Versuche haben nicht viel Bestimmtes ergeben. +Pferde+ zeigten nach
1½ und 3½ Pfd. frischem, nach 180 g getrocknetem Kraut, sowie nach 1
Pfd. Blätter und 1 Pfd. Saft nichts Besonderes (+Hertwig+, +Viborg+,
+Moiroud+); +Kühe+ nach 3 Pfd. frischem und ½ Pfd. trockenem Kraut
nur Tympanitis (+Hertwig+); +Schafe+ starben nach +Leblanc+, ebenso
+Hunde+ nach 240 und 400 g ausgepressten Saftes unter Erbrechen,
Schwindel und Zittern (+Orfila+). Ein Hund starb von 10 g des Pulvers
(+Devay+ und +Guilliermond+). +Intravenös+ töteten 4 g des Krauts
im Infus ein Pferd nach 8 Minuten; 4 g des Extrakts riefen bei
einem Pferd intravenös Schwanken, Taumeln, Zusammenstürzen, Lähmung
aller Teile, insbesondere der Zunge hervor. Hunde zeigten ähnliche
Erscheinungen (+Hertwig+).
Vergiftung durch Wasserschierling (Cicuta virosa).
=Botanisches.= Der +Wasserschierling+, +Cicuta virosa+
(Giftwüterich), ist eine Sumpfpflanze mit weissem, milchendem,
von Querständen gefächertem Wurzelstock, aufrechtem, bis über 1 m
hohem Stengel, dreifach gefiederten Blättern, schmalen, spitzen,
scharf gesägten Blättchen und weissen Doldenblüten. Das Kraut
besitzt einen petersilienartigen Geschmack. Der Wasserschierling
enthält das =Zikutoxin=, eine zähflüssige, widrig schmeckende,
sehr giftige Masse, welche in der frischen Wurzel zu 0,2 Proz., in
der getrockneten zu 3,5 Proz. vorhanden ist. Ausserdem enthält die
Pflanze ein ätherisches Oel, das Zikuten, von der Formel C_{10}H_{16}.
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Zikutoxin ist ein
+Krampfgift+, welches tonisch-klonische, von den Kopf- und
Nackenmuskeln ausgehende und sich von da über den ganzen Körper,
namentlich auch auf die Atemmuskel verbreitende +Krämpfe+ erzeugt. Es
tötet Katzen in Dosen von 0,05 g pro kg Körpergewicht. Gleichzeitig
wirkt es +reizend+ und entzündungserregend auf die Schleimhaut
des Verdauungsapparates. Die Vergiftungserscheinungen bestehen in
+Speicheln+, +Erbrechen+, +Kolik+, +Tympanitis+, +epileptiformen
Anfällen+, +krampfhaften Kontraktionen der Hals- und Kopfmuskeln+,
+Schwindel+, +Taumeln+, +kollerartigem Benehmen+, +Schwäche+,
+Lähmung+, +Atmungskrämpfen+. Der Tod erfolgt meist innerhalb
24 Stunden. Bei der Sektion findet man entzündliche Rötung der
Magendarmschleimhaut, Lungenhyperämie, Gehirnhyperämie, sowie zuweilen
Gehirnödem. Die Behandlung besteht in der Verabreichung von Tannin und
je nach den Vergiftungserscheinungen in der Anwendung exzitierender
oder beruhigender Mittel.
=Kasuistik.= +Experimentelle+ Verfütterungen von Wasserschierling
an Pferde sind von +Krause+ (Magazin Bd. 3) vorgenommen worden.
500 g getrocknetes und gepulvertes Schierlingskraut erzeugten nach
2 Stunden Appetitlosigkeit und Kolik, nach 4 Stunden Tympanitis,
Betäubung, Pupillenerweiterung, Herzklopfen, nach 6 Stunden
krampfhaftes Abbeugen des Kopfes nach rechts, sowie krampfhafte,
automatenartige Bewegungen der Gliedmassen und des Unterkiefers
neben Unvermögen zu stehen, endlich nach 15 Stunden unter heftigen
allgemeinen Krämpfen Tod. Bei der Sektion fand man dunkelrote Flecke
auf der Schleimhaut des Magens, Blind- und Grimmdarms. Zwei andere
Pferde starben unter denselben Erscheinungen innerhalb 48 Stunden.
