Eine Reihe von äußerlich nicht zusammenhängenden Skizzen zieht am

Leser vorüber; gemeinsam ist ihnen der Titel: Bekenntnisse eines

Ungeschickten. Es sind Briefe, Phantasien, eine »Allegorie von der

Frechheit«, eine »Idylle über den Müßiggang«, Betrachtungen und,

unter dem Titel »Lehrjahre der Männlichkeit«, eine zusammenhängende

Schilderung. Julius ist der Held derselben. Ein völlig zerrütteter,

haltloser, dekadenter Charakter. »Eine Liebe ohne Gegenstand brannte

in ihm und zerrüttete sein Inneres. Bei dem geringsten Anlaß brachen

die Flammen der Leidenschaft aus; aber bald schien diese aus Stolz

oder aus Eigensinn ihren Gegenstand selbst zu verschmähen, und wandte

sich mit verdoppeltem Grimm zurück in sich und auf ihn, um da am Mark

des Herzens zu zehren.« »Es war ihm, als wollte er eine Welt umarmen

und könne nichts greifen. Und so verwilderte er denn immer mehr und

mehr aus unbefriedigter Sehnsucht, ward sinnlich aus Verzweiflung am

Geistigen, beging unkluge Handlungen aus Trotz gegen das Schicksal

und war wirklich mit einer Art von Treuherzigkeit unsittlich.« Die

Art, wie er liebt, bildet den Stoff der weiteren Erzählung. Er liebt

ein edles Mädchen, aber er kommt in dem Augenblick zur Besinnung, wo

er den Blütenkranz der Unschuld mutwillig hatte zerreißen wollen. Er

wirft sich an ein Weib weg, das am freiesten lebt und am meisten in

der guten Gesellschaft glänzt. Als er mit ihr bricht, gibt sie sich

den Tod. Er findet zuletzt in Lucinde eine gleichgestimmte Seele.

»Lucinde hatte einen entschiedenen Hang zum Romantischen, er fühlte

sich betroffen über die neue Ähnlichkeit und er entdeckte immer

mehrere. Auch sie war von denen, die nicht in der gemeinen Welt

leben, sondern in einer eignen, selbstgedachten und selbstgebildeten.

Nur was sie von Herzen liebte und ehrte, war in der Tat wirklich

für sie, alles andere nichts; und sie wußte, was Wert hat. Auch sie

hatte mit kühner Entschlossenheit alle Rücksichten und alle Bande

zerrissen und lebte völlig frei und unabhängig.« Beide finden sich

in schrankenloser, nun aber dauernder Liebe, deren Beschreibung auch

in den Briefen und Skizzen immer wieder den Grundton abgibt. Sie

sammeln um sich eine Zahl Ähnlichdenkender, eine freie Gesellschaft

oder eine große Familie. Aber die volle Harmonie findet Julius auch in

der Anregung seines Geistes »allein in Lucindens Seele, wo die Keime

alles Herrlichen und alles Heiligen nur auf den Strahl seines Geistes

warteten, um sich zur schönsten Religion zu entfalten.«

Aber diese Inhaltsangabe stellt noch nicht die ganze Art des

merkwürdigen Buches klar. Seine Eigentümlichkeit besteht nicht in

dem Bruchstückartigen, nicht in den beschriebenen Liebesbegebnissen,

sondern in der Schilderung selbst. In ihr einen sich Schwärmerei und

Sinnlichkeit zu einem schwülstigen Ganzen. Es fehlt dem Helden an

jeder Selbstbeherrschung, an jeder Selbstzucht. Phantasie wie Wünsche

sind bei ihm gleich ausschweifend. Er verabscheut die entfernteste

Erinnerung an bürgerliche Verhältnisse, -- womit natürlich die Ehe

gemeint ist, -- wie jede Art von Zwang. Er ist dem kaum der Kindheit

entwachsenen Mädchen gegenüber einfach gewissenlos; aber auch im

Verkehr mit Lucinde spielt ungezügelte Sinnlichkeit eine erschreckende

Rolle. Umwoben aber sind alle diese Schilderungen mit einem Schwulst

von überschwänglichen Worten, von himmelstürmenden Tiraden.

