Recht

und der alten Sitte. Der Küster heischt vom Oberhof einen zweiten

Käse; aber der Hofschulze, der auf reichem Hof, zwischen vollen

Scheuern, vollen Böden und Ställen lebt, will von dieser Forderung

nichts wissen: auf seinem Hof haftet nur ~ein~ Käse. Bei den

Hochzeitsbräuchen, bei Einladung und Essen muß alles nach der alten

Art gehen; weh dem, der, wie der Hochzeitbitter, etwas davon versäumt!

Gegen Nachbarn, Freunde, Gevattern ist er zu allem bereit, aber sie

müssen ihm auch immer etwas dafür leisten, und wäre es irgend ein

kleiner Dienst von geringfügiger Bedeutung. Ein Freund der »Moralen«

ist der Hofschulze. Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den

Kindern! Der Mensch sündigt jederzeit, wenn er sich wider etwas setzt,

was Herkommens ist bei Seinesgleichen. Im Ehestand ist garzuviel

Liebe schädlich. Auf den Haus- und Ehestand verläßt sich aller

Handel und Wandel, Nachbarhilfe und Ansprache, Christentum, Kirchen-

und Schulzucht, Haus und Hof, Rind und Kind. Das sind Moralsätze

des Hofschulzen; und wenn sie auch, wie der Jäger Oswald sagt,

ziemlich hausbacken klingen, -- es ist doch ein gut Stück gesunden

Menschenverstandes darin. Freilich, derselbe Hofschulze, dem das Recht

ein so hochheiliges Ding ist, trägt ein Rechtsgefühl in der Brust,

das dem des Michael Kohlhaas verzweifelt ähnlich sieht. Wenn ihm das

Wild des benachbarten Grafen die Felder verwüstet, dann ist es kein

Unrecht, auch ohne das Jagdrecht mit der Flinte Selbstschutz zu üben.

»Was ist das überhaupt für ein Verbrechen, sein Eigentum gegen die

Ungetüme, die es fressen und zu grunde richten, zu verdefendieren!

rief er, indem plötzlich der lachende Ausdruck seines Gesichts in den

des loderndsten Zornes überging. Die Stirnadern schwollen ihm an, das

Blut trat dunkelrot in seine Wangen, die Augäpfel verloren ihr Weißes

und wurden rötlich; man hätte vor dem Alten erschrecken können!«

Der Hofschulze steht im Mittelpunkt der Oberhofnovelle. Aber auch, was

sich um seine Gestalt herumrankt, ist gleich deutlich geschildert.

Derb und wahr zeichnet Immermanns Stift; er beschönigt nichts und

idealisiert nicht; die Sünden der Landbewohner kommen so gut zur

Sprache wie ihre Tugenden. Ein kraftvolles, erdgewachsenes Geschlecht

ists, das er abschildert, markig und zäh, steif und fest. Aber er hats

mit alledem getroffen. Hier weht keine philosophische Luft; hier weben

sich keine Träume, hier geschehen keine Wunder. Hier verschleiert die

Poesie nichts, hier meidet sie nicht schamhaft das minder Schöne. Hier

ist ihr ein heiliges Ahnen aufgegangen, wie sie im innersten Wesen

verbunden ist mit der wahren und wirklichen Welt, die ihr Kraftquell

und ihr Jungbrunnen zugleich ist.

Ein ~Ahnen~ nur; wie sonderbar flechten sich die Oberhofkapitel

in die Gänge des großen Romans mit seinen zerfahrenen Modegestalten

ein! Ein vereinzelter Meisterwurf war diese Dorfnovelle; anderen war

es vorbehalten, ihr in ihrer Eigenart zum Eigenrecht gesonderter

Existenz zu helfen. Die beiden Dichter, denen dieser Ruhm gebührt,

sind Jeremias Gotthelf und Berthold Auerbach.

~Jeremias Gotthelf~ ist unserer Zeit lange ein Fremder geblieben.

