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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
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Der deutsche Roman
seit Goethe
[Illustration]
Skizzen und Streiflichter
von
Dr. M. Schian
[Illustration]
Görlitz 1904
Rudolf Dülfer
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 3
Die Bedeutung des Romans 5
Aus der Vorgeschichte des modernen Romans 10
Goethe der Schöpfer des modernen deutschen Romans 16
Roman und Novelle der Romantik 32
Die Volkserzählung 53
Der tendenziöse Zeitroman 75
Der objektivere Zeitroman 99
Der historische Roman 121
Die Stimmungsdichtung 143
Der naturalistische Roman 167
Der Problem- und Gesellschaftsroman 188
Dekadence. Symbolismus. Tendenzroman 211
Rückblick 224
Register 232
Vorwort.
Die folgenden Blätter geben eine Reihe von Vorträgen wieder, welche
ich im eben vergangenen Winter im Damenlyzeum zu Görlitz und --
in kürzerer Gestalt -- vor einer aus Damen und Herren gebildeten
Zuhörerschaft in Lauban gehalten habe. Der Wunsch, die Vorträge
gedruckt zu sehen, wurde mir aus beiden großen Zuhörerkreisen so
häufig und so dringend nahe gebracht, daß ich, wennschon nicht ohne
Bedenken, doch nicht umhin konnte, ihm zu entsprechen.
Die Form der Vorträge ist belassen; nirgends habe ich wesentlich
geändert. Nur was ich der drängenden Zeit wegen beim mündlichen
Vortrag hier und da auslassen mußte, ist jetzt wieder eingefügt. So
werden namentlich die Hörer aus Lauban erheblich mehr finden, als ich
ihnen mündlich bieten konnte.
Der Zweck, welchem diese Veröffentlichung dient, braucht hiernach
kaum näher dargelegt zu werden. Ich maße mir nicht entfernt
an, die Wissenschaft der Literaturgeschichte irgend bereichern
zu wollen. Meine Absicht war nur die, ihre Ergebnisse für ein
wichtiges Einzelgebiet in leichterer Form, als das für gewöhnlich
geschieht, einem weiteren Kreis von Gebildeten zu vermitteln. Daß
ich dabei überall dankbar und freudig von den wissenschaftlichen
literaturgeschichtlichen Darstellungen gelernt habe, ist ganz
selbstverständlich. Aber ebenso selbstverständlich war mir, daß ich
auf ein eigenes Urteil nicht verzichten konnte.
Aus dem Zweck der Vorträge ergab sich nicht nur die Form der
Darstellung, sondern auch die Begrenzung und die Auswahl des Stoffs.
Auf jeden Versuch der Vollständigkeit mußte ich von vornherein
verzichten; es schien mir viel besser, Einzelnes gründlich zu
behandeln als eine Fülle von Namen und Titeln zu nennen. Nur
vom deutschen Roman wollte ich reden; es blieb kein Raum, um
Verbindungslinien nach anderen Literaturgebieten zu ziehen und die
Einwirkung fremder Einflüsse deutlich zu machen. Die Vorträge wollen
lediglich auf die Entwickelung des deutschen Romans seit Goethe ein
paar Streiflichter werfen und vor allem auf das hinweisen, was in
dieser Zeit Bleibend-Wertvolles geschaffen ist, um so zugleich den
Kreisen der Romanleser ein bequemes Hilfsmittel für richtige Wahl und
richtige Schätzung ihrer Lektüre zu sein.
Es wäre mir eine Freude, wenn das Buch sich in dieser Richtung als
praktisch und brauchbar erweisen sollte.
~Görlitz~, den 28. März 1904.
+Martin Schian.+
Die Bedeutung des Romans.
Wer läse heutzutage nicht Romane? Gewiß, es gibt Romanverächter.
Aber sie sind weiße Raben. Jeder Gebildete liest sie, Mann wie Frau.
Leihbibliotheken, Romanzeitungen, Familienblätter aller Arten und
Richtungen machen den Roman leichter zugänglich als irgend eine andere
Literaturgattung. Und zu der Masse der minder Gebildeten findet der
Roman seinen Weg durch die Riesenauflagen der Tageszeitungen und der
Gegenstände der Kolportageliteratur.
Man liest Romane, aber -- man studiert nicht den Roman. Ich rede nicht
von den Fachmännern der Literaturgeschichte. Den gebildeten Romanleser
klage ich an.
Wer beschäftigt sich mit der Geschichte des Romans? Das Wichtigste aus
der Geschichte des Liedes und des Dramas gehört zum eisernen Bestand
des Wissens-Inventars eines gebildeten Menschen; und schon die Schule
legt den Grund dazu. Aber wie viele haben ein geschultes Urteil über
die Bedeutung der wesentlichen Romanerscheinungen?
Wir forschen nach der Ursache dieses merkwürdigen Kontrastes zwischen
der ungeheuren Nachfrage nach dem Roman selbst und der geringen
Neigung, sich wissenschaftlich mit ihm zu befassen. Es gibt nur eine
Erklärung: ~man unterschätzt den Roman~. Das ist ja psychologisch
zu verstehen. Für unendlich viele ist er nichts als ein Mittel
zur Vertreibung der Langeweile. Sie verlangen nichts anderes von
ihm, als daß er sie unterhalte. Sie wählen daher aus dem Leichten
das Leichteste. Unreife Geister suchen in ihm ein Mittel pikanten
Genusses. Stunden, die für harte Pflichten bestimmt sind, werden der
Lektüre geopfert. So verbindet sich für nicht wenige Leser mit dem
Begriff Roman so etwas wie schlechtes Gewissen. Und das beeinflußt
wieder das Urteil über den Roman selbst.
Aber was hat der Roman als Literaturgattung damit zu schaffen, wenn
ihn Unreife als Weg zum falschen Zweck gebrauchen? Wenn sie das
Seichte aus seinen Schätzen heraussuchen und das Gehaltvolle liegen
lassen? Schon um des unermeßlichen Einflusses willen, den er auf
breite Schichten übt, ist der Roman aller Beachtung wert. Aber auch
nach seinem Eigenwert steht er nicht zurück. Er ist anerkannt als
~vollberechtigtes Glied der epischen Dichtung~. Man streitet
darüber, ob die Prosaform zu seinem Wesen gehöre oder nicht. Nun, es
gibt Romane in Versform. Was sind jene Gedichte der höfischen Zeit
des 12. Jahrhunderts mit ihren Heldenpaaren Floris und Blancheflur,
Tristan und Isolde, dazu jene Erzählung vom Grafen Rudolf, der in den
Kreuzzug geht, anderes, als Liebesromane nach französischem Muster?
