=Allgemeines.= Das =Solanin= ist ein glykosidisches Alkaloid,

welches durch Kochen in Zucker und +Solanidin+, einen saponinartigen

Körper, zerfällt. Es ist in verschiedenen Solaneen enthalten: 1.

+Solanum tuberosum+, die +Kartoffel+, enthält Solanin in den +Samen+

(Beeren), in den +Keimen+, im +Kraut+ und unmittelbar vor der

Reife unter der Schale. 2. +Solanum nigrum+, der +Nachtschatten+,

ein auf Schutthaufen und an schattigen Plätzen wachsendes, bis 1

m hohes Kraut mit behaartem Stengel, buchtig gezahnten, ebenfalls

behaarten Blättern, weissen Blüten und schwarzen, glänzenden

Beeren gibt ebenfalls Veranlassung zu Solaninvergiftungen bei den

Haustieren. Dagegen sind bisher Vergiftungen nicht vorgekommen durch

die übrigen Solaneen: Solanum Dulcamara (Bittersüss), welches das

Dolkamarin, ebenfalls einen saponinartigen Giftstoff enthält, Solanum

Lycopersicum (Tomaten), Sol. mammosum (Jungfernbrust), Sol. Sodomaeum

und verbascifolium. In den Solaneen sollen ausser dem Solanin auch

noch atropin- und hyoszinähnliche Alkaloide mit mydriatischer Wirkung

enthalten sein. In der Kartoffel soll das Solanin nach +Weil+ (D.

med. W. 1902) nicht, wie bisher angenommen wurde, durch Keimung,

sondern durch Bakterienwirkung entstehen („Bacterium solaniferum“).

=Wirkung des Solanins.= Das Solanin wirkt +lähmend+ auf +Gehirn+,

+Rückenmark+ und +Herz+. Es besitzt demnach eine morphinartige Wirkung,

weshalb sich die Krankheitserscheinungen bei der Solaninvergiftung

häufig in +Betäubung+, +Schwanken+, +Taumeln+, +Kreuzschwäche+ und

+Lähmung+ äussern.

Nach den Untersuchungen von +Perles+ (Archiv für exper. Pathol. 1890)

wirkt das Solanin ausserdem nach Art der Saponine unter Umständen auch

örtlich +reizend+ (+Gastroenteritis+). Wie das Sapotoxin der Kornrade

soll auch das Solanin von der intakten Darmschleimhaut aus sehr schwer

resorbiert werden, woraus seine geringe Giftigkeit für gesunde Tiere

verständlich würde. +Diese zeitweise Verschiedenheit in der Wirkung des

Solanins, welche bald eine allgemeine, lähmende, bald eine örtliche,

reizende ist und häufig überhaupt nicht in die Erscheinung tritt,

erklärt vielleicht die abweichenden Angaben über das Krankheitsbild der

Solaninvergiftung bezw. Kartoffelkrautvergiftung+ (vgl. unten).

Bei der nervösen Form der Krankheit, wobei die Tiere zuweilen plötzlich

gelähmt umfallen und innerhalb weniger Minuten sterben, ist der

+Sektionsbefund+ gewöhnlich negativ. Bei der gastrischen Form findet

man dagegen die Erscheinungen der Gastroenteritis. -- Die +Behandlung+

besteht in der Verabreichung von Tannin und exzitierenden Mitteln.

=Krankheitsbild der Solaninvergiftung.= Solaninvergiftungen ereignen

sich bei den Haustieren am häufigsten nach der Aufnahme +keimender

Kartoffeln+, sowie von +Kartoffelkraut+. Die in der tierärztlichen

+Literatur+ als „Solaninvergiftungen“ bezeichneten Krankheitsfälle sind

übrigens bei genauerer Prüfung nur zum Teil als wirkliche Vergiftungen

durch Solanin aufzufassen. Es sind offenbar mehrere Erkrankungen,

welche durch Ueberfütterung mit Kartoffeln oder Kartoffelkraut, durch

Aufnahme verdorbener, gärender, zersetzter Kartoffel, durch verdorbene

Kartoffelschlempe, durch pilzbefallenes Kartoffelkraut usw. verursacht

waren, als Solaninvergiftungen beschrieben worden. Entsprechend der

verschiedenartigen Wirkung des Solanins kann man mehrere klinische

Formen der Solaninvergiftung unterscheiden, eine +nervöse+, eine

+gastrische+ und eine +exanthematische+.