Erst neuerdings lernt man ihn besser würdigen. Nicht das geringste

Verdienst an dieser besseren Erkenntnis hat Adolf ~Bartels~, dem

die wärmsten Töne nicht warm genug scheinen, wenn er auf Gotthelf

zu sprechen kommt. Daß er uns schwerer nahkommt als andere Dichter,

liegt ja zum Teil an der schweizerischen Sprache. Albert Bitzius, ein

Pfarrer aus dem Kanton Bern, versteckt sich bekanntlich hinter dem

Pseudonym, das auf dem Titel seiner Bücher steht. Aber es liegt an

der Sprache nicht allein; Fritz Reuters Sprache ist nicht leichter zu

erfassen als die von Albert Bitzius. Es liegt wohl neben allerhand

Zufälligkeiten auch daran, daß die Welt, die er so meisterhaft

schildert, uns doch eben fremder ist, als die Welt eines Reuter.

Schweizervolk schildert Jeremias Gotthelf wie in seinem Erstlingswerk

»Der Bauernspiegel«, das zwei Jahre vor dem Immermannschen »Oberhof«

das Licht der Welt erblickte, so in allen seinen späteren Erzählungen,

von denen hier nur einige genannt sein mögen: »Uli der Knecht«, »Uli

der Pächter«, »Leiden und Freuden eines Schulmeisters«, »Käthi die

Großmutter«, »Elsi die seltsame Magd«, »Wie Joggeli eine Frau sucht«.

Ganz scharf prägt sich seine Erzählweise bereits im »Bauernspiegel«

aus. Da berichtet er aus seiner eigenen Jugend: vom wohlhabenden Hof

des Großvaters, auf dem er die ersten Jahre verbracht, vom harten

Mühen des Vaters in eigener Pacht, wie er nach des Vaters Tod von der

Gemeinde vergeben wird und was für verschiedene Bauernhäuser er so

kennen lernt, wie er dann zum Knecht emporwächst und im Ausland sein

Heil sucht, schließlich aber nach der Julirevolution ins Vaterland

zurückkommt. Fast alle Themata, welche er später behandelt, sind in

diesem, das gesamte Leben des Schweizer Bauern umspannenden Roman

schon angerührt; nur daß einzelne Seiten desselben dann in besonderen

Erzählungen gründlicher und breiter besprochen werden. Aber überall

regiert das Heimatsleben, die Schweizer Art, das Bauernwesen. Und

eben darin liegt Jeremias Gotthelfs Kraft. Seine Erzählungen sind

gar nicht reich an Handlung; kein größerer Gegensatz als der zwischen

seiner ruhigen Nüchternheit und den phantastischen Schreckgeschichten

eines Amadeus Hoffmann! Sie entbehren der spannenden Verwicklung;

er verschmäht es, allerhand Knoten zu knüpfen, in deren Lösung der

Dichter alsdann besondere Fingerfertigkeit aufweisen könnte. Wie

einfach und schlicht geht der »Bauernspiegel« seinen Weg! Jede

Episode im Leben des Kindes macht einen Abschnitt aus; jeder neue

Bauernhof, auf den er für ein oder zwei Jahre kommt, ist als kleines

Kabinettstück für sich gezeichnet. Keine Spannung, die nicht lediglich

aus der Sache selber käme, aus der Anteilnahme an dem Menschenkind,

das von sich berichtet und das von jung auf so mühsam durchs Leben

gehen muß, und aus dem Interesse, welches die Menschen einflößen, mit

denen es zu tun hat. Und alle diese Personen sind Alltagsmenschen,

Durchschnittsgeschöpfe; da ist kein verwickeltes psychologisches

Problem, da ist nichts Geheimnisvolles; im Gegenteil, alles ist

sonnenklar. Wo ja etwas dunkel wäre, da leuchtet der Erzähler sicher

alsbald dahinter, -- wie z. B. hinter das lichtscheue Treiben jenes

guten Ehepaars, das mit Botengängen und Vermittlerdiensten, mit ein

bischen Aberglauben und einem guten Teil Unredlichkeit sein Leben

liederlich, aber angenehm zu fristen versteht. Die Schilderung mag

manches Mal schier gar zu sehr in die Breite gehen; sie ist auch

sicher nicht selten allzu nüchtern, vor allem wirkt sie zu stark

moralisierend. Das ist vielleicht überhaupt die größte Schwäche des

trefflichen Gotthelf, daß er den Leser die Moral nicht selber ziehen

läßt, sondern daß er sie ihm aufdrängt. Der Hofschulze in Immermanns

»Münchhausen« zog auch Moralen; und der Jäger nennt sie hausbacken.

Aber sie sind doch noch poetischer als die erziehlichen Anwandlungen

des Schweizer Erzählers.