Aber trotzdem wird freilich festzuhalten sein, daß die Prosaform die
für den Roman normale, ja für den ausgebildeten Roman einzig mögliche
ist. In seinem Werte verliert er dadurch nicht; denn die Prosa ist
Kunstform, gerade so gut wie der Vers. Was aber dem Roman seine
ganz besondere Bedeutung verleiht, das ist gerade ~seine Eigenart
innerhalb des Gebietes der epischen Dichtung~.
Haben Sie schon einmal versucht, mit kurzen Worten das Wesen des
Romans zu bestimmen? Nun, jedenfalls schwebt uns allen eine Art
Definition des Romans vor: wir denken ihn als ~komplizierte
Erzählung~. Kompliziert ist er nach Form und Inhalt: das
scheidet ihn von der einfachen, schlichten ~Erzählung~, von
der kunstvollen, aber knappen, nur einem Faden der Entwickelung
folgenden ~Novelle~. Komplizierte Erzählung muß er sein, nicht
etwa um der erhöhten Spannung willen, sondern weil er nur so seiner
Aufgabe genügen kann. ~Diese Aufgabe aber ist, ein Stück Weltbild
zu geben~, sei es in engerem oder in weiterem Rahmen. +Nil
humani a me alienum puto+, sagt der Roman. Nichts Menschliches
ist ihm fremd. Was das Getriebe der Welt ausmacht, was der Zeit ihr
Gepräge gibt, die geschichtlichen Verhältnisse, die Kulturzustände,
die gesellschaftliche Gliederung, die inneren bewegenden Fragen, die
gesamte Weltanschauung, vor allem die Menschen, die in all diesen
Verhältnissen mitten darin stehen, sie bestimmend und doch wieder
durch sie bestimmt, -- das alles gehört zum Apparat des Romans.
Ein Weltbild gibt der Roman; darum kann er nie zeitlos sein, wie
denn auch die Menschen nie zeitlos sind. Darum steht er in so engem
Verhältnis zur Wirklichkeit; Roman einerseits -- Märchen, Sage,
Phantasie andererseits sind Gegensätze wie Feuer und Wasser. Er kann
aus dem Weltbild, das er zeichnet, je nach Absicht recht verschiedene
Züge vorzugsweise herausarbeiten -- entweder mehr die innere
Entwickelung der handelnden Personen oder mehr das Milieu, in dem die
Menschen stehen. Er kann mehr Geschichte oder mehr Kultur oder mehr
Weltanschauung geben -- je nachdem. Aber er muß immer konkret sein in
der Gestaltung, klar und scharf in der psychologischen Erfassung, fein
und wahr in der Verknüpfung aller in sein Gebiet gehörenden Elemente.
Er kann ein Weltbild der Vergangenheit darzustellen suchen, dann
wird er zum historischen Roman. Oder er kann der Gegenwart den Puls
fühlen. Ja, wenn er will, kann er tastend in die Zukunft greifen;
freilich nicht ohne die akute Gefahr einer Grenzüberschreitung. Denn
über das, was einst wirklich sein wird, haben wir im besten Fall
begründete Vermutungen. Ob er in Vergangenheit oder Gegenwart weilt,
-- es steht ihm jedesmal frei, auf das äußere oder das innere Leben
den Hauptakzent zu legen. Nur wird der historische Roman immer auch
die äußeren Konturen der Zeitverhältnisse breiter schildern müssen
als der moderne Roman, der vieles als bekannt voraussetzen kann. Auch
nach der Methode, wie der Dichter seinen Gegenstand behandelt, müssen
wir Unterschiede machen. Der eine schließt in zartem Empfinden von der
Erzählung manches aus, was auch im Leben mit einem Schleier bedeckt zu
werden pflegt; der andere steigt in die Tiefe und malt schonungslos
und rücksichtslos Häßliches so gut wie Schönes, ja das Häßliche
vielleicht mit noch größerer Liebe. Und wiederum: während mancher
Roman nichts will als schildern, nichts als photographieren, legen
andere in ihr Bild der Wirklichkeit Gedanken und Tendenzen hinein --
politische, religiöse, sittliche. Sie zeichnen im Ausschnitt ein Stück
Welt, auf dem sich gerade ein Problem zusammenballt, das seiner Lösung
harrt; und sie geben solche Lösung oder predigen resignierten Verzicht
auf solche Lösung. In all diesem aber gilt, welcher Art der Roman auch
sei, ob welthistorisch, kulturhistorisch oder modern durch und durch,
-- ob idealistisch oder naturalistisch, -- ob er mehr äußeres oder
mehr inneres Erleben bringe, -- ob er den Knoten im äußeren Laufe der
Dinge sich schürzen läßt oder ob er Probleme der Weltanschauung wälzt,
-- in alledem gilt, daß der Roman ~von der wirklichen Welt nicht
loskommen kann und nicht loskommen darf~. Ein wirkliches Weltbild
zu geben ist seine Aufgabe. Und diese Aufgabe gibt ihm einen hohen
Wert. Nicht ~allein~ nach dem Grad, in welchem er dieser Aufgabe
genügt, bestimmt sich seine Qualität; denn auch die künstlerische
oder unkünstlerische Form hat da mitzusprechen. Aber vornehmlich ist
es der Maßstab der Wirklichkeit, der an den Roman anzulegen ist. Der
Wert aber, den er so gewinnt, besteht in der Kraft, mit der er den
Blick schärft, in der weiten Umschau, die er über den eigenen engen
Gesichtskreis hinaus dem Leser ermöglicht, in der Energie, mit welcher
er zwingt, Fragen zu durchdenken, die sonst undurchdacht bleiben
würden, endlich in der feinen, festhaltenden Form, in welcher er all
dies vermittelt.
Ich brauche nicht erst zu erklären, daß es auch wertlose Romane gibt.
Aus der Charakteristik des Romans, die ich zu bieten versuchte,
erhellt das ganz von selbst. Ein Roman, der seiner ganzen Art
nach nichts anderes kann, als Spannung der Nerven erzielen, ist
wertlos. Aber man pflegt ja auch den Wert des lyrischen Gedichts
nicht nach den Ergüssen der Friderike Kempner zu beurteilen. Also
schätze man den Roman nicht ein nach dem platten Liebesroman, in dem
sie sich schließlich aus alle Fälle kriegen, auch nicht nach dem
pikant-lüsternen oder naturalistisch-frivolen Unterhaltungsroman
und erst recht nicht nach dem haarsträubenden Hintertreppenroman!
~Der wirkliche Roman, der sich zur Aufgabe setzt, in möglichst
vollendeter Darstellung ein Weltbild zu geben, ist jedenfalls als ein
Bildungsmittel ersten Ranges zu werten.~
Aus der
Vorgeschichte des modernen Romans.