1. Die =nervöse= Form ist die gewöhnliche Form der Solaninvergiftung.

Sie äussert sich im wesentlichen in Symptomen der +Betäubung+ und

+Lähmung+. Sie kann sich mit der gastrischen Form +komplizieren+. Die

tierärztliche Literatur enthält sehr zahlreiche Fälle der mehr oder

weniger reinen nervösen Form der Solaninvergiftung. Am häufigsten wird

dieselbe nach der Verfütterung von +Kartoffelkeimen+ beobachtet.

=Kasuistik.= +Koppitz+ (Oesterr. Vereinsmonatsschr. 1883)

beobachtete bei Kühen nach der Verfütterung keimender Kartoffeln

im Frühjahr Schwäche im Hinterteil sowie stupiden, teilnahmslosen

Gesichtsausdruck. Nach +Schwanefeld+ (Berl. Archiv 1885) äusserte

sich dieselbe Vergiftung bei einer Ziege in allgemeiner Paralyse.

+Eggeling+ (Preuss. Mitteil. 1882) beobachtete bei 8 Kühen am

Tag nach der Verfütterung von Kartoffelkraut Schreckhaftigkeit,

Aufregung, Schwäche im Kreuz und in den Hinterbeinen, sowie

Lähmung des Hinterteils. +Fuchs+ (Bad. Mitteil. 1870) sah nach der

Aufnahme von Kartoffelkraut bei Kühen Taumeln und Zittern, die

Tiere konnten sich nicht auf den Beinen erhalten, stürzten vielmehr

gelähmt zusammen. +Prahl+ (Preuss. Mitteil. 1868) beschreibt eine

Solaninvergiftung nach der Verfütterung von Kartoffelkraut bei 8

Kühen. Zwei derselben fielen plötzlich um, die eine starb nach

wenigen Sekunden, die andere lag 2 Tage gelähmt am Boden; die

übrigen zeigten Taumeln, Pupillenerweiterung und Seitwärtsstellung

des Kopfes. +Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde 1872) sah nach

der Aufnahme von Kartoffelbeeren Hühner unter den Erscheinungen

von Traurigwerden, Mattigkeit, Taumeln und Umfallen sterben. 8

Kühe erhielten infolge eingetretener Futternot stark gekeimte

Kartoffeln. Am 3. Tag zeigten sie Schwanken im Hinterteil, Zuckungen

in den Beinen, Unruhe, kurzes Atmen, Bohren und Stossen mit Kopf

und Hörnern in die Tröge, Verstopfung mit späterer Diarrhöe,

Betäubung, Apathie, Niederstürzen, Liegenbleiben, Zunahme der

Lähmungserscheinungen und Unempfindlichkeit im Hinterteil (Bild des

Festliegens). Auffallend war der faulige, penetrante Kotgeruch.

Nach dem Aussetzen der Fütterung und Einleitung einer Behandlung

verschwanden die Lähmungserscheinungen am 2. Tag, die enteritischen

Symptome jedoch erst am 8. Tag (+Walther+, Sächs. Jahresber. 1893).

Eine Kuh zeigte nach der Verfütterung von Kartoffelkraut Zittern,

taumelnden Gang und schliesslich vollständige Lähmung, so dass sie

unfähig war, sich zu erheben; gleichzeitig bestand übelriechender

Durchfall; das Tier ging nach dreiwöchentlicher Krankheitsdauer an

Erschöpfung zugrunde (+Hohenleitner+, Woch. f. Tierhlkde. 1894).

Als typische Symptome nach der Verfütterung von Kartoffelkraut beim

Rind beobachtete +Schulz+ (ibid. 1895) Lähmungserscheinungen in Form

von Schwanken und Festliegen, daneben bestand zuweilen Verstopfung,

Aufblähung und fast immer Ekzembildung auf der Haut. Die Kühe eines

Rittergutes erhielten pro Kopf und Tag 75 Pfd. gedämpfte Kartoffeln,

worauf sich bald bei fast allen Tieren neben hochgradigem Durchfall

eine derartige Lähmung des Hinterteils einstellte, dass die meisten

3-4 Tage nicht aufstehen konnten und die andern einen schwankenden

Gang zeigten (+Liebener+, Berl. Arch. 1889). Eine Kuh, welche

grosse Mengen keimender Kartoffeln erhielt, zeigte hochgradige

Mattigkeit, Unempfindlichkeit der Haut, Schlafsucht, Durchfall und

lag gelähmt auf der Seite. +Krüger+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1893,

