Klinische Vergiftungen durch Stephanskörner sind, nachdem das Mittel

therapeutisch fast gar nicht mehr verwendet wird, sehr selten geworden.

In einem Fall beobachtete +Beier+ (Landwirtschaftliche Zeitung 1845)

bei 6 Pferden, welchen gegen Druse je 60 g Stephanskörner eingegeben

wurden, sehr heftige Kolikerscheinungen, Schweissausbruch, Betäubung

und Empfindungslosigkeit, sowie Tod innerhalb 24 Stunden. Die

Behandlung der Vergiftung würde in der Verabreichung von schleimigen,

einhüllenden Mitteln, Tannin, Opium, sowie von Exzitantien bestehen.

Vergiftung durch Taumelkerbel, Chaerophyllum temulum.

=Botanisches.= Der +Kerbel+ oder +Taumelkerbel+, +Chaerophyllum

temulum+ (betäubender Kälberkropf) ist eine bis meterhohe, weiss

blühende Doldenpflanze (Umbellifere), welche einen dünnen, rauh

behaarten und dunkelrot gefleckten Stengel, doppelt gefiederte

Blätter, sowie schnabellose Früchte besitzt. Der Taumelkerbel enthält

das giftige =Chaerophyllin=.

=Wirkung.= Das Chaerophyllin ist ein +Acre-Narcoticum+. Es erzeugt

+Reizung der Magendarmschleimhaut+, +Betäubung+, +Taumeln+,

+Pupillenerweiterung+ und +allgemeine Lähmung+. Die tierärztliche

Literatur enthält 2 Fälle von Vergiftung bei Rindern und Schweinen.

Nach +Frey+ (Schweizer Archiv 1845) erkrankten 3 Kühe nach der Aufnahme

von Kraut und Wurzeln des Taumelkerbels unter den Erscheinungen der

Appetitlosigkeit, Schmerzhaftigkeit des Hinterleibs, Auftreibung des

Bauches, Injektion der Schleimhäute, Pupillenerweiterung, Benommenheit

des Sensoriums, Umstülpung des Afters, sowie Entleerung von Schleim

unter starkem, schmerzhaftem Drängen. Bei der Sektion fand man starke

Entzündung des Labmagens, sowie Rötung der Schleimhaut des Psalters

und Dünndarmes. +Kohli+ (Der Tierarzt 1862) beobachtete bei Schweinen

Pupillenerweiterung, sowie Lähmungserscheinungen, welche in der

Nachhand begannen; 3 derselben starben innerhalb 24 Stunden, ein

viertes innerhalb 36 Stunden. Die Sektion ergab das Vorhandensein einer

Gastroenteritis.

Vergiftung durch Steinklee, Melilotus officinalis.

=Botanisches.= Der +Steinklee+, +Melilotus officinalis+ ist

eine bis meterhohe Papilionazee mit aufsteigendem Stengel,

fiedrigen, 3zähligen Blättern, vielblütigen, gestielten Trauben

und querfaltigen, 1samigen Hülsen. In der Schmetterlingsblüte sind

Fahne und Flügel gleich lang, sowie beide länger als das Schiffchen.

Der Steinklee enthält das =Kumarin=, ausserdem Melilotol, Harz und

ätherisches Oel.

=Wirkung.= Nach den Beobachtungen von +Carrey+ und +Collas+ (Journal de

Lyon 1888) sind die +Samen+ des Steinklees giftig. Der Giftstoff selbst

ist nicht genauer bekannt, seine Wirkung ist eine +lähmende+. Pferde,

welche täglich 2-3 Liter Steinkleesamen erhalten hatten, zeigten

eine eigentümliche Erkrankung, welche in der Hauptsache in einer

Lähmung der Rumpfmuskulatur bestand, während die Bewegungsfähigkeit

am Kopf erhalten war. Sonstige Krankheitserscheinungen waren nicht

wahrzunehmen. Die Tiere starben nach Ablauf von 10-12 Tagen; bei der

Sektion wurde ausser starker Lungenhyperämie sowie Schwellung der Leber

nichts Besonderes gefunden. Auch Lämmer und Rinder sollen erkrankt sein.