Man hat dem 19. Jahrhundert tausend Titel gegeben, um seine neuen
Errungenschaften anzudeuten. Es ist das Jahrhundert der Technik, das
Jahrhundert der Naturwissenschaften. Aber es ist auch das Jahrhundert
des Romans, dieses so beschriebenen Romans. Freilich die Anfänge des
Romans, ja eine Art Vorblüte desselben sind schon älteren Datums.
Was ists, das in mittelalterlicher Zeit Singen und Sagen des deutschen
Volkes regiert? Ritterliches Wesen, kraftvolles Heldentum, ruhmreiche
Taten beherrschen die Phantasie. Wer wagt es, von Bürgerleben oder
harter Bauernarbeit viel zu reden? Rittertum, etwa noch mit Weisheit
verbunden, füllt mit seinem Glanze die Welt. Dies Weltbild reflektiert
sich in jenem ältesten poetischen Roman unserer Literatur, den ein
Mönch, dessen Namen wir nicht kennen, etwa um die Mitte des 11.
Jahrhunderts im bayrischen Kloster Tegernsee geschrieben hat. Noch
kleidet sich seine Dichtung in das fremdländische Gewand lateinischer
Hexameter. Aber der Held ~Ruodlieb~ ist ein deutscher Ritter.
Ein König, in dessen Heer er große Taten getan, gibt ihm zwölf
Weisheitslehren; und Ruodlieb hat sie im Lauf der Erzählung
wahrscheinlich alle zwölf selbst erprobt; -- sicher ist es nicht, weil
nur Bruchstücke des Werkes auf uns gekommen sind.
Lange bleibt Ruodlieb in seiner Art allein; aber als dann ähnliche
Schöpfungen zahlreicher erwachsen, ist es noch immer das Rittertum,
welches die Situation beherrscht. Freilich nicht mehr allein das
ritterliche Heldentum, sondern zugleich die ritterliche Liebe.
Kreuzzugsabenteuer spiegeln sich wieder in den deutschen Versen von
~Floris und Blancheflur~. Der heidnische Königssohn Floris
entbrennt in Liebe zu Blancheflur, der Tochter eines christlichen
Kriegsgefangenen. Blancheflur wird in ein anderes Land verkauft;
Floris sucht und findet sie bei einem Fürsten der Sarazenen. Er weiß
in den Turm zu gelangen, in dem sie gefangen gehalten wird, und
erfreut sich ihrer Liebe bis -- zum Tag der Entdeckung. Ihre treue
Liebe siegt auch über den Grimm des Fürsten, der sie vereint zur
Heimat ziehen läßt. Dies Liebespaar, in deutschen Versen besungen,
ist typisch für jene Zeit und für zahlreiche andere ähnlich gefeierte
Paare. ~Tristan und Isolde~ werden von Eilhart von Oberge, in
vollendeter Gestalt von Gottfried von Straßburg besungen. Was für ein
Bild jener suchenden und fragenden, religiös-ernsten und zugleich
naiv-heldenmäßigen Ritterzeit gibt Wolfram von Eschenbachs berühmter
~Parzival~!
Die Wandlung der Zeiten läßt sich trefflich in den Wandlungen der
romanartigen Dichtung verfolgen. Das Rittertum tritt zurück; aber die
naive Freude am Äußerlich-Großen und Wunderbaren nicht. Freilich, man
zehrt im 14. und 15. Jahrhundert von der Vergangenheit; noch ist das
Neue nicht in klarem Werden. Diese Epoche ist die Zeit der sogenannten
»~Volksbücher~«. Die Stoffe der höfischen Epen verarbeiten
sie in ungebundener Rede, aber auch andere Gegenstände ziehen sie
herbei, -- freilich mehr neue Namen als neue Gedanken. Sie greifen,
um ihre Helden zu wählen, in die fernste Vergangenheit zurück, bis
in die Zeiten des trojanischen Kriegs oder Alexanders des Großen.
Aber sie verschmähen zum gleichen Zweck auch nicht die Gestalten
der Karolingerzeit; und schließlich fehlen Helden wie Fortunatus
mit seinem Glückssäckel nicht. Wunderbare Taten gewaltiger Männer,
traurige und fröhliche Schicksale tugendhafter Frauen werden immer
wieder behandelt. Alles in allem kein Fortschritt, vor allem nicht in
der Schärfe der Zeichnung des gegenwärtigen Weltbildes; eher verflacht
der Roman, weil die Neigung zum Abenteuerlichen die zum Wirklichen
überwiegt.
Das Bürgertum tritt mit dem ausgehenden Mittelalter viel stärker
hervor als je zuvor. Erst fühlt es sich noch in der Notwendigkeit,
den eigenen Wert und die eigene Geltung gegenüber den Ritterbürtigen
zu erzwingen. Aber bald wird es zum ausschlaggebenden Faktor.
So lassen denn die Romane des Reformationszeitalters -- genannt
seien vor allem die des ~Jörg Wickram~ -- jene Kluft zwischen
Rittertum und Bürgertum noch hervortreten; aber die Liebenden
pflegen, wenn Standesunterschiede sie trennen, eben diese Kluft
glücklich zu überwinden. Und in manchem Roman dieser Zeit hat das
Bürgertum allein die führende Rolle! Neue Gegenstände gewinnt so die
Dichtung: bürgerliches Familienleben, Schule und Beamtenlaufbahn,
des Kaufmannsstandes Leiden und Freuden. Eine neue Betrachtungsweise
beherrscht sie: diejenige der gutbürgerlichen Moral, deren höchste
Kleinodien eine glückliche Ehe, sorgsame Kindererziehung und gute
Nachbarschaft sind. Auch diese Art hat mannigfache Spielarten: neben
Jörg Wickram steht der Straßburger ~Johann Fischart~ mit seiner
humoristisch-satirischen Kraft, seinem deutsch-patriotischen Sinn
und seiner urwüchsig originalen Art, fremdländische, namentlich
französische Stoffe selbständig zu verarbeiten. Von seinen Schöpfungen
sei wenigstens das humoristische Prosawerk genannt, welches Rabelais'
Gargantua und Pantagruel zum Vorbild hat.
Das leidvolle 17. Jahrhundert weist wohl auch eine Romandichtung
auf, die ernst und klar in die schweren Zeiten hineinschaut: der
~Simplizissimus~ von Grimmelshausen ist zugleich ein Kind
und ein Bild jener Zeit. Aber sonst gewinnt es den Anschein, als
wolle die Dichtkunst die lastentragenden Zeitgenossen vor allem
aus ihrer eigenen harten Zeit herausführen. Die ungeheuerlichen
Fabelgeschichten, welche das Gerippe der erzählenden Prosaschöpfungen
bilden, das sich breitmachende und im Roman an den Mann gebrachte
ethnographische Wissen, die gelehrte Umständlichkeit, mit der
französische Galanterie sich merkwürdig paart, -- das alles zeigt
dem forschenden Leser freilich doch das Wesen der Zeit, in der jene
Romanschreiber lebten.
