Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer

unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung,

und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den

plötzlichen Tod des jungen Röschens an.

»Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist

mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich

dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte.

Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige

Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne

ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man

könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes

Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu

zweifeln!« --

Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch

seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache

zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten

Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte

aufgeben können.

»Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe

überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es

sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.«

Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern

zurückhalten wollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er,

seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so

allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts

Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre

Sonderbarkeiten vergaß.

Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska

möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in's Schloß zu

verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste

zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen;

ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um

Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle

seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal

Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten

Verdacht zu hegen.

Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen,

richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die

alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen

Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß

dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu

beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern

und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten

Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten

sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen;

allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man

sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte.

Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines

unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkel eines der Zimmer des

untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen

Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der

Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges,

und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt

zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte.

Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat

er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie

ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch

große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten.

Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte

sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen

entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher

um, und Werner ließ nun den innern Eingang mit einer Mauer verschließen;

denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er

leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit

dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er

zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner

Ruhe vernichtet zu haben.

Neuntes Kapitel.

Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der

Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor

nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre

geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der

sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte.

Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr

anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen

Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster;

da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe

erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung

des hellen Scheines, welcher über dem Walde schwebte, daß es nur das

Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich

eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und

dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens

bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der

Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine

Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres

mitleidigen Herzens.

Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden

Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine

Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich

einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es

mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der

völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen.

Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und

bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie

bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen

Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines

Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne

irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte

Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie,

aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte,

beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie

aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so

schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber

sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand

zurückkehrte.

»Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie

völlig Ihrer Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer

Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine

Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden,

daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den

Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.«

Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte

sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne

Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie

erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht

gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde

Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes

befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der

anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. »Kaum hatte ich noch so viel

Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum

Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits

brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus

meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.«

-- Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der

Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber

kommen Sie jetzt in's Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht

angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen

Eindrücken der Nachtluft beschützen. --

Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen

Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles

mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den

Gedanken, daß Lodoiska mit seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen

sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die

schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und

zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit

zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen

erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer

solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem

Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin

zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich

vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre

geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den

beiden Damen nach dem Schlosse zurück.

Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die

Ueberbleibsel eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten

Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die

ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem

Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den

Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick,

daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im

Dorfe gesehen wurde.

Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die

Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um

sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft

zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man

willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt

haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige

Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig ausschlug;

und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit

ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe.

Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden

noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie

aber, als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen,

aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.

»Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum

wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen

gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache

ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben

höchst nöthig bedürfen.«

-- Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine

gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist

wahr, daß ich verwundet bin; aber ich bin es schon seit sehr langer

Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt

wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß

ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten

darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu

befürchten. --

In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so

unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von

Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte.

Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen,

und ließ sie daher allein.

Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht,

eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte;

dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen.

Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie

heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch

bemerkbarer.

Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse

bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor

der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu

erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie

nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe.

Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und

sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts

als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei

Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche

Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den

Menschen hervorbringen.

Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf's Höchste

erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler

hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: »Frau Oberstin, Sie wundern

sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir,

daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber

glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen.

Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide

von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte.

Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir

werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt

werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen

mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe

während meines sterblichen Lebens zu viel geweint. Jetzt, da ich nur

noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann,

ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung

trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen?

Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige

Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne

Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr

leiden mag.«

Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin

unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer

etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte,

ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig

aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche

sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren ihres Auges

schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz,

bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich

nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.

Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts

zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu

geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich

nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die

Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen.

Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf

gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska

empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens

zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu

gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen

Stiche durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden

bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren

zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn

und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was

in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen,

von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange

Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu

sein.

Zehntes Kapitel.

Bei den russischen Truppen, die im Jahre 1812 die Moldau und Wallachei

besetzt hatten, befand sich auch das Regiment, in welchem Alfred

Lobenthal damals als Rittmeister diente. Er war einer der kühnsten und

tapfersten unter allen Offizieren, und sein Muth verwickelte ihn öfters

in die gefährlichsten Unternehmungen; auch war ihm das Glück, welches

gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich hold, bis die unbeständige Göttin

ihn einst auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal erhielt in

einem Gefechte, in dem Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff,

einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom Pferde stürzte.

Werner, der brave Unteroffizier, den die Dankbarkeit auf immer an ihn

gefesselt hatte, befand sich in der Nähe, und eilte sogleich zur Hülfe

herbei. Von einigen Soldaten unterstützt, brachte er den Rittmeister in

das benachbarte Haus eines Pächters, der einer gewissen Wohlhabenheit

genoß, und da die Ankunft eines verwundeten Offiziers für die Einwohner

eine Schutzwehr war, so nahmen sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf.

Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ ihm das beste Zimmer

einräumen, und ihm alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. Der

Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; nach dem ersten Verbande

erklärte er, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber nur langsam

wieder heilen würde.

