=Rizinwirkung.= Die giftige Wirkung der Rizinuskuchen steht in keiner

Beziehung zu ihrem Gehalt an Rizinusöl, sondern wird ausschliesslich

durch das in den Samenschalen enthaltene ausserordentlich

giftige +Rizin+ bedingt. Das Rizin erzeugt eine +hämorrhagische

Gastroenteritis+ mit starkem +Kräfteverfall+, +Somnolenz+,

+Konvulsionen+ und +Koma+. Die Giftigkeit des Rizins besteht nach

Kobert in seiner elementaren, +Fibringerinnung+ erzeugenden Einwirkung

auf das +Blut+ aller Wirbeltierklassen, selbst auf das bereits

defibrinierte Blut. Am giftigsten ist das Rizin von der Unterhaut aus;

es übertrifft bei dieser Applikationsmethode sowohl die Blausäure

als das Strychnin an Giftigkeit. Im Magen wird es zum Teil verdaut;

der übrige Teil wird resorbiert und bedingt bereits innerhalb der

Blutgefässe der Darmschleimhaut Blutgerinnung mit nachfolgender

+Geschwürsbildung+ (Selbstverdauung). Ausser der Blutwirkung kommt

als Todesursache bei der Rizinvergiftung nach den Untersuchungen von

+Cushny+, +Müller+ und +Stepanoff+ (Arch. f. exp. Path. 1898 f.)

auch die +örtlich reizende Wirkung des Rizins auf die Schleimhaut+

in Betracht, wenn es aus dem Blute in den Magen und Darm wieder

ausgeschieden wird (Aetzwirkung an der Ausscheidungsstelle).

Die grosse Giftigkeit der Rizinussamen erhellt aus folgenden,

experimentell festgestellten Tatsachen. Nach +Miessner+ beträgt

die tödliche Dosis der Rizinussamen nach +einmaliger+ Fütterung

durchschnittlich

für Pferde 30-50 g = 0,1 g pro kg Körpergewicht

„ Rinder 350-450 „ = 2 „ „ „

„ Kälber 20 „ = 0,5 „ „ „

„ Schafe 30 „ = 1,25 „ „ „

„ Ziegen 105-140 „ = 5,5 „ „ „

„ Schweine 60 „ = 1,4 „ „ „

„ Ferkel 15-20 „ = 2,4 „ „ „

„ Kaninchen 1,5 „ = 1 „ „ „

„ Gänse 1 „ = 0,4 „ „ „

„ Hühner 18 „ = 14 „ „ „

Bei +mehrtägiger+ Fütterung tritt eine +kumulierende+ Wirkung ein;

die Todesdosis beträgt dann nur etwa die Hälfte der bei einmaliger

Fütterung, für Pferde z. B. nur 17-37 g (0,05 bis 0,07 g pro kg). Bei

+subkutaner+ Applikation ist beim Kaninchen die Giftwirkung 500mal

stärker, als bei stomachikaler (Todesdosis = 1 mg Rizinussamen).

Eigentümlicherweise kann man Tiere an das Rizin allmählich so

+gewöhnen+, dass sie sogar die 100fache tödliche Dosis ertragen. Diese

„+Rizinfestigkeit+“ erklärt sich nach +Ehrlich+ durch die Bildung

einer gerinnungshemmenden Substanz im Blut mit +immunisierender+

Wirkung, des „Antirizins“. +Cornevin+ gelang es ferner, durch

2stündiges Erwärmen der Rizinussamen ihre Giftigkeit so abzuschwächen,

dass die subkutane Einspritzung der Samen den Versuchstieren (Rindern

und Schweinen) Immunität gegen das Rizin verlieh. Er empfiehlt

infolgedessen die +Schutzimpfung+ gegen das Rizin als Vorbedingung

zur Verfütterung der Rizinussamen und Rizinuskuchen, indem er seine

Erfahrungen in nachstehenden Sätzen zusammenfasst:

1. Das 2 Stunden lang auf 100° erhitzte Rizin verwandelt sich in

einen Impfstoff, der, unter die Haut injiziert, die Tiere gegen

Rizinusvergiftung immun macht.

2. Die Wiederkäuer sind für die Rizinuswirkung empfänglicher als

Schweine und Hühnerarten. Beim Schweine genügen 2 durch 8tägige

Intervalle getrennte Impfungen zur Erzielung einer Immunität, während

bei andern Tiergattungen deren 3 nötig sind.

