Entstehungsweise. Zunächst ist mehrfach beobachtet worden, dass der
geröstete Flachs bezw. das in den Flachsrösten enthaltene Wasser bei
Schafen (+Güttlich+), Hunden, Gänsen (+Spinola+), ja selbst bei Fischen
(+Gerlach+) giftig gewirkt hat. Nach +Malzew+ (Petersburger Archiv für
Veterinärkunde 1887) erkrankte in einem russischen Dorfe sämtliches
Vieh durch den Genuss des Flusswassers, in welchem Flachs eingeweicht
wurde. Weiter sind Vergiftungen nach der Verfütterung von missratenem,
zu kurz gebliebenen Flachs bei Kühen und Schafen beobachtet worden.
Endlich haben die Leinsamenkapseln, wenn sie in allzugrosser Menge
aufgenommen wurden, zuweilen Veranlassung zu Vergiftungen gegeben.
Dass im übrigen der Flachs nur in grossen Mengen giftig wirkt, zeigen
die Versuche von +Harms+ (Hannoverscher Jahresbericht 1872 und 1873),
welcher einem Rind 15 Pfund grünen Flachs sowie einem Ziegenlamm 150
g grüner Samenkapseln und 50 g trockener Samenkapseln ohne Nachteil
verabreichte, sowie ein Versuch von +Schmidt+ (Magazin Bd. 29), welcher
bei einem Schaf erst nach Verfütterung von 12 kg Samenkapseln eine
tödliche Vergiftung herbeiführen konnte.
Ueber den im Flachs enthaltenen Giftstoff ist mit Sicherheit nichts
bekannt (Linamarin?). Aus den Vergiftungserscheinungen ist zu
entnehmen, dass es ein +scharf-narkotischer+ Stoff ist, welcher
vielleicht mit dem im Purgierflachs enthaltenen Linin identisch ist.
Die Krankheitserscheinungen bestehen in +heftiger Kolik+, +Durchfall+,
+Tympanitis+, +Unruheerscheinungen+, +Krämpfen+, +Harnverhaltung+,
+Zittern+ und +Taumeln+. Bei der Sektion findet man die Schleimhaut
des Magens und Darmes mehr oder weniger hochgradig entzündet. Die
Behandlung der Vergiftung ist eine symptomatische (Opium, schleimige
Mittel); als Gegengift kann Tannin gegeben werden.
=Kasuistik.= Von den in der Literatur enthaltenen klinischen Fällen
von Flachsvergiftung sind folgende bemerkenswert. +Prietsch+
(Sächs. Jahresbericht 1868) sah 7 Kühe nach der Verfütterung von
abgemähtem missratenem Flachs unter Kolikerscheinungen erkranken und
2 davon im Verlaufe eines Tages sterben; bei der Sektion fand man
die Schleimhaut des Lösers und Dünndarms stark entzündet und den
Darminhalt sehr flüssig. Nach +Sipp+ (Preuss. Mitteil. Jahrg. 7)
zeigten Kühe unmittelbar nach der Aufnahme von zu kurz gebliebenem
Flachs Kolikerscheinungen, Stöhnen, Zittern, grosse Angst und
Taumeln. +Semmer+ (Deutsche Zeitschrift für Tiermedizin 1877) sah
bei Schweinen nach der Verfütterung von Leinsamenkapseln öfters
massenhafte Todesfälle; bei der Sektion wurde Fettdegeneration der
Leber und Nieren, sowie teerartiges Blut gefunden. Weitere Fälle sind
von +Güttlich+ (Preuss. Mitt. 1882), von +Huffelen+ (Bullet. Belg.),
+Lüdersdorf+ (Ann. der Landwirtschaft 1858) u. a. beschrieben worden.
Eserinvergiftung.