+Klinische+ Fälle sind mehrfach beschrieben worden. +Kettritz+
(Berl. Arch. 1804) sah 4 Kühe plötzlich sterben, welche am Rand
eines Teiches geweidet hatten; die Sektion ergab Magenentzündung.
2 andere zeigten Aufblähung, Eingenommenheit und Mattigkeit,
genasen aber nach 3 Tagen. +Kruckow+ (ibid. 1895) beschreibt einen
ähnlichen Fall. 6 Ochsen, welche an einem Grabenrand geweidet
hatten, verendeten im Verlauf weniger Stunden. Sie zeigten zuerst
Aufblähung, dann Schwanken und Taumeln, worauf sie unter Krämpfen
verendeten; die Sektion ergab entzündliche Rötung des Magens.
+Wermbter+ (ibid. 1896) sah 3 Kühe plötzlich erkranken und innerhalb
einer Stunde sterben, welche an einem See geweidet hatten; eine Kuh
starb gewissermassen apoplektisch. Die andern zeigten Aufblähung,
Zittern, Speicheln, Krämpfe und Zusammenstürzen. Weitere klinische
Beobachtungen von Zikutavergiftungen bei Rindern und Schweinen sind
von +Gips+ (Berl. Arch. 1892), +Höhne+ (ibid. 1887), +Hackbarth+
und +Collmann+ (Preuss. Mitt. 1883), +Damitz+ und +Oeltze+ (Magazin
1840), +Schaller+ (ibid. 1864), +Weidmann+ (Schweizer Archiv Bd. 8)
u. a. gemacht worden.
Vergiftung durch Gartenschierling (Aethusa Cynapium).
=Botanisches.= Der +Gartenschierling+, +Aethusa Cynapium+ (kleiner
Schierling, Hundspetersilie, Katzenpetersilie, Gleisse), ist eine
in Gärten, auf Aeckern, Schutthaufen, an Wegen etc. vorkommende
Umbellifere mit weissen Doldenblüten (Blütezeit Juli), rundem,
glattem, bis 1 m hohem, bläulich bereiftem, geflecktem Stengel,
2-4fach fiederteiligen, an der Unterfläche glänzenden, fast
geruchlosen, beim Reiben mit der Hand lauchartig riechenden Blättern,
halbrunden, rinnenförmigen Blattstielen, langen 3blätterigen
Blütenhüllchen (dieselben sind länger als die Döldchen), sowie
dicken, scharfkantigen, ganzrandigen Samenrippen.
=Wirkung.= Der im Gartenschierling enthaltene Giftstoff ist seiner
Natur nach nicht genauer bekannt. Es sind von verschiedenen Seiten
überhaupt Bedenken erhoben worden, ob der Gartenschierling zu den
Giftpflanzen zu zählen ist (+Dammann+, +Harley+, +Kobert+). 2 Schafe,
welchen +Dammann+ 1-2 kg Gartenschierling in frischem Zustand
fütterte, zeigten keinerlei Krankheitserscheinungen. Es ist deshalb
die Vermutung aufgestellt worden, dass der Gartenschierling bei den
angeblichen Vergiftungen mit anderen Schierlingsarten verwechselt
worden ist. Jedenfalls sind zum Zustandekommen einer Vergiftung
ausserordentlich grosse Mengen notwendig. In einem von +Wegner+
(Magazin 1868) berichteten Fall zeigten 3 Kühe, welche zusammen etwa
42 kg Gartenschierling erhalten hatten, Appetitlosigkeit, +Speicheln+,
+taumelnden Gang+, +beschleunigtes Atmen+, +Herzklopfen+, +stinkenden
Durchfall+, +Zusammenstürzen+, +Unvermögen aufzustehen+, +Zuckungen+,
+Pupillenerweiterung+, +Lähmung des Hinterteils+ und zuletzt
+vollständige Lähmung+. Eine Kuh starb nach 10tägiger Krankheitsdauer.
Die Sektion ergab entzündliche Veränderungen im Labmagen und Dünndarm,
sowie Ansammlung von Serum im Gehirn und Rückenmark. +Behme+
(Berl. Arch. 1896) sah nach der Aufnahme von Gras, welches viel
Gartenschierling enthielt, bei Kühen taumelnden Gang und Unvermögen zu
stehen; nach Ablauf einiger Stunden waren sie wieder gesund.
