Auf's Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die

Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte,

und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und

sagte:

»Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland

verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen

Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer

Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.«

-- Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag

jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig

aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die

Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine

Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir

selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der

mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und

die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben.

--

»Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen?

Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht

Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon

seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit

verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache

Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?«

-- Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an,

um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das

Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt

du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit

sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als

deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich

Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem

Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein

Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute

unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred's Händen, und kann er vor Gott

der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan?

Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der

meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! --

Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr

anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende

Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens,

welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses

zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war

nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das

seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen

schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber

es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte,

ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten.

Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.

Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder

Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er

sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung

vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre

rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von

Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm

eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter,

welchen Lodoiska's Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es

schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von

Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder,

sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte.

»Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne

auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt.

Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?«

-- Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts

mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen,

wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht

darauf nehmen. --

»Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze

gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt

einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an

ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin

gewiß, sie zu erhalten.«

-- Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange

warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt

wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland

zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie

überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und

sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. --

»Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem

noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die

ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du

mir in Alfred's Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld

ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn

du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart

hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als

du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte

Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in

Zukunft von mir erhalten sollst.«

Die seltsamen Worte Lodoiska's machten das Erstaunen des alten Soldaten

vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers,

nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß

trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich

nicht schmeicheln, ihn zu verführen.

»Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben,

und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich

nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu

schreiben, daß Sie hier sind.«

-- Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und

du hast schon versucht, sie auszuführen. --

Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die

eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen,

versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er

wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken

suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort,

und er rief voller Unwillen:

»Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner

augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie,

unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde

Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen?

Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie

sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.«

Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska's ganze

Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte:

»Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen

hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu

rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei

dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige

Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.«

Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer

fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen

Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog.

Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele

müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie

unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle

versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn

Wilhelm aus seiner Träumerei.

»Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke

herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein

Gewitter geben.«

-- Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so

schnell in Erfüllung gehen? -- Er erblickte nun ebenfalls die

heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da

die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen,

so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem

kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück.

Fünftes Kapitel.

Helene, die aus ihrem Fenster das Gewitter hatte herannahen sehen, war

schon in großer Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer Kinder

gewesen, und voller Ungeduld verließ sie daher das Schloß, um ihnen

entgegenzugehen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie schon das

laute Gelächter der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und bald darauf

sahe sie die theuern Wesen auf sich zu laufen. Die Kinder sprachen von

nichts, als von der schönen Dame, und von den Geschenken, die sie ihnen

gemacht hatte. Helene war Mutter, und faßte daher schon ein günstiges

Vorurtheil für diejenige, welche ihren theuern Kindern eine solche

Freude machte; sie erkundigte sich, was die Fremde gesagt habe?

»O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, hat sie nicht lange mit uns

geplaudert, sondern beständig mit Werner gesprochen, den sie zuletzt

voll Zorn verließ.«

Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die

der Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. Er sahe sogleich ein,

daß er Julien nicht widersprechen könne, weil die Oberstin ihm doch

nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß mußte aber gefaßt werden,

und ungeachtet seines Widerwillens gegen die Lüge wartete er nicht ab,

bis Helene ihn fragte, sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen

Wink entfernt hatte, sagte er:

»Ich hatte vollkommen Recht, Frau Oberstin, der Unbekannten nicht zu

trauen. Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt nicht ohne gefährliche

Absichten hier in R.... gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich

mit Fragen über Ihre Familie und alle unsere Nachbarn gleichsam auf die

Folter gespannt. Sie wollte Alles wissen, das Alter, den Rang, die

Beschäftigung eines Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren

Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs suchte ich ihren unverschämten

Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für

besiegt, und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die

andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, so daß ich endlich

der Sache überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen, und rückte

ihr mit gefälltem Bajonet auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige

Niederlage beibrachte. Mein Widerstand setzte sie in solche Bestürzung,

daß sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.«

Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte Rede zwang der Oberstin

ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr nicht so

unverschämt, als Werner sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß

sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, wo sie sich

niedergelassen hatte.

»Ich hoffe, mein lieber Werner, daß deine Antworten nicht beleidigend

gewesen sind; man muß Achtung vor den Damen haben, und vorzüglich darf

ein Soldat dieselbe nicht aus den Augen setzen.«

-- Das ist recht gut für unsere Herren Offiziere, erwiederte Werner;

aber wir, da wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre

Höflichkeiten nachzuahmen. --

Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte

sich der alte Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück,

während das Gewitter immer näher kam, und der Regen schon in großen

Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht das Rollen des Donners, so

wenig als ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in der größten

Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, gleichsam um bei ihr Schutz zu

suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen

ungestört sein konnte, so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet

eines unwillkührlichen Schauders, der sich zu wiederholten Malen in

seinem Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten Male an seinen Herrn

zu schreiben.

Das Gewitter wurde immer heftiger, und die Winde kämpften fürchterlich

mit einander, so daß sie in ihrer Wuth das Schloß in seinen Grundfesten

zu erschüttern drohten. Unter das Rollen des Donners und das Heulen des

Sturmes hörte Werner von Zeit zu Zeit sich gleichsam klagende Stimmen

mischen; ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war.

Mehrere Male hörte er unwillkührlich auf zu schreiben; dann aber, voll

Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder, und zur

Stunde des Abendessens war sein Brief an den Obersten fertig.

Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiska's aussetzen

wollte, schloß er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte diesen in

seinen Kleiderschrank. Von beiden steckte er die Schlüssel zu sich, und

verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein Geheimniß nun in

Sicherheit sei. Das Ungewitter tobte immer noch fort, und Lisette so wie

Marie waren bereits fast todt vor Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf

das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, und Helene las in einem

guten Buche. Werners Eintritt in's Zimmer belebte die beiden Mädchen

wieder, die sich nun entschlossen, jede zu ihren Verrichtungen zu gehen,

und das verspätete Abendessen wurde endlich aufgetragen.