3. Die durch die Vakzination erreichte Immunität ist von Dauer; das

Fleisch der mit Rizinusölkuchen gefütterten Tiere hat keinerlei

schädliche Eigenschaften.

4. Man kann unbeschadet den Haustieren eine gewisse Quantität

Rizinuskörner oder Rizinuskuchen unter die Futterration mischen, wenn

man sie vorher gegen das heftige Gift derselben immunisiert hat.

Nach +Miessner+ wirkt das +Serum+ rizinimmuner Tiere präzipitierend auf

rizinhaltige Flüssigkeiten (vergl. unten).

=Behandlung und Nachweis.= Die +Prophylaxe+ der Rizinusvergiftung

besteht darin, dass die gepulverten Rizinussamen vor der Verfütterung

+gekocht+ oder +gedämpft+ oder mit strömendem Wasserdampf behandelt

werden, wodurch das Rizin zerstört wird. Die eigentliche +Behandlung+

der Rizinvergiftung ist im übrigen eine symptomatische. Sie besteht in

der Verabreichung von Tannin, von schleimigen, schmerzstillenden und

exzitierenden Mitteln.

Der +Nachweis+ der Rizinusschalen erfolgt durch Lupenuntersuchung,

sowie durch die mikroskopische Untersuchung des Mehles (vergl. S.

298). Für das Rizin selbst fehlen charakteristische Reaktionen.

Dagegen lässt sich das Rizin mit Hilfe der +Präzipitationsmethode+,

also auf biologischem Wege in den Rizinussamen bezw. in verfälschten

Futtermitteln nachweisen. Nach +Miessner+ fällt das Serum rizinimmuner

Tiere (Antirizinserum) rizinhaltige Flüssigkeiten innerhalb weniger

Minuten. Bringt man eine filtrierte 1proz. mit 10proz. Kochsalzlösung

hergestellte Aufschwemmung des verdächtigen Futtermittels nach 24

Stunden mit 0,1 Antirizinserum zusammen, so gibt die Präzipitation

Aufschluss darüber, ob tödliche oder untertödliche Mengen von

Rizinussamen in dem Futter enthalten sind. Bei rizinusvergifteten

Tieren lässt sich die Serodiagnose nicht verwerten. Ausser durch

die Präzipitationsmethode lässt sich die Menge des Rizinussamens in

einem verdächtigen Futter durch die subkutane Injektion des Futters

bei Kaninchen nachweisen (subkutane Todesdosis der Rizinussamen nach

+Miessner+ 1 mg). Ueber den Nachweis durch +Konglutination+ vergl. S.

302.

=Kasuistik.= Die tierärztliche Literatur enthält zahlreiche Fälle

von Vergiftungen bei Pferden und Rindern, welche durch Verfütterung

von Rizinuskuchen oder von Oelkuchen bedingt waren, die sich

als mit Rizinuspressrückständen verfälscht erwiesen (auch beim

Menschen sind nach dem Genusse der Samen zahlreiche -- über 100 --

Vergiftungsfälle beobachtet worden). Das Krankheitsbild entspricht

den oben genannten Erscheinungen der Rizinvergiftung. So berichtet

+Renner+ (Preuss. Mitt. 1874) über eine Vergiftung bei einer

grösseren Anzahl von Rindern nach der Verfütterung von Leinsamenmehl,

welches mit Rizinuspressrückständen vermischt war, wie sich durch

Lupenunersuchung nachweisen liess. Die Tiere erkrankten unter den

Erscheinungen von Appetitlosigkeit, Durchfall, Apathie, Störungen

des Bewusstseins und Krämpfen, genasen jedoch nach 2-3 Tagen.