Ich verzichte auf eingehendere Beschreibung. Lucinde durfte nicht

übergangen werden: diese leidenschaftliche, in schöngeistiges

Gewand gehüllte Sinnlichkeit ist ja eben bezeichnend auch für die

romantische Dichtung. Zugestanden mag sein, daß Lucinde etwas mehr

mit der Wirklichkeit zu schaffen hat als der Heinrich von Ofterdingen

und als Eichendorffs Taugenichts. Die Lucinde ist nicht ohne

psychologische Ansätze. Sie hat Ähnlichkeiten mit Werther. Aber sie

hat das Ungesunde von ihm hergenommen und ins Unreine hin verzerrt.

Werther mit seiner krankhaft gesteigerten Leidenschaft steht immer

noch hoch über ~der~ Leidenschaft, mit welcher Schlegel seinen

Julius alle Moral, allen Anstand, alle Sitte beiseite werfen läßt. Es

sind nicht Lehrjahre der Männlichkeit, wie er selber sie nennt; die

»Allegorie von der Frechheit« ist viel bezeichnender für das Ganze.

Und schließlich ist, trotz der unfraglich vorhandenen Berührung mit

der Wirklichkeit, auch die Lucinde ein Buch der Unwirklichkeit: von

Menschen redet sie, die nichts zu tun haben, die kein Zwang des Berufs

fesselt und die jeden anderen Zwang bewußt abschütteln.

Die romantische Prosadichtung ist reich an Spielarten. Eine Spielart,

wie sie der vielgelesene, von Ostpreußen nach Berlin verpflanzte Ernst

Theodor ~Amadeus Hoffmann~ vertrat, den man wohl den genialsten

Erzähler der Romantik genannt hat, darf bei ihrer Charakterisierung

nicht außer Betracht bleiben. Amadeus Hoffmann ist ein Vielschreiber

gewesen; und seine Erzählungen tragen längst nicht alle den gleichen

Stempel. Er war wirklich genial; und seine Genialität zeigte sich

auch in vielseitiger Kraft. Satire, Ironie, Humor, Realistik sind ihm

nicht fremd; und wo von diesen Gottesgaben etwas sich findet, da ist

er noch heut zu bewundern. Aber den Grundton seiner Schöpfungen geben

sie alle nicht an. Im Innersten sind sie durch und durch phantastisch.

Aber nicht phantastisch im Sinne von Novalis, der in die wundervolle

Märchenwelt führt, nicht phantastisch in der Art der sonnigen,

unbekümmerten Fröhlichkeit Eichendorffs, auch nicht nach der Methode

der geistig-sinnlichen Überschwänglichkeit Schlegels. Seine Phantastik

trägt den Sondercharakter des Geheimnisvollen, Schauerlichen,

Unheimlichen. Wohl knüpft er überall an die Verhältnisse des

wirklichen Lebens an, darin ganz anders verfahrend als Novalis

und auch als Eichendorff. Wohl spielen die sehr natürlichen

Leidenschaften auch bei ihm eine große Rolle; und seine Menschen sind

in ~dieser~ Hinsicht eben Menschen, wirkliche Menschen. Aber er

verknüpft mit diesem Tatsächlichen soviel Grauenhaft-Unnatürliches,

daß ihm der Beiname »Teufels-Hoffmann« nicht mit Unrecht gegeben

worden ist.

Beispielshalber wenigstens eine kurze Skizze eines seiner

Teufels-Werke, der »~Elixiere des Teufels~«. Ein Klosterbruder

bewahrt unter den Klosterreliquien auch eine Flasche, die einst der

Teufel selbst aus seinem Mantel dem heiligen Antonius zurückgelassen.

Wer von dem in dieser Flasche enthaltenen Elixier kostet, der

ergibt sich dem Teufel und seinem Reiche. Der Bruder Medardus ist

ein Prediger, zu dessen Predigten die Leute in Haufen strömen. Da

erscheint ihm mitten in begeisterter Rede eine furchtbare Gestalt, in

der er den »fremden Maler« zu erkennen glaubt, der vor langen Zeiten

die Kirche seiner Geburtsstätte mit wunderbaren Bildern geschmückt.

Wie er nun die Gestalt an einem Eckpfeiler lehnen sieht, will

Medardus nicht hinschauen. Aber ob er will oder nicht, er ~muß~.