Erst gegen Mitternacht ward der Himmel wieder heiter, und nach und nach

kehrte die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte dem Unwetter heimlich mit

Vergnügen zugesehen, denn er wußte, daß es mehrere Tage lang unmöglich

blieb, spazieren zu gehen, wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß

während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten möchte, wodurch die

neue Bekanntschaft der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben

würde; ja, er schmeichelte sich, daß die Antwort des Obersten auf seinen

Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der

brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, so

befand er sich schon auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und öffnete

den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er ohne

Verzug nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn nach dem

Gefühl, und steckte ihn in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch

dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen,

der ihm als Bote dienen sollte.

Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende

Morgenröthe erhellte bereits die Erde rings umher, als er dem alten

Peter anempfahl, sich sogleich nach der Stadt auf den Weg zu machen, um

einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm

sprach, zog er den Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig einen

Blick darauf, ehe er ihn übergab. O welche Ueberraschung ohne Gleichen!

Das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, so daß es nicht einmal

möglich war, die Aufschrift zu lesen! --

Dieser außerordentliche Umstand preßte dem erstaunten Soldaten

unwillkührlich einen Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen trauen;

unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und

herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er vor sich sehe. Dann

kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, und am

Wenigsten konnte man eine Spur von Blut darin entdecken. Hierauf eilte

er in's Schloß zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den Kasten, in

welchem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich keine Spur von

der Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. Der muthige Werner

starrte vor Schrecken; doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust

schrieb er nun den Brief zum dritten Male. Zwar kürzte er ihn ab, aber

sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er

ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch eine gute Strecke

weit begleitete. --

Werner besaß Muth, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen

abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte

er sich an die Erzählungen, die er in Rußland und vorzüglich in der

Moldau und Wallachei gehört hatte, als er sich daselbst mit seinem

Regiment befand; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel

verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer

Mitmenschen erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm jetzt wieder ein,

und die beiden so eben erst erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu

dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein ähnliches Bündniß sich eben

solche Macht verschafft haben könnte. Doch verwarf er bald diese

Gedanken wieder. »Was für ein Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an

solche Fabeln zu glauben. In der Moldau und Wallachei mag dergleichen

hingehen, es wohnen dort nur Barbaren; aber in Deutschland hat der

Teufel schon lange sein Recht verloren, oder es bloß den Taschenspielern

überlassen; diese arbeiten bei uns noch allein für ihn, und vielleicht

ist Mamsell Lodoiska eine solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie

mag sich in Acht nehmen; denn sie würde übel wegkommen, wenn ich sie

einmal auf der That ertappe.«

Nachdem er hierauf einer Flasche mit altem guten Rum, die auf seinem

Tische stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich noch sein

Muth, und er nahm sich vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu

verdoppeln, um zu entdecken, durch welche Mittel sich Lodoiska's

Wirksamkeit bis in's Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, recht

bald vom Obersten Antwort zu erhalten, ging er dann an seine

gewöhnlichen Geschäfte.

Die Einsamkeit, in welcher die Familie Lobenthal im Schlosse R....

lebte, ging indessen nicht so weit, daß sie nicht von Zeit zu Zeit durch

einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden

Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse abstatteten. Sie wurden stets

mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, und Helene sahe

sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn

sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als früher, und fand sie in dem

Umgange mit den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten nicht auf,

als noch an demselben Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann

aus der Nachbarschaft im Schlosse eintraf, der früher Oberjägermeister

gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ.

Herr von Krauthof war ein großer Esser, ein erprobter Trinker, der seine

ganze Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und dabei weder die

Schlösser der Herrschaften, noch die Häuser der Pächter verschmähte.

Seine Hauptstärke bestand darin, daß er Stunden lang nichts als

Komplimente herzusagen wußte; und nachdem er dieses wichtige Geschäft

auch heute beim Eintritt in's Zimmer Helenens beendigt hatte, kam er

endlich auf einen Gegenstand, der uns hier näher angeht. --

»Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse seiner Rede fort, Sie haben ja

eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig,

obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer

verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr

ich, daß sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe,

deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für Pflicht,

und um ihr eine gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren

beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. Gestern also begab

ich mich nach dem Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter dem Arme,

weil man jetzt nicht mehr dem Wetter, so wenig als den Menschen, trauen

kann. Als ich anlangte, war die Hausthür verschlossen. Ich fand dieß

ganz in der Ordnung, weil ein Jeder in seinem Hause Herr sein will; ich

klopfte daher an, und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten,

als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, das mir den Weg

versperrte. Stellen Sie sich den größten und zugleich den magersten

aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule, und

eine Miene, als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser Welt gewesen

wäre; eine rauhe und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und

einen völlig verpesteten Athem.«

-- Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine

Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. --

»Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein

Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen

läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft,

der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr

vorgelassen werden will. -- Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges

Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde;

aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser

neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.«

-- Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine

Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit,

Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu

suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. --

»So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er

einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor

der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger

hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; allein ich entfernte mich

sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem

festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu

warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den

hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.«

Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor,

sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch

war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf

einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie

aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung

machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein

müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre

gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht

schuldig gemacht haben.

Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so

schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks

beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er,

eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von

Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem

Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt

diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen,

anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann!

Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er

setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen

Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den

Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von

Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ

er das Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe

der Oberstin unerschöpflich war.

»Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt

sie her? -- Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben

aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel

ist!« --

Sechstes Kapitel.

Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen · 第 2 / 7 段