Und wie prägt sich erst die ganz besondere Art des Jahrhunderts der
Aufklärung in der weitverästeten Romanliteratur desselben aus! Der
Blick weitet sich; neue soziale und kulturelle Probleme tun sich
auf. Robinson Krusoe kommt diesem Ausbreitungstrieb entgegen; der
~Reiseroman~ fängt an, das Feld zu beherrschen. Aber mit wieviel
moralischer Lehrhaftigkeit und kleinkrämerischem Wissensdünkel
verbindet sich in dem philosophischen Jahrhundert das Ahnen der
neuen Zeit! Wie sehr verdrängt die Künstelei die einfache, klare
Nüchternheit, die Reflexion die Natur, die Empfindelei das schlichte
Gefühl! Es war ein Jahrhundert, das in Empfindungen und Gefühlen, in
Gedanken und Philosophemen, in Theorien und Plänen schwelgte. Der
Roman bildet ein Ragout aus allen diesen Zutaten; und die Moral ist
die keineswegs immer schmackhafte Sauce, mit der er angerührt ist. Wir
sind kaum imstande, von diesem Roman aus eine gerade Verbindungslinie
nach dem modernen Roman des 19. Jahrhunderts zu ziehen. Zum mindesten
gilt das vom Durchschnittsroman der Aufklärungszeit. Aber es gilt
doch zu einem großen Teile auch noch von den Romanen des gefeierten
~Wieland~. Den Pulsschlag der neuen Zeit spüren wir frisch und
lebenskräftig erst bei Goethe.
Allerdings, ein Literaturhistoriker wie Max Koch läßt den neueren
deutschen Roman von Wieland ausgehen. Ein solches Urteil respektieren
wir, zumal wenn es sich mit Lessing verbündet, der Wielands Roman
»Agathon« als »den ersten und einzigen deutschen Roman für den
denkenden Kopf von klassischem Geschmacke« bezeichnet hat. In
~einer~ Hinsicht fällt es auch dem Modernen nicht schwer, dies
Urteil zu unterschreiben. Der »Agathon« ist wirklich ein Roman für
den ~denkenden~ Kopf. Das dritte Buch gibt ja eine vollkommene
»Darstellung der Philosophie des Hippias.« Es ist die Philosophie des
»echten Materialisten«, die Lehre vom skrupellosen Genuß, die hier in
nicht weniger als fünf Kapiteln ausführlich dargelegt wird. Und diese
Theorie des Materialismus bildet nicht etwa einen Fremdkörper in dem
Roman; im Gegenteil, sie dient als notwendiges Glied dem einen Zweck,
der Erziehung des Agathon durch alle Lebenslagen hindurch, bis er zu
der gefestigten Erkenntnis kommt, daß »wahre Aufklärung zu moralischer
Besserung das einzige ist, woraus sich die Hoffnung besserer Zeiten,
das ist, besserer Menschen, gründet.« Zu denken also ist hier genug;
es fragt sich nur, ob die Philosophie nicht in zu reichlicher Dosis
gegeben ist, -- reichlicher, als es sich für den Romancharakter
schicken will. In der Tat liegt in der ziemlich äußerlichen Verbindung
von Handlung und Lehre der Hauptfehler des »Agathon«. Er ist eine
lange und breite moralische Erzählung, aber kein Roman. Eine Anhäufung
einzelner moralischer Geschichten und Lebensläufe (des Agathon, der
Danae) bringt noch keine in sich geschlossene Handlung heraus. Und
schließlich leidet Handlung wie Moral unter der Einkleidung ins Gewand
des griechischen Altertums. Da mögen sich sehr feine Parallelen
ergeben, und mancher Vergleich reizt den geistreichen Schriftsteller.
Aber durch die Vermischung moderner Abzweckung und antiker Einkleidung
fällt doch auch die Möglichkeit dahin, mit der Wirklichkeit Ernst zu
machen. Es kommt nicht zu tiefgreifender psychologischer Erfassung;
die Erzählung bleibt im oberflächlichen moralischen Schema, das ein
paar unmoralische Zwischenstadien übrigens nicht ausschließt. Das
Ganze wird schemenhaft, aber nicht lebensvoll. Wieland verstand es
nicht, volles Menschenleben zu greifen; er blieb in philosophischen
Kategorien stecken. Und darum geht der neuere deutsche Roman trotz
allem nicht von Wieland aus. Sein Schöpfer ist Goethe.
[Illustration]
Goethe der Schöpfer
des modernen deutschen Romans.
Wodurch ist Goethe der Schöpfer des modernen deutschen Romans
geworden? Durch »Werthers Leiden«, durch »Wilhelm Meisters
Lehrjahre« und durch desselben »Wanderjahre« oder durch die
»Wahlverwandtschaften«? -- Durch keins dieser Werke allein, aber durch
sie alle zusammen.
Merkwürdig, wie verschieden unter sich diese Prosadichtungen des
Meisters sind! Da ist keine Schablone und kein Schema. Da ist jedesmal
aufs neue frisches Leben. Da ist lebendige Entwickelung von Werk zu
Werk, Entwicklung in Sprache und Gedanken.
Die »~Leiden des jungen Werthers~« sind der einzige Roman des 18.
Jahrhunderts, der heute noch gelesen wird. Das Neue in ihm hat das
Alte vergessen lassen. Auch aus dem Werther redet ja der empfindsame
Geist der Aufklärungsepoche. Der »Held«, dieser leidende Werther, hat
eigentlich unendlich wenig Männliches. Es geht ihm wie den Schiffen im
Märchen vom Magnetberg, dessen er selbst sich entsinnt. »Die Schiffe,
die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die
Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen
den übereinander stürzenden Brettern.« Lotte ist der Magnet, der das
letzte Bischen Kraft aus dem liebenden Werther zieht. Der Freund rät:
»Suche einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kräfte
verzehren muß!« Aber das Übel hat ihm die Kräfte schon verzehrt. Was
für ein haltloses Klagen und Zagen! Wieviel Tränen und Kniefälle! Wie
lang gesponnene Ergüsse! Die Leidenschaft ist als schwere Krankheit
geschildert:
»Die menschliche Natur ... hat ihre Grenzen; sie kann Freude, Leid,
Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde,
sobald ~der~ überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob
einer schwach oder stark ist? sondern ob er das Maß seines Leidens
ausdauern kann.«
Und diese Krankheitsgeschichte ist noch dazu breit erzählt; Gespräche,
Reflexionen, Schilderungen, die nur lose zur Sache selber gehören,
sind eingestreut. Vor allem aber: es ist fast nichts als eben
Krankheitsgeschichte. Wie wenig plastisch treten die Menschen hervor,
die neben dem Helden ein bischen mithandeln! Jene Hofgesellschaft
wird freilich beschrieben, die Menschen, deren ganze Seele auf dem
Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht,
»wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben
wollen.« Jener Graf wird gezeichnet, -- der edle, feingebildete
Mann der wirklich großen Welt. Aber das sind Beigaben; die Welt des
Romans ist eng; sie beschränkt sich im letzten Grund auf das Herz des
Liebeskranken.