=Allgemeines.= Das in der +Kalabarbohne+ (Physostigma venenosum,
afrikanische Papilionazee) enthaltene Alkaloid Eserin (Physostigmin)
hat seit seiner Anwendung als Abführmittel beim Pferd und
Rind in mehreren Fällen schon in mittleren therapeutischen
Dosen Vergiftungserscheinungen bedingt. Diese giftige Wirkung
therapeutischer Eserindosen ist, wie ich a. a. O. (Monatshefte
für praktische Tierkeilkunde 1890) gezeigt habe, auf verschiedene
Ursachen zurückzuführen. In erster Linie ist die Inkonstanz der
chemischen Handelspräparate, welche je nach der Darstellung
verschiedenartige, in chemischer Beziehung durchaus nicht
einheitliche Produkte sind, als Ursache zu bezeichnen. In zweiter
Linie kann die giftige Wirkung sonst unschädlicher Dosen durch ein
abweichendes Verhalten des Tierkörpers bezw. Individuums bedingt
sein. In dieser Beziehung sind Pferde mit chronischen Krankheiten
der Atmungsorgane (Emphysem, chronische Bronchitis, chronische
Pneumonie), sowie solche Pferde, welche an Kolik infolge starker
Ausdehnung und mechanischen Hindernissen im Magen und Darm, sowie
an Herzschwäche im Verlauf der Kolik leiden (hohe Pulsfrequenz),
besonders empfindlich gegen sonst normale Dosen von Eserin, indem
sie unter der Einwirkung des Eserins teils an Lungenödem, teils an
Magen- und Darmruptur, teils an Herzlähmung zugrunde gehen können. In
einzelnen Fällen ist die Giftwirkung sonst unschädlicher Eserindosen
auf die Art und Weise der Injektion, sowie auf eine individuelle
Idiosynkrasie der betreffenden Tiere zurückzuführen.
=Krankheitsbild.= Das Eserin wirkt +tetanisierend+ auf alle +glatten
Muskelfasern+ des Körpers, namentlich auf die des +Darmes+,
ausserdem +erregend+ auf die +Sekretion+ der +Schweissdrüsen+,
+Tränendrüsen+ und +Speicheldrüsen+. In giftigen Dosen erzeugt
es ausserdem +Krämpfe der quergestreiften Körpermuskulatur+ mit
späterer +Muskellähmung+, sowie +Lähmung der Atmung+ (+Lungenödem+)
und des +Herzens+. Die Vergiftungserscheinungen bestehen daher in
+heftiger Kolik+, +anhaltendem, profusem Durchfall+, +Zittern+,
+ausgebreiteten Muskelzuckungen+, +grosser Schreckhaftigkeit+, +grosser
Atmungsnot+, +Schweissausbruch+, +Speicheln+, +Tränenfluss+, +häufigem
Harnabsatz+, +Pupillenverengerung+, +Schwäche+, +Hinfälligkeit+,
+allgemeiner Lähmung+. In einzelnen Fällen wurde ausserdem eine
sehr starke +zerebrale Erregung+ beobachtet, welche sich in
maniakalischen, tobsuchtartigen Anfällen, hochgradiger Aufregung, sowie
Zwangsbewegungen (Drängen nach vorwärts) äusserte.
Das Eserin ist namentlich für +Fleischfresser+ ein ausserordentlich
heftiges Gift. Nach meinen Beobachtungen starben kleine Hunde schon
nach 5, grössere nach 10 mg. Katzen und Kaninchen starben nach 2-3
mg. +Pferde+ und +Rinder+ ertragen relativ viel grössere Dosen.
