=Botanisches.= Der +Buchweizen+, +Polygonum Fagopyrum+ (Fagopyrum

esculentum, Heidekorn, Heidegrütze) ist eine ursprünglich aus

dem Orient stammende einjährige, krautartige Polygonazee mit

endständiger, doldentraubiger Blüte und glänzenden, grauen, oft braun

marmorierten, scharfkantigen, 5-6 mm grossen Früchten. Der Buchweizen

ist eine häufig kultivierte Futterpflanze (Polygonum Persicaria wird

seltener angebaut), welche unter gewissen Umständen Vergiftungen

bei Schafen und Schweinen, seltener bei Ziegen, Rindern und Pferden

bedingt, und zwar sowohl im grünen, namentlich im blühenden Zustand,

als auch in Form des Strohs, der Stoppeln, des Spreus, Kaffs und

der Körner. Als Ursachen der Giftwirkung wurden =Befallungspilze=

angenommen. Nach +Koefeld+ soll der Buchweizen einen roten Stoff, das

+Fluorophyll+ enthalten, der die Ursache des Hautausschlags sein soll

(„biologischer Sensibilator“). Nach +Oemke+ lässt sich der Giftstoff

durch Alkohol ausziehen (vergl. unten). Vergiftungen ereigneten sich

insbesondere bei gleichzeitiger +Einwirkung+ des +Sonnenlichts+ und

bei +weissen+ oder weissscheckigen Tieren während des Weidegangs,

viel seltener bei Stallfütterung und bei bewölktem Himmel; schwarze

oder schwarz angestrichene Tiere erkrankten nicht. In den letzten 20

Jahren sind Vergiftungen durch Buchweizen nur selten vorgekommen,

vielleicht deshalb, weil die Körner nur noch ausnahmsweise an Tiere

verfüttert, sondern meist zu Gries und Grütze verarbeitet werden.

(Genaueres über das Vorkommen des Fagopyrismus findet sich in der

Speziellen Pathol. und Therapie von +Friedberger+ und +mir+, 1908, 7.

Aufl.).

=Krankheitsbild.= Der giftige Buchweizen enthält einen

+scharf-narkotischen+ Stoff, welcher auf Haut und Schleimhäute

eine +entzündungserregende+, innerlich auf das Zentralnervensystem

eine +krampferregende+ und +betäubende+ Wirkung ausübt. Die

Vergiftungserscheinungen bestehen hauptsächlich in einer

+Hautentzündung+ am +Kopf+, sowie an den weissen Körperstellen.

Die Haut ist +höher gerötet+ und +geschwollen+, gleichzeitig

besteht starker +Juckreiz+. In höheren Graden zeigt die Haut die

Erscheinungen einer +vesikulären+, +bullösen+, +phlegmonösen+ und

selbst +gangräneszierenden Dermatitis+ (Kopfrose, Blatterrose der

Schafe). Aehnliche Erscheinungen treten auch an den Kopfschleimhäuten

auf (+Konjunktivitis+, +Laryngitis+, +Stomatitis+, +Bronchitis+).

Wahrscheinlich handelt es sich bei der Entzündung der Haut und

Schleimhäute um die Ausscheidung eines scharfen Stoffes aus dem Blute

(+toxisches Exanthem+). Dabei zeigen die Tiere oft starke +Aufregung+

und +Unruhe+, zuweilen sogar +tobsuchtartige Zufälle+.

In vielen Fällen beschränkt sich die Vergiftung auf die beschriebene

Hautaffektion; sog. +Buchweizenausschlag+, +Fagopyrismus+. In

anderen Fällen beobachtet man auch zerebrale Erregungs- und

Lähmungserscheinungen, welche sich in +Krämpfen+, +Drehbewegungen+,

+Betäubung+, +Schwindel+ und +psychischer Benommenheit+ äussern. Diese

letzteren Symptome können zusammen mit der Entzündung der Haut oder für

sich allein auftreten. Vereinzelt kommen ferner +gastroenteritische

Zufälle+, sowie Erscheinungen der +Blasenreizung+ (Zystitis,

Strangurie) zur Beobachtung.

=Behandlung.= Prophylaktisch empfiehlt sich +Stallfütterung+ und

Vermeidung des Weidegangs im Sonnenschein. Kranke Tiere bleiben

ebenfalls im Stall und werden äusserlich mit +entzündungswidrigen

Mitteln+ (Bleiwasser), innerlich mit Abführmitteln behandelt.