Aber all dies Alte tritt in den Hintergrund gegenüber dem Neuen. Und
dies Neue ist die trotz alledem ~packende und einheitlich klare
Zeichnung des Innenlebens eines Liebenden~. Wir mögen im einzelnen
hunderterlei einzuwenden haben, mancher Leser wird sicher ganze Seiten
überschlagen; -- das Ganze faßt uns immer wieder an. Und nicht bloß,
weil es den Sentimentalen genugtut und die Seele mit üppigem Mitleid
füllt. Nicht bloß, weil der schaurige Ausgang, wunderbar knapp, wie er
beschrieben ist, uns mit Grausen erfüllt. Sondern den Ausschlag gibt
etwas anderes. Goethe hat es selber später gesagt:
»Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind
nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen
Menschen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht ~jeder einmal in
seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der Werther vorkäme, als
wäre er bloß für ihn geschrieben~.«
Ich glaube ja, daß es nicht die Schilderung von gehemmtem Glück und
unbefriedigten Wünschen im allgemeinen ist, welche immer wieder
neue Leser im Werther sich selber finden läßt. Im Roman sind
diese unbefriedigten Wünsche doch sehr konkret in einen einzigen
zusammengefaßt: in das leidenschaftliche Begehren des Mannes nach
dem Weib seiner Liebe. Freilich seufzt Werther, nachdem der Anlauf
zu amtlicher Tätigkeit fehlgeschlagen: »Damals sehnte ich mich in
glücklicher Unwissenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich
für mein Herz so viele Nahrung, so vielen Genuß hoffte, meinen
strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zu befriedigen. Jetzt
komme ich zurück aus der weiten Welt -- o mein Freund! mit wie viel
fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel zerstörten Plänen!« Aber
auch dies Intermezzo der amtlichen Tätigkeit wirkt erst dadurch, daß
es die große Leidenschaft zum Hintergrund hat. Im übrigen trifft es
gewiß zu: es hat mancher seine Zeit im Leben, wo es ihm vorkommt, als
sei der Werther nur für ihn geschrieben. Gerade die unglückliche,
aussichtslose Leidenschaft mit ihren feinen Konsequenzen, mit
ihren unsinnigen und doch von dem einen Mittelpunkt her völlig
verständlichen Äußerungen ist aus der Seele nicht ~eines~
Menschen, sondern der Menschheit heraus geschildert. Wer aber auch
jene Zutaten mitwägt, jene uns fremd anmutenden Besonderheiten, der
muß zugeben, daß dies ~Allgemein-Menschliche zugleich mit den
charakteristischen Farben einer bestimmten Zeit geschildert~
ist. Und unter diesem Gesichtspunkt wird auch das wertvoll, was
sonst beiseite bliebe: jene Neigung, den herrschenden Begriffen
über Sitte und Recht den Krieg zu erklären, die Sünden in Schutz zu
nehmen, welche die herkömmliche Moral verurteilt. In der Empörung
der Leidenschaft gegen die nüchterne Urteilsweise der »vernünftigen
Leute« nimmt Werther in Schutz, was sonst überall verurteilt wird:
den Dieb, welcher stiehlt, um sich und die Seinigen vom Hungertod zu
erretten, den Ehemann, der im gerechten Zorn sein untreues Weib und
deren Verführer aufopfert, den Unglücklichen, der sich entschließt,
die sonst angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen. Mit dieser
leidenschaftlichen Auflehnung gegen die geltende Moral verbindet
sich eine herbe Kritik der »fatalen bürgerlichen Verhältnisse«, der
Art, wie der Unterschied der Stände betont wird, der Hohlheit und
Umständlichkeit des Amtsverkehrs und der Regierungsmaschinerie.
Nicht bloß die unbändige Leidenschaft spricht, sondern zugleich die
revolutionäre neue Zeit.
Ist der »Werther« alles in allem die Geschichte einer Leidenschaft, so
sind »~Wilhelm Meisters Lehrjahre~« die Geschichte der Bildung
ihres Helden, -- Bildung im weitesten Sinne genommen. Im Werther alles
Gefühl, alles Empfindung, alles Leidenschaft; im Wilhelm Meister
alles Überlegung, alles Gedanke, alles Berechnung. Grundverschieden
sind beide Schöpfungen; aber jede traf eine Saite in dem Herzen der
Menschheit des 18. Jahrhunderts. Denn die Erziehung durch das Leben,
wie die Fragen der Erziehung überhaupt, gehörte zum eisernen Bestand
des Nachdenkens der damaligen aufgeklärten Welt.
Haben Sie Wilhelm Meister auch nur in den Lehrjahren einmal ganz
gelesen? Es ist das nicht jedermanns Sache. Es verlangt Energie
und Beharrlichkeit. Und das liegt nicht bloß an der Wucht der
Gedanken. Seitenweise sind Sentenzen zusammengestellt, deren jede
einzelne angespanntestes Nachdenken fordert. Es liegt aber auch an
der Form und der Einkleidung des Romans. Gestehen wir es uns doch
offen, daß die geringfügige, magere Handlung unter den unzähligen
eingeschobenen Reflexionen fast erstickt. Da finden sich ausgesponnene
Selbstschilderungen wie die »Bekenntnisse einer schönen Seele«, da
breit wiedergegebene Unterhaltungen, die lediglich eine bestimmte
Ansicht entwickeln sollen, ob sie auch für den Gang des Ganzen wenig
oder nichts bedeute, da jene Sammlungen tiefsinniger Aussprüche,
die so ziemlich alle Lebensfragen in ihren Bereich ziehen. Das
Bischen Handlung, das wir herausschälen, ist wieder noch unendlich
verzettelt, dazu manchmal mehr als zufällig aufgereiht, ganz ohne
notwendigen äußeren Zusammenhang. Wilhelm Meister, eines Kaufmanns
Sohn, geht auf Geschäftsreisen aus, verliert aber den eigentlichen
Zweck seiner Sendung ganz aus dem Auge und läßt sich erst fast
willenlos, nachher halb absichtlich, von Erlebnis zu Erlebnis, von
Abenteuer zu Abenteuer, von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, von Ort
zu Ort treiben. Erst bildet seine Umgebung eine Schauspielertruppe
mit mannigfachen und wechselnden Gestalten; dazu die geheimnisvollen
Erscheinungen Mignons und des alten Harfners. Neben seiner ersten
Angebeteten, Marianne, und neben der leichtfertigen Philine lernt er
in Aurelie eine leidvoll-ernste Frau kennen; und die ganz ohne äußeren
Zusammenhang eingeschalteten »Bekenntnisse einer schönen Seele« lassen
ihn in ein innig frommes, fast skrupulös gewissenhaftes Herz blicken.