Ich habe einem mittelgrossen, älteren Versuchspferd ½ g Eserinum
sulfuricum subkutan injiziert, wonach zwar eine schwere, aber nicht
tödliche Vergiftung auftrat. Nach +Feser+ werden auch vom +Rind+
verhältnismässig hohe Dosen ohne Nachteil ertragen, so subkutan 1 mg
Physostigmin pro kg Körpergewicht = 0,3 pro dosi, stomachikal das
10fache; nur in einem Fall trat nach der subkutanen Injektion von 0,17
bei heftigem Husten und Rülpsen infolge Eindringens von Futterbrei
in die Bronchien Erstickung auf. +Subkutan+ sind 0,03 ohne sichtbare
Wirkung, 0,06 von geringer, 0,1 von kräftiger Wirkung; 0,15-0,17
erzeugen heftiges Purgieren; nach 0,3 tritt die Wirkung schon nach 5
Minuten unter starker Dyspnöe, Muskelzittern etc. auf. +Innerlich+
gegeben wirkt Physostigmin beim Rind auffallend schnell in relativ
geringen Dosen; so rufen 0,15 schwaches Purgieren, 0,3 starkes
Purgieren, 0,7 dasselbe mit deutlichen Kolikerscheinungen, 0,9-1,0
Purgieren unter Stöhnen und Aechzen, 1,5 sehr heftiges Purgieren, 3,0
ebenfalls sehr heftiges Purgieren unter Zittern und Atemnot hervor.
Dieselbe Wirkung hat die Einspritzung in den Wanst. Sehr empfindlich
sind im Gegensatz zum Rind die kleinen Wiederkäuer (+Schafe+,
+Ziegen+), gegenüber dem Eserin (+Kunke+). +Schweine+ scheinen dagegen
wenig empfindlich gegenüber dem Eserin zu sein; sie zeigen nach +Frank+
selbst in subkutanen Gaben von 0,1 keine sichtbare Wirkung.
=Behandlung.= Das wichtigste Gegengift des Eserins ist das +Atropin+,
ein physiologisches Antidot, welches erregend auf die durch das
Eserin gelähmten Zentralorgane der Atmung und des Herzens sowie
sekretionsbeschränkend auf die Körperdrüsen wirkt. Man gibt es Pferden
und Rindern subkutan in Dosen von 0,05-0,1. Ausserdem kann man
+Skopolamin+ (+Hyoszin+), Veratrin und Koffein anwenden. Gegen die
Erregungserscheinungen gibt man Sedativa (Morphium, Chloralhydrat,
Bromkalium).
=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des Physostigmins aus dem
Untersuchungsmaterial ist deshalb mit grossen Schwierigkeiten
verknüpft, weil dasselbe eines der am leichtesten zersetzlichen
Alkaloide ist und sich schon am Licht rot färbt. Die Extraktion muss
daher im +dunklen Raume+ und bei möglichst +niederer Temperatur+
vorgenommen werden. Dieselbe geschieht am besten nach der Methode von
+Dragendorff+ (vgl. S. 199) aus alkalischer wässeriger Lösung durch
Ausschütteln mit +Benzol+ (oder Amylalkohol oder Chloroform). Von den
Reaktionen auf Physostigmin ist zunächst wichtig die +physiologische+
Reaktion, welche darin besteht, dass beim Einbringen der Lösung
des Mittels in das Auge eines Kaninchens oder Meerschweinchens
+Pupillenverengerung+ noch bei Anwesenheit von 1/2000 mg Eserin
eintritt. Die +chemischen+ Reaktionen des Physostigmins sind folgende:
In erwärmter Ammoniakflüssigkeit löst sich das kleinste Kriställchen
Eserin zu einer gelblichroten Flüssigkeit, welche beim Eindampfen im
Wasserbad einen blauen oder blaugrauen, in Weingeist mit blauer Farbe
löslichen Rückstand hinterlässt (Eserinblau). In einem Tröpfchen
Schwefelsäure löst sich der Verdampfungsrückstand mit +grüner+ Farbe,
welche bei allmählicher Verdünnung mit Weingeist in +rot+ übergeht.
