=Sphazelotoxin.= Nach +Jakoby+ und +Freund+ ist, im Gegensatz zu

den Angaben von +Kobert+, im Mutterkorn nur +ein+ giftiger Körper

enthalten, nämlich das +Sphazelotoxin+. Das im freien Zustande leicht

zersetzliche Sphazelotoxin soll im Mutterkorn an Sekalin bezw.

Chrysin gebunden als +Sekalintoxin+ und +Chrysotoxin+ enthalten sein.

In diesen Verbindungen soll es sowohl heftige Uteruskontraktionen

bewirken, als auch Gangrän erzeugen. Nach +Vahlen+ enthält das

Mutterkorn das Klavin.

=Krankheitsbild.= Die Mutterkornvergiftung bietet nach Erscheinungen,

Verlauf und Grad der Intensität sehr verschiedenartige

Krankheitsbilder, welche teils durch die Tiergattung, teils durch

die stärkere oder schwächere Giftigkeit des Mutterkorns, teils durch

die aufgenommene Menge bedingt sind. Am empfindlichsten scheinen

+Rinder+ und +Geflügel+ zu sein. Pferde zeigten nach experimentellen

Untersuchungen auf ½ kg Mutterkorn nur eine vorübergehende

Erkrankung. Ein Schwein starb angeblich erst, nachdem binnen 2

Monaten 11 kg Mutterkorn verfüttert worden waren (+Tessier+).

Hühner und Tauben starben auf 5-15 g, Enten auf 60 g Mutterkorn.

Beim Menschen unterscheidet man je nach dem Verlauf eine +akute+

und eine +chronische+ Mutterkornvergiftung, ferner je nach den

Krankheitserscheinungen einen +gangränösen+ und +spasmodischen+

Ergotismus. Die einzelnen Krankheitserscheinungen bei den Haustieren

sind folgende:

1. +Gastroenteritische Erscheinungen.+ Nach amerikanischen Berichten

(+Salmon+, +Law+) hatte der im Jahre 1884 in verschiedenen Staaten

Nordamerikas unter den Rindern epizootisch auftretende Ergotismus

eine grosse Aehnlichkeit mit dem Krankheitsbilde der Aphthenseuche

(Maulseuche) und Rinderpest. Die wichtigsten diesbezüglichen

Erscheinungen, welche auch sonst bei sporadischen Fällen von

Mutterkornvergiftung beobachtet werden, sind +starkes Speicheln+,

umschriebene +Rötung+, +Blasenbildung+, +Entzündung+, +Erosion+ und

+Gangräneszierung+ der +Maulschleimhaut+, ebensolche Veränderungen

auf der Schleimhaut des +Mastdarms+ und der +Scheide+, ausserdem

+Erbrechen+ (bei Schweinen), +Kolik+ und +Durchfall+.

2. +Gangräneszierung und Mumifikation extremitaler Teile.+ Bei dem in

Nordamerika seuchenartig auftretenden Ergotismus gesellten sich zu

den geschwürigen Prozessen der Digestionsschleimhaut Erscheinungen,

welche eine grosse Aehnlichkeit mit Klauenseuche hatten, so dass die

Vergiftung längere Zeit für eine Invasion der Maul- und Klauenseuche

(Aphthenseuche) gehalten wurde. Die Erscheinungen des „Ergotismus

gangraenosus“, wie diese Form der Mutterkornvergiftung bezeichnet wird,

kommen ausser beim Rind auch beim Schwein und Geflügel vor und bilden

eine besonders charakteristische Affektion. Man beobachtet nämlich

bei längerer Dauer der Vergiftung ein +Absterben (Mumifikation) der

extremitalen Körperteile+, namentlich der +Klauen+, +Phalangal-+,

+Metatarsal-+ und +Metakarpalenden+, der +Ohren+, des +Schwanzes+, der

+Zitzen+, beim Geflügel des +Kammes+, +Kehllappens+, der +Krallen+,

+Zehen+, +Flügel+, der +Zungenspitze+, des +Kehldeckels+ etc. Die

ersten Krankheitserscheinungen bestehen hiebei in +Lahmgehen+ auf

einem oder mehreren Beinen, sowie im Unvermögen der Tiere aufzustehen.