Allerhand sonderbare Geschicke führen ihn in ein gräfliches Haus und
später für länger in adlige Kreise, zugleich zu einer großen Zahl
neuer, für ihn bedeutungsvoller Persönlichkeiten. In dieser Umgebung
gewinnt er endlich eine Lebensgefährtin in der zu diesen Kreisen
gehörigen Natalie.
Es ist nicht leicht, das Wirrwarr all dieser Erlebnisse zu sichten.
Das Ergebnis ist ja auch kein befriedigendes: äußerlich genommen ists
ein Labyrinth, durch das Goethe uns führt. Keine klare Entwickelung,
kein straffer Gang der Erzählung. Allerdings soll nach des Dichters
Absicht dies alles doch nicht wie zufällig sein. Vielmehr ist eine
geheimnisvolle Macht mit im Spiele, die sogenannte Gesellschaft des
Turms, die an dem Helden Interesse genommen hat und deren Glieder je
und je in bedeutungsvollen Augenblicken, meist als Größe X, in sein
Leben eingegriffen haben. Ihr Zweck war seine Bildung. Sie haben ihre
Absicht aber so verfolgt, wie der Grundsatz es eingab: »Nicht vor
Irrtum zu bewahren ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern
den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern
ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum
nur kostet, hält lange damit Haus, er freuet sich dessen als eines
seltenen Glücks; aber wer ihn ganz erschöpft, der muß ihn kennen
lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.«
Uns Heutigen kommt, wenn wir Wilhelm Meisters Irrwege betrachten,
nicht bloß die Frage, die ihm selber sich auf die Lippen drängt:
»Wenn so viele Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten
und wußten, was darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht
strenger? warum nicht ernster? warum begünstigten sie deine Spiele,
anstatt dich davon wegzuführen?«, sondern uns erscheint dieses ganze
geheimnisvolle Walten der Gesellschaft vom Turm als in hohem Grade
sonderbar. Goethe hat damit eine Einkleidung des Romans gewählt, die
seiner Zeit nahe lag und vertraut war, die aber zu dem Gut seiner Zeit
gehörte, das am schnellsten veralten mußte. Jedenfalls bringt uns
diese die Vorsehung spielende Gesellschaft den Roman nicht näher.
Wenn Wilhelm Meisters Lehrjahre trotzdem einen hohen Wert als
Fundamentstein für den Bau des modernen deutschen Romans beanspruchen
können, so danken sie das dem tiefen und reichen Gedankenmaterial,
welches sie bergen. Wilhelm Meisters ~Bildungsgang~ ist ihr
Thema. Alles Einzelne, was er erlebt, auch jeder Irrtum, den er
begeht, dient seiner Bildung. In der Schauspielerzeit lernt er:
»Man soll sich vor einem Talente hüten, das man in Vollkommenheit
auszuüben nicht Hoffnung hat.« Aber er trägt auch anderen Gewinn
davon. Er hat gelernt die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen
haben kann. Auch äußerlich hat er sich ausgebildet: er hat »viel von
seiner gewöhnlichen Verlegenheit abgelegt«, seine Sprache und Stimme
ausgebildet. Aber sein Bildungstrieb geht weiter. Ihm schwebt jene
»harmonische Ausbildung« vor, die ihm seine Geburt versagt zu haben
scheint, weil sie nach der herrschenden Verfassung der Gesellschaft
nur dem Edelmann, nicht dem Bürger zukommt. »Ein Bürger kann sich
Verdienst erwerben und zur höchsten Not seinen Geist ausbilden;
seine Persönlichkeit geht aber verloren, er mag sich stellen wie er
will.« Dem Edelmann dagegen ist eine gewisse allgemeine, personelle
Ausbildung möglich; »er darf überall vorwärts dringen, anstatt daß
dem Bürger nichts besser ansteht, als das reine, stille Gefühl der
Grenzlinie, die ihm gezogen ist.« Goethe läßt seinen Helden durch den
Umgang mit jenen Adelskreisen, schließlich durch die Heirat mit einer
Adligen in dieses Sperrgebiet harmonischer Ausbildung eindringen.
So gewinnt der Roman zugleich soziale Bedeutung; der dritte Stand,
der sich in der französischen Revolution so nachdrücklich in die
Weltgeschichte eingeführt hatte, pocht mit starker Hand an die ihm
bisher verschlossenen Pforten. Goethe öffnet ihm das Paradies der
Bildung; und in der schließlichen engen Verbindung des Bürgers-
und des Adelsstandes, einer Verbindung, die noch durch zwei andere
Ehebündnisse dokumentiert wird, läßt er in prophetischer Voraussicht
Schranken fallen, die vielen dazumal noch als unüberwindlich galten.
Neben diesen Grundgedanken ist in dem breiten Gedankenstrom der
Lehrjahre noch manches Tiefe und Wertvolle auf uns gekommen, teils
in engerem, teils in loserem Zusammenhang mit der Hauptidee. Ich
schätze diesen Reichtum des Werkes höher als etwa die Art seiner
Charakterschilderung. So sehr die bunte Reihe kaleidoskopartig
auftauchender und wieder verschwindender Figuren benützt wird, um
Wilhelm Meister zu bilden, -- klar und scharf herausgearbeitet sind
die wenigsten von ihnen. Ja es zeigt sich gerade in diesen Gestalten
ein ganz eigentümlicher Mangel an konkreter Darstellung. Mehr als
eine von ihnen ist sozusagen ohne Zusammenhang mit der umgebenden
Welt. Ihr Wesen wird nur in ein paar wichtigen Zügen der inneren Art
gezeichnet; alles andere bleibt im Dunkel. Der Mensch kann aber nicht
ortlos, zeitlos, geschichtslos geschildert werden. Infolgedessen
bleiben manche der Goetheschen Personen geradezu Gerüste, die mit
ein paar gerade erforderlichen Eigenschaften behängt sind. Die
Methode der Namengebung paßt ganz zu diesem Verfahren. Da kommt der
Graf, der Prinz, der Marchese; wo aber wirklich ein bestimmter Name
einem bestimmten Träger gegeben wird, bleibt es für gewöhnlich beim
Vornamen: Lothario, Friedrich, Marianne, Philine, Natalie usw.