Nach älteren Versuchen von +Orfila+ zeigte ein Hund, welcher 200 g
ausgepressten Saft erhalten hatte, Uebelkeit, Herzklopfen, Lähmung,
Betäubung und Krämpfe. +Möbius+ (Ad. Wochenschr. 1877) berichtet über
einen Vergiftungsfall bei 2 Schweinen, welche bereits nach 2 Stunden
starben.
Blausäurevergiftung.
=Allgemeines.= Die Blausäure kommt bei verschiedenen Gattungen der
Amygdaleen (Pruneen) in Form eines Glykosides, des =Amygdalins=,
vor. Im Tierkörper spaltet sich das Amygdalin unter der Einwirkung
des Emulsins in Blausäure, CNH, Bittermandelöl, C_{7}H_{6}O,
und Zucker, 2(C_{6}H_{12}O_{6}), indem es 2 Moleküle Wasser
aufnimmt. Das Amygdalin hat demnach die Formel C_{20}H_{27}NO.
Von amygdalinhaltigen Pflanzen sind zu erwähnen: 1. +Prunus
Amygdalus+, var. amara (früher Amygdalus communis benannt), der
+Bittermandelbaum+; die bitteren Mandeln enthalten 3,3 Proz.
Amygdalin. Aus den bitteren Mandeln wird das offizinelle Aqua
Amygdalarum amararum mit einem Blausäuregehalt von 1 pro Mille
dargestellt. 2. +Prunus laurocerasus+, der +Kirschlorbeerbaum+,
ein bis 6 m hoher Strauch mit lederartigen, immergrünen, länglich
zugespitzten, scharf sägezähnigen Blättern, aus welchen früher
das Aqua Laurocerasi dargestellt wurde. Derselbe enthält das mit
dem Amygdalin verwandte =Laurocerasin=. 3. +Prunus persica+, der
+Pfirsichbaum+, dessen Kerne über 2 Proz. Amygdalin enthalten
und dessen lanzettliche, spitz gesägte, an beiden Rändern
eingerollte Blätter ebenfalls giftig sind. 4. +Prunus Padus+,
der +Traubenkirschbaum+, ein 1-10 m hoher, in Laubwäldern und an
Flussufern wachsender Baum mit krautigen, fast kahlen, sommergrünen,
zugespitzten Blättern, ebenso giftig wie die Kirschlorbeerblätter. 5.
+Prunus domesticus+, der +Pflaumen-+ oder +Zwetschgenbaum+, dessen
Fruchtkerne (Zwetschgenkerne) etwa 1 Proz. Amygdalin enthalten.
6. +Prunus Cerasus+ und +avium+, der +Kirschbaum+, mit 0,8 Proz.
Amygdalingehalt der Kirschkerne. Amygdalin findet sich ferner zu
einem halben Prozent in den Apfelkernen. Ausser den obengenannten
Amygdaleen und Pomazeen enthalten etwa 200 andere Pflanzenspezies
Blausäureglykoside, so z. B. Gymnema latifolium (Asklepiadee), Lasia
und Cyrtosperma (Aroideen), Pangium edule (Bixazee), Echinocarpus
Sigun (Tiliazee), Lucuma mammosa (Sapotazee), Phaseolus lunatus
und vulgaris (Papilionazeen), Jatropha Manihot (Euphorbiazee),
Agaricus oreades (Fungi). Sogar im Samenmehl von Linum usitatissimum
(Lein) hat man ein amygdalinartiges, blausäurehaltiges Glykosid,
das Linamarin, entdeckt. -- Im Tierreich findet sich Blausäure
im Drüsensekret der Tausendfüssler (Chilognathen), desgleichen
Zyanverbindungen (Zyan-Methyl, -Aethyl und -Amyl) im Gift der Kröten,
Tritonen und Salamander.
Während Vergiftungen durch die freiwillige Aufnahme der genannten
Pflanzen und Pflanzenteile bei den Haustieren, namentlich bei den
Schweinen, Pflanzenfressern und beim Geflügel nicht selten sind,
haben die Vergiftungen mit reiner Blausäure und deren Präparaten
bei den Haustieren nur eine experimentell-toxikologische Bedeutung.