=Kasuistik.= Nach +Klein+ (Berl. Arch. 1890) traten bei einer

Schafherde nach dem Beweiden eines schlecht entwickelten

Buchweizenfeldes Rötung und schmerzhafte Schwellung der Gesichts-

und Kopfhaut, pustulöse Ekzeme der Lippen, starkes Juckgefühl,

Entzündung der Konjunktivalschleimhaut, hochgradige Gehirndepression,

Taumeln, Zuckungen und Zusammenbrechen auf; nach drei Stunden

hatte sich bei den Tieren die Fresslust wieder eingestellt,

und nach Ablauf von 5 Tagen waren alle wieder hergestellt. --

+Richter+ (Preuss. Mitt. 1871) beobachtete bei Schweinen, welche

mit grossen Mengen von Buchweizen gefüttert wurden, unterdrückte

Futteraufnahme, trockenen Kot, Harnzwang, Fieber, Atmungsbeschwerden

und Krämpfe; bei der Sektion der gefallenen Tiere fand man Entzündung

der Magendarmschleimhaut, heftige Entzündung des Blasenhalses,

vereinzelt selbst Blasenrupturen, endlich starke Lungen- und

Gehirnhyperämie. -- +Rabe+ u. a. (Preuss. Mitt. Bd. 16 und N. F. Bd.

17) konstatierten bei Pferden und Schweinen epileptiforme Anfälle

und Schwindelerscheinungen ohne entzündliche Veränderungen der

Haut. -- +Popow+ (Petersburger Arch. f. Veterinärmedizin 1888) sah

junge weisse Schweine nach der Verfütterung von Buchweizenkleie

erkranken. Die schwarzen, bunten und roten Schweine blieben dagegen

gesund. Die Vergiftungen ereigneten sich nur im Frühling und Sommer

an warmen, sonnigen Tagen. Die Krankheitserscheinungen bestanden in

beschleunigtem Atmen, Unruhe, Schreien, Schäumen, Drehbewegungen,

andauernden krankhaften Zuckungen der Extremitäten und Lippen,

Umfallen, Gefühllosigkeit. Nach den Anfällen zeigten die Tiere grosse

Mattigkeit und schwankenden Gang, erholten sich aber bis zum nächsten

Tage. -- +Koschel+ (Berl. Arch. 1892), beobachtete bei Schweinen nach

der Fütterung mit Schalen der Heidegrütze Lähmung des Hinterteils

und Tod. -- +Oemke+ (Z. f. Physiol. 1909) konnte an weissen Mäusen

und Meerschweinchen durch Verfütterung von Buchweizen bei Belichtung

mit Sonnenschein die gleichen Hautaffektionen usw. hervorrufen, wie

sie bei Schafen vorkommen. Die blosse Verfütterung von Buchweizen an

weisse Mäuse und weisse Kaninchen genügt, um bei diesen Tieren den

Tod unter Lähmungserscheinungen hervorzurufen, wenn sie im diffusen

Tageslicht gehalten werden. Der Kern und die Schale sind gleich

giftig. Durch Alkohol extrahierter Buchweizen war ungiftig. Dagegen

wirkte der aus dem alkoholischen Extrakt durch Abdampfen gewonnene

Rückstand bei belichteten weissen Mäusen nach Einverleibung in den

Magen tödlich.

=Maisvergiftung.= Beim Menschen verläuft die unter dem Namen

+Maidismus+ oder +Pellagra+ (Lombardei) bekannte Maisvergiftung

chronisch unter den Erscheinungen des Ekzems (Dermatitis), der

Gastroenteritis, sowie von Delirien, Tobsucht, Blödsinn und spinaler

Lähmung. Die Ursachen sind nicht bekannt (Aspergillose? Bacillus

maidis? Pellagrocein?). Nach +Ceni+ und +Besta+ (Zentralbl. f.