=Kumarinvergiftung.= Das Kumarin gehört seiner chemischen Natur nach

zu den ätherischen Oelen. Es ist eine Kampferart mit Säurecharakter

von der Formel C_{9}H_{6}O_{2}, welche deshalb wohl auch als

Kumarinsäure oder Tonkabohnenkampfer bezeichnet wird. Man findet es

nämlich hauptsächlich in den +Tonkabohnen+, den Früchten von Dipterix

odorata, welche 1-1½ Proz. Kumarin enthalten. Daneben kommt es in

kleineren Mengen vor im +Ruchgras+ oder wohlriechenden Wiesengras

(Anthoxanthum odoratum), im +Waldmeister+ (Asperula odorata), im

+Steinklee+ (Melilotus officinalis), sowie in verschiedenen anderen

Pflanzen (Myroxylon toluiferum, Orchis fusca, Angraecum fragrans,

Liatris odoratissima). Ausserdem kann das Kumarin synthetisch aus der

Salizylsäure dargestellt werden. Aus den genannten Pflanzen wird es

durch Extraktion mit Alkohol und Aether gewonnen. Es bildet farblose,

säulenartige oder blättchenförmige Kristalle von dem gewürzhaften

Geruch des Waldmeisters und scharfem, bitterem, brennendem

Geschmacke. Die Löslichkeit in Wasser ist gering (1 : 500), dagegen

löst es sich leicht in Alkohol, Aether, fetten und ätherischen

Oelen. Beim Schmelzen mit Aetzkali zerfällt es in Salizylsäure und

Essigsäure.

Die +Toxikologie+ des Kumarins ist zuerst von +Köhler+ (Zentralblatt

für die medizinischen Wissenschaften 1875) untersucht worden. Die

an Fröschen, Kaninchen, Hunden und Katzen angestellten Experimente

zeigten, dass das Kumarin für diese Tiere ein +lähmendes Gehirn-+

und +Herzgift+ ist. Die wichtigsten Vergiftungserscheinungen waren:

Betäubung, Anästhesierung und Herabsetzung der Reflexerregbarkeit

(Katzen taumelten wie betrunken umher, zeigten hochgradige

Muskelschwäche und blieben schliesslich gelähmt und bewegungslos

am Boden liegen), Lähmung des Herzens und zwar sowohl der

Vagusendigungen als auch der intrakardialen Hemmungszentren und des

Herzmuskels selbst, mit gleichzeitiger Erweiterung der peripheren

Gefässe und Sinken des Blutdrucks, Sinken der Körpertemperatur und

Herabsetzung der Erregbarkeit des Atmungszentrums.

Meine eigenen Versuche mit Kumarin bei +Pflanzenfressern+ (Rindern,

Pferden, Schafen und Ziegen) haben ein von obigen Versuchen

abweichendes Resultat ergeben (Monatshefte für prakt. Tierheilkde.

1890). Dasselbe ist folgendes: Das Kumarin tötet Pferde in Dosen von

50 g, Schafe in solchen von 5 g. 25 g Kumarin sind für Pferde und

Rinder eine indifferente Dosis. +Das Kumarin ist für Pflanzenfresser

mithin kein starkes Gift.+ Bei allen Versuchstieren äussert sich

die Wirkung des in Substanz verabreichten Kumarins zuerst in einer

+entzündlichen Reizung der Magendarmschleimhaut+. Das in die Blutbahn

aufgenommene Kumarin wirkt in erster Linie als +Herzgift+, in

zweiter Linie als Atmungsgift. +Eine narkotische oder hypnotische

Wirkung des Kumarins wurde niemals konstatiert.+ Das Sensorium aller

Versuchstiere blieb vielmehr bis zum tödlichen Ende relativ frei.

Auch eine lähmende Einwirkung auf die Körpermuskulatur oder auf das

Rückenmark liess sich nicht feststellen. Die am Ende der Vergiftung

auftretende allgemeine Schwäche war vielmehr lediglich die Folge

der zunehmenden Herzschwäche. Der tödliche Ausgang wird durch die

lähmende Wirkung auf das Herz verursacht (Lungenödem). In einem Fall

erzeugte das Kumarin Ikterus und Nephritis, in allen anderen Fällen

fehlten diese Erscheinungen. Eine konstante Nebenerscheinung bildeten

endlich der Kumaringeruch der ausgeatmeten Luft, der Nasenausfluss

und die höhere Rötung der sichtbaren Kopfschleimhäute.