Sie werden zugeben, daß ich die äußere Erzählungskunst Gotthelfs

nicht allzu rosig geschildert habe. Aber je weniger man sie rühmen

kann, um so klarer werden seine eigentlichsten Vorzüge, oder, wie man

mit gutem Grund sagen kann, sein eigentlicher Vorzug. Der besteht in

der wunderbar engen Beziehung, in welcher er zum wirklichen Leben

des Schweizer Bauern steht. Im ganzen Gotthelf nichts Unnatürliches,

Gemachtes, Künstliches, Aufgebauschtes, Übertriebenes; überall nichts

als Wirklichkeit, nichts als Natur. Seine einzige Kunst ist die, die

Natur wiederzugeben; aber ~diese~ Kunst hat er aus dem Grunde

verstanden. Er greift bis in die Tiefen der Natur, auch bis in die

Tiefen des Gemüts. Er zeigt Roheit und Feinheit auf, Hartherzigkeit

und Gutmütigkeit, Keuschheit und Reinheit, aber auch Sünde und

Schande. Er schont seine Bauern nicht; von der Bauernidylle, die

Immermann verabscheut, ist auch er himmelweit entfernt. Um das alles

deutlicher zu machen, greife ich ein paar Bilder heraus, in denen

Gotthelf Mädchentypen zeichnet. Da ist das Vreneli, das wunderliche,

das mit dem Uli Hochzeit machen will und doch keinen Tag findet,

an dem es ihm recht wäre, zum Pfarrer zu gehen, um die Hochzeit zu

bestellen. Am Montag hatte das Vreneli seine Schuhe noch nicht vom

Schuhmacher, am Dienstag schien ihm der Mond zu heiter. Alle Leute

würden es ja kennen durch das ganze Dorf, sagte es. Am Mittwoch

war das Zeichen im Kalender -- es war der Krebs -- ihm nicht gut

genug, auch sei der Mittwoch ja eigentlich kein Tag, behauptete es.

Es ziehe an diesem Tag ja kein Dienstmädchen ein, und so sei das

Hochzeitangeben noch wichtiger als einen Dienst anzutreten, wo man

ja das ganze Jahr daraus könne, wenn man wolle. Schließlich gehen

sie denn am Donnerstag in fürchterlichem Schneegestöber, an einem

Abend, wo der Wind schaurig pfeift und die Nacht dick und finster

zu den Fenstern einkam. Und der Pfarrer sagt ihnen das treffende

Wort: »Was von Gott kommt, das läßt sich alles tragen, wenn zwei in

Gott eins sind, aber wenn der Eigensinn oder die Wunderlichkeit oder

die Leidenschaft von Mann oder Weib Unglück über eine Ehe bringen,

Ärgernis und Elend, und das Unschuldige muß mit aus dem bitteren Kelch

trinken, muß bei jedem Zuge denken: daran ist mein Gatte schuld;