Die +reine Blausäure+ stellt in wasserfreiem Zustand eine farblose
Flüssigkeit dar, welche in freiem Zustand nirgends in der Natur
vorkommt, sondern im Laboratorium aus Zyanquecksilber und Salzsäure
nach der Formel Hg(CN)_{2} + 2 ClH = HgCl_{2} + 2 CNH dargestellt
wird. Die zu Vergiftungszwecken benützte +wasserhaltige Blausäure+
(Prozentsatz durch Verdünnung mit Wasser beliebig zu regulieren)
wird durch Destillation von Zyankalium oder Ferrozyankalium mit
verdünnter Schwefelsäure dargestellt. Das +Zyankalium+, CNK, durch
Einleiten von Blausäure in Kalilauge dargestellt und vielfach zu
Vergiftungszwecken (Hunde, Katzen) benützt, bildet amorphe weissliche
Stücke oder Stangen, welche an der Luft zerfliessen und bei
Säurezusatz (oder mit der Salzsäure des Magens) Blausäure entwickeln.
Giftig ist ferner Zyansilber, Zyanquecksilber und Zyangold. Das
+rohe Bittermandelöl+, welches bei der Zersetzung des Amygdalins
entsteht, ist wegen seines Blausäuregehaltes (5-12 Proz.) ebenfalls
giftig. An und für sich ungiftig ist +Ferrozyankalium+, das gelbe
Blutlaugensalz, K_{4}Fe(CN)_{6}; wird dasselbe jedoch gleichzeitig
zusammen mit einer Säure eingegeben, so wirkt es giftig durch
Blausäureentwicklung. Ungiftig ist ferner +Ferridzyankalium+, das
rote Blutlaugensalz, welches im Harn angeblich als Ferrozyankalium
ausgeschieden wird.
=Krankheitsbild.= Die Blausäure ist eines der stärksten Nervengifte.
Sie bewirkt Erregung und spätere Lähmung der grossen Zentren
des verlängerten Marks, namentlich des +Atmungszentrums+ und
+vasomotorischen Zentrums+, sowie der motorischen Zentren der
Grosshirnrinde, ausserdem +Narkose+ des +Grosshirns+. Sodann ist die
Blausäure ein spezifisches +Stoffwechselgift+, indem sie den Geweben
die Fähigkeit benimmt, Sauerstoff zu binden und zu verbrauchen (+innere
Erstickung+). +0,05 g der reinen, wasserfreien Blausäure (= 1 Tropfen)
töten einen grossen Hund; 0,5-1,0 g (12-20 Tropfen) ein Pferd.+ Die
tödliche Dosis des +Zyankaliums+ für den Hund beträgt 0,25-0,5 g; für
das Pferd 5-10,0 g. Kleinere Tiere, wie Vögel, Meerschweinchen etc.,
sterben schon nach Verabreichung unwägbarer Mengen chemisch reiner
Blausäure (0,1 mg).
Die +Erscheinungen+ der Blausäurevergiftung sind verschieden je nach
der aufgenommenen Menge. +Grosse+ Dosen haben einen +blitzähnlich
schnellen+, +schlagartigen+, +apoplektiformen+ Tod zur Folge. Die Tiere
stürzen unter einem lauten Schrei oder Geheul zusammen und verenden
unter rasch zunehmender Atmungsbeschwerde, Erbrechen und tetanischen
Krämpfen innerhalb weniger Minuten infolge einer sofortigen allgemeinen
Lähmung des Nervensystems (Vergiften der Hunde). Bei +mittleren+ Dosen
lassen sich drei Stadien der Blausäurevergiftung unterscheiden:
1. Ein +dyspnoisches+ Stadium, beginnend mit +Schwindel+, +Taumeln+,
+Erbrechen+. Die +Atmung+ wird sehr +beschleunigt+ und +angestrengt+,
bei Pferden stöhnend und röchelnd. Die Tiere sind sehr unruhig und
ängstlich; die sichtbaren Schleimhäute sind hellrot gefärbt.
2. Ein +konvulsives+ Stadium, in welchem die Tiere zusammenstürzen
und in +starrkrampfähnliche Krämpfe+ (+Orthotonus+, +Opisthotonus+,
+Trismus+) und +epileptiforme Zuckungen+ verfallen. Dabei findet
unwillkürliche Kot- und Harnentleerung statt; die Atmung wird
allmählich langsamer.
