Es ist deutlich, daß diese Bestimmungen wertvolle Elemente für die

Erkenntnis des Wesens des Romans enthalten. Bis zu einem gewissen

Grad stellt der Leser mit Recht den Anspruch, im Roman seine Welt

wiederzufinden. Wenn es im Roman so »zugeht wie um mich«, so ist

damit ein gut Teil Realistik, ein ernstes Stück Wirklichkeitskraft

verlangt. Und daß der Roman Gesinnungen und Begebenheiten darstelle,

trifft gleichfalls zu. Aber gerade diese letzte Definition bedarf

der Korrektur. Es darf kein Gegensatz konstruiert werden zwischen

Gesinnungen und Begebenheiten einerseits, Charakteren und Taten

anderseits. Gesinnung und Charakter gehören so gut zusammen wie

Begebenheiten und Taten. Wenn der Romanheld wirklich leidend sein

müßte, dann kämen allerdings dem Roman nur Begebenheiten zu, nicht

Taten. Aber er muß handeln ~und~ leiden, wie das Leben handeln

und leiden läßt. Übrigens sind die Wahlverwandtschaften bereits

über den Rahmen dieses Programms hinausgegangen; es sind doch schon

Charaktere und in gewissem Sinne auch Taten, die hier den Handelnden

beigelegt werden. Nicht auf diesen Sätzen über den Roman, sondern auf

den Schöpfungen selbst ruht Goethes Bedeutung.

Daß Goethe seinerseits auf Vorgängern fußte, will ich hier nur

andeuten. Die »+Nouvelle Héloise+« Rousseaus ist das Vorbild des

Werther gewesen: es sollte nicht das letzte Mal sein, daß französische

Romandichtung die deutsche beeinflußte. Aber was in Goethes Romanen

wirkte, das ist doch eben von ihm selber hineingelegt gewesen. Und sie

haben gewirkt! »Werther« hat eine ganze Literatur an Streitschriften

wie an Nachahmungen hervorgerufen. »Wilhelm Meister« ist bahnbrechend

geworden für den vielgepflegten Bildungsroman des 19. Jahrhunderts,

dem er geradezu das Schema geschaffen hat. Aber es sind nicht bloß

diese direkten, augenfälligen Wirkungen gewesen, welche von Goethes

Romandichtung ausgegangen sind. Nein, in alledem, was als die Kraft

dieser seiner Dichtung bezeichnet wurde, hat er Spätere tief und

nachhaltig beeinflußt: ~in der Tiefe der psychologischen Einsicht,

in der unbeirrten Wiedergabe des Zeitempfindens, in der Kunst, welche

Handlung und Gedanken in eins schuf. Durch all dies ward Goethe der

Schöpfer des modernen deutschen Romans.~

Roman und Novelle der Romantik.

Goethe ist der Schöpfer des modernen deutschen Romans. Der Gesamtlauf

des 19. Jahrhunderts bestätigt diesen Satz. Der Anfang des 19.

Jahrhunderts allein kann ihn nicht erschüttern.

Merkwürdig allerdings, daß die ersten Jahrzehnte desselben

unmittelbar nach Goethes großen Romanen, ja unter seinen Augen eine

Prosadichtung heranwachsen lassen, deren innerstes Wesen von jener

Wirklichkeitskraft Goethes, die das eigentliche Schöpferisch-Neue in

seinen Romanen bildet, so gut wie unberührt war! Spuren Goethescher

Einwirkung findet man freilich auch in den Romanen und Novellen

der Romantik. ~Novalis~ »Heinrich von Ofterdingen« behandelt

wie »Wilhelm Meisters Lehrjahre« eine Bildungs-Entwickelung,

~Schlegels~ »Lucinde« gibt gleichfalls eine Art Lehrjahre. Aber

nicht die abgeklärte psychologische Kraft aus »Wilhelm Meister«

finden wir hier wieder, -- vielmehr eher das, was den »Werther«

gegenüber allem Späteren als ein Werk jugendlichen Sturmes und Dranges

kennzeichnet: den Überschwang, die Maßlosigkeit, die Krankhaftigkeit

der Gefühle. Es war mehr die Form, die Leitidee, die man Goethe

entnahm; sein Geist war in der Romantik nicht lebendig.