S. 308) beobachtete bei einem mit Kartoffeln gefütterten Pferd

ausgesprochene Erscheinungen einer Solaninvergiftung. Nachdem das

Pferd 10 Tage hindurch als Ersatz für Hafer bis zu 10 Pfd. Kartoffeln

erhalten hatte, zeigte sich am 11. Tag grosse Schreckhaftigkeit,

Taumeln, Schwanken, Kreuzschwäche, Pupillenerweiterung, Lähmung des

Mastdarms und der Blase, sowie der Kaumuskeln, der Ohren-, Nasen-,

Lippen- und Lidmuskeln. Die Sektion des nach etwa 3wöchentlicher

Krankheitsdauer verendeten Pferdes ergab einen durchaus negativen

Befund. +Höhne+ (Berl. Arch. 1891, S. 369) sah bei Schafen nach der

Aufnahme roher gekeimter Kartoffeln Erscheinungen von rasendem Koller

und Kreuzlähmung eintreten. +Zimmermann+ (ibid.) beobachtete bei

Milchkühen, die fortgesetzt Kartoffelbrei aus gedämpften Kartoffeln

erhalten hatten, eine Massenerkrankung in Form von Kreuzschwäche

und Kreuzlähme. Nach +Maier+ (D. T. W. 1893) zeigte eine Kuh nach

der Fütterung erfrorener Kartoffeln Unvermögen aufzustehen, Liegen

mit zurückgeschlagenem Kopf, völlige Apathie, sowie Durchfall.

4 Rinder zeigten nach der Verfütterung gekeimter, gedämpfter

Kartoffeln Taumeln und Lähmungserscheinungen; eine Kuh war durch

leichten Händedruck zum Umfallen zu bringen; der Sektionsbefund

war durchaus negativ (+Lungwitz+, Sächs. Jahresber. 1897). Nach

+Albrecht+ (D. T. W. 1897) erkrankten nach der Verfütterung

gekeimter Kartoffeln, wobei auf 20 Pfd. Kartoffel täglich etwa 1

Pfd. Keime kamen, 4 Kühe unter den Erscheinungen von Durchfall,

schwankendem Gang, sowie Gebärparese ähnlicher Haltung beim Liegen.

+Haubold+ (Sächs. Jahresber. 1900) sah bei 18 Mastschweinen nach

der Verfütterung stark gekeimter Kartoffeln Schreckhaftigkeit,

Laufwut, seitliche Kopfhaltung, Pupillenerweiterung, Schwäche und

Lähmungserscheinungen; 2 Schweine verendeten nach kurzer Zeit.

+Schneider+ (Berl. tierärztl. Woch. 1902, S. 373) beobachtete eine

Massenerkrankung bei 1100 Schweinen eines Molkereibesitzers nach der

Verfütterung stark gekeimter Kartoffeln. Die Krankheitserscheinungen

bestanden in Teilnahmlosigkeit, Appetitlosigkeit, Mattigkeit,

Sopor, schwachem Puls, wässerigem Durchfall, Lähmung im Hinterteil

und niedriger Körpertemperatur. Die Sektion zweier Schweine ergab

ausser entzündlichen Erscheinungen im Fundusteil des Magens ein

negatives Resultat. +Spörer+ (W. f. T. 1903) sah bei 2 Kühen

und einem Pferd nach der Fütterung stark gekeimter Kartoffeln

und Topinambur Benommenheit und Schwäche, sowie Sistieren der

Wanstbewegung; es trat Heilung ein. +Seitz+ (ibid.) sah beim Rind

nach der Fütterung alter gekeimter Kartoffeln Betäubung, Schwanken,

Taumeln, allgemeine Lähmung (am Boden liegen), verlangsamte Atmung,

reaktionslose Kornea und Ptosis; trotzdem trat Heilung ein. +Grebe+

(Preuss. Vet. Ber. 1904) sah bei 7 Schweinen nach der Aufnahme

stark keimender Kartoffeln Schwanken, vollständige Lähmung der

Gliedmassen, Atemnot und Tod nach 6-10 Stunden. Nach +Döderlein+

(W. f. T. 1906) erkrankten 2 Kühe, die mit stark gekeimten

Kartoffeln gefüttert waren, unter Lähmungserscheinungen, starker

Benommenheit, Empfindungslosigkeit und Durchfall; nach subkutanen

Kampferinjektionen trat Heilung ein. Ein ähnlicher Fall (derselbe?)

wird in dem Preuss. Vet. Ber. pro 1907 beschrieben.

