von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe
er den alten Bedienten Lodoiska's sich gegenüber stehen. Dieser war von
einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar
entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle
Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton
seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem
strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne
erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt
dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte an, daß er des Lebens
müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann,
verachtete.
»Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu
erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?«
-- Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete
der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut
mit mir sprechen darfst? --
Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß
Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward.
Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als
Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher:
»Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine
Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne
daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte.
Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir
sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von
jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage
richtig zu beantworten?«
-- Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht
einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du
gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel
erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder
Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so
weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander
sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei
ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. --
»Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn
dieser Bediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner
Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind,
ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich
eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun
einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska
selbst sprechen. Verstehst du mich?«
-- Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen
Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat
mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du
Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr
Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. --
»Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um
mich zum Rückzuge zu zwingen?«
-- Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der
größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe,
ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn
mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller
Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger
Entfernung wieder niedersetzte.
Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel
nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich
rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit
seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er
als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene
Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier
nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war,
mit dem Alten zu ringen, da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was
Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen
Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.
Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig
an. »Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer
Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf.
Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte
denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du
hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und
eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich
vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.«
Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende
Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, welche in
seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines
Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seine
Aufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses
öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst
seltsames Ansehen gab, heraustrat.
»Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir
verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es
möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich
verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen
wünschen?«
Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in
seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch
Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln,
und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen Schrittes in das Haus
hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil
gehabt hätte.
Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das
Erscheinen Lodoiska's. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen,
und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen
Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn
anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht
umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres
Bedienten zu erkennen zu geben.
»Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn
nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art
von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich
mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie
heute, gezeigt, ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die
verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht
immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen
zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.«
-- Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den
unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn
gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend,
geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu
zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was
vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf
dich selbst zurückfallen. --
»Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich
spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung
ungeahndet lassen; und habe ich überdieß Ursache, mit der Herrschaft
zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch
etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten
abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu
beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?«
-- Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich
deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen
mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht
zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters
vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht
mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten,
mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du
nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend
Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir steht es wohl an, in einem
anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich
vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist,
elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! --
»Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen ja rasch zu Werke! Doch, ich
mache mir nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und was schon vor so
vielen Jahren geschehen ist, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn
Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre Schuld. Aber woraus ich mir
viel mache, und was ich nie erlauben werde, ist: wenn man in meine
Geheimnisse eindringt, wenn man meinen Briefwechsel stört, und sich auf
eine strafwürdige Art in das Haus meiner Herrschaft einschleicht.«
Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur einen Blick auf Werner, in dem
sich die auffallendste Bosheit malte, gleichsam als Triumph einer schon
gewissen Rache.
»Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner fort, daß ich Ihrer Ränke und
Spielereien müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben Sie aufgehalten;
denn wer anders, als Sie, könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch
nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht erreichten; aber sein Sie
überzeugt, wenn ich einst Jemanden auf der That ertappen sollte, sein
Prozeß würde nicht lange dauern, und sein Rücken würde sich über meine
Dazwischenkunft eben nicht zu erfreuen haben.«
-- Wie! so grausam wolltest du verfahren, und selbst mit dem armen
Ladislaus? sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften Lächeln. --
»O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn kommen -- mit ihm vor allen
Andern. Ich habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue
Bekanntschaft machen, und gegen welche seine Faust nichts ausrichten
soll.«
-- Werner, ich wiederhole es dir zum letzten Male, du gehst mit starken
Schritten deinem nahen Untergange entgegen. --
»Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer verbrecherischen Intriguen. Ich werde
sie nicht länger ertragen, und wenn auch ein vierter Brief nicht an den
Obersten gelangt, so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der Obrigkeit
nicht Recht erlangen kann.«
-- Unsinniger! worauf willst du deine Klage gründen? Soll ich für deine
Thorheit verantwortlich gemacht werden? Wem willst du es einbilden, daß
ich im Stande bin, den Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn zu
hindern? Du wirst vor den Augen der Welt zum Gelächter werden! Armer
Schwächling, die Strafe für deine Kühnheit soll dir dann auf dem Fuße
folgen. --
»Lodoiska, Sie können mir vorreden, was Sie wollen. Ich weiß, daß ich
einiges Unrecht gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich unrecht ist,
einen jungen Offizier und ein hübsches Mädchen einander näher zu
bringen; aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das Geschehene, und
lassen Sie mich in Ruhe.«
-- Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe zu lassen, ja, habe dir
Belohnungen angeboten, wenn du dich anheischig machen wolltest, den
Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. Wie kannst du mir
eine solche Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, und erlaube,
daß ich ihn zum letzten Male sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein
Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du mir vergeblich entgegenstreben,