wenn er nicht wäre oder anders wäre, so wäre das auch nicht, da

wird das Leben ein Wermutstrank und der Gang durchs Leben ist noch

viel ungestümer als euer heutiger Gang.« -- Da ist ferner Elsi, die

seltsame Magd. »Elsi verrichtete, was sie zu tun hatte, nicht nur

meisterhaft, sondern sie sah auch selbst, was zu tun war, und tat

es ungeheißen, rasch und still, und wenn die Bäuerin sich umsah, so

war alles schon abgetan, als wie von unsichtbaren Händen, als ob die

Bergmännlein dagewesen wären.... Daneben hielt Elsi nichts auf Reden,

hatte mit niemandem Umgang, und was sie sah im Hause oder hörte, das

blieb bei ihr, keine Nachbarsfrau vernahm davon das Mindeste, sie

mochte es anstellen, wie sie wollte. Mit dem Gesinde machte sich Elsi

nicht gemein. Die rohen Späße der Knechte wies sie auf eine Weise

zurück, daß sie dieselben nicht wiederholten, denn Elsi besaß eine

Kraft, wie sie selten ist beim weiblichen Geschlechte, und dennoch

ward sie von denselben nicht gehaßt.« -- Da sind die fünf Mädchen,

»die im Branntwein umkommen«, freilich nicht anziehend, aber doch

nach der Natur beschrieben, wie sie in der Schenke sitzen. »Die

Wirtin brachte die Maß, die Mädchen schenkten ein; aber es sah aus

wie Branntwein, es roch wie Branntwein, sie tranken es, wie man den

Branntwein trinkt; ja wahrhaftig, es war Branntwein!« Unter ihnen ist

Marei mit dem unverschämten Gesicht, dessen Züge nichts als Frechheit

ausdrücken, da ist Elisabeth, unbeholfen und schwammig. »Stüdeli

wurde das dritte genannt; es hatte ursprünglich schöne Züge, von

der Seite sogar etwas Nobles. Aber erdfarb war seine Haut, blaß die

Lippen, zahnlos und krankhaft groß der Mund und glanzlos die großen,

tiefblauen Augen. Es war lang und hager, reinlich angezogen und tat

zimperlich. Man sah ihm von weitem an, daß es eine Näherin war.

Manchmal dünkte es Einem, als flackere etwas Besseres in ihm auf und

als gieße es den Branntwein nur herunter, um das Bessere zu dämpfen,

sich zu betäuben. Das gab ihm etwas Träumerisches, das aber immer mehr

in etwas Stierendes ausartete, je länger es trank.«

Doch genug der Einzelbilder! Jeremias Gotthelf ist groß in ruhiger,

nüchterner, aber plastisch wahrer Wirklichkeitskunst. Erzählungen

haben wir von ihm, nicht Romane: dazu fehlt seinen Schöpfungen die

umfassende, vielseitige Art, die Kraft fortschreitender Handlung,

die Spannung, welche in der Lösung von Fragen des Lebens und der

Psychologie liegt. Die Helden dieser Erzählungen erleben mancherlei,

tun mancherlei, aber das ist nicht die Hauptsache. Für Gotthelf dreht

sich alles und jedes um die Frage: Wie ~sind~ die Menschen? Was

tun sie, weil sie so geartet sind, weil diese Sitten sie binden? Mit

anderen Worten: es ist ~keine Romankunst, aber Naturkunst~. Die

Wirklichkeitswiedergabe aber ist überall von ernsten sittlichen Ideen

getragen. Man hat gemeint, daß seine Kunst naturalistisch sei. Gewiß

ist sie das; derb genug ist sie auch. Wäre sie es weniger gewesen, so

wäre sie nicht wahr gewesen. Aber er ist nirgends bloß-naturalistisch;

durch jede Schilderung auch des Schlimmen will er wirken, will er

bessern.

Neben Jeremias Gotthelf stelle ich unmittelbar Berthold ~Auerbach~,

den Verfasser der »~Schwarzwälder Dorfgeschichten~«, deren erste 1843

erschienen sind. Sie sind ja weithin bekannt geworden, bekannter als

Jeremias Gotthelfs Schweizergeschichten. Ein paar Titel mögen hier

Platz finden: Der Tolpatsch, Die Kriegspfeife, Des Schloßbauers Wefele,

Befehlerles, Sträflinge, Luzifer, Die Frau Professorin. In Anlage

und Umfang sind sie recht verschieden; manche sind kurz, skizzenhaft

ausgeführte Anekdoten, andere wie die drei zuletzt genannten sind

reicher ausgeführt, werfen Fragen auf und führen in Konflikte hinein.

Es scheint mir möglich, Auerbachs Art an einer dieser Erzählungen zu

veranschaulichen; andere mögen zur Vergleichung herangezogen werden.

Ich wähle als die hiefür geeignetste: »Die Frau Professorin«.

Der Maler Reinhard und der Collaborator Reihenmaier durchstreifen den

Schwarzwald und machen im Gasthaus beim reichen Wadeleswirt Halt. Dort

gehn sie jeder seine eigenen Wege. Der Collaborator ist ein Schwärmer

für Natur und Volk und sucht beides kennen zu lernen; dafür dienen

ihm Streifzüge in den frischen Wald und in die Sagenwelt, die in den

Köpfen rumort. Reinhard dagegen freut sich mehr praktisch mit dem Volk

und an dem Volk. Ihm hats des Wadeleswirts Töchterlein Lorle angetan,

von der des Collaborators Wort sagt:

»Solch ein Mädchen ist wie ein Lied, das ein ferner Dichter geschaffen

und zu dem ein anderer die Melodie findet, die Alles und hundertfältig

mehr daraus offenbart.«

Reinhard und Lorle wollen zusammen gehören. Lorle sagts ihrem Vater:

»Der Herr Reinhard hat mich gern und ich ihn auch, und er will mich

und ich will ihn und keinen andern aus der ganzen Welt.« Und der

Wadeleswirt gibt, wennschon zögernd, nach. Lorle wird des Malers

Braut und Frau, -- des Malers, der als Professor und Inspektor der

Gemäldegalerie in der fürstlichen Residenz in nahen Beziehungen zum

Hof stehen muß. Wohl hat Reinhard selber sichs vorgenommen, daß

sie das frische Naturkind bleiben soll mitten im Trubel der Stadt:

»Sie bedarf keiner anderen Welt, ich bin ihre ganze Welt.« Aber sie

wird nicht seine ganze Welt, er für sich allein läßt sich in das

gesellige Leben der Gesellschaft ziehen, und Lorle vereinsamt. Sie

kann sich sowieso schwer in die Stadt schicken; die himmelhohen Häuser

bedrücken sie, die Klatscherei der Kaffeekränzchen stößt sie ab, die

steifen Formen des Umgangs sind und bleiben ihr fremd. So tritt die

gegenseitige Entfremdung ein. Reinhard kommt doch nicht darüber weg,

daß sie ein echtes Naturkind geblieben ist, daß sie die heimische

Art nicht lassen kann, daß sie frei öffentlich vor dem Schloß mit

einem schlichten Jungen aus der Heimat spricht, der als Tambour in

der Residenz steht. Und es paßt ihm erst recht nicht, daß sie, selbst

in der Audienz bei dem Prinzen, gleich »den Sack umkehrt, mit Kraut

und Rüben«. Und Lorle fühlt immer stärker das Heimweh, je mehr er

sie vernachlässigt. Endlich kommt die Katastrophe. Durch mißliebige

Erfahrungen auch im Beruf geärgert, betäubt sich der Professor im

Trunk, und Lorle gewinnt, als sie das merkt, die Kraft zum Entschluß,

in die Heimat zurückzukehren.

Am Beispiel dieser Erzählung möchte ich versuchen, Vorzüge und

Schwächen der Auerbachschen Dorfgeschichten kurz darzulegen. Ich

fasse, was zu sagen ist, in einige Sätze zusammen:

1. Auerbach wählt hier wie auch sonst das ~Dorfleben~ zum Stoff

seiner Geschichten. Aber er will es nicht bloß schildern; er verfolgt

eine deutlich hervortretende ~Absicht~. Er ~vergleicht~

Dorf und Stadt, Bauer und Städter. Und er ~entscheidet zu gunsten

des Dorfs~. Freilich, wenn der Prinz die naive Meinung ausspricht,

daß die Bauern die glücklichsten Menschen auf der Welt seien, so

widerspricht ihm Lorle: »Man muß ja schaffen wie ein Tagelöhner und

Steuern zahlen mehr als ein Baron.« Aber in der Stadt -- wieviel

Gemachtes, Gezwungenes, Geheucheltes, Unnatürliches! Viel höher

steht die natürliche Kraft und Einfachheit des Dorflebens! Das ist

Auerbachs ~Tendenz~. Sie tritt nicht überall so stark hervor wie

in »Die Frau Professorin«. Aber sie klingt überall mit. Sie macht ihn

zu Immermanns Genossen; ähnlich wollte ja der ganze »Münchhausen« das

Bauerntum als Kraftquelle gegenüber der Verbildung preisen. Aber sie

scheidet ihn von J. Gotthelf, der nichts anderes will, als seinen

Landsleuten den Spiegel vorhalten, damit sie sich bessern.

2. In dieser Tendenz liegt eine große Gefahr: diejenige ~einseitiger

Schilderung~. Gotthelf brauchte diese Versuchung nicht zu bestehen,

weil er die Tendenz gar nicht hatte. Immermann hat sie überwunden.

Auerbach ist ihr erlegen. Nicht überall sind seine ländlichen

Gestalten so ideal, wie in »Die Frau Professorin«. »Diethelm von

Buchenberg« beschreibt den Entwicklungsgang eines Bauern, der, um

Hab und Gut, Ansehen und Stellung zu wahren, zum Verbrecher wird.