2. Die =gastrische= Form der Solaninvergiftung äussert sich

hauptsächlich in +Durchfall+, +Meteorismus+, +Erbrechen+,

+Speichelfluss+ und sonstigen Erscheinungen des +Magendarmkatarrhs+;

Lähmungserscheinungen fehlen. Dagegen hat man zuweilen aphthöse

Prozesse auf der Maulschleimhaut beobachtet. Diese reizende,

saponinähnliche Wirkung des Solanins findet man namentlich nach der

Verfütterung von grünem +Kartoffelkraut+. Dieselbe lässt sich auch

experimentell bei Versuchstieren herbeiführen. Zwei von +Hess+ und

+Wüthrich+ (Die Wirkung des grünen Kartoffelkrauts, Bern 1895) mit

Kartoffelkraut gefütterte Kühe zeigten schon nach 36 Stunden akutes

Aufblähen sowie intensiven Magendarmkatarrh mit Speichelfluss und

Rückgang der Milchsekretion. Die tierärztliche Literatur enthält

ebenfalls einige klinische Fälle dieser Vergiftungsform. Nach

+Körber+ (Preussische Mitteil. Bd. 5) zeigten 3 Kühe, an welche im

Frühjahr angefaulte und gekeimte Kartoffeln verfüttert worden waren,

unterdrückte Futter- und Wasseraufnahme, Niedergeschlagenheit,

+wässerigen Durchfall+, unwillkürlichen Abgang stinkender Massen,

Sinken der Körpertemperatur, Blässe der Schleimhäute und schliesslich

kaum fühlbaren Puls. Sie starben sämtlich im Verlauf von 36 bis 48

Stunden; bei der Sektion fand man entzündliche Rötung der Labmagen- und

Dünndarmschleimhaut.

Die Frage, ob ausser dem Solanin im Kartoffelkraut und in den

Kartoffelkeimen noch ein +anderer Giftstoff+ enthalten ist, welcher

die abweichende Wirkung auf die Verdauungsschleimhaut bedingt

(+Hess+ und +Wüthrich+, +Albrecht+), erledigt sich wohl durch die

nachgewiesene saponinartige Natur des Solanins. Diese Eigenschaft

erklärt ausreichend die Verschiedenheit des Vergiftungsbildes,

so dass sich die Annahme anderer, neben dem Solanin vorhandener

Giftstoffe erübrigt. Auch die früher sehr auffallend erscheinende

+Ungiftigkeit des chemisch reinen Solanins für gesunde Versuchstiere+

wird durch die Saponinnatur des Solanins (Unschädlichkeit bei

intakter Schleimhaut) begreiflicher. Ich gab z. B. einer Versuchskuh

auf einmal 3,5 g Solaninum purum (Merck) und später 3,75 g Solaninum

hydrochloricum, ferner im Verlauf einer Woche 3,5 g Solanidin, ohne

hernach irgend welche Krankheitserscheinungen zu beobachten. Auch ein

Versuchsschaf zeigte auf je 1 g Solanin, Solaninum hydrochloricum

und Solanidin keine Reaktion. Ein kleiner 19 Pfd. schwerer

Versuchshund ertrug eine subkutane Injektion von 0,5 Solaninum

hydrochloricum (0,05 pro kg Körpergewicht) ohne jede Spur einer

Vergiftungserscheinung, desgleichen 0,5 Solanidin innerlich. 2 kleine

Kaninchen zeigten nach der subkutanen Injektion von 0,05, 0,1 und

0,25 Solaninum hydrochloricum ebenfalls ausser lokaler Abszedierung

keine Reaktion.

3. Nicht selten treten endlich =exanthematische=, an das Bild der

+Schlempemauke+ erinnernde Entzündungszustände der Haut zu den

gastrischen Störungen hinzu. So hat +Heiss+ (Wochenschr. f. Tierheilk.