Beinah vierzehn Tage lang befand sich Lobenthal in einer fast völligen

Bewußtlosigkeit; er hörte kaum das Geräusch, was man um sein Bett her

machte, und da seine Augen stets geschlossen waren, so sahe er nicht,

wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er sogleich bemerkt, wie unter

den Personen, die über die Erhaltung seines Lebens wachten, sich

vorzüglich die junge Tochter des Hauses auszeichnete, die nicht nur

durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihr

liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann auffiel. Von einem

Mitleiden bewegt, dessen wahre Ursachen sie selbst noch nicht kannte,

brachte sie ganze Tage am Bette des Kranken zu, der ungeachtet seiner

Todtenblässe, dennoch in seinen Gesichtszügen die Spuren einer hohen

Schönheit verrieth.

Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, in das Krankenzimmer

zurückzukehren, aus welchem man sie öfters forttrieb; mehrere Stunden

brachte sie häufig bloß mit einem Anschauen zu, dessen Folgen für sie

höchst gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete Offiziere

Lobenthals oder Soldaten von seiner Schwadron kamen, um sich nach seinem

Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige Mädchen, voller Scham, hier

überrascht worden zu sein, so leicht wie ein junges Reh von dannen, und

wartete mit Ungeduld, bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt

haben würden.

Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, fielen auf diesen

irdischen Engel; wie konnte er sie anders, als mit der höchsten

Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das Bedürfniß eines Vertrauten, mit

welchem er nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, die seine

ganze Seele erfüllte; hierzu wurde Werner erwählt, und stolz auf diese

Auszeichnung eilte er, sich derselben würdig zu machen, indem er

Gelegenheit suchte, die schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften

seines Rittmeisters zu unterhalten, ohne ihr jedoch auf eine bestimmte

Art zu erklären, was dieser schöne junge Offizier von ihr dachte.

Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf

eine außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher Spannung hörte sie

der Beschreibung einer Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken dem

Rittmeister bis mitten in die sich immer erneuernden Gefahren; bald

erblaßte, bald erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, wenn die Gefahr

am augenscheinlichsten war. Endigte aber dann die Erzählung mit einem

Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde bezahlt hatte, so erhob sie

ihre ausdrucksvollen Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung

tausend Mal ihren wärmsten Dank ab.

In der Stille der Nacht, so wie am Tage mitten unter ihren Arbeiten, war

sie nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: der schöne und tapfere

Rittmeister war ihrer Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen,

unaufhörlich gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, desto tiefer drang der

Pfeil in's Innere; schon empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, und

doch hatte der Gegenstand derselben noch kein Wort mit ihr davon

gesprochen. Indessen beobachtete Lobenthal nicht lange diese

Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande noch mit seinem Charakter

übereinstimmte; er erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört.

Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das Mißtrauen noch unbekannt

ist; sie liebte mit Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, daß

sie eben so wieder geliebt würde. Sie kannte weder den Unterschied der

Stände noch des Vermögens; ihr Geliebter war schön und jung, sie war

beides ebenfalls: alles schien ihr daher gleich, und für sie konnte die

Zukunft nichts sein, als eine glückliche Verlängerung der Gegenwart.

Aber mitten in diesem Entzücken erhielt sie sich rein, wie die Tugend

selbst; kein unreiner Gedanke befleckte ihre Unschuld, und Lobenthal,

voll Erstaunen über eine Leidenschaft, vereinigt mit so viel Tugend,

machte keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger er seine Lodoiska

sahe, desto größer wurde seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den

höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends, nachdem er den ganzen Tag in

dem reinsten, entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte, ritzte er sich

mit einem Federmesser den Arm, und schrieb mit seinem Blute ein

Heirathsversprechen auf, welches er seiner Geliebten übergab. Lodoiska

eilte, ein Gleiches zu thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen

Gegenden ward der doppelte Vertrag fünf Nächte lang unter dem

Leichenstein eines Grabes verwahrt, und dadurch im Himmel selbst

geheiligt.

Man zweifelt in jenen Ländern nicht, daß zwei Liebende durch einen

solchen Vertrag unwiderruflich an einander gefesselt werden; jede andere

Ehe, die nicht unter ihnen beiden vollzogen würde, kann nur höchst

unglücklich sein. Die Jungfrau, welche sich auf solche Art verlobt, kann

nach ihrem Tode aus dem Grabe wieder auferstehen, um als Vampyr den

Treulosen zu quälen, der sie verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von

allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die Zukunft nicht; denn es

schien ihm unmöglich, seine Lodoiska je zu vergessen.

Wochen und Monate vergingen; schon waren die russischen Truppen aus der

Moldau und Wallachei wieder abgezogen, um im Norden ihren Mitbrüdern

gegen die Franzosen zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war geheilt, und

dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt, da die Liebe ihn einen Theil

seiner Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl seines Chefs

lösete bald die Bezauberung des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine

Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska zu trennen. Der Kampf

in seinem Innern war fürchterlich, doch trugen endlich Ruhm und Pflicht

den Sieg über die Liebe davon. Nachdem Lobenthal seine eigene

Schwachheit überwunden hatte, mußte er noch die seiner Geliebten

bekämpfen; er suchte sie durch die feierlichsten Versprechungen zu

beruhigen, und gelobte, höchstens in Zeit von einem Jahre

wiederzukommen. Endlich fand sich Lodoiska geduldig, aber nicht

getröstet, und willigte in die unglückliche Abreise.

Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen · 第 5 / 7 段