»Wie von einer fremden, zauberischen Gewalt getrieben, mußte ich immer

wieder hinschauen, und immer starr und bewegungslos stand der Mann

da, den gespenstischen Blick auf mich gerichtet. So wie bitterer Hohn

-- verachtender Haß, lag es auf der hohen, gefurchten Stirn, in dem

herabgezogenen Munde. Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares, --

Entsetzliches! -- Ja! -- es war der unbekannte Maler aus der heiligen

Linde. Ich fühlte mich, wie von eiskalten grausigen Fäusten gepackt --

Tropfen des Angstschweißes standen auf meiner Stirn -- meine Perioden

stockten -- immer verwirrter und verwirrter wurden meine Reden -- es

entstand ein Flüstern -- ein Gemurmel in der Kirche -- aber starr und

unbeweglich lehnte der fürchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren

Blick auf mich gerichtet. Da schrie ich auf in der Höllenangst

wahnsinniger Verzweiflung: »Ha Verruchter! Hebe dich weg! -- hebe dich

weg -- denn ich bin es selbst! -- ich bin der heilige Antonius!««

Von dieser Stunde an ist die Kraft des Bruder Medardus gebrochen.

Sie wiederzugewinnen, trinkt er endlich vom Teufelselixier. Neues

Leben strömt nun durch seine Adern. Aber es ist ein Leben, in dem

der Böse Herrschaft hat. Er läßt Kloster und Möncherei, er gerät

in die wildesten Abenteuer, er wird zum Ehebrecher und Mörder; ein

Wahnsinniger ahnt in ihm den Bösen; mitten in fröhlicher Gesellschaft

starren ihm wieder die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten entgegen;

er trifft in ländlichem Försterhaus in einsamer Stille einen

wahnsinnigen Kapuziner, der nichts anderes ist als sein Doppelgänger,

dessen Erscheinung sein eigenes Ich in verzerrten, gräßlichen Zügen

reflektiert. Äußerlich macht er sein Glück: des Bösen Gewalt läßt ihn

auf der Jagd treffen, ohne daß er gezielt, läßt ihn am Fürstenhof im

Glücksspiel fabelhafte Gewinne einheimsen. Dann wird er erkannt,

man stellt ihn vor Gericht; aber alle Verbrechen häuft man auf jenen

gräßlichen Doppelgänger, während Medardus selber frei ausgeht. Und so

geht es weiter zwischen den grauenvollsten Schrecklichkeiten durch;

Wahnsinn, Visionen, Leidenschaft, Verbrechen, Mysterien aller Art

führen einen wilden Reigen auf. Medardus kehrt endlich nach langer

Buße ins Kloster zurück und stirbt dort nach einem wahren Hexentanz

von gespenstischen Ungeheuerlichkeiten eines frommen Todes.

Diese Inhaltsangabe gibt nur ein ganz, ganz mageres Gerippe des

vielverschlungenen Romans. Aber sie läßt doch erkennen, wie alles in

demselben aufs Grauenhaft-Phantastische angelegt ist. Der Boden der

Wirklichkeit ist ganz und völlig verlassen. In anderen Erzählungen

tritt eine andere Methode hervor, ~wie~ die Wirklichkeit verzerrt

wird; aber verzerrt wird sie überall. Ob es mehr lustige Tollheit

ist, die ihn mit seinen Figuren umspringen läßt, als seien sie

nicht an die Gesetze dieser Welt gebunden, ob es mehr phantastische

Karikaturkunst ist, die seiner Satire dienen muß, -- überall ists das

Gegenteil klarer Wirklichkeit, was regiert. Er hat es verstanden,

nervenspannende, ja nervenerschütternde Wirkungen zu erzielen; -- ich

rate noch heute Niemandem, der über schwache Nerven verfügt, mit ihm

nähere Bekanntschaft zu machen. Er ist unerschöpflich in Erfindung

und unübertroffen in Plastik der Darstellung; aber das alles kann das

Urteil nicht ändern, daß auch seine Romane und Erzählungen von der

Aufgabe des Romans, ein Bild der Welt zu zeichnen, himmelweit entfernt

sind.