=Kasuistik.= +Friedberger+ (Münchener Jahresbericht 1884) beobachtete
bei einem 300 kg schweren, 18jährigen, mageren, bis auf hochgradiges
Lungenemphysem relativ gesunden Wallach nach der subkutanen Injektion
von 0,1 Physostigminum sulfuricum eine schwere Vergiftung. Eine halbe
Stunde nach der Injektion traten nämlich neben der spezifischen
Wirkung auf den Darmkanal starke Aufregung, feuriger Blick, Drängen
nach vorwärts, starkes Abbeugen des Kopfes, sowie intensives
Muskelzittern im Hinterteil ein; diesen Erscheinungen folgte nach
etwa 1½ Stunden tiefe Ermattung, welche auch in den nächsten Tagen
noch andauerte. Weiterhin stellten sich rascher Kräfteverfall,
Drängen beim Vorwärtsgehen, unsicherer, ataktischer Gang, sowie am
5. Tage förmliche maniakalische Erscheinungen und Beisswut ein,
so dass das Pferd getötet werden musste. +Albrecht+ (Der Tierarzt
1888) hat ebenfalls nach der Injektion von 0,1 Eserin bei einem
schweren Bauernpferde eine 10 Tage lang andauernde Vergiftung,
bestehend in heftigem Muskelzittern, Schwanken, Zusammenknicken,
Benommenheit, Pupillenerweiterung, Puls- und Atmungsbeschleunigung,
sowie Herzschwäche beobachtet. Im Gegensatz hierzu hat +Klemm+ (Bad.
Mitt. 1884) über Beobachtungen berichtet, wonach bei Pferden Dosen
von 0,2 Eserin 5mal hintereinander in vierstündigen Pausen, mithin
ein ganzes Gramm Eserin innerhalb 24 Stunden ohne Gefahr angewandt
wurden. Auch in der Rindviehpraxis kommen Fälle vor, in welchen
einzelne Rinder auf Durchschnittsdosen des Eserins ganz auffallend
stark reagieren. So hat +Albrecht+ 3 Fälle beschrieben, in welchen
bei Rindern nach der subkutanen Injektion von 0,15 Eserin schwere
Respirationsstörungen, sowie ganz exzessive Erregungserscheinungen
auftraten. +Ripke+ sah bei einem Rind schon nach der Injektion von
0,1 Eserin Atemnot, Schäumen und Schwäche auftreten; ein anderes Rind
starb sogar nach 6 Stunden. Für Ziegen wirkten in einem Fall schon
0,04 g Eserin giftig (+Gobbels-Copette+, Belg. Annal. 1895).
Pilokarpinvergiftung.
=Allgemeines.= Das in den +Jaborandiblättern+ (Pilocarpus
pennatifolius, brasilianische Rutazee) enthaltene Alkaloid Pilokarpin
wirkt ebenfalls zuweilen wie das Eserin in therapeutischen Dosen
giftig, was teils auf die Inkonstanz der Präparate, teils auf
gewisse individuelle Körperzustände zurückzuführen ist. Besonders
gefährlich hat sich das Pilokarpin wegen des drohenden Lungenödems
bei chronischen Lungen- und Herzkrankheiten, sowie bei Behinderung
des Abschlingens (Pharyngitis) erwiesen.
=Krankheitsbild.= Das Pilokarpin bewirkt in erster Linie eine
+gesteigerte Sekretion der Drüsen+ (Speicheldrüsen, Schweissdrüsen,
Bronchialdrüsen, Darmdrüsen), in zweiter Linie eine Kontraktion der
+glatten Muskelfasern+ (Magen-Darmkanal, Sphincter pupillae). Die
Vergiftungserscheinungen bestehen in abundanter +Speichel-+ und
+Schweisssekretion+, +hochgradiger Dyspnoe+, +Durchfall+, +psychischen
Erregungs-+ und +Lähmungserscheinungen+. Wie beim Eserin werden auch
zuweilen durch das Pilokarpin tobsuchtartige Anfälle hervorgerufen.
Der Tod erfolgt in einzelnen Fällen apoplektisch, meist wird er jedoch
durch Erstickung infolge von Lungenödem bedingt.