allg. Pathol. 1902) soll es sich um eine Schimmelpilzvergiftung

(Aspergillosis), speziell um Toxine von Aspergillus fumigatus und

flavescens handeln. Der Maidismus des Menschen hat Aehnlichkeit

mit dem Fagopyrismus der Tiere (vergl. S. 323). Die tierärztliche

Literatur enthält ferner einen dem Maidismus des Menschen analogen

Vergiftungsfall bei Rindern. Nach der ausschliesslichen und

reichlichen Verfütterung von +Maisschlempe+ trat bei 12 Kühen

und 13 Kälbern eine +der Schlempemauke ähnliche+, aber heftiger

verlaufende Krankheit auf, welche den Eindruck einer dem Pellagra

des Menschen verwandten Intoxikation machte. Die Tiere lahmten,

zeigten starke Anschwellungen der Klauen-, Fessel- und Sprunggelenke,

starke Rötung der Haut und der sichtbaren Schleimhäute, Dyspnoe,

sowie stieren Blick; hochträchtige Kühe abortierten und gingen

sehr schnell zugrunde; die ausgetragenen Kälber starben nach

2-3 Tagen. Die Sektion ergab multiple Arthritis und jauchige

Metritis. Auch ein Pferd erkrankte unter ähnlichen Erscheinungen;

dasselbe zeigte ausserdem Anschwellungen am Kopf, Hals und an den

Seitenbrustwandungen.

Vergiftung durch Wachtelweizen, Melampyrum.

=Botanisches.= +Melampyrum pratense+, +silvaticum+, +nemorosum+ und

+commutatum+ (Wachtelweizen, Kuhweizen) sind Futterarten aus der

Familie der Skrophulariazeen, welche für gewöhnlich ohne Schaden

verfüttert werden. Melampyrum pratense ist ein 1jähriges Kraut mit

gegenständigen Blättern, kegelförmigen Blütenähren, purpurnen Blüten

mit röhrigglockigem Kelch, sowie sehr harten, glatten, Weizenkörnern

ähnlichen Samen. Aehnlich wirkt +Rhinanthus+ (Alectorolophus), der

sog. Klappertopf. Die Samen der genannten Melampyrumarten enthalten

das scharf narkotisch wirkende Glykosid =Rhinanthin=, welches auch in

anderen Skrophulariazeen enthalten sein soll.

=Wirkung.= Die Vergiftungserscheinungen bestehen in +Darmentzündung+

und +Lähmung+. Da das Rhinanthin in den übrigen Teilen der Pflanze

nicht vorkommt, sind nur die Samen giftig, während die Pflanze

selbst ohne Schaden verfüttert werden kann. Eine Vergiftung durch

Wachtelweizen (Samen von Melampyrum silvaticum) ist von +Czako+

(Ungarischer Veterinärbericht 1886/87) bei einem Schafbock beobachtet

worden; durch die Sektion wurde Hyperämie der Darmschleimhaut,

des Gehirns und der Gehirnhäute konstatiert. Angestellte

Fütterungsversuche mit den Samen an Kaninchen ergaben als wichtigste

Vergiftungserscheinungen +Schläfrigkeit+ und hochgradige +Abstumpfung+;

bei der Sektion wurde ebenfalls +Hyperämie+ des +Darmes+ und +Gehirns+

vorgefunden. +Mesnard+ (Recueil 1894) sah bei einer Stute, die mit

dem Hafer viel Wachtelweizen erhielt, Kolik, Schwäche im Hinterteil,

Abgeschlagenheit, Herzklopfen, schwachen, kaum fühlbaren Puls,

Schwindel, blutigen Harn und schnellen Tod; bei der Sektion wurden

Darmentzündung, sowie Hyperämie und Hämorrhagien im Gehirn festgestellt.

Vergiftung durch Baumwollsaatkuchen.

=Allgemeines.= Die als Futtersurrogat eingeführten amerikanischen

Baumwollsaatkuchen (+Gossypium herbaceum+, Malvazee) bedingen

zuweilen, namentlich bei jüngeren Tieren charakteristische

Vergiftungserscheinungen. Auf diese Vergiftung ist zum erstenmal

im Jahre 1863 in England aufmerksam gemacht worden. Später haben

Gautier, Gips, Esser, Bongartz, Tietze u. a. die Krankheit genauer

untersucht und beschrieben. Die Ursache der Vergiftung ist mit

Sicherheit noch nicht festgestellt, sie scheint aber in einem

+scharf+ wirkenden +chemischen+ Körper gesucht werden zu müssen,

welcher nach Cornevin im Samenkern, nach andern in der braunen

+Samenschale+ enthalten ist. Die vollständigen abgeschälten

Baumwollsamen sollen nach den in Aegypten gemachten Beobachtungen

ungiftig sein, desgleichen das Baumwollsamenöl. Nach Peddi soll das

Toxin der Baumwollsamen mit dem +Muskarin+ verwandt sein. In der

Anwesenheit von Befallungspilzen (Schimmelpilzen) oder Spaltpilzen

ist die Ursache der Vergiftung wahrscheinlich nicht zu suchen.