+Regenbogen+ (Berl. tierärztl. Wochenschr. 1888) beobachtete bei

35 Pferden eine Vergiftung durch Leinsamenmehl, welches ebenfalls

mit Rizinusschalen verfälscht war. Die Tiere zeigten vollständig

unterdrückte Futteraufnahme, Kolikerscheinungen, Durchfall,

Schwäche im Hinterteil, Unvermögen zu stehen, Eingenommenheit des

Sensoriums. Ein Pferd starb innerhalb 24 Stunden, ein anderes

später, ein drittes musste wegen Aussichtslosigkeit einer Heilung

getötet werden. Bei der Sektion fand man Entzündung den Magens

und Zwölffingerdarmes, akute diffuse Nephritis, parenchymatöse

Degeneration des Herzmuskels und Lungenödem. -- +Eisenblätter+

(Berl. Archiv 1893) sah von drei Schweinen, denen mit dem Futter

2 Hände voll alte Rizinuskerne vorgeschüttet worden waren, 2 nach

einigen Stunden unter den Erscheinungen von Erbrechen und Durchfall

sterben. -- +Stödter+ (Hamb. Zentr.-Zeit. 1897) beobachtete bei 2

Pferden, welche Rizinussamen im Hamburger Hafen gefressen hatten,

Kolik, Harndrang, Durchfall, Schweissausbruch, Pupillenerweiterung

und unfühlbaren Puls; die Sektion ergab Nephritis, Myokarditis und

hämorrhagischen Milztumor. -- +Vollers+ (Berl. Arch. 1894) berichtet,

dass mehrere Pferde unter den Erscheinungen der Magendarmentzündung

und Lähmung starben, welche amerikanische Kleie mit Rizinuskörnern

gefressen hatten. -- +Nikolski+ (Pet. Arch. 1897) sah bei 4 Pferden

nach der Aufnahme von Hafer, der 5 Proz. Rizinussamen enthielt,

Zwerchfellkrämpfe, Mydriasis, Schweissausbruch, Muskelkrämpfe und

starken Durchfall. -- +Smith+ (The Vet. 1898) sah bei 63 Rindern,

welchen Rizinussamen mit Erbsen gefüttert wurden, heftigen Durchfall.

-- Nach +Bollinger+ (Deutsche Zeitschr. für Tiermed., Bd. 6) erwies

sich auch die Milch von Tieren schädlich, welche mit Leinkuchen

Rizinussamen aufgenommen hatten. -- +Bierbaum+ (Beitrag zur

Giftigkeit des Semen Ricini communis. Inaug.-Diss. Gotha 1906) hat im

Auftrag der Landwirtschaftskammer für die Provinz Schleswig-Holstein

mit Unterstützung des Preuss. Landwirtschaftsministeriums Versuche

mit Rizinussamen bei verschiedenen Haustieren angestellt, welche

folgendes ergeben haben. Die tödliche Dosis der Rizinussamen für

+Kaninchen+ beträgt 0,7-1 g pro kg Körpergewicht; die Samenschalen

erwiesen sich als ungiftig. +Ziegen+ und +Schafe+ nahmen ohne

Schaden längere Zeit hindurch kleine Mengen (1-2 g) Rizinussamen

auf, desgleichen später gegebene grössere Gaben von 10-50 g

(Immunität!). Die tödliche Dosis für Schweine schwankte zwischen

1,6-8 g Rizinussamen pro kg Körpergewicht. Durch längere Fütterung

mit allmählich ansteigenden Mengen gelang es, bei Schweinen eine hohe

Immunität zu verleihen, so dass 93 g Rizinussamen ohne Schaden auf

einmal gegeben werden konnten. Ein Pferd starb nach der Verfütterung

von 125 g Rizinussamen (tödliche Dosis = 0,4 g pro kg Körpergewicht).

Bei allmählich ansteigender Dosis ertrug ein Pferd ohne Schaden

2400 g Rizinussamen in 1½ Monaten. Ein +Hund+ starb in 3 Tagen nach

0,8 g Rizinussamen pro kg Körpergewicht. +Hühner+ erwiesen sich

viel widerstandsfähiger (tödliche Dosis =13 g Rizinussamen pro kg

Körpergewicht). Noch resistenter waren +Tauben+, indem sie 15 g

pro kg ohne Schaden ertrugen; +Enten+ starben dagegen bei 7 g pro

kg. +Bierbaum+ zieht aus diesen Versuchen den Schluss, dass die

Giftigkeit der Rizinussamen für Tiere überschätzt worden ist und

weist darauf hin, dass die Futterstoffe meist nur geringe Mengen

von Rizinusteilen enthalten. Er bezweifelt ferner die Richtigkeit

der Angabe von +Soxhlet+, dass zur Tötung eines Ochsen oder Pferdes

1,5 g Rizinusölkuchenmehl genüge. Andererseits ist nach ihm nicht

ausser acht zu lassen, dass die Resistenz von Tieren derselben Art

gegenüber den Rizinussamen verschieden ist, und dass vielleicht

vorhandene krankhafte Zustände des Magendarmtraktus begünstigend

wirken. Der Nachweis von Rizinussamen in einem Futtermittel genügt

für sich allein zum Beweise der Giftigkeit desselben nicht, da die

Samen ja vorher durch geeignete Behandlung entgiftet sein können;