3. Ein +asphyktisches+ Stadium mit schliesslichem +Aufhören+ der
+Atmungsbewegungen+, starkem +Sinken+ der +Temperatur+, +Verlangsamung
des Herzschlags+, +Anästhesie+, +Zyanose+, +Koma+ und +Tod+.
Die +Aufnahme+ der Blausäure findet von allen Körperstellen,
insbesondere auch von der unverletzten Haut aus statt. Besonders
schnell wird sie von der Trachealschleimhaut und von der Konjunktiva
resorbiert; Katzen sterben z. B ½-1 Minute nach dem Einbringen
weniger Tropfen einer 2proz. Blausäure in den Lidsack (Berliner
Vergiftungsmethode). Die +Ausscheidung+ der Blausäure erfolgt im
unzersetzten Zustand namentlich durch die Lunge und die Haut.
=Sektionsbefund.= In den akut verlaufenden Fällen findet man das
+Blut+ oft +auffallend hellrot+, ein für die Blausäurevergiftung
sehr charakteristischer, durch die Bildung von +Zyan-Methämoglobin+
bedingter Befund. Bei längerer Dauer der Vergiftung hat das Blut eine
dunkel schwarzbraune Farbe. Das Blut ist ferner arm an Gerinnseln. Im
übrigen findet man die Erscheinungen der Suffokation. Von Wichtigkeit
für den Nachweis der Blausäurevergiftung ist der +Geruch+ der inneren
Körperorgane nach +bitteren Mandeln+.
=Behandlung.= Neben der Verabreichung von +Brechmitteln+ hat man
als chemisches Gegengift die Anwendung von +Eisenoxydhydrat+ mit
Magnesia (Antidotum Arsenici) empfohlen, um die Bildung des ungiftigen
Eisenzyanürsalzes herbeizuführen. Ferner werden als chemische Antidote
+Wasserstoffsuperoxyd+, H_{2}O_{2}, +Kalium permanganicum+, KMnO_{4}
(0,5proz.) und +Kobaltnitrat+ empfohlen, sauerstoffreiche Körper,
welche die Blausäure zu ungiftigen Verbindungen (Zyansäure und Oxamid)
oxydieren. Wegen des rapiden Verlaufs der Blausäurevergiftung bleibt
jedoch nur eine +symptomatische+ Behandlung übrig. Gegen die Lähmung
des Atmungszentrums hat man insbesondere das +Atropin+ angewandt. Von
anderen +Reizmitteln+ sind Aether, Alkohol, Kampfer, Koffein, Veratrin,
Strychnin, kalte Begiessungen, elektrische Reizung der Nervi phrenici
im Gebrauch. Auch der Aderlass wird befürwortet.
=Nachweis.= Der Nachweis der Blausäure muss möglichst schnell nach
dem Tode vorgenommen werden, weil die Blausäure sich im Kadaver bald
zu Ammoniak und Ameisensäure zersetzt. Die Blausäure wird behufs
Nachweis zunächst +überdestilliert+; die zu destillierende Flüssigkeit
muss vorher schwach sauer gemacht werden, am besten durch Weinsäure.
Die Temperatur beim Ueberdestillieren soll 100° C. nicht wesentlich
übersteigen (Zersetzung der Blausäure). Die +zuerst+ übergegangenen 2-3
ccm des Destillates werden zunächst für sich allein untersucht, weil
sie meistens den grössten Gehalt an Blausäure besitzen; dann werden
weitere 2-3 ccm untersucht etc. Meist lässt sich die Blausäure schon
durch den Geruch (+Bittermandelgeruch+) des Destillates nachweisen.