All dies hängt aufs engste mit der Art zusammen, wie Goethe im Wilhelm
Meister bestimmte geschichtliche Einzeichnung in eine klar erkennbare
Zeit vermeidet. Seine Zeit ist natürlich die Zeit des Romans. Manche
Einzelheiten lassen das erkennen. Der prinzliche Heerführer ist z. B.
Prinz Heinrich von Preußen. Aber das sind Einzelheiten; und auch sie
geben nur zufällige Winke. Rings um die handelnden -- oder vielmehr
meist nicht handelnden -- Personen brauen wallende Nebel, wogt
ungewisses Dämmerlicht. Allenfalls die Theaterverhältnisse sind klarer
beschrieben; aber auch hier ist die Zeichnung nicht scharf. Nur in
Einem ist das Wesen der Zeit klar wiedergegeben: in Stimmungen und
Gedanken über die innersten Fragen menschlicher Charakterentwickelung,
wie das oben zu schildern versucht wurde. --
Ich darf »~Wilhelm Meisters Wanderjahre~« hierfüglich übergehen.
Sie sind nichts als eine Folge von Novellen; der einheitliche
Romancharakter fehlt ganz. Sie stehen noch viel mehr wie die Lehrjahre
im Banne des reinen, abstrakten Gedankens; und noch viel stärker
als in diesen verblaßt in den Wanderjahren alles Persönliche, alles
Konkret-Zeitliche, alles Individuelle. Liebhaber tiefer und feiner
Gedanken, die sich nicht scheuen, solche unter schwerverständlicher
Symbolik mühsam zu ergründen, finden selbstverständlich auch hier ihre
Rechnung. Aber ein Roman sind die Wanderjahre nicht. Dagegen muß an
dritter Stelle hier die Rede sein von den Wahlverwandtschaften, -- ob
man dies Werk nun als Novelle oder, wozu seine umfassende Anlage doch
wohl berechtigt, als Roman bezeichnet.
Auch die »~Wahlverwandtschaften~« zeigen, wieviel Goethe für
die erzählende Prosadichtung der ~Gedanke~ bedeutete. Auch
hier wieder die langen Unterhaltungen über allerhand allgemeine
Gegenstände. Auch hier die eingestreuten Sentenzen, in Bündel
gesammelt in den Abschnitten aus Ottiliens Tagebuche. Man hat den
Eindruck, daß Goethe vielmehr daran lag, diese wertvollen Gedanken und
feinen Aperçus unterzubringen, als eine bestimmte Handlung einheitlich
und geschlossen durchzuführen. Auch hier wieder jene undeutliche
Umzeichnung des Erzählungsgebiets, jene Zeit- und Geschichtslosigkeit
des Ganzen. Eduard ist ein reicher Baron. Aber wann? Und wo? Eduard
zieht in den Krieg. Aber in welchen? Endlich auch hier jene
Unpersönlichkeit mancher Persönlichkeiten, z. B. des lediglich nach
seiner Vermittelungsleidenschaft benannten Mittler, aber auch anderer:
des Grafen, der Baronesse, ja bis zu einem gewissen Grade selbst der
Hauptpersonen.
Auf der anderen Seite aber stehen für den Roman doch nicht bloß
eine große Zahl feiner Einzelgedanken und tiefsinniger Gespräche,
auch nicht allein die viel stärker hervortretende Kunst in der
Charakterisierung der wichtigsten Personen. Äußerlich genommen, fehlt,
wie angedeutet, manches, um sie zu klar umrissenen Persönlichkeiten
zu machen; aber ihr Inneres ist mit ganz anderer Kraft und Liebe
gezeichnet, als das von den Personen im Wilhelm Meister gelten
konnte. Genannt sei nur Ottilie, die mit feinster Seelenkunde und
mit wunderbarer Liebe geschildert ist. Wichtiger aber noch ist mir
an den »Wahlverwandtschaften«, wie in ihnen ~Gedanke und Handlung
zu einem Ganzen verschmolzen sind~. Die Handlung ist nicht mehr
die Gelegenheit, eine Reihe von Gedanken, die man sonst nicht gut
plazieren kann, auf gute Manier loszuwerden; sondern sie ist die
Durchführung des Gedankens selbst. Die Gedanken gehen nicht mehr neben
der Entwickelung her, sondern sie prägen sich in ihr aus. ~Die
Handlung ist der Ausdruck des Gedankens, der Gedanke die Seele der
Handlung.~ Damit ist der gewaltigste Schritt in der Entwickelung
des Romans getan.
Eduard und Charlotte, die sich erst in reiferem Alter, aber durchaus
infolge von Neigung und Liebe zur Ehe verbunden, leben auf stattlichem
Schlosse, beide mit der Absicht, allein für einander zu leben. Aber
sie gewähren bald noch zwei Nahestehenden die Teilnahme an ihrer
Häuslichkeit, dem Hauptmann und Ottilien. Charlotte hat dieser
Gewährung nicht ohne Bedenken zugestimmt. Und in der Tat: es kommt
hier mit den vier auf engem Raum vereinigten Menschen, wie es in
der Chemie mit verwandten Substanzen zu geschehen pflegt. Da sind
diejenigen Fälle des gegenseitigen Sichanziehens und Sichscheidens
die merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses
Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz wirklich darstellen
kann, wo vier, bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Berührung
gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue
verbinden. In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen
und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu sehen; man
traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wählen zu, und hält das
Kunstwort Wahlverwandtschaften für vollkommen gerechtfertigt.
Es kommt mir hier nicht darauf an, den Gang der Erzählung
wiederzugeben; dazu sind Goethes Dichtungen zu allgemein bekannt. Nur
das Problem, das der Roman behandelt, soll herausgestellt werden.
Es geschieht, was in dieser Beschreibung des chemischen Prozesses
angedeutet ist: Eduard faßt eine tiefe und erwiderte Neigung zu
Ottilie; und Charlotte und der Hauptmann finden sich gleichfalls in
gegenseitiger Liebe. Die weitere Entwickelung verläuft nicht ohne
Berücksichtigung der Eigenart jeder in Betracht kommenden Person.
Der Hauptmann und Charlotte wissen sich zu beherrschen; nicht
ebenso Eduard und Ottilie. Eduard entbrennt zu heftiger, auch durch
lange Entfernung nicht gemilderter Leidenschaft. Ottilie ihrerseits
verzichtet erst, nachdem Eduards und Charlottes ihr anvertrautes Kind
nicht ohne ihre Schuld den Tod gefunden hat, das Kind, das durch
seine Gesichtszüge der Zeuge der Liebe ist, die jedes der Eltern, die
ihm sein Leben gegeben, für einen andern als den Ehegatten gefühlt.
