Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in

Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die

Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner

äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne

Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte

schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick,

wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge

wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich

ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der

Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im

Schlosse war, so benutzte Helene diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm

und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. --

Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von

einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr

unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer

ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und

ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge

dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel

in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen

suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch

sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine

Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.

Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße

einer schönen Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe

einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen

nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit

hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal

bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als

plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne

einer melodischen Harfe erschallten.

Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und

sich neben ihr in's Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die

seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte:

anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald

ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche

Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange.

Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein

unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward,

war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so

machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren

Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr

hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich

schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß

es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie

dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen

möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern

die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst

die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem

Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch

auf einem Baumstamme sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben

wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer

Arme immer noch den Handschuh trug.

Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren

Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte.

Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die

kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind

hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber

wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete

daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre

Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung

von einigen Schritten geben wollte.

Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das

Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach dem Orte, wo sich

ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen,

nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme

ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor

derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall,

erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte

entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.

Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme,

verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre

Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund

klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn

erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer

rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab.

Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nicht ihre Reize

allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in

dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was

man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich

selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht

würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut

war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen

verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine

erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen

störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten

hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte

Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit

grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das

Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß sie, ungeachtet aller

Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu

zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von

ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die

sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine

himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten?

Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster,

ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung

hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und

dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine

beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden

äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und

nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer

wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus.

Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der

Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe,

daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum

Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch

Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen

ihrer Kinder beigetragen habe.

Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte

Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen,

kleinen Mund zum Sprechen.

»Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen?

Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet

habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in

diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich

dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit

aufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so

genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner

Erholung übrig.«

-- Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft

nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. --

»Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von

einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft

nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod

mit sich.«

Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab

ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der

Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher

nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht

hoffen dürfe, in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern

vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse.

»Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im

Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand

aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine

Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist

unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.«

Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer

Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl

gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit

ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen.

Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück.

»Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache

Sterbliche! Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen

Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?«

Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der

Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen

andern Gegenstand zu bringen.

»Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist,

sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen

gefunden zu haben.«

-- Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler

Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es

ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer

gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt.

--

Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung

machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt schwebte aber ein

Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska's Lippen, und ihre Augen nahmen

einen sanften Ausdruck an.

»O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen

Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der

Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt

bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen

Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch

zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.«

-- Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem

Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick

meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich

Ihnen wieder zu nähern. --

»O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz

sind; eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es?

tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher

über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung

und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen

könnten.«

Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem

unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr

Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten

Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere

eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch

zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst

zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt.

»Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem

Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. Wollen Sie mir

erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?«

-- Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr,

was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen

Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß

nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich

darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon

wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es

gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt

befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der

Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen

erklären, was die Menschen nicht begreifen. --

Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten

Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden auf andere

Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien

wieder zu sich selbst zu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge,

wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem

Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig

sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe,

wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer

Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete,

daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in

Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz

natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben

war, sie in der größten Eingezogenheit hielt.

Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr

gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente

Lobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies

dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen

eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit

im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts

setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu

liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt

oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war

nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an

allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein

Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt

sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen zusammen? -- Da die

Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die

Abenddämmerung schon einbrach, so kamen die Kinder herbei, und ihrer

Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem

Schlosse zurückgeführt zu werden.

»Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was

körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der

Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau

Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser

Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer

verursachen.«

Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen

Gebüsche.

Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe

in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht

zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können.

In Begleitung ihrer Kinder trat sie den Rückweg nach dem Schlosse an,

und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und

ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen

Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente

zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin

hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr

zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner

Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska

verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse.

Siebentes Kapitel.

Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen

zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten,

gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich

aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner

die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den

Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe

von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten

Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der

Bote endlich an das Schloßthor klopfte.

»Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend

Millionen Bomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht

wiederkommen.«

-- Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn

ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein

mag, den Sie erwarten. --

Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in

der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten,

indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich

hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das

Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des

Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden

Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich

bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für

ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, und

zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein.

Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren

Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von

ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen

Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer

Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich

wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen

könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren

äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht,

sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der

Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern,

und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch

versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die nöthigen Nachrichten über

den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen.

Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf

Werner, als daß er sich länger hätte halten können.

»Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht

verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht

erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau

Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O,

Herr Bote, wart' er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er

es verdient hat!«

Helene war im Begriff, Werner's Zorn zu besänftigen, als dieser sich

plötzlich besann und fortfuhr:

»Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran

Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich

weiß selbst nicht warum, und empfahl daher dem Boten, mir von der Post

in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch

gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!«

Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den

Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller

Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie

weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben

desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das

seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er

selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem

Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in

Verdacht hatte. --

Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier

und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Schein der Lampe einen Brief

erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien -- -- es war sein

eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals

mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte

Folgendes auf den Umschlag geschrieben:

_Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile

von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen

der Landwirthschaft unterhältst._

Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden,

die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als

einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf

schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck

empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.

Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete,

irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen;

wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber

der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt

gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem

geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft

wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft

getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten

übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten

vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten

sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse

zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des

Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befand sich also

der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und

Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über

alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche

Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an

überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und

Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und

Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die

fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die

Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind,

umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie

aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch

kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder,

und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; er nahm

sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im

Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete.

Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem

offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor,

seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen

auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen

war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu

werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg.

Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man

antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu

werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger

er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer

zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu erlangen. Was

sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht

aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen

hartnäckiger fortsetzen?

Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen · 第 3 / 7 段