Viel eher kann man in den romantischen Erzählungen die Nachwirkungen

eines Anderen, dazumal Hochgefeierten und doch sehr viel Kleineren

spüren, des unendlich fruchtbaren ~Jean Paul~. Er ist 1825

gestorben; aber seine Zeit ist die des 18. Jahrhunderts, dessen Ende

die Entstehung seiner bedeutendsten Romane sah. Erwarten Sie hier

keine ausführliche Darlegung über seinen »Titan«, seinen »Siebenkäs«

oder seine »Flegeljahre«! Sie gehören alle zusammen dem zu Grabe

gegangenen Zeitalter an. Ich leugne nicht, daß in ihnen Tiefes,

Schönes, Ergreifendes steht. Ich leugne noch weniger, daß zahlreiche

Unterhaltungsschriftsteller, die sich im Übrigen ganz der modernen

Schule zurechnen, in ihrem ganzen Leben auch nicht einen einzigen

Gedanken von der Tiefe und der Anmut aufgebracht haben, welche

unzählige Stellen in Jean Pauls Romanen aufweisen. Vielleicht schlagen

Sie einmal das 58. Kapitel der »Flegeljahre« auf, das den Titel

»Erinnerungen« führt:

»Ich möchte wohl Tage lang über die kleinen Frühlingsblümchen der

ersten Lebenszeit reden und hören. Im Alter, wo man ohnehin ein

zweites Kind ist, dürfte man sich gewiß erlauben, ein erstes zu sein

und lange zurückzuschauen ins Lebens-Frührot hinein. Da offenbar'

ichs gern, daß ich mir höhere Wesen, z. B. Engel, ordentlich weniger

selig aus Mangel an Kindheit denken kann, wiewohl Gott vielleicht

keinem Wesen irgend eine Kindheits- oder Vergißmeinnichtszeit mag

abgeschlagen haben, da sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner

Geburt. Besteht denn nicht das gute Kinderleben nur aus Lust und

Hoffnung, Bruder, und die Frühregen der Tränen fliegen darüber nur

flüchtig hin?« -- -- --

Aber bei allem Tiefen und Feinen und Zarten, das in diesen Romanen

steckt, fehlt ihnen doch ein wichtiges Erfordernis gerade des

Romans: Klarheit und Schärfe in der Erfassung und in der Darstellung

des wirklichen Lebens. Charakteristische Streiflichter, treffende

satirische Bemerkungen, brillante Humoristika, auch einmal frappante

Zeichnungen irgend welcher Originalfiguren, -- das alles haben sie.

Aber eben dies alles bleibt eine Summe von beigegebenen Einzelheiten.