Erfahrungsgemäss wirken Saatkuchen von bestem Aussehen und ohne

besonderen Geruch giftig.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Krankheitserscheinungen

sind im wesentlichen die einer +hämorrhagischen Gastroenteritis+

und +Nephritis+. Die Tiere -- meistens erkranken jüngere Tiere,

Kälber und Lämmer -- zeigen +Verdauungsstörungen+, +Tympanitis+,

+Verstopfung+, +Durchfall+, +blutigen Kot+, sowie die Symptome der

Nieren- und Blasenreizung: +Hämaturie+, +Harndrang+, +Albuminurie+ und

+Blasenlähmung+. Ausserdem findet man +Muskelschwäche+, +Schwanken+,

+Schlafsucht+, +Lähmungserscheinungen+ und Abortus. In Amerika hat

man ferner schwere, oft zu Erblindung führende Augenerkrankungen

(+Hornhautgeschwüre+ infolge von Trigeminuslähmung) bei Rindern

beobachtet. Vereinzelt ist auch über das Auftreten von Ikterus

berichtet worden. Der Krankheitsverlauf ist zuweilen sehr akut, indem

der Tod schon nach wenigen Stunden eintreten kann. Meist beträgt

jedoch die Krankheitsdauer einige Tage. Bei fortgesetzter Verfütterung

kleinerer Mengen der giftigen Saatkuchen entsteht das Bild einer

+chronischen+, mehrere Wochen andauernden Vergiftung, welche sich in

Durchfällen, Abmagerung, zunehmender Mattigkeit, Kachexie, Hydrämie und

Auftreten von Katarrhen im Respirationsapparat äussert. Die +Sektion+

ergibt bei akutem Verlaufe der Krankheit das Vorhandensein einer

hämorrhagischen Gastritis, Enteritis und Nephritis neben Schwellung der

Leber und Flüssigkeitsansammlung in den Körperhöhlen. Bei chronischem

Verlauf findet man allgemeine Abmagerung, wassersüchtige Zustände

(Hydrothorax, Aszites, Anasarka), sowie parenchymatöse Nephritis.

=Behandlung.= Neben dem Aussetzen der Fütterung mit Baumwollsamenkuchen

empfiehlt sich die Verabreichung von abführenden und einhüllenden

Mitteln, namentlich von +Rizinusöl+ (Kälbern und Schafen 50-100,0,

Lämmern 10-25,0) in Verbindung mit Leinsamenschleim als Emulsion.

Den blutigen Durchfall behandelt man mit Tannin oder Opium, die

Nieren- und Blasenentzündung mit Kali chloricum, die Schwäche und

Lähmungserscheinungen mit Exzitantien.

=Kasuistik.= Eine ausführliche Beschreibung der Vergiftung hat zuerst

+Gautier+ (Deutsche Zeitschrift für Tiermedizin 1886) geliefert,

welcher mehrere Massenerkrankungen bei Kälbern beobachtete und auch

Fütterungsversuche anstellte. Zwei 10 Wochen alte Kälber erhielten

täglich je ein Pfund guten, unverdorbenen Baumwollsamenkuchen. Am

7. Tag traten die ersten Krankheitserscheinungen auf, am 11. Tag

zeigte sich Durchfall, am 16. Tag Blutharnen. Das eine Kalb starb am

28. Tag, das andere Kalb zeigte nach dem mehrtägigen Aussetzen der

Fütterung Besserung, bei der jedesmaligen Wiederaufnahme derselben

jedoch wieder von neuem Durchfall, Hämaturie, Hämoglobinurie,

Albuminurie, Taumeln, Mattigkeit. -- +Gips+ (Berliner Archiv

1886) beobachtete eine tödliche Erkrankung bei 3 Bullen, welche

täglich ⅓ Pfund Baumwollsamenkuchen erhielten. Bei der Sektion

fand man die Darmschleimhaut geschwollen, den Darminhalt blutig,

in der Bauchhöhle eine braun gefärbte Flüssigkeit, die Leber und

Nieren stark vergrössert und erweicht, in der Harnblase blutigen

Urin, in der Brusthöhle und im Herzbeutel blutige Flüssigkeit, in

den Bronchien blutigen Schaum, das Myokardium wie gekocht, unter

dem Epikardium und Endokardium Hämorrhagien. -- +Esser+ (ibidem)