=Behandlung.= Das wichtigste Antidot der Pilokarpinvergiftung ist wie
beim Eserin das +Atropin+, welches ein starkes Erregungsmittel für das
Herz und die Atmung ist. Man gibt es Pferden und Rindern subkutan in
wiederholten Dosen von 0,05-0,1.
=Nachweis.= Das Pilokarpin wird genau so wie Eserin abgeschieden
(extrahiert). Die +physiologische+ Reaktion (Pupillenverengerung)
ist ebenfalls dieselbe wie beim Eserin; ausserdem kann die
speicheltreibende Wirkung als Reagens verwertet werden. Dagegen
unterscheidet es sich vom Eserin durch eine charakteristische
Farbenreaktion: mit +rauchender Salpetersäure+ tritt nämlich eine
leichte +Grünfärbung+ ein.
=Kasuistik.= +Friedberger+ (Deutsche Zeitschrift für Tiermedizin
1884) berichtet, dass bei einigen Pferden schon kleine Dosen
ungewöhnlich hochgradige Erscheinungen veranlassten, und dass die
Patienten insbesondere von hohen Dosen ungleich stark beeinflusst
wurden. +Siedamgrotzky+ (Sächs. Jahresber. 1886) sah bei Pferden
nach Dosen von 0,5-1,0 Pilokarpin gefahrdrohende Erscheinungen
eintreten. +Lies+ (Tiermed. Rundschau 1886/87) warnt vor grösseren
Dosen Pilokarpin, nachdem ihm ein Pferd nach der Injektion von
1,0 Pilokarpin apoplektisch verendete. +Hoffmann+ (ibid. 1887)
beobachtete bei einem Pferd nach 0,8 Pilokarpin gefahrdrohende
Dyspnoe, bei einem anderen nach 1,1 eine tödliche Vergiftung. +Dette+
(ibid. 1888) sah nach der Injektion von 0,7 Pilokarpin ein Pferd
innerhalb 3 Stunden wie vom Schlage gerührt zusammenstürzen, worauf
sich neben einer schweren Allgemeinaffektion tobsuchtartige Zufälle
einstellten, so dass dasselbe getötet werden musste. +Jungers+ (Der
Tierarzt 1883) konstatierte bei Pferden auf die Einspritzung von
0,8 Pilokarpin 8 Tage lang ein schläfriges, kolleriges Benehmen.
+Maximilian+ (Berliner Archiv 1888) beobachtete 2mal, dass
sich 2 Tage nach der Pilokarpininjektion die Erscheinungen der
Pilokarpinwirkung wiederholten. +Philippi+ (Sächs. Jahresber. 1888)
sah nach der Einspritzung von 0,3 Pilokarpin bei einem gehirnkranken
Pferd Taumeln, 6 Stunden anhaltende Bewusstlosigkeit und dann
Tobsucht und Laufwut. +Rust+ und +Cleve+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1890)
beobachteten ebenfalls bei Gehirnentzündung nach 0,3 Pilokarpin
Atemnot und Erstickung im eigenen Speichel. +Overbeck+ (Holl.
Zeitschr. 1898) sah ein Pferd mit Pleuritis nach einer Injektion von
0,3 Pilokarpin unter Schweissausbruch und Dyspnoe innerhalb 4 Stunden
sterben. Nach +Kunke+ (Diss. Bern 1908) sind Schafe und Ziegen
besonders empfindlich gegen Pilokarpin, indem sie schon nach 0,03
bezw. 0,04 g Vergiftungserscheinungen zeigen (Lungenödem).
Arekolinvergiftung.