Auch die bekannte Erzählung ~Heinrich von Kleists~: ~Michael

Kohlhaas~ gehört ins Gebiet der Romantik. Auch sie sucht ihre

Wirkung im starken, auch im erschütternden Eindruck. Aber Michael

Kohlhaas ist doch von ganz anderem Holz als die Spukgestalten des

Teufels-Hoffmann. Der Roßhändler Kohlhaas ist eines Schulmeisters

Sohn und das Muster eines guten Staatsbürgers. Die Kinder, die ihm

sein Weib schenkt, erzieht er in der Furcht Gottes zur Arbeitsamkeit

und Treue. Er läßt gezwungenermaßen als Pfand für einen zu lösenden

Paßschein ein Paar Rappen im Gewahrsam des Junkers von Tronka. Die

Pferde werden ihm malträtiert, der Knecht, der sie besorgen soll,

wird mißhandelt. Die herabgekommenen Rappen nimmt Kohlhaas nicht an;

er legt sich jetzt aufs Prozessieren und beschließt, da er nirgends

Recht bekommen kann, endlich, sich selber Recht zu schaffen. Und nun

wird er zum Räuber und Mordbrenner, der das Schloß des Junkers in

Flammen aufgehen läßt, der mehr als eine Stadt, in welche der Junker

geflüchtet, einäschert, der den Schrecken der ganzen Gegend bildet.

Luther selbst legt sich ins Mittel, um den Unhold zu bändigen; aber

auch seine Mühe ist vergeblich. Kohlhaas führt Krieg mit Fürst und

Staat und Gesellschaft. Endlich wird ihm sein Recht; und nun geht er

ruhig in den Tod, der seine Freveltaten lohnt.

Es ist nicht zu verkennen, daß die Romantik in diesem Buch wesentlich

andere Bahnen einschlägt als in den vorher skizzierten Dichtungen.

Auch hier dominiert das Außerordentliche, das Furchtbare. Aber wenn

es auch allzu gehäuft und ins Gräßliche übertrieben ist, es bleibt

durchaus im Zusammenhang mit dem wirklichen Geschehen. Bis auf ein

paar mysteriöse Züge, ohne die es freilich nicht abgeht, ist alles

Geschilderte in roher, gewalttätiger Zeit durchaus möglich. Die

Erzählung sucht die Verbindung mit dem Leben festzuhalten. In der

ganzen Absicht derselben aber liegt gewiß auch jene romantische

Neigung, sich selber gegen Sitte und Brauch, gegen Mehrheit und Zwang

durchzusetzen, -- eine Neigung, der wir in der Lucinde so gut begegnen

wie in vielen anderen Dichtungen jener Zeit. Aber diese Neigung tritt

hier weniger im Gewand der Selbstverständlichkeit auf; nicht als

Führerin ins holde Traumland, in dem sich jeder seine Welt selber

zimmert, sondern als bewußte, klare, in alle Konsequenzen durchführte

Auflehnung gegen die Gesellschaft. Und endlich: es ist im Kohlhaas

nicht subjektive Willkür, welche ihn zu dieser Auflehnung treibt,

sondern es ist ein heiliges, eingeborenes und schließlich doch auch

vom Dichter als allgemeingültig anerkanntes Rechtsgefühl, welches

ihn zum Räuber und Mörder macht. Was er will, ist ja der Schutz der

Gesetze. Wer ihm diesen versagt, der gibt ihm die Keule in die Hand,

die ihn selbst schützt. Diese Besonderheit will wohl beachtet werden;

das Trotzen auf sein Recht steht doch sicher höher als die zügellose,

rasende Leidenschaft. Und dennoch bleibt es richtig: auch im Michael

Kohlhaas ist der Mensch das Maß aller Dinge. Der Einzelne stellt sich

außerhalb aller Ordnung, weil diese Ordnung ihn in einer einzigen

Angelegenheit nicht schützt. Schließlich ist sein Verhalten in dem

Plakat, welches Kleist von Luther erlassen sein läßt, doch richtig

gezeichnet:

»Kohlhaas, der du dich gesandt zu sein vorgibst, das Schwert der

Gerechtigkeit zu handhaben, was unterfängst du dich, Vermessener, im

Wahnsinn stockblinder Leidenschaft, du, den Ungerechtigkeit selbst

vom Scheitel bis zur Zehe erfüllt? Weil der Landesherr dir, dem du

untertan bist, dein Recht verweigert hat, erhebst du dich, Heilloser,

mit Feuer und Schwert und brichst wie der Wolf der Wüste in die

freundliche Gemeinheit, die er beschirmt.« --

Die nähere Beziehung jedoch, die Kleists Novelle zu den

Tatsachen unterhält, zeigt sich auch in ihrer Schreibart. Nichts

Unklar-Verschwommenes, nur massiv und prägnant Herausgearbeitetes.