Die vorstehenden Kumarinversuche wurden von mir speziell zur Lösung

der Frage unternommen, +ob die nach der Aufnahme von+ =frischem

Heu= +mitunter beobachteten eigentümlichen Krankheitsfälle als

Kumarinvergiftung aufzufassen sind+?

Den kasuistischen Mitteilungen über angebliche Kumarinvergiftungen

bei Pferden ist folgendes zu entnehmen. In der Zeitschrift für

Veterinärkunde (1891, S. 457) teilt Rossarzt +Mierswa+ mit, dass

auf dem Schiessplatz zu Hammerstein das fast ausschliesslich aus

Ruchgras bestehende Heu abgemäht, gut getrocknet und, ehe es anfing

zu schwitzen, teils allein, teils mit anderem Heu vermischt an die

Pferde der reitenden Abteilung des Artillerieregiments Prinz August

verfüttert wurde. Nachdem diese Fütterung einige Zeit fortgesetzt

war, stellten sich bei einigen Pferden +leichte Kolikerscheinungen+

ein. Andere Pferde zeigten +grosse Eingenommenheit des Kopfes+,

standen teilnahmslos im Stall, stützten den Kopf auf die Krippe,

hatten beim Vorführen einen +schwankenden Gang+ und zeigten rauhes,

aufgebürstetes Haar. Sobald die Verfütterung des betreffenden

Heus eingestellt wurde, verloren sich die bei vielen Pferden

konstatierbaren krankhaften Symptome. Der Beobachter hat daraus

den Schluss gezogen, dass in dem Ruchgras ein betäubender Stoff,

wahrscheinlich das Kumarin, enthalten sei, dessen Wirkung für

gewöhnlich nicht zur Geltung komme, weil das Ruchgras neben andern

Gräsern im Heu sich in der Minderheit befinde, dass er aber bei

ausschliesslicher Verfütterung des Ruchgrases schädliche Wirkungen

auf das Nervensystem zur Folge habe.

Ueber einen zweiten ähnlichen Fall wird im Pferdefreund (1888,

Nr. 26) berichtet. 30 Pferde des Zirkus Lorch erkrankten im Juli

1888 in Luzern plötzlich in der Nacht unter höchst eigentümlichen

Krankheitserscheinungen, welche sich in +unregelmässigem Herzschlag+,

starker +Rötung der Augen+, sowie in hohem +Fieber+ äusserten. Der

behandelnde Tierarzt stellte die Diagnose auf Intoxikation durch

ein „Herzgift“. 9 Pferde starben; die Sektion ergab einen durchaus

negativen Befund. Das Trinkwasser, die Bodenbeschaffenheit, der

verabreichte Hafer wurde als vollständig normal erfunden. Deshalb

wurde als Krankheitsursache die Verfütterung von jungem Heu

angenommen, eine Voraussetzung, welche durch Fütterungsversuche bei

Anatomiepferden bestätigt wurde.

+Von diesen Fällen stimmt nur die zweite Beobachtung in

mehreren Punkten mit dem von mir erzeugten Krankheitsbilde der

Kumarinvergiftung überein.+ Hier wie dort liegt eine spezifische

Wirkung auf das Herz vor, in beiden Fällen wurden Rötung der

Kopfschleimhäute und Fieber als Begleiterscheinungen der Vergiftung

konstatiert. Es fragt sich nur, +ob in frischem Heu so viel Kumarin

enthalten ist, dass die Aufnahme desselben zu einer Kumarinvergiftung

führen kann+. Zwar liegen keine chemischen Analysen bezüglich des

Kumaringehaltes von frischem Heu vor. Ich möchte aber vom rein

theoretischen Standpunkte aus bezweifeln, dass das frische Heu

tatsächlich so viel Kumarin enthält, dass eine Kumarinvergiftung

zustande kommen kann. Denn wenn man eine starke Tagesration Heu

für ein Pferd zu 5 kg rechnet, so müsste das Heu 1 Proz. Kumarin

enthalten, um in 5 kg einen Gesamtgehalt von 50 g Kumarin, d. h.

die tödliche Dosis zu besitzen. Ein derartig starker, 1prozentiger

Kumaringehalt kommt allerdings der Tonkabohne zu. Vergleicht man aber

den Kumaringeruch der Tonkabohne mit demjenigen des frischen Heus,

so ist derselbe bei ersterer ungleich stärker, als bei letzterem.