denn mir stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu widerstehen
vermagst. Aber zittere, wenn dir ein einziges Wort entschlüpft, wodurch
die glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle an Alfreds Seite
einnimmt, von meinem Verhältnisse benachrichtigt wird. Deine
Unvorsichtigkeit würde dir das Leben kosten; ja Werner, ich würde dich
auf der Stelle aufopfern! --
Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch
ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken
Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut
hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser
unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie
ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die
zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken.
Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein
Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. »Unglückliches Mädchen! rief er,
was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande
noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach
Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie kennen
wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.«
-- Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. --
»Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der
Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn
Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.«
-- Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen,
denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis
auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt
es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier
nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. --
Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin,
nicht länger, daß Lodoiska's Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht
haben möchten, und sein ganzer Zorn gegen sie war verschwunden. Er
wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da
er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe
bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und
nach ihrem Hause zu geleiten.
»Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme
entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was
jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus!
komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten
meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!«
Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um
Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der
Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blicken
um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen,
sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu
leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er
vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen
könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse
führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf
dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen
und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte,
und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick
aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon
zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der
ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele
war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinen Fall einem
Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging.
Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der
Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche
Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes
Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. »Gebe Gott! sagte
er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn
was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die
Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.« --
Achtes Kapitel.
Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben,
so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu
beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des
Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der
Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit
brachte.
Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit,
das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der
Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oft _Röschen_ sich
bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein
Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof machten;
allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr
dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten
auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen
Gleichgültigen zu rühren verstand.
Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun
hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten
Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge
geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu
legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das
junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der
Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.
Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch
bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt nach dem Schlosse
zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und
sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des
Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um,
mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die
verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten.
Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem
Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte.
Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten
Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut
aus Lodoiska's Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches
Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten
Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr
auf einen Punkt hefteten, und er in einen lauten Angstruf des Schreckens
ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht
hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in
Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die
übrigen Theile des Gewehres.
Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß
eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem
eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie
versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit
überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür
auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast
bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska's Angelegenheiten
zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen
Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie
in die Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte.
Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine
Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel;
denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine
heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel
ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte,
daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham
über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner
guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er
darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu
fragen, als dieser ihm zuvorkam.
»Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche
fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf
die schrecklichste Art ermordet!«
-- Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen
begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! --
»Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt.
Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in's Zimmer geschlichen, und dem
armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß
durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird,
und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.«
-- Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr!
O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch
hier nach Deutschland fortpflanzen! --
Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber
das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller
Neugierde bestand Mathes auf die Erklärung dessen, was er nicht
verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu
bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat
erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm
erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von
welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er
zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn
wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen
wollte.
»Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine
Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber
schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend
fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher
erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbern
auferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen
sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen,
welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die
Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen
in's Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was
ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese
Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange,
bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres
Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dort
_Vampyre_ nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben
Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre
Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein
Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm zu befreien: man
muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten
Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner
Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit
Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt
man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die
Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen,
wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte.
Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs,
eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche
Theile des Körpers werden nun in's Feuer geworfen und verbrannt, worauf
das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht.
Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es
scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft ein Mensch, der
durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es
sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig
werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem
Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.«