=Allgemeines.= Das in der +Arekanuss+ (Areca Catechu, Palme)
enthaltene Alkaloid Arekolin von der Formel C_{18}H_{13}NO_{2} wird
seit 15 Jahren (vergl. meine diesbezüglichen Untersuchungen in den
Monatsh. f. prakt. Tierheilk. 1894) in der Tierheilkunde allgemein
als Ersatz des Eserins und Pilokarpins namentlich bei der Kolik
und Hufrehe der Pferde angewandt. Vergiftungsfälle sind trotz des
häufigen Gebrauches in der Literatur nur vereinzelt beschrieben
worden. Wie beim Eserin und Pilokarpin scheinen einzelne Pferde
auch gegenüber dem Arekolin eine individuelle Empfindlichkeit zu
besitzen. Ausserdem können bei herzkranken Pferden, sowie bei
bereits eingetretener Herzschwäche (Kolik) unter Umständen schon
mittlere Dosen giftig wirken. Beim Gebrauch der Arekanuss als
Wurmmittel sind Vergiftungen bisher nicht beobachtet worden; ihre
angebliche besondere Giftigkeit für das Geflügel hat sich nach den
Untersuchungen von +Gizelt+ nicht bestätigt.
=Krankheitsbild.= Das Arekolin wirkt wie eine Kombination von
Pilokarpin und Eserin (+Drüsen-+ und +Darmreizung+). Therapeutische
Dosen (0,02-0,1) erzeugen beim Pferd Speichelfluss, Durchfall und
Schweissausbruch. Die Arekolinvergiftung tritt bei gesunden Pferden von
0,25 ab, bei Herzkranken und Kolikkranken (Herzschwäche) von 0,08 ab
ein und äussert sich in +epileptiformen+ und +tetanischen Krämpfen+,
+Herzlähmung+ und +Atmungslähmung+. Die Dosis von 0,5 g wirkt nach
meinen Versuchen für Pferde tödlich.
Die +Behandlung+ der Arekolinvergiftung ist die gleiche, wie bei
der Vergiftung durch Pilokarpin und Eserin; sie besteht in der
Verabreichung von +Atropin+ oder +Skopolamin+ (Hyoszin) als Gegengift.
Auch der physiologische Nachweis ist derselbe. Chemische Reaktionen des
Arekolins sind Braunfärbung (Niederschlag) mit Jodlösung, Gelbfärbung
mit Bromwasser.
=Kasuistik.= Ein 4jähriges, kolikkrankes Ackerpferd, das, wie sich
nachher herausstellte, schon längere Zeit vorher herzleidend war (die
Sektion ergab chronische Endokarditis und Perikarditis), erhielt
0,08 Arekolin subkutan eingespritzt. Einige Minuten darauf wurde es
sehr unruhig, schlug um sich, bekam Atemnot, zeigte roten, blasigen
Schaum an beiden Nasenöffnungen und verendete 8-10 Minuten nach der
Injektion an Herzlähmung und Lungenödem. Der Besitzer teilte mit, das
Pferd sei schon vor Eintritt der Kolik im Acker sehr bald schlaff
und müde geworden und habe sich sehr schlecht genährt (+Wöhner+,
Woch. f. Tierh. 1906). Ein 14jähriges Pferd erhielt gegen Rehe 0,1
Arekolin; schon 2 Minuten nach der Injektion zeigte es sehr starke
Vergiftungserscheinungen, welche über eine Stunde anhielten; das
Pferd erholte sich erst wieder in einigen Tagen (+Olsen+, Dän. Mon.
1900). Nach +Titus+ (Jowa 1907) starb eine Kuh mit Gebärparese
nach 0,1, ein Schaf nach 0,01 Arekolin. Rinder sind überhaupt sehr
empfindlich gegen Arekolin, indem sie oft schon bei 0,1 g bedrohliche
Atemnot zeigen (+Kunke+, Diss. Bern 1908). Neuere Untersuchungen
über die Wirkung des Arekolins auf die einzelnen Tiergattungen sind
von +Ruckelshausen+ (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde 1910)
veröffentlicht worden.
Vergiftung durch Bucheckern-Oelkuchen.