Hauptsächlich aus diesem Grunde komme ich trotz der unzweifelhaften

Aehnlichkeit gewisser Krankheitsfälle zu dem Schlusse, +dass bei der

geringen Giftigkeit des Kumarins und bei dem geringen Kumaringehalt

des Heus eine Kumarinvergiftung nach Aufnahme von Heu wahrscheinlich

ist+.

Vergiftung durch Flachsseide, Cuscuta europaea.

=Botanisches.= Die +Flachsseide+, +Cuscuta europaea+ (Konvolvulazee),

ist ein chlorophylloser, links windender, fadenförmiger

Stengelschmarotzer, welcher als Unkraut auf Hopfen, Klee usw.

parasitiert. Ueber die wirksamen Bestandteile der Pflanze ist

mit Sicherheit nichts bekannt. Da sie früher als Abführmittel

angewandt wurde und zu den Konvolvulazeen gehört, ist es nicht

unwahrscheinlich, dass der giftige Stoff der Pflanze das auch in der

Jalapenwurzel enthaltene Konvolvulin ist.

=Krankheitsbild.= Eine Vergiftung durch Flachsseide ist bei Schweinen

von +Glocke+ (Preuss. Mitt. 1872) beschrieben worden. 5 Ferkel im

Alter von 3-5 Monaten hatten Klee gefressen, welcher stark mit

Flachsseide überwuchert war. Die Tiere lagen auf der Seite, unvermögend

aufzustehen, machten Laufbewegungen mit den Beinen, der Kopf wurde

ruckweise nach dem Rücken und nach der Seite verzogen. Bei der Sektion

fand man die Schleimhaut des Kolons stark geschwollen, stellenweise

von streifigen Blutungen durchsetzt und mit gallertartigem Schleime

bedeckt. Das Ergebnis der Sektion in Verbindung mit den während des

Lebens beobachteten Krankheitserscheinungen weist darauf hin, dass die

Flachsseide einen +scharfnarkotischen+ Giftstoff enthält.

Vergiftung durch Orant, Antirrhinum majus.

=Botanisches.= Der +Orant+ (Löwenmaul) kommt in 2 Formen vor: 1.

+Antirrhinum majus+, aus dem südlichen Europa stammend und 2.

+Antirrhinum Oronthium+, eine bei uns einheimische Skrofulariazee. Er

ist charakterisiert durch seine schöne purpurne oder weisse Blüte mit

2lippiger Korolle, welche am Grunde der Röhre bauchig ist und deren

Unterlippe den Schlund vollständig schliesst.

=Krankheitsbild.= Der früher als Arzneimittel verwendete Orant

enthält einen nicht näher bekannten giftigen Stoff von +betäubender+,

+lähmender+ Wirkung. Vergiftungen bei Pferden sind von +Popow+

(Russischer Veterinärbote 1884) beschrieben worden. Die Pflanze,

welche auf den Getreidefeldern russischer Gouvernements (Tombow,

Pensa, Woronesch) wächst, wird dort im trockenen Zustand von den

Pferden gern gefressen. Werden grössere Mengen derselben aufgenommen,

so zeigen die Tiere das Bild einer Narkose: Schwanken, Betäubung,

Abstumpfung des Gefühls, Bewusstlosigkeit, Schweissausbruch, sowie

sehr angestrengte Atmung. Das aus der Pflanze ausgepresste Oel

erzeugt nach experimenteller Untersuchung ebenfalls allgemeine

Lähmungserscheinungen. Die Behandlung der Vergiftung besteht in der

Verabreichung von Aloe und Kampfer.

Terpentinölvergiftung.