1885) beim Rind einen sehr interessanten Vergiftungsfall nach der

Verfütterung von Kartoffelkraut beschrieben, dessen auffälligste

Krankheitssymptome in einer ulzerösen Stomatitis, Durchfall,

Konjunktivitis, Lidschwellung, sowie in einem +vesikulären+ und

+grindartigen Ekzem+ an den +Beinen+, in der Umgebung des +Afters+, an

der +Schwanzwurzel+, am +Euter+ und +Skrotum+, sowie am +Halsrande+

bestanden. +Möbius+ (Sächs. Jahresber. 1893) beobachtete nach der

Fütterung mit Kartoffelkraut bei 1-3jährigen Rindern steifen Gang,

schmerzhafte, blaurötliche +Anschwellungen der Fussenden+ mit

Rissbildung und Exsudation, Abtrennung des Klauensaums, +Erosionen+

und Blutungen auf der Maulschleimhaut, +Ekzeme+ am Skrotum, Rötung der

Scheidenschleimhaut sowie hohes Fieber (bis 41°). Aehnliche Fälle sind

von +Römer+ (D. T. W. 1895), +Hohenleitner+ (Wochenschr. f. Tierheilk.

1894), +Michaelis+ (B. T. W. 1895), +Model+ (Repertorium 1885) u. a.

beschrieben worden. Aehnlich wie bei der Lupinose und bei der Lecksucht

des Rindes verliert das Kartoffelkraut, welches im getrockneten

Zustande ein gutes Futtermittel darstellt, seine reizende Wirkung auf

die Haut, wenn es einmal gebrüht wird (Extraktion des Solanins!)

=Solanum nigrum.= +Dietrich+ (Preuss. Mitt. 1876) sah 3 Ziegen nach

dem Genuss des Nachtschattens unter den Erscheinungen von Tympanitis

und Verdrehen des Kopfes erkranken; eine starb nach 8 Stunden. Nach

experimentellen Untersuchungen von +Viborg+ und +Orfila+ starben

Hunde nach Verabreichung des wässerigen Auszuges von Solanum nigrum

unter den Erscheinungen der Mattigkeit, Empfindungslosigkeit

und allgemeiner Muskellähmung. +Ziegenbein+ (Berl. Arch. 1899)

berichtet, dass 18 Enten nach der Aufnahme von Nachtschatten unter

Taumeln und Lähmungserscheinungen starben. Nach +Graham-Gillam+

erkrankten 2 Schafe, welche Nachtschatten am Weg gefressen hatten.

Eines starb; das andere zeigte schwankenden Gang, Durchfall und

Pupillenerweiterung.

Vergiftung durch Taumellolch, Lolium temulentum.

=Botanisches.= Der +Taumellolch+, +Lolium temulentum+

(Schwindellolch, Schwindelhafer, Taumelhafer), gehört zu der Familie

der Gramineen und ist ein einjähriges, namentlich im Sommergetreide

vorkommendes Ackerunkraut, welches besonders auf Haferfeldern und

in nassen Jahren gedeiht. Die steifen, aufrechten Halme der ½-1 m

hohen Pflanze besitzen ca. 15 cm lange Aehren mit charakteristischen,

langen Hüllspelzen, welche die Aehrchen vollständig bedecken.

Ausserdem ist die Pflanze mikroskopisch dadurch ausgezeichnet, dass

der Spelzrand eine eigentümliche Haarbildung zeigt.

Das wirksame Prinzip des Taumellolchs ist noch nicht in reinem

Zustand dargestellt; man hat früher als solches das +Loliin+,

einen glykosidischen Bitterstoff angenommen. Von anderen wird das

+Temulin+, ein Alkaloid von der Formel C_{17}H_{19}N_{2}O als

wirksamer Bestandteil bezeichnet. Derselbe soll bei Warmblütern

rauschartige Erscheinungen bedingen (+Hofmeister+). Ausserdem

ist die Vermutung aufgestellt worden, dass der Taumellolch eine

an sich ungiftige Pflanze ist, wie zahlreiche Fütterungsversuche

(+Nestler+, +Halm+, +Hertwig+, +Spinola+) erwiesen haben, und dass er

wahrscheinlich nur an gewissen Orten und zu gewissen Zeiten, ähnlich

wie die Lupinen, vielleicht durch Vermittlung von =Befallungspilzen=

giftig wirke. Die Annahme von Pilzen als Ursache der Loliumvergiftung

wird unterstützt durch die Untersuchungen über eine ähnliche

bei Menschen und Tieren vorkommende Vergiftung, durch das sog.