Eduard, völlig haltlos seiner Leidenschaft hingegeben, geht an ihr
zugrunde. Das Problem hat seine Lösung gefunden. Die Menschen haben
Wahlverwandtschaft gefühlt, wie jene chemischen Substanzen sie haben.
Aber sie haben sich nicht willenlos wie diese verhalten. Wenn auch
durch unendlich viel Weh hindurch, -- die ursprüngliche, durch die
Ehe gegebene Gemeinschaft ist aufrecht erhalten. Das ist die völlig
einheitliche, in allen Verwickelungen klar durchgeführte Absicht:
die Heiligkeit, die Unlösbarkeit der geschlossenen Ehe soll gezeigt
werden. Und -- vom Wert dieser These hier gar nicht zu reden -- die
Konsequenz, mit welcher dieses eine Thema behandelt wird, und zwar
nicht nur disputatorisch und abstrakt, sondern wie die Geschehnisse
selbst es behandeln, -- diese Art macht die Wahlverwandtschaften zum
ersten Roman, der -- obschon mit manchen Schwächen -- der Idee des
Romans voll entspricht. Sie gestaltet ihn zu einem einheitlichen,
in der Handlung selbst und nach den scharf erfaßten Gesetzen
seelischer Anlagen das Leben abbildenden und die Gedanken des Lebens
wiedergebenden Kunstwerk. --
Lassen Sie mich, nachdem ich die drei Hauptwerke Goethes auf dem
Gebiete der erzählenden Dichtung in Kürze gewürdigt habe, mit ein
paar Sätzen zusammenfassend die ~Bedeutung Goethes für den modernen
deutschen Roman~ skizzieren!
Diese Bedeutung beruht ~zunächst~ auf der tiefen ~psychologischen
Kraft~, mit welcher Goethe Menschen seiner Zeit erfaßt und dargestellt
hat. Was seinen Romanen auch auf dem Gebiete der Psychologie
Unbefriedigendes anhaftet, ist genügend erwähnt. Aber die Tatsache wird
davon nicht berührt, daß ~er der Erste war, der es verstand, Menschen
bis in die Tiefe der Seele zu schauen~. Was ist hier Wieland gegen
Goethe? Ein Stümper gegenüber dem Meister. Wie bleibt bei Wieland, auch
in seinem Agathon, jeder psychologische Ansatz auf der allerobersten
Oberfläche! Und wie tief greift der Werther! Wie tief auch die
Wahlverwandtschaften, ja in vielem auch Wilhelm Meister! Es bleibt ja
dabei, daß wir auch von ihm keine allseitig ausgeführten, nach den
mannigfachen Verzweigungen menschlicher Interessen hin weitergeführten
Charakterbilder erhalten. Die psychologische Kraft konzentriert sich
stets nur auf ein enges Gebiet: im »Werther« auf die wahnsinnige
Leidenschaft des Mannes zum Weibe, im »Meister« auf das Streben eines
glücklich beanlagten Bürgerlichen nach der harmonischen Ausbildung
seiner ganzen Persönlichkeit, in den »Wahlverwandtschaften« auf die
gegenseitigen Beziehungen der durch Ehe oder Wahlverwandtschaft mit
einander verbundenen Personen. Aber in dieser Beschränkung bewundern
wir den ungeheuren Reichtum, die fein pointierte Einzelkraft seiner
psychologischen Wiedergabe.
~Zum andern~ muß trotz aller Einwendungen, die erhoben wurden,
doch gelten, daß Goethe auch in der ~Art, wie seine Romane zum
Zeitbild werden~, alle Vorgänger weit hinter sich gelassen hat.
Allerdings, man wird es ja so, wie geschehen, formulieren müssen. Sie
~wollen~ kaum ein Zeitbild sein; sie ~werden~ es nur. Hätten
sie es gewollt, sie würden den Leser ganz anders in die Welt Goethes
eingeführt haben, als sie es tun. Goethe hat diese Aufgabe dem Roman
nicht klar gestellt. Trotzdem hat er dieselbe wenigstens angefaßt.
Wir sahen, wie der »Werther« in die sozialen und in die moralischen
Stimmungen der Zeit hineinleuchtet. Wir sahen, wie »Wilhelm Meister«
nicht etwa bloß die Theaterverhältnisse beschreibt, sondern wie er
die gesamte aufstrebende Bildungssehnsucht des deutschen Bürgers
samt den ihn begegnenden Hindernissen versinnbildlichte. Und auch
die »Wahlverwandtschaften« lösen ein Zeitproblem: die Ehe und den
Ehebruch. Und daß so nicht irgendwelche erkünstelte Altertümelei,
sondern einfach das Wesen der Zeit seine Prosaschöpfungen beseelt, das
hat ihnen weitreichende Wirkung verschafft.
~Endlich~ -- indem ich von der Fülle trefflicher Gedanken,
welche Goethes Romane bergen, hier nicht nochmals besonders rede
-- beruht Goethes Bedeutung für den modernen deutschen Roman auf
der ~Kunst, mit welcher er durch die Entwickelung der Handlung
selbst zu reden weiß~. Handlung ohne Gedanken hat auch der
Schauerroman, Gedanken ohne Handlung bilden gar keinen Roman; und
eine Handlung, in die Gedanken gesprächsweise lose eingefügt sind,
schafft ein Zwitterwesen, aber kein Kunstwerk. Der »Werther« und
vor allem die »Wahlverwandtschaften« haben alle diese Klippen
-- im ganzen genommen -- überwunden. Hier haben die Handlungen
selber Gedanken. Und indem die Handlung zugleich den Gesetzen des
psychologischen Geschehens folgt, verlieren auch die Gedanken den
Charakter des Zufällig-Herangebrachten. Hier, vor allem in den
»Wahlverwandtschaften«, haben wir ein, wenn auch nicht vollkommenes,
aber doch meisterhaftes Vorbild für die eigentliche Kunstform des
modernen Romans.
Wir haben von Goethe selbst einige Äußerungen theoretischer Art über
das Wesen des Romans. Im »Werther« sagt Lotte:
»... Der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde,
bei dem es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so
interessant und herzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das
freilich kein Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher
Glückseligkeit ist.«
Und im »Wilhelm Meister« vergleicht er Roman und Drama:
»Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der
Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloß in der äußeren
Form ... Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten
vorgestellt werden, im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muß
langsam gehen, und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf
welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung
aufhalten. ... Der Romanheld muß leidend, wenigstens nicht in hohem
Grade wirkend sein; von dem Dramatischen verlangt man Wirkung und Tat
....«