ihr treu, aber die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm die
gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska wurde ihm nach und nach
gleichgültig, er vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch das
Andenken an seine frühere Liebe völlig durch seine Vermählung mit
Helenen. Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit Lodoiska zu brechen.
Sie schrieb ihm regelmäßig, und ergab sich geduldig in eine verlängerte
Zögerung, die der Krieg nothwendig machte; als aber der Frieden endlich
in ganz Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe dringender, und sie
kündigte dem nun zum Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie ihn
selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu ihr zurückkehren würde.
Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht, und er hörte lange nichts von
seiner ehemaligen Braut, bis er endlich in Berlin, nach seiner
Verabschiedung und nach langer Unterbrechung, abermals einen Brief von
Lodoiska erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft in Berlin meldete.
Dieses Schreiben mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten Schrecken
verursachen; er that daher einen verzweifelten Schritt, und machte seine
unglückliche Braut mit seiner Vermählung bekannt. Voller Angst erwartete
er ihre Antwort, die auch nicht lange ausblieb. Kaum hatte er sie
erhalten, so trat er zu Helenen in's Zimmer, schützte einen bedeutenden
Verlust an seinem Vermögen vor, der ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich
zu verlassen, und trat die Reise nach Böhmen an, wie wir am Eingange
dieses Buches gesehen haben. Auf die Antwort Lodoiska's wagte er nie
wieder einen Blick zu werfen, und in einem neuen Anfall von Schrecken
vernichtete er diesen Brief, so daß man nie erfahren hat, was er
eigentlich enthalten habe. --
Eilftes Kapitel.
Lodoiska's jetziger Aufenthalt im Schlosse R.... konnte nur von übler
Vorbedeutung für die Familie Lobenthal sein; Werner, der genau von den
früheren Verhältnissen des Obersten unterrichtet war, fürchtete das
Schrecklichste, und gerieth fast in Verzweiflung, seine Furcht weder
Jemanden zu entdecken, noch den Obersten davon benachrichtigen zu
können. Er entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als möglich zu
nähern, um ihre wahren Absichten kennen zu lernen.
Hierzu wählte er einen Nachmittag, als die Oberstin gerade einige
Gesellschaft aus der Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska's
Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines Fensters, während der junge
Wilhelm vor ihr stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch gelegt hatte,
das er mit vielem Vergnügen durchblätterte. Die Fremde schien in das
tiefste Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben mit Blicken
an, die nichts weniger als Wohlwollen verriethen; Werners Schritte
weckten sie aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich ihre
Miene änderte, und ihre gewöhnliche außerordentliche Gleichgültigkeit
annahm. Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte sie, was aber nicht
erwidert wurde; doch ließ er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre
machen, sondern fing sogleich seinen Angriff an, wie er sich vorgenommen
hatte.
»Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben Sie sich nun in ein Haus
eingeführt, wo Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, und das
Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer eigenen Ruhe und zur Ruhe einer
achtungswürdigen Familie. Was haben Sie jetzt für Absichten? Wollen Sie
hier, zum Lohne für die gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz und
Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, da Sie denn nun
einmal den Obersten noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in Prag
abzuwarten?«
-- Ich halte dafür, Werner, daß man sich in wichtigen Angelegenheiten
nicht bei seinen Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist du in
deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. Warst du es nicht, der mich
einst aufforderte, mich von der Liebe des treulosesten aller Männer
rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du ihn genau, und wußtest, wie
groß sein Leichtsinn sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich dem Rande
des Abgrundes näher zu führen, und wer steht mir dafür, daß dein
jetziger Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im Hinterhalt hat?
--
»Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr in Folge meines damaligen
Alters, als meines Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine Theilnahme
für ....«
-- Ich glaube nicht mehr an die Worte der Menschen, und gehe auch nicht
von dem mir einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich jetzt in diesem
Hause befinde, so werde ich darin so lange bleiben, bis Alles für mich
aus ist, und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die mich erwarten. --
»Was haben Sie aber zu fürchten, wenn Sie nichts Böses gethan haben?«
-- Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten Tone, werde ich über
diesen Punkt sprechen. Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu
antworten; ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß ich ungeduldig auf
den Zeitpunkt warte, wo ich deiner Gesellschaft überhoben werde. --
»Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber obgleich meine Anwesenheit
Ihnen so lästig ist, so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich aus
den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in diesem Schlosse befinden,
und ich werde meine Wachsamkeit nur noch verdoppeln.«
-- Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit wird auch höchst nöthig sein, und
du wirst großen Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich endlich
auf's Aeußerste zu treiben? Kannst du die Frechheit haben, mich so zu
beleidigen, indem du mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst?
Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner Obhut müde bin, wirst du
aufhören, meinen Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei
überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit zu mir sprichst, das
Schloß eher verlassen wirst, als ich! --
»Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart Ihnen lästig ist; allein wenn
ich will, so soll keine Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß
erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu suchen, wo es Ihnen belieben
wird. Ich darf nur ein Wort sagen ....«
-- Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, denn du kennst die Folgen
davon! Glaube mir, Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer ist,
so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens in Ruhe zubringen. Ich
werde ihr nur im äußersten Falle die schreckliche Aufklärung geben, und
wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein die Ursache davon. --
»Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung?«
-- Hoffnungen habe ich nicht und kann ich nicht mehr haben, denn mein
Schicksal ist unwiderruflich bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten zu
erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin hätten sie mein Herz
zerrissen, das sich dagegen aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es
mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus in der Zukunft lesen
kann; die Gefühle, denen ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich
verloren. --
»Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, aber es ist mir unmöglich,
Sie zu verstehen. Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, brauchte ich
nicht erst über jedes Ihrer Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir
so dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber zerbreche. Ich bitte
Sie, drücken Sie sich deutlicher und ohne Umschweife gegen mich aus!«
Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes Lächeln schwebte über
ihren Lippen, während sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches
Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers entfernte,
zurückgelassen hatte. Dadurch entstand ein ziemlich langes
Stillschweigen, das Werner endlich zuerst brach.
»Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es vergebens ist, Sie auf
vernünftige Gedanken zu bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen
Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht errathen kann, so
vergessen Sie wenigstens nicht, mit welcher Güte Sie im Schlosse R....
aufgenommen worden sind, und lassen Sie uns unsere Gastfreundschaft
gegen Sie nicht bereuen!«
Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen in den Gesichtszügen der
Fremden hervor; aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe wieder an,
und Lodoiska antwortete mit großer Ruhe:
»Welchen Vorwurf über mein Betragen, sei es auch in der Folge wie es
wolle, könnte mir derjenige machen, der voll Entzücken in dem Hause
meines Vaters aufgenommen wurde, und zum Lohne dafür nur Verzweiflung
und Tod darin zurückließ?«
Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern in Verlegenheit. Er fühlte
die Richtigkeit dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung zu
verbergen, indem er sagte:
»Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; aber die Fehler der andern sind
für uns keine Entschuldigung, und das Böse, was erst noch geschehen
soll, kann das frühere Uebel nicht wieder gut machen.«
Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab ihm nur ein Zeichen, daß sie
wünsche, allein zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin hier
überrascht zu werden, so entfernte er sich, aber mit dem festen
Vorsatze, jeden Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie nannte, zu
belauschen.
Helene, deren Einsamkeit nur selten durch die Besuche der Nachbarn
gestört wurde, hoffte durch die Gesellschaft der jungen Fremden für die
Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber sie überzeugte sich bald, daß
der Umgang mit ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige
Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man sie nicht fragte, ihre kurzen
Antworten, und mehr als Alles, das Unbeschreibliche in ihren
Gesichtszügen, waren höchst zurückstoßend für Helenen, die bald dem
mehrmals ausgesprochenen Wunsche der Fremden nachgab, sie in ihrem
Zimmer völlig allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur zur Zeit
der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend an den Tisch, wo sie kaum so
viel Nahrung zu sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst
nothwendig war. Vergebens drang man in sie, mehr zu essen; sie schlug
hartnäckig die besten Speisen aus, und begnügte sich mit etwas Fleisch,
das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreich waren ihr
höchst zuwider. Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, ward nur
durch die täglichen Besuche der Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich
stets freundlich gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz
unbeschreibliche Blicke auf sie warf.
Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem Schlosse, und ihr Betragen
blieb immer dasselbe. Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; er
konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, obgleich er des Nachts zu
allen Stunden aufstand, und im Schlosse umherschlich. Wider seinen
Willen fing er daher am Ende zu glauben an, er habe sie falsch
beurtheilt, und ließ auch allmählich in seiner Wachsamkeit nach.
Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, und setzte seine Mutter in
die größte Unruhe. Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts
insbesondere, und dennoch sahe man die Röthe seiner Wangen schwinden,
und seinen Körper immer mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß er
nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht ward ihm zuwider; aber zu
gleicher Zeit nahm seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er kaum
mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit Gewalt von seiner Freundin
trennte, gerieth er in Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in ihrem
Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese Zuneigung mit
Gleichgültigkeit an, obgleich sie das Kind nicht von sich entfernte, und
darein willigte, daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen wurde.
Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren Mann, theilte ihm den
bedenklichen Krankheitszustand ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch
endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von der Feuersbrunst und
dem Aufenthalte der unglücklichen Fremden im Schlosse hatte sie ihn
schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in seinen Antworten
Helenens Aengstlichkeit, und versprach ihr, sich sobald als möglich auf
den Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, eine völlige Aussöhnung
zwischen seiner Schwester und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. Der
Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er nur wenig seine Aufmerksamkeit
geschenkt, und berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das Betragen
Helenens völlig billigte. Alle seine Briefe schloß er mit den heißesten
Wünschen für die Genesung seines geliebten Wilhelm.
Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören zu wollen; die Kräfte des
Kindes schwanden immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, und schon
konnte er kaum seinen Kopf in gerader Richtung über den Schultern
erhalten, auf welche er aller Anstrengungen ungeachtet immer wieder
zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar suchte ein geschickter Arzt, der
täglich nach dem Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch
dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen Krankheit
denken sollte. Das Kind behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust,
die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte sich stets über Hunger,
der nur schwer zu stillen war, und dieß am meisten des Morgens, sobald
er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. Dann forderte er die
kräftigsten und schwersten Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn
er mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um die Mutter nicht noch
mehr in Angst zu setzen, that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe,
das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim sahe er kein Mittel vor
Augen, wie er sein Versprechen erfüllen sollte.
Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur selten; sie hörte die Fragen
des Arztes, die Klagen der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch
zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei einnehmen sollte, wendete sie
ihren Einfluß auf den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich
anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein versprach, wenn Lodoiska
bei ihm bleiben wollte.
»Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte deßhalb nichts. Ich habe
mich zu innig mit deinem Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir
trennen könnte, und ich werde dich nur in dem verhängnißvollen
Augenblicke aufgeben, wo man Alles auf der Erde verlassen muß.«
Diese liebreichen Worte verloren für die Zuhörer allen Werth, weil sie
mit der äußersten Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen wurden.
Die Fremde legte überhaupt nur selten einen Ausdruck in das, was sie
sagte oder that, so daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, als
für ein belebtes Automat zu halten geneigt war, das sich bloß nach dem
Uhrwerk in seinem Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. So
viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine leichte Anwandlung von Zorn,
die aber sogleich wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, daß
der Verstand dieser unglücklichen Fremden ohne Zweifel gelitten haben
müsse. Auch war dieß die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie
that, die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden zu richten, der in
ein Haus eingeführt und aufgenommen ist. Sie wußte von Lodoiska selbst,
daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr lange dauern würde, daher
sie sich auch vorgenommen hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden
die Gastfreundschaft zu gewähren.
Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm über allen Ausdruck liebte, war
über seine Krankheit ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur noch zur
Hälfte, da es augenscheinlich war, daß der Knabe seinem Grabe
entgegenging; ja er gerieth endlich in eine Art von Verzweiflung, so daß
er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte wohl vergiftet sein, und
Lodoiska sei die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser
Gedanke ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und er sann auf nichts, als
auf die Art, wie er seinen Verdacht entweder aufklären oder wieder
vernichten könnte.
Zwölftes Kapitel.
Werner beobachtete seit einigen Tagen die Fremde mit erneuerter und
verdoppelter Wachsamkeit, ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden zu
können. Wilhelm schien mit jeder Minute den Geist aufgeben zu wollen,
und es ward also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder Lisette
abwechselnd des Nachts bei ihm wachen sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher
entscheidend zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich merkbares
Besserbefinden einige Hoffnung gab, daß das Kind dennoch wieder genesen
könnte. Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige Kräfte wieder;
schon verbreitete sich eine leichte Röthe über seine eingefallenen
Wangen, und im ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur
Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende Blick Werners, der sie
nicht aus den Augen verlor, glaubte bei ihr eine Veränderung zu
bemerken, die der des Kindes gerade entgegengesetzt war; sie verlor
einen guten Theil von ihrem körperlichen Umfange. Ueber ihr
leichenblasses Gesicht war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und ihr
Gang wurde holperig und schleppend. Oft legte sie eine Hand auf die
Wunde, welche Werner unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte
sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das hier zu entschlüpfen
drohte, hätte zurückhalten wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie
sie das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer wilden Ungeduld
betrachtete, und eine Bewegung, schrecklich für den, welcher sie
verstanden hätte, drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner errieth
sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt zu sein, daß entweder die
Fremde mit dem morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß das Kind
sein Leben endigen müsse. Er nahm sich vor, mit der größten Klugheit zu
Werke zu gehen, und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst die
Fremde auffordern würde, sich anderswo eine Wohnung zu suchen, weil es
nicht anginge, daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne.
Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. Die Oberstin, von
Mattigkeit fast erschöpft, weil sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem
Sohne gewacht hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches Bedürfniß, etwas
Ruhe zu genießen, und sie wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache
für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von dieser Absicht
unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem jungen Freunde diesen Dienst zu
leisten. Helene glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich
da sie bisher noch nicht bei dem kleinen Wilhelm gewacht hatte, was man
nicht wagen wollte, ihr anzumuthen.
Die Sache wurde sogleich abgemacht, und Lisette brachte, wahrscheinlich
aus Vergeßlichkeit, dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser legte
sich also in der Ueberzeugung zu Bett, daß der Sohn seines Obersten die
Nacht unter der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; aber kaum
hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte seinen Kopf eine Menge der
peinlichsten Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich dann der
Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch Ruhe zu verschaffen; er ward von
den seltsamsten Träumen bis auf's Aeußerste geängstigt. Bald glaubte er
mitten im Walde, welcher sich hinter dem Garten des Schlosses R....
befand, umherzuirren; plötzlich stürzte eine Räuberbande über ihn her,
und er blieb nach einem heftigen Kampfe sterbend auf der Erde liegen;
bald versetzte ihn eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung
von Lodoiska's Vater. Er sah auf dem Hausflur einen Sarg, mit einem
schwarz und weißen Leichentuche behangen, und mit einer Krone von Lilien
und weißen Nelken geschmückt; eine Menge junger Mädchen stand umher, bis
ein Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe führte. Hier
wurde der Sarg in ein offenes Grab versenkt; die Zuschauer entfernten
sich. Werner allein war noch stehen geblieben, und sahe, daß es
plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. Mit einem fürchterlichen
Donnerschlage erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend umher
erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem Brausen eines heftigen
Sturmwindes die Erde, und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine
Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer höher erhebt sie sich in die
Lüfte, und durch eine unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach mit
fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender Schnelligkeit ungeheure
Räume, während der halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich
beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner erkennt das Schloß R....
und schaudert über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller
Führer zieht unter seinem Leichentuche eine Hand hervor, welche aber
nichts als ein Gerippe ist, und klopft damit an die Thür des Schlosses;
sie wird ihm aufgethan, und in demselben Augenblicke dreht die Gestalt
sich um; der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige Gesicht
Lodoiska's. --
Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht länger dauern; Werner erwachte,
ganz in seinem Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn umgebenden
Finsterniß die Augen aufzuschlagen. Als er sich nach und nach besann,
schien es ihm, als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche
Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt Gebrauch machen müsse.
Alle Wunder, über die er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn
im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit sie ihn überraschte.
Bisher hatte er geglaubt, bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes
Weib zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, mit dem er sich
messen soll.
Während sich Werner so dem Fluge seiner Einbildungskraft überließ,
erinnerte er sich, daß die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde:
ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen Entdeckungen zu machen,
wodurch Werner sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht war es
möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen Schlaf versunken sein
konnte, und daher nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu
widersetzen. Dieser Gedanke gab ihm einen raschen Entschluß; er sprang
sogleich aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür;
aber hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, ohne Waffen durch
die weitläuftigen Gänge und Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich
sei, daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. Beim
Schein des Mondes, der seine Strahlen durch das Fenster warf, suchte er
seine Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ er endlich sein
Zimmer, und nahm seinen Weg nach dem des kranken Kindes, wo er die
Gemahlin seines Obersten anzutreffen hoffte.
In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch Lodoiska's
Aufmerksamkeit wecken könnte, ging er nur langsam und so leise als
möglich vorwärts; er hielt seinen Athem an, und zitterte bei dem
Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat er die Haupttreppe erstiegen
und befindet sich in dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen
zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, den er ebenfalls
unangefochten durchschleicht, und ist schon im Begriff, die Thür des
Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin bei ihrem Kinde
befindet, als es ihm einfällt, daß sie wohl eingeschlummert sein könnte,
und daß er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen Schrecken
verursachen würde. Um sich vorher zu überzeugen, ob sie schläft oder
wacht, näherte er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt in's
Zimmer hinein.
Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die
unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder,
aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald
blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den
Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt .....
Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke
werden Lodoiska's Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche
Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit
reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das
Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit
langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus
allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! --
Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben
verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit
ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf,
und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine
Verbrechen zu geben.