Im Destillat, welches man in mehrere Teile teilt, wird die Blausäure
durch Zusatz gewisser Stoffe in die nachfolgenden charakteristisch
gefärbten Verbindungen übergeführt: 1. In +Berlinerblau+ durch Zusatz
von +Eisenvitriollösung+ und +Kalilauge+, Erhitzen bis zum Sieden,
Filtrieren, Ansäuern des Filtrates mit +Salzsäure+ und Beimengung eines
Tropfens verdünnter +Eisenchloridlösung+. Einfacher kann die Reaktion
in der Weise vorgenommen werden, dass man das Destillat mit einer
Lösung eines +Eisenoxyd-Oxydulsalzes+ und dann mit Kalilauge bis zur
deutlichen alkalischen Reaktion versetzt, schüttelt und Salzsäure bis
zur sauren Reaktion hinzufügt. 2. In +blutrotes Rhodaneisen+ verwandelt
man die Blausäure, indem man eine zweite Probe des Destillats mit
einigen Tropfen +Schwefelammonium+ im Wasserbade verdunstet, den
Rückstand in wenig Wasser löst, mit 1-2 Tropfen Salzsäure ansäuert
und einen Tropfen +Eisenchloridlösung+ hinzufügt; es bildet sich
Rhodaneisen = Ferridthiozyanat Fe_{2}(SCN)_{6}. Diese Reaktion ist
sehr empfindlich, sie gelingt noch bei einer Verdünnung der Blausäure
von 1 : 4 Millionen. (Aber Vorsicht wegen des Rhodangehaltes des
Speichels.) 3. In +blauviolettes Nitroprussidkalium+ führt man
die Blausäure über durch Versetzen des Destillates mit wenigen
Tropfen einer Lösung von +Kaliumnitrat+, ferner mit 2-4 Tropfen
+Eisenchloridlösung+ und sodann mit soviel verdünnter Schwefelsäure,
dass die braune Farbe eben gelb wird, worauf erwärmt, abgekühlt,
das überschüssige Eisen mit etwas Ammoniak gefällt, filtriert und
das Filtrat mit wenig +Schwefelammonium+ zusammengebracht wird. Es
bildet sich Nitroprussidkalium, K_{2}Fe(NO)CN_{5} mit prachtvoll
violetter oder blauer Farbe. 4. Mit +Guayaktinktur+ (3 Proz.) und
einigen Tropfen 1⁰⁰/₀₀iger Kupfervitriollösung versetzt, färben sich
Lösungen von Blausäure beim Umschütteln +blau+. Diese empfindlichste
aller Blausäurereaktionen wird jedoch auch z. B. durch Ammoniak
hervorgerufen, sie bedarf aber im positiven Falle einer Kontrollprobe,
während sie im negativen Falle die Abwesenheit der Blausäure sicher
beweist. 5. Mit +Pikrinsäure+ oder +Pikrinsalpetersäure+ (einige
Tropfen einer wässerigen Lösung) und etwas +Aetzkali+ versetzt, färbt
sich Blausäure beim Erwärmen auf 50-60° +blutrot+.
+Quantitativ+ wird die Blausäure als +Zyansilber+ bestimmt. Die
überdestillierte Blausäure wird zum Zwecke der Entfernung von etwaiger
Salzsäure oder Borax rektifiziert, das Destillat mit Salpetersäure
angesäuert und die darin enthaltende Blausäure durch +salpetersaures
Silber+ als Zyansilber ausgefällt, der Niederschlag auf gewogenem
Filter filtriert, ausgewaschen, bei 110° getrocknet und gewogen. 100
Teile des Niederschlags (Zyansilber) sind = 20 Teile wasserfreie
Blausäure = 48,66 Zyankalium. (Ein Teil der Blausäure wird indessen
beim Destillieren zersetzt!)
=Kasuistik.= +Bittere Mandeln.+ Ein Pferd zeigte nach 250 g bitterer
Mandeln Pulsbeschleunigung, Flankenschlagen, Stöhnen und öfteren
Kotabsatz, war jedoch nach ½ Stunde wieder genesen (+Viborg+). -- Ein
kleiner Hund starb nach 6 g bitteren Mandeln unter den Erscheinungen
von Schwindel und Schwäche nach 6 Stunden (+Orfila+). -- Ein Schwein
zeigte nach mehrtägiger Verabreichung von 20-25 g bitterer Mandeln
Zittern und Unruhe, erholte sich aber immer wieder (+Gerlach+,
Gerichtl. Tierheilkunde). -- Eine Katze starb nach 4 g. Mehrere Gänse
zeigten nach dem Genuss der bitteren Mandeln Zittern, Lähmung und
grosse Beängstigung (+Schwarz+, Ad. Woch. 1861). -- Mandeltorte soll
namentlich für Papageien ein giftiger Leckerbissen sein (+Gerlach+).