beweisend sind nur Fütterungsversuche. -- Prof. Dr. +Schmidt+-Hamburg

(Zeitschr. f. öffentliche Chemie 1908, S. 245) fand bei seinen

Versuchen, dass geringe Mengen von Rizinussamen unschädlich

sind. Er tritt daher dafür ein, dass minimale, ungiftige Mengen

von Rizinus in Erdnusskuchen geduldet werden sollen. Er glaubt

ferner, dass bei der Pressung der Erdnusskuchen bei 80-85° die

gleichzeitig vorhandenen Rizinussamen ihre Giftigkeit verlieren, und

dass nicht alle angeblichen Futtervergiftungen nach Verabreichung

rizinhaltiger Erdnussrückstände wirkliche Rizinusvergiftungen sind.

+Miessner+ (Ueber die Giftigkeit der Rizinussamen, Mitt. des Kaiser

Wilhelms-Institut für Landwirtschaft in Bromberg, I. Bd., 1909,

3. Heft) hat im Auftrag des preuss. Landwirtschaftsministeriums

toxikologische Untersuchungen über Rizinussamen angestellt, deren

wesentlichste Ergebnisse bereits erwähnt sind (vergl. S. 299).

Er hat ausserdem gefunden, dass die in Deutschland verarbeiteten

Rizinussamen stets gleich giftig sind, dass ihre Giftigkeit durch

Kochsalzzusatz nicht erhöht wird, dass das Rizin durch feuchte

Erwärmung auf 100° unwirksam wird, während es durch trockene

Hitze erst bei 130° zerstört wird, so dass also zur Entgiftung

der Pressrückstände eine feuchte Erwärmung auf 100° gefordert

werden muss. Ueber 90° feucht erhitzte Rizinussamenlösungen werden

durch Antirizinserum nicht mehr präzipitiert. Da die Schale

der Rizinussamen nach den Untersuchungen von M. überhaupt kein

Rizin enthält, so genügt nach M. der mikroskopische Nachweis der

Samenschale für sich allein noch nicht, um eine Rizinvergiftung zu

begründen. Vielmehr ist der Nachweis des Samenkerns erforderlich, der

allein das Rizin enthält. „Aber auch dieser Nachweis ist nur dann

von Bedeutung, wenn wir zugleich eine für eine Erkrankung des Tieres

notwendige Menge feststellen und ermitteln, dass diese ungekocht ist,

da gekochte Rizinussamen unschädlich sind.“

+Miessner+ und +Rewald+ (Die Konglutination der roten Blutkörperchen

durch Rizinussamen, Zeitschr. für Immunitätsforschung, II. Bd.,

1909) haben gefunden, dass die Rizinussamen durch das in ihnen

enthaltene +Konglutinin+ die Fähigkeit besitzen, rote Blutkörperchen

zusammenzuklumpen (+Konglutination+). Dagegen konglutieren die

gebräuchlichsten Futtermittel des Handels rote Blutkörperchen nicht.

Sie bezeichnen daher die Konglutination als ein ausgezeichnetes

Mittel zum forensischen +Nachweis von Rizinussamen+ in verfälschten

Futtermitteln. Zu diesem Zwecke vermischt man im Reagenzglas 2 ccm

eines 5proz. Fitrats des Futtermittels in 0,85proz. Kochsalzlösung

mit 10 ccm einer 3proz. Blutkörperchenaufschwemmung von Tauben-,

Kaninchen- oder Hundeblut. Sind Rizinussamen in dem Futter vorhanden,

so sind die roten Blutkörperchen innerhalb 1-2 Stunden am Boden

des Reagenzglases zu einem festen Klumpen zusammengeballt, während

die darüber stehende Flüssigkeit klar ist. Durch Einstellung

der Reagenzgläser in einen Thermostaten von 37° lässt sich die

Konglutination beschleunigen.