Die Kraft des Ganzen ist Gemüt und Geist, aber nicht Wahrheit. Tausend

Lichter und Schatten huschen über die ruhige, klare, nüchterne

Menschenwelt. Warum sie sehen, wenn die Beleuchtung die objektivste

Betrachtung ermöglicht? Warum nicht lieber, wenn die Dämmerung die

Umrisse etwas gefälliger macht oder wenn Nacht und Mond das Nüchterne

phantastischer gestalten? Warum Interesse nehmen am Gewöhnlichen,

Alltäglichen und nicht lieber am Besonderen, Seltenen, Sonderbaren, --

und wenn es gleich verschroben wäre? Warum die Menschen sehen, wie sie

dem Auge sich bieten? Warum nicht lieber aus ihrer Seele verborgensten

Winkeln ihre Merkwürdigkeiten herausholen? -- Und endlich hat

Jean Paul noch eins nie verstanden: nämlich warum der Dichter die

prosaische Pflicht haben solle, einfach nach der Ordnung der Dinge

in Reih und Glied zu erzählen. Ihm paßt es viel besser, Ruhepunkte

einzuschieben, die zu beschaulichen Betrachtungen Gelegenheit geben,

Seitensprünge zu machen, die angenehme Abwechslung bringen. Aber was

bei alledem herauskommt, das ist schließlich eine seltsame Mischung

von ein wenig Wahrheit mit viel Dichtung, von wenig Zusammenhang

und vielen einzelnen Schönheiten, von manchem Natürlichen und

unendlich viel Schrulligem, von Ernst und Humor, von Wirklichkeit und

Phantastik. Weltbilder, Menschenbilder geben diese Romane nicht, nur

ein Bild einer reichen, tiefen, wennschon seltsamen Seele, nämlich der

des Verfassers.

Dieses Mannes Einfluß auf seine Zeitgenossen ist nicht zu

unterschätzen. In ~Börne's~ Denkrede nach seinem Tod hieß es:

»Fragt ihr, wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom

Himmel ist er gekommen, aus der Erde hat er gewohnt, unser Herz

ist sein Grab.« Kein Wunder, daß auch die Dichtkunst sich von ihm

bestimmen ließ. In manchem Phantastischen und Bizarren, in manchem

Poetisch-Feinen, vor allem aber in der Unbesorgtheit um die wirkliche

Welt, wie die romantische Schule sie zeigt, erkennen wir -- bei aller

sonstigen Eigenart Jean Pauls -- doch eben Geist von seinem Geist.

Die ~Romantik~ war es, welche in den ersten Jahrzehnten des 19.

Jahrhunderts auch Roman und Novelle weithin beherrscht hat. Was ist

die Romantik? Eine Stimmung, die überall sein kann, nur da nicht,

wo scharfes, helles Licht die Dinge in ihrem Wirklichkeitsbestand

zu sehen zwingt. Aber sie gedeiht, wo Helldunkel herrscht, wo das

Licht einen farbigen, milderen Ton bekommt, wo die Sonnenstrahlen nur

durch dichtes Strauchwerk spärlichen Schein werfen können, wo hohe

Kirchenfenster ihnen eine feierliche Weihe geben. Und noch besser

wächst sie empor, wo Dämmerung herrscht, wo die Schatten der dunkeln

Nacht zu regieren beginnen. Es ist klar, wo diese Stimmung ihre Feinde

sucht. Der klare Geist, der denkende Geist, der philosophische Geist,

der protestantische Geist sind ihr fremd; aber dem poetischen Zauber,

der Welt des Traums, dem katholischen Kultus, dem Wunder ist sie hold.

Diejenige dichterische Schule, der man den Namen der romantischen zu

geben pflegt, ist in Roman, Erzählung und Novelle fruchtbar genug

gewesen. Hier soll keine Registratur von Namen und Titeln ihren Platz

finden. Aber an ~Novalis~, ~Friedrich von Schlegel~ und ~Ludwig Tieck~,

an ~Eichendorff~ und ~Brentano~, an ~Friedrich de la Motte-Fouqué~ und

~Kleist~ muß wenigstens in Kürze erinnert werden. Einiger bedeutenderer

Werke aus dieser Zeit und von dieser Art wird im Folgenden besondere

Erwähnung getan werden. Denn wie läßt sich das, was die Romantik auf

diesem Gebiet geschaffen, besser darstellen als durch die Einführung in

einige ihrer charakteristischen Werke? Wie lassen sich die wunderbar

mannigfaltigen Arten dieser Gattung klarer überschauen, als wenn man

versucht, die wichtigsten derselben wenigstens in ~einer~ Dichtung zu

erfassen?