-- Ein Papagei starb nach dem Genuss von bitteren Mandeln, indem er
von der Stange fiel und zitterte (+von Rátz+, Monatsh. f. prakt.
Tierhlkde. 1892).
+Zwetschgenkerne.+ Vier Schweine starben plötzlich nach dem Genuss
derselben. Bei der Sektion fand man das Blut kirschrot und die
Magenschleimhaut stark gerötet und geschwollen (+Perdan+, Oesterr.
Vereinsmonatsschr. 1884). -- Eine Schafherde war in einen Garten
getrieben worden, in dem sehr viele abgefallene Zwetschgen lagen.
Viele Schafe erkrankten nach der Aufnahme derselben, 4 starben. Die
Tiere zeigten Taumeln, Umfallen, Pupillenerweiterung und schnaubende
Atmung; im Magen fanden sich viele zerbissene Zwetschgenkerne,
ausserdem eine blutige Entzündung. Das Blut war hellrot; das Fleisch
roch scharf nach bitteren Mandeln (+Bernhard+, Preuss. Vet. Ber. pro
1906).
+Kirschlorbeerblätter.+ Von 25 Schafen, welche die Blätter gefressen
hatten, starben 5 (+van Damm+). Einen weiteren Fall hat +Bartholeyns+
(Bullet. Belg. 1886) veröffentlicht.
+Pfirsichblätter.+ Drei Ziegen starben nach dem Genuss derselben
unter Atembeschwerden, Lähmungserscheinungen und Konvulsionen
(+Imthurn+, Tierarzt 1834).
+Traubenkirschblätter.+ Zwei Kühe erkrankten nach dem Genuss
derselben; eine starb. Bei der Sektion wurden rote Flecke im Labmagen
und Darm vorgefunden (+Noll+). -- Nach der Aufnahme von Laub der
Traubenkirsche lagen einige Rinder ¼ Stunde in Ohnmacht (+Juell+,
Nord. Zeitschr. 1889).
+Kirschkerne.+ Zwei Schweine erkrankten unter Schwanken,
Konvulsionen, Atembeschwerden, Herzklopfen (+Frey+, Magazin Bd. 15).
+Zyankalium.+ Ein 1jähriges Fohlen starb nach der intrathorakalen
Injektion von 25 g Zyankalium nach 6 Stunden (+Röder+, Sächs.
Jahresber. 1893).
+Blausäurehaltige Bohnen.+ Ueber eine Massenvergiftung von Pferden,
Rindern und Schweinen durch fremdländische Bohnen, sog. Javabohnen,
haben +Dammann+ und +Behrens+ (D. T. W. 1906) berichtet. Die Bohnen
stammten von +Phaseolus lunatus+ und +vulgaris+, +Dolichos+ und
+Cajanus indicus+, und erwiesen sich blausäurehaltig (0,1-1,5 pro
Mille), sowie für obige Tiere giftig. Das mit Wasser angerührte
Bohnenschrot entwickelte einen eigenartigen Geruch. ¼ kg des Schrots
verursachten bei einem Schaf sofort starke Atembeschleunigung,
Brechbewegungen, Zuckungen, Koma und Tod; das Blut zeigte eine
hellrote Farbe, der Panseninhalt roch deutlich nach Blausäure.
Eine Kuh zeigte 2 Stunden nach der Aufnahme von ¾ kg Bohnenschrot
beschleunigte Atmung, maximale Pupillenerweiterung, Zucken, sowie
Sinken der Körpertemperatur; nach dem Tod erschien das Blut hellrot.
-- In der Revue vétér. alger. et tunis. 1908 wird darauf hingewiesen,
dass viele importierte Körnerfrüchte Blausäure enthalten und zum
Nachweis der letzteren folgende einfache Methode empfohlen: Weisses
Filtrierpapier wird mit 1proz. Pikrinsäurelösung getränkt und
getrocknet. Hierauf wird es in eine Lösung von Soda (1 : 10) gebracht
und wieder getrocknet. Bringt man dieses Reagenzpapier in ein gut
verschlossenes Reagenzglas, an dessen Boden sich die betreffenden
Pflanzenteile in feuchtem, mazeriertem Zustand befinden, so färbt es
sich schon bei ganz minimalen Blausäuremengen rot.
Vergiftung durch Kartoffelkeime und Kartoffelkraut (Solaninvergiftung).