=Abrin.= Das in den Samen von Abrus precatorius (Jequirity,

Paternostererbsen) enthaltene Toxalbumin +Abrin+ besitzt genau

dieselbe Fibringerinnung erzeugende Wirkung auf das Blut, wie Rizin,

dem es nach +Ehrlich+ und +Calmette+ auch darin gleicht, dass man

Tiere „abrinfest“ machen kann. Abrinfeste Tiere sind aber nicht

auch rizinfest und umgekehrt. Nach +Hellin-Kobert+ tötet Abrin

Tiere vom Blute aus in Dosen von wenigen Hundertstel Milligramm pro

kg Körpergewicht; auch erzeugt es noch in homöopathischen Dosen

im Lidsack Thrombose der Gefässe mit nachfolgender Entzündung

(Jequirity-Ophthalmie). Das Serum abrinfester Tiere wirkt stark

antitoxisch.

Vergiftung durch Krotonöl.

=Allgemeines.= Die +Krotonsamen+, +Grana Tiglii+, sind die 2 cm

langen und 1,5 cm breiten elliptischen Kapselfrüchte von Croton

Tiglium, einer ostindischen Eupborbiazee. Der Samenkern enthält das

stark giftige +Krotonöl+, als dessen wirksamer Bestandteil die mit

der Rizinolsäure verwandte =Krotonolsäure= bezeichnet wird. Ausserdem

enthält die blassbräunliche Samenschale das =Krotin=, ein dem Rizin

sehr ähnliches, für die Blutkörperchen sehr giftiges Ferment.

Vergiftungen ereignen sich bei den Haustieren durch die innerliche

Verabreichung der Samen bei falscher Dosierung oder wiederholter

Anwendung, sowie durch die innerliche und äusserliche Anwendung des

Krotonöls. Eine ausführliche toxikologische Arbeit über das Krotonöl

ist von +E. v. Hirschheydt+ (Arbeiten des pharmakol. Instituts zu

Dorpat, herausgegeben von Kobert, IV, 1890), sowie von +Elfstrand+

(Ueber giftige Eiweisse, welche Blutkörperchen verkleben. Upsala

1897) veröffentlicht worden.

=Wirkung der Krotonolsäure.= Die Krotonolsäure ist im Krotonöl

ursprünglich an Glyzerin gebunden als Krotonolsäure-Triglyzerid

enthalten. Dieser Körper besitzt an und für sich keine reizende

Wirkung, er ist vielmehr ein ebenso indifferentes Fett wie andere

Triglyzeride, z. B. die der Stearinsäure, Palmitinsäure, Oleinsäure.

+Nur die freie Krotonolsäure, sowie ihre Salze (krotonolsaures Natrium

und Kalium) sind stark reizende, ätzende Stoffe.+ Eine Abspaltung

freier Krotonolsäure findet im Krotonöl unter der Einwirkung

der Luft bei längerem Stehen statt; +älteres Krotonöl ist daher

giftiger als frisch ausgepresstes+. Dieser Umstand, die verschiedene

Giftigkeit der käuflichen Krotonölpräparate, erklärt die vielfach

gemachte Beobachtung, dass das Krotonöl namentlich bei Pferden in

einer und derselben Dosis bald sehr giftig, bald nur wenig wirksam

erfunden worden ist. Im Darmkanal findet ferner eine Verseifung

des Krotonolsäure-Triglyzerids statt, indem dasselbe zu Glyzerin

und krotonolsauren Alkalien zerlegt wird. Die letzteren besitzen

eine ebenso starke ätzende Wirkung wie die freie Krotonolsäure,

auf ihre Abspaltung ist daher die drastische Wirkung des Krotonöls

zurückzuführen. +Die Verseifung des Krotonöls im Darm ist aber bei

den einzelnen Tiergattungen verschieden intensiv.+ Am raschesten

erfolgt die Verseifung, also die Bildung von ätzenden krotonolsauren

Alkalien (Kalium, Natrium) beim Pferd und Rind. +Aus diesem Grund ist

das Krotonöl für Pferde und Rinder ein viel stärkeres Gift, als für

die übrigen Haustiere.+ Am spärlichsten und langsamsten geschieht die

Verseifung beim Hund, bei welchem ausserdem noch die Möglichkeit des

Erbrechens die Gefahr einer Vergiftung vermindert. Hierdurch erklärt

sich die Tatsache, +dass Hunde auffallend grosse Gaben von Krotonöl

ohne Schaden ertragen+. Am empfindlichsten gegenüber dem Krotonöl ist

der Mensch.