+Taumelgetreide+ (Taumelroggen). Man beobachtete nämlich in Russland

und Frankreich nach dem Genuss von Roggenbrot beim Menschen Taumel

und Schläfrigkeit; ähnliche Erscheinungen zeigten sich bei Hunden,

Schweinen und Hühnern. Französische Botaniker haben in den Körnern

des sog. Taumelroggens das Myzel eines zu den Diskomyzeten gehörenden

Pilzes, Endoconidium temulentum (Phialea temulenta) nachgewiesen, von

welchem angenommen wird, dass er durch ein giftiges Enzym den Kleber

und die Stärke des Roggens zersetze. +Woronin+ (Bot. Zeitung 1891, S.

81) untersuchte das Taumelgetreide in Südussurien. Er fand folgende

+Pilzformen+, deren pathogene Wirkung noch genauer zu untersuchen

ist: Fusarium roseum, Gilberella Saubinetii, Cladosporium herbarum,

Helminthosporium, Epicoccum neglectum, Trichothecium roseum, Eurotium

herbariorum, Mikrokokken, Hymenula glumarum und Clodochytrium

graminis. Taumelgetreide findet sich nur in solchen Gegenden, die

viel unter feuchter Witterung zu leiden haben.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Taumellolchvergiftungen scheinen

früher häufiger, als heutzutage, vorgekommen zu sein. Zurzeit sind sie

ausserordentlich selten geworden, so dass die neuere Literatur nur

ganz vereinzelte Vergiftungsfälle beim +Pferd+ und +Rind+ aufweist.

Auch beim Menschen, bei welchem früher Taumellolchvergiftungen in

epidemischer Weise infolge loliumhaltigen Mehles und Brotes auftraten,

werden solche nur selten mehr beobachtet; nach +Kobert+ sind überhaupt

sichere Fälle von Vergiftung beim Menschen nicht nachgewiesen. Die

Hauptursache ist wohl in den Fortschritten der Bodenkultur und dem

Zurückdrängen des giftigen Unkrautes durch Ausrotten zu suchen.

Ausserdem hat man von jeher die Beobachtung gemacht, dass zum

Zustandekommen einer Vergiftung sehr grosse Mengen von Schwindelhafer

notwendig sind. So verfütterte +Nestler+ an 4 Pferde und an 2 Rinder

je etwa 6 Zentner Hafer mit einem Gehalt von 30 Proz. Lolchsamen,

ohne Krankheitserscheinungen zu beobachten. +Rosenkranz+ berichtet,

dass 4 Pferde monatelang mit Hafer gefüttert wurden, welcher 12 Proz.

Lolium enthielt, und dass sie ausser öfteren Schwindelanfällen nichts

Krankhaftes erkennen liessen. +Halm+ fütterte einem Pferde nach und

nach bis zu einer Metze reinen Lolchsamen, ohne charakteristische

Vergiftungserscheinungen zu beobachten. Hühner, welche innerhalb 14

Tagen 3 Pfund, Schweine, welche eine Metze Schwindelhafer auf einmal,

Schafe, welche 1½ Pfund Mehl des Schwindelhafers aufgenommen hatten,

zeigten keinerlei Vergiftungserscheinungen (+Baillet+, +Spinola+).

Die giftige Wirkung des Schwindelhafers äussert sich, wie schon der

Name sagt, in einer +narkotischen Beeinflussung+ des +Grosshirns+.

Die Krankheitserscheinungen bestehen in +Schwindelanfällen+,

+dummkollerartigem Benehmen+, +Schläfrigkeit+, +Schwanken+,

+Mattigkeit+, +Betäubung+, +Bewusstlosigkeit+, +Pupillenerweiterung+,

+allgemeiner Gefühllosigkeit+; zuweilen gesellen sich hiezu auch noch

Kolikerscheinungen und Krämpfe. Der Verlauf ist bald chronisch, bald

akut; in einzelnen Fällen wird auch ein perakuter Verlauf beobachtet,

indem die Tiere apoplektiforme Anfälle von Betäubung und allgemeiner

Lähmung zeigen. Die +Sektion+ ergibt meist einen negativen Befund;

zuweilen findet man die Erscheinungen einer leichten Gastroenteritis,

sowie einer Hyperämie des Gehirns und Rückenmarkes.