Bei der Untersuchung der Klauen findet man +Rötung+ und +schmerzhafte

Schwellung+ der Haut an der Krone, am Fessel, am Schienbein,

allmähliches +Absterben umschriebener Hautstücke+, +Austrocknung+

und +Mumifikation+ der abgestorbenen Teile, +Einschnürung+ an der

Begrenzungsstelle gegen das gesunde Gewebe und endlich +Ablösung+ der

mumifizierten Gewebe: einer Klaue, des Fessels, des unteren Teiles der

Hinterbeine bis zur Mitte des Schienbeins, der Ohren, der äusseren

Hälfte des Schwanzes.

3. +Erscheinungen von seiten des Uterus.+ Sie bestehen in +Wehen+,

+schmerzhaftem Drängen+, +Abortus+ und +Frühgeburt+, +Uterus-+ und

selbst +Mastdarmvorfall+. Bei ausgedehnter Verbreitung der Vergiftung

kann der Abortus enzootisch und selbst epizootisch auftreten. Zuweilen

ist der Abortus auch mit +Metritis+ kompliziert; ausserdem entwickelt

sich im Anschluss an denselben häufig bleibende +Sterilität+.

4. +Nervöse Störungen.+ Dieselben bestehen in +Eingenommenheit des

Sensoriums+, +Schlafsucht+, +Gefühllosigkeit+, +Lähmungserscheinungen+

(Mutterkorntabes, Polyneuritis toxica), +Pupillenerweiterung+,

+Erblindung+ (Katarakt), sowie in +Krampf der Beugemuskeln+ (Ergotismus

spasmodicus oder convulsivus) mit +Muskelatrophie+.

Die +Krankheitsdauer+ erstreckt sich gewöhnlich über Wochen und Monate.

Die Mortalitätsziffer ist trotz der schweren Krankheitserscheinungen

niedrig.

=Behandlung.= Zunächst muss mit der Verfütterung des mutterkornhaltigen

Getreides, Heus, Brotes ausgesetzt werden. Als chemisches Gegengift

gegen die im Mutterkorn enthaltenen Gifte kann das +Tannin+ versucht

werden. Ausserdem empfiehlt sich die Anwendung gefässerweiternder und

krampfstillender Mittel (+Amylnitrit+, +Morphium+, +Chloralhydrat+).

Die gastroenteritischen Erscheinungen werden symptomatisch, die

abgestorbenen extremitalen Teile nach den Regeln der Chirurgie

(Amputation) behandelt.

=Nachweis.= Der Nachweis des Mutterkorns im Getreide und Heu ist

+botanisch+ leicht zu führen, wenn dasselbe in ausgebildeter Form darin

enthalten ist. Zerkleinertes Mutterkorn kann auf verschiedene Weise

nachgewiesen werden. +Mikroskopisch+ ist das Gewebe des Mutterkorns

charakterisiert durch die langgestreckten, +mit violettem Farbstoff

gefüllten Zellen+ der Bindeschicht. Diese Farbstoffe können auch

+spektroskopisch+ durch Extraktion mit schwefelsäurehaltigem Aether und

das Auftreten zweier Absorptionsstreifen in Grün und Blau festgestellt

werden. Endlich entwickelt sich beim Erwärmen mutterkornhaltiger

Futterstoffe mit Kalilauge ein Geruch nach Heringslake (Trimethylamin).

=Kasuistik.= +Salmon+ (Amerikanischer Veterinärbericht 1884)

berichtet über eine Mutterkorn-Epizootie, welche im Jahre 1884 in

verschiedenen Staaten Nordamerikas (Kansas, Missouri, Illinois, Jova,

Colorado) unter dem Rindviehbestande grosse Verheerungen angerichtet

hatte und anfänglich für Maul- und Klauenseuche gehalten worden war.

Die Aufnahme des Mutterkorns erfolgte durch das Heu, welches teils

aus Elymus virginicus var. submuticus, teils aus Agrostis vulgaris

bestand, und wobei die genannten beiden Pflanzen stark mit Mutterkorn

besetzt waren, so dass 75 Gewichtsteile des Heues 1 Teil Mutterkorn

enthielten. Das Krankheitsbild hatte bald mehr Aehnlichkeit mit

Maulseuche, bald mehr mit Klauenseuche. Die Veränderungen in der

Maulhöhle bestanden in Speicheln, Schnalzen, diffuser Rötung,

dunkelroten Flecken, 1 cm grossen dunkelfarbigen Erosionen, sowie

umschriebener Nekrose der Maulschleimhaut. Auch die Schleimhaut des

Mastdarms und der Scheide zeigten sich höher gerötet, gefleckt und

mit Erosionen besetzt. An den Klauen war Rötung, Schwellung und

Schmerzhaftigkeit der Haut zu konstatieren, wobei die Tiere von

vornherein lahmten. Später starben umschriebene Hautstücke, einzelne

Klauen, sowie zuweilen die Fussenden an sämtlichen Extremitäten

bis zum Fessel und selbst bis zur Mitte des Schienbeins brandig

ab, worauf sich die abgestorbenen Teile meist in der Nähe eines

Gelenks unter Bildung einer ringförmigen Einschnürung abstiessen.