=Wirkung des Krotins.= Das Krotin gehört wie das Rizin und Abrin zur

Gruppe der pflanzlichen +Agglutinine+, d. h. fermentartigen Substanzen,

welche die roten Blutkörperchen mancher Tiergattungen zur Verklebung

und Ausfällung bringen. Ausserdem wirkt es auf gewisse Blutarten

+hämolytisch+, d. h. die roten Blutkörperchen auflösend. Unempfindlich

(refraktär) gegen Krotin scheint nur das Hundeblut zu sein, das ein

Antiagglutinin („Antikrotin“) enthält. Die letale Dosis des Krotins

beträgt bei subkutaner Applikation für das Kaninchen 0,05-0,08 g pro kg

Körpergewicht; bei intravenöser Darreichung ist die letale Dosis weit

geringer, während man bei Einführung des Krotins per os fast 0,5 g pro

kg Körpergewicht anwenden kann, ohne den Tod des Tieres herbeizuführen,

obwohl dasselbe unter den gleichen Erscheinungen erkrankt, wie bei der

subkutanen Einführung.

=Krankheitsbild der Krotonölvergiftung.= Das Krotonöl ist eines der

stärksten Akria. Es erzeugt +Dermatitis+, +Stomatitis+, +Pharyngitis+,

+Gastritis+ und +Enteritis+. Nicht bloss bei +innerlicher+

Verabreichung, sondern auch bei +äusserlicher+ Einreibung des Oeles

kann infolge Resorption desselben eine Vergiftung entstehen. So tritt

beim Pferd nach dem Einreiben von 60 Tropfen, beim Schaf von 30

Tropfen, beim Hund von 15-20 Tropfen Purgieren ein. Die +Erscheinungen+

der Krotonölvergiftung sind die einer +heftigen, sehr schmerzhaften

Magendarmentzündung+ mit +ruhrartigen Durchfällen+; der Tod erfolgt

unter +allgemeiner Schwäche+ und +Erschöpfung+ nach 1-3 Tagen. Bei der

Sektion findet man korrosive Gastroenteritis, zuweilen auch Stomatitis

und Pharyngitis.

Die +tödlichen Dosen+ des Krotonöls sind bei der Verschiedenartigkeit

des Gehaltes der käuflichen Präparate an freier Krotonolsäure und

bei dem verschiedenen Verhalten der einzelnen Tiergattungen dem

Krotonöl gegenüber äusserst variabel. So gibt +Hertwig+ als zulässige

Maximaldosis des Krotonöls für das Pferd 25 Tropfen an, während

+Sommer+ (Magazin Bd. 9, S. 455) bei einem rotzkranken kräftigen Pferd

nach 20 Tropfen Krotonöl in Pillenform den Tod am 4. Tag, bei zwei

anderen Pferden nach 30 Tropfen Krotonöl den Tod am 3. Tag eintreten

sah. Nach +Hertwig+ brauchen Hunde zum Purgieren 5-10 Tropfen und

sterben selbst nach 10-20 Tropfen nicht; nach +Gerlach+ soll bei Hunden

eine Quantität, welche 3 Tropfen des Oeles übersteigt (bei Pferden

eine solche von mehr als 15 Tropfen), tödlich werden können. +Hertwig+

hat angegeben, unter 5 Tropfen bei Hunden keine diarrhoische Wirkung

erzielt zu haben; ich selbst habe mit 4 Tropfen reinem Krotonöl bei

mittelgrossen Hunden eine starke Laxierwirkung erhalten. Nach den

Versuchen von +Mayet+ und +Hallé+ (Annales d’hygiène 1871) hatten sogar

Gaben von 1 g Krotonöl (25 Tropfen) keine bemerkenswerte Wirkung bei

Hunden, 1,2 g Krotonöl (30 Tropfen) erzeugten nur Durchfall. Dagegen

hatten bei einem andern Hund 5 Tropfen Krotonöl in Pillenform gegeben

blutiges Erbrechen, blutigen Durchfall, sowie den Tod innerhalb 24

Stunden zur Folge. Ein weiterer Versuchshund erhielt innerhalb 45 Tagen

nicht weniger als 10 g = 250 Tropfen Krotonöl; der Tod erfolgt erst

bei der letzten Gabe von 2 g = 50 Tropfen. Bei der Sektion fand man

die Magendarmschleimhaut bis zum Dickdarm mit Ausnahme von Schwellung

einiger Peyerschen Drüsenhaufen intakt. Dagegen zeigte die Schleimhaut

des Dickdarms einen kruppösen Belag, Verdickung, schwärzliche

Verfärbung, sowie frische und ältere Ulzerationen.