=Allgemeines.= Das in verschiedenen Abietineen (Pinus abies,

Pinaster, Larix, decidua, australis, Taeda) enthaltene Terpentinöl

ist ein ätherisches Oel von der Formel C_{10}H_{16}. Vergiftungen

ereignen sich zuweilen durch die Verabreichung zu grosser

Terpentinöldosen oder durch die Inhalation zu konzentrierter

Terpentinöldämpfe. Ausserdem kommen sie zustande durch die Aufnahme

von Fichtensprossen. Die früher als Terpentinölvergiftung aufgefasste

und auf das Fressen von jungen Fichtensprossen zurückgeführte sog.

enzootische Magendarmentzündung oder Waldkrankheit des Rindes dürfte

übrigens nach den neueren Untersuchungen über Piroplasmose in der

Hauptsache keine Vergiftung, sondern eine Infektionskrankheit

darstellen (seuchenhafte Hämoglobinurie, durch Zecken vermittelt und

durch Piroplasma bigeminum verursacht).

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Terpentinöl besitzt

örtlich auf +Haut+ und +Schleimhäute+ eine stark +reizende+,

+entzündungserregende+ Wirkung. Wird es innerlich in grösserer Menge

aufgenommen, so erzeugt es eine unter den Erscheinungen von +Kolik+

verlaufende +Gastroenteritis+, ausserdem die Erscheinungen einer

+Stomatitis+, +Pharyngitis+ und +Laryngitis+. Bei der Ausscheidung

durch die Nieren wirkt es ebenfalls reizend und veranlasst daher eine

mit +Hämaturie+ verlaufende +hämorrhagische Nephritis+. Im übrigen

sind, wie experimentelle Versuche gelehrt haben, +einmalige+ grössere

Terpentinöldosen verhältnismässig wenig giftig. So ertragen Pferde und

Rinder einmalige Dosen von 250-500 g; dagegen erzeugten 500-1000 g

Terpentinöl bei Pferden Kolik, Durchfall und Hämaturie. Hunde starben

nach 8-30 g Terpentinöl an Gastroenteritis (+Hertwig+).

Neben der reizenden Einwirkung auf die Schleimhaut des

Digestionsapparates und auf die Nieren besitzt das Terpentinöl

auch eine spezifische Einwirkung auf das +Nervensystem+, indem

es dasselbe zuerst erregt und dann lähmt. Die Erscheinungen der

Terpentinölvergiftung nach dieser Richtung bestehen zunächst in

+hochgesteigerter Reflexerregbarkeit+, Zittern, Krämpfen, Herzklopfen,

Pulsbeschleunigung, Atmungsbeschwerden. So beobachtete +Grinzer+

(Russisches Archiv für Veterinärmedizin 1886) bei einem Pferd nach

einer zu starken Terpentinölinhalation eine 2 Tage andauernde

hochgesteigerte Reflexerregbarkeit, Muskelzittern, anhaltenden

Husten, Herzklopfen, starke Injektion der sichtbaren Schleimhäute,

Zuckungen im Musculus Tensor fasciae latae und selbst Trismus. Auf

die Erregung folgt die +Lähmung+ der +Zentralapparate+. Die Tiere

zeigen Eingenommenheit des Sensoriums, Schwindel, Taumeln, Betäubung,

Sinken des Blutdrucks und der Herztätigkeit, sowie der Respiration,

Verlangsamung und Lähmung der Atmung und zuletzt allgemeine Lähmung.

Bei der +Sektion+ findet man neben dem charakteristischen

Terpentinölgeruch die Erscheinungen der Gastroenteritis und

hämorrhagischen Nephritis. Die +Behandlung+ ist eine symptomatische;

sie besteht in der Anwendung einhüllender, schleimiger und

exzitierender Mittel.

=Kasuistik.= +Jansen+ (Preuss. Mitt. 1867) sah bei einem Pferd nach

der reichlichen Aufnahme von Fichtensprossen die Erscheinungen der

Stomatitis, Pharyngitis, Laryngitis und Gastroenteritis (Kolik).

+Green+ (The Veterinarian 1896) sah bei einem Fohlen nach dem

Eingeben von Terpentinspiritus profusen Schweissausbruch, Harndrängen

und Schmerzhaftigkeit der linken Niere bei rektaler Palpation. Nach

+Bermbach+ (Preuss. Vet.-Ber. 1900) verlammten zwölf Schafe nach der

Verfütterung von Tannen- und Fichtenzweigen, die im Herbst frische

Triebe angesetzt hatten.

Vergiftung durch Sadebaum, Juniperus Sabina.