Auch die Ohren und die Schwanzspitze zeigten Mumifikation. Ausserdem

wurde epizootischer Abortus beobachtet. -- +Law+ (Americ. vet.

rev. 1884) beschreibt dieselbe Mutterkorn-Epizootie in Kansas. Es

erkrankten fast nur Rinder, während Pferde, Schafe und Schweine fast

ausnahmslos gesund blieben. Die Krankheit wurde anfangs wegen des

gleichzeitigen Auftretens von Blasen im Maul und von Lahmheit für

Aphthenseuche gehalten und hatte ausserdem eine gewisse Aehnlichkeit

mit der Rinderpest. Die erkrankten Tiere zeigten starkes Speicheln

und unterdrückte Futteraufnahme. Auf der Maulschleimhaut zeigten

sich rinderpestartige Erosionen. Daneben bestand Verstopfung,

Tympanitis und profuse Diarrhöe. Später beobachtete man auch

nervöse Störungen: Schwindel, unsteten Blick, schwankenden Gang,

Pupillenerweiterung, Mattigkeit, Schlafsucht, abwechselnd mit

Aufregung und Hyperästhesie; einige Tiere starben auch unter

diesen Erscheinungen innerhalb 1-2 Tage. Weiterhin wurde vielfach

Abortus beobachtet. Die schwersten Veränderungen zeigten sich an

den Fussenden. Die Tiere lahmten zunächst; ausserdem war Rötung und

schmerzhafte Schwellung der Haut im Klauenspalt, an der Krone und

am Fessel bis hinauf zur Mitte des Schienbeins wahrzunehmen. Die

geschwollenen Teile zeigten später die Erscheinung des Absterbens:

Eintrocknen, Rissigwerden, Unempfindlichkeit, livide Verfärbung,

demarkierende Eiterung und Nekrose und wurden bis zum Fesselgelenk

brandig abgestossen. Dieselben Veränderungen zeigten sich an den

Schwänzen, Ohren und Zitzen. -- +Kowalewski+ (Russ. Archiv für

Veterinärmedizin 1884) sah bei 20 Rindern gangränösen Ergotismus

nach der Verfütterung von Roggen, welcher ⅕ Mutterkorn enthielt. In

den ersten 4 Wochen zeigten die Tiere Lahmheit und Entzündung der

unteren Fussenden; im Verlaufe weiterer 4 Wochen trat Absterben der

Fussenden und Schweifspitzen ein. Die lokalen Veränderungen bestanden

in schmerzhafter, heisser Schwellung der Kronenhaut, weisslicher

Verfärbung derselben, Eitersekretion und Schorfbildung; im Anschluss

hieran zeigte sich Nekrose der Haut, Sehnen, Bänder und Knochen bis

zum Krongelenk mit Abfallen dieser Teile. Ausser starker Abmagerung

waren Appetit und Allgemeinbefinden nicht gestört. -- +Armbruster+

(Badische Mitteil. 1877) beobachtete bei 6 Mutterschweinen und einem

Zuchteber Erscheinungen der Mutterkornvergiftung. Die Tiere zeigten

Erbrechen, Würgen, Zittern, Zuckungen an den Beinen, Schwäche und

Lähmung des Hinterteils. Bei einem derselben blieben Schwäche im

Hinterteil, Eingenommenheit des Sensoriums und dauernde Erblindung

zurück. Ein Schwein starb. -- +Magnus+ (Preuss. Mitt. Bd. 16) sah

mehrere Kühe nach der Aufnahme von Mutterkorn abortieren. Einige

zeigten ferner Wehen und Gebärmuttervorfall. Bei 2 Pferden und 5

Schweinen wurde ausserdem Mastdarmvorfall beobachtet. -- +Kolb+

(Preuss. Mitt. N. F. Bd. 1) fand bei einem trächtigen Schwein als

Erscheinungen der Mutterkornvergiftung Kolik, Erbrechen, Wehen,

Abortus, Gebärmutterentzündung und Schwächezustände. -- +Decoste+

(Recueil 1848) sah bei einer Kuh, welche mehrere Wochen hindurch

mit mutterkornhaltigem Weizen gefüttert wurde, Mumifikation des

linken Vorderbeins bis zur Vorderfusswurzel, sowie Absterben der

Klauen und Fussenden; dabei war die Futteraufnahme nicht alteriert.