sah 300 Lämmer, welche täglich je 250 g Baumwollsamenmehl als

Beifutter erhielten, nach wenigen Tagen unter den Erscheinungen von

Tympanitis und blutigen Durchfällen erkranken und nach 2 bis 3tägiger

Krankheitsdauer zu einem Drittel sterben. Bei der Sektion fand man

eine akute Gastroenteritis. -- +Schwanefeldt+ beobachtete bei Lämmern

als Hauptsymptom der Erkrankung allgemeinen Ikterus. -- +Bongartz+

(Berliner Archiv 1888) konstatierte bei Schafen als wesentlichste

Krankheitserscheinung nach der Verfütterung von Baumwollsaatmehl

die Ausbildung eines akuten Nierenleidens (Harnbeschwerden,

schmerzhaftes Drängen, Blasenlähmung, unfreiwilligen Harnabgang). Bei

der Sektion fand er die Nieren um mehr als die Hälfte vergrössert,

die Nierenkapsel von stecknadelkopf- bis erbsengrossen Blutungen

durchsetzt, in einem Falle ausserdem ein gänseeigrosses Blutkoagulum

in der Umgebung der Nierenkapsel, die Marksubstanz graugelb verfärbt,

die geraden Harnkanälchen, die Schleimhaut des Nierenbeckens,

der Harnleiter und der Harnblase geschwollen und die letztere

stellenweise fleckig und streifig gerötet. Der Harn enthielt Spuren

von Eiweiss. -- +Tietze+ (Hamburg. Mitt. 1893) fand bei mehreren 9

bis 12 Monate alten Rindern nach der täglichen Verfütterung von 3

Litern Baumwollsaatmehl allgemeine Abgeschlagenheit, Muskelschwäche,

Appetitmangel, unterdrücktes Wiederkauen sowie Harndrang; bei der

Sektion waren ausser Veränderungen an den Nieren im wesentlichen

nur Stauungserscheinungen nachzuweisen. -- +Meyers+ (Journ. of

comp. 1890) beobachtete bei einer grossen Anzahl Mastochsen

Niedergeschlagenheit, Speicheln, unterdrückte Futteraufnahme,

blutigen Kot, Schwindelanfälle, Zusammenstürzen, Zittern; die Dauer

betrug 2-3 Tage. -- +Peters+ (Berl. Arch. 1892) sah bei einem Rind

Versagen des Futters, Apathie, blutigen Durchfall, Bewusstlosigkeit,

Tränen, starke Pupillenerweiterung, schleimigen Nasenausfluss sowie

Tod am 3. Tag; bei der Sektion fand man eine starke Entzündung des

Labmagens und Darmes. -- +Ostermann+ (ibid. 1894) beobachtete bei

Rindern völligen Appetitmangel, unsicheren, schwankenden Gang,

Schlummersucht sowie hochgradige, an die Gebärparese erinnernde

Schwäche. Die Tiere lagen mit herumgeschlagenem Kopfe am Boden

und konnten sich nicht erheben. Der Tod erfolgte nach 2-3 Tagen.

-- +Fischer+ (D. T. W. 1895) sah bei Jungvieh nach der täglichen

Verfütterung von 1-1½ Pfund Baumwollsaatmehl Unruhe, Atemnot,

Erstickungsanfälle sowie Hämoglobinurie (Hämaturie?). Die Sektion

ergab Nierenentzündung, Blasenentzündung sowie Lungenödem. --

+Prietsch+ (Sächs. Jahresber. 1896) sah bei trächtigen Kühen

oft Abortus eintreten. Auch von den Frauen sollen die Samen als

Abortivum in Sachsen benützt werden. -- +Aubry+ (Recueil 1897)

beobachtete bei 2 Jungrindern nach der täglichen Verabreichung von

4½ Kilo Samenkuchen grosse Atemnot und Abgeschlagenheit, sowie

bei der Sektion Pneumonie, Dünndarmentzündung und Peritonitis.