Im Roman der Romantik regiert die Stimmung des ~Dichters~. Und

zwar des Dichters im besonderen, eigentümlichsten Sinn. Manche können

Dichter und Träumer nicht unterscheiden; soweit die Romantik in Frage

kommt, haben sie Recht. So ists denn kein Zufall, daß der einzige

Roman des gefeierten ~Novalis~, der unvollendet gebliebene

»~Heinrich von Ofterdingen~«, eine Dichtung über den Dichter

ist. Novalis hat nach Ludwig Tiecks Bericht noch sechs andere Romane

schreiben wollen, um darin seine Ansichten über Physik, bürgerliches

Leben, Handlung (d. h. Handel), Geschichte, Politik und Liebe

niederzulegen, so wie in Heinrich von Ofterdingen die über Poesie. Mit

der Poesie begann er; sie lag ihm am nächsten.

Im Mittelpunkt des Romans steht der bekannte mittelalterliche

Minnesänger Heinrich von Ofterdingen. Aber Novalis hat sich weder

genau an die Person noch an die Zeit desselben gehalten. Er läßt

Heinrich als eines Handwerkers Sohn zu Eisenach geboren sein. Der

Jüngling reist mit der Mutter nach Augsburg ins großväterliche Haus.

Die Reisegesellschaft bilden Kaufleute, die das gleiche Ziel haben.

Unterwegs machen die Reisenden die Bekanntschaft eines Bergmanns, der

sie in eine mächtige Höhle führt. In dieser Höhle findet man Friedrich

von Hohenzollern als Einsiedler hausen. Die Reise wird fortgesetzt;

in Augsburg lernt Heinrich den Dichter Klingsohr und seine Tochter

Mathilde kennen. Mit der Verbindung Heinrichs mit Mathilde schließt

der erste Teil: »Die Erwartung«. Im zweiten Teil, der den Titel

»Die Erfüllung« tragen sollte, wird Heinrich in einem Kloster von

den Priestern des heiligen Feuers in jungen Gemütern über Tod und

Magie unterwiesen; dann befindet er sich in Italien im Krieg, in

Griechenland in Gesprächen über Kunst und Moral, im Morgenland, wo er

dessen Leben in Vergangenheit und Gegenwart kennen lernt, in Rom,

in Deutschland am Hof Kaiser Friedrichs. Nach wunderbarem Wettgesang

erlebt er seine Verklärung.

So arm an Handlung der erste Teil ist, so reich an Abwechslung

sollte danach der zweite werden. An Abwechslung, aber auch er nicht

an Handlung. Verschiedene Schauplätze, aber an jedem nicht viel

anderes als Gespräche, Märchen, Sagen, Phantasien. Die Ausführung

wäre gewiß in derselben Art gehalten worden wie in dem fertig

gestellten Bruchstück. Dessen Charakter ist freilich ausgeprägt

genug. Seine Welt ist die Wunderwelt. Die Gesetze des Geschehens

existieren in ihr nicht. Die auftretenden Personen kommen gar nicht

als Personen in Betracht, geschweige denn als besondere, individuelle

Menschen; sie sind nichts als das Sprachrohr für sinnvolle Märchen,

tiefe Belehrungen. Es werden auch nicht etwa die gleichen Personen

festgehalten, sondern sie kommen und gehen, ja sie selbst sind

urplötzlich wieder andere Personen. Novalis lebt in der Welt des

Traums, des phantastischen Märchens. Seine einzige Absicht ist, »das

eigentliche Wesen der Poesie auszusprechen und ihre innerste Absicht

zu erklären«. Ihm wandelt sich alles in Poesie; denn sie ist der

Geist, der alle Dinge belebt. Eben in diesem Wesen der Poesie liegt

es ihm beschlossen, daß in seiner Dichtung Zeit und Raum aufhören.