=Botanisches.= Der +Sadebaum+ oder +Sevenbaum+, +Juniperus Sabina+,

ist eine in Südeuropa, namentlich im Unterholz der Voralpenregion

wild wachsende, bei uns in Parkanlagen und Gärten kultivierte

Konifere, welche teils in Strauch-, teils in Baumform vorkommt. Der

Sadebaum ist charakterisiert durch immergrüne, zypressenähnliche

Zweige (Summitates Sabinae) von unangenehmen Geruch, welche

dicht besetzt sind mit meist glatt anliegenden, dachziegelartig

angeordneten, rautenförmigen, bläulichgrünen, kleinsten (2-5 mm

grossen) Blättchen; die Zweige tragen zur Zeit der Reife rundliche,

blau bereifte Beeren. Der wirksame Bestandteil des Sabinakrautes ist

das =ätherische Sabinaöl= von der Formel C_{10}H_{16}, ausserdem das

=Sabinol=, ein zu den Säureanhydriden gehöriger, sehr giftiger Stoff.

Auch der +gemeine Wacholder+, +Juniperus communis+, welcher

das ätherische Wacholderöl, Oleum Juniperi, enthält, sowie der

+virginische Wacholder+, +Juniperus virginiana+, dessen ätherisches

Oel aus Zedernkampfer und Zedren besteht, kann zu Vergiftungen

Veranlassung geben.

=Wirkung.= Das ätherische Oel des Sabinakrautes wirkt ähnlich, aber

stärker als Terpentinöl +entzündungserregend+ auf +Schleimhäute+ und

+Nieren+; ausserdem besitzt es eine spezifische +tetanische+ Einwirkung

auf den +Uterus+ (Abortivum beim Menschen). Das +Sabinol+ ist angeblich

ein +Blutgift+ (Hämoglobinämie). Die Sadebaumspitzen sind namentlich

für die Wiederkäuer (Rinder und Schafe) und Hunde ein stark reizendes

Gift. Nach +Hertwig+ sterben Hunde auf 15-22 g Sadebaumspitzen an

Magendarmentzündung, wenn durch Unterbindung des Schlundes das

Erbrechen verhindert wird; dagegen ertragen Pferde Dosen von 120-360 g

und darüber längere Zeit hindurch ohne Schaden. Die Einwirkung auf den

+Uterus+ ist nach einigen keine direkte, spezifische, sondern eine rein

sekundäre, indem bei grösseren Dosen von Sabinakraut eine Hyperämie und

Entzündung aller Beckenorgane, also auch des Uterus mit nachfolgendem

Abortus eintreten soll. Bei der +Sektion+ findet man die Erscheinungen

der Gastroenteritis, Nephritis und Zystitis.

Klinische Beobachtungen über Sabinavergiftung bei den Haustieren

finden sich in der tierärztlichen Literatur eigentümlicherweise nicht.

Dagegen hat +Cagnat+ (Repertorium 1860) nach der Aufnahme des gemeinen

Wacholders vereinzelt bei Ziegen Durchfall und tödliche Vergiftung

beobachtet.

Kampfervergiftung.

=Allgemeines.= Der im +Kampferbaum+, +Cinnamomum Camphora+ (China,

Japan) enthaltene Kampfer stellt ein festes ätherisches Oel von

der Formel C_{10}H_{16}O dar, welches in verschiedenen Formen und

zwar sowohl in reinem Zustande als in Lösungen (Kampferspiritus,

Kampferöl, Kampferlinimente etc.) therapeutisch verwendet wird.

Vergiftungen ereignen sich nach der innerlichen Anwendung zu grosser

Dosen. Eine solche Kampfervergiftung nach der Einverleibung von

Kampferspiritus hat +Schwanefeldt+ (Berliner Archiv 1885) und +von

Ow+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1889) beim Rind beobachtet und beschrieben.

=Wirkung.= Der Kampfer wirkt ähnlich wie das Terpentinöl reizend und

+entzündungserregend+ auf die Schleimhaut des +Magens+ und +Darmes+.

Er erzeugt daher in grossen innerlichen Gaben die Erscheinungen

der +Gastroenteritis+. So hat +Schwanefeldt+ beim Rind nach dem

Eingeben von Kampferspiritus eine kruppöse Darmentzündung beobachtet.