Auch Hühner und Enten zeigten nach 2-3 Wochen Mumifikation

der Zehen, des Schnabels und des Kamms. -- +Goldstein+ (Berl.

tierärztl. Wochenschrift 1894 S. 196) beschreibt 2 Fälle von

Mutterkornvergiftung, welche sich bei den Kühen eines Müllers nach

der Verfütterung von Abfallkorn zeigten, das stark mit Mutterkorn

durchsetzt war. Die Erscheinungen bestanden in Gangrän der Haut an

den Hinterbeinen, am Schwanz und am Euter, Lockerung des Hornschuhs,

sowie brandigem Absterben des Unterschenkels, der Ohren und des

Schwanzes mit Abfallen derselben. Auffallend war das muntere Benehmen

der Tiere trotz der schweren Erkrankung, sowie der Umstand, dass

eine der kranken Kühe ein lebendes, ausgetragenes Kalb zur Welt

brachte. -- +Reisinger+ (Veterinarius 1896) sah bei 4 Pferden nach

Verfütterung von stark mutterkornhaltigem Roggen heftige Kolik,

hohe Pulsfrequenz (80 P.), Muskelzittern und Hufentzündung. -- Nach

+Robin+ (Recueil 1899) verlor eine mit mutterkornhaltigem Roggen

gefütterte Kuh durch brandiges Absterben die Ohren, einen Teil des

Flozmauls, über die Hälfte des Schwanzes, sowie die Phalangen vorn

rechts und hinten linke; ausserdem trat Durchfall und Abmagerung ein.

=Experimentelles.= +Grünfeld+ (Beiträge zur Kenntnis der

Mutterkornvergiftung, Arbeiten des pharmakologischen Institutes zu

Dorpat 1892, Bd. 8, und Zur Kenntnis der Sphalezinsäurewirkung,

Arbeiten des pharmakologischen Institutes zu Dorpat 1895, Bd.

12) hat die Wirkung des Mutterkornes bei Hähnen und Ferkeln

untersucht. Die häufigste Erscheinung bei +Hähnen+ bestand zuerst

in Dunkelviolett-, dann in Schwarzwerden des Kammes und der

Bartlappen. Sobald die Giftdarreichung fortdauerte, blieben die

Kammspitzen schwarz und trockneten ein (Gangrän). Bei der Erkrankung

des Kammes und der Bartlappen fanden sich Thromben, mit hyalinen

Massen gefüllt, sowie hyaline Degeneration der Gefässwand. Die

Zungenspitze zeigte öfters den gleichen Befund. Später stellten sich

Appetitlosigkeit und grosser Schwächezustand ein; Erbrechen und

Speichelfluss gingen dem Tode voran. Die Obduktion bot das Bild eines

hochgradigen follikulären Katarrhes der Schleimhaut des Schlundes,

Kropfes und Mageneinganges; der Kropf selbst wies zahlreiche

charakteristische nekrotische Geschwüre auf. In der Darmschleimhaut

liessen sich Blutextravasate in Menge erkennen; die Lebergefässe

waren verbreitert, stark gefüllt und mit eigenartigen, als Amyloid

anzusprechenden Klumpen gefüllt. Bei +Ferkeln+ war eine anfangs

dunkelbraune, dann schwarze Verfärbung der Ohrmuscheln zu beobachten;

dieselben trockneten ein und liessen sich ohne Blutung abziehen oder

fielen von selbst ab. Das +mikroskopische+ Bild im ersten Stadium der

Mutterkornvergiftung bei Hähnen lässt starke Dilatation und Füllung

der Gefässe erkennen, die mit einer dunkelbraunen Masse gefüllt sind.

Das Lumen der Gefässe ist mit Thromben angefüllt. Im zweiten Stadium

ist die Dilatation und Füllung der Gefässe bis fast in die kleinsten

kapillären Verzweigungen zu konstatieren. Das dritte Stadium des

Mutterkornbrandes lässt schon mit blossem Auge in peripherer Richtung

drei Zonen erkennen. Die eine (Basis des Kammes) hat eine schwach

violette Farbe; die nächste zeigt mehr gelbbraune Nuance; die letzte

(Spitze des Kammes) ist dunkelviolett und selbst schwarz gefärbt.