~Tieck~, dessen Worte ich eben schon mehrfach benützt habe, weiß

diese Denkart trefflich zu schildern:

»Dem Dichter, welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen

hat, erscheint nichts widersprechend und fremd, ihm sind die Rätsel

gelöst, durch die Magie der Phantasie kann er alle Zeitalter und

Welten verknüpfen, die Wunder verschwinden und alles verwandelt sich

in Wunder.«

Das, was der erste Teil dieses wirklich wunderbaren Romans gibt,

ist nun freilich von gewaltiger dichterischer Schönheit. Gleich im

Eingang wird ein Traum berichtet, dessen Verlauf für die Entwicklung

des Romans bedeutsam ist; Heinrich schaut in ihm die blaue Blume der

wirklichen Dichtung. Erst durchlebte er im Traum ein unendlich buntes

Leben, starb und kam wieder, liebte bis zur höchsten Leidenschaft und

war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt. Endlich gegen

Morgen, wie draußen die Dämmerung anbrach, wurde es stiller in seiner

Seele; klarer und bleibender wurden die Bilder ... Nach wunderbaren

Wegen kommt er endlich zur Stätte der blauen Blume.

»Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger

Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als

das gewöhnliche; der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn

aber mit voller Macht anzog, war eine hohe, lichtblaue Blume, die

zunächst an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten, glänzenden

Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von

allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah

nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer

Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal

sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender

und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich

nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten

Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.«

Diese blaue Blume, die Poesie, bildet das Ziel der Gesamtentwicklung

des Dichters. Am letzten Ende kommt Heinrich »in jenes wunderbare

Land, in welchem Luft und Wasser, Blumen und Tiere von ganz

verschiedener Art sind, als in unserer irdischen Natur.« »Menschen,

Tiere, Pflanzen, Steine und Gestirne, Elemente, Töne, Farben kommen

zusammen wie Eine Familie, handeln und sprechen wie Ein Geschlecht.

-- Blumen und Tiere sprechen über den Menschen. -- Die Märchenwelt

wird ganz sichtbar, die wirkliche Welt selbst wird wie ein Märchen

angesehen.« In diesem Land findet Heinrich die blaue Blume, --

freilich nicht ohne daß nun an diese Blume Allegorie um Allegorie

sich anschließen. Die blaue Blume ist »Mathilde, die schläft und den

Karfunkel hat; ein kleines Mädchen, sein und Mathildens Kind, sitzt

bei einem Sarge und verjüngt ihn. -- Dieses Kind ist die Urwelt, die

goldene Zeit am Ende.«

Eine Probe dichterischer Schöpfungskraft ist dieser Traum von der

blauen Blume; eine Probe wunderbar in Phantastik und Allegoristik

verschwimmender Darstellung ist die Erzählung von der Auffindung

dieser blauen Blume, wie sie eben kurz angedeutet ward. Das ist ja

eben das Wesen des ganzen Fragments: ~dichterische Herrlichkeit,

vermählt mit märchenhafter Unmöglichkeit~. Im Sinne des Dichters

ist diese Vermählung natürlich; ihm liegt die Poesie weit hinaus über

die Welt des Wirklichen. Im Sinne der Romantik ist diese Verbindung

verständlich; Novalis hat die romantische Art nur bis zur äußersten

Spitze getrieben. Alles Wirkliche, alles Tatsächliche liegt hinter

ihm in wesenlosem Scheine. Wir aber fragen, ob wirklich Poesie

und Märchenwelt untrennbar verbunden sind, ob der Haß gegen die

Tatsachen, der in dieser Liebe für das Wunderbare beschlossen ist, zum

eigentlichen Wesen der Poesie gehört. Vor allem aber ist der »Heinrich

von Ofterdingen« durch diesen Haß alles andere als ein Roman geworden.