Nach dem Entwickelten lässt sich eine sichere, genaue tödliche Dosis

des Krotonöls für die einzelnen Tiergattungen nicht aufstellen. Nur

beim +Pferd+ kann nach klinischen und experimentellen Erfahrungen der

Satz aufgestellt werden, +dass eine Ueberschreitung der Dosis von 20

Tropfen Krotonöl in der Regel eine Vergiftung mit tödlichem Ausgang

zur Folge hat+. Beim Rind können als Maximaldosis durchschnittlich

40 Tropfen bezeichnet werden. Die +Krotonkörner+, welche früher statt

des Krotonöls gegeben wurden (Pferden zu 1,5-2,5, Rindern zu 2,5-3,5,

Schafen und Schweinen zu 0,5, Hunden zu 0,1-0,4), töten Pferde in Dosen

von 4-8 g nach 10-40 Stunden, Hunde in Dosen von 0,6-1,25, wenn das

Erbrechen verhindert wird.

=Behandlung.= Gegen die Vergiftung mit Krotonöl oder Krotonsamen

gibt es kein spezifisches Antidot, die Behandlung ist vielmehr eine

rein symptomatische. In erster Linie sind schleimige, einhüllende,

sowie schmerzlindernde und stopfende Mittel anzuwenden. Man gibt

namentlich +Leinsamenabkochungen+ in Verbindung mit +Opiumtinktur+,

ausserdem Tannin, Eisenvitriol, Bleizucker und Argentum nitricum. Die

Schwächezustände werden mit Exzitantien behandelt; man macht subkutane

Aether-, Kampfer-, Atropin-, Koffein- oder Veratrininjektionen.

Der +Nachweis+ der Krotonölvergiftung wird auf chemisch-physiologischem

Wege erbracht. Man extrahiert das Oel aus dem Magendarminhalt mittels

Aether oder Chloroform und prüft das eingedickte Extrakt auf eine

etwaige pustelbildende Wirkung durch Einreibung auf die Haut von

Menschen oder Tieren.

=Vergiftung durch die Semina Ricini majoris.= Als Semina Ricini

(Cataputiae) majoris werden die Samen des amerikanischen

+Purgiernussbaumes+, Jatropha Curcas = Curcas purgans, eines zu

den Euphorbiazeen gehörigen Baumes bezeichnet. Sie enthalten ein

scharf reizendes, in seiner Wirkung dem Krotonöl ähnliches Oel,

welches den Namen Teufelsöl (+Oleum infernale+) erhalten hat und

zur Seifenfabrikation und als Brennöl dient. Ausserdem sollen sie

nach +Kobert+ eine Phytalbumose enthalten. Dadurch, dass ihre

Pressrückstände den Erdnusskuchen beigemengt werden, geben sie

Veranlassung zu Vergiftungen beim Rind und Schwein. +Wolff+ (Berl.

Arch. 1889) sah bei 40 Milchkühen als Vergiftungserscheinungen

Schlingbeschwerden, kolikähnliche Anfälle, Durchfall, Anurie und

subnormale Körpertemperatur; die Sektion ergab hämorrhagische

Entzündung im Labmagen und Dünndarm mit Ekchymosen und

Geschwürsbildung. +Leonhard+ (ibid.) sah bei 28 Läuferschweinen

Kolik, Erbrechen, Diarrhöe und unstillbaren Durst; 12 Schweine

krepierten, nachdem blutige Diarrhöe eingetreten war.

Vergiftung durch Robinia pseudoacacia.

=Botanisches.= Die +falsche Akazie+ (Papilionazee) enthält

verschiedene Gifte. Der Umstand, dass die Blätter beim Pferd

Stomatitis erzeugen, weist zunächst auf einen darin enthaltenen

scharfen Stoff hin. In der Rinde fanden +Power+ und +Cambier+

(Amerikan. pharm. Rundschau 1890) zu 1,6% ein sehr giftiges

Toxalbumin, das =Robinin=, in Form einer Phytalbumose, welche eine

+rizinähnliche Wirkung+ besitzt und nach den Versuchen von +Kobert+

tödliche Hämorrhagien im Darmkanal erzeugt.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 39 / 50 段