Unter dem Mikroskop erweist sich diese als vollkommen abgestorbene

Partie. Der mittlere Teil bildet eine hyalin degenerierte Masse, in

welcher nur selten mehr gut erhaltene Zellen und Blutkörperchen zu

sehen sind. In der Basis des Kammes begegnet man spärlich hyalinen

Massen; sie weist stellenweise noch normale Struktur auf. Die

hinterste mumifizierte Partie des Kammes stellt das vierte oder

Endstadium des Mutterkornbrandes dar; vom epithelialen Ueberzug ist

so gut wie nichts mehr vorhanden. Im papillären Gewebe sind an vielen

Stellen frei im Bindegewebe hyaline Klumpen zu erkennen. Vom Inhalt

und der Wandung der einzelnen Kapillaren ist nichts mehr zu erkennen.

-- +Albrecht+ (Münchener Jahresber. 1894/95) stellte durch Versuche

bei kleinen trächtigen Wiederkäuern fest, dass nach Mutterkorngaben,

welche das Doppelte der therapeutischen Dosis betragen, besondere

Wirkungen nicht eintreten. Auf das 4-5fache der therapeutischen Dosis

erkrankten die Versuchstiere nur vorübergehend (Auftreibung, Versagen

des Futters, Traurigkeit, Muskelzittern). +Abortus trat nicht ein.+

Vergiftung durch Schimmelpilze.

=Botanisches.= Die Schimmelpilze (Mukorineen) geben dadurch, dass

sie auf den verschiedenartigsten Futterpflanzen parasitieren, sehr

häufig Veranlassung zu Vergiftungen bei den Haustieren. Die einzelnen

pathogenen Arten sind folgende:

1. +Mucor+, der +Blasenschimmel+, mit den Unterarten Mucor Mucedo

(gemeiner Kopfschimmel), Mucor racemosus, Mucor stolonifer und Mucor

Phycomyces.

2. +Aspergillus+, der +Kolbenschimmel+, mit der Vergiftungen

erzeugenden Unterart Aspergillus glaucus; (A. fumigatus, niger und

flavus sind nur insofern pathogen, als sie sich zuweilen im Innern

des Tierkörpers, z. B. in der Lunge, ansiedeln; sog. Pneumomykosis).

3. +Penicillium glaucum+, der +Pinselschimmel+, ein sehr

verbreiteter, namentlich auf Brot parasitierender Schimmelpilz.

4. +Oidium lactis+, der +Milcheischimmel+, als schimmelartiger Anflug

auf saurer Milch vorkommend.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Vergiftungen durch Schimmelpilze

kommen am häufigsten bei Pferden, ausserdem bei Rindern und

Schafen vor. Sie ereignen sich durch die Aufnahme verschimmelter

Futterstoffe: Hafer (sog. multeriger Hafer), Stroh, Heu, Häcksel,

Kleeheu, Brot, Mehl, Lupinen, Rapskuchen, Leinkuchen und sonstige

Oelkuchen, Rüben, Schlempe, Obst, Kürbisse. Während erfahrungsgemäss

verschimmelte Futterstoffe von vielen Tieren längere Zeit ohne

Schaden aufgenommen werden können und in Uebereinstimmung mit dieser

Erfahrung Fütterungsversuche mit verschimmelten Futterstoffen unter

Umständen negativ ausfallen, bedingen bei anderen Tieren Schimmelpilze

oft eine schwere, unter den Erscheinungen der +Gastroenteritis+

oder einer charakteristischen Affektion der +Nervenzentren+

verlaufende Vergiftung. Die genaueren Vorgänge bei der Giftwirkung

der Schimmelpilze sind nicht bekannt. Wahrscheinlich handelt es

sich um ein Toxin von scharf narkotischer Wirkung, welches von den

Schimmelpilzen auf den genannten Futterstoffen erzeugt wird. +Leber+

hat in Kulturen von Aspergillus fumigatus und Penicillium glaucum

ähnliche entzündungserregende Toxine nachgewiesen, wie das von ihm in

den Kulturen der Eiterbakterien (Staphylokokken und Streptokokken)

gefundene +Phlogosin+. Je nach der Menge und Beschaffenheit dieses

Toxins, je nach dem Zustand der Magen- und Darmschleimhaut (gesund und

krank), sowie je nach der individuellen Prädisposition (Immunität!)

sind die Erscheinungen der Schimmelpilzvergiftung verschieden.