Im »Lehnhold« schafft der felsenharte Bauerneigensinn tausendfaches

Unheil und Elend. Trotz alledem kann ihm der Vorwurf nicht erspart

werden, daß er idealisiert. Die schlimmen Charaktere haben bei

ihm leicht gleich etwas Ausnahmsweises, ihre Fehler sind wohl gar

Übertreibungen berechtigter Eigenheiten. Man mag sie jedenfalls

nicht so recht zur Charakterisierung des Typus verwenden. Die guten

Charaktere aber verlieren vor lauter Engelsgüte den Boden der

Wirklichkeit unter den Füßen. Von Lorle heißt es: »In Demut entfaltete

Lorle eine Fülle des Liebesreichtums, daß Reinhard staunend und

anbetend vor ihr stand. Der Schluß ihrer Rede aber war fast immer.

»Ach Gott! ich bin dich nicht wert!«« Ausdrücke wie »herrliche,

einzige Frau«, »Naturschatz« sind gar nicht selten. Ähnlich die anderen

Personen: der Wadeleswirt in seiner Derbheit und Bravheit, der

Wendelin in seiner stillen Schwärmerei, die Bärbel in ihrer rührenden

Treue. Das sind Lichtgestalten, aber darum noch keine Naturgestalten.

3. Schwerer fällt zu Auerbachs Ungunsten ins Gewicht, daß er, selbst

von der Neigung zu idealisieren abgesehen, in der Zeichnung seiner

Bauern doch ~nicht ganz die rechten Farben getroffen hat~. Ein

neuerer Beurteiler nennt seine Erzählungen »treuherzig und mit jenem

gesättigten Humor im Ton, welcher dem Bauernverstand eine gewisse

Überlegenheit gibt«. Das mag stimmen, aber es genügt nicht, um den

Eindruck der Echtheit zu erwecken. Adolf ~Bartels~ konstatiert

z. B. bei der Geschichte »Ivo, der Hairle«, daß die Entwickelung in

den Hauptzügen richtig gegeben ist; »ein letztes Etwas fehlt einem

aber doch«. Was ist dies letzte Etwas, das übrigens keineswegs allein

bei dieser einen Erzählung fehlt? ~Bartels~ selbst erklärt: »In

den letzten Gründen weiß er nicht immer Bescheid, er legt unter und

deutelt hinein und erreicht nicht die absolute Echtheit, die Jeremias

Gotthelf bis in die letzte Gebärde und den geheimsten Seelenvorgang

aufweist.« Aber auch dies bedarf wieder der Begründung. Woran liegts,

daß Auerbachs Dorfgestalten nicht absolut echt sind? Meiner Meinung

nach an einem Dreifachen: Zunächst an der ~geringeren Bedeutung,

welche Sitte und Brauch für seine Geschichten haben~. Theoretisch

hat er die ganz richtige Einsicht gehabt: »Nicht die Sittlichkeit

regiert die Welt, sondern eine verhärtete Form derselben: die

Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine

Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte«. Hier

liegt tatsächlich der Schlüssel für das Verständnis des Bauern. Mit

diesem Satz hat Auerbach den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber

in der Ausführung tritt die Sitte ganz zurück. Denken wir an eine

einzige kleine Szene bei Gotthelf wie z. B. an die, wo Vreneli den

Gang zum Pfarrer wieder und wieder aufschiebt. Jeder Satz zeigt die

Verknüpfung von Sitte und Tun. Am Mittwoch geht sie nicht, weil das

als Unglückstag gilt; kein Dienstbote zieht da an. Am Dienstag ist

das Zeichen des Kalenders nicht recht: die Welt des Aberglaubens tut

sich auf. Am Montag scheint der Mond zu hell; die Mädchen mögen

bei diesem wichtigen Gang sich nicht gern anstaunen lassen. Und so

gehts fort. Das ist ein Meisterstück in der engsten Gründung von

Rede und Handlung auf Brauch und Sitte. Wo fände sich ähnliches bei

Auerbach? Es ginge ja auch so, daß schlichte, ruhige Schilderung der

Heimatsart des Bauern die Erzählung trüge. Im »Oberhof« hat sich

Immermann gar nicht gescheut, ziemlich lange Episoden zu geben, die,

mit der Handlung nur lose verbunden, eben die Welt beschreiben, in

welcher der Bauer lebt. Auerbach hat auch das verschmäht, bis auf

dürftige Ansätze, bei denen zudem der Bauer immer gleich mit dem

Städter verglichen wird. Der Hintergrund ist bei den »Schwarzwälder

Dorfgeschichten« nicht genügend ausgearbeitet. Warum nicht etwas mehr

Brauch und Sitte bei der Hochzeit von Reinhard und Lorle? Was für

eine schemenhafte Schilderung des Sonntagmorgens im Dorf am Anfang

der »Sträflinge«! Es fehlt am Hintergrund. Wir sehen und hören die

Bauern, aber wir erleben nicht ihren naturwüchsigen Zusammenhang

mit ihrer Scholle, mit Arbeit und Erholung, mit Ordnung und Sitte.

Damit hängt dann ein Anderes eng zusammen: auch ~die Denkweise

der Schwarzwälder Bauern ist keineswegs echt~. In ihre eigensten

Gebiete führt Auerbach überhaupt nicht ein. Was er sie sonst reden

läßt, das hat einen Anstrich von liberalen Zeitideen, der ja dazumal,

in den vierziger Jahren, sich auch beim Bauernstand gefunden haben

mag, der aber jedenfalls Anstrich ist, auch durchaus nichts, was die

~Eigenart~ des Bauern zu bezeichnen geeignet wäre. Es sind gute

Menschen, die er vorführt, und es mögen ganz schöne Ideen sein, die

sie da vorbringen. Aber Bauerngedanken sinds nicht. Schließlich

trägt auch die ~Sprache~ Schuld, welche Auerbachs Schwarzwäldler

reden. Helmuth ~Mielke~ erklärt sie für eine »schlichte und warme

Sprache, die den Mundatem des Volkes selbst bekundet!« Das Gegenteil

ist richtig. Die Worte sollen getrost für echt gelten, die Sprache ist

darum doch nicht echt. Was z. B. das Lorle in der Audienz beim Prinzen

alles zusammenschwatzt, das ist ganz und gar nicht dörflich schlicht;

das ist forciertes, gemachtes Bauerntum. Kurz, Auerbachs Dorfgestalten

haben keinen Erdgeruch; es sind Salondörfler.

4. Zur Charakteristik seiner ganzen Erzählweise mag an vierter

Stelle die Art erwähnt sein, ~wie er Stoffe wählt und Probleme

gestaltet~. Auch diese Art ist nicht schlicht natürlich. Gerade

»Die Frau Professorin« liefert dafür den glänzendsten Beweis. Ein

Künstler, der in nächster Beziehung zur Hofgesellschaft steht,

heiratet ein schlichtes Gastwirtskind vom Lande. Noch dazu ein

Mann, der sich gar keine Mühe gibt, ein warmes Familienleben zu

gründen, bei dem es dem verpflanzten Dorfkind wohl sein kann. Und

das Dorfkind seinerseits bleibt so stocksteif auf der alten Art, die

doch eigentlich nur in der Negation sich zeigt, daß man wirklich ein

bißchen mehr Verständnis, ein klein wenig mehr Akkommodationsfähigkeit

erwarten dürfte. Das ist kein typisches Sittenbild; das ist

die Geschichte einer Torheit, welche durch die Narrheit der

Hauptbeteiligten auf die Spitze getrieben wird! Aber auch in anderen

Erzählungen bleibt Auerbach ungern beim rein, intim Dörflichen.

Überall spielt das Städtische hinein. In »Die Frau Professorin«

tritt das Dörfliche nirgends für sich auf, vielmehr durchweg nur in

Verbindung mit den Erlebnissen des Malers und des Collaborators. Die

»Sträflinge« bringen ein ganz fremdartiges Element ins Dorfleben

hinein: die aus Barmherzigkeit aufgenommenen entlassenen Gefangenen.

Ich fasse mein Urteil über Auerbach kurz dahin zusammen: Er

verherrlicht das Landleben, den Bauernstand. Er entnimmt dem

bäuerlichen Leben seine Stoffe und seine Probleme. Aber ~er geht

nicht genug in die Wurzeltiefe dörflicher Art hinein, er nimmt den

Bauern nicht im Zusammenhang mit seiner Scholle. Und so lernt man den

Bauernstand selbst durch ihn nicht kennen.~

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Der deutsche Roman seit Goethe · 第 4 / 17 段