Die +Behandlung+ besteht in der Anwendung von Exzitantien. Man macht

subkutane Injektionen von Kampferspiritus, Kampferöl, Aether, Koffein,

Atropin, Veratrin, oder gibt innerlich Ammonium carbonicum. Auch kalte

Begiessungen des Kopfes, Frottieren der Haut, sowie die Anwendung von

hautreizenden Mitteln (Terpentinöl, Kampferspiritus) sind angezeigt.

=Kasuistik.= +Meyer+ (Schweizer Archiv 1831) berichtet, dass

2 Mutterpferde nach dem Verfüttern von loliumhaltigem Korn

Kolikerscheinungen, Pupillenerweiterung, unsicheren Gang, sowie

dummkollerartiges Benehmen zeigten. -- +Wiegel+, (Preuss. Mitteil.

1872) beobachtete bei einer Kuh, dass dieselbe plötzlich, wie vom

Blitz getroffen, zusammenstürzte, ohne dass Schwanken und sonstige

Krankheitserscheinungen vorausgegangen wären. Diese apoplektiformen

Anfälle wiederholten sich 3mal hintereinander, worauf sich

Empfindungslosigkeit über den ganzen Körper, Schlafsucht, sowie

Verlangsamung der Respiration einstellten. 1½ Stunden darauf erhob

sich das Tier wieder und zeigte sofort einen ganz erstaunlichen

Appetit. 4 Stunden später erfolgte ein ähnlicher, aber schwächerer

Anfall, worauf völlige Genesung eintrat. -- +Magnus+ (Preuss.

Mitteil. Bd. 3) sah unter 14 Rindern 7 nach dem Genuss von

geschrotenem Lolchsamen unter den Erscheinungen der Bewusstlosigkeit

und unter allgemeinen Krämpfen erkranken; 2 derselben starben.

-- +Knudsen+ (Dän. Monatsschr. 1889) berichtet über zwanzig

Vergiftungsfälle beim Rind, die sich durch Lähmung des Hinterteils

auszeichneten. - +Gallé+ (Veterinarius 1897) sah bei 6 hochträchtigen

Stuten Abortus; das Futter enthielt 70 Proz. Lolium temulentum.

Vergiftung durch Flachs, Linum usitatissimum.

=Botanisches.= Der +Flachs+ oder +Lein+, +Linum usitatissimum+,

wird in Deutschland vereinzelt teils als Oelpflanze (Leinöl), teils

als Faserpflanze (Flachs) kultiviert. Seine ausgepressten Samen

werden als Leinölkuchen zu Futter- und Düngerzwecken verwendet. Der

Flachs ist ein einjähriges Kraut mit meterhohem kahlem Stengel,

lanzettförmigen, drei-nervigen, 2½ cm langen Blättern und blass

azurblauen Blütendolden. Die Samen (Leinsamen) sind eiförmig,

flach, scharfrandig, ½ cm lang, mit brauner, glänzender, glatter,

dünner Schale und grünlichem Kern. Die Samenschale enthält ausser

Schleim (6%) ein amygdalinartiges Glykosid, das =Linamarin=, der

Kern fettes Oel (30%) und Eiweiss (25%). Der früher als Abführmittel

benützte +Purgierflachs+, +Linum catharticum+, ist ein 1jähriges,

15 cm hohes Pflänzchen mit einnervigen Blättern und weissen Blüten.

Der Geschmack der Pflanze ist sehr bitter. Dieselbe enthält einen

glykosidischen Bitterstoff, das =Linin=, welches namentlich nach der

Blütezeit in grossen Mengen in derselben enthalten ist und weisse,

seidenglänzende, stark bitter schmeckende, stickstofffreie, neutral

reagierende Kristalle bildet.

=Krankheitsbild.= Die in der Literatur als Flachsvergiftung

bezeichneten Krankheitsfälle sind in ätiologischer Beziehung

offenbar nicht einheitlicher Natur. Dieselben betreffen nur zum Teil

wirkliche, echte Flachsvergiftungen. Ein grösserer Teil derselben

bezieht sich vielmehr auf eine Beimengung von +Rizinusschalen+ zu den

Leinsamenkuchen (vergl. Rizinusvergiftung). Andere Fälle scheinen

+Pilzvergiftungen+ (schimmelige, ranzige Leinkuchen), einzelne Fälle

vielleicht auch Vergiftungen durch beigemengten +Ackersenf+ oder andere

Giftpflanzen gewesen zu sein.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 34 / 50 段