-- +Delmer+ (ibid.) fand bei 10 Kälbern 1 Monat nach dem Beginn

der Oelkuchenfütterung Traurigkeit und Stöhnen als einzige

Vergiftungserscheinungen; die Krankheit dauerte nur 24-48 Stunden;

bei der Sektion zeigten die Nieren die auffallendsten Veränderungen

(schwärzliche Farbe). -- Nach +Peddy+ (The Vet. 1898) erkrankten in

einer Milchwirtschaft nach Verfütterung grosser Mengen von Kuchen

aus nicht enthülsten Baumwollsamen 20 Kühe. Die Symptome waren

Schüttelfrost, beständiges Rülpsen, stierer Blick sowie konstante

Lähmung; 5 Kühe gingen ein oder mussten geschlachtet werden. Die

Sektion ergab Gastroenteritis, Nierenhyperämie und Ekchymosen am

Herzen. -- Nach +Ziegenbein+ (Berl. Arch. 1898) erkrankten 15

Rinder unter den Symptomen einer Magendarmentzündung und einer

starken Verstopfung des 3. Magens. -- +Curdy+ (Journ. of comp. 1895)

beschreibt eine nach übermässiger Verfütterung von Baumwollsaatkuchen

bei Rindern auftretende, mit schweren Depressionserscheinungen

einhergehende Krankheit, welche stets mit einer schweren, oft zur

Erblindung führenden Augenkrankheit kompliziert ist. Letztere

besteht in Geschwüren, Abszessen und Staphylombildung der Hornhaut,

wahrscheinlich infolge einer Trigeminuslähmung. Nach Curdy ist diese

Wirkung des Baumwollsamens auf die Augen den amerikanischen Farmern

wohl bekannt. -- +Eder+ (Woch. f. Tierh. 1902, S. 232) sah 5 Kälber

nach reichlicher Fütterung mit Baumwollsaatmehl unter Erscheinungen

der Dyspnoe und Hinfälligkeit erkranken und nach 12-24 Stunden

sterben. Bei der Sektion konnte nur leichte, fettige Degeneration der

Leber nachgewiesen werden. -- +Ijmker+ (Holl. Zeitschr. 1902) sah

sämtliches Jungvieh eines Rinderbestandes nach der Verfütterung von

Baumwollsaatmehl in Trankform erkranken. Die Krankheitserscheinungen

bestanden in starker Muskelschwäche, Schwanken, Blutharnen und

Lungenödem. -- +Rust+ (Preuss. Mitt. 1905) sah bei mehreren

Zugochsen, die täglich je 1 kg Baumwollsaatmehl erhielten,

ödematöse Schwellungen der Extremitäten, Schwanken der Hinterhand,

Gleichgewichtsstörungen, sowie in 4 Fällen (unter 15) Erblindung mit

abnormer Erweiterung der Pupille und starkem Hervortreten des Bulbus.

=Vergiftung durch Sesamkuchenmehl.= +Deyerling+ (D. T. W. 1900)

beobachtete bei etwa 100 Ochsen nach der Verfütterung von

Sesamkuchenmehl Aufblähung, Husten und grosse Atemnot; ausserdem

bestanden Eingenommenheit, Zittern und leichte Kolikerscheinungen.

Mutterkornvergiftung, Ergotismus.

=Botanisches.= Das +Mutterkorn+, +Secale cornutum+, ist das

Dauermyzel (Sklerotium) von +Claviceps purpurea+, eines Kernpilzes

(Familie der Pyrenomyzeten). Der Pilz parasitiert am häufigsten auf

dem Roggen, kommt aber auch zuweilen auf Hafer, Weizen, Gerste und

auf Gramineen vor (Elymus virginicus, Agrostis vulgaris, Poa, Phleum,

Anthoxanthum, Glyceria u. a.). Das Mutterkorn bildet walzenförmige,

gerundet dreikantige, oft gebogene, 2-4 cm lange und bis ½ cm dicke,

schwarzviolette, innen weisse Körper, welche schwach bläulich bereift

und an beiden Enden verschmälert sind. Sie besitzen im frischen

Zustande eine derbfleischige, im getrockneten eine hornartige

Konsistenz. Die +Entwicklung+ des Pilzes ist folgende. Die Sporen

von Claviceps purpurea verwandeln, wenn sie zufällig auf junge

Roggenblüten etc. gelangt sind, den Fruchtknoten dieser Blüten in

ein Pilzlager (Sphacelia segetum), welches aus dicht verflochtenen

Hyphen besteht und an seiner Oberfläche Sporen (Konidien)