Keine wortreichen Ergüsse; die Tatsachen schaffen die Stimmung. Es

kann kein Zweifel darüber sein, daß gerade diese von der strengsten

Romantik sich entfernende Art dem Michael Kohlhaas ein gut Teil seiner

Wirkung gesichert hat.

Noch enger werden die Beziehungen der romantischen Dichtung zur

Geschichte in dem Roman »~Die Kronenwächter~« von Achim ~von

Arnim~. Indes wir werden von diesem farbenprächtigen, wunderschön

und wunderreich geschmückten Roman in dem Vortrag noch zu sprechen

haben, der den historischen Roman behandeln wird.

Die Romantik -- das hat auch meine knappe Skizze zu zeigen versucht

-- ist nicht auf eine einheitliche Formel zu bringen. Sie geht

sehr mannigfaltige Wege und verfügt über eine reiche Zahl von

verschiedenen Farben. Was ist das Gemeinsame aller ihrer Schöpfungen?

~Daß nirgend das klare, freie, helle Tageslicht der Wirklichkeit

herrscht.~ »Heinrich von Ofterdingen« lebt ganz in einer anderen

Welt; ~diese~ Welt ist nur dazu da, daß der Dichter zu seiner

Vollendung komme. Von diesem Extrem aus führen viele Stufen zur

Wirklichkeit hinab. Aber auch wo die Geschichte, die Tatsache stark

mitspricht, wird sie doch nicht dargestellt, wie sie ist; überall wird

sie ein wenig ins Geheimnisvolle getaucht, ins Poetische verklärt oder

ins Ungeheuerliche vergrößert. Die Phantasie ist die Hauptkraft der

Romantik.

Nur eine kleine Zahl von Typen der romantischen Dichtung konnte ich

skizzieren. Aber das Bild würde sich nicht wesentlich verändern, wenn

ich weitere Werke zu zeichnen suchte. Vielleicht würde ihm zu größerer

Deutlichkeit hie und da noch ein Strich hinzugefügt werden können.

Wilhelm ~Hauff~, dessen »~Lichtenstein~« noch in anderer

Umgebung zu nennen sein wird, hat in seinen »Memoiren des Satans«

und sonst dem Sonderbaren und Unheimlichen durch feinen Humor alles

Schreckliche genommen; die nervenerschütternden Gräßlichkeiten des

Amadeus Hoffmann fehlen, und wir verkehren selbst mit dem Satan ganz

gern, ohne daß ein Schauder uns überkommt. Von jener Literatur der

neuerwachten Ritter- und Räuberromane, die das Romantische vergröberte

und zugleich der dichterischen Verklärung beraubte, sei hier erst

gar nicht gesprochen.

Goethe schuf zwischen dem Roman und der wirklichen Welt deutlichen

Zusammenhang. Die Romantik ist andere Wege gegangen. Diesen

Zusammenhang hat sie gelockert, gelöst, ignoriert. Sie hat es im

Namen einer höheren Macht getan, der Poesie. Aber es war doch ein

Irrtum, daß sie glaubte, Poesie und Wirklichkeit vertrügen sich nicht.

Und dieser Irrtum hat die Romantik unfähig gemacht, einen Roman im

Vollsinn des Wortes zu schaffen. Sie schuf Märchen und Allegorien und

Phantasien und Schauergeschichten und -- im besten Fall -- liebliche

Traumbilder, aber keine Romane. Sie machte Gedanken und Stimmungen und

maßlose Leidenschaften zu ihrem Thema, aber das eigentliche Leben, das

vielverzweigte, blieb ihr fremd.

Man glaubt manchmal, der Roman habe das zum Stoff, was im gewöhnlichen

Wortverstand, der eben schon ein Mißverstand ist, »romanhaft« sei.

Die Romantik scheint diesen Irrtum zu bestätigen, wenn anders man

in ihr den Maßstab für das Wesen des Romans sucht. Aber gerade das

wäre falsch. Richtig werden wir ihr Verhältnis zum Roman und zugleich

dessen Verhältnis zum Romanhaften so formulieren:

~Die Romantik pflegte das Romanhafte und schuf deshalb keinen

Roman.~

Die Volkserzählung.