=Botanisches.= Die +Bucheckern+ oder +Bucheln+ sind die 3kantigen
Früchte der Rotbuche, Fagus silvatica (Kupulifere). Sie bestehen aus
einer braunen, harten Schale und einem ölhaltigen Kern und werden
behufs Gewinnung des Bucheckernöls ausgepresst. Die Pressrückstände,
welche im wesentlichen aus den braunen Schalen bestehen, werden als
„Bucheckern-Oelkuchen“ bezeichnet und in manchen Gegenden an die
Haustiere verfüttert. Sie enthalten einen sehr giftigen Stoff, das
Fagin, eine mit dem Cholin verwandte, trimethylaminähnliche Base.
Das Fagin findet sich namentlich in der Schale, in geringeren Mengen
ferner in der Gerüstsubstanz des Kerns; das ausgepresste Bucheckernöl
ist dagegen ungiftig.
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Vergiftungen durch
Bucheckern-Oelkuchen ereignen sich immer nur nach Aufnahme grösserer
Mengen derselben. Am empfindlichsten sind +Pferde+, bei welchen schon
½-1 kg Oelkuchen eine schwere und nach 1½ kg eine tödliche Vergiftung
eintritt. Dagegen sollen nach +Pusch+ Rinder wenig oder gar nicht
empfindlich sein (vergl. übrigens die von +Kammerer+ und +Vaeth+
mitgeteilten Fälle von Vergiftung). Das Fagin tötet Katzen in Dosen von
0,4 g. Das Bucheckerngift hat in seiner Wirkung viel Aehnlichkeit mit
dem +Eserin+, +Nikotin+, +Strychnin+ und +Trimethylamin+; es erzeugt
nämlich +Darm-+ und +Muskeltetanus+. Die Vergiftungserscheinungen
beginnen gewöhnlich mit einem sehr +heftigen Kolikanfall+, in
dessen Verlaufe sich die +Schmerzen+ bis zur +Tobsucht+, +Raserei+
und +Selbstzerfleischung+ steigern können. Ausserdem beobachtet
man +Schreckhaftigkeit+, sowie +tetanische+, an +Strychnintetanus
erinnernde Krämpfe von ausserordentlicher Heftigkeit+, abwechselnd
mit +Betäubung+, +Bewusstlosigkeit+, +Schwanken+, +Taumeln+,
+Zusammenstürzen+ und +vollständiger Lähmung+. Der Verlauf der
Vergiftung ist meist sehr akut, indem die Tiere schon nach einigen
Stunden unter den Erscheinungen der Erstickung zugrunde gehen können;
für gewöhnlich ist der Ausgang der Vergiftung innerhalb 12 Stunden
entschieden. Der +Sektionsbefund+ ist wenig charakteristisch.
Neben suffokatorischen Erscheinungen findet man bisweilen starke
ödematöse Durchtränkung und selbst Flüssigkeitsansammlung im Gehirn
und Rückenmark; zuweilen zeigt auch die Magen- und Darmschleimhaut
umschriebene, fleckige Rötungen. Die +Behandlung+ ist neben der
Anwendung von Abführmitteln und der Verabreichung von Tannin als
chemischem Antidot eine rein +symptomatische+. Sie besteht in der
Anwendung von Beruhigungsmitteln, vor allem in der subkutanen
Injektion von +Morphium+. Der Nachweis der Vergiftung wird auf
botanischem Wege gesichert.
=Kasuistik.= Nach +Wanner+ (Schweizer Archiv für Tierheilkunde
1889) erhielten 2 Pferde eines Müllers grössere Mengen gemahlener
Bucheckern-Oelkuchen mit heissem Wasser zu einem Brei angerührt.