abschnürende Zellen besitzt, welche ausserdem eine schleimige,

süssliche Flüssigkeit, den sog. Honigtau, absondern, durch welchen

die Sporen unter Vermittlung von Insekten auf andere Roggenähren

übertragen werden. Aus dem Pilzlager entwickelt sich dann allmählich

das walzenförmige Dauermyzel, das eigentliche Mutterkorn, welches

die Aufgabe hat, den Pilz zu überwintern. Aus diesem Mutterkorn

entwickeln sich im darauffolgenden Frühjahr schlankgestielte Keime

mit runden, violettroten Köpfchen (Perithecien), aus welchen sich

zahllose Sporen bilden, welche durch den Wind auf die Roggenblüten

fortgetragen werden, worauf die Entwicklung wie anfangs geschildert

vor sich geht.

Bezüglich der Literatur der Mutterkornvergiftung ist namentlich das

ausführliche Werk von +Heusinger+, Studien über den Ergotismus,

Marburg 1856, hervorzuheben.

=Wirksame Bestandteile des Mutterkorns.= Nach +Kobert+ sind

im Mutterkorn drei giftige Stoffe enthalten.

1. Das =Kornutin= oder =Sekakornin= ist ein Alkaloid und der Träger der

spezifischen Wirkung des Mutterkorns auf den +Uterus+. Das Kornutin

bewirkt infolge Reizung des im Lendenmark gelegenen Uteruszentrums

+Uteruskontraktionen+ bei trächtigen und nichtträchtigen Tieren.

Bei nichtträchtigen Tieren tritt eine deutliche Verstärkung der

rhythmischen Uteruskontraktionen schon nach der subkutanen Injektion

von ½ mg Cornutinum hydrochloricum pro kg Körpergewicht ein. Trächtige

Tiere reagieren auf Kornutin im Beginne der Schwangerschaft nicht,

in der Mitte nur nach sehr grossen Dosen, dagegen bewirken am Ende

der Trächtigkeit die kleinsten Dosen eine Austreibung des Fötus.

Die weiteren Wirkungen des Kornutins bestehen in der +Erregung des

Krampfzentrums+ mit tonisch-klonischen allgemeinen Muskelkrämpfen,

in einer veratrinähnlichen Einwirkung auf die Muskelfasern mit

+Muskelsteifheit+, in einer +Erregung des Vaguszentrums+ mit

Pulsverlangsamung und nachheriger Vaguslähmung, in +Erregung des

vasomotorischen Zentrums+ mit starker Blutdrucksteigerung und

+Gefässverengerung+, und bei grossen Dosen in einer +Lähmung des

Atmungszentrums+.

2. Die =Sphazelinsäure= wirkt +gangränerzeugend+ (Sphazelus =

kalter Brand) infolge einer +hyalinen Degeneration+ und +Thrombose

der peripheren Arterienäste+. Sie ist die eigentliche Ursache der

+Mutterkornvergiftung+. Nach experimentellen Versuchen erzeugt sie bei

Schweinen und Hähnen Gangrän, insbesondere an der Zungenspitze, am

Kamm, Kehllappen, am Gaumen, Kehldeckel, an den Flügeln, auf der Haut,

sowie auf der Darmschleimhaut (Geschwüre und Nekrose); in sehr kleinen

Dosen längere Zeit verabreicht führt sie zu ähnlichen Veränderungen

auch im Rückenmarke mit Ataxie. In sehr grossen Dosen erzeugt sie

strychninartige Krämpfe und +Uterus-Tetanus+.

3. Die =Ergotinsäure=, ein stickstoffhaltiges, leicht zersetzliches

Glykosid, +ohne Wirkung auf den Uterus+. Dasselbe ist lediglich ein

+Narkotikum+, welches die Reflexerregbarkeit vermindert und zuletzt

aufhebt.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 42 / 50 段