Die romantische Dichtung ließ ihre Helden ausziehen, damit sie in

geheimnisvollem Zauberland die blaue Blume suchten. Eine blaue Blume

im Zauberland -- das ist ihr die Poesie. Wir wundern uns nicht, daß

die Novalisnaturen sie nicht anders zu verstehen vermochten. Wo sollte

zur Zeit, da Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen schrieb, die

Dichtung anders wohnen als im Zauberland? Im Land der Wirklichkeit

wohnte ja die Aufklärung, wohnten die schön plattgetretenen Ideen von

Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, wohnte die Religion innerhalb der

Grenzen der bloßen Vernunft. Im Lande der Wirklichkeit regierte das

grelle, pralle Sonnenlicht der vernünftigen Überlegung. Kein Wunder,

daß mancher da lieber ein Quantum mystisches Dunkel in Kauf nahm, als

daß er sich von diesem Sonnenglanz Gemüt und Phantasie ausdörren ließ.

Die größten unter den Dichtern verstanden es freilich, mitten in der

Welt zu bleiben und doch Dichter zu sein. Aber die Kleineren mußten

ihre Dichtkunst ins Zauberland retten.

Die Zeiten, da der Schlüssel Vernunft alle Schlösser schloß, gingen

vorüber. Die Menschen, die nach der blauen Blume suchten, fanden durch

die Not der Zeit wichtigere Aufgaben einer schleunigen Lösung harrend.

Schon hatten die harten Kriegsjahre mit eherner Faust an die Pforten

geschlagen, hinter denen die Weltflüchtigen ihren Träumen nachgingen.

Manch einer blieb wach; andere fielen wieder in ihre Träume zurück.

Auch nachdem das napoleonische Ungewitter ausgetobt hatte, war ihnen

die lebendige Welt noch nicht schön genug, um darin zu leben. Und

sie begriffen noch nicht, daß auch der Dichter, wenn ihn der Zeit

Lauf nicht fröhlich stimmte, Besseres tun konnte als träumen. Aber

je mehr das neunzehnte Jahrhundert voranging, um so klarer erwachte

das ~Wirklichkeitsbewußtsein~. Und wie durchs ganze deutsche

Volk immer klarer ein Geist der Kritik am Bestehenden und ein Geist

des sehnenden Schaffens am Neuen zog, so auch durch die Dichtung, und

nicht zum mindesten durch die Prosadichtung, die am ersten berufen

ist, der Wahrheit ins Angesicht zu sehen, zu tadeln und zu mahnen.

Dieser neuerstandene Wirklichkeitsgeist aber betätigte sich alsbald

nach drei sehr verschiedenen Richtungen hin. Zum ersten als ~Zeit-

und Tendenzroman~, der ungestüm genug das Alte niederzureißen

und ein Neues zu schaffen unternahm, der aber im Lauf der Zeiten

ruhiger und objektiver geworden ist. Zum zweiten suchte eine starke

Strömung bisher schier unbekannte Welt- und Menschengebiete zu

erforschen und darzustellen; namentlich der ~Bauernstand~, ~das

Landleben~ bot jungfräuliches Land. Und endlich griffen andere in

die Wirklichkeit vergangener Zeiten zurück; es galt ihnen, früher

Geschehenes der Gegenwart als Spiegel vorzuhalten oder auch einfach,

in den abgründigen Tiefen der Geschichte Menschen zu studieren: der

~historische Roman~. Es sind die drei großen Formen des modernen

Romans, die alle um das zweite Viertel des 19. Jahrhunderts Wurzel

zu schlagen begannen, und die späterhin dann noch manche weitere

Sonderart haben aus sich erwachsen lassen.

Ich beginne hier mit der an zweiter Stelle genannten, mit der

~Volkserzählung~.

Nicht Entwicklung und Beziehungen will ich ausdeuten; es liegt

mir auch hier nur eins an: die Haupttypen an den anschaulichsten

Beispielen darzustellen. Und so greife ich drei Dichter heraus,

denen ein vierter und fünfter ein wenig abseits sich zugesellen

sollen. ~Immermanns~ Oberhof nenne ich zuerst: da haben wir

die Volkserzählung in der Wiege. Jeremias ~Gotthelf~ und

Berthold ~Auerbach~ folgen: zwei Haupttypen der ausgebildeten

Volkserzählung. Ein wenig abseits stehen dann Otto ~Ludwig~ und

Fritz ~Reuter~.

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 3 / 17 段