Neben dieser lokal reizenden Wirkung besitzt der Kampfer eine

+erregende+ Wirkung auf das +Nervensystem+. Dabei scheint der Kampfer

eigentümlicherweise subkutan in Form von Kampferöl viel weniger giftig

zu wirken, als per os. +Ich habe bei sehr vielen brustseuchekranken

Pferden das Kampferöl+ (1 : 4) +in Einzeldosen von+ 50 bis 150 g

(= 12-40 g +Kampfer+) +und in Tagesdosen von+ 100 bis 250 g (= 25-60

g +Kampfer+) +subkutan ohne jede Vergiftungserscheinung subkutan

angewandt+. Giftiger scheint der Kampfer bei innerlicher Verabreichung

zu wirken. Versuche von +Hertwig+ haben in dieser Beziehung folgendes

ergeben: +Kleine+ Gaben per os (4-8,0 bei Pferden und Rindern;

2-4,0 bei Schafen; 0,5-2,0 bei Hunden) hatten höhere Rötung der

Maulschleimhaut, Nasenschleimhaut und Konjunktiva, kräftigeren, um

1-8 Schläge beschleunigten Puls, etwas hellere Rötung und schnellere

Gerinnung des Aderlassblutes, sowie Kampfergeruch der ausgeatmeten Luft

zur Folge. +Grössere+ Gaben per os (15-30,0 bei Pferden und Rindern;

4-6,0 bei Schafen; 2-4,0 bei Hunden) erzeugten dieselben Erscheinungen,

nur im höheren Grade, ausserdem leichte +Zuckungen+ der Lippen, der

Muskeln des Hinterkiefers und Halses, sowie der oberflächlichen Muskeln

der Hinterschenkel. Die Zuckungen wiederholten sich in ungleichen

Zwischenräumen und traten etwas später ein, als die Veränderungen des

Pulses. Die Empfindlichkeit war erhöht, die Atmung schneller, der Puls

zuletzt kleiner; die ausgeatmete Luft roch sehr stark nach Kampfer.

Sehr grosse Gaben per os (60-120,0 bei Pferden und Rindern; 8-15,0

bei Schafen; 4-12,0 bei Hunden) erzeugten zunächst eine allgemeine

erregende Wirkung auf das Herz, den Puls, die Atmung, die Schleimhäute.

Dann kamen aber bald plötzlich eintretende +Konvulsionen+ mit

Erschütterung des ganzen Körpers, den Wirkungen +elektrischer Schläge+

vergleichbar, +starrkrampfähnliche Kontraktionen+ der Streckmuskeln

des Halses (Orthotonus), sowie +Kaukrämpfe+. Gleichzeitig war die

+Empfindlichkeit sehr erhöht+; das geringste Geräusch löste die

Krampfanfälle aus. Manche Tiere stürzten während der Krämpfe zusammen

wie bei +Epilepsie+, indem sie am Boden mit den Beinen strampelten. Das

+Bewusstsein+ war +frei+. Die Dauer der Krämpfe betrug 4-12 Stunden.

Zuweilen wurden auch +Kolikerscheinungen+, +Harndrang+, sowie häufiges

Ausschachten ohne zu urinieren beobachtet. +Tödliche Dosen+ (dieselben

betrugen beim Pferd per os 60-180,0, beim Hund ab 8,0, beim Schaf

ab 15,0; die einzelnen Tiere zeigten indessen starke individuelle

Verschiedenheiten) erzeugten nach den Krämpfen +Lähmung+ des

+Hinterteils+ (bei Hunden und Schafen), +Verlust+ des +Sehvermögens+,

des +Gehörs+, +Gefühls+ und schliesslich auch des +Bewusstseins+,

starke +Betäubung+ und unter apoplektiformen Erscheinungen den Tod.

Bei der +Sektion+ war ein starker Kampfergeruch in allen Organen,

Entzündung der Magendarmschleimhaut, insbesondere im Dickdarm, höhere

Rötung der Blasenschleimhaut, ferner starke Hyperämie der Hirnhäute,

des Grosshirns und Rückenmarks, sowie des Kleinhirns, Hirnknotens und

verlängerten Marks zu konstatieren.

Der +Nachweis+ einer Kampfervergiftung ist leicht schon durch den

Geruch zu führen. Die +Behandlung+ besteht in der Verabreichung

einhüllender, schleimiger Mittel, sowie von Beruhigungsmitteln.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 37 / 50 段