Eine physikalische Einwirkung der Schimmelpilze auf den Körper

(Einwanderung von Pilzen in die Blutbahn) ist nicht anzunehmen.

Die wichtigsten Krankheitserscheinungen des +polymorphen+,

ungleichartigen Vergiftungsbildes sind in vielen Fällen folgende:

+Appetitlosigkeit+, +Kolik+, +Tympanitis+, +Verstopfung+, +Durchfall+,

+blutiger, schleimiger, oft sehr übelriechender Kot+; ausserdem

wurden Speicheln, Schlingbeschwerden, Aufstossen und Erbrechen (bei

Pferden), sowie ikterische Erscheinungen beobachtet. In anderen

Fällen beobachtet man, namentlich bei Pferden, nach der Verfütterung

von schimmligem multrigem Hafer eine hochgradige und anhaltende

+Polyurie+ (sog. Lauterstall); auch Erscheinungen der Nephritis und

Zystitis sind konstatiert worden. Nicht selten äussern sich ferner

die Schimmelpilzvergiftungen in +Schwindel+, +Schwanken+, +Taumeln+,

+Betäubung+, +dummkollerartigem Benehmen+, +Gefühllosigkeit+,

+Apathie+, +Lähmung der Gliedmassen+, +des Hinterteils+, +der Zunge+,

+Blase+, +der Ohren+, +der Retina+ (+Amaurosis+), +Umfallen+, sowie

+allgemeiner Körperlähmung+. Zuweilen werden jedoch auch zerebrale

Erregungserscheinungen beobachtet: Vorwärtsdrängen, Brüllen,

Bohren in die Wand, Zittern, Konvulsionen und selbst epileptiforme

Krampfanfälle. Ausserdem findet man starken +Schweissausbruch+,

unfühlbaren, sehr frequenten Puls, starke Injektion und rotbraune

Verfärbung der Konjunktiva, sowie rasch zunehmende Abmagerung. Diese

Verschiedenartigkeit des Krankheitsbildes lässt sich vielleicht in der

Weise erklären, dass die Schimmelpilze je nach den wechselnden äusseren

Verhältnissen (Temperatur, Nährboden, Alter und Entwicklungsstadium

des Pilzes) chemisch und physiologisch verschiedenartige giftige

Stoffwechselprodukte liefern. Der +Verlauf+ ist oft sehr akut, so

dass der Tod schon innerhalb 12-24 Stunden eintritt; in anderen

Fällen dauert die Krankheit mehrere Tage. Auch Nachkrankheiten, wie

Erblindung, lähmungsartige Schwäche, sowie angeblich auch Dämpfigkeit

(Lungenemphysem) können zurückbleiben.

Die +Sektion+ ergibt umschriebene oder ausgebreitete

Schwellung, +Entzündung+, +Ekchymosierung+ und +Erosion+ der

+Magendarmschleimhaut+, Ansammlung von +Serum+ in den +Hirnventrikeln+

und im +Arachnoidealsack+, +Hyperämie+ und +ödematöse Durchtränkung+

des +Gehirns+ und +Rückenmarks+, blutige Flüssigkeit in der

Bauchhöhle, sowie zuweilen die Erscheinungen der Nephritis, Zystitis,

Peritonitis und akuten gelben Leberatrophie. In anderen Fällen ist der

Sektionsbefund +negativ+.

=Behandlung.= Die Therapie der Schimmelpilzvergiftung besteht neben

dem Aussetzen der betreffenden Fütterung in der Verabreichung von

+Abführmitteln+. Wegen seiner gleichzeitig desinfizierenden Wirkung

gibt man bei Pferden besonders +Kalomel+. Ausserdem empfiehlt sich die

Verabreichung gärungswidriger Arzneimittel (+Kreolin+). Als chemisches

Antidot kann +Tannin+, +Tannoform+ und +Jod+ (Lugolsche Lösung)

versucht werden. Im übrigen ist die Behandlung eine +symptomatische+;

die Erscheinungen der Magendarmentzündung werden mit einhüllenden und

beruhigenden Mitteln (Leinsamenschleim mit Opium), die zerebralen

Lähmungserscheinungen mit +Exzitantien+ behandelt (Kampfer, Aether,

kohlensaures Ammonium, Veratrin).

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 43 / 50 段