Das eine Pferd hatte 2 Pfund, das andere 3 Pfund aufgenommen. Beide
Pferde zeigten zunächst anhaltende Kolikerscheinungen und Schwanken
bei der Bewegung. Das erstere zeigte ferner bei der am Tage nach
der Aufnahme der Bucheckern vorgenommenen Untersuchung hochgradige
Schreckhaftigkeit, indem es bei der geringsten Berührung, ja sogar
bei einem blossen Geräusch, in äusserste Raserei geriet, welche
sich durch Beissen und Schlagen kundgab; ausserdem biss es sich
mindestens 300mal in die Vorderbrust. Eine genaue Untersuchung,
ja selbst eine Temperaturabnahme war unmöglich, da das Pferd
bei jeder Berührung biss und wie rasend ausschlug. Neben dieser
Schreckhaftigkeit waren periodische Lähmungserscheinungen in der
Nachhand zu bemerken, wobei das Pferd zu schwanken anfing und mit dem
Hinterteil nach einer Seite halb ging, halb fiel. Nach Verabreichung
von Pilokarpin und Morphium besserte sich der Zustand allmählich,
so dass die Krankheit innerhalb 12 Stunden gehoben war; es blieb
indessen eine 3tägige hochgradige Schwäche zurück. Das zweite Pferd
zeigte neben den Erscheinungen der Betäubung und Lähmung Krämpfe
und Zuckungen der gesamten Körpermuskulatur, sowie hochgradigen
Opisthotonus, wobei sich der ganze Vorderleib in die Höhe hob, so
dass das Pferd senkrecht auf die Hinterbacken zu sitzen kam und nach
rückwärts umfiel; dieser Vorgang wurde 8mal beobachtet. Das Pferd
verendete unter den heftigsten Konvulsionen. Bei der Sektion fand
man im Dünndarm und auf der Magenschleimhaut umschriebene, fleckige
Rötungen. Das Grosshirn zeigte eine auffallend seröse Durchtränkung,
sowie starke Gefässinjektion; dieselben Veränderungen waren im
verlängerten Mark und im Lendenmark nachzuweisen. -- +Kammerer+ und
+Vaeth+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1890) haben mehrere Vergiftungsfälle
beim Rind beobachtet; die Erscheinungen bestanden in Unruhe, Stöhnen,
Durchfall, Herzklopfen, Schwanken, Umfallen, sowie in schwarzroter
Verfärbung des Harns. -- +Hartenstein+ (Sächs. Jahresb. 1892) sah
bei zwei Pferden nach der Verfütterung von Oelkuchen tödliche Kolik.
-- +Pusch+ (Monatshefte f. prakt. Tierheilkunde 1893) verfütterte
Bucheckern an verschiedene Haustiere (exkl. Schweine, welche von
jeher mit Bucheckern gemästet werden). Pferde, Ziegen und Schafe
nahmen sie sehr ungern oder gar nicht, Rinder dagegen sehr gern auf.
Rinder erwiesen sich dabei wenig oder gar nicht empfänglich. Pferde
dagegen zeigten schon nach der Verfütterung von 2 Pfund Bucheckern
Krankheitserscheinungen; ein Fohlen starb sogar nach der Verfütterung
von 2¾ Pfund. Auch Ziegen scheinen die Bucheckern schlecht zu
vertragen. -- +Binder+ (Tierärztl. Zentralbl. 1908) sah nach
Verfütterung unreifer Bucheckern heftige Kolik, Durchfall, Tenesmus,
Krämpfe, grosse Schwäche und Hinfälligkeit, sowie Harnbeschwerden
bei den Haustieren auftreten; bei der Sektion wurde Nephritis und
Zystitis nachgewiesen.
Von älteren experimentellen und klinischen Untersuchungen über
die Bucheckern-Oelkuchen sind die Mitteilungen von +Gerlach+
(Gerichtl. Tierheilkunde 1872), +Hertwig+ (Magazin, Bd. 24), +Kaiser+
(Magazin, Bd. 25), +Hering+ (Württ. landw. Korrespondenzblatt 1825),
+Tscheulin+ (Kritisches Repertorium 1825) und +Herberger+ (Archiv des
Apothekervereins 1830) zu erwähnen.