Nichts von Welt und Zeit, nichts von Handlung und Empfindung, nichts

von Entwicklung und Psychologie. ~Der gefeiertste Roman der Romantik

ist ein mystisch-allegorisches Märchenwerk, aber nun und nimmer ein

Roman.~

Was für ein anderes Leben in einer weiteren Schöpfung der Romantik,

die gerade des Gegensatzes wegen unmittelbar neben den »Heinrich

von Ofterdingen« gestellt sein mag, -- in ~Joseph Freiherrn

von Eichendorffs~ reizender Novelle »~Aus dem Leben eines

Taugenichts~«. Dort alles ernste, tiefe, getragene Poesie; hier

alles frische, fröhliche, muntere Laune. Das Rad an der Mühle braust

und rauscht lustig, die Goldammer am Fenster ruft gleichfalls lustig:

»Bauer, behalt deinen Dienst!« und der Müllerssohn zieht mit seiner

Geige und ein paar Groschen Geld zufrieden in die weite Welt hinaus.

»Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt,

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld!«

Was erlebt der Wandersmann nicht alles in der weiten Welt! Ein paar

schöne Damen heißen ihn auf ihrer Kutsche aufsitzen; im Schlosse,

da sie wohnen, wird er Gärtner und huldigt der »schönen gnädigen

Frau«; und die gnädige Frau nimmt seine Huldigung an. Er avanciert

zum Zolleinnehmer und führt ein Leben in Nichtstun und Verehrung der

»schönen gnädigen Frau«. Bis er seine Angebetete einst an der Seite

eines jungen Herrn auf des Schlosses Balkon erscheinen sieht. Da läßt

er alle Bequemlichkeit im Stich und zieht wieder mit der Fiedel ins

Land. Er kommt nach Italien und in ein schönes Schloß und wird dort

gehegt und gepflegt und entflieht wieder, weil er eingesperrt wird,

und kommt nach Rom und glaubt seine »schöne gnädige Frau« zu sehen und

findet sie doch nicht. Aber auf eine Botschaft hin kehrt er zu jenem

ersten Schloß bei Wien zurück und erhält die Hand der gnädigen Frau,

-- nur daß sie keine Gräfin ist, wie er geglaubt, sondern die Nichte

des Portiers. Aber was tut das? Sie lassen die ganze andere Welt um

sich untergehn und haben sich lieb und alles, alles ist gut! Durch die

ganze Erzählung hindurch ists ja von Abenteuer zu Abenteuer gegangen;

der Taugenichts ist von Ort zu Ort und von Land zu Land gekommen und

hat nicht gewußt, wie ihm geschah und der Leser hats ebenso wenig

gewußt. Nur eins hat er gemerkt, daß es auf jeder Seite klingt wie

Lieb und Lust, wie Jubel und Jauchzen, wie Lerchenzwitschern und

wunderbar schöner Gesang. Und das hat er gelernt, daß es dem Dichter

nicht darauf ankommt, ein Stückchen zu berichten, wie es geschehen

sein könnte oder etwa noch einmal vor sich gehen möchte, sondern daß

ihm die Laune die Feder geführt und der Übermut in allen Fingern

gezuckt hat, weil er -- ob noch so wunderlich und noch so toll -- dies

allein zeigen wollte:

»Die Liebe -- darüber sind nun alle Gelehrten einig -- ist eine der

kouragiösesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen

von Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder,

die Welt ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist

eigentlich ein Poetenmantel, den jeder Phantast einmal in der kalten

Welt umnimmt, um nach Arkadien auszuwandern. Und je entfernter zwei

getrennte Verliebte von einander wandern, in desto anständigeren Bogen

bläst der Reisewind den schillernden Mantel hinter ihnen auf, desto

kühner und überraschender entwickelt sich der Faltenwurf, desto länger

und länger wächst der Talar den Liebenden hinten nach, so daß ein

Neutraler nicht über Land gehen kann, ohne unversehens auf ein paar

solche Schleppen zu treten.«

Nun, was Eichendorff gewollt, das ist ihm trefflich gelungen. Wer

zieht nicht gern mit dem Taugenichts in die Welt? Wer singt nicht mit

ihm aus vollem Herzen:

»Die Bächlein von den Bergen springen,

Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,

Was sollt' ich nicht mit ihnen singen

Aus voller Kehl' und frischer Brust?«

Wem wendet sich nicht das Herz um, wenn die allerschönste Dame die

Gitarre in den weißen Arm nimmt und dazu so wundersam über den Garten

hinaus singt? Wer möchte nicht mit dem Taugenichts weinen, weil

~sie~ so schön ist und er so arm und verspottet und verlassen

von der Welt? Wer säße nicht gern mit ihm auf dem Bänkchen vor seinem

Einnehmerhaus, wenn die Sonne eben untergeht und das ganze Land

mit Glanz und Schimmer bedeckt und die Donau sich prächtig wie von

lauter Gold und Feuer in die weite Ferne schlängelt und von allen

Bergen bis tief ins Land hinein die Winzer singen und jauchzen? Und

so folgen wir ihm willig auch weiter, und kein Abenteuer ist uns zu

sonderbar und kein Rätsel zu toll; es ist eben ein Dichter von Gottes

Gnaden, der uns ins Wunderland führt. Es bedarf ordentlich erst

des Zwanges der Selbstbesinnung, um von dem holden Traum, den wir

mitgeträumt, zu erwachen. Ists nicht besser, weiter zu träumen -- ins

Unendliche hinein? Hat die Dichtung nicht ihre Aufgabe gelöst, wenn

sie uns die harte Wirklichkeit vergessen lehrt? Für die Romantiker:

ja. Von ihrem Standpunkt aus bedeutet die liebenswürdige Novelle

Eichendorffs einen Wurf von hoher Vollendung. Für uns andere aber

beginnt mit dem Erwachen auch die harte Pflicht des Zweifels. Nicht

etwa des Zweifels an der poetischen Schönheit und Lieblichkeit. Aber

des Zweifels, ob ein Werk den Namen Novelle mit Recht trage, welches

vielmehr ein Märchen ist denn eine Erzählung. Es bedarf ja keines

weiteren Wortes darüber: von der wirklichen Welt, in der wir leben,

führt uns Eichendorffs lustige Laune gerade so weit ab wie Novalis

mystische Allegorienfreude. Und wenn man der erzählenden Dichtung,

dem Roman wie der Novelle, das Gebiet der wirklichen Welt zuweist,

mit der Bestimmung, sie mit dichterischer Kunst zu durchdringen und

darzustellen, dann liegt auch Eichendorffs »Aus dem Leben eines

Taugenichts« weit, weit ab vom klar gezeichneten Wege.

Es ist nicht möglich, ein vollständiges Bild der romantischen

Prosadichtung zu geben, ohne in die Schilderung wenigstens eine

knappe Skizze von ~Friedrich von Schlegels~ »~Lucinde~«

aufzunehmen. Diese Sammlung von Fragmenten zu einem Roman hat zu

viel Anlaß zu Streit und Widerstreit, zu Begeisterung und deutlicher

Ablehnung gegeben, sie ist zugleich allzu charakteristisch für weite

und breite Strömungen innerhalb der romantisch gestimmten Kreise,

als daß sie hier übergangen werden könnte. ~Schleiermacher~ hat

einst, bald nach ihrem 1799 erfolgten Erscheinen, in »Vertrauten

Briefen über Schlegels Lucinde« sie ein »ernstes, würdiges und

tugendhaftes Werk« genannt. Aber auch ~Schleiermacher~ stand

damals im Bann der Romantik; und sein Urteil war kein objektives.

Max ~Koch~ nennt das Buch sehr treffend eine »kraft- und

formlose Empfehlung der freien Liebe«. Aber lassen wir das Urteil

vom Standpunkt der Moral einmal ganz beiseit, wie wir auch bisher

nicht den Maßstab bestimmter Anschauungen angelegt haben! Was ists

eigentlich um die »Lucinde«?

Der deutsche Roman seit Goethe · 第 2 / 17 段